WeRead Powered by ReaderPub
Der Kunstreiter, 2. Band cover

Der Kunstreiter, 2. Band

Chapter 7: 19.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The narrative follows a traveling equestrian troupe and the rural communities it encounters, alternating set-piece scenes of tavern talk, schoolyard life, and domestic moments. Extended passages contemplate the forest and its trees, likening arboreal life processes to human experience and evoking seasonal and daily rhythms. Interpersonal exchanges in inns and at home reveal local customs, humor, and tensions around guests and accidents, while the troupe's performances and journeys provide occasion for moral observation and episodic adventure. The work blends descriptive naturalism with anecdotal storytelling, presenting village society, provincial character types, and reflective asides without relying on a single continuous plot.

»Und jetzt, denke ich, wird ein Imbiß wohl bereit sein,« rief Georg wieder mit lebendigerem Tone, denn er wünschte dieser fatalen Auseinandersetzung ein Ende zu machen. »Der Baron wird nach seiner langen Fahrt und seinem Unfalle hungrig geworden sein. Hast du bestellt, mein Kind, daß wir hier oben in deinem Zimmer essen?«

»Ja, es ist alles angeordnet und wird gleich gebracht werden,« sagte die Frau, die sich an der Verwirrung des Fremden ergötzte, ohne im geringsten das Peinliche zu fühlen, das ihres Gatten Herz beugte, »aber bitte, Herr Baron, nehmen Sie doch Platz. Sie müssen sich ja nach der heutigen Anstrengung ermüdet fühlen.«

»Jawohl – ich? – bitte um Verzeihung – mit dem größten Vergnügen,« sagte von Zühbig vollkommen außer Fassung gebracht. Daß er sich den beiden Kunstreitern Monsieur Bertrand und Georginen gegenüber befand, darauf hätte er in dem einen Augenblick den höchsten körperlichen Eid ablegen mögen, während er im andern durch Georgs ernstes, abgemessenes Wesen fast wieder schwankend gemacht worden wäre. Dazu kam die veränderte Kleidung der beiden, die andere, fremde Umgebung, und dann der Name – von Geyfeln. Es gab ein Geschlecht von Geyfeln – Herr von Zühbig war zu sehr Edelmann, nicht den ganzen deutschen Adelskatalog im Kopfe zu haben, und war wirklich der Edelmann ein Kunstreiter oder der Kunstreiter ein Edelmann geworden, oder bestand zwischen vier sich einander gar nichts angehenden Personen eine solche frappante Aehnlichkeit – daß selber er – der Generalintendant des ***schen Hoftheaters getäuscht werden konnte?

Herr von Zühbig ließ sich auf das Sofa neben Georginen nieder, und saß dort wie auf Nadeln, bis ihn die Fragen der schönen Frau nach seiner Reise und dem heutigen Unfalle wieder zu sich selber brachten. Er erzählte jetzt, wie er Urlaub in *** genommen, trotzdem daß seine Anwesenheit dort dringend nötig sei, denn er fürchte, daß am dortigen Theater, selbst während seiner kurzen Abwesenheit, die größten Mißgriffe geschehen würden. Notwendige Familiengeschäfte hatten ihn aber nach Norden gerufen, und er selber war nur der angenehmen Pflicht gefolgt, bei einer im Innern des Landes lebenden Schwester, der Gräfin Hostenbruk, Gevatter zu stehen. Von da kehrte er eben zurück – Herr von Geyfeln kannte gewiß die in Mecklenburg ziemlich ausgebreitete Familie Hostenbruk – und während er im Anfange geglaubt habe, daß ihm sein böser Stern heute einen fatalen Aufenthalt zugezogen, finde er jetzt – und er setzte das mit seinem süßesten Lächeln hinzu – daß es sein guter gewesen sei, dem er nicht genug danken könne. Einmal im Zuge, war auch keine Gefahr, daß Herr von Zühbig ein anderes Thema berühren würde als sich selber, und als er das erschöpft zu haben schien, brachte ein einziges hingeworfenes Wort Georgs, das Theater berührend, ihn in eine neue Bahn, aus deren Gleisen er nicht mehr wich, bis das Essen hereingebracht wurde. Auf eine einladende Bewegung Georgs hatte Herr von Zühbig eben der Dame des Hauses den Arm geboten, sie zu ihrem Stuhl zu führen, als Josefine in das Zimmer kam und sich gegen den Fremden verneigend sagte: »Mama, ich habe mein Musikheft hier liegen lassen!«

»Mademoiselle Josefine, beim Zeus!« rief Herr von Zühbig erstaunt aus.

Josefine sah staunend von ihm zu ihren Eltern, der finstere Blick des Vaters aber ließ sie die Szene rasch durchschauen, und wieder sich graziös verbeugend, gewissermaßen wie um für Nennung ihres Namens zu danken, ergriff sie das vergessene Heft und verschwand im nächsten Augenblick aus dem Zimmer.

»Bitte, diesen Platz einzunehmen, Herr Baron,« sagte indessen Georgine, während der Generalintendant noch immer auf derselben Stelle stand und hinter dem jungen Mädchen wie hinter einer Erscheinung dreinsah.

»Entschuldigen Sie,« erwiderte verlegen Herr von Zühbig, und sein Blick streifte über die beiden Gatten. Wenn aber auch Georgine ihre volle Unbefangenheit gewahrt hatte – denn ihr selber machte es sogar Freude, die Erinnerung an sich und ihre Tochter so bewahrt zu sehen – konnte sich der Baron doch nicht gut über den finstern Ernst täuschen, der auf »Monsieur Bertrands« Zügen lag. Zu viel Weltmann dabei, einen so argen Mißgriff zu begehen, als jetzt noch einmal das Thema zu berühren, das, wie er fühlen mußte, seinem Wirte wenigstens kein angenehmes war, erwähnte er der neuen Bestätigung, die er in seinem ersten Erkennen durch Josefinens Erscheinen gewonnen hatte, mit keinem Worte, und warf sich jetzt, vielleicht mit etwas nur zu großem Eifer, auf ein Gespräch über Ackerbau und Viehzucht, das ihm vollkommen fern lag und von dem er kein Wort verstand. Georg aber war ihm dennoch dafür dankbar und ging rasch darauf ein. Trotzdem herrschte ein Mißton in der Unterhaltung, die unter diesen Umständen nicht natürlich fließen konnte. Der eine Teil verschwieg etwas, von dem der andere schon zu viel Kenntnis erlangt hatte, um es ungeschehen zu machen, und wenn auch das Gespräch bald auf die Jagd, dann auf die Nachbarschaft und die Unterhaltung im Winter hinüberwechselte, ließ sich der heitere Ton darin nicht wiederfinden. Herr von Zühbig sehnte deshalb die Zeit herbei, in der er sich auf sein eigenes Zimmer zurückziehen konnte, und Georg kam ihm darin unter dem Vorwande zuvor, den reisemüden Gast nicht zu lange die nötige Ruhe und Bequemlichkeit entbehren zu lassen. Am nächsten Morgen beim Frühstück wollte man sich wieder treffen, und bis dahin war auch der Wagen, wie sich Georg indessen schon hatte erkundigen lassen, wieder hergestellt, damit die Reise ungesäumt fortgesetzt werde.

