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Der Kunstreiter, 1. Band cover

Der Kunstreiter, 1. Band

Chapter 7: 6.
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About This Book

The narrative opens with the arrival of a travelling troupe in a provincial capital and follows interactions between members of high society—including two sisters and a riding officer—and the circus entertainers. Scenes juxtapose public spectacle and private judgment, contrasting the performers' gaudy outward show with observers' pity and the stage's ability to transform costume into sanctioned illusion. Through episodes of promenade, domestic conversation, and performances, the work reflects on honor, social standing, and the ambiguous dignity of public entertainers while developing character relationships and moral viewpoints that shape subsequent incidents.

»Und warum nicht? – was sonst hätte ich mit einem Adjutanten des Fürsten zu tun und zu verkehren? – Aber mach' dich fertig; die Zeit vergeht, und es muß drei Uhr vorbei sein. Die Leute drängten sich schon zur dritten Galerie, als ich vorüberkam.«

»Heute gibt's eine gute Einnahme,« sagte der Alte, der seinen Plunder aus den verschiedenen Zimmerecken zusammensuchte, »wo zum Teufel ist jetzt meine Pritsche? Ich habe sie gestern abend dort auf den Stuhl gelegt.«

Georgine verließ das Zimmer, um noch einiges für ihre Garderobe zusammenzusuchen, und Georg stand noch immer und starrte still und schweigend auf die Karte nieder, bis er sich endlich, als er die Frau zurückkommen hörte, davon losriß und seinen Hut ergriff. Es war in der Tat Zeit für den Zirkus, und alle anderen Gedanken nahm der Augenblick vollkommen in Anspruch.

4.

Ueber den Landgrafenplatz wälzte sich eine jubelnde Volksmasse herüber, als Graf Geyerstein gerade das Haus verlassen wollte. Ein Kamel, mit einem Affen auf dem Rücken, wurde dort vorbeigeführt, und von allen Seiten strömte das Meßvolk hinzu, den seltenen Anblick zu genießen. Eine Equipage, die des Weges kam, sah sich der Menschenmasse plötzlich gegenüber, und da der Kutscher vielleicht auch fürchten mochte, daß seine lebhaften Pferde vor dem Kamel sich scheuen könnten, so bog er rasch nach rechts in die, wenn auch schmale, doch kurze Rosenstraße ein, um dadurch dem lärmenden Volk aus dem Wege zu kommen.

Der Graf von Geyerstein hörte wohl das Rasseln der Räder, das jauchzende Toben der sich heranwälzenden Schar, aber er sah nicht, was um ihn her vorging. Den Hut fest in die Augen gedrückt, die Blicke am Boden, schritt er aus dem Hause, und wollte eben links nach dem Platze zu einbiegen, als eine lachende Mädchenstimme seinen Namen rief. Fast unwillkürlich schaute er empor und sah sich der Equipage des Kriegsministers von Ralphen gegenüber, der mit seiner Tochter Melanie im Fond, mit Rosalie und ihrer Gouvernante auf dem Rücksitz, von einem Besuch oder einer Spazierfahrt nach Hause zurückkehrte. Rosalie nickte ihm freundlich zu, und während ihn auch die Exzellenz grüßte, bemerkte er nicht, wie Melanie den erstaunten Blick auf ihm haften und dann nach dem Hause hinaufschweifen ließ. Da erkannte sie oben am Fenster die Gestalt Georginens, und als sie mit kalter Verbeugung seinen überraschten Gruß erwiderte, war der Wagen im nächsten Augenblick die Straße hinab verschwunden. Der Rittmeister aber, ohne ihnen auch nur nachzuschauen, fand sich gleich darauf in dem das Kamel umtobenden, lachenden, kreischenden Schwarme von Menschen, durch den hindrängend er seinen Weg heimwärts suchte.

Seinen Burschen Karl fand er dort übrigens schon in Verzweiflung seiner harrend, denn eine Ordonnanz hatte einen Befehl des Fürsten gebracht, der ihn eine Stunde vor Tafel ins Schloß berief, und bis er Toilette machen konnte, war die Zeit verstrichen. Karl schüttelte auch, während er seinem Herrn dabei half, sehr bedenklich mit dem Kopfe, denn der Rittmeister sprach, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, kein Wort. Nur als er fertig war, begehrte er einen Wagen und fuhr ins Schloß. Dienstsachen hielten ihn dort bis zur Stunde des Diners beschäftigt, und das Diner selber verlief dann, wie alle derartigen steifen Festtafeln gewöhnlich verlaufen.

Es waren ungefähr fünfzig Personen geladen worden, und die Säle schwärmten dazu im wahren Sinne des Wortes von geschäftigen und müßigen Lakaien in höchster Gala und in höchster Eile, die herüber und hinüber stürzten, das zu besorgen und auszuführen, wozu beim dritten Teil von ihnen die Hälfte überflüssig gewesen wäre. Der Haushofmeister prüfte noch mit scharfer Brille die Etiketten und Siegel der verschiedenen Flaschen, und befahl, welche Sorten in Eis zu bleiben hatten, welche nicht, und der an der Suppe stationierte Beamte warf schon verzweiflungsvolle Blicke nach den beiden an den Flügeltüren postierten Lakaien hinüber, denn seit einer vollen Viertelstunde war Seiner Königlichen Hoheit angezeigt, daß die Tafel serviert wäre, und trotzdem kamen die Herrschaften nicht. Noch einmal zu erinnern, ging auch nicht an – aber der Magen des gnädigsten Herrn half ihnen endlich aus der Not. Er gab das Zeichen, die Flügeltüren schossen auseinander, und der ganze Zug der Herrschaften und Gäste bewegte sich unter der geheimnisvollen Leitung des Hofmarschalls in den Saal. Im Nu war jedem hier sein Platz bezeichnet – nicht nach geselliger Wahl, sondern nach strengem Standesunterschied und Rang, und wie die Zähne eines trefflich ineinander greifenden Räderwerkes schoben sich jetzt die Teller, von weißen Handschuhen lautlos dirigiert, zwischen die Sitzenden. – Und Gänge und Weine wechselten wie das Gespräch, das jetzt, lebendiger werdend, hin und wieder flog und dem nur einzelne, mit Liebe den Getränken zusprechende alte Herren hartnäckig widerstanden.

Und wie süß die Damen lächelten, und wie rücksichtsvoll die Herren sprachen, und wie heimlich, aber deshalb nicht weniger gut gemeint, der Haushofmeister einem oder dem andern der unaufmerksam gewesenen Lakaien einen Knuff versetzte und ihn blitzschnell bald da-, bald dorthinüber sandte!

Da klirrte ein Teller auf den getäfelten, spiegelglatten Boden nieder und zerbrach in tausend Scherben – der Haushofmeister wurde totenbleich. Der arme Sünder, der das Verbrechen verübt, stand wie vernichtet – aber keiner der Herrschaften oder Gäste wandte den Kopf. Nur ein paar nervenschwache Damen zuckten zusammen – sonst hatte niemand es gehört, und die übrigen Lakaien, hier und da einen lächelnden Blick miteinander wechselnd, flogen eifriger, geschäftiger umher als je.

Der Fürst legte endlich seine Serviette auf den Teller und richtete sich empor. Die Tafel war aufgehoben, und in den zunächst liegenden Gemächern wurde der Kaffee umhergereicht. Dort sammelten sich die Gäste zu verschiedenen Gruppen, während Seine Königliche Hoheit von einer zur anderen ging, ein paar freundliche Worte bald an den, bald an jenen richtend. Graf Geyerstein hatte sich indes umsonst bemüht, in die Nähe der ebenfalls anwesenden Komtesse Melanie zu gelangen. Zuerst war die Komtesse von der Fürstin selber in Anspruch genommen, und dann fand er sie zwischen zwei alte, verwitwete Staatsdamen so hineingezwängt, daß ihr von keiner Seite beizukommen war. Auch schien sie das gar nicht zu wünschen, denn sie unterhielt sich auf das lebhafteste mit den beiden von Bändern und Schmuck bedeckten Ueberresten eines vergangenen Jahrhunderts und hatte für weiter niemanden im Saale Augen.

An einem der Fenster fand er endlich den Kabinettssekretär des Fürsten in lebhaftem Gespräch mit zwei jungen Damen wie ein paar anderen Herren, und der Name des Kunstreiters Bertrand fesselte hier zuerst seine Aufmerksamkeit. Er trat näher und traf die kleine Gruppe in lebendiger Debatte, weniger über die Leistungen des Mannes und seiner Gesellschaft, – als seine Familienverhältnisse. In der Stadt hatte sich nämlich das Gerücht verbreitet, Madame Georgine stamme aus einer altadeligen französischen Familie und sei von dem kühnen Reiter und Seiltänzer unter den abenteuerlichsten Verhältnissen aus einem Kloster entführt und zum Kunstritt erzogen worden. Ueber die Sache selber schien man auch vollständig einig, nur über den früheren Namen der Dame schwankten die Meinungen, und alles wandte sich in vollem Eifer gegen den jungen Grafen, als dieser das ganze Gerücht bezweifeln wollte. War er doch im Begriff, sich an der ganzen Gesellschaft zu versündigen, indem er ihr den pikantesten Stoff zur Konversation damit zu rauben gedachte. Wie die Debatte gerade am lebendigsten war, näherte sich der Fürst mit einem jungen Fremden, der sich seit einigen Tagen in *** aufhielt, der Gruppe, die sich augenblicklich gegen ihn öffnete.

