Oben im Schlosse ging es indessen lebhaft zu, denn mit Blitzesschnelle hatte sich die Nachricht von dem Eintreffen des Gutsherrn, wie des neuen Pachters, die eigentlich erst auf morgen angesagt waren, verbreitet. Die Leute sammelten sich rasch im Schloßhofe, und als die Wagen über die etwas morsche Brücke des sogenannten Teichgrabens rasselten, sprengte auch schon der Verwalter von der anderen Seite vor das Herrenhaus und behielt gerade noch Zeit, sein Pferd einem der Knechte zu übergeben und sich selber dem Pachter anzuschließen, um die Herrschaft zu empfangen. Die Wirtschafterin war allein nicht fertig geworden und in ihre Kammer hinaufgesprungen, wo sie in aller Hast und Eile den Schlüssel suchte, den sie schon von Anfang an in der Hand hielt, um eine reine Schürze vorzubinden und eine frische Haube aufzusetzen.
Die beiden Wagen hielten jetzt vor dem Herrenhause, der alte Verwalter sah aber kaum die beiden Herren und die elegant gekleidete Dame, die aus dem ersten stiegen und von dem Pachter auf das ehrfurchtsvollste begrüßt wurden. Sein Auge hing vielmehr an dem zweiten, in dem ein ältlicher Mann mit zwei Kindern saß. Hatte der neue Pachter sich seinen Verwalter gleich mitgebracht, und konnte er jetzt gehen, um sich auf seine alten Tage sein Brot wo anders in der Welt zu suchen? Den alten Mann überlief es siedendheiß; ein eigenes Zittern überkam ihn, und die fremden Gestalten flimmerten und zuckten ihm vor den Augen, daß er kaum imstande war, sie voneinander zu unterscheiden. Nur einen von ihnen allen kannte er schon, den Herrn Rittmeister von Geyerstein, der zuerst aus dem Wagen gesprungen war und der Dame jetzt die Hand bot, um ihr beim Aussteigen behilflich zu sein. Wie behend aber gerade die Dame von dem ziemlich hohen Wagentritt, nur leise die ihr gebotene Hand berührend, niedersprang! Der Pachter kam dadurch mit der Anrede ganz aus seinem Konzept, und der Rittmeister hatte seine Hand genommen und geschüttelt, ehe er imstande gewesen war, ihn zu begrüßen.
Auch die Insassen des zweiten Wagens stiegen jetzt aus, und das kleine Mädchen hatte zum Entsetzen der Mägde ebenfalls von oben herunterspringen wollen, aber der ältliche Mann, der bei ihnen saß, verhinderte sie daran, ließ erst den Wagenschlag öffnen und stieg dann langsam mit den Kindern aus.
»Da sind wir denn an Ort und Stelle,« sagte jetzt Graf Geyerstein, sich freundlich zu seinem Begleiter wendend, »und ich hoffe, daß es Ihnen hier recht gut gefallen wird. Die Gegend ist fruchtbar und nicht ohne landschaftliche Reize, der hier wohnende Menschenstamm einfach und bieder, und einzelne der Nachbarn sind vortreffliche Leute, so daß es sich hier im Notfalle schon leben läßt. Unser alter Pachter hat sich hier, so viel ich weiß, ganz wohl befunden.«
»Und würde den Platz im Leben nicht verlassen haben, Herr Graf,« sagte der Mann, »wenn nicht außergewöhnliche Umstände, wie Sie recht gut wissen, mich dazu genötigt hätten. Ich habe hier eine frohe und glückliche Zeit verlebt und viel Gutes genossen, und müßte ein schmählich undankbarer Mensch sein, wenn ich das leugnen oder auch nur verheimlichen wollte.«
»Der Platz sieht nicht übel und das Gut reinlich und freundlich aus,« bemerkte jetzt die Dame, die ein dunkles Reisekleid trug, »nur die Nachbarn scheinen mir ein etwas weitläufiger Begriff.«
»Wir haben es vorderhand auch nicht mit den Nachbarn, sondern mit uns selber zu tun,« bemerkte rasch der Fremde, »und werden Fleiß darauf zu wenden haben, uns tüchtig einzuarbeiten.«
»Und darin wird Sie hoffentlich mein alter Verwalter hier nach Kräften unterstützen. Wie geht's, Schönle?« mit diesen Worten wandte sich der Graf plötzlich an den alten Mann und reichte ihm die Hand. »Noch immer frisch und kräftig bei der Arbeit? Ich bringe Euch hier den neuen Pachter vom Gute, und bitte Euch, nachher einmal auf mein Zimmer zu kommen. Ich habe manches mit Euch über die neue Einrichtung zu besprechen.«
»Gnädigster Herr Graf, Erlaucht –« stammelte der alte Mann, und die freundliche Anrede hatte ihm eine Zentnerlast von der Brust gewälzt, »Sie können gar nicht glauben – schon lange darauf gefreut – heidenglücklich.«
»Schon gut, Alter, schon gut,« nickte ihm der Rittmeister freundlich zu, und fuhr dann, zu seinem Begleiter gewandt, fort: »Das ist ein altes Inventar des Gutes, das wir in Ehren halten müssen. Der Mann kennt jeden Stein und Baum umher, versteht seine Sache und ist brav und ehrlich. Ich hoffe, ihr sollt gute Freunde mitsammen werden. Gott grüß' euch, ihr Leute, ich denke, wir gehen hinauf. Die gnädige Frau wird sich umziehen wollen, um zum Diner bereit zu sein. Schönle, führen Sie die Herrschaften in die für sie bestimmten Zimmer. Es ist doch alles in Ordnung gebracht?«
»Alles, Herr Graf,« versicherte der Pachter, »obgleich wir Sie eigentlich auf morgen erwarteten. – Vogt, sorgt Ihr dafür, daß die Sachen augenblicklich hinaufgebracht werden.«
Die Leute hatten sich bei dem an sie gerichteten freundlichen Gruße des Herrn herzugedrängt und warfen sich jetzt in einem wahren Feuereifer auf die verschiedenen Koffer und Hutschachteln, da jedes von ihnen wenigstens einen Teil des Gepäckes tragen und sich dabei diensteifrig beweisen wollte. War doch ihr junger Herr von allen recht von Herzen geliebt, und der Tag immer ein Freudenfest, wo er einmal – was freilich selten genug geschah – unter ihnen erschien. Wie die Fremden aber im Schlosse verschwanden, und das Gepäck an Ort und Stelle abgeliefert war, blieben sie auch den Blicken der Dienstleute für diesen Tag entzogen, und die Knechte und Mägde hatten nun Raum, abends in der Gesindestube ihre Ansichten über den neuen Pachter und seine Begleitung auszutauschen. Das geschah denn auch ohne Rückhalt, und der gemeine Mann hat da oft, was das erste Urteil über eine neue Erscheinung betrifft, einen weit schärferen Blick und gesünderen Takt, als man ihm gewöhnlich zutraut.
Selbst der Vogt, eine Art Unterverwalter auf dem Gute, eigentlich aber nur der erste Knecht mit dem Titel Vogt, schien heute das Bedürfnis gefühlt zu haben, dem übrigen Gesinde, von dem er sich sonst gern etwas abgesondert hielt, seine Meinung über die neue Pachterfamilie mitzuteilen. Er stand an dem Ofen, neben dem die Milchmagd eben einige ausgewaschene Gefäße zum Trocknen aufgestellt hatte, indem er an seiner Pfeife arbeitete, um sie wieder in Gang zu bringen. Er wartete augenscheinlich, von den übrigen als Autorität zuerst angeredet zu werden, und hatte sich darin denn auch nicht getäuscht.