So früh indessen Herr von Zühbig an diesem Abend zu Bett gegangen war, so früh war er am nächsten Morgen wieder auf und – unten im Dorfe. Nicht aber um nur nach seinem Geschirr zu sehen – das würde er unter anderen Umständen allein seinem Kutscher oder Bedienten überlassen haben – sondern in einer Sache, die für ihn weit größere Wichtigkeit hatte: über die Geyfelnsche Familie nämlich so viel Nachrichten als möglich einzuziehen. Schon beim Schmied erfuhr er denn auch zu seinem unbegrenzten Erstaunen, daß das Gut Schildheim der Familie Geyerstein gehöre und Herr von Geyfeln nur der neue Pächter sei, der mit dem Grafen von Geyerstein vor noch nicht sehr langer Zeit hier eingetroffen wäre. Weiter vermochte ihm aber der Schmied keine Auskunft zu geben, und ebenso der Wagenmacher, das ausgenommen, daß der »gnädige Herr« noch außer seiner Tochter den Vater seiner Frau und einen Knaben, einen Neffen oder Vetter, bei sich habe. So viel einmal erkundschaftet, gelüstete es Herrn von Zühbig jetzt außerordentlich, noch mehr zu erfahren, denn daß die Residenz bei solcher Neuigkeit auch die kleinsten Details von ihm verlangen würde, verstand sich wohl von selbst; aber es gelang ihm nicht. Selbst der Wirt, der, als er den Stern betrat, nach durchschwärmter Nacht eben sein Bett verlassen hatte und ihn gähnend in Pantoffeln und Schlafpelz mitten im Hausflur begrüßte, wußte keine nähere Auskunft, und Herr von Zühbig hätte auch mit Vergnügen – trotz seiner dringenden Geschäfte zu Hause – einen Tag in Schildheim zugegeben, seine Chronique scandaleuse zu vervollständigen, wenn ihm nur, dem Baron von Geyfeln gegenüber, der geringste haltbare Grund dafür eingefallen wäre. Das ging jedoch nicht an; der Wagen war leider fix und fertig; sein Diener hatte das Gepäck schon vom Gute heruntergebracht und eben begonnen, es wieder aufzuladen, und er mußte sogar eilen, daß er zu der bestimmten Zeit oben beim Frühstück eintraf.

Hatte er übrigens gehofft, hier noch einmal mit Georginen zusammenzutreffen, so sollte er sich darin getäuscht sehen. Georg empfing ihn allein und benachrichtigte ihn, daß sich seine Frau, eines leichten Unwohlseins wegen, entschuldigen ließe, zu so früher Stunde an ihrem Mahl nicht teilzunehmen. Das Frühstück wurde dann fast schweigend eingenommen, und Georg begleitete danach seinen Gast in das Dorf hinunter, um ihn sicher und schnell unterwegs zu sehen.

»Herr von Geyfeln,« sagte hier, als sie das Dorf fast erreicht hatten, der Baron, indem er sich zu seinem Begleiter wandte, »ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen genug für die mir so herzlich erwiesene Hilfe und Gastfreundschaft danken soll. Ich wollte nur, daß Sie selber mir einmal Gelegenheit gäben...«

»Sie haben ein Mittel, Herr Baron,« unterbrach ihn freundlich Georg, »und noch dazu eins, das den Dank ganz und gar auf meine Schultern werfen würde.«

»O, bitte, nennen Sie es!« rief von Zühbig rasch. »Sie glauben gar nicht, wie Sie mich dadurch verpflichten würden.«

»Es ist sehr einfach,« lächelte Georg, aber er fühlte selber, wie er sich Zwang antun mußte, unbefangen zu scheinen. »Wir sind uns, wie Sie gestern ganz richtig bemerkten, nicht zum erstenmal in diesem Leben begegnet.«

»Nicht wahr?« rief von Zühbig rasch und entzückt über diese Bestätigung.

»Es wäre töricht, das verleugnen zu wollen,« fuhr Georg ruhig fort. »Was mich dabei bewogen haben mag, eine Zeitlang die frühere Laufbahn zu verfolgen, kann dem Fremden, der kein weiteres Interesse als das einer flüchtigen Bekanntschaft an mir nimmt, vollkommen gleichgültig sein. Jetzt aber bin ich in das gesellschaftliche Leben, mit dem früheren abschließend, zurückgetreten, und wie ich hier still und abgeschieden von der Welt, fast mit niemandem verkehrend, lebe, möchte ich die frühere Existenz auch als abgeschlossen betrachten. Sie werden mich also außerordentlich verbinden, Herr Baron, wenn Sie, der Zeit gedenkend, die Sie mit uns verlebt, sich nur erinnern wollten, daß ich von Geyfeln heiße. Ich brauche Ihnen kaum zu sagen, daß weder ich noch meine Gattin stolz auf unsere früheren Triumphe sind. Einen Monsieur Bertrand, den ich früher kannte, habe ich vollständig vergessen – wollen Sie das nämliche versuchen?«

»Mit dem größten, innigsten Vergnügen, bester Freund!« rief Herr von Zühbig rasch und herzlich. »Ich selber muß nur noch tausendmal um Pardon bitten, daß ich vielleicht durch irgend eine indiskrete Frage...«

»Die Sache ist abgemacht,« lächelte Georg, die dargebotene Hand ergreifend, »unter Männern ist nichts weiter nötig, und ich kann Ihnen jetzt mit gutem Gewissen sagen, daß ich mich von Herzen freue, imstande gewesen zu sein, Ihnen den kleinen, unbedeutenden Dienst zu leisten. – Aber hier sind wir bei Ihrem Wagen; etwas plump ist das Rad gemacht, doch müssen Sie mit unseren Dorfarbeitern schon fürlieb nehmen. Jedenfalls hält es, und Sie können Ihre Reise ungehindert fortsetzen.«

»Also nochmals meinen wärmsten Dank, und wenn ich Ihnen in *** vielleicht irgend etwas...«

»Ich danke freundlichst,« wehrte Georg ab. »Sie kennen unsern Vertrag, und nun glückliche Reise!«

»Bitte, empfehlen Sie mich noch Ihrer Frau Gemahlin auf das untertänigste, und wenn Sie je wieder nach *** kommen sollten...«

»Es wird nicht geschehen; wäre es aber, so würde ich mir erlauben, Sie aufzusuchen.«

»Sie würden mich außerordentlich glücklich machen – alles in Ordnung, Jean?«

»Alles, gnädiger Herr!«

»Schön – zufahren – also adieu, lieber Baron, adieu!«

Georg neigte sich leicht, als der Wagen, von einem Teil der Dorfjugend umstanden, vorüberrasselte, und Herr von Zühbig unterließ nicht, noch mehrmals freundlichst aus dem Wagen nach dem Zurückbleibenden hinauszuwinken. Georg blieb auf der Straße stehen und sah ihm nach, bis das leichte Fuhrwerk um die nächste Ecke verschwunden war. Dann schritt er langsam, seinen eigenen Gedanken nachhängend, auf das Gut zurück.