»Ah, lieber Geyerstein,« wandte er sich zugleich gegen den Rittmeister, »was für einen Kampf führen Sie denn hier? Aber ich weiß nicht einmal, ob sich die Herren schon kennen? – Rittmeister Graf von Geyerstein – Graf Selikoff aus St. Petersburg. – Doch um was handelte Ihr Streit, wenn man fragen darf?«

Die beiden jungen Leute verbeugten sich gegeneinander, und Fräulein von Zahbern, die eine der Damen, antwortete: »Um kein Geheimnis, Königliche Hoheit, und doch auch wieder ein Geheimnis, nämlich um die Abstammung der Frau des Kunstreiters.«

»Ah, apropos, Lerchenstein, wie steht denn die Sache mit jenem Monsieur Bertrand?« wandte sich der Fürst an seinen Geheimsekretär. »Haben Sie mir nicht gestern morgen etwas darüber vorgelegt?«

»Allerdings, Königliche Hoheit. Es betraf die verweigerte Erlaubnis des Magistrats, daß der etwas tollkühne Mensch zwischen den beiden Türmen der Katharinenkirche ein Seil aufspanne, um darauf seine Künste zu zeigen.«

»Ganz recht. Jetzt erinnere ich mich. Ja, was soll man da tun? Der Magistrat wird wohl seine Gründe gehabt haben, es ihm zu verbieten, wenn ihm auch eigentlich kein Mensch verwehren kann, seinen Hals zu wagen. Meinen Sie nicht, Geyerstein?«

»Ich meine, Königliche Hoheit, daß es ein wohltätiges Verbot war. Es heißt an Gott gefrevelt, seine Glieder in solcher Weise der fast gewissen Gefahr preiszugeben.«

»Das nehmen Sie aber doch wohl zu ernst, lieber Geyerstein,« sagte der Fürst, »denn wenn Sie so weit gehen wollten, dürfte ich das Seiltanzen überhaupt nicht gestatten. Ich meinesteils täte das auch mit dem größten Vergnügen, aber wo die Grenze nachher ziehen zwischen gefährlichen und weniger gefährlichen Künsten?«

Der Rittmeister schwieg, denn er erinnerte sich, daß er fast dieselben Einwendungen mit beinahe den nämlichen Worten vor ganz kurzer Zeit der Komtesse Melanie gemacht. Fräulein von Zahbern aber rief: »Der Herr Rittmeister ist ein durchaus grausamer Mensch, er will uns jede Unterhaltung rauben.«

»Und würden Sie, mein gnädiges Fräulein, wirklich eine Unterhaltung darin finden,« entgegnete der Rittmeister, »einen Menschen zwischen zwei Türmen auf einem dünnen Seile spazieren gehen zu sehen? Würden Sie sich an einem Schauspiel ergötzen können, bei dem Sie jeden Augenblick fürchten müßten, daß es damit endete, Ihnen den zerschmetterten Leichnam vor die Füße zu senden?«

»Sie gebrauchen gräßliche Ausdrücke, Herr Graf!« rief das gnädige Fräulein, ihren Fächer in Schauder vor die Augen hebend, »aber Monsieur Bertrand fällt auch nicht herunter, er ist ja ein Seiltänzer.«

Graf Geyerstein zuckte die Achseln. Selikoff aber sagte: »Ich glaube, das gnädige Fräulein hat im Grunde recht. Der Broterwerb fast aller dieser sogenannten Meßkünstler ist lebensgefährlich, seien das nun Kunstreiter, Seiltänzer, Tierbändiger, Feueresser oder was immer, und wollte man die Leute aus übertriebener Humanität daran verhindern, sich möglicherweise den Hals zu brechen, so gäbe man sie sicher dem Verhungern preis oder zwänge sie wenigstens, ihr Brot, das sie nun einmal haben müssen, sich auf irgend eine andere ungesetzliche Art und Weise zu erwerben.«

»Das ist schön von Ihnen, Herr Graf,« rief das Fräulein von Zahbern, fröhlich in die Hände schlagend, »daß Sie uns das Wort reden, dem sehr gestrengen Herrn Rittmeister gegenüber.«

»Aber, mein gnädiges Fräulein...«

»Ich lasse gar keine Entschuldigung gelten,« rief die junge Dame, »denn gerade Sie sollten der letzte sein, der sich halsbrechenden Künsten widersetzt.«

»Und warum ich?«

»Weil Sie fortwährend die wildesten, unbändigsten Pferde ganz unnötigerweise selber reiten, und wenn Sie den Seiltanz verboten haben wollen, trage ich bei Seiner Königlichen Hoheit wahrhaftig darauf an, daß er Ihnen auch verbietet, Ihr Leben so mutwillig dem Eigensinne des ersten besten Pferdes preiszugeben.«

»Ich glaube selber, Sie sind da zu strenge, mein guter Geyerstein,« sagte jetzt auch der Fürst. »Es ist einmal Messe, und wenn ich dem Seiltänzer verbieten will, sein Seil so hoch zu spannen, wie es ihm beliebt, muß ich auch dem Menageriebesitzer – wie heißt er gleich? – untersagen, mit den Hyänen zu frühstücken und seinen Kopf in des Tigers Rachen zu stecken.«

»Also befehlen Königliche Hoheit?« fragte der Sekretär.

»Lassen Sie den Magistrat ersuchen, dem Manne kein Hindernis in den Weg zu legen,« sagte der Fürst.

»Zu Befehl, Königliche Hoheit.«

»Und – was ich noch gleich sagen wollte,« fuhr der Fürst fort, »wo steckt denn eigentlich unsere kleine Ralphen? Ich habe mich in der letzten Viertelstunde vergebens nach ihr umgesehen.«

»Dort drüben, mein gnädigster Herr,« erwiderte der Rittmeister, mit einer leichten Verbeugung nach der Richtung hinüberdeutend, in der er die junge Dame wußte. »Komtesse Melanie hat sich den beiden Staatsdamen angeschlossen.«

»Ah – danke – kommen Sie, Selikoff, ich sehe unsere schöne Komtesse schon; also auf Wiedersehen!« Und mit freundlichem Nicken verließ er die sich tief verbeugende Gruppe.

Natürlich hatte das Gespräch dadurch augenblicklich eine andere Wendung genommen. Der Kunstreiter, dessen Sache man überdies als erledigt betrachtete, war vergessen, und die Unterhaltung drehte sich ausschließlich um den jungen, fremden Grafen Selikoff, den einige mit einer geheimen politischen Mission am hiesigen Hofe betraut wissen wollten. Er sollte dabei steinreich und, einer der ersten russischen Familien angehörend, sogar der Liebling des Zaren sein; so wenigstens behauptete Fräulein von Zahbern, die einen wahren Schatz von Kenntnissen in dieser Angelegenheit entwickelte. Graf Geyerstein hatte sich indessen schon lange von der Gruppe zurückgezogen und verfolgte fast unwillkürlich mit den Blicken den jungen Russen, mit dem der Fürst gerade jetzt zur Komtesse von Ralphen trat. Ihm war es fast, als ob Melanies Auge über die Schulter des Fremden ihn gesucht habe – aber er hatte sich doch wohl geirrt, oder die neue Bekanntschaft nahm sie so in Anspruch, daß sie des alten Freundes nicht weiter gedachte. Wie süß und lieb sie den jungen Fremden anlächelte, und wie leichtherzig tändelnd das schöne Mädchen, als der Fürst sie sich selber überlassen hatte, mit ihm den Salon hinunterschritt.

»Cher comte! Sie schneiden ein ganz verzweifelt finsteres und festwidriges Gesicht,« lächelte in diesem Augenblicke ein kleiner, schmächtiger, mit Goldstickereien und Orden fast bedeckter Herr, der, den dreieckigen Hut unter den Ellbogen gedrückt, seinen Arm vertraulich in den des Grafen schob.

Es war eine eigentümliche, und, einmal gesehen, kaum wieder zu vergessende Persönlichkeit, dieser Herr von Zühbig, dessen Gesicht mit dem tief hinabgedrehten, schwarzen Schnurrbart, wie den hinaufgezogenen, etwas starken Augenbrauen den unverkennbaren Ausdruck trug, als ob er permanent über irgend einen Gegenstand sein äußerstes, aber auch untertänigstes Bedenken ausdrücken wolle. Der Mann sprach auch eigentlich nie, er lispelte nur, und lispelte dabei so süß, so lieb, so herzlich, recht aus tiefster Seele, daß man ihm zuletzt den Schnurrbart gar nicht mehr glaubte.

»Habe ich wirklich so ein finsteres Gesicht gemacht, Herr Intendant?« sagte Geyerstein, sich zu ihm wendend.

»Entsetzlich!« rief der Höfliche, und die Augenbrauen berührten fast das wohlgelockte und geölte Haar.

»Dann denunzieren Sie diesen Verstoß gegen die Etikette um Gotteswillen nicht dem Zeremonienmeister. Uebrigens gebe ich Ihnen die Versicherung, daß es nur ganz in Gedanken geschehen sein kann, ohne den geringsten Grund, denn ich dachte wirklich eben nur an ganz gleichgültige, unbedeutende Sachen.«

»Apropos, Herr Graf, haben Sie die neue Robe unserer Allergnädigsten schon bewundert? Sie ist wirklich magnifique.«

»Ich muß Ihnen meine Unaufmerksamkeit gestehen; ich habe es in der Tat noch nicht getan.«

»Dann versäumen Sie keinen Augenblick länger, cher comte. Die Herrschaften werden sich überdies bald wieder zurückziehen. Unser gnädigster Herr war so unendlich huldreich heute. – Sie hatten vorher eine längere Audienz bei Seiner Königlichen Hoheit, nicht wahr? Wohl Dienstsachen?«

»Allerdings.«

»Königliche Hoheit haben nichts über die gestrige Vorstellung erwähnt?«

»Nicht, daß ich mich erinnere.«

»Herr Generalintendant,« flüsterte in diesem Augenblicke ein Kammerherr an seiner Seite, »Königliche Hoheit wünschen...«

»Zu Befehl!« rief der Geschmeidige, indem er in dem Moment auch fast um wenigstens sechs Zoll kleiner wurde, und den Arm des Kammerherrn ergreifend, schritt er mit diesem, nach einem huldreichen, überglücklichen Lächeln gegen den Grafen, der Richtung zu, in der sich der Fürst befand, unterwegs indessen die ihm übersandten Befehle des Herrn entgegennehmend.