»Na, Vogt,« sagte der erste Schafknecht oder Schäfer, der oben am Tische saß und, während die Mägde die abgegessenen Schüsseln wieder hinaustrugen, sein Rauchzeug ebenfalls hervorholte, »da haben wir ja den neuen Pachter warm aus der Stadt heraus. Wie gefällt er Euch?«
»Gut,« sagte der Vogt, einen langen Spanfidibus an die kurze Pfeife haltend, »er hat etwas Respektierliches im Aussehen; beinahe so, wie unser gnädiger Herr selber, wenn er auch mit dem großen Bart ein bischen wild drein schaut.«
»Uns auch,« meinte der andere Knecht, »und Donnerwetter, wie die Madame, die neue Pachterin, springen konnte! Die möcht' ich einmal auf dem Tanzboden sehen; die muß nicht schlecht fliegen können.«
»Wer war nur der Alte, der in dem zweiten Wagen bei den Kindern saß?« meinte der Schäfer, »das ist ein wunderlicher Kauz. Ueber das Gesicht zuckt es ihm immer, wie tausend Falten, als ob's ihn an der Nase juckte und er sich nicht kratzen dürfte.«
»Hm,« meinte der Vogt, »ich denke mir, das wird wohl der Lehrer von den beiden Kindern sein, den sie sich mitgebracht haben. Erst hielt ich ihn für einen neuen Verwalter, aber wie ein Oekonom sieht er mir doch nicht aus, und der Alte bleibt ja auch, das hat ihm der gnädige Herr gleich versichert.«
»Aber der gnädige Herr sieht recht bleich und abgemagert aus,« sagte die Großmagd, »er muß gewiß krank gewesen sein. Er war auch so ernst und still; gar nicht so fröhlich, wie das letzte Mal, wo er hier war.«
»Das macht die Stadtluft,« meinte der Vogt, »in dem vielen Steinkohlenqualm und Dampf können die Menschen natürlich nicht so gesund sein, wie hier draußen bei uns in der frischen Luft. Wo soll's denn herkommen?«
»Ach was!« sagte die Magd, »das ist kein Steinkohlendampf, was dem gnädigen Herrn auf dem Gesichte liegt, das ist was anderes, viel schwereres, und ich will ihm zu Gott wünschen, daß er kein geheimes Herzeleid zu tragen hat.«
»Herzeleid,« lachte der Pferdejunge, der sich hinter den Ofen auf die Bank gedrückt hatte, und erst vor ein paar Monaten hier angezogen war, überhaupt ein etwas naseweiser Gesell, »wo soll derlei Herzeleid herkriegen! Das hat Geld genug, und mit dem Geld kauf' ich dem Teufel sein Ohr ab in der Welt.«
»Du Gelbschnabel, weißt wohl auch schon, wie es in der Welt aussieht,« sagte die Großmagd, ihn verächtlich über die Achsel ansehend, »daß solche – Nasen, die noch nicht einmal hinter den Ohren trocken sind, auch schon mitreden wollen!«
»Nun, nu,« sagte der Pferdejunge, »beiß mich nur nicht, Kathrine!« Das Mädchen aber antwortete ihm gar nicht mehr, und der Vogt meinte: »Die kleine Deren ist ein fixes Ding, drall und nett, und hält sich wie ein Grenadier – der Junge scheint mir's aber hinter den Ohren zu haben. Wie er den Jahn mit seinen weiten Hosen sah, stieß er heimlich den Alten an, und der, wenn er auch keine Miene verzog, sah doch aus, als ob er sich innerlich ausschüttete – der Junge aber lachte laut heraus.«
»Na, ich möchte wissen, was sie an mir zu lachen fänden,« brummte Jahn, der Schafknecht.
»Die Madame sieht aber nicht aus, als ob sie Butter und Käse machen könnte,« meinte die Mittelmagd, ein junges, dralles Ding, »sie trug auch so neumodische Handschuhe an den Händen, und mit der weißen Haut wird sie wohl noch keine Garben mit gebunden haben. Das scheinen vornehme Leut' zu sein, die neuen Pachters.«
»Ja,« meinte der Vogt, »jetzt wird alles in den Schulen und Instituten aus lauter Büchern gelehrt: das Melken und Käsemachen, und das Ackern und Eggen, mit dem Pferdeputzen in den Kauf, und das haben sie denn alles da drin mit Bildern hübsch aufgezeichnet und können es nur so am Schnürchen hersagen. Den Mist lassen sie ja sogar aus Amerika kommen. Wie's aber nachher um die Wirtschaft aussieht, das ist eine andere Sache, und da verexperimentieren sie denn gewöhnlich die ganze Blase, und unsereiner muß nachher mit den Fäusten wieder dreinspringen und gut machen, was die klugen Leute alles verdorben haben.«
»Wo war denn der Schafmeister heute, als die Herrschaft kam?« fragte jetzt der eine Knecht, »der fehlt doch sonst gewöhnlich nicht bei solcher Gelegenheit.«
»Ich weiß nicht,« meinte der Schafknecht, »drunten im Ort vielleicht...«
»Der wird wieder schön um die neue Herrschaft herumscherwenzeln,« meinte der Vogt, »aber ich passe ihm diesmal auf die Finger, darauf kann er sich verlassen.«
»Wenn Ihr nur immer was auf den Schafmeister zu hacken habt,« brummte Jahn, »der ist lange gut.«
»Aber wozu?« fragte der Vogt, und die anderen lachten. »Wo es was zu horchen und zu spionieren gibt, ja,« fuhr der Vogt fort, »irgend was der Herrschaft zu rapportieren, oder anderen Menschen...«
»Jahn,« sagte in dem Augenblick der Schafmeister, der seinen Kopf zur Türe hereinsteckte, »sieh nach den Schafen, ehe es dunkel wird – und Ihr, Vogt, habt wohl auch weiter nichts zu tun, als hier zu schwatzen?« Und damit schloß sich die Türe wieder, hinter welcher der Schafmeister wie eine Erscheinung verschwand.
Im ersten Moment herrschte in der Gesindestube Totenstille, nur der Pferdejunge hinter dem Ofen kicherte leise vor sich hin, dann aber fuhr der in seiner Würde gekränkte Vogt empor und rief, aber doch noch immer mit etwas gedämpfter Stimme: »So? – ich denke wohl, ich werde selber wissen, was ich zu tun habe, ohne daß ich einen Schafmeister brauche, der es mir erzählt. Gewisse Leute mögen überhaupt nur denken, daß ihre Herrschaft jetzt aus und vorbei ist, und die Kriecherei jetzt nichts mehr hilft, wie vormalen.« Damit aber, als ob er jetzt alles getan hätte, um die Achtung vor seiner Stellung aufrecht zu erhalten, schob er seine Pfeife in die Brusttasche, griff seinen Hut auf, und sich zum Gehen wendend, fuhr er noch einmal die Knechte an: »Und Ihr braucht auch nicht hier bei hellem, lichtem Tage schon dazusitzen und Maulaffen feilzuhalten. Der Verwalter wird gleich wieder unten sein, und wer dann die ewigen Nasen kriegt, das bin ich!« Und mit den Worten fuhr er zur Türe hinaus, um seinen Aerger womöglich draußen an den Dreschern und Tagelöhnern auszulassen.
11.
An diesem Abend ließ sich die Herrschaft nicht mehr blicken; das Diner wurde oben gemeinschaftlich genommen, und dann hatte Graf Geyerstein den ganzen Abend mit seinem Pachter zu rechnen und zu revidieren, um nur die nötigsten Vorarbeiten für die auf die nächsten Tage festgesetzte Uebergabe des Inventars usw. zu beseitigen. Es war zwölf Uhr vorbei, ehe die beiden Männer zu Bett kamen.
Am nächsten Morgen, früh um acht Uhr, standen schon zwei Pferde gesattelt vor dem Schlosse, und Graf Geyerstein ritt gleich darauf mit dem neuen Pachter über die Brücke hinüber und schlug den Weg nach dem Walde ein. Die Mägde, die draußen Runkelrüben ausmachten, richteten sich auf und schauten ihnen nach, so weit sie konnten; die beiden Männer saßen gar zu fest und herrlich im Sattel, und die Tiere schienen zu wissen, was für tüchtige Reiter sie trugen, denn sie wieherten fröhlich der frischen Morgenluft entgegen und flogen mit den kräftigen Gliedern nur so hin über den weichen Rasen. Die Reiter hatten in der Tat ihren Pferden im Anfang die Zügel gelassen, daß sie nach Gefallen eine Strecke ausholen konnten. Aber vom Gute weiter entfernt, und als sie jetzt vom See ab, dem etwa eine Viertelstunde entfernten Holze zu bogen, zügelte Graf Geyerstein zuerst sein Tier ein, ritt dann dicht bis an die Holzung, deren mächtige Eichen ihre Riesenarme über sie ausspannten, und wandte hier den Kopf seines Pferdes der Richtung zu, von der sie hergekommen waren. Einen besseren Fleck zu einem Ueberblick der ganzen Nachbarschaft hätte er auch nicht wählen können, und ein reizendes, landschaftliches Bild lag vor ihnen ausgebreitet. Rechts hob sich, von einer Masse Fruchtbäume dicht umdrängt, und von einer Reihe hoher, italienischer Pappeln überragt, das Gut empor, dessen rote Dächer gar freundlich aus dem dunkeln Grün der Bäume hervorschauten. Gerade voraus spannte sich die in der Morgensonne blitzende und funkelnde Fläche des Sees, und zur Linken, längs dem schilfigen Ufer desselben hingebaut, lag das kleine, freundliche Dörfchen Schildheim, von gelben Stoppelfeldern und braunen Sturzäckern dicht und reich umgeben. Berge konnte das Land freilich nicht aufweisen, einzelne wellenförmige Erhöhungen und Hügelketten ausgenommen, aber heute hatten die Wolken einen Hintergrund geliefert, und im Südosten hoben sich, wie kühne Alpenjoche, hohe, milchweiße Massen jach empor, die ganze Landschaft wie in einen Rahmen schließend.