17.

Der letzte Abend war nicht allein oben im Gute, sondern auch in Schildheim ein sehr ereignisreicher gewesen, denn die Verheiratung von des Sternenwirts einziger Tochter, der hübschen Kathrine, bildete schon an und für sich eine Aera in dem sonstigen Stilleben des kleinen, abgeschiedenen Ortes. Der Sternenwirt hatte sich aber auch noch außerdem an dem Abend sehr splendid gezeigt, und der Tanz, neben anderen teils vorbereiteten, teils zufälligen Genüssen, bis nahe zum Morgengrauen gedauert; mit ihm natürlich das Zechen und Jubilieren.

Der alte Mühler wäre mit Karl gern ebenfalls an dem gestrigen Abend ins Dorf hinuntergegangen, nur der Vorfall des Morgens hielt ihn ab, denn er wußte recht gut, daß Georg nicht damit einverstanden war, und wollte ihn nicht noch böser machen. Auch Karl durfte nicht fort, und wenn etwas, so erbitterte das den jungen, bis dahin keines Zwanges gewohnten Burschen nur noch mehr. So saß er um elf Uhr mittags etwa – Georg war schon lange wieder auf das Gut zurückgekehrt und arbeitete auf seiner Stube – dem alten Onkel gegenüber, an dem auf den Hof hinausführenden Fenster, kaute an den Nägeln und baute und verwarf Plan nach Plan, um sich diesem, ihm unerträglich werdenden Leben zu entziehen. Da ertönte plötzlich unten auf dem Hofe lustige Musik – die Kirche war aus, und die Musikbande, die gestern abend im Stern aufgespielt, war hinauf auf's Gut gezogen, sich dort ein Trinkgeld zu verdienen. Mit ihnen aber – und Karl fuhr mit einem Freudenschrei von seinem Sitz empor – waren wunderlich und phantastisch gekleidete Gaukler gekommen, die in kurzen Jacken und eng anliegenden Trikots zum Takte der Musik auf dem Hofe und vor den Fenstern Georgs ihre Künste begannen. Einer hatte Stelzen an die Füße geschnallt, womit er zur Musik einen Walzer tanzte und andere Kapriolen ausführte; ein anderer überschlug sich und kugelte sich, Brust und Bauch nach außen, wie ein Ring zusammen, und der dritte lief an einer freistehenden kurzen Leiter hinauf, auf deren oberster Sprosse er dann mit großer Geschicklichkeit seine Künste ausführte.

»Bei Gott, Onkel!« rief Karl jubelnd aus, »da unten ist Müllheimer, Hentz und Bentling – komm rasch – Hentz macht sein Leiterkunststück – siehst du dort?«

»Alle Teufel!« murmelte der Alte in den Bart, »was wollen die denn hier, und wo kommen sie her? Ob sie wissen, daß Georg das Gut bewohnt?«

»Schwerlich,« lachte Karl, »sonst hätten sie wohl kaum ihre Kunststücke im Hofe gemacht, sondern wären gleich von vornherein heraufgekommen. Die werden Augen machen!«

»Was willst du tun?« rief der alte Mühler erschreckt, als Karl eben im Begriff war, das Fenster zu öffnen.

»Ich?« sagte der junge Bursche erstaunt, »sie anrufen natürlich; ich soll doch wohl meine alten Freunde und Kameraden bei euch hier nicht auch noch verleugnen und nicht mehr kennen dürfen?«

»Du bist rein verrückt!« rief der Alte, bestürzt dazwischen springend. »Na, das Donnerwetter und das Hallo von dem da drüben möcht' ich sehen, wenn der dazu käme. Wenn du nicht absolut willst, daß er uns beide noch heute am Tage zum Tempel hinausjagt, so geh' vom Fenster und tu gar nicht, als ob du die da unten siehst.«

Karl war leichenblaß vor verhaltenem Grimm geworden, aber er ließ es geschehen, daß ihn der Alte beim Handgelenk vom Fenster zog und das Rouleau herunterließ, jedes weitere Hinaussehen zu verhindern. Er selber blinzelte nur eben einmal hinter der Gardine vor, und sah gerade, wie der alte Verwalter auf die Leute zuging, ihnen ein Geldstück gab und sie vom Hofe schickte. Das Geschenk mußte auch ein ziemlich reichliches gewesen sein, denn die Gaukler schienen sehr erfreut. Desto weniger zufrieden waren aber die Leute vom Hofe damit, die sich schon um sie gedrängt hatten und ihnen jetzt, als sie den Hof verließen, meist in das Dorf hinab folgten, um dort vielleicht noch mehr von den fabelhaften Künsten zu sehen zu bekommen. Noch stand er am Fenster und sah ihnen nach, als die Tür aufging und Georg eintrat.

»Das ist recht, Mühler,« sagte er, als er die niedergelassene Gardine bemerkte. »Ich weiß nicht, durch welchen Zufall, aber einige unserer alten Bekannten haben, wahrscheinlich auf der Durchreise, ihren Weg bis zu uns hierher gefunden. Ihr seid, wie ich sehe, vernünftig genug, Euch fern von ihnen zu halten; überdies werden die Burschen Schildheim jedenfalls heute wieder verlassen. Ich brauche Euch also nicht weiter zu ermahnen, Euch heute lieber zu Hause zu halten, damit Ihr ihnen nicht etwa zufällig in den Weg liefet.«

»Denke gar nicht dran, auszugehen,« brummte Mühler, »und will selber mit ihnen nichts zu tun haben.«

»Ich habe es von Euch nicht anders erwartet,« sagte Georg, »und auf den jungen Burschen da werdet Ihr mir auch ein wachsames Auge haben. Ich hoffe, Karl, daß du verstanden hast, was ich eben sagte?«

»Ja,« erwiderte der junge Bursche, sich gleichgültig abdrehend, »wenn ich's nicht wieder vergesse.«

»Nicht wieder vergesse?« fragte Georg scharf, »ich ersuche dich, Geselle, dein Gedächtnis anzustrengen, oder du möchtest das nächste Mal nicht wieder so leicht davonkommen. Ich will, daß du es nicht vergißt, und das merke dir, Patron, sonst sprechen wir ein anderes Wort zusammen. Ich werde überhaupt – doch genug,« brach er kurz ab, »es wird keine weitere Mahnung nötig sein, denn du weißt selber am besten, Karl, was dir gut ist und was du von mir zu hoffen – oder zu fürchten hast.« Mit diesen Worten verließ er rasch das Zimmer.