Noch stand der Rittmeister auf seiner Stelle, wo ihn von Zühbig verlassen hatte, als ein Herr, ein großer, stattlicher Mann mit militärischem Anstand, aber glatt rasiertem Gesicht, mehr jedoch noch durch seinen einfachen schwarzen Frack, an dem nicht ein einziger Orden prangte, gegen die übrige gestickte, geschmückte und uniformierte Gesellschaft abstechend, zu ihm trat. Es war der amerikanische Gesandte, Oberst Pollard, erst seit kurzer Zeit in ***.

»Mein Herr Graf,« redete er den jungen Mann an, den er schon früher kennen gelernt und lieb gewonnen hatte, »ich muß Sie um eine Auskunft bitten.«

Der Graf verbeugte sich leicht.

»Wer war der Herr, der Sie eben verlassen hat?« fragte der Oberst. »Es soll ein französischer General bei Tafel gewesen sein. – War jener Herr vielleicht?...«

»Da tun Sie ihm Unrecht,« lächelte der Rittmeister. »Herr von Zühbig ist der harmloseste und am wenigsten blutdürstige Mann seines Jahrhunderts, obgleich allwöchentlich zahlreiche Personen unter seiner Leitung teils erstochen werden, teils an gebrochenem Herzen sterben.«

»Sie sprechen in Rätseln.«

»Es ist der Generalintendant unseres Hoftheaters.«

»Und trägt einen wahren Panzer von Orden?« sagte der Amerikaner erstaunt.

»Mr. Pollard,« lachte der Graf, »Sie sind erst zu kurze Zeit in Deutschland, um sich hier an unsere Sitten und Gebräuche schon hinlängst gewöhnt zu haben. Aber – erinnern Sie sich wohl, daß Sie mir neulich einmal von Ihren Indianern erzählten, die gewisse Kerbhölzer haben sollen, an denen sie ihre verschiedenen Zeitabschnitte sowohl, wie außergewöhnliche Begebenheiten ihres Lebens anzeichnen?«

»Allerdings.«

»Nun gut! – unsere Höflinge – das Wort jedoch in der freundlichsten Weise gebraucht – sind ebenso die Kerbhölzer der Fürsten, an denen sich dieselben für alle Geburtsanzeigen befreundeter Höfe, für Besuche auswärtiger Potentaten, überhaupt für festliche und außergewöhnliche Gelegenheiten – ein Zeichen machen. Für ein so zierliches Kerbholz gehört aber auch, wie sie mir zugestehen werden, ein zierlicher Schmuck, und – voila.«

Oberst Pollard lächelte still vor sich hin, als plötzlich eine allgemeine Bewegung in den Salons entstand. Die Herrschaften zogen sich zurück, und die Gruppen der Gäste neigten sich tief und ehrfurchtsvoll vor dem Herrscherpaare. Und jetzt auf einmal kam reges, natürliches Leben in die bis dahin noch so steife, förmliche Menschenmenge. Alles brach auf, und wie der Fürst mit der Fürstin den Saal verlassen hatte, zogen sich die Gäste ebenfalls den Türen zu. Der Amerikaner war von dem jungen Grafen durch einige dazwischen tretende Herren vom Hofe getrennt worden, als sich Graf Geyerstein wieder angeredet sah.

Es war diesmal durch eine ihm nicht eben angenehme Persönlichkeit, mit der er bis jetzt auch noch keinen Verkehr gehalten hatte: ein noch sehr junger, ungemein geschniegelter, nach Parfüm duftender Herr, mit kleinem, stark gewichstem, pechschwarzem Schnurrbart, gebogener Nase und sehr lebendigen, rasch umherschweifenden schwarzen Augen, zwei große ausländische Ordenskreuze auf der Brust, mit einem Worte, der Sohn eines erst vor kurzer Zeit baronisierten, sehr reichen Bankiers, dessen Vater mit dem Hofe in fortwährender Verbindung stand.

»Herr Graf,« sagte der junge Mann, sich selbstgefällig dem Rittmeister vorstellend, »Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich mir die Freiheit nehme, mich selber bei Ihnen einzuführen. Ich bin Baron Hugo von Silberglanz und habe schon lange nach dem Vergnügen und der Ehre getrachtet, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen.«

»Herr Baron,« sagte der Graf, »es war mir sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben,« und sich leicht und kalthöflich vor ihm neigend, schritt er an ihm vorüber den Saal entlang.

Baron Hugo von Silberglanz blieb, etwas verdutzt über diesen Empfang, noch einige Sekunden an derselben Stelle stehen, als er den Blick des Staatsrats von Zädnitz mit innigem und boshaftem Vergnügen auf sich haften sah. Er fühlte, wie er rot wurde, und sich rasch und mit einem vollständig gleichgültigen Blick emporraffend, warf er den Kopf zurück und schritt einem der Seitengemächer zu. Graf Geyerstein indessen, der schon gar nicht mehr an den faden Menschen dachte, suchte noch der Komtesse Melanie zu nahen, denn bis jetzt war er nicht imstande gewesen, ein einziges Wort mit ihr zu wechseln – aber es gelang ihm nicht. Einmal glaubte er allerdings, daß ihr im Saale umherschweifendes Auge ihn wenigstens streife – doch konnte sie ihn nicht gesehen haben, denn schon im nächsten Moment wandte sie sich ihrem jetzigen Begleiter, dem jungen Grafen Selikoff, zu, an dessen linker Seite Fräulein von Zahbern dahinschritt und sehr angelegentlich auf ihn einsprach.

»Sehen Sie nur, wie sich die Zahbern an den Selikoff drückt, und wie bezaubernd sie zu ihm hinüberlächelt,« flüsterte nicht weit von ihm der Kabinettssekretär einem neben ihm gehenden Kammerherrn des Fürsten zu.

»Das hilft ihr doch nichts,« erwiderte dieser, »er scheint nur Auge und Ohr für die kleine Ralphen zu haben.«

»Die arme Zahbern,« lächelte der Sekretär, »und sie gibt sich so viel Mühe!«

»Und hat schon so viel bittere Erfahrungen gemacht!« sagte der Kammerherr.

Die beiden Herren schlenderten langsam der Tür zu, ließen sich draußen von den Lakaien ihre Paletots überhängen und stiegen die Treppe hinunter, um ihren Wagen dort zu erwarten. Auch Graf Geyerstein folgte ihnen und sah eben noch, wie der junge Russe mit dem Kriegsminister von Ralphen und Melanie in deren Equipage stieg und in die Stadt hinein fuhr.

»Aber, Herr Graf, Sie antworten mir ja gar nicht,« sagte in diesem Augenblick eine vorwurfsvolle Stimme an seiner Seite, und Fräulein von Zahbern schaute mit einem freundlich verweisenden Blick zu ihm auf.

»Mein gnädiges Fräulein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung – das Rasseln der Wagen – Sie befehlen?«

»Gar nichts, lieber Graf; ich meinte nur, daß der junge Graf Selikoff ein höchst liebenswürdiger Mensch ist – er war so artig; die alte Exzellenz weiß auch wohl, was sie tut.«

»Wer? – Herr von Ralphen?«

Fräulein von Zahbern nickte.

»Der junge Graf ist steinreich, ein Wort, das man ganz vorzüglich von den Russen gebrauchen kann, denn sie wühlen in Diamanten, und bei Ralphens sollen die Vermögensverhältnisse – Sie wissen, man munkelt da Verschiedenes.«

»In Kaffeegesellschaften?«

»Nur nicht boshaft, wenn ich bitten darf!«

»Aber mein gnädiges Fräulein...«

»Ich weiß schon, was Sie sagen wollten – auf uns arme Frauen wird von diesen sogenannten Herren der Schöpfung am liebsten gleich alles gewälzt. Das habe ich übrigens aus ganz sicherer Quelle und nicht aus einer Kaffeegesellschaft.«

»Daß die sogenannten Herren der Schöpfung...?«

»Da nicht sehen wollen, wo sie selber blind sind,« sagte die junge Dame mit sehr scharfer Betonung des Selber.

»Und sind sie da nicht vollkommen entschuldigt?« lächelte der Graf.

»Der Kriegsminister wird alles daran wenden, um den Russen hier zu fesseln,« fuhr die junge Dame fort.

»Glauben Sie?«

»Was die Augen sehen, glaubt das Herz.«

»Und wenn wir den Satz umdrehen?«

»Sie sind unausstehlich heute, Graf!« rief die Dame, »für meine freundliche Warnung hätte ich andern Dank verdient.«

»Für Ihre Warnung, mein gnädiges Fräulein?« sagte Graf Geyerstein erstaunt.

»Tun Sie nur nicht so unschuldig,« rief die junge Dame, »und trauen Sie der Residenz nicht zu, daß sie blind ist, wenn Sie blind sein wollen. Sie kennen doch die Fabel vom Strauß?«

»Mit dem Kieselstein-Verschlucken?«

Fräulein von Zahbern wollte etwas darauf erwidern, aber sie biß sich auf die Lippen. »Wem nicht zu raten ist, lieber Graf,« sagte sie endlich, indem sie sich gegen ihn verneigte, »dem ist auch nicht zu helfen – ich sehe, da ist mein Wagen – au revoir!«

»Mein gnädiges Fräulein...«

»Apropos – werden Sie heut abend den Zirkus besuchen?«

»Es ist Meßsonntag.«

»Leider Gottes, und ich ginge so gern! Madame Bertrand soll eine reizende Frau sein. Graf, Graf, nehmen Sie sich in acht!«

Fräulein von Zahbern drohte ihm dabei, als er ihr gerade den Arm bot, um sie in den Wagen zu heben, lächelnd mit dem Finger.

