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Der Krieg im Westen cover

Der Krieg im Westen

Chapter 27: Die Gräben bei La Bassée
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About This Book

The author offers a sequence of vivid frontline reports from the Western Front that combine battlefield description, tactical sketches, and human observation. Scenes range from artillery duels, trench and underground fighting, and aerial operations to close portrayals of wounded, prisoners, and soldiers' daily routines. Recurrent contrasts between springtime countryside and scarred battlefields emphasize nature's indifference and recovery amid destruction. Short dispatches examine specific engagements, regiment actions, and the atmosphere around hospitals, rail stations, and villages, balancing military detail with reflections on endurance, civilian life under occupation, and the physical and moral toll of industrialized warfare.

Die Gräben bei La Bassée

Im August

Der Kommandeur ist frühzeitig aufgestanden. Fix und fertig angekleidet kommt er aus seinem Unterstand geklettert. Sein Gesicht ist gerötet von der Frische des Morgens. Ein kleiner, rührender Friedhof mit Kreuzen auf den Gräbern und Blumen, Granattrichter und ein Haufe zusammengestürzten Mauerwerks, das ist seine Aussicht. Das Regiment liegt hier seit Monaten, aber der Kommandeur sieht aus, als sei er auf weitere Monate eingestellt. Er ist in seinem Dachsbau zu Hause, und was die Aussicht anbetrifft, so ist ihm das vollkommen gleichgültig.

Er telephoniert seinen Offizieren, daß sie uns einen Führer durch den Annäherungsgraben entgegenschicken sollen, damit wir uns nicht verirren, und wir steigen in den Graben.

„Fünf Uhr dreißig Minuten werden unsere 21er die neuen englischen Gräben eindecken. Seien Sie bis dahin zurück, denn es ist wahrscheinlich, daß er antwortet. Alles Gute!“

Wir trollen zwischen den Lehmwänden und Sandsäcken dahin. Eine Viertelstunde sind wir unterwegs, Geschütze pochen, da pfeift und saust es in der Luft, ein sonderbares und nicht zu verkennendes Pfeifen. Wir ducken uns zusammen. Mit einem höllischen Sang, böse zischend, fährt die Granate über unsere Köpfe weg. Kaum ist sie vorüber, kommt die zweite angefegt, in der nächsten Sekunde die dritte und dahinter die vierte. In einem Höllentempo jagen sie dahin, eins, zwei, als wollten sie einander einholen. Im Bruchteil einer Sekunde sind sie vorüber, man sieht sie nicht, aber in meiner Vorstellung haben sie die Gestalt von Schlangen angenommen, von höllischen Vipern, die langgestreckt zischend durch die Luft fahren. Die Einschläge klingen nahezu wie ein einziger Krach, als würden ein paar schwere Eisentüren fast gleichzeitig ins Schloß geschmettert.

So! Aber wir haben uns kaum von dem Schrecken erholt, als die zweite Lage pfeifend und fauchend angefegt kommt und uns über die Köpfe zischt. Eins, zwei, drei, vier und Schluß. Das war die Begrüßung.

„Es sind Flachbahngeschosse,“ sagt der Hauptmann, „sie zischen so blödsinnig!“

In den Gräben ist man schon munter. Die Gewehre peitschen, und die Spitzkugeln fahren summend und singend über uns dahin. Die Engländer haben die Morgenarbeit aufgenommen und knallen, um vollends wach zu werden. Sie passen verflucht auf. Sobald man die Mütze über die Sandsäcke streckt, kommt eine Kugel herüber. Draußen ist nichts zu sehen: Drahtverhaue, eine verwilderte Wiese, ein Erdwall, hinter dem es sich zuweilen bewegt. Das ist alles.

Unsere Grauen sind auf dem Posten. Die runde Mütze in die Stirn gedrückt, stehen sie und lugen durch Schießscharten und Spiegelapparate. Sie rücken die Gewehre, tasten hin und her, setzen ab, zielen von neuem. Plötzlich erstarrt das Gesicht auf eine Sekunde: Schuß! Sie spaßen nicht, o nein, sie nehmen es verdammt ernst und gewissenhaft. Sie sind ganz bei der Sache. Alle paar Schritte steht ein Grauer und lauert.

So stehen sie von der Nordsee angefangen bis hinunter zur Schweiz. So stehen Hunderttausende, Tag und Nacht, seit zehn Monaten, jetzt und in dieser Sekunde. So stehen sie, bis die tausendste Kugel kommt und sie in den Graben wirft. Wer sie gesehen hat, die Treuen, muß immer an sie denken: wie sie stehen, lauern, zielen, feuern, unermüdlich.

Eine unheimliche Spannung herrscht zwischen den beiden Labyrinthen der Gräben. Wie zwischen zwei Gewitterwolken. Sie verdichtet sich, die Kugel blitzt hinüber, herüber.

Die andern frühstücken. Sie trinken Kaffee aus Blechbüchsen, streichen sich Butterbrote, schneiden Fleisch aus den Dosen. Über ihren Köpfen die Ballen von Sandsäcken, die Maschinengewehre, das Gespinst der raschen Kugeln. Andre liegen in ihren kleinen Nischen, die schmutzigen Stiefel unter den Mantel gezogen, und schnarchen. Sie liegen schlafend mitten im Graben, und man muß über sie hinwegklettern. Sind sie tot, leben sie? Man kann es nicht sagen.