»Siehst du, Georg,« sagte der Rittmeister, seine Hand hinüber auf des Bruders Arm legend, »es ist ein schönes, freundliches Land, in das ich dich geführt, und geht deine Erinnerung weit genug zurück, so mußt du sogar in dieser noch einen Anhalt finden. Als Kinder haben wir die alte Großtante hier einmal besucht, bald nachher, als der Onkel gestorben war, und sind auf dem See dort gefahren, wie wir durch den Wald hier mit demselben alten Forstwart gezogen, der selbst jetzt noch am Leben ist, und den wir wahrscheinlich heute morgen sehen werden.«
»Und wie soll ich dir je danken, Wolf, daß du mich eben hierher geführt?« rief Georg, während eine Träne in seinem männlichen Auge zitterte, »wie soll ich je...«
»Laß das, Georg,« unterbrach ihn freundlich der Bruder, »glaube mir, dieser Augenblick wiegt – alles andere auf, was mich je betroffen haben könnte, so glücklich, so selig macht er mich selber. Ich weiß dich aus einem Leben gerettet, das deiner unwürdig war, in dem du hättest untergehen müssen; ich sehe für unsere Mutter einen unverhofften und deshalb so viel reicheren Segen an Glück herniedertauen, ich weiß dich froh und für deine Zukunft gesichert, und wenn das wenige, was ich getan, wirklich einen Lohn verdient, so finde ich ihn tausendfach in diesem Gefühl.«
»Mein guter, braver Wolf!« sagte Georg, des Bruders Hand fassend und herzlich drückend.
»Komm jetzt,« rief Wolf fröhlich, »laß uns absteigen und zu Fuß in den Wald gehen. Dort drüben sehe ich einen der Holzmacher, dem wir unsere Tiere übergeben können. Ich selber gehe dann mit dir den Fußpfad durch das Holz.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, sprengte er auch, von dem Bruder gefolgt, am Holzrande hin, auf einen einzelnen, dort mit Anzeichnen von Bäumen beschäftigten Arbeiter zu. Diesem wurden die Pferde mit dem Befehl übergeben, sie zum Försterhause zu führen, und die beiden Brüder verschwanden gleich darauf in dem Schatten des wunderschönen Waldes.
Kaum aber im Dickicht drin, als Wolf auch den Arm des Bruders in den seinen zog und mit herzlicher Stimme sagte: »O, Georg, wie habe ich mich nach diesem Augenblicke gesehnt, wieder so einmal Arm in Arm mit dir durch den Wald zu ziehen, wieder einmal der alten Zeiten gedenken zu können, und Mensch – Kind zu sein! Ach, es war doch eine schöne, liebe Zeit, da wir noch als Knaben hier zusammen spielten, den alten Forstwart neckten und in die Bäume hinaufkletterten, um dem Sperber ins Nest zu schauen!«
»Und sehnst auch du dich nach der alten Zeit zurück, Wolf?« fragte der Bruder. »Du könntest doch jetzt glücklich sein; aber mir selber ist es schon so vorgekommen, als ob ein geheimer Schmerz an deiner Seele nage. Darf ich ihn wissen? – kann ich vielleicht mit meinem Rat dir helfen? denn wenn weiter nichts in der Welt, Erfahrung habe ich in reichem, vollem Maße gesammelt. – Oder drückt nur die Sorge um mich dich so schwer zu Boden? Dann sei guten Mutes, ich werde dir beweisen, was der feste Wille eines Mannes vermag.«
»Wirst du das in der Tat, Georg?« rief Wolf bewegt, »dann machst du mich wirklich glücklich – und dich zugleich mit. Wie es scheint, hast du aber harte Kämpfe mit deiner Frau gehabt. Wir waren noch nicht einmal imstande, darüber zu sprechen.«
»Allerdings,« seufzte Georg, »und eigentlich bewog ich sie nur dadurch, mir zu folgen, daß ich darauf bestand, wie du mir geraten, mein Recht auf das Kind geltend zu machen. Sie wollte sich nicht von Josefinen trennen. Ich fürchte auch, es wird sehr schwer halten, sie hier heimisch zu machen.«
»Glaube das nicht,« sagte Wolf, »die Hauptsache war, sie jenem aufregenden, wilden Reiterleben erst einmal zu entrücken, und aus dessen Bereich, wird sie es bald vergessen lernen.«
»Ich fürchte, das wird nicht der Fall sein.«
»Georgine ist eine durchaus gescheite Frau,« sagte der Rittmeister, »und ich zweifle gar nicht, daß sie bald selber begreifen und einsehen wird, wie ihre Stellung im gesellschaftlichen Leben doch hier eine ganz andere ist, als früher, da sie sich für Geld im Zirkus zeigte. Schon der genauere Umgang mit der besseren Gesellschaft, von dem sie ja bis jetzt ausgeschlossen war, wird sie erst über ihre frühere Stellung im Leben aufklären, und einmal das gewonnen, kann sie nicht daran denken, je zu einem solchen Dasein zurückzukehren.«
»Aber das Kind, auf das sie ihre ganze Hoffnung, ihren ganzen Stolz setzt!«
»Gerade das Kind wird zuletzt das Band werden,« versicherte der Bruder, »das sie zuletzt nur fester und inniger an das neue Leben kettet. Sie wird einsehen lernen, daß sie für ihre Tochter ein glücklicheres Los erwarten darf, als sie bis dahin für möglich hielt, und gerade ihr jetzt in eine falsche Bahn geworfener Stolz wird und muß sie dem richtigen Wege entgegenlenken. Das aber, mein Georg, überlasse der Zeit, die wird dabei das meiste wirken, und arbeite du selber dich nur wacker in den neuen Stand hinein. Die Frau macht mir, da wir sie einmal so weit haben, keine Sorgen mehr. Eins nur, was mich eher beunruhigt, ist, wie sich der Vater deiner Frau und – der Knabe in dieses geregelte, ja steif bürgerliche Leben finden werden. Die beiden mußt du streng überwachen und darfst sie nicht aus den Augen lassen.«
»Für den Alten ist nichts zu besorgen,« sagte Georg, »er hat sogar der Tochter von Anfang an zugeredet, sich meinem Wunsche zu fügen, und, ziemlich bei Jahren schon, fühlt er sich sehr zufrieden und glücklich, seine Zukunft gesichert zu sehen. Das Beispiel, das er an vielen seines Standes im Alter vor Augen gehabt, mag ihn gewitzigt haben, und ich kann mich, wie ich glaube, fest auf ihn verlassen. Nicht so sicher ist mir der junge Bursche, der Sohn seines einst verunglückten Bruders, von dem er sich aber unter keiner Bedingung trennen wollte. Es ist das der einzige weiche Zug in seinem sonst ziemlich schroffen Charakter: die Anhänglichkeit an den Knaben, und wenn ich selber im Anfang auch dagegen war, daß er uns begleiten sollte, sah ich mich endlich doch genötigt, nachzugeben. Außerdem hat der Alte mir fest versprochen, ihn im Zaume zu halten, und einmal mit dem früheren Leben gebrochen, wollte ich die, welche doch nun einmal meine Verwandten sind, auch nicht länger dabei wissen. Ich selber hätte sonst nie Ruhe gehabt und immer fürchten müssen, daß sie mir – selbst in späterer Zeit – noch einmal Schimpf und Schande gebracht.«
»Du hast recht,« sagte Wolf, »es ist besser, viel besser so, und für den Knaben wird sich, wenn er etwas Ordentliches gelernt hat, auch wohl schon eine Stellung finden lassen. Wir müssen aber vorsichtig mit ihm zu Werke gehen, daß er das alte Leben erst vergißt und selber Freude am Lernen findet. In Schildheim ist übrigens ein tüchtiger Lehrer, und es wird deine Sorge sein, ihn nach und nach heranzubilden und zu ziehen, damit das wilde Leben nicht wieder zum Ausbruch kommt, das doch wohl noch in ihm steckt. – Aber dort liegt das Forsthaus, Georg; erinnerst du dich noch des alten, mit Hirschgeweihen reich geschmückten Hauses, mit seinem spitzen Giebel und den Sprüchen über der Tür?«
»Jetzt, da es vor mir liegt,« sagte Georg, »taucht es, wie aus alten Zeiten, vor meiner innern Seele auf, und mir ist, als ob mich ein Mann mit einem krausen Bart und einem grünen Rocke dort über den Plan trüge und mich auf seinem Rücken unter jene Linde reiten ließe.«
»Das war der Forstwart!« rief Wolf, »derselbe Bursche, der dort mit eisgrauem Haare jetzt, unter dem nämlichen Baume sitzt und den Schwanenhals scheuert, im Winter Füchse oder anderes Raubzeug damit zu fangen. Der Alte wird dich aber nicht mehr wiedererkennen, und das ist auch ganz gut so, denn unter deinem rechten Namen darfst und willst du ja noch nicht erscheinen. Betrachte ihn für jetzt deshalb nur als eine Reliquie aus der Jugendzeit, denn nur als solche ist er noch auf dem Posten, dem er, seines Alters und seiner wunderlichen Grillen wegen, kaum mehr vorstehen kann. Auch der alte Verwalter stammt noch aus unserer Zeit – alle anderen sind neu, der Förster ist sogar erst seit drei Jahren auf dem Gute, so viel ich aber von dem Pachter gehört habe, ein treuer und zuverlässiger Mann. Dich, Georg, verweise ich nun hauptsächlich an den alten Verwalter. Der Mann hat vielleicht manche kleine Eigenheiten und hängt ein wenig an seinem altpreußischen System, – ein Hauptgrund, weshalb er mit dem letzten Pachter nicht sympathisieren konnte – sonst aber ist er treu wie Gold und aufrichtig und ehrlich, ohne sich je vorzudrängen. Den halte dir warm; er ist dabei ein durchaus praktischer Oekonom, der den Boden und seine Behandlungsart hier aus dem Grunde kennt, und du kannst dich also in jeder Hinsicht auf ihn verlassen. Aber wir sind gemeldet, die Hunde schlagen an, ich werde dich dem Förster als den neuen Pachter, Herrn von Geyfeln, vorstellen.« Und seinen Arm aus dem des Bruders nehmend, schritt er mit ihm dem Försterhause zu.
