»Was wollen Sie, und wer hat Ihnen erlaubt, hier einzutreten?« rief ihm der Graf finster entgegen.
»Bitte tausendmal um Entschuldigung, Herr Rittmeister,« sagte der Bursche, den Blick dabei aber auf den Fremden geheftet, »ich habe zweimal geklopft und konnte Ihren Karl nirgends draußen finden.«
»Warten Sie dann draußen, bis er kommt oder bis ich Zeit habe,« lautete die eben nicht freundliche Antwort, und der Bursche verschwand mit einer tiefen Verbeugung, wie er gekommen.
Der Rittmeister hielt den Blick auf die Tür geheftet, aber er hörte keinen Schritt. Der Bediente stand jedenfalls noch vor der Türe und horchte. Madame Bertrand hatte aber indessen wieder mit großer Geschicklichkeit, den benachbarten Spiegel benutzend, den kleinen Schnurrbart befestigt. Dann sich gegen den jungen Mann tief verneigend, aber doch wieder mit dem vorigen Spott auf den Lippen, sagte sie laut, indes mit weit tieferer, als ihrer natürlichen Stimme: »Herr Graf von Geyerstein, ich habe die Ehre, mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen.«
»Bleiben Sie noch,« bat der Graf sie leise, »lassen Sie mich erst den Horcher entfernen.« Dabei öffnete er rasch die Türe – der fremde Bediente stand aber nicht, wie er erwartet hatte, davor, sondern war verschwunden, und nur die draußen angelehnte und nicht wieder ins Schloß gedrückte Vorsaaltüre zeigte, daß er sich entfernt hatte.
»Die Bahn ist frei,« sagte Georgine mit ihrer natürlichen Stimme. Sich leicht gegen den Grafen verneigend, verließ sie rasch und jede weitere Begleitung zurückweisend, das Zimmer, und gleich darauf das Haus, warf sich in eine Droschke und fuhr ihrer eigenen Wohnung zu. Graf von Geyerstein aber schritt mit untergeschlagenen Armen und gesenktem Haupte rasch in seinem Zimmer auf und ab, ungeduldig dann und wann nach der Türe horchend, bis draußen die Vorsaaltüre aufs neue geöffnet wurde und Karl gleich darauf im Zimmer seines Herrn erschien.
»Herr Rittmeister,« berichtete er hier in militärischer, das heißt sehr steifer Haltung, »ein Bedienter Seiner Exzellenz des Herrn Kriegsministers von Ralphen wünscht...«
»Wo bist du die Zeit über gewesen?« unterbrach ihn sein Herr.
»Im Stalle unten, zu Befehl, Herr Rittmeister.«
»Laß den Burschen hereinkommen.«
Karl machte rechtsum kehrt, und gleich darauf erschien die graue Livree wieder auf der Schwelle.
»Herr Graf,« sagte der Diener mit einer tiefen Verbeugung, »Se. Exzellenz lassen mit besten Empfehlungen morgen abend um acht Uhr um die Ehre bitten.«
Der Rittmeister antwortete ihm nicht; er sah den Burschen, dessen Erröten ihm nicht entgehen konnte, forschend an und dann wieder schweigend vor sich nieder. Endlich sagte er kalt: »Es ist gut – meine Empfehlung an Seine Exzellenz; ich werde zur bestimmten Zeit erscheinen.«
»Wer war denn der junge Herr, der vorhin bei deinem Herrn Besuch gemacht hat?« sagte der mit der grauen Livree, als er neben Karl über den Vorsaal der Treppe zuschritt.
»Weiß ich nicht,« antwortete, ziemlich kurz angebunden, Karl, »geht mich auch nichts an.«
»Der kommt wohl oft hierher?« fragte der Graue, dadurch nicht im mindesten eingeschüchtert.
»Das weiß ich auch nicht und geht dich wieder nichts an,« meinte aber Karl, »guten Morgen!« und öffnete dem Grauen die Tür.
»Grobian!« murmelte dieser, als er langsam die Treppe hinunterstieg, um die übrigen Einladungen auszuführen.
7.
Die Salons Seiner Exzellenz des Kriegsministers von Ralphen waren festlich erleuchtet, und eine kleine, aber ausgewählte Gesellschaft wurde erwartet. Es war dreiviertel auf Acht, und die Wirtin revidierte, schon in voller Toilette, noch einmal selber die befohlenen Anordnungen, während geschäftige Diener hin und wieder flogen, neu bestimmte auszuführen. Auf den beiden Spieltischen hatte man noch die Whistmarken vergessen, und der eine Bediente war hinauf zu Seiner Exzellenz gesandt worden, sie von dessen Kammerdiener herbeizuschaffen. Aber er hielt sich länger unterwegs auf, als eigentlich nötig gewesen wäre, denn er traf auf der Treppe Annette, Komtesse Melanies Zofe – allerdings in eben solcher Eile wie er selber.
»Lassen Sie mich los, Herr Franz,« sagte das junge Mädchen, indem sie einen, wenn auch schwachen Versuch machte, die Hände des galanten Lakaien von ihrer Taille zu entfernen, »das gnädige Fräulein wartet auf mich, und wenn ich so lange ausbleibe...«
»Nur einen einzigen Kuß, teuerste Annette!« bat Herr Franz in jugendlicher Kühnheit, und, vom Augenblick außerdem gedrängt, gleich zur Sache kommend.
»Sie sind nicht gescheit,« sagte Annette erzürnt, »und hier, auf der Treppe!«
»Nur einen einzigen!«
»Lassen Sie mich los – ich will nicht – wahrhaftig, ich schreie!«
»Und wenn ich nun eine höchst merkwürdige und interessante Neuigkeit für Sie hätte?« sagte Herr Franz, in dem Gefühl, daß ein Dienst des anderen wert sei, ohne jedoch ihrer Drohung nachzugeben.
»Ja – Ihre Neuigkeiten kenn' ich!« rief die Schöne, »sie hat wahrscheinlich schon in der Zeitung gestanden – lassen Sie mich los!«
»Selbst erlebt – gestern morgen – bei Graf Geyerstein,« beharrte Herr Franz. »Wenn sie nicht zehn Küsse wert ist, sollen Sie mich nie wieder ansehen.«
»Und die wäre?« fragte neugierig gemacht, die Kammerzofe, »hat er seinen Karl fortgeschickt? Mein Himmel, da klingelt die Komtesse schon – lassen Sie mich los!«
»Erst den Kuß!«
»Sie sind ein unverschämter Mensch – und Ihre Neuigkeit – so lassen Sie mich doch nur los!«
»Und bekomme ich dann den Kuß – einen jetzt und einen anderen später...«
»Gleich zwei? – ich schreie wahrhaftig – ich kann nicht länger warten!«
»Schön – Graf von Geyerstein hat gestern morgen verkleideten Damenbesuch gehabt – ist das zwei Küsse wert?«
»Nicht einen halben, wenn ich nicht weiß, wen!«
»Madame Bertrand.«
»Die Kunstreiterin?« rief Annette schnell; »es ist nicht wahr.«
»Auf meine Ehre – in Männerkleidung. – Oben im Zimmer hatte sie ihr glattes Gesicht, und als sie unten aus dem Hause trat, einen Schnurrbart. Sie kam mir gleich bekannt vor, aber ich konnte mich doch nicht recht besinnen, wo ich das hübsche Gesicht schon gesehen hatte, merkte mir aber die Nummer der Droschke, in die sie stieg, und als ich heute nachmittag dieselbe Droschke wiederfand, nannte mir der Kutscher auf meine Frage ohne weiteres das Haus, wohin er den jungen Herrn gefahren.«
»Und das war?«
»Die Rose, wo die Kunstreiter wohnen.«
»Meine Güte! die Komtesse reißt die Klingelschnur ab!« rief in diesem Augenblick Annette, erschreckt zusammenfahrend. Unten klingelte es in der Tat heftig, und sie wollte sich von Franz freimachen. Ohne den versprochenen Lohn kam sie aber nicht davon, Herr Franz nahm sie im Nu beim Kopf, und: »Sie böser Mensch!« sagte die Schöne, als sie sich endlich glücklich von ihm befreit, und, ihre Frisur wieder in Ordnung bringend, die Treppe, so rasch sie konnte, hinabeilte. Herr Franz aber blieb noch eine Weile dort, wo sie ihn verlassen, stehen und schaute ihr, sich vergnügt dabei die Hände reibend, nach, bis sie im Gange unten verschwunden war. Dann stieg er selber, langsam und behaglich, die Stufen hinauf, den ihm gegebenen Auftrag nach seiner Bequemlichkeit auszuführen.
Es schlug acht; einzelne Equipagen fuhren vor; die Familie des Kriegsministers war unten im Salon versammelt, die nach und nach eintreffenden Gäste zu empfangen, und die Dienerschaft kam herbei, um den Tee, den die alte Exzellenz eigenhändig bereitete, herumzureichen. Komtesse Melanie stand neben ihrer Mutter und unterhielt sich mit dem eben eingetretenen Grafen Selikoff; aber sie sah bleich und angegriffen aus, und nur einmal färbte ein leichtes Rot ihre Wangen, als ihr Blick, neben dem jungen Manne hinstreifend, auf den eintretenden Grafen Geyerstein traf. Aber es schwand, so rasch wie es gekommen, und kalt und förmlich dankte sie der Verbeugung des sonst so willkommenen, ja oft heimlich ersehnten Gastes.
Dem jungen Grafen konnte diese Veränderung in dem Benehmen des ganzen Wesen Melanies nicht entgehen, aber die Gesellschaft selber gestattete ihm auch nicht, sie darum zu befragen. Der alte, freundliche Herr von Ralphen, der dem gern gesehenen jungen Manne so herzlich entgegentrat wie früher, nahm ihn vor allen Dingen in Beschlag, um ihn mit einigen anderen fremden Offizieren bekannt zu machen, und er kam nicht eher wieder von ihm los, als bis der alte Herr seine Aufmerksamkeit auf die zu arrangierenden Spieltische wenden mußte. Graf Geyerstein selber spielte nicht und hatte dadurch die beste Entschuldigung, sich von ihm zurückzuziehen. Ehe er aber seinen Vorsatz, Melanie unter jeder Bedingung anzureden, zur Ausführung bringen konnte, lief er Ihrer Exzellenz, der Frau von Ralphen, in den Weg, die freundlich ihre ringbedeckte Hand auf seinen Arm legte.