Ein Teil der Gräben ist zusammengetrommelt und wird instand gesetzt. Die Sandsäcke sind durcheinandergeschleudert, aufgeschlitzt und gelb von den Schwefelgranaten, die der Engländer feuert. Ich greife rasch nach einer Zigarette. Hier stinkt es grauenvoll! Der unsagbare Gestank wirft mich nahezu um. Schon beim Gedanken an diesen Gestank wird mir übel. Es ist der penetrante Geruch von Raubtieren, verhundertfacht, vermischt mit allerlei Unsagbarem und Scheußlichem, es ist die Pest, es ist der verwesende Mensch. Die Engländer faulen hier!

Arme Schufte, für ein paar Schillinge die Woche –. French jagte sie hier in den Tod.

Der Engländer schont seine Regimenter. Er spart Soldaten. Gott weiß, ob er sie nicht einmal gut gebrauchen kann, so gegen den Schluß zu, wenn der Partner genug hat? Dann ist es immer eine herrliche Sache, ein paar frische und nagelneue Divisionen an der Hand zu haben, die im Hintergrund in Paradestellung verharren, während man mit dem Partner in aller Höflichkeit über die Bedingungen verhandelt. Aber von Zeit zu Zeit ist es unbedingt notwendig, so zu tun, als mache man ernsthaft mit. Dann opfert French ein paar Regimenter, um den Franzosen seine Verlustlisten unter die Nase halten zu können. In erster Linie gibt er den Kanadiern, Irländern und Indern Gelegenheit, Beweise ihrer Loyalität zu geben. Siehe Ypern, Neuve Chapelle. Wird es Ernst, so zieht er gern seine englischen Regimenter aus den Gräben und wirft Überseeische und Farbige nach vorn. Man muß zugeben, er versteht seine Sache! Aber sie allein können ja nicht alle schwere Arbeit verrichten, das ist natürlich.

Als die Franzosen sich bei Arras und Souchez verbluteten, konnte er nicht ganz müßig bleiben. Es galt Truppen und Artillerie abzuziehen. Er entschloß sich, anzugreifen, und es muß gesagt werden, er meinte es diesmal bitter ernst! Trommelfeuer, Angriff auf Angriff. Erbitterte Grabenkämpfe. Die Toten liegen in Haufen vor unsern Drähten. Unsere Grauen wanken und weichen nicht.

Gegen die Gräben, durch die ich mich jetzt winde, gegen die sogenannte Trichterstellung, warf er drei Divisionen. Er faßt Fuß, aber eine Stunde später fliegt er wieder hinaus. Der Angriff war furchtbar, er wurde trotz der Übermacht abgewiesen. So geht es nicht.

Er versucht es von neuem. Er versucht es ohne Artillerievorbereitung. Er will uns überraschen. Seine Sturmkolonnen fluten heran. Aber die Grauen sind auf dem Posten! Innerhalb von 30 Sekunden (dreißig Sekunden) legt unsere Artillerie einen Feuerriegel vor die Gräben, daß den Engländern Hören und Sehen vergeht. Sie müssen zurück, ungeheuer sind ihre Verluste.

Es ging auch so nicht. Nicht einen Meter haben sie gewonnen.

Sie haben genug, sie haben den Franzosen gezeigt, daß sie es ernst meinten – aber es ging nicht. Sie geben es auf. Aber sie werden die Gräben von Givenchy und Festubert nicht vergessen. –

Nun liegen sie in den Massengräbern, die unsere Grauen schaufelten, und verwesen. Hier sind einige Wassertümpel voll einer gelben dicken Jauche, und auch diese Tümpel strömen denselben furchtbaren Gestank aus. Niemand wagt zu denken, wie es da unten aussieht! – Unsere Grauen aber frühstücken, schneiden Fleisch aus den Büchsen und schmieren sich dicke Butterbrote. An alles gewöhnt sich der Mensch.

Wir überschreiten auf einer Planke die gelbe Tümpelkette. Hier gibt es keine Deckung, und so rasch es geht huschen wir hinüber. Einer hinter dem andern. Aber die Schufte haben uns doch gesehen. Ein paar Minuten sind wir in der Sappe unterwegs, da weint es in der Luft und die Granate schlägt krachend ein. Wir machen uns aus dem Staub. Granate um Granate segelt daher. Vorsichtig lugen wir aus dem Graben und sehen die Einschläge rauchen. Weitab! Aber plötzlich kommen sie wieder näher und schließlich müssen wir die Beine strecken. –

Punkt fünf Uhr dreißig Minuten, auf die Sekunde, nehmen die 21er das Feuer auf. Die Granate winselt hoch über uns durch die Luft. Drei Sekunden Stille, dann ein Krachen, als stürze ein Haus aus Eisen zusammen. Der Boden bebt unter unsern Füßen. Schon kommt die nächste Granate angeweint. Sie braucht eine unendlich lange Zeit, bis sie ihre Bahn durchfegt. Einschlag auf Einschlag! Es ist wie ein schweres Gewitter mit harten Donnerschlägen. Der Engländer antwortet. Er sucht aufgeregt und wütend unsere Haubitzen. Geradeaus, am Horizont, stehen die Rauchfahnen seiner Granaten, schwarz und schiefergrau.

Wir sitzen im Bataillonsunterstand und trinken Kaffee. Die Granaten weinen über uns hin. Die schweren Geschütze erschüttern die Luft mit ihrem Gebrumm.

„Fragen Sie telephonisch an, wie es steht.“

Das Telephon tutet. Von den Gräben kommt die Antwort zurück: „Der Erfolg ist überraschend günstig.“

Es ist ein Morgen wie jeder andere. Ein Duell zwischen ein paar Batterien, nichts sonst. Die Berichte bringen nicht eine Silbe darüber.