»Wieder eine Warnung, mein gnädiges Fräulein?« fragte der Rittmeister.

»Ich will weiter nichts gesagt haben,« erwiderte die Dame, und die weitere Unterhaltung wurde durch das Anziehen der Pferde abgebrochen.

Der Rittmeister schritt langsam seiner eigenen Wohnung zu.

5.

Am nächsten Morgen war Graf Geyerstein früh aufgestanden und hatte einige Briefe geschrieben. Nach dem Frühstück ging er unruhig in seinem Zimmer auf und ab, und sah wohl hundertmal nach der Uhr, deren Zeiger ihm nie so langsam fortgeschlichen waren, wie gerade heute. Endlich schlug es acht. Sein Bursche Karl trat herein und fragte nach den Briefen, die ihm der Herr Rittmeister befohlen hätte auf die Post zu schaffen.

»Warte noch einen Augenblick, ich bin noch nicht fertig,« lautete die Antwort. »Hat noch niemand nach mir gefragt?«

»Noch nicht, Herr Rittmeister.«

»Ich werde dich rufen, wenn ich dich brauche.«

Der Bursche schloß die Tür wieder, und der Rittmeister setzte mit untergeschlagenen Armen seinen unruhigen Spaziergang fort. Es schlug halb neun, da klingelte draußen die Vorsaaltür, und der Rittmeister zuckte zusammen. Er blieb stehen und horchte; draußen wurden Stimmen laut, und gleich darauf trat Karl ein und überreichte ihm eine Karte, die den einfachen, außerordentlich fein darauf gestochenen Namen trug »Georg Bertrand.«

»Es ist gut,« sagte der Rittmeister, »laß – laß den Herrn eintreten – aber warte. Hier, nimm das gleich mit fort: diese beiden Briefe auf die Post – diese Bücher hier kommen zum Buchbinder, und hier die Koppel trägst du zum Sattler und läßt dir eine andere Schnalle für die gebrochene ansetzen. Du magst gleich darauf warten.«

»Zu Befehl, Herr Rittmeister.«

»Also bitte den Fremden, einzutreten, und halte dich nicht länger auf, als nötig ist.«

Der Bursche verschwand wieder, gleich darauf öffnete sich aufs neue die Tür und schloß sich hinter dem eingetretenen Fremden, der mit leiser, aber fester Stimme und leichter Verneigung sagte: »Sie haben gewünscht, mich zu sprechen, Herr Graf.«

Graf Geyerstein stand der hohen, männlichen Gestalt des Kunstreiters Bertrand gegenüber, aber er antwortete keine Silbe. Totenbleich sah er dabei aus; jeder Tropfen Blut hatte seine Wangen verlassen, und nur seine Blicke hafteten fest, ja stier auf den Zügen Bertrands.

»Sie haben gewünscht, mich zu sprechen, Herr Graf,« wiederholte der Kunstreiter endlich – aber noch leiser als vorher.

Da streckte der Graf die Arme nach ihm aus.

»Georg,« sagte er mit vor innerer Bewegung fast erstickter Stimme – »Bruder Georg!«

Monsieur Bertrand rührte sich nicht. Er hatte die Zähne aufeinander gebissen und sah fest und ernst in die Züge des Grafen, aber es war nur ein Moment, im nächsten warf er sich an seine Brust, und die beiden Männer hielten sich stumm und schweigend Herz an Herz in eiserner Umarmung fest umschlossen.

»Ich hatte keine Ahnung, dich hier in ***schen Diensten zu finden,« flüsterte endlich Georg, als er sich langsam, die Augen von Tränen gefüllt, wieder emporrichtete.

»Ich erkannte dich auf den ersten Blick, wie ich dich die Straße niederreiten sah,« erwiderte der Rittmeister, »aber, Georg, um Gottes, um unserer Ehre willen, welchen Lebensweg hast du gewählt? Was konnte dich in diese Bahn schleudern?«

»Wir sind allein?« sagte Georg, während er einen Blick nach der Türe warf.

»Vollkommen und ungestört. Mein Bursche ist fort; außerdem weiß er, daß er nicht horchen darf. Setze dich hierher zu mir.«

Georg zögerte einen Augenblick, dann legte er seinen Hut ab und ließ sich still neben dem Bruder nieder, der seine Hand ergriff und bittend sagte: »Jetzt sprich, Georg – gestehe mir alles – alles, was geschehen ist, schütte dein ganzes Herz in meine Brust aus, und laß mich dann Mittel und Wege finden, dir zu helfen, dich zu retten.«

»Mich zu retten?« lächelte aber Georg bitter vor sich hin, »das ist vorbei – zu spät, und ich glaubte auch die Vergangenheit schon fest und sicher abgebrochen, glaubte mit der Welt und meinem früheren Namen abgeschlossen zu haben, als deine Karte gestern all' diese Hoffnungen und Pläne mit einem Schlage über den Haufen warf.«

»Und so lange bist du schon nach Deutschland zurückgekehrt, ohne selbst mir ein Lebenszeichen zu geben!« sagte Wolf vorwurfsvoll.

»Ich wagte es nicht,« flüsterte Georg, finster das Antlitz zur Seite wendend. »Ich vermied sogar, die heimischen Grenzen zu betreten, denn ich fürchtete, erkannt zu werden, fürchtete mich selber zu verraten, und – mochte den Spott derer nicht ertragen, die ich früher – als meinesgleichen wußte.«

»Georg,« sagte der Bruder tief bewegt, »nicht um dir Vorwürfe über Vergangenes zu machen, hab' ich dich aufgesucht, hab' ich dich gebeten, zu mir zu kommen. Deine eigenen Worte jetzt gestehen mir alles, was ich dir darüber zum Herzen reden könnte; denn du, der sich seinen Lebensberuf darin gewählt hat, dem Tod in seiner häßlichsten Form zu trotzen, schämst dich jetzt, denen unter die Augen zu treten, die früher deinesgleichen waren und aus deren Kreisen du fort – hinab gestiegen bist. Daß du das aber fühlst, bürgt mir auch für die Erfüllung meiner Hoffnung, dich diesem Leben wieder zu entreißen.«

»Es ist zu spät,« sagte düster der Kunstreiter, »ich – kann nicht mehr zurück.«

»Der Mensch kann alles, was er ernstlich will, und deine Seele hast du nicht verpfändet,« entgegnete ernst der Graf, »ja, wenn du es deinethalben selbst nicht tun wolltest, müßtest du es meinethalben – müßtest du es der Mutter wegen tun.«

Georg barg das Antlitz in den Händen, und Wolf, seine Hand freundlich auf des Bruders Schulter legend, fuhr leise fort: »Sieh, Georg, so gut wie ich dich, selbst unter dem dichten Barte und dem Flittertande erkannt, mit dem du dich umgeben, so gut kann einer deiner früheren Kameraden dich ebenfalls erkennen, und daß es bis jetzt noch nicht geschehen, begreife ich sogar nicht einmal. Das Tagesgespräch beschäftigt sich sogar fast ausschließlich mit dir und – deiner Frau, und wunderliche Gerüchte über euch durchlaufen schon die Stadt, wenn sie die rechte Fährte auch noch nicht gefunden haben.«

»Und gerade diese tollen Gerüchte sichern mir vielleicht meine Verborgenheit.«

»Vielleicht – aber auf wie lange? Und glaubst du nicht, daß du das Herz der Mutter brechen würdest, wenn ihr die furchtbare Wahrheit je zu Ohren käme? Sie hat dich als einen Toten beweint; o, laß sie nicht den Lebenden noch mehr beklagen, als den Toten!«

Georg war aufgesprungen und mit unruhigen Schritten maß er das Zimmer auf und ab, bis er endlich wieder neben dem ihm mit mitleidigen Blicken folgenden Bruder Platz nahm und sagte: »Du weißt, Wolf, wie mein ungezügeltes Leben in früheren Jahren langsam, aber sicher das Netz über mich zusammenzog, in dem ich endlich unterging, – dem ich erlag. Dem Trunk gab ich mich hin, und in dem Trunk dem Spiel, und mit dem Spiel verlor ich alles, was ich mein nannte – verlor mich selbst. Ich mußte flüchten, mein ganzes mir zukommendes Vermögen reichte nicht hin, die hinterlassenen Schulden zu decken – unterbrich mich nicht – ich weiß, daß du, Wolf, über deine Kräfte beigesprungen bist, wenigstens die Ehre unseres Namens zu retten, wenn du mich auch nicht mehr retten konntest. Da, als ich das hörte, erfaßte mich die Verzweiflung; ich floh nach Frankreich, und mein böser Stern warf mich in die Arme einer dort umherziehenden Kunstreitertruppe. Du weißt, daß ich von jeher ein guter, vielleicht zu tollkühner Reiter gewesen; die kleinen Kunstgriffe jener Truppe lernte ich deshalb bald und fühlte dadurch einen gewissen Stolz, mein Leben, meine Existenz dem Schicksal selber abringen zu können. Der Chef unserer Truppe war zugleich ein Seiltänzer, und wie mein in eine falsche Bahn geworfener Stolz nicht ertragen konnte und wollte, daß irgend jemand es mir in dem Berufe, den ich mir jetzt gewählt, zuvortun sollte, warf ich mich mit tollem Eifer dieser neuen Kunst in die Arme. Vollkommen schwindelfrei, denn der Leidenschaft des Trunkes, wie dem Spiel hatte ich lange entsagt, machte ich rasend schnelle Fortschritte, und mein wertloses Dasein doch nicht achtend und keck bei jeder Gelegenheit in die Schanze schlagend, übertraf ich bald meinen Meister.«