»Verdammt, ob ich das nicht weiß,« fluchte der junge Bursche, als die Tür kaum hinter dem Forteilenden zugefallen war, »besser als du es vielleicht denkst, mein Herz, und daß ich es tun werde, darauf kannst du dich verlassen.«

»Karl,« warnte ihn der Alte, »sei vernünftig und mach' keine dummen Streiche. Georg läßt nicht mit sich spaßen.«

»Ob er's tut oder nicht, was kümmert's mich!« trotzte der Knabe. »Wenn du Lust hast, Onkel, seinen Knecht und gehorsamen Diener zu machen und dafür das Gnadenbrot zu nehmen, gut – du bist alt genug, um zu wissen, was dir zusagt, ich aber vertrage es nicht. Er hat gesagt, ich wisse, was mir gut sei, und ich will ihm dieses Mal wenigstens beweisen, daß er sich nicht geirrt.«

»Was hast du vor?« sagte der alte Mann besorgt, als Karl seine Mütze aufgriff, »du darfst nicht fort.«

»Darf ich nicht?« lachte der junge Bursche, der ihm unter den Händen fort und zur Tür glitt, »und wer will mich hindern?« und mit den Worten schon verschwand er im Gange draußen.

»Karl!« rief ihm der alte Mühler besorgt nach; Karl aber war nicht mehr zurückzurufen, und mit dem Gute und dessen Ausgängen genau bekannt, lief er in die untere Etage hinab, sprang von da in den Garten, um Georg in diesem Augenblick nicht zu begegnen, und gelangte ungesehen, wenigstens ungehindert, in das Dorf hinab. Dort brauchte er auch nicht lange nach seinen früheren Kameraden zu suchen. Ein Volkshaufe, der sich vor einem Bauernhause schreiend und lachend umher drängte, verriet ihm augenblicklich die Stelle, wo die drei »Künstler« eine rohe Schar von Zuschauern entzückten und unterhielten, hätte selbst nicht Hentz schon wieder auf der Spitze der Leiter, den Kopf nach unten, die Beine in die Luft gestreckt, hoch über die ihn umgebenden Dörfler hinausgeragt.

Karl hatte auch vom Fenster aus ganz recht gesehen. Es waren in der Tat jene drei jungen Burschen, die früher zu ihrer Gesellschaft gehörten und bei der Auflösung derselben brotlos in die Welt geworfen wurden. Wie sie indessen ihr Leben gefristet, zeigte sich deutlich in dem gegenwärtigen Possenspiel auf offener Straße, und Karl schämte sich fast, sie hier vor allen Leuten anzureden. Aber sprechen wollte und mußte er mit ihnen – er wußte überdies, daß die Mittagszeit sie zwingen würde, ihre Künste einzustellen, denn hier und da entfernten sich schon einzelne der bisherigen Zuschauer, um ihren eigenen Wohnungen und gedeckten Tischen zuzueilen. Karl hatte sich darin auch nicht geirrt. Die Glocke des kleinen Kirchturmes hob kaum aus, ihre zwölf Mal anzuschlagen, als die Zuschauer, die bis jetzt einen festen Ring um das Künstlertrifolium geschlossen, nach allen Richtungen hin auseinander stoben, und ohne daß einer von ihnen daran gedacht hätte, die doch jedenfalls ebenso hungrigen Equilibristen einzuladen, ja, ohne selbst das geringste für den gehabten Genuß zu zahlen, waren sie im nächsten Augenblick spurlos verschwunden.

»Alle Teufel!« rief der eine von ihnen, Hentz, der diesen plötzlichen Rückzug aus der verkehrten Vogelperspektive von der Leiter aus mit angesehen, indem er mit einem geschickten Satz herunter und auf die Füße kam, »wie die Canaillen laufen, und du, Müllheimer, läßt sie auch fort, ohne einzusammeln!«

»Da sammle du einmal,« brummte der Angeredete, »wenn bei derartigem Gesindel, noch dazu an einem Sonntag, die Freßglocke schlägt! Aber nach Tische will ich sie schon wieder zusammenkriegen, und dann sollen sie doppelt dafür bluten. – Wetter – wer ist denn das, der da drüben steht? – das Gesicht kommt mir sehr bekannt vor.«

»He, Roter, wie geht's?«

»Charles! bei allen sieben Todsünden!« rief der bei seinem Spottnamen Angeredete erstaunt aus, »alle Hagel, Junge, wo kommst du auf einmal wie aus den Wolken hergeschneit?«

»Davon nachher,« sagte Karl, dem nicht daran lag, hier auf der Straße ein langes Gespräch mit ihnen anzuknüpfen. »Kommt ins Wirtshaus nach – ich werde dort für euch etwas zu essen bestellen« – und ohne eine Antwort abzuwarten, bog er in die nach dem Stern führende Gasse ein und überließ es seinen früheren Gefährten, ihm, der willkommenen Einladung nach, so rasch mit ihren verschiedenen Utensilien zu folgen, wie sie eben konnten.


Es war dreiviertel auf ein Uhr – pünktlich um ein Uhr wurde Sonntags auf dem Gute gegessen – als Karl, ebenso heimlich, wie er sich entfernt durch das in den Garten führende Saalfenster mit Hilfe einer in der Nähe lehnenden Stange zurückstieg und seines Onkels Zimmer betrat.

»Na, da ist er – gottlob!« sagte dieser. »Ich fürchtete wahrhaftig, er hätte dumme Streiche gemacht. Es ist gleich eins, Junge.«

Karls Blick haftete auf Georginen, die in der Mitte der Stube, die rechte Hand auf den Tisch gestützt, stand, und starr vor sich niedersah, ohne von dem Eintretenden die geringste Notiz zu nehmen.