»Aber, lieber Geyerstein, wo in aller Welt haben Sie nur die ganze Woche gesteckt? Man sieht Sie ja gar nicht mehr und muß Sie ordentlich mit Gewalt herbeiziehen, wenn man Sie wirklich einmal haben will.«
»Exzellenz sind zu gnädig, mich glauben zu machen, daß Sie mich vermißt haben,« sagte der junge Mann leicht errötend. »Sie mögen aber selber beurteilen, wie streng in dieser Woche unser Dienst gewesen sein muß, da ich genötigt war, die liebsten Menschen zu meiden.«
»Aber abends hätten Sie doch gewiß einmal Zeit gehabt. Sogar aus der gewöhnlichen Vorlesung sind Sie uns neulich weggeblieben, und Graf Selikoff hat an Ihrer Stelle lesen müssen, denn unsere Racine durften wir doch nicht im Stiche lassen.«
»Es würde mir unendlich leid tun, wenn ich die Ursache einer Störung gewesen wäre.«
»Das ist das wenigste – darüber beruhigen Sie sich. Rosalie hat Sie aber am meisten vermißt, denn sie brennt vor Begierde, Ihnen ihre neuen Zeichnungen vorzulegen.«
»Darf ich sie holen, Mama?« flüsterte ihr die junge Komtesse, die neben sie getreten war, rasch ins Ohr.
»Jetzt nicht, mein Kind,« lächelte die Exzellenz, »der Herr Graf hat jetzt mehr zu tun, als sich mit deinen Kunstprodukten abzugeben – aber, Fräulein,« unterbrach sie sich plötzlich, mit einem strengen Blick nach einer jungen Dame hinübersehend, die unfern von ihnen, den Blick fest auf die Gruppe geheftet, stand, »Sie vergessen Ihr Amt – dürfte ich Sie bitten darauf zu achten, daß die Herrschaften Tee bekommen?« Und mit einer heimlichen, nicht ganz leidenschaftslosen Bewegung deutete sie dabei auf den Rittmeister, der sich indes zu Rosalien gewandt hatte und mit freundlichem Gruß zu dem jungen Mädchen sagte: »Lassen Sie sich nicht abschrecken, Komtesse, bringen Sie mir getrost ihre Studien. Die Gesellschaft soll mich nicht abhalten, mich recht herzlich über Ihre Fortschritte zu freuen.«
»Das ist sehr freundlich von Ihnen, lieber Graf,« sagte das junge Mädchen, dessen Antlitz hohes Rot überflog und ihre lebendigen Augen noch viel lieblicher erhellte, »ich werde Sie auch nicht lange plagen, ich habe mich aber so darauf gefreut,« und mit leichten Schritten huschte sie durch den Salon, dem nächsten Ausgange zu, um die Blätter selber schnell herbeizuholen.
Die Exzellenz hörte diese kleine Unterredung nicht, denn ihr Blick haftete noch, und zwar lange nicht mit der Freundlichkeit, mit der sie vorher den Rittmeister angeredet, auf der jungen Dame, die schon bei ihren ersten mahnenden Worten tief errötend zusammengefahren war und sich rasch abgewandt hatte, ihre für den Augenblick versäumte Pflicht zu erfüllen.
Luise von Mechern, aus einem altadligen Geschlecht stammend, war durch die Empfehlung des ***schen Gesandten nach *** und in das Ralphensche Haus gekommen, wo sie die Stelle einer Gouvernante bei Rosalien und ihrer jüngsten, erst siebenjährigen Schwester ausfüllte und zugleich mit musterhafter Ordnung die Wirtschaft der nichts weniger als wirtschaftlichen Exzellenz führte. Luise von Mechern war ein liebes, bescheidenes und dabei höchst geistreiches, gebildetes Wesen, das jede Stellung im Leben vollkommen ausgefüllt haben würde. Aber ihr Körper hatte mit ihrem Geiste nicht Schritt gehalten, und einer Unvorsichtigkeit der Wärterin in frühesten Jugendjahren verdankte sie ein Uebel, das sie jetzt durch das ganze Leben tragen mußte. Ihr Gesicht war bildschön, ein wahrhaft griechisches Profil mit großen, sprechenden blauen Augen, dunklem vollen Haar und feinen, edlen Zügen, aber – ihre rechte Schulter war verwachsen und dadurch dem übrigen Körper nicht die nötige freie Entwicklung geworden. Wie bald vergaß man aber, sobald man näher mit ihr bekannt wurde, diesen körperlichen Fehler in all den geistigen Vorzügen, die ihr eigen waren, und welchen wohltätigen Einfluß übte sie dabei auf die Erziehung der ihr anvertrauten Kinder, ja durch ihren Umgang selbst auf Melanie aus! Die Töchter des Kriegsministers hingen auch mit treuer Liebe an dem jungen Mädchen, und Melanie besonders fühlte, welch ein wohltätiger Geist der Ordnung in ihr ganzes Haus gekommen sei, seit Luise von Mechern mit ihrem stillen, einfachen Wesen die Leitung desselben übernommen hatte. Nur Frau von Ralphen schien das nicht zu bemerken oder wenn sie es bemerkte, dies für der Ordnung gemäß zu halten. Daß die angenommene Gouvernante und Wirtschafterin ihre Pflicht tat, verstand sich von selbst; eine weitere Anerkennung blieb deshalb überflüssig. Frau von Ralphen war nicht etwa eine böse oder übermäßig strenge Frau – ihren Kindern gegenüber hätte sie sogar noch bedeutend strenger sein dürfen. Aber sie fühlte, daß sie in der Residenz eine sehr bedeutende Rolle spiele; sie wußte und war überzeugt, daß sie zu den »ersten Damen« des Landes gehöre, und dadurch stolz, rücksichtslos stolz gegen alle geworden, die unter ihr standen. Das gerade gab denn auch oft ihrem Betragen und ganzen Wesen eine Härte und Schroffheit, die unter anderen Umständen ihrem sonst wirklich weichen und guten Herzen fern geblieben wären.
Luise ertrug das aber mit einer wahren Engelsgeduld. Still und freundlich, mit der ihr eigentümlichen sanften und immer guten Laune, vermied sie jede Klippe, die zwischen ihr und der Exzellenz hätte zu einem Wortwechsel führen können, fügte sich ihren kleinen Eigenheiten, ohne sich selber je das geringste dabei zu vergeben, und erwiderte zugleich von ganzer Seele die Liebe, die ihr die Kinder entgegenbrachten. Nur in Gesellschaft, selbst bei einem einzelnen Besuche, fühlte sie sich gedrückt. Sie wußte, wie sehr sie mit ihrem Körper, dem raschen, oberflächlichen Urteil der Welt gegenüber im Nachteil war, und suchte es soviel als möglich zu vermeiden, dem zu begegnen. Darin unterstützte indessen die Exzellenz sie nicht; denn ob sie nun Luisen wirklich nicht entbehren konnte oder gar heimlich fühlte, daß durch die Gegenwart der unscheinbaren Gouvernante die Erscheinung ihrer eigenen Töchter gehoben würde – wer vermag im Innern eines menschlichen Herzens zu lesen? – aber Luise mußte stets und in jeder Gesellschaft erscheinen, und nur die dringendste Abhaltung oder wirkliches Unwohlsein konnte sie entschuldigen. Von den gewöhnlichen Gästen wurde sie aber selten oder nie beachtet. Die Damen besonders nahmen nie Notiz von ihr – es war ja nur die Gouvernante, wenn auch aus einer edlen, vielleicht edleren Familie, als sie selber, entsprossen. Nur Graf Geyerstein hatte sich gern und viel mit ihr unterhalten, in früheren Zeiten sogar manche Partie Schach, das sie meisterhaft spielte, mit ihr gezogen, und an Melanies Seite stundenlang ihrem seelenvollen Vortrage auf dem Piano gelauscht. Das alles nahm sie still und dankbar hin, zog sich nach solchen Abenden aber immer um so viel scheuer in sich selbst zurück. Dergleichen Abende waren aber auch in der letzten Zeit viel seltener geworden, ja hatten sogar in der letzten Woche ganz aufgehört, und vielleicht dachte Luise, als ihr Auge vorhin so ernst und fast traurig auf dem Grafen ruhte, jener Zeit – war er ihr doch indessen fast fremd geworden.
Und Graf Geyerstein? – er kam sich selber hier fast wie ein Fremder vor. – War es Melanies verändertes Betragen, über das er sich nicht täuschen konnte? – war es des Bruders Schicksal, das in der letzten Zeit seine Seele so erfüllt, ihn fast die ganze übrige Welt darüber vergessen zu lassen? – war es der fremde junge Russe, der, kaum hier eingeführt, sich mit einer Zuversicht und Sicherheit in diesen Räumen bewegte, als ob er selber schon seit Jahren des Hauses intimster Freund gewesen? – Er wußte es nicht – nur wie ein dunkler, unheimlicher Schatten lag es auf seinem Herzen, und die hell erleuchteten, menschenbelebten Gemächer kamen ihm tot, öde und einsam vor, als ob er hier allein gestanden hätte. Da tönte plötzlich ein helles, reines Lachen an sein Ohr. – Das war Melanies Stimme; unter Tausenden hätte er sie ja herausgekannt. Er wandte rasch den Kopf dorthin – der fremde Graf mußte ihr gerade etwas unendlich Komisches erzählt haben, denn ihr Antlitz strahlte vor Laune und Uebermut.