»Und hast du nie dabei an uns gedacht?«

»Ja,« flüsterte Georg, »nur zu oft; aber gerade der Gedanke an euch, der mir beim Ritt die Kraft, beim Seiltanz Mut und Geistesgegenwart raubte, wurde mein schlimmster Feind – wenigstens hielt ich ihn dafür.«

»Es war dein guter Engel, der dich zurück in unsere Arme führen wollte.«

»Möglich,« sagte Georg, scheu den Kopf abgewandt, »aber – ich hielt ihn für meinen Teufel und suchte mich für immer von ihm zu befreien.«

»Aber das war nicht möglich.«

»Doch,« hauchte Georg, »der Menschengeist ist erfinderisch, und – ich fand ein Mittel. Ich lernte damals Georginen kennen, das schönste Weib, das ich je gesehen, und – heiratete sie.«

»Es geht hier ein Gerücht in der Stadt,« sagte der Graf, »daß Georgine die Tochter eines französischen Edelmannes sei, die du aus einem Kloster auf abenteuerliche Weise entführt haben solltest. Ist das begründet?«

»Eines französischen Edelmannes?« erwiderte mit finster zusammengezogenen Brauen und bitterem Lächeln der Kunstreiter. »Du hast ihren Vater gesehen – er ist Hanswurst bei unserer Truppe, dem niedrigsten Pöbel entsprungen, in dem er schwelgt.«

»Also doch!« seufzte Wolf aus tiefster Brust.

»Du siehst, daß es mir gelungen ist, mir den Rückweg für alle Zeiten abzuschneiden,« fuhr sein Bruder fort. »Ich wußte, daß ich mit dieser Heirat mich für immer von allem, was mich noch im alten Vaterlande hielt, was mich dahin zurückzog, losriß, und einmal den Schritt getan, und ich war frei. Von dem Augenblicke an war ich Kunstreiter, war ich Seiltänzer mit ganzer Seele. Toller und rücksichtsloser aber trieb ich es als bisher; meine Keckheit wurde zum Sprichwort, die Leute kamen meilenweit, meine halsbrechenden Künste zu sehen und anzustaunen, und – der Ehrgeiz, der Stolz des Edelmannes versank in dem des Luftspringers. – Da hast du meine Geschichte, kurz und einfach bis zur heutigen Stunde, und nun laß mich fort. Daß Du mich erkannt, ist mir ein Beweis der Gefahr, der ich mich hier in Deutschland aussetze, wieder einmal einem der früheren Kameraden zu begegnen. Der Gefahr will ich nicht preisgegeben sein, und weniger meinet-, als eurethalben. Ich kehre nach Frankreich zurück, um Deutschland nicht wieder zu betreten. – Vielleicht gehe ich nach Amerika mit meiner Truppe, denn dort bin ich ganz sicher. Eine Frage nur beantworte mir noch, Wolf, und glaube mir, daß dein Wiedersehen dabei, du treues Herz, den einzigen Lichtblick auf meinen dunkeln Lebenspfad geworfen, an dem ich viele, viele Jahre zehren werde – wie geht es – der Mutter?«

Er hatte sich abgewandt und die letzten Silben so leise gesprochen, daß sie kaum zu dem Ohr des Bruders drangen.

»Denkst du noch an unsere Mutter, Georg?« fragte Wolf, seine Hand ergreifend und seinen ängstlichen Blick fest auf ihn geheftet.

»Glaubst du, daß ich sie je vergessen könnte?« erwiderte der Unglückliche, »o, wenn ich sie noch einmal sehen, mein müdes Haupt noch einmal an ihr treues Herz pressen könnte...«

»Armer, armer Georg!« seufzte Wolf, »und mit dem nagenden Wurm in der Brust willst du wieder hinaus? – Bleibe bei uns. Noch ist es möglich, daß du die Mutter wiedersiehst, ohne ihr das Herz zu brechen. Noch ist es möglich, daß du dem Leben, der Gesellschaft zurückgegeben würdest – aber du mußt wollen

Georg sah staunend zu ihm auf. »Jetzt noch?« sagte er, »jetzt, nachdem ich dir erzählt, daß der Hanswurst mein Schwiegervater, daß Georgine, die Kunstreiterin, die nur im Zirkus lebt und atmet, mein Weib ist?«

»Selbst jetzt noch,« erwiderte fest der Bruder, »aber du mußt wollen; du mußt das alte Leben mit Gewalt von dir abschütteln, mußt die deinen zwingen, sich dem zu fügen, und glaube mir, nach einem einzigen Jahre habe ich dich dem bürgerlichen Leben, habe ich dich uns, der Mutter wiedergewonnen.«

»Aus dem Kunstreiter wolltest du wieder einen Grafen machen, Wolf?« sagte Georg, traurig dazu mit dem Kopfe schüttelnd; »ins bürgerliche Leben einzutreten, wäre möglich, was sollte mich daran hindern? denn ich bin mir keiner schlechten, unehrenhaften Tat weiter bewußt, als der, die ich im jugendlichen Leichtsinn verübt. Aber meinen früheren Rang habe ich verscherzt, und selbst der Bürger, der vielleicht mit dem früheren Monsieur Bertrand gern verkehren möchte, würde er sich nicht scheu zurückziehen, wenn er den Hanswurst mit in den Kauf nehmen müßte? Nein, Wolf, nein; es geht nun und nimmermehr. Mit nur zu sicherer Hand habe ich mich selber ins Leben getroffen, und ich bin und bleibe für euch verloren. Beantworte mir jetzt noch eine Frage, und dann laß mich ziehen. Dir selber bleibe ich trotzdem ewig dankbar für die brüderlichen Worte, die du zu mir gesprochen. Wie geht es unserer Mutter, und hat sie aufgehört, den toten Georg zu beweinen?«

»Kräftig und wohl ist sie,« erwiderte Wolf, »und in den letzten Jahren besonders hat sie sich wunderbar wieder erholt. Dein Verlust, Georg, hatte sie schwer niedergebeugt, und als die wenn auch unbestimmte Kunde deines Todes zu uns kam, da hat sie jahrelang nicht mehr gelacht, und ging gebeugt, gebrochen still umher. Du warst von je ihr Liebling gewesen, und dein Verlust hat sie bitter, bitter geschmerzt. Jetzt scheint die Zeit jene Wunde in etwas vernarbt zu haben; sie ist wieder heiter geworden, und nur die Tage, die dein Gedächtnis lebhafter als andere wecken, wecken auch damit den Schmerz aufs neue.«

»Und wenn sie wüßte, daß ich lebte – daß ich so lebte – sie würde mir fluchen und sterben.«

»Sie würde sterben, Georg,« sagte der Bruder tief bewegt, »aber nie dir fluchen. Du weißt nicht, wie viel Liebe in einem Mutterherzen Raum hat – und wie wenig Haß. Aber denke, Georg, wie glücklich, wie unsagbar glücklich du sie machen könntest, wenn du zurückkehrtest.«

»Aber wie kann ich, Wolf? – wie kannst du, der so genau die Sphäre kennt, in der ihr Leben, in der das deine liegt, nur an die Möglichkeit eines solchen Rückschrittes glauben?«

»So höre,« sagte Wolf, »was ich mir ausgedacht. Ich habe gestern mit deiner Frau, mit Georginen gesprochen, wenig nur, doch vielleicht genug, mich einen Blick in ihren Charakter tun zu lassen, und muß dir gestehen, daß der mir nicht geeignet schien, meine Pläne zu fördern. Dem festen Willen des Mannes aber ist alles möglich, und die Frau soll und muß sich fügen, besonders noch, wenn alles nur zu seinem, zu ihrem Heil selber führt. Deshalb habe ich den Mut auch nicht verloren, und selbst dem Vater kann Gelegenheit geboten werden, sein früheres Leben zu vergessen, ungeschehen zu machen.«

Georg schüttelte seufzend mit dem Kopfe. Wolf aber, von der Hoffnung hingerissen, den Bruder zu retten, fuhr fort: »Wie unsere Vermögensverhältnisse stehen, weißt du so gut, wie ich es dir sagen könnte. Sie sind, wenn auch nicht glänzend, doch vollständig unserer Stellung im Leben genügend. Deine hinterlassenen Schulden erforderten allerdings ein nicht unbedeutendes Kapital, und es verstand sich von selbst, daß das geschafft werden mußte. In den letzten Jahren hat sich aber der Wert des Grundeigentums durch zahllose industrielle Unternehmungen bedeutend gesteigert, und die damals erlittenen Verluste sind schon lange mehr als gedeckt. O, wärest du damals zu uns zurückgekehrt, alles hätte noch gut und vergessen werden können! Doch ich will dir keine Vorwürfe mehr machen, sondern zur Sache kommen, die dich selbst jetzt noch uns erhalten kann. Kunstreiter – Seiltänzer darfst du nicht bleiben, das siehst du ein; selbst ich müßte mich dann von dir lossagen, und wenn mir das Herz auch blutete, aber ich habe eine andere Bahn für dich. Als ich dich zuerst wiedersah, und rasch dabei die Möglichkeit überdachte, einen andern Lebensweg für dich zu finden, kamen mir fremde Kriegsdienste als das Natürlichste vor – o, hättest du selber diesen Weg schon früher gewählt! Jetzt, nachdem ich deine Frau gesprochen, nachdem ich erfahren, daß du ein Kind – eine Tochter hast, fühle ich, daß das nicht mehr geschehen kann. Georginen kannst und darfst du nicht mit deiner Tochter allein zurücklassen; sie würden ohne dich rettungslos zugrunde gehen, und dem zu begegnen, gibt es noch ein anderes Mittel. Wir haben schon vor längeren Jahren das Gut Schildheim im Mecklenburgischen, das du ja selber kennst und welches früher einer alten Großtante gehörte, geerbt. Es ist jetzt der Mutter Eigentum, ich aber habe die Administration darüber und bis jetzt einen Pachter darauf gehabt. Dieser tritt nun in nächster Zeit die Hinterlassenschaft seines gerade verstorbenen Vaters an und übernimmt damit dessen in Preußen gelegenes Besitztum. Dort nun, in Schildheim, rückst du indessen vorläufig ein.«

»Als Pachter? ich verstehe nichts von der Oekonomie,« sagte Georg finster.