»Ja, Onkel,« erwiderte Karl ruhig, ohne den Blick von der Frau zu wenden, »und wahrscheinlich auch das letzte Mal, daß ich es hier werde eins schlagen hören.«

»Bist du toll?« rief Mühler erschreckt, und Georgine sah rasch und forschend zu ihm auf. Karl aber, ohne sich im geringsten irre machen zu lassen, entgegnete: »Nichts weniger als das, Onkel; ich habe im Gegenteil heute, wie ich glaube, meinen Verstand erst wiedergefunden und bin nicht gesonnen, mich hier länger knechten und mißhandeln zu lassen, nur um zu leben, wie es einem dritten gefällt, während ich draußen mein eigener freier Herr sein kann. Die Kameraden gehen nach Altona, wo sich ein neuer Zirkus unter dem berühmten Royazet etabliert hat. Royazet zahlt brillante Gagen, und wenn Georgine mit Josefinen bei dem einträte, könnten sie...«

»Royazet?« unterbrach ihn Georgine emporfahrend, und tiefes Rot färbte in diesem Augenblick ihre Wangen, »weißt du das gewiß?«

»Gewiß,« erwiderte Karl bestimmt, »Müllheimer, Hentz und Bentling sind eben dorthin unterwegs. Royazet hat sich mit dem größten Teil seiner früheren Gesellschaft veruneinigt oder sonst Schwierigkeiten mit ihnen gehabt, denn sie sind ihm fast alle von London aus nach Australien durchgegangen. Hier allerdings bekommen wir nichts zu hören noch zu sehen, draußen aber hat's in allen Zeitungen gestanden, daß er eine neue Gesellschaft gründen will, um mit ihr nach Rußland zu gehen, und deshalb alle namhaften Künstler auffordert, sich an ihn zu wenden.«

»Aber ich habe keine einzig solche Aufforderung in den Zeitungen gelesen,« sagte Georgine.

»Das glaube ich,« sagte Karl erbittert, »wer liest sie zuerst? Georg, und was wir nicht wissen sollen, das weiß er gut genug zu unterschlagen. Erst vorgestern kam ich gerade dazu, wie er die neue Zeitung in den Ofen steckte, und meinen Kopf setze ich zum Pfande, daß in der die nämliche Aufforderung stand.«

»Von Royazet will er überhaupt nichts wissen,« meinte Mühler nachdenklich, »und du kennst den Grund gut genug, Georgine, denn er ist eifersüchtig wie der Teufel auf ihn. Aber wenn er wirklich die Zeitung verbrannt hätte, hat er doch nur recht damit gehabt. Was nützt uns hier, zu wissen, daß sie da draußen in der Welt noch lustige Streiche treiben! Wir haben nichts mehr damit zu tun.«

»Meinst du, Onkel?« rief Karl, »wenn du wirklich eine solche Schlafmütze geworden bist, dich ruhig unter dem Daumen halten zu lassen...«

»Junge,« lachte der Alte, »ich bitte mir mehr Respekt aus...«

»So magst du es tun,« fuhr jedoch Karl unbekümmert fort.

»Er hat recht,« fuhr Georgine dazwischen, »wenn ich so wenig hätte, was mich hier bindet, wie er, nicht drei Tage würde ich den Zwang ertragen haben.«

»Den Henker auch,« sagte knurrend der Alte, »er hat seine ganze Familie hier, und wenn ihn die nicht bindet, was sonst?«

»Wenn die von der Familie, an denen mir etwas liegt, gescheit sind,« entgegnete Karl, »so machen sie es gerade so wie ich und lassen den alten Brummbär seine Felder allein düngen. Zum Henker, wenn Georgine zu Royazet käme, der stellte sich auf den Kopf vor lauter Freude, und auf den Händen würde sie dort getragen, von den Leuten wie vom Publikum.«

»Na ja, setz' du ihr nur auch noch solche Dinge in den Kopf,« schalt der Alte, »weiter hat gar nichts mehr gefehlt! Das braucht's auch eben noch, sie über die Stränge schlagen zu machen – und sie weiß, daß sie nicht darf.«

»Ich kann nicht fort,« erwiderte auch Georgine düster vor sich niederblickend, »er gibt mir mein Kind nicht, und ohne Josefinen geh' ich keinen Schritt.«

»So nimm dir's,« trotzte der junge Bursche. »Was will er machen, wenn wir heute abend unsere Sachen heimlich zusammenpacken und am nächsten Morgen über alle Berge sind?«

»Bah, du sprichst, wie du's verstehst,« sagte der Alte, »du könntest vielleicht weglaufen, und ich glaube nicht einmal, daß es Georgs Herz brechen würde, aber die Frau und das Kind – in zwei Stunden hätt' er sie wieder, und nachher...«

Die Augen der Frau leuchteten von einem unheimlichen Glanze, aber sie sagte kein Wort. Karl dagegen lachte: »Aber mein armer Kandidat – dem breche ich das Herz gewiß. Wen hat er nun morgen, den er quälen und drangsalieren kann? Und die lateinische Grammatik nehme ich zum Andenken mit.«

»Red' nicht so tolles Zeug, Karl!« ermahnte der Alte, »du sprichst wahrhaftig, als ob du ganz im Ernste an solche Torheit dächtest.«

»Tu' ich wirklich?« spottete ihm Karl nach, »gut, dann komm doch morgen früh an mein Bett, Onkel, und weck' mich – willst du?«

»Da schlägt's eins,« rief Mühler, der froh schien, dieses Gespräch abbrechen zu können. »Wir müssen hinüber. Georg ist Sonntags immer auf die Minute bei Tische.«

»Dann dürfen wir natürlich als gehorsame Diener unseres Herrn nicht säumen,« spottete Karl.

»Höre, mein Bursche,« sagte der Alte ernsthaft, indem er sich zum Gehen rüstete, »sei nicht übermütig! Wenn ich die Beine unter eines andern Tisch stecke, muß ich auch tun, wie der andere mich heißt – so lange ich nämlich keinen eigenen habe.«

»Und siehst du, das ist der Haken!« rief Karl, »denn ich habe von nächster Woche an einen eigenen, und will dann nur abwarten, wie lange du dich hier wirst füttern lassen. Royazet hat gar keinen eigenen Klown mehr. Sie sind ihm alle davongelaufen, und wenn er schon in Frankreich enorme Gagen zahlte, kannst du dir denken, daß er in Rußland nicht weniger zahlen wird. Jetzt weißt du, was dir zu wissen not tut, und nun mach', was du willst; ich rede kein Wort weiter drum.«

Mühler, der den trotzköpfigen, unbändigen Charakter des Knaben nur zu gut kannte und schon oft darunter gelitten hatte, schritt mürrisch den Gang entlang, dem Eßzimmer zu. Georgine aber, Karls Arm ergreifend, hielt ihn noch einige Sekunden zurück, bis ihr Vater so weit voran war, sie nicht mehr hören zu können, dann flüsterte sie rasch:

»Schreib mir von dort, Karl, willst du?«

»Gewiß will ich, und ausführlich.«

»Gut, ich werde dir nach Tische einen Zettel geben, auf dem eine Anzahl Fragen stehen. Schreib mir die Antwort darauf – aber vergiß keine und – laß mich nicht lange warten.«