Förster Alwart war eben vom Revier hereingekommen, und als die Hunde laut wurden, trat er, seine Büchse noch in der Hand, in die Tür, um zu sehen, was es gäbe. Als er die Herren erkannte, kam er ihnen, die Mütze abziehend, entgegen, und auch der alte Forstwart hatte seine Arbeit ruhen lassen, ohne jedoch von seinem Sitze aufzustehen. Erst als sich die Männer der Stelle, wo er sich befand, näherten, erhob er sich langsam, um seinen jungen Herrn zu begrüßen.
»Nun, lieber Förster,« sagte indessen der Graf zu dem Weidmann, »hier bringe ich Ihnen den neuen Pachter, Baron von Geyfeln, der das Gut übernehmen wird, und ich hoffe, daß Sie gut mitsammen auskommen werden. Der Baron versteht übrigens noch nicht viel von der Forstwirtschaft, wie er mir selbst gesagt hat, und bittet Sie durch mich, ihm da mit Rat und Tat an die Hand zu gehen, um das Nötige kennen zu lernen. Ich glaube, daß ich mich dabei auf Sie verlassen kann.«
»Herr Graf,« sagte der Jäger, »es wird mir eine Ehre sein, dem Herrn Baron in allem Auskunft zu geben, was ich selber weiß, und daß ich mein Bestes tun werde...«
»Davon bin ich überzeugt – ah, unser alter Forstwart! – Nun, Barthold, wie geht's? Noch immer munter und rüstig, seit wir uns nicht gesehen?«
»Zu Befehl, Herr Graf,« erwiderte der Forstwart, der aufgestanden war und seine Mütze abgenommen hatte, jetzt aber, während er mit dem Grafen sprach, den Blick fest auf seinem Begleiter haften ließ und nur manchmal von ihm hinüber zu dem Grafen sah, »es geht noch immer, so wie's eben geht. Besser natürlich nicht, mit den Jahren, und man muß nur Gott danken, wenn's eben nicht schlechter wird. Nur der Wald bleibt jung – ich kenn' ihn seit meiner Jugendzeit, und er ist seitdem wohl fester und stämmiger geworden, aber älter – beileibe nicht.«
»Ja, ja, mein guter, alter Barthold,« sagte der Graf, »jünger werden wir alle nicht – wie alt seid Ihr?«
»Fünfundsiebzig, im letzten Wonnemond.«
»Ein schönes Alter.«
»Halten zu Gnaden, Herr Graf, ein hohes Alter ist's wohl, aber kein schönes. Fünfundzwanzig, denk' ich, war doch mein schönstes, vielleicht ist's noch länger her, aber ich habe die Zeit nun auch bald vergessen.«
»Und wie steht's mit den Wilderern und Holzfrevlern, Barthold?«
»I nun, Herr Graf,« lächelte der Alte schlau vor sich hin, »so viel ich weiß, befinden die sich wohl.«
»So?« lachte der Rittmeister, »also es geht ihnen gut hier?«
»Das wollte ich doch nicht damit sagen,« meinte der Alte, und aus seinen kleinen grauen Augen blitzte ein eigenes Feuer. »Wir haben auch lange nichts von ihnen gesehen, aber auf den Nachbargütern kehren sie manchmal ein, und ist mir nie zu Ohren gekommen, daß dort einem ein Schaden geschehen wäre. Den Holzlesern tun wir natürlich nichts. Die armen Leute brauchen im Winter auch das bißchen Holz, und draußen verfault's doch.«
»Das ist auch nicht mein Wille,« sagte freundlich der Graf. »Und wie ist's mit dem Wildstand, Förster, schreien die Hirsche noch?«
»Brav,« erwiderte der Weidmann, »da wir wußten, daß der Herr Graf selber herkäme, ist auch noch keiner das Jahr geschossen worden.«
»Vortrefflich; wenn wir Zeit haben, werden wir da nächstens einmal hinausgehen. Geyfeln, Sie sind doch Jäger?«
»Leidenschaftlich, aber ein besserer Jäger wohl als Schütze.«
»Das lernt sich alles, und das vielleicht am leichtesten; unsere Jagd ist hier nicht schlecht. Aber da seh' ich unsere Pferde. Adieu, Förster, adieu, Barthold; ich werde es euch sagen lassen, wenn wir herauskommen; aber noch besser, kommt morgen einmal hinauf auf's Schloß – ich habe so noch manches mit euch zu bereden.«
Und mit den Worten grüßte er die beiden Forstleute, und wieder zu Pferde, sprengten die Reiter auf das Gut zurück.
Der Forstwart war neben dem Förster stehen geblieben und sah ihnen nach, solange er sie zwischen den stattlichen Eichenstämmen mit den Augen verfolgen konnte. Erst als sie hinter den Büschen des Unterholzes verschwunden waren, wandte er sich kopfschüttelnd ab und wollte eben wieder an seine vorher verlassene Arbeit gehen.
»Nun, Forstwart, Ihr schüttelt mit dem Kopfe,« meinte da der Förster, »gefällt Euch der fremde Pachter nicht?«
»Doch, Förster,« erwiderte der Alte, »sehr gefällt er mir, aber es kommt mir fast so vor, als ob es kein ganz Fremder wäre.«
»Nicht? – Kennt Ihr ihn von früher her?«
»Nein, Förster – ich habe sein Gesicht wohl nie gesehen, und doch kommt es mir so wunderbar bekannt und freundlich vor. Wenn ich nicht wüßte, daß...«
»Was?«
»O, nichts – ist so eine alte Idee von mir. Man bekommt auch so viele Leute im Leben zu sehen, bis einem die verschiedenen Gesichter zuletzt im Gedächtnis durcheinander laufen. Nachher kann man sie nicht wieder auseinander herausfinden. Ich werde schon recht alt, Förster.«
»Na, Ihr könnt noch immer eine Weile mit herumlaufen,« lachte der Förster gutmütig. »Mein Vater ist neunzig alt und noch so frisch auf den Beinen, als ob er kaum sechzig zählte.«
»Wie Gott will,« seufzte der alte Mann, ging zu seinem Sitz unter der Linde und nahm den Schwanenhals wieder auf, an dem er fortscheuerte, um das Eisen blank und rostfrei zu bekommen. Leise vor sich hin summte er dazu ein altes Lied, und manchmal sprach er auch mit sich selber, aber immer nur halblaut, daß es kein anderer verstehen konnte, und dazu nickte er zuweilen mit dem Kopfe.
Endlich war er fertig, ging in ein kleines Seitengebäude, in dem sein Zimmer lag, hing dort sein Schwanenhals auf, nahm dafür seine alte einfache Flinte von der Wand, und schlenderte dann langsam, ohne sich um das für ihn bereitgehaltene Frühstück zu bekümmern, in den Wald hinein.
12.
Auf Schloß Schildheim wurde jetzt ein Doppelleben geführt. Aeußerlich schien es, als ob nicht das geringste Außergewöhnliche vorginge. Was an Feldfrüchten noch draußen war, wurde nach und nach eingefahren. Die Knechte ritten morgens zum Ackern hinaus und kamen zum Mittagessen wieder heim – auf zwei Tennen wurde sogar schon gedroschen, um das junge Korn, das heuer noch einen guten Preis hatte, bald auf den Markt zu bringen. Wie die Welt draußen keinen Stillstand kennt, welchem Wechsel auch ihre einzelnen Teile unterworfen sein mögen, so ging das Wesen hier auch ruhig und ununterbrochen fort, welche wichtige Veränderung auch in der innern Verwaltung vorgehen mochte.