»Es ist das keine so schwierige Kunst zu erlernen,« erwiderte aber der Bruder, »und du behältst den Verwalter, der bis jetzt auf dem Gute war, bei dir. Da er sich mit dem vorigen Pachter nicht gut vertragen konnte, wird er nicht mit ihm gehen und hat mich schon gebeten, bei dem nächsten ein gut Wort für ihn einzulegen, daß er bleiben könne. Es ist ein schon bejahrter, aber sehr tüchtiger, nur etwas eigener, pedantischer Mann, dessen Kenntnisse du benutzen, dich auch sicher bald mit ihm befreunden und von ihm lernen wirst. Fühlst du dann, daß dich das Leben freut, fühlst du, daß du bei uns dich heimisch machen kannst, dann, Georg, darfst du getrosten Mutes der Mutter wieder ins Auge schauen, dann finden sich auch Mittel und Wege, dir wieder, wenn auch nicht gleich in deiner früheren Heimat selber, eine selbständige, unabhängige Stellung zu gründen, dann bist du wieder der Unsere, Bruder Georg, und gibst dafür mehr, als wir dir je im Leben bieten können, du gibst unserer Mutter mit dem Sohne ihr Glück, ihren Frieden wieder.«

»Wolf, mein treuer, wackerer Wolf,« rief Georg, indem er mit tränenden Augen gerührt des Bruders Hand ergriff, »habe ich das um dich – um euch alle auch verdient?«

»Und du willigst ein?« rief Wolf rasch und erfreut.

»Für mich von Herzen gern,« sagte Georg, in die dargebotene Hand des Bruders schlagend, »Gott mag dir die brüderliche Liebe lohnen, ich selber kann es nie, aber – Georgine! Wird sie sich an das stille Leben gewöhnen, wird sie sich heimisch fühlen können auf dem einsamen Landsitz, fern von dem Geräusche der Stadt, das ihr noch nicht einmal genügt, nach dem aufregenden Leben ihres bisherigen Berufes? Ich fürchte, Wolf, daß mir da schwere Kämpfe bevorstehen.«

»Du glaubst, daß sie dich liebt?«

»Sie liebt mich als den besten und kühnsten Reiter, den sie kennt.«

»Und ihr Kind?«

»Ihr liebster Gedanke war von je – eine zweite Georgine aus ihr zu ziehen. Was ihren Vater anlangt, so glaube ich, daß dieser einem solchen neuen Leben weniger Schwierigkeiten in den Weg legen würde. Er ist in den letzten Jahren recht alt und entsetzlich mürrisch geworden, scheint auch an dem wüsten Treiben und der Schattenseite unseres Berufes, dem Hanswurst, dem wir des Publikums wegen aber doch nicht entsagen können, kein besonderes Vergnügen mehr zu finden. Wenn er nur imstande sein wird, sich an eine geregelte Tätigkeit zu gewöhnen!«

»Er wird es gewiß, wenn er nur sieht, daß eure Zukunft sich dadurch auch sichert. Was um Gottes willen würde aus euch, wenn ein unglücklicher Sturz den einen oder den andern zum Krüppel machte? und seid ihr diesem Schicksal nicht jede Stunde ausgesetzt?«

»Denkt der Soldat an Wunden oder Tod, wenn er dem Feinde gegenübersteht?«

»Aber der Soldat hat noch ein höheres Ziel als seinen Sold – er hat die Ehre, für die er kämpft, sein Vaterland, das er verteidigt.«

»O, wäre ich Soldat geworden!« seufzte Georg.

»Das ist zu spät,« erwiderte Wolf, »aber auch im bürgerlichen Leben kannst du noch deinen Platz ehrenhaft ausfüllen, kannst dich zu dem Range wieder hinaufarbeiten, der dir nach Geburt und Recht gehört; und ist das nicht ein ein schönes Ziel, dem entgegen zu streben? Denk' an unsere Mutter dabei – denke, wie unsagbar glücklich sie sich fühlen würde, wenn ich imstande wäre, den verloren geglaubten Sohn wieder in ihre Arme zu führen! Du bist ohne den Segen der Mutter vom Hause geschieden, kannst du ein schöneres Ziel vor Augen haben, als einen solchen dir zu verdienen?«

Georg warf sich an des Bruders Brust, und lange hielten sich die beiden fest und schweigend umschlungen. Endlich richtete sich Georg empor und sagte leise: »Aber wie entgehe ich den übernommenen Verpflichtungen? Wie trenne ich mich von der Gesellschaft, selbst angenommen, daß sich Georgine willig jeder meiner Anordnungen fügen würde?«

»Auf wie lange Zeit hast du deine Leute noch engagiert?« fragte Wolf.

»Der Kontrakt der meisten läuft allerdings mit dieser Messe ab. Nur einigen bin ich länger verbunden, aber auch mit denen ließe sich wohl ein Abkommen treffen. – Und meine Pferde?«

»Verkaufst du hier. Du findest kaum einen besseren Markt dafür. Möglich sogar, daß deine Leute dir einen Teil derselben abkaufen, um ihre Laufbahn damit fortzusetzen.«

»Dazu fehlt es ihnen an Geld,« sagte Georg. »Es ist ein wildes, abenteuerliches Leben, das wir führen, und bares Geld hält sich nicht dabei. Pferde und Garderobe sind auch das einzige, was ich besitze, doch steckt darin ein nicht unbedeutendes Kapital, das schon imstande wäre, mich eine Weile über Wasser zu halten. Sauer genug ist es außerdem verdient.«

»Das Kapital wird dir dann wesentlich den Anfang erleichtern,« sagte Wolf. »Richte dich aber auch ein, daß du jedenfalls imstande bist, gleich nach der Messe, also in acht Tagen etwa, deine Maßregeln zu treffen, dich von deiner bisherigen Gesellschaft loszusagen und den Umzug anzutreten. Und noch eins – deine Frau darf nicht wissen, welcher Rang und welcher Titel dir zusteht!«

»Du fürchtest, daß sie nicht schweigen kann?«

»Das fürchte ich nicht; ich glaube, sie kann ganz gut schweigen, wo es ihren Zwecken entspricht, aber – ich fürchte ihren Stolz. Sie würde dich vielleicht quälen, deinen rechten Namen vor der Zeit wieder anzunehmen, und dir wenigstens, wenn nichts weiter, doch unnötigen Kummer, nutzlose Sorge bereiten.«

»Aber welchen anderen Grund kann ich ihr nennen, dem sie auch nur im entferntesten Glauben schenken würde? – Ja, sollte sie sich weigern, mir zu folgen, so gäbe sie mir das Kind auf keinen Fall, und von Josefinen mich zu trennen, wäre ich nicht imstande.«

»Das brauchtest du auch nicht, selbst das Schlimmste angenommen!« rief sein Bruder. »Die Gesetze schützen dich darin, denn das Kind gehört vom sechsten oder siebenten Jahre an dem Vater, wenn sich beide Gatten trennen sollten.«

»Und wenn sie mir dann gezwungen folgt, so wird sie sich unglücklich und elend fühlen.«

»Die erste Zeit vielleicht, doch dürfte sie sich bald in das neue Leben schicken. Sie wird und muß einsehen lernen, daß des Weibes Beruf nicht der Oeffentlichkeit, wenigstens nicht in solcher Weise, angehört. Sie wird dabei ihre Tochter zu einer ehrenvollen, gesicherten Zukunft heranwachsen sehen und in dem Bewußtsein volle Entschädigung für die aufgegebenen so unweiblichen Triumphe finden. Sie muß sich dann auch glücklich fühlen, oder sie wäre nimmer deiner Achtung, – deiner Liebe wert.«

»Ich will es versuchen,« sagte Georg, dem Bruder noch einmal die Hand reichend und fest und herzlich schüttelnd, »hier hast du Handschlag und Wort, und was in eines Menschen Kräften steht, dem einmal über ihn hereingebrochenen Schicksal Trotz zu bieten, soll geschehen. Bist du damit zufrieden?«

»Ich bin's, Georg, und stärke dich Gott auf deiner neuen Bahn, der dich so sicher schützen wird, wie ich dir treu zur Seite stehen werde. Beginne denn mit gutem, frischem Mut und wirf dieses Leben, das deiner unwert ist, von dir, wie ein altes, abgetragenes Kleid.«

»Aber diese Woche kann ich mich ihm noch nicht entziehen. Ich muß ihm wie bisher folgen, wenn ich nicht gerade dort, wo ich es am wenigsten möchte, Verdacht erwecken will. Ich hoffe jetzt nur, daß mir der Fürst meine Bitte abschlägt, den Seiltanz zwischen den Türmen zu wagen.«