»Herr Graf,« flüsterte in diesem Augenblick eine leise Stimme an seiner Seite, und Luise von Mechern suchte ihn durch die Anrede auf den Lakaien aufmerksam zu machen, der mit dem Teeservice auf dem silbernen Teller bis jetzt vergebens bemüht gewesen war, dem Rittmeister die Erfrischung zu präsentieren. Der Graf sah aber nichts weiter als Melanies halb von ihm abgedrehtes glückliches Gesicht. Nur einen flüchtigen Blick warf er herum, der Anrede zu, und wandte sich, ohne das junge Mädchen, das schüchtern neben ihm stand, auch nur zu bemerken, mit einem einfachen »Ich danke« wieder ab.
Der Lakai balanzierte seinen Präsentierteller nicht ohne Geschicklichkeit weiter, zwischen den verschiedenen beweglichen Gruppen durch, und Luise selber schrak schüchtern zurück. Rosalie aber kam jetzt mit ihrer Mappe herbeigehüpft, und den Grafen am Arm nehmend, der sich ihr nicht entziehen durfte, führte sie ihn in ein kleines, etwas abgesondertes Seitenkabinett, dort ungestört seinen Beifall über die wirklich mit vielem Talent und fast nur unter der Leitung Luisens ausgeführten Skizzen einzuernten. Hier sollten sie aber nicht lange ungestört bleiben, denn Fräulein von Zahbern hatte den Grafen schon vorher nicht aus den Augen verloren und folgte ihnen bald, sich anscheinend den ausgebreiteten Zeichnungen Rosaliens mit größtem Interesse widmend. In der Tat aber suchte sie nur die Durchsicht derselben zu beschleunigen, und als die Komtesse, von der Anwesenheit der jungen Dame eben nicht erfreut, ihre Arbeiten wieder zusammenlegte und forttrug, ergriff Fräulein von Zahbern des Grafen Arm und flüsterte: »Aber sagen Sie mir nur um Gottes willen, Herr Graf, wollen Sie denn den Kampf ganz ohne Schwertstreich aufgeben?«
»Den Kampf, mein gnädiges Fräulein?«
»Ah, stellen Sie sich nicht, als ob Sie nicht verständen, was ich meine,« rief die Dame rasch, »wir haben hier auch keine Zeit durch Aufklärungen zu versäumen. Sie müssen doch sehen, daß jener Russe Sturm auf Melanies Herz läuft.«
»Und glauben Sie nicht, daß die Festung stark genug sein wird, sich zu halten?« sagte der Rittmeister lächelnd, während aber doch ein ganz eigenes Weh sein Herz durchzuckte.
»Nein!« rief das Fräulein rasch und entschieden, wenn auch noch immer mit unterdrückter Stimme. »Sie sind entweder erschrecklich leichtsinnig oder erschrecklich – zuversichtlich, wenn Sie die Gefahr nicht sehen wollen, die Ihnen droht.«
»Aber woher auf einmal diese Teilnahme für mich, mein gnädiges Fräulein?« sagte der junge Mann mit viel größerer Ruhe, als Fräulein von Zahbern wohl erwartet haben mochte.
»Aus Patriotismus. Ich hasse die Russen, und diesen Russen...«
»Vor allen anderen?«
»Nein – ärgern Sie mich nicht – diesen Russen gönne ich eben Melanie nicht. Die ganze Stadt weiß ja doch, daß Sie für sie schwärmen.«
»Die ganze Stadt weiß oft mehr von uns, als wir selber wissen,« sagte der Graf trocken.
»Mehr wenigstens, als uns oft lieb ist,« ergänzte das gnädige Fräulein mit einem bezeichnenden Blick auf den Rittmeister selber, der jedoch an diesem machtlos abglitt. »Sie aber, Herr Graf,« setzte sie dann, als sie es bemerkte, hinzu, »sind mir ein vollkommenes Rätsel und entweder der – durchtriebenste oder der unschuldigste Mann, dem ich in meinem ganzen Leben begegnet bin.«
»Lassen Sie uns das letztere hoffen, mein gnädiges Fräulein,« sagte der Rittmeister, dem das Gespräch unangenehm zu werden anfing. »Wir sollen von unseren Mitmenschen immer nur das Beste denken.«
»Also muß ich denken, daß Sie jede Bewerbung um Melanie aufgegeben haben?« sagte Fräulein von Zahbern mit kaum verheimlichtem Aerger.
»Mein gnädiges Fräulein,« erwiderte der Rittmeister, durch die unzarte Frage verletzt, »meine Ansichten und Wünsche können hier nicht gut in solcher Weise von uns beiden verhandelt werden. Komtesse Melanie ist jedenfalls ihre eigene Gebieterin, und vollständig fähig und berechtigt, solche Bewerbungen, die ihr nicht anstehen, zurückzuweisen. Bewirbt sich Graf Selikoff wirklich um sie, so wird sie auch entscheiden, ob sie das günstig oder ungünstig aufzunehmen hat. Ein drittes dabei wäre, meiner Meinung nach – überflüssig.«
»Und wenn der Graf ältere Verpflichtungen hätte?« sagte die Dame gereizt.
»Graf Selikoff ist, soweit ich bis jetzt über ihn urteilen kann,« erwiderte kalt der Rittmeister, »ein Ehrenmann und deshalb einer unedlen Tat unfähig. Wie dem aber auch sei, meine Gnädige, die älteren Ansprüche würden in dem Falle nichts weiter zu tun haben, als – sich geltend zu machen.« Fast unwillkürlich hatte er sich bei diesen Worten dem Eingange des Kabinetts zugewandt, an dem gerade zwei alte Geheimräte eine fast leidenschaftliche Debatte über Schnupftabak führten. Andere Gruppen auf und ab wandelnder Gäste waren ebenfalls in die Nähe gekommen, und Graf Geyerstein glaubte zu hören, daß sein eigener Name genannt würde. Er drehte sich danach um und sah unfern von sich den alten General von Schoden mit seiner Tochter Euphrosyne und Melanie, die mit dem Grafen Selikoff in ein eifriges Gespräch verwickelt schienen.
»Ich kann Ihnen nicht helfen, Komtesse,« lachte der alte General, »aber die Sache ist so, wie ich sage: Monsieur Bertrand gibt seine Truppe auf oder verkauft wenigstens seine Pferde, denn ich weiß aus ganz sicherer Quelle, daß er den Falben mit dem weißen Hinterfuß und den Fuchs mit der schwarzen Mähne, die beiden Prachtpferde, dem General Beuter zum Verkauf angeboten hat.«
»Und ich berufe mich nochmals auf Graf Geyerstein,« erwiderte Melanie, jetzt kaum zwei Schritt von dem Rittmeister entfernt. »Der Graf ist sehr genau mit der Truppe bekannt und hätte uns doch, wenn sich die Sache wirklich so verhielte, gewiß schon ein Wort davon gesagt, da er weiß, wie großen Anteil wir daran nehmen.«
»Es tut mir leid, Komtesse, in diesem Streite nicht auf Ihrer Seite kämpfen zu können,« fiel hier Graf Selikoff mit etwas gebrochenem Deutsch ein, »aber der General hat recht, den Falben wie den einen weißen arabischen Hengst habe ich sogar selber gekauft, um beide nach Petersburg zu schicken.«
Melanie schien im Anfang die Worte gar nicht zu hören, denn ihr Blick hing fest und forschend an den Zügen des Rittmeisters; aber diesen Moment des Selbstvergessens bezwang sie rasch und zu dem Russen gewandt, sagte sie: »In der Tat? – das hätte ich nicht geglaubt. – Was mag den Mann dazu bewogen haben? Herr Rittmeister, wissen Sie vielleicht etwas Näheres über diesen überraschenden Verkauf? Will sich vielleicht Monsieur Bertrand ganz dem Seiltanz widmen?«
»Ich bedauere unendlich, Komtesse,« erwiderte ruhig Graf Geyerstein, »Ihnen nichts Näheres darüber mitteilen zu können. Es ist sogar dies das erste Wort, das ich von dem Verkauf höre, ich muß also doch nicht so genau davon unterrichtet sein.«
Komtesse Melanie schwieg und eine fliegende Röte färbte ihr für einen Augenblick Wangen und Nacken, um gleich darauf wieder, so rasch wie sie gekommen, zu verschwinden. Fräulein von Zahbern aber, mit dem Interesse, das sie an jeder Stadtneuigkeit nahm, rief erstaunt: »Ist es denn möglich, Monsieur Bertrand will sein Geschäft aufgeben? Aber das kann ja gar nicht sein, oder er hat sich genug verdient, um den Kunstreiter an den Nagel zu hängen und den Rentier zu spielen. Da freue ich mich nur, daß wir ihn noch zu guter Letzt gehabt und gesehen haben. Und seine Frau reitet nun also auch nicht mehr?«
»Nur Vermutungen von unserer Seite, meine Gnädige,« sagte der alte General von Schoden. »Wir wissen selber darüber nicht mehr als Sie.«
»Ich finde es auch so erstaunlich unweiblich, zu reiten,« bemerkte Fräulein Euphrosyne von Schoden, »ich muß gestehen, ich hätte die Vorstellungen um keinen Preis wieder besucht.«
»Larifari!« lachte der alte General, »wegen der kurzen Röcke? – mit langen Reifröcken können sie auf keinem Pferd herumtanzen.«
»Aber, Papa, ich bitte dich um Gottes willen...«
»Ich fragte Monsieur Bertrand,« fiel hier Graf Selikoff ein, »ob er die Absicht habe, seine Reitkunst aufzugeben, erhielt von ihm aber nur ausweichende Antworten. Die Sache kann übrigens kein Geheimnis bleiben, denn seine Truppe wird uns bald darüber aufklären, wenn er es selber nicht für nötig finden sollte.«
»In der Stadt erzählt man,« nahm hier der hinzutretende Intendant das Wort, »daß sich Monsieur Bertrand schon wegen des unterlassenen Seiltanzes zwischen den beiden Türmen sehr heftig mit seiner Frau gezankt habe, und die beiden sich wollten scheiden lassen.«
»In der Tat?« rief Melanie schnell, und ihr Blick streifte fast unwillkürlich den Rittmeister.