Das Dienstpersonal berührte das alles nicht; das schaffte und arbeitete unverdrossen weiter, denn der Lohn ging fort, die Arbeit mußte getan werden, unter wessen Leitung das Ganze auch stand, wer auch die Zügel in die Hände nahm. »Der König ist tot! es lebe der König!« Das alte Machtwort, wie dort im großen, so hier im kleinen, übte seine alte Kraft und Eigenschaft, und als am Abend des zweiten Tages der frühere Pachter sich in seinen Wagen setzte, die Leute grüßte und zum Tor hinausfuhr, hörten die Drescher einen Augenblick mit Dreschen auf und sahen ihm nach; als aber der Wagen um die Biegung verschwand, fielen die Flegel wieder klappernd im Takt ein, und der ganze Epilog, der ihm auf der Tenne gehalten wurde, war: »Glückliche Reise, Herr Pachter – bin jetzt nur neugierig, wie der neue einschlägt.«
Die ersten Tage vergingen so in dem Einrichten des neuen Pachters, und selbst Frau von Geyfeln – wie sich Georgine gar nicht ungern nennen hörte, war es doch nur eine neue Rolle, die sie spielte – fand Unterhaltung darin, sich von der alten Wirtschafterin, die gar geschäftig in den weitläufigen Gebäuden hin und her fuhr, in die Geheimnisse einer ländlichen Haushaltung einweihen zu lassen. Sie war dabei klug genug, der Frau zu verheimlichen, daß sie noch gar nichts von solchem Wirtschaftswesen verstand, und bei ihr vollkommen fremden Sachen fragte sie erst auf weiten Umwegen vorsichtig herum, bis sie zum Ziele kam und erfuhr, was sie eben wissen wollte. Frau Sibylle fühlte sich dabei außerordentlich geschmeichelt über das herablassende Benehmen der gnädigen Frau, die sich natürlich nur informieren wollte, wie die Sachen hier in ihrer Gegend gemacht und vorgenommen würden; denn jedenfalls hatten sie es bei ihr zu Hause ganz anders, nur lange nicht so gut und zweckmäßig betrieben. Die Wirtschafterin wollte sie auch überhaupt sehen, die so gute Käse machte wie sie, die solch fette Butter lieferte, deren Kühe so fette Milch gäben, und was das Trocknen von Obst, das Räuchern von Fleisch, das Einmachen von Kraut und Gurken betraf, da suchte sie ihren Meister. – Und wie vornehm sah die neue Frau Pachterin dabei aus! was für feine Hände hatte sie, und wie lief sie mit den blankgewichsten, papierdünnen Schuhchen so keck mit durch alle Ställe und in Milch- und Käsekammern, auf Rauch- und Trockenböden! Und kannte sie nicht schon am ersten Abend fast alle Kühe beim Namen nach der Reihe her? Selbst in dem Pferdestall, obgleich sie da eigentlich nicht hingehörte, war sie gleich am ersten Morgen gegangen und hatte gefragt, wie die Tiere behandelt würden und wie viel Futter sie bekämen – und vor den Pferden fürchtete sie sich nicht so viel! Georg indessen, der, wenn auch mit stiller, doch inniger Freude dem wirtschaftlichen Leben seiner Frau aus der Ferne zusah, hatte selber alle Hände voll zu tun, um die kurze Zeit zu benutzen, die sein Bruder noch bei ihnen auf dem Gute zubringen konnte, um soviel wie möglich von dem Verwaltungswesen eines solchen Gutes zu lernen. Die Zeit war doch so kurz und gar so mancherlei dabei zu erfragen, was sich durch Erfahrung gewöhnlich nur mit Schaden lernen läßt. Aber er hatte den festen, männlichen Willen, sich in dieses neue Leben einzuarbeiten, und Wolf war unermüdlich, ihm, was er selber wußte, darüber mitzuteilen.
Der einzige, der, wenn auch nicht teilnahmlos, doch vollkommen untätig dem ganzen Treiben und Schaffen zusah und alles ruhig an sich vorübergleiten ließ, war der Alte, Georginens Vater, der unter seinem wirklichen Namen Mühler eingeführt war, und auch keine weitere Auszeichnung beanspruchte, als daß man ihn eben zufrieden ließ. Er glich dabei einem Manne der nach harter Anstrengung und Arbeit längere Ferien angetreten und vorderhand auch weiter keinen Zweck hatte, als sich recht ordentlich und gründlich auszuruhen. Er schlief gewöhnlich bis morgens acht oder neun Uhr, frühstückte dann mit den Kindern auf seinem Zimmer, machte einen Spaziergang mit ihnen nach dem Walde zu, kam mittags wieder nach Hause, aß sehr stark und verträumte dann seinen Nachmittag in ähnlicher Weise, wie er den Vormittag durchgebracht hatte. Georg sah nun wohl ein, daß dieses Nichtstun auf die Länge der Zeit nicht ausführbar sein würde und einer, wenn auch geringen, doch festen Tätigkeit weichen müsse. Für jetzt ließ er den Alten aber gewähren, einesteils, weil er zu viel zu tun hatte, um sich mit ihm abzugeben, andernteils, weil er hoffte, daß sein Schwiegervater endlich selber zu ihm kommen würde, ihn um irgend eine Beschäftigung zu bitten. Selber an Tätigkeit gewöhnt, hielt er es nicht für möglich, daß sich irgend ein Mensch an einem solchen Leben lange freuen könne.
Die Kinder befanden sich jedenfalls am wohlsten; denn ganz ungewohnt, so wie hier in der freien, schönen Natur zu schwelgen, mit dem grünen Rasen unter, den breitästigen Bäumen über sich, sangen und hüpften sie mit den Vögeln draußen um die Wette und schienen am raschesten das früher geführte Leben vergessen zu wollen. Nur die eine Angst hatte Georg, daß sie auch am leichtesten und unbefangensten ihren frühern Stand ausplaudern würden, und obgleich ihnen, selbst von der Mutter, auf das strengste eingeschärft war, mit niemandem, wer es auch sei, darüber zu sprechen, erhielt der alte Mühler noch besonders den Auftrag, darüber zu wachen, daß dieses Verbot nicht übertreten würde – und daß es ein notwendiges sei, wußte er am besten.
Wolf von Geyerstein, mit dem Charakter von Georgs Frau jetzt genau bekannt, fühlte daß ihr, besonders in der ersten Zeit, in diesem einförmigen Leben auch etwas geboten werden mußte, um sie zu unterhalten, und beschloß, ehe er wieder in die Residenz zurückkehrte, sie bei einigen der Nachbarn, mit denen er selber befreundet war, einzuführen. Daß sie diesen gefallen würde, daran zweifelte er keinen Augenblick, und einmal in bessere Gesellschaft gebracht, als sie bisher gekannt hatte, ließ es sich auch denken, daß ihr Stolz darin Befriedigung und sie sich selber, wenn auch nicht glücklich, doch zufrieden fühlen würde. Damit verging wieder eine Woche, und Georg und Georgine wurden überall, schon in Rücksicht auf den allgemein beliebten Grafen, mit offenen Armen empfangen, ja für den Winter die verschiedensten Pläne entworfen, wie man häufiger zusammenkommen, geselliger leben wolle. Graf von Geyerstein fühlte damit eine große Last von seiner Seele genommen, denn er hatte jetzt die feste Hoffnung, daß der Bruder von seiten seiner Frau keinen so harten Widerstand mehr würde zu bekämpfen haben – und erst einmal ein halbes Jahr nur hinter sich, und das Schwierigste war überwunden. Ein besonders drückendes Gefühl blieb es ihm nur in dieser ganzen Zeit, und zwar weniger in Gegenwart von Fremden als der Georginens, gegen den Bruder kälter zu scheinen, als sein Herz sprach, ja, ihn als einen Fremden zu behandeln. Der durch ihr Mißtrauen scharfsichtigen Frau war dabei der Zwang nicht entgangen, den er sich augenscheinlich antat. Vergebens hatte sie aber bis jetzt durch Anspielungen versucht, ihn zum Reden zu bringen. Sie fühlte, daß die beiden Männer ein Geheimnis vor ihr hatten, und tat, wenn auch ohne Erfolg, ihr möglichstes, dieses zu lüften.
Graf Geyerstein mußte nach Schwerin, um die Papiere des jetzigen Barons von Geyfeln, die er durch seinen Einfluß in *** erhalten hatte, dort vorzulegen. Dadurch entzog er ihn allen weiteren Umständen und beugte möglicherweise daraus entstehenden Schwierigkeiten vor. Es gibt nun einmal in unserm gar künstlich eingerichteten Staate eine Menge von Formalitäten, die beachtet sein wollen, die sich aber, wo ihnen irgend ein Einfluß entgegentritt, auch immer sehr leicht als bloße Formalitäten behandeln lassen – man muß nur eben wissen, wie man es anzugreifen hat. Graf Geyerstein war auch dazu der richtige Mann; er hatte in der Residenz Verbindungen genug, um sich das zu erleichtern, und wußte, daß nur eben seine Gegenwart dort nötig war, die Sache rasch und mit günstigem Erfolg zu beseitigen. Er kannte aber auch den Zeitverlust, der bei allen mit den Gerichten zu verhandelnden Gegenständen unausbleiblich war, und durfte deshalb nicht zu lange säumen, um seinen Urlaub nicht zu überschreiten. Von Schwerin aus wollte er dann direkt nach Hause zurückkehren.