»Hoffe das nicht,« sagte der Graf, »ich war gestern zugegen, wie er dir günstigen Bescheid erteilte, und konnte es nicht hindern. Aber eine Ausrede findest du leicht, ein verstauchter Fuß, ein plötzliches Unwohlsein selber kann dich leicht verhindern, von der erhaltenen Erlaubnis Gebrauch zu machen. Laß selbst die Vorbereitungen dazu treffen, wenn du willst, nur wage dein Leben nicht weiter in solch nutzloser, frevelhafter – ja, du darfst mir den Ausdruck nicht übelnehmen – entehrender Kunst.«

»Ich will versuchen, ob es möglich ist,« sagte Georg. »Aber ich sehe auch ein, daß du recht hast: Georgine darf vorderhand noch nichts weiter erfahren; ich selber muß dagegen alles vermeiden, ihren Verdacht zu erwecken. Sie ist einmal mein Weib, die Mutter meines Kindes, und ich bin mit ihr für dieses Leben verbunden. Sie einen höheren Lebenszweck kennen zu lehren, sei fortan mein Ziel, und mein Kind mag dir später danken, was du an ihm – an uns getan.«

»Georg!«

»Genug, jetzt laß mich fort; ich höre, wie draußen deine Türe geöffnet wird.«

»Mein Bursche kommt zurück. Ich habe ihm verschiedene Aufträge erteilt, um ihn für diese Zeit entfernt zu halten.«

»Und wo sehe ich dich wieder?«

»Hier, jeden Morgen bin ich bis zehn Uhr zu Hause. Willst du mich früher treffen, so laß mich durch ein paar Zeilen wissen, wo wir uns ungestört begegnen können.«

»Leb wohl!«

»Leb wohl, Georg, und Gott stärke dich in deinem neuen Leben.«

6.

Eine volle Woche war nach der gepflogenen Unterredung der beiden Brüder verflossen, und der Rittmeister hatte in der ganzen Zeit nichts weiter von Georg gehört. Nur die Stadt beschäftigte sich indessen mehr und mehr mit dem beabsichtigten Seiltanz zwischen den beiden Türmen, je mehr das Ende der Messe heranrückte; wußte man doch, daß die Erlaubnis dazu erteilt worden, und trotzdem spannte sich kein Seil auf jener Höhe, und nichts verriet, daß es überhaupt noch beabsichtigt werde. War es nur Prahlerei von dem Kunstreiter gewesen, das Publikum neugierig zu machen? Graf Geyerstein kannte den Grund und dankte Gott in seinem Herzen dafür; aber trotzdem beunruhigte ihn dieses Schweigen, und er hatte schon beschlossen, den Bruder heute in seiner eigenen Wohnung aufzusuchen, als sein Bursche ihm meldete, ein junger Herr sei draußen und wünsche ihn zu sprechen. Zugleich überreichte er dem Rittmeister die nämliche, mit seiner Adresse beschriebene Karte, die er damals in der Wohnung Monsieur Bertrands hinterlassen hatte.

»Ein junger Herr?« fragte der Rittmeister erstaunt, die Karte neben sich auf den Tisch werfend.

»Blutjung,« bestätigte Karl, »sieht auch ein wenig lustig aus, als ob er mit zu der – Sie wissen schon – zu der Reiterbande gehörte.«

»Es ist gut – laß ihn eintreten. Du störst uns indessen nicht, hörst du?«

»Zu Befehl, Herr Rittmeister,« erwiderte mit militärischem Takt der Bursche und verschwand aus der Türe, um im nächsten Augenblick den angekündigten Besuch hereinzulassen.

Graf von Geyerstein sah einen jungen, sehr elegant gekleideten Mann zu sich eintreten, mit vollen, schwarzen Locken und kleinem, leicht aufgedrehtem Schnurrbart, der erst jetzt, bereits in der Tür, seinen schwarzen, breiträndigen Filzhut abnahm. Das Gesicht desselben kam ihm allerdings bekannt vor, er konnte sich aber doch nicht entsinnen, wo er ihm schon begegnet wäre, und der Fremde machte dabei eine mehr formelle und tiefe Verbeugung, bis Karl die Türe wieder hinter sich ins Schloß gedrückt hatte.

»Was steht zu Ihren Diensten?« fragte der Rittmeister gespannt.

»Herr Graf,« erwiderte der Fremde, indem er einen Blick zurück nach der Türe warf, »ich schätze mich unendlich glücklich, daß Sie mir vergönnt haben – wir sind doch einen Augenblick ungestört?«

»Und zu welchem Zwecke, wenn ich fragen darf?«

»Sie kennen mich nicht mehr?« lachte der Fremde, und die Stimme klang dem Rittmeister jetzt ganz anders – viel weicher als vorher.

»Ich muß in der Tat gestehen...« sagte dieser.

»Also ist die Verkleidung gelungen?« lachte plötzlich der junge Mann, und mit einem Griff nach dem Munde stand er ohne Schnurrbart vor dem dadurch allerdings überraschten Grafen.

»Madame Bertrand!« rief dieser aber auch im nächsten Augenblicke erstaunt aus.

»Bst – nicht so laut!« warnte die mutwillige junge Frau, indem sie dem Grafen lachend mit dem Finger drohte. »Ihr Bursche braucht gerade nicht mit in das Geheimnis gezogen zu werden.«

»Aber was, um Gotteswillen, hat Sie bewegen können...«

»In Verkleidung zu Ihnen zu kommen?« unterbrach ihn die Schöne. – »In anderer Weise konnte ich Ihnen keinen Gegenbesuch abstatten, ohne sämtlichen Kaffeegesellschaften der Residenz auf wenigstens drei Wochen Stoff zur Unterhaltung zu liefern. Die Verkleidung schlägt aber in meinen Beruf, und daß ich geschickt darin bin, hab' ich Ihnen, glaub' ich, bewiesen. Doch Scherz beiseite,« setzte sie plötzlich, ernster werdend, hinzu, »ich mußte Sie sprechen, und da Sie uns nicht mehr mit Ihrem Besuche beehrten, so blieb mir keine andere Wahl, als Sie aufzusuchen. Das Resultat sehen Sie vor sich.«

»Und haben Sie nicht bedacht, welchen Mißdeutungen Sie sich durch einen solchen Schritt aussetzen?« sagte der Graf ernst.

Die junge, schöne Frau warf den Kopf mit einem halb spöttischen, halb verdrießlichen Lächeln zur Seite.

»Von dem Rittmeister eines Kürassierregiments hatte ich allerdings einen anderen Empfang erwartet,« lächelte sie dabei, »als eine ernste Strafpredigt und Ermahnung. Doch wie dem auch sei, mein Herr Graf, ich bin einmal da, und Sie werden mich hoffentlich nicht wieder fortschicken, ohne mich wenigstens zu hören.«

Graf von Geyerstein war in peinlicher Verlegenheit, aber allerdings blieb ihm hier keine andere Wahl, als die Dame eben gewähren zu lassen, und er bat sie artig, dann wenigstens auf dem Sofa Platz zu nehmen. Er selber rückte sich einen Stuhl zum Tisch und wollte sich eben darauf niederlassen, als Madame Bertrand lachend sagte: »Selbst das kann ich Ihnen nicht gestatten, – Sie müssen sich zu mir auf das Sofa setzen, denn was ich Ihnen zu sagen habe, möchte ich eben nicht laut schreien. Fürchten Sie sich vor mir?«

Ihr dunkles Auge brannte ihm dabei entgegen, und der Graf sagte artig: »Ich unterschätze wenigstens die Gefahr nicht – aber wie Sie wollen. Und welcher Ursache verdanke ich jetzt die Ehre dieses so – unverhofften Besuches?«

»Ich danke Ihnen, daß Sie kein härteres Wort dafür gebrauchten,« sagte die schöne Frau, »aber ein eigentümlicher Grund ist es in der Tat, der mich zu Ihnen führt, und zwar kein geringerer als – mein Mann.«

»Monsieur Bertrand?«

»Derselbe. Seit dem Besuch bei Ihnen, Herr Graf, kenne ich ihn nicht mehr. Er ist vollständig ein anderer Mensch geworden: trüb, ineinander gebrochen, zurückhaltend, scheu und – das Schlimmste für ihn und uns alle – verzagt. Die Zeit über habe ich es auch ertragen und geglaubt, er selber würde es mir endlich gestehen, was ihn drückt, denn drücken muß ihn etwas – etwas muß ihm auf der Seele liegen, das den sonst so kräftigen, elastischen Geist mit eiserner Schwere darniederhält; aber er bleibt stumm, und ich bin fest überzeugt, niemand kann mir darüber Auskunft geben als Sie.«

»Aber welchen Einfluß könnte ich auf ihn ausgeübt haben?« sagte der Graf, der nichts weniger wünschte, als mit des Bruders Gattin in diesem Augenblicke den Seelenzustand desselben zu besprechen.

»Das ist auch mir rätselhaft,« erwiderte die Frau, indem sie ihm fest und forschend ins Auge sah, »denn ich hatte bis jetzt nicht geglaubt, daß irgend ein Mensch imstande sei, den tollkühnen, vor nichts zurückschreckenden Bertrand zu zähmen. Aber zahm ist er geworden, seit er Sie gesprochen.«

»Wir haben uns allerdings nur über sehr zahme und alltägliche Sachen unterhalten,« lächelte der Rittmeister. »Ist aber wirklich eine Verwandlung in seinem Charakter, sich einer ruhigen Richtung zuzuwenden eingetreten, so mag er die vielleicht schon früher gefaßt haben; warum soll ich die Schuld deshalb tragen? – wäre überdies eine Schuld dabei? Sie selber haben doch gewiß auch schon manchmal an die Zukunft für sich, für Ihre Tochter gedacht, und können doch nur wünschen, diese gesichert zu sehen.«

»Allerdings habe ich das!« rief Georgine, und ihre ganze Gestalt hob sich dabei, ihr Auge blitzte. »Josefine soll und muß die gefeiertste Reiterin Europas werden.«

»Und Sie selber? – wenn Sie einmal altern?«

»Die Zeit liegt noch fern,« sagte die junge schöne Frau, indem ein leichtes trotziges Lächeln ihre Lippen umspielte, »und an eine Zukunft für mich habe ich noch nie gedacht.«

»Und könnten Sie sich nicht glücklich fühlen, wenn Sie Ihren Gatten in einem ruhigen Leben glücklich wüßten?« fragte Graf Geyerstein, mit weit mehr Herzlichkeit im Ton, als er bisher gezeigt.