»Ja, meine Gnädigste,« versicherte Herr von Zühbig mit wichtiger Miene, indem sich seine Stirn in dichte Falten zog, »Madame Bertrand scheint etwas heftiger, selbständiger Natur zu sein, wie alle diese Art Damen, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie das Geschäft ohne Herrn Bertrand allein fortsetzen würde.«
»Ohne Pferde?« fragte der General.
»Ohne Pferde? – Pardon! nein.«
»Aber ihr Mann verkauft sie alle.«
»Ha, dann dressiert sie vielleicht andere! Es ist ein pompöses Weib, diese Madame Bertrand, ein kleiner Teufel – wie ich mir habe sagen lassen.«
»Es kann ja auch sein,« nahm hier Melanie das Wort, »daß sie sich selber nach Ruhe sehnt, und vielleicht in stiller Zurückgezogenheit ihr Leben nach so vielen Gefahren und – Aufregungen zu genießen gedenkt.«
»Sehr leicht möglich, meine Gnädigste, sehr leicht möglich!« rief Herr von Zühbig mit einem lüsternen Lächeln um die Lippen. »Man munkelt sogar in der Stadt von einer Liaison, die verlockend genug sein sollte, selbst den schönen Monsieur Bertrand aufzugeben.«
»Sie sind boshaft, Baron,« sagte Melanie, indem sie fühlte, daß ihr das Herzblut selbst zu Eis gerann. Aber sie wagte nicht in diesem Augenblicke, zu dem Rittmeister aufzuschauen.
»Die Stadt wird nie müde,« sagte da Graf Geyersteins ruhige, klangvolle Stimme, »dergleichen Erzählungen zu erfinden, und es gibt auch stets gefällige und geschäftige Menschen, die sie weiter tragen.«
»Ich sage nur nach, was mir erzählt worden ist!« rief von Zühbig rasch.
»Natürlich, Herr Intendant,« lachte Fräulein von Zahbern, »mehr tun wir alle nicht. Wenn wir alle so finster und schweigsam wären, wie der Herr Rittmeister, so hörte jede Unterhaltung auf, und man säße in stiller Selbstbeschauung nebeneinander, eine Tasse Tee mit Würde zu trinken. Hahahaha – eine solche Damengesellschaft möchte ich einmal sehen!«
»Haben Sie keine Furcht, mein gnädiges Fräulein,« lachte der alte General, »hier in *** passiert Ihnen das nicht, ihr Weiber müßt einmal klatschen, das ist euer Erbfehler...«
»Aber, bester Papa...«
»Und du, Euphrosyne, bist nicht um ein Haar besser als die andern!« rief der alte Haudegen.
»Aber du gebrauchst solche incroyable Ausdrücke, Papa!«
»Larifari! Ich nenne das Kind beim rechten Namen.«
»Komtesse, ich habe den ganzen Abend bis zu diesem Augenblicke vergebens eine Gelegenheit gesucht, Sie begrüßen zu können,« wandte sich Graf Geyerstein an Melanie – diesen Augenblick benutzend, wo die Aufmerksamkeit der übrigen auf den General und seine Tochter gerichtet war.
»Ich bin sehr erfreut, Sie nach so langer Zeit wieder einmal bei uns zu sehen,« erwiderte die junge Gräfin mit einer artigen, aber kalten Bewegung des Hauptes.
»Wenn Sie wüßten...«
»Wie beschäftigt Sie die letzte Zeit gewesen?« unterbrach ihn Melanie, und fast unwillkürlich suchte ihr scharfer, forschender Blick sein Auge. Ruhig jedoch, nur mit einem leisen, fast schmerzlichen Ausdruck begegnete es dem ihrigen. Sie wandte sich rasch ab und fuhr fort: »Ich kann es mir denken, und Sie sind vollkommen entschuldigt. – Aber kommen Sie, Herr Graf,« redete sie in demselben Augenblicke den jungen Russen an, »ich versprach Ihnen vorhin die russische Volkshymne – Luise soll sie uns spielen – es ist ein Genuß, sie zu hören.«
»Es ist auch eine der schönsten Melodien, die es gibt,« sagte der Graf, die letzten Worte falsch verstehend, »und Sie machen mich unendlich glücklich, Komtesse, daß Sie ein solches Interesse an unserer Nationalhymne nehmen.«
Melanie verneigte sich leicht gegen den Grafen Geyerstein, legte dann ihre Hand in den ihr gebotenen Arm des jungen Russen und schritt an seiner Seite dem anderen Salon zu, in dem der Flügel aufgeschlagen stand.
»Und hatte ich unrecht?« flüsterte Fräulein von Zahbern in des Rittmeisters Ohr, indem ihr Blick mit einer ihr sonst nicht unschönes Gesicht fast entstellenden Mischung von Zorn und Eifersucht das Paar verfolgte.
»Lassen Sie uns die Nationalhymne mit anhören, mein gnädiges Fräulein,« sagte Graf Geyerstein statt aller Antwort, indem er ihr den Arm bot und die erbitterte Schöne, ohne ihr Zeit zu einer weiteren Bemerkung zu geben, den Vorangegangenen nachführte.
8.
An demselben Abend, an welchem beim Kriegsminister von Ralphen die Soiree gehalten wurde, und während dort in den hell erleuchteten und wohlig durchwärmten, von Blumen duftenden, von sanften Melodien durchströmten Räumen fröhliche Menschen gesellig beieinander saßen, bereitete sich eine andere, von dieser sehr weit verschiedene Szene in der zweiten Etage der Rosengasse vor.
Die Vorstellung im Zirkus war beendet, und mit ihr die letzte, der Gesellschaft für diese Messe gestattete. Draußen auf dem Platze, als die letzten Menschen das hohe, runde Bretterhaus kaum verlassen hatten, arbeiteten, hämmerten und pochten schon wetterbraune Gestalten in Hemdsärmeln und Schurzfellen, um die Bude wieder abzuschlagen und sie so rasch als möglich von dem Platze, den sie mit ihrer bretternen Masse entstellte, zu entfernen.
Auch oben in dem Zimmer Georg Bertrands sah es aus, als ob der Eigentümer des Gemaches im Begriff sei, abzureisen, denn wild und unordentlich lagen alle möglichen Kostümstücke bunt zerstreut über Stuhl- und Sofalehnen, ja selbst über den Boden hin. Handschuhe, Hüte, Reitpeitschen, ja selbst andere Teile einer Damengarderobe bedeckten zum Teil den großen, runden Tisch, der in der Mitte der Stube stand, und waren nur zur Hälfte zurück- und zusammengeschoben, um dem durch die Hausmagd heraufgebrachten Abendbrot für drei Personen notdürftigen Raum zu geben. Die Luft in dem ziemlich geräumigen, aber sehr niederen Gemache war dabei schwül und dumpfig, und kaltgewordener Tabaksqualm, wie der warme Fettgeruch verschiedener Fleischspeisen diente nicht dazu, sie zu verbessern. Auf dem Sofa lag Demoiselle Josefine, Georginens siebenjährige Tochter. Das Kind war von der für seine Jahre übermäßigen Anstrengung erschöpft eingeschlafen, und der Schein der Lampe fiel, ohne die Schläferin zu stören, grell auf das bleiche, aber stark geschminkte, abgespannte Gesicht des Kindes.
Georg Bertrand war noch nicht nach Hause gekommen. Er mußte darauf sehen, daß vor allen Dingen seine Pferde gut gewartet, abgerieben und gefüttert wurden, ehe er selber an seine eigene Verpflegung denken konnte. Fremden Menschen, und noch dazu solch leichtsinnigem Volke, wie seinen Künstlern, durfte er das, wie er recht gut wußte, nicht überlassen. Georgine dagegen hatte eben das Zimmer betreten, aber ihr leichtes, luftiges Kostüm, mit dem sie in der letzten Piece als Elfe die Zuschauer entzückt, noch nicht abgelegt. Nur ein langer, leichter, grauer Mantel, den sie beim Nachhausegehen darüber geworfen, schützte sie gegen die kalte Nachtluft, und selbst hier, in dem fast schwülen Zimmer, hatte sie ihn noch nicht abgelegt, denn ihre Seele beschäftigte anderes, als die Veränderung ihrer Toilette. Unruhig und rasch schritt sie in dem breiten, niederen Gemache auf und ab. Die nackten Arme fest auf der unruhig wogenden Brust verschränkt, das Haupt gesenkt, auf dem die noch nicht abgelegten Blumen und Federn herüber und hinüber wehten, maß sie den engen Raum wieder und wieder und unterbrach ihre Schritte nicht einmal, als ihr Vater endlich, ebenfalls noch in seinem Hanswurstkostüm, ins Zimmer trat.
»Ist Georg noch nicht zu Hause?« fragte der Alte, indem er seine Kappe auf dem Kopfe rückte und sich mit der Hand durch die langen, schon dünnen und ergrauenden Haare fuhr.
»Nein,« lautete die kurze Antwort, und die Frau schritt, ohne nur zu ihm aufzusehen, an ihm vorüber.
Der Alte betrachtete sie eine Weile kopfschüttelnd, dann ging er zu dem Sofa, auf dem Josefine lag, und blieb davor stehen. »Hm,« sagte er hier, indem er einen alten, auf der Sofalehne hangenden Rock über die halbentblößten Glieder der Kleinen zerrte, »das Kind wird sich erkälten. Hat sie denn schon zu Nacht gegessen?«
»Ja, sie war früher fertig als wir.«
»Wo hockt denn die Christel, daß sie gewaschen und zu Bett gebracht wird?«
»Rufe sie – die faule Dirne ist nie da, wenn sie gebraucht werden soll.«
Der Alte ging kopfschüttelnd wieder hinaus und kam bald mit einer Art von Dienstmädchen zurück, das den Tag über auch noch dazu verwandt wurde, die verschiedenen Kostüme in Ordnung zu halten. Das Mädchen schien selber irgendwo eingeschlafen und eben geweckt zu sein, denn sie konnte noch nicht in das Licht sehen. Ohne viele Umstände ergriff sie das schlafende Kind mit dem darüber gedeckten Rock, warf es sich halb über die Schulter, ohne daß es dadurch erwacht wäre, und trug es in sein Schlafzimmer nebenan.