Es war der letzte Abend, den er bei ihnen in der breiten, geräumigen Stube saß, in deren Ofen schon, der vorgerückten Jahreszeit wegen, ein lustiges Feuer knisterte. Das Wetter draußen hatte sich kalt und unfreundlich gestaltet, der Regen schlug an die Fenster, und der Wind heulte draußen durch die Wipfel der alten Linden und warf die schwanken Pappeln in einem tollen Spiele herüber und hinüber. An dem heutigen Tage war eine von dem Grafen verschriebene Erzieherin – eine junge Französin aus guter Familie – eingetroffen, die von jetzt an Josefinens Ausbildung übernehmen sollte. Georgine hatte vorher nichts davon gewußt und war damit, aber nicht unangenehm, überrascht worden, denn an dem Kinde hing ihr ganzes Herz. Klug genug, dabei einzusehen, daß Josefine nicht zu viel lernen könne, fürchtete sie aber doch auch wieder, daß dies am Ende ein neues Band werden könne, sie an dieses ruhige Leben zu fesseln und ihren eigenen Hoffnungen und Plänen zu entziehen. Aber ein Kind des Augenblicks, wie sie es ihr ganzes Leben gewesen, tröstete sie sich auch hierin mit der Gegenwart. Sie selber wollte erst sehen und prüfen, und das andere fand sich von selber früh genug. Josefine war mit ihrer neuen Erzieherin in das ihnen angewiesene Zimmer, der alte Mühler mit dem Knaben auf seine Stube gegangen, doch hatte der Rittmeister auch für diesen schon gesorgt und mit seinem Bruder Rücksprache genommen, daß er in nächster Zeit der ausschließlichen und für ihn nicht wohltätigen Gesellschaft des alten Mannes entzogen werden solle. Nur allmählich durfte das geschehen, um Georginen in ihrem Vater nicht zu sehr zu kränken.
Das Essen war abgeräumt, die beiden Männer arbeiteten noch mit dem Verwalter zusammen, das Nötigste für die nächste Zeit zu besprechen und festzustellen, und Georgine lehnte auf dem Sofa und las – hatte wenigstens ein Buch in der Hand, denn ihre Augen flogen immer und immer wieder nach der Gestalt des Grafen hinüber, der in einem einfach grauen, aber militärisch zugeschnittenen Rocke neben ihrem Gatten saß und mit ihm die Wirtschaftsbücher durchging. Endlich war alles besorgt, der Verwalter empfahl sich, die Bücher wurden weggelegt – es mußte schon elf Uhr sein – und Graf Geyerstein erhob sich ebenfalls, um sein Lager aufzusuchen.
»Unser trockenes Gespräch und Geschäft wird Sie gelangweilt haben,« sagte er, als er zu Georginen trat, ihr gute Nacht zu bieten, »aber morgen sind Sie dessen enthoben, und Ihr Gatte wird schon alles tun, was in seinen Kräften steht, Ihnen das Leben hier angenehm und lieb zu machen.«
»Herr Graf,« sagte das schöne Weib, indem sie aufstand und ihm entgegentrat, »ich bin schon einmal von Ihnen mit einer Bitte abgewiesen worden, aber jetzt weichen Sie mir nicht mehr aus. Fremde Ohren hören uns nicht, also beantworten Sie mir wahr und offen nur die eine Frage: wem verdanken wir den Anteil, den Sie uns gezeigt?«
»Madame...«
»Halten Sie es nicht für leere Neugierde,« fuhr die Frau fast bewegt fort, »es ist mehr als das. Sie haben sich uns mit einer Aufopferung gewidmet, die für einen Fremden unerklärlich ist. Sie sorgen für unser Wohl, wie kaum ein Bruder für uns sorgen könnte – Sie denken auf das Kleinste wie auf das Größte, Sie müssen sogar Bertrand mit Geldmitteln unterstützt haben, er wäre sonst nicht imstande, trotz dem, was uns noch von dem Verkauf der Pferde geblieben, und was ich genau taxieren kann, ein solches Anwesen, wie dieses, auf dem wir uns jetzt befinden, zu übernehmen, und so dabei zu leben, wie Sie es für uns in Absicht zu haben scheinen. Daß dem allen ein Geheimnis zugrunde liegt, haben Sie mir schon dadurch gestanden – daß Georg ein anderer ist, als er sich mir gezeigt. Sie mußten mir so viel eingestehen, denn Sie fühlten, daß es zu unwahrscheinlich bleiben würde, den Grafen als einfachen Freund und Protektor des Kunstreiters hinzustellen – auch unser Namenswechsel zeigt das an. Aber selbst dieser ist noch darauf berechnet, mich irre zu führen. Vollenden Sie deshalb – behandeln Sie mich nicht länger als eine Fremde – lassen Sie mich wissen, wem wir diese Aufopferung verdanken – welches der wahre Name und Rang meines Mannes ist, und ich werde dann alles, was in meinen Kräften steht, tun, Sie zu unterstützen. Verweigern Sie mir aber meine Bitte – wollen Sie mich als eine Fremde betrachtet wissen, so – könnte ich mich an nichts gebunden halten.«
»Georgine,« sagte Georg mit leisem Vorwurf im Ton, »ist es recht, daß du in den Mann, den du selber unsern Wohltäter nennst, mit solchen Fragen dringst?«
»Wohltäter?« rief das schöne Weib, sich stolz emporrichtend, »den Namen leugne ich. Der Wohltaten waren wir nie bedürftig, sind es noch nicht, denn frei wie der Vogel in der Luft zogen wir unsere Straße, erwarben, was wir gebrauchten, ja, mehr als das, und durften niemandem dafür danken, als unserer eigenen Kraft. Das auch ist es allein, was mir jetzt am Leben zehrt, daß ich nicht mehr mein eigen Brot verdienen soll, daß ich dem Manne – daß ich einem Fremden dafür danken muß.«
»Nicht doch, gnädige Frau,« sagte der Graf ernst, »so viel wie je werden Sie jetzt dazu beitragen müssen, Ihr Brot, wie Sie es nennen, zu verdienen. Bei einer solchen Wirtschaft ist nicht allein der Mann, der draußen die Felder baut, der Ernährer und Erhalter, sondern ebensoviel die Frau, die daheim den Viehstand überwacht, das ganze innere Hauswesen besorgt und in Ordnung hält. Glauben Sie mir, daß bei einem solchen Gute fast mehr von der Tüchtigkeit der Frau als von der des Mannes abhängt, und haben Sie auch noch in diesem Augenblick nicht alle dazu nötigen Kenntnisse, so wird es Ihnen, mit nur einigem guten Willen, nicht schwer fallen, sich die anzueignen.«
»Und weshalb nennen Sie mich gnädige Frau? Wir sind hier unter uns, und Sie wissen, daß mir der Titel nicht gebührt.«
Graf Geyerstein hatte mit sich geschwankt. Auf die erste, fast herzliche Anrede der Frau war er – uneinig mit sich, ob es zum Guten oder Bösen führen könne – schon fast geneigt gewesen, Georginen, gegen seine frühere Absicht, in sein Geheimnis einzuweihen. Ihre letzte, halb versteckte Drohung, ihr zorniges Auffahren jedoch zerstörte den guten Eindruck wieder, den ihre ersten Worte gemacht. Wer bürgte ihm dafür, daß die Frau nicht doch über kurz oder lang – und wenn sie wußte, wer ihr Gatte war – zu dem alten liebgewonnenen Leben zurückkehren könne, und dann war ihrem leichtfertigen Gutdünken das Geheimnis eines edlen Hauses unwiderruflich anvertraut. So viel aber fühlte er, etwas mußte ihr jetzt geboten werden, sie wenigstens vorderhand zufrieden zu stellen, denn sie durfte nicht gereizt und zum Aeußersten getrieben werden. Mit ruhiger Stimme sagte er deshalb: »Im Gegenteil, gnädige Frau, ich weiß, daß er Ihnen gebührt, Sie haben recht; ich kenne Ihren Gatten von früheren Zeiten her. Wir waren, wie ich Ihnen schon gesagt, Jugendfreunde, ich kenne seine Familie und weiß, wie unglücklich sich diese fühlen würde, ihn in eine Laufbahn geworfen zu sehen, die – Sie mögen dafür noch so sehr eingenommen sein – seinem Stande nicht entspricht. Ich selber versichere Ihnen aber jetzt, ich handle in dem, was ich scheinbar für Sie tue, nicht in meinem Namen allein, sondern in dem seiner Familie, in die Sie selber einst aufgenommen werden können – wenn Sie Ihr früheres Leben eben vergessen wollen. Denken Sie dabei an Ihr Kind – denken Sie, welchen verschiedenen Rang Josefine einst im Leben einnehmen wird, als Baronesse und als Kunstreiterin. Denken Sie daran, daß Sie jetzt noch imstande sind, durch Fleiß und Sparsamkeit ihr auch die Mittel dazu zu verschaffen, und ich bin überzeugt, Sie werden Ihre neuen Verhältnisse im Leben nicht allein mit anderen Augen ansehen, sondern Ihrem Gatten auch danken, der Mut und Selbstbeherrschung genug hatte, einem augenblicklichen und doch nur sehr zweifelhaften Ruhme zu entsagen, um in stiller Zurückgezogenheit für Sie und sein Kind zu wirken, und sich später mit seiner Familie wieder auszusöhnen.«
»Und seine Familie heißt in der Tat Geyfeln?« fragte Georgine gespannt.