Georgine lachte laut auf. – »Der moralische Ton steht Ihnen prächtig,« rief sie dabei. »Wenn Sie sich nur selber sehen könnten, Herr Rittmeister – aber« unterbrach sie sich plötzlich und fuhr fast erschreckt empor, »liegt Ihren Worten etwa ein tieferer Sinn zugrunde? – Wenn ich mir alles zusammenreime, was Georg in den letzten Tagen gesprochen, auf was er hingedeutet hat – auch seinen unterlassenen Seiltanz, zu dem er schon am Montag die Erlaubnis bekam...«

»Ich freue mich recht von Herzen, daß er ihn unterlassen hat,« sagte der Rittmeister ruhig, »diese halsbrechenden Künste sind so undankbar für den Exekutierenden, wie peinlich für die Zuschauer, und Sie selber sollten froh sein, Ihren Gatten von einer Gefahr abstehen zu sehen, der er doch einmal über kurz oder lang erliegen könnte.«

»Gefahr!« rief das schöne Weib verächtlich, »wär' ich noch Georgine Bertrand, wenn ich vor einer Gefahr zurückschrecken wollte? und glauben Sie, daß Georg etwas fürchtet auf der Welt! Nein, das ist es nicht; eine andere Ursache liegt seinem jetzigen Benehmen zugrunde, und nur bei Ihnen, Herr Graf, kann ich die Lösung finden.«

»Und wenn Sie sich dennoch darin irren sollten?«

»Sie haben mir von einer Aehnlichkeit gesagt, die Sie zuerst zu uns geführt!« flüsterte da Georgine, und ihre Augen bohrten sich in die Augen des Grafen, welcher fühlte, wie ihm das verräterische Blut in die Schläfe stieg, aber seine Züge blieben kalt und fest, und er erwiderte ruhig: »Allerdings, Madame, die Aehnlichkeit mit einem Jugendfreunde, nicht allein im Antlitz, nein, auch selber im Namen; es war aber ein Irrtum. Schon als ich Herrn Bertrand ganz in der Nähe sah, fand ich das.«

»Sie täuschen mich nicht, Herr Graf!« rief Georgine, seinen Arm ergreifend. »Georg ist ein anderer, als er sich mir gegeben, und die Wahrheit soll jetzt selbst seinem Weibe Geheimnis bleiben.«

»Wenn Herr Bertrand ein Geheimnis vor Ihnen hat, Madame,« sagte der Rittmeister artig, aber ernst, »so ist es nicht meine Sache, das zu lüften, selbst wenn ich darum wüßte.«

»So geben Sie mir Ihr Wort als Kavalier –«

»Halt, Madame,« unterbrach der Graf sie kalt, »Sie gehen zu weit. Ich habe Herrn Bertrand allerdings an jenem Morgen gesehen, aber seit der Zeit nicht wieder, weiß deshalb auch nicht, was seine Pläne sind. Was wir damals miteinander gesprochen, deutete wohl darauf hin, daß er dieses wilden, wüsten Lebens überdrüssig sei; wenn dem aber wirklich so wäre, würde ich nur mit Freuden die Hand dazu bieten, ihm einen solchen Plan ausführen zu helfen.«

»Sie?« rief Georgine erstaunt, »und welches Interesse könnten Sie, Graf von Geyerstein, an dem Kunstreiter nehmen, wenn nicht ein besonderer Beweggrund Sie dabei leitete? Sie verschweigen mir, was ich als Georgs Weib erfahren müßte, was ich erfahren will, und gönnen Sie mir nicht gutwillig oder erzwungen Ihr Vertrauen, so seien Sie fest versichert, daß ich Ihre Pläne kreuze.«

»Madame Bertrand –«

»Das ist mein offenes Wort,« rief die Frau, »und Krieg oder Friede liegt jetzt in Ihrer Hand.«

Der Graf schüttelte ernst mit dem Kopfe. »Sie irren sich, schöne Frau,« sagte er, »und würden selbst in dem Falle, daß Sie recht hätten, einen schweren, nie wieder gut zu machenden Fehler begehen.«

»Wie so, ich?«

»Daß Sie einen Fremden zum Mittelsmann Ihres häuslichen Friedens machen wollen.«

»Häuslichen Friedens?« rief aber die kecke Reiterin mit spöttischem Lachen, »denken Sie sich unser Leben nicht so idyllisch, Herr Rittmeister. Nicht für die Häuslichkeit sind wir bestimmt oder darauf angewiesen, und die Gesetze, die bei anderen Frauen vielleicht gelten mögen, halten deshalb auch bei mir nicht Stich. Mein Mann und ich haben uns überdies schon lange darüber verständigt, jedes von uns seine eigene, für sich abgeschlossene Bahn zu gehen. Vereinigen sich diese von selber, desto besser; tun sie es nicht, so ist jedes selbständig genug, die eigene zu verfolgen.«

»Und Ihr Kind?«

»Josefine? die allerdings folgt der meinen, wenn ihr Vater derselben abtrünnig werden sollte,« rief Georgine, und der forschende Blick, mit dem sie bei diesen Worten den Grafen betrachtete, sagte diesem, daß sie den Eindruck beobachten wollte, den sie machten. Graf von Geyerstein verriet aber durch keinen Zug, welchen Anteil er an dem eben Gehörten nahm. Wohl schien es, als ob er etwas darauf erwidern wollte; er überlegte sich aber bald, daß ein Drängen von seiner Seite die Frau nur noch mißtrauischer, ja auch neugieriger machen müßte, und kurz abbrechend sagte er nur: »Es ist das ein unerquickliches Gespräch für uns beide, Madame, und kann zu keinem Resultat führen. Ich stehe Ihren Familienangelegenheiten auch zu fern, um eine Einmischung in solche zu beanspruchen, selbst wenn sie von dem einen oder dem anderen Teile angenommen werden sollte. Machen Sie das, falls er nicht Ihrer Meinung sein sollte, mit Ihrem Gatten ab. Kann ich Ihnen in irgend sonst etwas dienen, so verfügen Sie frei über mich.«

»Sie sind sehr gnädig, Herr Graf,« lachte die junge Frau, »aber so bald und so leichten Kaufes werden Sie mich noch nicht los.«

»Ich habe mich selber erboten...«

»Ich weiß es schon und bin Ihnen sehr dankbar dafür – in allem mir gefällig zu sein – nur in dem nicht, was mich hierher geführt.«

»Und das ist?«

»Zu erfahren, in welcher Beziehung Sie zu meinem Gatten stehen, – den Beweggrund kennen zu lernen, der Sie leiten konnte, sich für den Kunstreiter zu interessieren und auf ihn einzuwirken.«

Wolf war aufgestanden und trat zum Fenster; er kämpfte augenscheinlich mit einem Entschluß, und Georgine fühlte es, denn sie unterbrach ihn nicht. »Madame,« sagte er endlich, zu Georginen zurückkehrend, »ich sehe eigentlich keinen Grund, Ihnen, da Sie auf diese Weise in mich dringen, länger zu verheimlichen, daß ich mich allerdings in der Aehnlichkeit mit Ihrem Gatten nicht getäuscht. Ich habe in ihm einen meiner früheren Jugendgespielen erkannt, aber das Geheimnis ist nicht mein eigenes, es gehört seiner Familie, und der gegenüber stehe ich nur als Mittelsmann zwischen ihr und Herrn Bertrand.«

»Also doch ein Geheimnis,« lachte Georgine bitter vor sich hin, »ein Geheimnis, Frau und Kind um ihre Existenz zu betrügen.«

»Nennen Sie das um Ihre Existenz betrügen, Madame, wenn man Ihnen die Aussicht gibt, sich eine unabhängige und ehrenvolle Stellung im bürgerlichen Leben zu sichern?« sagte der Graf.

»Und ist unsere Stellung nicht unabhängig – nicht ehrenvoll?« rief Georgine gereizt.

»Lassen Sie uns abbrechen?« bat Wolf von Geyerstein, dem das Gespräch schon lange peinlich war. »Das ist eine Sache, die Sie mit Ihrem Gatten weit besser beraten können als mit mir, die Sie nur allein mit ihm beraten müssen. Wenn ich Ihnen die Versicherung gäbe, daß ich selber den wärmsten Anteil an Ihrem Schicksale nehme, glaubten Sie mir vielleicht das nicht einmal.«

»Nein,« sagte Georgine finster, »nicht eher, als bis Sie mir auch den wahren Grund dafür sagen würden. Glauben Sie mir, Herr Graf, daß wir da nur zu bittere Erfahrungen mit solcher Teilnahme machen. Aber ich fühle, daß Ihnen unsere Unterredung nicht länger angenehm ist.«

»Madame Bertrand.«

»Bitte, – keine Komplimente zwischen uns. Ich bin wahr und offen gegen Sie gewesen – ohne dasselbe bei Ihnen erzielt zu haben. Ich will nicht zudringlich sein. – Entschuldigen Sie, daß ich Sie gestört habe.«

Sie war aufgestanden und wandte sich zur Tür, als sich diese in dem nämlichen Augenblick öffnete und ein fremder Bedienter in grauer Livree den Kopf hereinsteckte.