»Das Fleisch wird ganz kalt,« sagte indes der Alte, der sich nicht weiter um das übrige bekümmerte. »Wo nur Georg wieder bleibt – setz' dich mit her, man muß jetzt das bischen Fressen so nur immer in aller Hast hineinhetzen.«
»Iß nur,« erwiderte die Frau, »ich habe keinen Hunger.«
»Keinen Hunger? Und nach der Anstrengung?« brummte der Alte. »Dabei kann man doch wahrhaftig nicht von der Luft leben! – Meinetwegen aber, wenn du nicht willst – ich habe Hunger!« Und damit warf er seine alte Filzkappe in die Ecke, holte sich einen großen Krug Bier und vom Fenster eine Flasche Branntwein, langte dann aus den vor ihm stehenden, mit guten, nahrhaften Speisen gefüllten Schüsseln wacker zu, und schien sich bald nach Umständen vollständig behaglich zu fühlen. Nur das unruhige Wesen der Frau störte ihn; er sah ihr ein paarmal auf ihrem Gange kopfschüttelnd nach, und dann wieder nach der alten Schwarzwälder Uhr, die im Zimmer hing, hinüber, rückte ungeduldig eine Weile auf seinem Stuhle hin und her und sagte endlich: »Was hast du denn nur heut' abend, Gine, daß du wie toll im Zimmer auf und ab rennst? Weshalb hast du dich noch nicht ausgezogen? Zum Donnerwetter, setz' dich einmal, man wird ganz wirr im Kopf.«
Die Frau antwortete weder, noch unterbrach sie ihren Gang, und nur manchmal blieb sie einen Moment plötzlich stehen, um nach der Tür hinüber zu horchen. Der Alte sah ihr kopfschüttelnd zu, dann aß er ruhig weiter, bis er satt war, schob jetzt den Teller zurück, schenkte sich ein Bierglas halb voll Branntwein, das er auf einen Zug und ohne eine Miene zu verziehen, leerte, und nahm dann das Gespräch noch einmal auf: »Dir geht Georgs neuer Plan im Kopfe herum – er paßt dir nicht, ich weiß es – er paßt auch mir eigentlich nicht recht, aber – bei Lichte besehen, hat er doch am Ende nicht so ganz unrecht. Wir werden alt, und ich für meinen Teil hätte nichts dagegen, wenn ich mich einmal – wenigstens eine Zeitlang – ausruhen könnte, ohne gerade am Hungertuche zu nagen.«
Georgine schleuderte ihm einen finsteren Blick zu, erwiderte aber noch immer keine Silbe, und der Alte, noch einmal zu der Flasche greifend, aus der er sich langsam einschenkte, fuhr, eigentlich mehr zu sich selbst als zur Tochter redend, fort: »Und es ist doch eigentlich nur ein Hundeleben, das wir führen, Faxen und Narrenspossen machen, daß das Lumpenvolk sich für seine paar Groschen darüber ausschütten kann und besser danach verdaut – Kanaillen, verdammte, die uns nachher auf der Straße über die Achsel ansehen oder hinter uns drein feixen – und wegen solcher Bande riskiert man seine Gliedmaßen, bis man einmal zum Krüppel wird! Nachher kann man betteln gehen, mit Krücke oder Stelzfuß und ihretwegen auch verhungern – was kümmert das sie!«
Der alte Mann hatte den Ellbogen auf den Tisch gestützt und schaute mit den kleinen, tiefliegenden Augen finster und verdrossen in die dicht vor ihm flackernde Lampe hinein. Aber wo war jetzt der tolle Humor in diesen Zügen, der noch vor wenigen Viertelstunden das Volk da draußen hatte aufjauchzen und jubeln machen? Wo war die Laune geblieben, mit der er sich dem Stallmeister zwischen die Füße warf und seinen Körper verrenkte und durcheinanderwand, nur um dem süßen Pöbel zu gefallen? Nichts von alledem ließ sich mehr in dem finstern, verdrossenen und doch so entsetzlich bemalten Angesicht erkennen, auf das die Lampe jetzt ihr volles, grelles Licht warf. Scharf und verzerrt schnitten dabei die weißgemalten Streifen desselben ein, während das Zinnoberrot ordentlich leuchtete und die beiden Augen unter den tief herabgezogenen buschigen Brauen wie ein paar Stücke rotheißen Eisens funkelten. Fest hatte sich dabei die magere, sehnige Hand in das lange, dünne Haar gekrallt, das zwischen den Fingern in spärlichen Locken herausquoll, und ein eigener Ausdruck von Trotz, Grimm und Ekel lag in den tiefgefurchten, farbebestrichenen Zügen. Georgine war neben ihm stehen geblieben, und den weißen, vollen Arm auf den Tisch stützend, sagte sie mit leiser, wie höhnisch klingender Stimme: »Und willst du ein Bauer werden?«
»Warum nicht?« erwiderte der Mann, ohne seine Stellung auch nur um ein Haar breit zu verändern, »immer noch besser ein Bauer als ein – Hanswurst.«
»So zieht ihr beiden allein zwischen eure Schafe und Kühe!« rief das junge, schöne Weib, in wildem Zorn emporfahrend, »ich selber weiß, was ich mir und Josefinen schuldig bin, und den will ich sehen, der mich zwingen will, draußen zwischen Kraut- und Kartoffelfeldern mein Leben zu beschließen!«
»Niemand Georgine, niemand!« sagte in diesem Augenblicke die tiefe, klangvolle Stimme Georg Bertrands, der unbemerkt von den beiden in die Tür getreten und auf der Schwelle stehen geblieben war. »Wenn du es übers Herz bringen kannst, deinen Gatten allein ziehen zu lassen, allein deinen Weg dir in der Welt zu bahnen, in Gottes Namen dann, ich kann und werde dich nicht daran hindern.«
»Nicht?« rief die Frau erstaunt, ja überrascht nach ihm herumfahrend, »du würdest dich von mir und Josefinen trennen wollen?«
»Von Josefinen? – nein,« sagte der Mann ruhig, indem er seinen Hut auf den Stuhl neben der Türe legte und langsam jetzt ins Zimmer trat.
»Von Josefinen nicht?« rief in schnell wieder aufloderndem Zorne die Frau, »welche Macht der Erde wird das Kind von der Mutter trennen?«
»Das Gesetz,« erwiderte mit dem vorigen Gleichmut ihr Gatte, »das Gesetz spricht nach dem siebenten Jahre das Kind dem Vater zu.«
»Du darfst mir Josefinen nicht nehmen,« zischte da Georgine zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, »du weißt, daß ich ohne das Kind nicht leben kann, daß ich mit mehr als Mutterliebe an ihm hange, daß sie mein ein und mein alles ist auf dieser Welt – du kannst und darfst mich nicht töten – und mir das Kind nehmen, hieße mehr als mich morden.«
»Und will ich das?« erwiderte Georg, jetzt vor sie tretend und ihre Hand ergreifend, »habe ich nicht Bitten auf Bitten an dich verschwendet, mir und dem Kinde das Opfer zu bringen, diesem unseligen Leben zu entsagen? Hat nicht Josefine selber dich gebeten, mich nicht zu verlassen und draußen in der freundlichen Natur zu vergessen, was dich hier berauscht – den Beifall der Menge! – Georgine, kann dir denn nicht ein häusliches Familienglück, das du noch gar nicht kennst und das nur zu bald seinen Zauber um dich breiten wird, das Jauchzen und Beifallklatschen fremder, gleichgültiger Menschen ersetzen? Lebst du denn nur für diese Masse, die dir nichts, gar nichts entgegenbringt, als nur das Verlangen, auf angenehme Weise amüsiert zu werden, und die gleichgültig selbst an deinem Sarge vorübergehen würde, wenn ein unglücklicher Fall dich in der nächsten Stunde vielleicht abriefe?«
»Nach meinem Tode? Nicht so viel kümmere ich mich darum!« rief das schöne Weib verächtlich. »Ob sie mich lieben werden oder hassen, was liegt daran! Nur dieses Leben ist mein, nur dem Leben gehöre ich an. Was schert mich die Liebe oder der Haß des Volkes nach dem Tode!«
»Und ich? – und dein Kind?« sagte Georg mit weicher Stimme.
»Wenn ihr mich liebtet, quältet ihr mich nicht so,« rief die Frau zurück. »Du weißt, daß ich so wenig für das Land passe, wie dein Araber zum Karrenziehen und Ackern; die Hand möchte ich sehen, die uns beide dazu zwingen kann.«
»Du weißt,« sagte Georg ruhig, »daß ich den Araber zu allem zwang, wozu ich ihn haben wollte.«
»Aber mich nicht, Georg, mich bei Gott nicht!« rief die Frau, wieder zu voller Heftigkeit ausbrechend. »Versuch' es nicht, du möchtest es bereuen.«
»Es ist zu spät, darüber noch zu reden,« sagte fest entschlossen Georg, »Heut' abend nach der Vorstellung habe ich den Handel über mein letztes Pferd abgeschlossen, die wenigen ausgenommen, die ich mit mir zu nehmen gedenke, und morgen schon verlassen wir ***, um keine weitere Messe mehr zu besuchen. Die Gesellschaft ist aufgelöst, die Leute werden morgen ausgezahlt, und ich und Josefine ziehen hinauf nach Mecklenburg, ein neues Leben von heute an zu beginnen.«
»Und glaubst du, daß ich das Kind dir gutwillig lassen werde?« fragte Georgine, und ihre ganze Gestalt zitterte in der furchtbaren Bewegung, die sich ihrer bemächtigt hatte.