»Ihr Gatte heißt Georg von Geyfeln,« erwiderte ernst der Graf, »und ich bin fest überzeugt, daß es Ihnen genügen wird, wenn Sie wissen, daß er Titel und Namen mit Recht führt.«
»Und wenn es mir nicht genügte?« sagte Georgine.
»Es wird dir genügen,« erwiderte hier, an des Grafen Stelle, Georg mit finsterem Blick. »Herr Graf, verzeihen Sie der tollen Neugierde einer Frau, die bis jetzt nur zu sehr gewohnt war, ihren eigenen Launen und Neigungen zu folgen. Aber ihr Herz ist gut und ihr Verstand klar; sie wird in kurzer Zeit einsehen lernen, wie töricht sie gehandelt hat, auf so kindische Weise in Sie zu dringen. Es ist spät, lassen Sie uns zur Ruhe gehen, denn Sie müssen morgen früh aufbrechen, um den Ort Ihrer Bestimmung zu erreichen. Daß ich Ihnen dann bald recht gute und erfreuliche Nachrichten über uns alle geben kann, ist mein heißer Wunsch, meine feste Hoffnung.«
»Und hoffen Sie das auch, gnädige Frau?«
»Ja,« sagte Georgine, ihre Rechte in die dargebotene Hand des Grafen legend, es war das erste Mal, daß er sie ihr bot, »ich will sehen, ob ich mich, wie mein Mann hofft, bessern kann; sonst verspreche ich vorderhand noch nichts.«
»Auf gute Besserung denn!« lächelte der Graf, hob die Hand Georginens leise an seine Lippen und verließ, nach einem herzlichen Händedruck Georgs, rasch das Zimmer.
13.
Es waren nicht ganz drei Monate seit dem Einzuge der neuen Pachtersleute auf Schildheim vergangen, und dieser Zeit hatte es auch bedurft, um die volle Einrichtung der Uebersiedelten, das volle Eingewöhnen in ihr neues, ihnen vollkommen fremdes Leben zu regeln und festzustellen – und vieles hatte sich in der Zeit geändert. Georg arbeitete in der Zeit mit dem alten Verwalter aus allen Kräften, sich die für ihn unumgänglich nötigen Kenntnisse zu erwerben, und da sich der Platz als vollkommen geeignet dazu erwies, legte er sogar den Grund zu einer Rassenverbesserung der Pferde und Stuterei – und besser verstand niemand mit Pferden umzugehen als er. Für Karl waren zu gleicher Zeit die nötigen Einrichtungen getroffen, daß er die Schule in Schildheim regelmäßig besuchte und zugleich Privatstunden bekam; denn der große Bursche war in allem, was Lernen betraf, noch hinter den kleinsten Knaben weit zurück! Ein junger Mann wurde dazu, trotzdem daß sich Georgine im Anfange dagegen sträubte, ins Haus genommen und ihm die Aufsicht über den Knaben besonders übergeben. Die Erzieherin, die Wolf von Geyerstein für Josefine besorgte, erwies sich ebenfalls vortrefflich, und in einigen Jahren hoffte Georg die Kinder so weit gebracht zu haben, daß sie sich, ihren Altersgenossen gegenüber, nicht mehr zu schämen brauchten.
Selbst Georgine schien sich in das neue Leben zu finden, und besonders waren es in der ersten Zeit die neuen Bekanntschaften, die sie fesselten. Auf zwei Nachbargütern in der Nähe lebten nämlich zwei sehr liebe Familien, ein ganz jung verheiratetes Paar aus dem Preußischen, und ein alter mecklenburgischer Major, der hier sehr bedeutende Besitzungen mit besonders herrlichen Waldungen liegen hatte. Dieser brachte den größten Teil des Jahres auf seinem Gute zu, sah sehr viel Besuch bei sich und machte ein großes Haus, in dem die landesübliche Gastfreundschaft im reichsten Maße herrschte – daß ihm die lebendige, bildschöne Nachbarin dabei nur willkommen war, läßt sich denken. Natürlich wurde sie dort bald von einer Schar müßiger junger Herren umschwärmt, und so gleichgültig Georg das in früherer Zeit und unter anderen Verhältnissen liegend, geduldet hatte, so überkam ihn jetzt dabei ein unbehagliches, demütigendes Gefühl – ein Mittelding zwischen erwachendem Stolz und Eifersucht, das er nicht niederzukämpfen vermochte. Er machte Georginen deshalb freundliche, indes leere Vorstellungen, denn sie lachte ihn aus und fragte ihn, ob er glaube, daß sie hier zwischen den Bauern ebenfalls verbauern solle. Daß sie sich amüsiere, wo ihr die Gelegenheit dazu überhaupt nur so spärlich geboten werde, dürfe er ihr nicht verdenken, und außerdem sei sie es sich selber und »ihrem Rang« schuldig, den Ton, der nun einmal in der vornehmen Welt herrsche, anzunehmen.
Eine andere Sorge machte dem Manne der Alte, der, jetzt mit gar keiner Beschäftigung, da er sich durchaus nicht zu einer geregelten Arbeit entschließen wollte, der Flasche zusprach, wo er dazu gelangen konnte – und leider fand er dafür nur zu häufig Gelegenheit. Allerdings hielt er sich dabei stets auf seinem Zimmer, aber Georg fürchtete mit Recht, daß er sich einmal wirklich betrinken und dann den Dienstleuten nicht allein ein Aergernis geben, sondern auch verraten könne, zu welcher Klasse des Volkes er eigentlich gehöre. War es ihm doch nicht entgangen, daß der alte Verwalter, wenn er sich unbemerkt glaubte, schon manchmal heimlich den Kopf über das etwas wunderliche und rohe Benehmen des Mannes geschüttelt hatte, und welches Licht mußte eine solche Entdeckung dann auf seine Frau, auf ihn selber zurückwerfen! Die einzige Beschäftigung, zu der sich Mühler verstehen wollte, war die, daß er sich einen aus dem Dorfe gehalten Spitz abrichtete, und stundenlang saß er mit diesem zusammen eingeschlossen, ihm allerlei tolle Kunststücke beizubringen. Den Hund nannte er Hanswurst, und er kam nicht mehr von seiner Seite.
Georg sah das alles, ohne irgend eine Aenderung herbeiführen zu können, und fühlte jetzt erst in seiner ganzen Schwere den Fluch seines früheren tollen Lebens, das ihn, den Edelmann, unter die Hefe des Volkes geworfen hatte. Jetzt verdammte es ihn dazu, nicht allein mit solch rohem Menschen, wie dieser Mühler, zusammen zu leben und auszuhalten, nein, es zwang ihn sogar, ihn als Verwandten anzuerkennen und in seiner eigenen Familie zu halten. Das war freilich nicht mehr zu ändern – es mußte ertragen werden und erforderte nur all seine Klugheit und Wachsamkeit, um den fatalen Folgen, die es möglicherweise für seine und der Seinigen Zukunft haben könne, vorzubeugen.
Allerdings sprach er offen mit seiner Frau darüber, und machte ihr einmal sogar den Vorschlag, dem Alten irgend eine Heimat entfernt von ihnen zu gründen, und ihm – wenn auch mit großen Opfern – dasselbe, was er früher als Gehalt bezogen, als Pension zu sichern. Aber Georgine wollte nichts davon hören – fürchtete sie vielleicht, daß sie durch ein Fortschicken des Vaters die Partei schwächen könne, mit der sie noch immer dem Gatten gegenüberstand?
Der alte Mühler unterstützte sie allerdings nicht in ihren noch schlummernden Plänen: dem müßigen Leben wieder zu entsagen und zu ihrer »Kunst« zurückzukehren; denn er selber hatte von dieser Kunst nur eine sehr geringe Meinung und fühlte sich keineswegs geneigt, das ruhige Schlaraffenleben, das er jetzt führte, mit der alten unbequemen Narrenjacke so bald wieder zu vertauschen. Aber er war doch da – und bildete dadurch den Anknüpfungspunkt, durch den sie an ihre frühere fröhliche Zeit zurückdenken, sich wieder hineinversetzen konnte, und sie mochte sich deshalb nicht von ihm trennen. Nicht kindliche Liebe fesselte sie an den alten Mann, sondern die Erinnerung ihrer Triumphe, und die konnte und wollte sie nicht vergessen.