»Und du willst kommen?« fragte der junge Bursche mit glänzenden Augen. »Du weißt am besten, wie sich Royazet darüber freuen würde.«

»Ich kann nichts Bestimmtes sagen. – Wir müssen auch fort. Georg darf nicht ahnen, daß ich mit dir darüber gesprochen.«

»Hab' keine Furcht,« lachte Karl, »wir beide stehen auf keinem solchen Fuße miteinander, daß wir uns unsere Geheimnisse anvertrauen, und ich besorge es dir – darauf kannst du dich verlassen.«

»Ich danke dir – ich werde nachher wieder herüberkommen und dir Reisegeld bringen – du mußt wenigstens einen Zehrpfennig haben, daß du nicht als Bettler dort ankommst.«

»Desto besser,« lachte der Knabe still vor sich hin, »aber auch ohne einen Schilling in der Tasche hätt' ich meinen Plan durchgeführt.«

Georgine antwortete ihm nichts darauf, sondern eilte dem Vater nach, die streng gehaltene Essensstunde nicht zu versäumen. Karl folgte ihr langsamer. Was lag ihm daran, wenn er auch zu spät kam und Georg böse darüber wurde – es war das letzte Mal heute, und wenn er sich über ihn ärgerte, desto besser!

18.

Der alte Mühler suchte an dem Nachmittag noch durch alle seine Ueberredungskünste dem Knaben den Entschluß des Fortlaufens auszureden, aber vergeblich. Karl, mit dem neuen, freien Leben vor sich, und des Zwanges, dem er sich hier hätte fügen müssen, lange müde, beharrte nicht allein fest auf seinem einmal gefaßten Vorsatze, sondern überredete sogar den Alten, daß er ihn bis nach Schildheim hinter begleitete, um dort selber seine neugefundenen Freunde zu treffen. Das mußte natürlich heimlich geschehen; der Präzeptor störte sie dabei nicht, da dieser die Sonntagnachmittage gern zu seinen Studien benutzte und Karl dann immer auf seines Onkeln Stube war. Ueberdies konnte die Zusammenkunft nur eine kurze sein, denn mit der Dämmerung machten sich die »Künstler« schon wieder auf den Weg, um im nächsten Dorfe zu übernachten und den andern Morgen rechtzeitig die nächste Bahnstation zu erreichen. Georg erfuhr Karls Flucht auch erst am andern Morgen, und zwar durch den Hauslehrer, der seinen Zögling vergebens zur Stundenzeit erwartete und ihn dann ebenfalls ohne Erfolg bei seinem Onkel suchte. Der alte Mühler machte sich nun allerdings darauf gefaßt, eine heftige Szene mit seinem Schwiegersohne bestehen zu müssen, denn daß er um Karls Flucht gewußt, lag auf der Hand. Sehr erstaunt und nicht unangenehm überrascht war er aber sowohl wie Georgine, daß Georg keine Silbe davon erwähnte. Dieser ritt allerdings, gleich nachdem er die Nachricht erhalten, fort und kehrte erst gegen Abend zurück – war er ihm gefolgt, in der Absicht, ihn wieder einzufangen? Wenn das der Fall gewesen, sprach er mit niemandem darüber, und selbst beim Abendessen erwähnte er des Flüchtlings mit keiner Silbe. Georgine glaubte nicht mit Unrecht, daß er selber froh war, den lästig werdenden Knaben, ohne eigenes Zutun, aus seiner Nähe entfernt zu wissen.

So vergingen die nächsten Wochen. Der Kandidat, dessen Zögling auf so seltsame Weise abhanden gekommen, war entlassen worden, und das Leben auf dem Gute ging wieder im alten, stillen Gleise. Allerdings suchte jetzt Georg seine Frau in mancher Weise zu zerstreuen und führte sie wieder mehr als im letzten Monat auf die benachbarten Güter, deren Insassen auch Schildheim manchmal aufsuchten – aber Georgine fand keine Freude mehr daran. Die alte Sehnsucht war in ihr erwacht; es drängte sie jetzt mehr, allein und ungestört zu sein, um ihre eigenen Pläne und Träume zu überdenken, als sich durch fremde, gleichgültige und ihr oft langweilige Menschen zerstreuen zu lassen, und während Georg dieses Zurückziehen von der Gesellschaft mit Freuden sah und zu seinen Gunsten deutete, brütete der Geist der Frau über Trennung – Flucht von ihm.

Nicht so bald hatte der alte Mühler den Knaben vergessen, an den er sich einmal gewöhnt – an dem sein Herz hing. Er fehlte ihm auf Schritt und Tritt – Tag und Nacht mußte er an ihn denken, und um die Zeit zu töten, mit der er jetzt weniger anzufangen wußte als je, ging er nun häufiger in den »Stern« hinunter, in des alten Tobias' Gesellschaft, seine eigenen mürrischen Gedanken zu vergessen.

Georg mußte das endlich bemerken, und, um ihn davon abzuziehen, suchte er den Alten im Gute selber zu beschäftigen. Er wollte ihn nach und nach an eine geregelte Tätigkeit gewöhnen – aber das ging nicht mehr. Mühler hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie nützlich beschäftigt, und dachte gar nicht daran, auf seine alten Tage etwas derartiges zu beginnen. War er dem nun früher so viel als möglich ausgewichen, so kam es ihm jetzt, mit den Gedanken an den entlaufenen Neffen und das lustige Leben, in dem dieser schwelgte, doppelt zuwider vor. Alles ihm Aufgetragene führte er deshalb nachlässig oder gar nicht aus, und der Heftigkeit Georgs begegnete er mit einer störrischen Gleichgültigkeit, die eben alles über sich ergehen ließ. Nach vierzehn Tagen aber hielt er selbst das nicht mehr aus. Es war ein Brief von Karl gekommen, und Georgine hatte ihm den Inhalt desselben mitgeteilt. Die Versprechungen von dort lauteten dabei so verlockend, daß er ihnen, mit der Sehnsucht nach dem Jungen, nicht länger widerstehen konnte, und er beschloß, einen entschiedenen Schritt zu tun.

Das bequeme, bis dahin geführte Leben hatte aber doch auch zu viel Anziehendes für ihn gehabt, es so ohne weiteres, besonders ohne Sicherheit, was er dafür eintausche, von der Hand zu weisen – eine Hintertür beschloß er sich jedenfalls offen zu halten, noch dazu, da ihm das zugleich Gelegenheit bot, sich auf friedlichere Weise von Georg zu trennen. Schnell deshalb mit seinem Plane im reinen, ging er noch an dem nämlichen Abend zu seinem Schwiegersohne und erklärte ihm, daß ihn die Angst um den Neffen nicht ruhen noch rasten lasse und er ihn um die Erlaubnis bitte, einen Versuch zu machen, ihn wieder aufzufinden. Er verlangte nur vierzehn Tage Zeit dazu, und habe er ihn bis dahin nicht gefunden, so wolle er ohne ihn zurückkehren.