»Du mußt, Georgine,« lautete die feste Antwort, »die Gesetze schützen mich darin – wenn ich deren Schutz anrufen müßte. Ich habe mich genau danach erkundigt, Josefine ist über sieben Jahre alt, und das Gesetz spricht in diesem Falle dem Vater des Kindes, falls sich die Eltern trennen sollten, das Recht zu, über seine Zukunft zu wachen und zu bestimmen.«
»Und wer hat dich mit den Gesetzen so genau bekannt gemacht? – glaubst du nicht, daß ich deinen Helfershelfer errate?«
»Wenn du den Mann meinen Helfershelfer nennst, der mir wie einem Ertrinkenden die Hand bietet, mich aus einem Leben zu erretten, das mich die letzten Jahre nur zwischen Verzweiflung und Selbstmord schwanken ließ, so hast du recht,« sagte Georg düster.
»Zwischen Verzweiflung und Selbstmord, du?« rief erstaunt die Frau, »du, der nur Lust und Stolz in der Ausübung seiner Kunst fand, dem an Kühnheit und Geschicklichkeit keiner gleichkam?«
»Es ist gut,« erwiderte der Mann, ernst mit der Hand abwehrend, »die Zeiten sind, Gott sei Dank, vorbei, denn du kennst mein früheres Leben nicht, weißt nicht, kannst nicht wissen, was ich gelitten und geduldet habe, um es zu vergessen. Jetzt endlich ist mir Rettung geboten; jetzt streckt sich mir eine Hand entgegen, mich zurück zu Sicherheit und Ruhe zu führen, und, beim ewigen Gott! ich will sie nicht undankbar von mir stoßen. – Du kennst mich, du weißt, daß ich durchführe, wozu ich einmal fest entschlossen bin; glaube also nicht, mich durch zornige Worte oder machtlose Drohungen schwanken zu machen. Auch dir bietet sich die Hand, auch für dich ist die Hilfe gemeint. Folge deshalb meinem Rat, – folge deinem Gatten – deinem Kinde, und stürze dich nicht wieder einem Leben entgegen, an dem du jetzt vielleicht Freude findest, in dem du aber doch mit der Zeit rettungslos untergehen müßtest.«
»Er hat recht, Gine,« sagte auch der Alte, der, ohne bis jetzt seine Stellung zu verändern, aufmerksam den Worten Bertrands gelauscht und nur manchmal langsam dazu mit dem Kopfe genickt hatte. »Wir alle werden nicht jünger, und ein solcher Schlupfwinkel für's Alter bietet sich nicht einem jeden von uns. Der rote Kaspar war zu meiner Zeit, wie ich noch in Bundhosen herumlief, ein so toller Hanswurst, wie es je einen gegeben hat: die Banden zahlten ihm damals schon sechs- bis siebenhundert Taler jährlich mit Kußhand, und er brauchte sich noch nicht einmal bei ihnen zu bedanken. Auf der Messe jetzt habe ich ihn mit einem abgeschnittenen Beine und einer Drehorgel und Mordgeschichten getroffen, und ich mußte ihm ein paar Groschen geben, daß er nur endlich einmal wieder, wie er meinte, etwas Warmes in den Leib bekäme. Ich selber habe nicht die geringste Lust, in meinen alten Tagen mit einer Drehorgel oder mit Fleckseife im Lande herumzureisen, Winter und Sommer draußen auf den Straßen zu liegen und den Bauernlümmeln die alten, schmierigen Rockkragen abzuseifen oder schreckliche Blutgeschichten vorzuleiern, in denen zuletzt immer die Polizei gelobt wird. Ich und der Karl, wir gehen mit. Der Karl soll auch Oekonom werden, daß er mir nicht den Hals bricht, wie sein Vater, was ihm der lahme Jörgen schon vor vier Jahren prophezeit hat.«
»Geh mit uns, Georgine,« bat da auch Bertrand, mit weit mehr Herzlichkeit, als er bisher zu ihr gesprochen. – »Versuche es nur einmal ein Jahr mit uns, und du wirst sehen, daß du gar rasch und freudig dich in den neuen Zustand findest. – Du kennst das stille, bürgerliche Leben ja noch gar nicht; weißt nicht, ahnst noch nicht einmal, welche Reize und Genüsse es bietet. Bleibe bei uns, bleibe bei deinem Kinde, dem doch kein Fremder je die Mutter wird ersetzen können.«
»Soll ich Komödie in deinem Familienkreise spielen?« fragte das schöne Weib höhnisch, in dem sie mit untergeschlagenen Armen vor dem Gatten stehen blieb.
»Nenne es die erste Zeit, wie du willst,« sagte Bertrand ruhig, »nur zu bald wirst du doch einsehen lernen, daß du nie mehr dein eigener Herr gewesen, als gerade in jenem einfach natürlichen Leben auf dem Lande!«
»Und glaubst du wirklich, daß du mich je zur Bäuerin machen könntest,« lachte Georgine, indem sie in Verachtung und Zorn die schön geschnittenen Lippen emporwarf, »ich hätte gedacht, daß du mich besser kennen solltest.«
»Und du willst mir wenigstens gestatten, den Versuch zu machen?«
»Nein – dreimal und tausendmal nein!« rief Georgine mit wieder aufloderndem Zorn, »bis ich nicht sicher weiß, daß die Gesetze dir wirklich erlauben, mir mein Kind zu stehlen. Ich zweifle nicht an der Möglichkeit, denn ihr Männer habt die Gesetze gemacht, und was gilt euch das Herz einer Mutter? Aber selber erfragen will ich erst die Schmach, und ist das sicher – gut – dann gehe ich mit euch. Von Josefinen kann, will ich mich nicht trennen, und über sie wachen werde ich dort, wie die Löwin über ihr Junges. Versucht es dann, sie mir abtrünnig zu machen.«
»Bah!« sagte der Alte, unwillig seinen Kopf schüttelnd, »schwatze keinen Unsinn; es will sie dir niemand stehlen, und Georg ist am kleinen Finger vernünftiger, als du am ganzen Leibe. Beschlafe die Geschichte; morgen wirst du vernünftiger darüber denken. Morgen halte ich dann auch Auktion mit dem Plunder hier oder werfe ihn am liebsten auf die Straße hinaus. Ich wäre doch wirklich neugierig, zu sehen, ob es noch solch einen Narren hier im Neste gäbe, der ihn aufhöbe. Jetzt macht, daß ihr zu Bett kommt. Es ist ein Uhr vorbei und mir sind alle Knochen im Leibe schon wie zerschlagen.«
Mit diesen Worten zündete er sich einen Stummel Talglicht an, der auf der Kommode stand, nahm seine Mütze wieder aus der Ecke hervor und verließ langsam, ohne eine »Gute Nacht« weiter für nötig zu halten, das Zimmer.
9.
Am nächsten Morgen saß Komtesse Melanie allein in ihrem Boudoir. Rosalie war mit Luisen ausgefahren – sie selber hatte sie nicht begleiten können oder wollen – und Kopfschmerzen, Unwohlsein vorgeschützt. Sie war in der Tat nicht wohl, wenigstens ganz ungewöhnlich aufgeregt und unruhig, und nahm bald ein Buch zur Hand, ein paar Seiten desselben zu durchblättern, bald begann sie an einer angefangenen Zeichnung, bald an einer Stickerei und schob nach wenigen Minuten alles wieder beiseite, um sich auf das Sofa zu werfen und ihren eigenen Gedanken nachzuhangen. So war es zwölf Uhr geworden, als es leise an die Türe klopfte und auf ihr Herein ein Diener eintrat, welcher meldete: der Herr Rittmeister von Geyerstein lasse anfragen, ob er der gnädigen Komtesse seine Aufwartung machen dürfe.
»Graf Geyerstein?« rief Melanie, fast erschreckt von dem Sofa emporfahrend. Die Ueberraschung dauerte aber nur wenige Momente, denn schon im nächsten Augenblicke wieder vollständig gesammelt, sagte sie ruhig: »Es wird mir sehr angenehm sein, führen Sie den Grafen herein!«
Wenige Minuten später hörte sie draußen den festen, klirrenden Schritt des Offiziers, und der Graf stand in ihrem Zimmer, ehe sie selber sich genug gefaßt hatte, ihn ruhig begrüßen zu können.
»Komtesse,« sagte der Rittmeister, sich förmlicher vor ihr verneigend, als er sonst als alter, gern gesehener Freund des Hauses getan, »Ihr Herr Vater trägt die Schuld einer Störung, wenn ich Ihnen eine solche verursacht habe, denn mein Dienst rief mich zu ihm, und da er für den Augenblick noch beschäftigt ist, war er so gütig, mich indes zu Ihnen herüberzuweisen – ich wäre sonst nicht so früh bei Ihnen erschienen.«
Eine rasche, freundliche Entgegnung lag schon auf Melanies Lippen, aber sie zwang sie zurück und sagte artig, aber lange nicht mit der gewohnten Zärtlichkeit im Ton und Ausdruck: »Mein Vater weiß recht gut, daß Sie uns immer willkommen sind, auch ohne die Entschuldigung, Herr Graf.«
»Aber auch ohne die Veranlassung hätte ich Sie heute noch aufgesucht, Komtesse,« nahm der Graf nach einer leisen Verbeugung wieder das Wort, indem er sich, einer einladenden Handbewegung Melanies folgend, auf einen Stuhl ihr gegenüber niederließ, »denn ich wollte mich auf einige Zeit von Ihnen verabschieden.«
»Sie wollen fort von hier?« rief Melanie schneller und mit weit mehr Teilnahme, als sie vielleicht zu verraten willens war.