Und wenn sie dann so manchmal allein in ihrer Stube saß, wenn die gefährliche Dämmerstunde kam und sie im Geiste nun wieder an den mit Menschen gefüllten Zirkus dachte, der in Ungeduld sie, ihr Erscheinen erwartete – wenn sie sich dann wieder und wieder sagte, jetzt – jetzt galt das Zeichen dir, da draußen im Lichterglanz, von Tausenden umjubelt, auf flüchtigem Rosse dahinzufliegen – wenn sie den Beifall, das Jauchzen der Menge hörte, und dann plötzlich, zu düsterer Wirklichkeit erwachend, die trübe Lampe neben sich brennen, die kalten, engen Räume um sich sah, da ballte sich die kleine, weiße Faust oft ungeduldig zusammen, der zarte Fuß stampfte den Boden, und ihr trotziger Sinn grübelte und sann, wie er sich dem unwillig getragenen Zwange entziehen sollte.
Und was machten sie hier aus ihrem Kinde – aus ihrer Josefine? eine Modedame vielleicht, mit leerem Titel, ohne Vermögen – eine Pachterstochter auf dem Lande, die sich in Sieg und Jubel ihre Bahn im Leben selbst erkämpfen konnte. Und sie mußte es dulden, mußte zusehen, wie hier Tag für Tag in tatenloser Ruhe langsam, zäh verstrich – es war zum Verzweifeln – aber niemand kümmerte sich mehr um ihren Schmerz, um ihre Ungeduld. Wo sie vergöttert war, wurde sie jetzt schon vergessen, und wenige Jahre nur vielleicht, und die Leute draußen, das schwankende, Veränderung liebende Publikum kannte sie nicht einmal mehr, und doch nur dieses schwankenden, nach Veränderung haschenden Publikums wegen sehnte sie sich fort aus ihrer stillen Häuslichkeit, die Millionen anderer Frauen gesegnet und gehegt haben würden als ihr teuerstes Kleinod.
Georg hatte in dieser Zeit viel auf dem Felde und im Walde zu tun, und fand dabei auch in der Jagd eine angenehme und seinem Körper zusagende, seinem Geist entsprechende Erholung – Georgine dagegen war viel allein und deshalb launischer als je, so daß ihr selbst ihr Vater aus dem Wege ging. Da sich übrigens im Schlosse niemand um ihn kümmerte, und Karl, sehr gegen seine Wünsche, den ganzen Tag mit Lernen beschäftigt gehalten wurde, schlenderte der alte Mühler einmal in solcher Zeit zur Abwechselung nach Schildheim hinaus, weniger freilich, um die Gegend kennen zu lernen, als im Stern einzukehren und ein Glas zu trinken.
Hier fand er den unvermeidlichen Stammgast, den »faulen Tobias«, der behaglich hinter dem Ofen kauerte, an einem alten, entsetzlich schmutzigen und verbrannten Maserkopf sog, und seinen Krug Bier neben sich auf der Bank stehen hatte.
»Holla!« sagte Tobias, als der Alte zur Tür hereinkam und sich unfern von ihm, nach kurzem Gruß, an einen der um diese Zeit leeren Tische setzte, »ich dächte gar, das wäre der Schwiegervater vom preußischen Gute oben. Schön willkommen, das ist gescheit, daß Ihr auch einmal zu unsereinem heruntersteigt« – und er hielt ihm sein Glas zum Anstoßen hin.
»Ist ein verdammt langweiliges Leben da oben,« brummte der Alte, indem er mit ihm anstieß, »muß doch auch einmal heraus und frische Luft schöpfen.«
»Gescheit,« lachte Tobias stillvergnügt, Gesellschaft gefunden zu haben, »und das kann man meiner Meinung nach am allerbesten im Wirtshause. Nirgends ist man so ungestört und daheim, wie an so einem Orte, und wenn ich mein Glas Bier bezahle, gehört die ganze Bescherung mir.«
»Hört einmal, Kamerad,« sagte der Alte zutraulich, »Ihr seid der erste vernünftige Mensch, den ich hier im ganzen Neste finde, und ich denke, ich werde öfter hier herunterkommen. Hol' die da oben der Henker! denn mein Bier will ich im Frieden trinken und mich nicht damit verstecken.«
»Verstecken? oho! halten sie Euch so knapp?« lachte Tobias.
»Knapp? – verdamm' es,« murmelte der Alte, »ich bin alt genug, mich selber zu halten, wie ich es gerade für nötig finde.«
»Na, nichts für ungut – meinte nur so,« entschuldigte sich Tobias, der mit dem »Schwiegervater«, wie der Alte, ohne daß er es wußte, in der Nachbarschaft hieß, keinen Wortwechsel haben wollte.
»Ihr seid ein Müller, wie?« fragte Mühler nach einer kleinen Pause, in der er sein Bier ausgetrunken und jetzt mit dem Deckel klappte, sich den Krug wieder füllen zu lassen. Er sah dabei den faulen Tobias von oben bis unten an.
»Gewesen,« meinte Tobias, »habe das Geschäft aber aufgegeben und es den Kindern überlassen – lebe so behaglicher. Was ist Euer Geschäft, wenn man fragen darf?«
»Meins?« wiederholte der Alte, durch die Frage doch in Verlegenheit gebracht, »hm, ich – revidiere die Rechnungen und – und besorge die Schreibereien.«
»Aber Ihr seht mir nicht aus wie ein Oekonom.«
»Nicht?« lachte jener verschmitzt vor sich hin, »bin auch mein ganzes Leben nichts weniger als das gewesen. Habe studiert, in meinen jungen Jahren versteht sich – sage Euch, habe ein verteufeltes Studium durchgemacht und könnte manchem Professor was zu raten aufgeben, aber – wenn man alt wird, versteht Ihr, macht man eben nicht mehr viel Gebrauch davon.«
»So? – studiert?« sagte Tobias, nur mit einem unbestimmten Begriff von der Bedeutung des Wortes, »des Schulmeisters Fritze hat auch studiert, ist aber nie was Rechtes aus ihm geworden. – Konnte das Sitzen nicht vertragen, wie er meinte. – Muß nicht hübsch sein, das Studieren!«
»Und was treibt Ihr nun so hier das ganze Leben durch?«
»Wir? verteufelt wenig. – So lange man jung ist und das Leben genießen könnte, hat man Plackerei und Schinderei genug – und wird man alt – ja, dann ist's eben vorbei, und man kann weiter nichts tun, als sich ausruhen – und das gönnen sie einem nicht einmal.«
»Guten Tag mitsammen,« sagte in dem Augenblick eine tiefe Stimme, und der alte Forstwart Barthold trat in die Stube.
»Guten Tag, alter Waldläufer,« lachte Tobias, während sich Mühler nach dem neu Eintretenden umschaute, »na, wo hast du wieder gesteckt?«
»Ich habe ein paar Eisen für Fischottern gelegt,« sagte der Forstwart, »nimm dich in acht, Tobias, wenn du unter dem Wehr etwa herumkriechen solltest – in der Mühle hab' ich es auch schon gesagt – du könntest sonst einmal einen von deinen alten Hinterläufen unversehens in einen Schwanenhals hinein bekommen, und die Dinger spaßen eben nicht.«
»Ich habe nichts unten am Wehr zu suchen,« sagte Tobias, »die Fischerei ist vorbei, und bei dem Wetter gehe ich außerdem nicht raus. Du wirst aber auch was Rechtes fangen. Daß du's nur nicht satt kriegst, die Eisen aufzustellen und in dem kalten Wasser herumzupatschen; es geht dir doch keine Otter hinein.«
»Kann man nicht wissen,« meinte der Forstwart, »und gearbeitet muß doch sein. So bequem wie du können wir's nicht alle haben. Herr Wirt, einen Bittern!«
»Hol's der Teufel, mir auch einen!« sagte Mühler, »mit dem kalten Bier verschwemmt man sich nur den Magen.«
»Ich habe auch nichts dagegen,« stimmte Tobias ein, »bei der Kälte draußen kann man schon was Warmes im Leibe vertragen. Ich begreife nur nicht, wie du Winter und Sommer Freude daran finden kannst, draußen im Walde herumzukriechen. Aus den Wasserstiefeln kommst du im Leben nicht heraus – ich glaube, du schläfst drin.«
»Manchmal nachmittags, ja,« lächelte der alte Mann, »aber ich will dir etwas sagen, Tobias: wem's nicht gegeben ist, der kann auch im Walde keine Freude finden, so wie du und deinesgleichen, die eben nur Büsche und Bäume drin sehen.«
»Na, siehst du was anderes drin?« lachte Tobias.
»Allerdings tu' ich das,« erwiderte der alte Mann und wurde auf einmal dabei ganz ernst, ja, fast feierlich, »und wenn ich dir auch das jetzt sage, Tobias, wirst du mich doch nicht verstehen. Aber das schadet auch nichts – gute Lehren und Wahrheiten werden oft weggeworfen, aber manchmal bleibt doch ein Korn davon hängen und fällt auf guten Boden, wie der Baum auch seinen Samen über das dürrste Land hinstreut. Irgend ein Körnchen wurzelt doch vielleicht und treibt dann wieder einen jungen Baum.«
Ende des ersten Bandes.