Georg war klug genug, den Alten zu durchschauen, denn daß dieser den Aufenthalt des Burschen oder doch wenigstens wußte, wohin er sich damals gewandt, blieb gewiß. Wollte er ganz fort von ihm? – hatte er im Sinne nicht zurückzukehren? – Vielleicht – er selber aber hätte Gott gedankt, den lästigen, fatalen Menschen auf solche Weise loszuwerden; durfte er dann doch weit eher auf ein friedlich häusliches Leben rechnen, und wurde noch dazu der steten Angst und Gefahr enthoben, durch ihn seine eigene Existenz gefährdet zu sehen. Nur daß Georgine bei der Flucht des Vetters sowohl wie bei der jetzt erklärten Abreise des Vaters so ruhig und teilnahmlos blieb, war ihm rätselhaft.

Trieb den alten Mann wirklich nur die Sehnsucht nach dem Knaben, an dem er, wie Georg recht gut wußte, mit ganzem Herzen hing – und wollte er in der Tat ihn zurückholen? Oder fühlte Georgine jetzt selber, daß ihr Vater den alten Possenreißer nicht vergessen, sich nun einmal in seinen Jahren nicht mehr ändern könnte? Fühlte sie, daß es zu ihrem und ihres Gatten Wohl und Frieden sei, wenn er sie verlasse? O, dann hätte er dieses endliche Erkennen ihrer Pflichten, zu ihres und ihres Kindes Bestem, von ganzem Herzen segnen wollen.

Dem alten Manne gab er natürlich mit Freuden die Erlaubnis zur Reise, wie Geld, sie zu bestreiten, aber vergebens suchte er Georginen, als Mühler sie verlassen hatte, zu einem offenen Geständnis ihrer Gefühle zu bringen. Georgine gab ihm nur ausweichende, ja, fast leichtfertige Antworten, und hatte es ihn gedrängt, sein übervolles Herz einmal gegen sie offen ausschütten zu dürfen, so stieß sie ihn jetzt mehr zurück, als daß sie ihn ermutigt hätte. Er konnte freilich nicht ahnen, daß der alte böse Geist aufs neue Besitz von der ehrgeizigen Seele der Frau genommen hatte und sie in ihm, dem Gatten, nur noch den Tyrannen sah, der ihrem wie ihres Kindes Glück aus elendem Stolz im Wege stand.

Georg war, das sah sie klar, seit jener Zusammenkunft mit dem Grafen ein durchaus anderer geworden. Wo war der todesverachtende Mut geblieben, mit dem er sich früher den verwegensten Künsten entgegenwarf? wo die frische, fröhliche Lebenslust, die ihn den Augenblick genießen ließ, eben des Augenblicks wegen, und nicht der nächsten Stunden gedachte, viel weniger der nächsten Jahre? So hatte sie ihn kennen gelernt, so geliebt, und jetzt? – Sie haßte die Bücher, über denen er halbe Tage grübelte, sie haßte die friedliche Beschäftigung, in der er seinen Frieden fand, und mit keinem solchen Ziele vor sich, wie er, in diesem Leben ein verlorenes Glück wiederzugewinnen, zürnte ihr Herz im Gegenteil über das, was er ihr geraubt, und sann und sann darauf, es mit Gewalt oder mit List sich wieder zu erobern. Aber sie war klug genug, den Gatten gerade das, was jetzt ihre ganze Seele erfüllte, nicht ahnen zu lassen. Sie kannte den unbeugsamen, starren Geist des Mannes; hier aber erst hatte sie dessen Einfluß fühlen gelernt; denn so lange ihre Bahnen draußen in Licht und Jubel nebeneinander hinflogen, war er ihr nimmer störend in den Weg getreten. Jetzt dagegen, wo sie ihm gehorchen sollte, sie, die bis dahin nur gewohnt gewesen, zu befehlen, empörte sich ihr ganzes Selbst gegen einen solchen Zwang, und kein Wunder, daß sie den Augenblick herbeisehnte, in dem sie sich und ihr Kind demselben entziehen konnte.

Der alte Mühler war indessen, nachdem er Abschied von Georginen genommen und von ihr heimlich mehrere Briefe erhalten hatte, mit seinem treuen Begleiter, dem Spitz, nach Schildheim hinunter gegangen. Georg erbot sich zwar, ihn bis zur nächsten Eisenbahnstation fahren zu lassen, aber er lehnte es ab, und zwar unter dem Vorwande, daß er noch gar nicht genau wisse, nach welcher Richtung er sich wenden solle. In der Tat aber wollte er Georg keine Kontrolle geben, wohin er gefahren sei; der Kutscher konnte ihn, wie er recht gut wußte, nicht leiden, und würde jedenfalls an der Station aufgepaßt haben, wohin er sein Billett genommen.

Gepäck führte er übrigens fast gar keins bei sich, sondern hatte das Nötige deshalb schon mit Georginen besprochen. Georg war oft auf halbe Tage abwesend, und es fand sich dann leicht eine Gelegenheit, seine sämtlichen Sachen nachzuschicken.

Mühler nun, seit langer Zeit zum erstenmal wieder mit einer Summe Geldes in der Tasche, und mit voller Freiheit, jeden beliebigen Gebrauch davon zu machen, konnte sich nicht entschließen, trockenen Mundes am »Stern« vorüberzugehen. Fand er niemanden weiter dort, so war er doch sicher, »den faulen Tobias« anzutreffen, und seinen Abschiedstrunk nahm er dann mit dem.

Der faule Tobias saß auch wirklich, nach alter Gewohnheit, dicht neben dem Ofen hinter einem der kleinen schweren Tische, ein Glas Branntwein vor sich, und zwar nicht das erste. Das spirituöse Getränk schien aber keineswegs heute den sonst so belebenden Eindruck auf ihn gemacht zu haben, und während sich sein faltiges und etwas schmutziges Gesicht immer aufhellte, wenn er seinen »Freund« Mühler entdeckte, und nun sicher war, ein paar Stunden angenehm mit erzählten Schnurren und Anekdoten zu verbringen, zogen sich heute seine Augenbrauen womöglich noch finsterer zusammen. Nur die geballte Faust, die er auf dem Tische liegen hatte, nahm er herunter und steckte sie, geballt wie sie war, in die Tasche, als ob sein Grimm und Aerger niemandem weiter gehöre als ihm selber, und er auch wisse, wo er ihn hintun könne.