»Nur auf kurze Zeit; auf eine, vielleicht auf einige Wochen; und zwar in Angelegenheiten, die meine Anwesenheit auf einer meiner Besitzungen dringend nötig machen. Ich habe dazu den Urlaub vom Fürsten erbeten und erhalten.«
Melanie sah zu ihm auf und vermochte keine Silbe als Antwort zu finden. Allerlei wunderliche, wirre Gedanken kreuzten ihr Hirn. Jetzt gerade wollte er fort? – jetzt, wo – sie durfte dem nicht weiter folgen – und so kalt, so förmlich nahm er jetzt Abschied, er mußte bemerkt haben, wie sie Graf Selikoff bevorzugte. – Und weshalb nicht? War sie nicht frei, zu tun, zu lassen, was sie wollte, war sie nicht von ihm, der so kalt und eisern vor ihr saß, schändlich, schmählich betrogen und verraten worden? – und wenn nicht? – – Auch der Graf schwieg; das Herz war ihm voll und schwer, und dem kalten, förmlichen Empfang des Wesens gegenüber, das er mehr als sein eigenes Leben liebte, hatte er sich bezwungen, hatte er ebenso kalt und ruhig von ihr scheiden wollen – scheiden vielleicht für ein ganzes Leben, indem sie sich von nun an nur als Fremde wieder begegnen sollten. Als er aber die Bewegung in Melanies Zügen sah, als ihm nicht verborgen bleiben konnte, daß die Jungfrau, so kalt und abgemessen sie sich auch gezeigt, doch vielleicht mehr, ja innigeren Anteil an ihm nehme, da raffte er sich selber auch empor, und mit bewegter Stimme sagte er: »Komtesse – Melanie – es ist in letzter Zeit etwas zwischen uns gewesen – was, weiß nur Gott – was aber nicht sein sollte.«
»Zwischen uns, Herr Graf?« unterbrach ihn, wie erstaunt, Melanie, die durch die Worte rasch zu sich selbst gerufen wurde.
»Stoßen Sie mich nicht so ungehört zurück,« fuhr der Rittmeister, der jetzt einmal das Eis gebrochen hatte, fort. »Womit ich Sie beleidigt oder gekränkt haben mag, ich weiß es nicht – wissentlich nicht, beim ewigen Gott, und nur ein Mißverständnis kann es deshalb sein, was Sie in diesen Tagen mir entfremdet hat. Sehen Sie mich nicht so stolz an, Melanie, Sie waren sonst so offen, so ehrlich gegen mich – o, lassen Sie die Zeit, die liebe, liebe Zeit, nicht so mit einem Schlage abgebrochen sein. Sagen Sie mir, was ich getan, was ich verbrochen habe, gestatten Sie mir dann, daß ich mich verteidige.«
»Was Sie getan, Herr Graf,« erwiderte Melanie, der bei der Erinnerung alles dessen, über das sie Ursache zu haben glaubte – gerechte Ursache – zu zürnen, das Blut mit voller Macht in Wange und Schläfe strömte, »ich glaube nicht, daß es mir zusteht, Sie über irgend etwas, was Sie getan haben könnten, zur Rede zu stellen. Hätten Sie es für gut gefunden, mich irgend eines Schrittes wegen, den Sie zu tun gedachten, um Rat zu fragen, wäre es vielleicht etwas anderes, doch so...«
»O, weichen Sie mir nicht aus,« bat Geyerstein in herzlichem Tone und von der Gewalt des Augenblicks hingerissen, »Melanie Sie müssen wissen, wie mein Herz...«
»Herr Graf – nicht weiter, wenn ich bitten darf,« unterbrach ihn plötzlich mit ernstem, strengem Tone die junge Gräfin, indem sie sich zu ihrer vollen Höhe stolz, ja fast zürnend emporrichtete. – »Ersparen Sie sich und mir ein Thema, das nur für beide Teile – schmerzlich enden kann.«
»Melanie!« rief Geyerstein entsetzt, »was, um aller Heiligen willen...«
»Sie vergaßen wohl in dem Augenblick,« fuhr die Komtesse fort, und ihre Züge glichen jetzt denen einer Marmorbüste, »das Verhältnis, in dem Sie zu der Seiltänzergruppe jenes Bertrand stehen? – Sie vergaßen...«
»Großer Gott!« stöhnte der Rittmeister, und bleich, wie das ihm gegenüberstehende schöne Weib, fuhr er von seinem Sitz empor.
»Wie das Geheimnis zu meinen Ohren kam,« fuhr Melanie kalt und ruhig fort, »bleibt sich gleich, Sie selber bestätigen alles durch Ihr Schweigen. – Jetzt aber werden Sie doch auch wohl fühlen, daß zwischen uns nicht mehr von den Empfindungen des Herzens die Rede sein kann. Die Tochter des Grafen von Ralphen dünkt sich zu gut...«
»Halten Sie ein, Komtesse!« rief der Graf mit ausgestreckter Hand und fast tonloser Stimme, »sagen Sie nichts weiter! Es ist genug – übergenug – und das wenige selbst – hätte sich vielleicht auf weniger harter Weise sagen lassen – aber es ist geschehen. Sie haben nicht zu fürchten, daß ich Ihnen je wieder mit Wort oder Blick nur nahen werde – dennoch bitte ich Sie, in den Augen der Welt...«
»Fürchten Sie nicht, daß ich Ihr Geheimnis mißbrauchen werde,« unterbrach ihn Melanie, »wie immer die Welt auch wohl dergleichen beurteilen möchte. Was ich gesprochen, sprach ich nur für mich, und wie ich glaube, war ich das mir und meiner Stellung in der Welt schuldig. Aber ich höre meinen Vater – er wird kommen, um Sie abzurufen.«
Der Graf neigte sich ehrerbietig, aber kalt vor ihr, er hatte seine ganze Fassung und Männlichkeit wiedergewonnen, und in demselben Augenblick auch fast öffnete sich die Tür, in welcher der Kriegsminister, schon in Uniform, um gleich nachher zum Fürsten zu fahren, erschien.
»So, mein lieber Geyerstein,« sagte er freundlich, als er dem jungen Manne die Hand entgegenstreckte, »jetzt bin ich mit allem fertig und stehe Ihnen noch auf eine halbe Stunde zu Diensten. Er will uns davonlaufen, Melanie, will hinauf nach Mecklenburg und Hirsche schießen, Güter einrichten, und Gott weiß was alles. Wir werden Sie hier vermissen, Geyerstein, und Rosalie besonders wird untröstlich darüber sein. Wo steckt denn das Mädchen überhaupt heute morgen – wohl wieder ausgefahren? Aber du siehst so blaß heute aus, Melanie; fehlt dir was, mein Kind?«
»Nichts, lieber Vater – nur ein wenig Kopfschmerz hatte ich heute, und habe deshalb Rosalie auch nicht begleitet. Es wird bald vorübergehen.«
»Exzellenz gestatten mir dann vielleicht, Ihnen oben in Ihrem Zimmer die Papiere vorzulegen,« sagte Graf Geyerstein.
»Schön; wenn Sie alles bei der Hand haben, desto besser. – Apropos, Sie sind auf heute mittag schon versagt? Ich möchte Sie gern noch so lange als möglich bei uns haben.«
»Ich muß unendlich bedauern...«
»Machen Sie um Gottes willen keine Umstände; Sie sollen nicht im mindesten geniert sein. Also kommen Sie. – Adieu, mein liebes Kind; lies nicht zu viel, das nimmt dir den Kopf nur noch mehr ein.«
Graf Geyerstein verabschiedete sich bei der Komtesse mit einer tiefen Verbeugung, und ebenso förmlich dankte ihm die Dame. Der alte Herr bemerkte das aber nicht; er übersah schon flüchtig die Papiere, die ihm der Rittmeister eben übergeben hatte, und mit freundlichem Kopfnicken nur von seiner Tochter Abschied nehmend, verließ er gleich darauf, von dem Grafen gefolgt, das Zimmer.
Melanie blieb, als die beiden Männer die Tür hinter sich geschlossen hatten, noch eine ganze Weile stumm und regungslos stehen. Hatte aber auch ihr stolzer Geist in dem entscheidenden Moment den Sieg über das nur zu schwache Herz davongetragen, jetzt – jetzt vermochte sie nicht mehr. Ein leises Frösteln flog über ihren Körper, sie schwankte zum Sofa, barg das bleiche Antlitz in den Händen und weinte – weinte, als ob ihr Herz vor unendlichem Weh zerbrechen müsse in der Brust.
10.
Oben, inmitten des schönen Mecklenburger Landes, an einem der kleinen reizenden Seen, lag das nicht unbeträchtliche Rittergut Schildheim, seit undenklichen Zeiten schon einem alten Mecklenburger Geschlecht erb- und eigentümlich. Der letzte desselben heiratete eine Komtesse Geyerstein aus einer Nebenlinie im nordöstlichen Preußen, und um sie die Heimat nicht so sehr vermissen zu lassen, wurde damals das alte, durchaus neu restaurierte Gut ganz nach preußischer Art eingerichtet; ja sogar einen preußischen Verwalter und eine Wirtschafterin brachte die junge Frau mit dorthin, sowie Leute von ihren eigenen Gütern, und Schildheim hieß demnach und von der Zeit an in der Umgegend nur »das preußische Gut«. Der Besitzer starb, aber seine Witwe, eine Großtante Wolfs von Geyerstein, überlebte ihn noch viele Jahre, und als auch sie in der Familiengruft beigesetzt wurde, ging das Gut durch Erbschaft an Wolfs Mutter über.
Mit den Jahren hatte sich jetzt dort vieles verändert. Die Wirtschafterin war gestorben und eine andere aus dem Lande selber angenommen worden. Dann hatte ein Pächter das Ganze übernommen, und die preußischen, dazu gehörigen Familien verdingten sich teils auf anderen Gütern, teils hatten sie sich selber etwas erspart und einen eigenen kleinen Grundbesitz gekauft. Nur die Gebäude waren noch die alten und der Name »das preußische Gut« ebenfalls auf dem alten Herrensitze haften geblieben. Die Leute in der Nachbarschaft kannten es fast unter keiner andern Benennung, und doch verdiente sie das Gut schon lange nicht mehr. Von den eigentlichen, dort hinübergezogenen Preußen lebte in der Tat nur noch einer, der alte Verwalter, ein Mann hoch in die Sechzig aber mit noch rüstigen Kräften, der samt den Dienstleuten der seligen Besitzerin, und zwar als Ochsenjunge, herübergekommen war und sich durch Fleiß und ehrliches Betragen zu solchem Ehrenposten aufgeschwungen hatte. Das eigentliche Inventar aus ältester Zeit blieb aber eine andere, höchst eigentümliche Persönlichkeit, und das war der alte Forstwart, wie er dort überall hieß. Dieser, ein origineller Kauz, aber ein durchaus braver und rechtlicher Mann, hatte seine Karriere auf dem preußischen Gute von der Pike auf gemacht, das heißt vom Holzdieb bis zum Forstwart, wo er halten blieb, und jetzt, in seinem hohen Alter, eigentlich mehr das Gnadenbrot aß, als noch wirklichen Nutzen leistete. Dabei hing er an dem alten Platz, besonders an seinem Walde – denn um die Menschen bekümmerte er sich wenig oder gar nicht – mit einer Zuneigung, die man in dem sonst so abgeschlossenen und selbst scheuen Gesellen gar nicht gesucht haben würde.
Der Förster war allerdings sein Vorgesetzter, aber bekümmerte sich wenig um ihn und tat seine Pflicht, ohne ihn viel damit zu belästigen. Jener war auch gern damit zufrieden, wenn er nur den Holzfrevlern ein wenig auf die Finger sah und im Winter dem Raubzeug Fallen stellte, und zu beiden Beschäftigungen ließ sich niemand besser verwenden als der alte, für seine Jahre aber noch außerordentlich rüstige Forstwart Barthold. Die Frevler fürchteten nämlich den alten Mann weit mehr und gingen ihm weit sorgfältiger aus dem Wege, als wenn er der jüngste und kräftigste Forstgehilfe gewesen wäre, denn sie glaubten: er könne mehr als Brot essen, das heißt, er stände mit verschiedenen über- und unterirdischen Mächten im Bunde, was sich mit dem Seelenheil eines gewöhnlichen Christen nicht vertrug. Ging er doch auch in keine Kirche, und man erzählte sich von ihm im Dorfe die tollsten und abenteuerlichsten Geschichten – und doch gab es kaum ein harmloseres Wesen in der weiten Umgegend, als eben diesen braven alten Forstwart. Nur dem Raubzeug im Walde, den Füchsen, Mardern, Wieseln, Iltissen und wilden Katzen war er ein grimmer und schlauer Feind, weil sie Sicherheit und Leben seiner lieben Waldsänger, der Vögel, bedrohten.
Etwa zehn Minuten Weges – oder eine halbe Pfeife Tabak, wie die Bauern manchmal ihre Wege messen – von dem Rittergut Schildheim entfernt und dicht am Ufer des kleinen schilfbewachsenen Sees, lag ein sehr freundliches Dorf gleichen Namens mit einigen wohlhabenden Bauern, wie auch von den Arbeitern bewohnt, die auf dem Gute ihre Nahrung fanden. Dort war eben Kirchweih abgehalten worden, und die Bauern und Insassen feierten jetzt noch – gewissermaßen zur Erholung von den überstandenen Festlichkeiten – die Nachkirchweihe in einer Art von verlängertem blauen Montag. Die Köpfe wüst von vielem Tanzen und Trinken und den verschiedenen durchschwärmten Nächten, hatten sie noch keine rechte Lust, wieder zu ihrer regelmäßigen, steten Arbeit zurückzukehren und glaubten die Zeit denn natürlich nicht besser anwenden zu können, als wenn sie das früher begonnene Zechen ein klein wenig länger fortsetzten. Der arbeitsame Bauer ist schwer aus seiner altgewohnten, täglichen Beschäftigung herauszubringen; wenn aber einmal draußen, bekommt er sich selber auch nur äußerst schwer wieder hinein. – Er weiß das selber recht gut und läßt sich deshalb eben Zeit dazu.
Im Dorfe war ein ziemlich großes Wirtshaus: Zum Stern; denn die Chaussee führte um den See herum und wurde besonders stark von Fuhrleuten befahren, welche die Landesprodukte früher bis an die See nach Wismar, seit Einrichtung der Eisenbahn aber, mit noch viel lebendigerem Verkehr, nach der nächsten, etwa sechs Meilen entfernten Eisenbahnstation schafften. Der Stern bildete denn auch jetzt den Mittelpunkt, in welchem die Honoratioren des Ortes zusammenkamen, bei Wein oder Bier die Nachwehen der überstandenen frohen Tage zu vertreiben, und selbst der alte Verwalter vom Schloß, eigentlich kein Wirtshausgänger, war heute unter ihnen und saß mit einem Glase Wein vor sich am runden Tisch in der unteren Stube, denn kaltes, unfreundliches Wetter hatte die Gäste in das Innere des Hauses getrieben. Der alte Verwalter war aber eigentlich nicht bloß um zu trinken hergekommen, sondern er brauchte Leute aus dem Dorfe zur Arbeit, und wußte, wie schwer es hielt, sie selbst von der Nachkirchweihe fortzulocken. So willig sie sich auch sonst finden ließen, heute wichen sie ihm aus, und der alte Mann, der nicht hinter ihnen herlaufen konnte, hatte sich deshalb wie die Spinne hier mitten in das Netz gesetzt, wo sie ihm, wie er recht gut wußte, doch zuletzt anlaufen mußten. Neben ihm, ineinandergedrückt und schläfrig, saß ein anderer alter Gesell, der faule Tobias, wie sie ihn im Dorfe nannten. Er sah fast wie ein Müller aus, mit seinem hellblauen, weiß bestaubten Rock, war auch früher ein Müller, und noch dazu ein ganz tüchtiger, gewesen, und wohnte in der unteren Mühle, aber nur zum Auszug. Er hatte vor längeren Jahren Mühle wie Anwesen an seinen Schwiegersohn verkauft und sich nur, wie das häufig Sitte ist, seinen Auszug, das heißt Wohnung und Verpflegung bis zum Tode, vorbehalten, dann das Geld genommen und lustig damit gelebt, und jetzt hieß es allgemein, daß er wohl bald mit der erhaltenen Summe fertig sein müsse. Das aber kümmerte ihn gar wenig. Ohne die geringste Beschäftigung, war er den Vor- wie Nachmittag sicher im Stern zu treffen. Nur an warmen Tagen ging er manchmal mit der Angel an den Bach, aber er war selbst zu faul, Würmer zu suchen, besteckte seine Angel deshalb nur, legte sie ins Wasser und sich daneben in den Schatten irgend eines Baumes, und schlief so lange, bis er durstig wurde. Dann stand er auf, packte sein Angelzeug zusammen und ging wieder in den Stern, und die Leute im Dorfe nannten ihn so mit Recht den faulen Tobias.
Daß der Bursche nicht zum Arbeiten zu bringen war, selbst wenn er noch hätte arbeiten können, wußte der Verwalter recht gut, richtete deshalb auch kein Wort an ihn, und die beiden saßen eine Weile schweigend neben einander, wobei Tobias manchmal mit den rotgeränderten und feuchten Augen nach ihm hinüberblickte, und sich nur bewegte, wenn er sein Glas hob oder es von frischem füllen ließ.
»Na,« nahm da endlich Tobias das Gespräch auf, denn es verdroß ihn, daß ihn der Verwalter keines Wortes würdigte, »wird ja jetzt bald ein anderes Leben in dem alten Schlosse werden, he? – Kommt heute ein neuer Pachter hinein, der wahrscheinlich einmal ein bischen reine Bahn macht.«
»Möglich,« sagte Schönle, der Verwalter, trocken. »Euch wird er aber doch wohl nicht ändern können.«
»Mich? – ne – wäre auch schade,« lachte Tobias stillvergnügt vor sich hin, denn er wußte jetzt, daß er den Verwalter geärgert hatte, »bin so hübsch genug und muß nun auch so bis an mein Ende – das Gott der Herr mir und meinem Schwiegersohn zuliebe wohl noch ein paar Jährchen hinausschieben wird, – aufgebraucht werden; hehehe!«
Der Verwalter antwortete ihm nichts darauf, trank einen Schluck aus seinem Glas und sah ungeduldig nach der Tür. Die Gesellschaft gefiel ihm nicht, und er wäre gern aufgestanden, hätte er nur irgendwo anders einen passenden Platz gehabt. Der Alte merkte dies recht wohl, aber noch viel zudringlicher fuhr er fort: »Es hieß ja einmal eine Weile im Ort, der Herr Verwalter würden den Pacht selber übernehmen, he? Der gnädige Herr da draußen hat aber wohl nichts davon wissen wollen? Ja – ist eine alte Geschichte: der Prophet gilt nichts im eigenen Lande, hehehe!«
Damit hatte er übrigens, wie er recht gut wußte, des Verwalters wundesten Fleck getroffen; der alte Mann stand auch auf, trank sein Glas aus und sagte: »Ihr seid ein unverbesserlicher Schwätzer, Tobias, und ein so nutzloses Subjekt, wie je auf zwei Beinen herumgetaumelt ist. Wenn Ihr einmal nüchtern seid, will ich weiter mit Euch reden.« Und damit wollte er sich von dem höhnisch zu ihm aufschauenden Alten abdrehen, als die Türe aufgerissen wurde, und einer der Gutsknechte atemlos hereingestürzt kam.
»Sie sind da – sie sind da!« schrie der Bursche, ohne nur zu grüßen, den Verwalter an, »eben fahren sie die Allee hinauf – zwei Wagen hintereinander.«
»Alle Wetter!« rief der Verwalter erschreckt, »und ich sitze hier und verschwatze die Zeit mit dem – Lump da!« Und ohne weiter einen Blick zurückzuwerfen, fuhr er aus der Türe, sprang auf sein draußen angebundenes Pferd, das der Knecht rasch von dem eisernen Ringe löste, und sprengte, was dieses laufen konnte, den breiten Fahrweg hin, der nach dem Schlosse hinaufführte. Der alte Tobias sah ihm tückisch nach.
»Lump?« brummte er leise und grimmig vor sich hin, »na, warte, Alter, den Lump werde ich Dir gedenken, preußischer Dickkopf, der sich immer aus was besserem gemacht denkt! – Verwalterhacke, auf eine Ochsenjungenpeitsche gepfropft – wenn ich die Zeit nur noch erlebe, daß sie dich vom Hofe jagen. – Lump! – selber einer!« – und mit den giftig hervorgestoßenen Worten goß er den letzten Rest seines Kruges hinunter.