Mühler merkte auf den ersten Blick, daß mit dem alten Burschen etwas nicht richtig sei, und da ihm besonders heute gar nichts daran lag, einen mürrischen, verdrossenen Trinkgenossen zu haben, setzte er sich hinüber zu ihm auf die Bank, warf seinen Hut und das kleine Bündel, das er in der Hand trug, hinter sich und sagte, während sein Spitz auf einem Stuhl neben ihm ganz ernsthaft Platz nahm: »Wirt, eine Flasche Wein, aber von Eurem besten – nicht etwa den Rachenreißer wieder, den Ihr mir das letzte Mal gegeben.«

Tobias warf ihm einen etwas erstaunten Seitenblick zu und rückte ein wenig bei, um ihm mehr Raum zu geben, schien aber trotzdem entschlossen, in seinem Schweigen zu verharren, und erwiderte nicht einmal den guten Tag, den ihm jener bot.

»Na zum Teufel,« sagte Mühler, »was steckt dir denn in der Krone, he? Hast du die verkehrte Maulsperre, Kamerad, oder kennst du mich nicht mehr? Du schneidest ein Gesicht heut, als ob dir das Wasser ausgeblieben wäre und du jetzt mit Schnaps mahlen müßtest, um das alte Räderwerk im Gange zu halten.«

»Ist ihm auch was Aehnliches passiert, Herr Mühler,« nahm da, für Tobias, ein alter Bauer, der unfern von ihrem Tische hinter einem Kruge Bier saß, die Antwort auf, »das Wasser zum Mahlen ist ihm freilich ausgeblieben – nur mit dem Schnaps wird's etwas dünn aussehen. Es bleibt ihm schon nichts anderes übrig, wie eine Windmühle anzulegen.«

»Auch kein schlechtes Geschäft, Kamerad,« lachte Mühler, von dem gebrachten Wein den Stöpsel ziehend, »he, noch ein Glas, Herr Wirt! – Sind famose Dinger, diese Windmühlen, in denen einem früh die Morgensonne und nachmittags die Abendsonne in dasselbe Fenster scheint.«

»Du weißt den Henker davon,« fuhr Tobias mit einem tückischen Blick den alten Bauer an. »Wenn ich Schnaps brauche, werde ich ihn auch bekommen. Du Hungerleider gibst mir doch keinen.«

»Nein, Tobias, da hast du recht,« lachte der Alte gutmütig, »das wäre auch dreimal weggeworfenes Geld, und hättest du nicht so viel von dem bösen Stoff getrunken, sähe es jetzt auch besser mit dir aus.«

»Aber was ist denn vorgefallen?« rief Mühler erstaunt.

»Nichts, als was wir alle lange vorhergesehen haben,« sagte der Bauer. »Sein Geld, das ihm gehörte, hat der Tobias durchgebracht, und wenn der Müller drunten auch genötigt ist, ihn bis an seinen Tod zu füttern, so hat er sich doch geweigert, ihm von heute ab einen Pfennig weiter zu geben, sein liederliches Leben zu unterstützen.«

»Der Müller ist ein Lump!« fiel hier Tobias wütend ein, indem er die geballte Faust wieder aus der Tasche zog und damit auf den Tisch schlug, »ich habe mich für ihn aufgeopfert, und jetzt kommt er...«

»Der Müller ist ein Ehrenmann,« unterbrach ihn ruhig der Bauer, indem er von seiner Bank aufstand, sein Bier austrank und seinen Hut vom Nagel nahm, »er hat bis jetzt mehr für dich getan, wie einer von uns getan haben würde, und Not, Aerger und Schande außerdem dafür genug gehabt. Da er jetzt sieht, daß du kein anderer Mensch werden willst, so mag er dich wenigstens auch nicht länger in dem liederlichen Leben unterstützen, und da hat er, sollt' ich denken, recht. Daß du anders denkst, ist deine Sache – Gott befohlen!« Und seinen Hut aufstülpend, verließ der alte Mann das Zimmer.

Tobias schleuderte ihm mit einem boshaften Blick den bittersten Fluch nach, auf den er sich besinnen konnte; Mühler aber lachte und sagte: »Laß den Brummbär laufen, Kamerad; gut, daß er fort ist; der soll uns den schönen Tag noch lange nicht verderben. Da trink, das ist der Sorgenbrecher, besser als das verwünschte Vitriolöl, das sie hier für Schnaps verkaufen. Der hier brennt nicht und wärmt doch, und je mehr man davon trinkt, desto leichter wird's einem im Kopfe.«

Tobias schien noch immer keine rechte Lust zu haben, geselliger zu werden, wenn er auch das dargebotene Glas nicht verschmähte; mit jedem Glase aber taute er mehr auf, und während sich Mühler, in einer eigenen Art von rauher Herzlichkeit, bemühte, den alten niedergebrochenen Säufer aufzurichten, fing ihm selber der Wein an zu schmecken.

»Hol' der Henker die Kosten!« lachte er, als er die dritte Flasche bestellte, »wo das herkommt, ist mehr, und so jung treffen wir doch nicht wieder zusammen.«

»Wo das herkommt, ist mehr?« sagte Tobias, aufmerksam werdend, »der da droben« – und er deutete mit dem Daumen nach der Richtung des Gutes hinüber – »ist wohl schmählich reich?«

»Puh, reich!« rief Mühler, das große Glas bis zum Rande füllend und auf einen Zug leerend, »was heißt reich? Was man hat, kann einem die nächste Stunde gestohlen werden oder sonst abhanden kommen, aber was man kann, Kamerad, darauf kommt's an, und das, was man kann, das macht den Mann.«

»Nun, Kamerad,« lachte Tobias, der bis jetzt noch viel nüchterner als Mühler war, trotzdem daß er schon ungezählte Gläser Branntwein vorher hinabgegossen, »bis jetzt hast du uns aber noch nicht gezeigt, was du kannst...«

»Vielleicht habe ich nicht gewollt,« schmunzelte Mühler.

»Und willst du jetzt?«

»Nein,« schüttelte Mühler mit dem Kopfe, indem er einen Blick nach der am Fenster spinnenden Wirtin hinüberwarf. Der Wirt war hinausgegangen, um nach seinen Getränken zu sehen, und weitere Gäste nicht im Zimmer – »andere brauchen auch nichts davon zu wissen.«

»Na, vor der darfst du dich nicht genieren,« meinte Tobias, »wenn du sonst ein Geheimnis daraus machst, denn die ist stocktaub. Aber weißt du – wenn's – was wäre, das man zum Leben und besonders zum Trinken gebrauchen könnte, verstehst du, da wär' mir's recht, wenn ich auch etwas davon erführe. Wer weiß, wie man's einmal gebrauchen kann.«

»Du?« lachte der Alte, dem der Gedanke ungemeinen Spaß machte, sich den »faulen Tobias« als »Künstler« vorzustellen, »hahaha, das ist kostbar – du, mit den lahmen Knochen, du wärst ein Kapitalexemplar für irgend eine Gesellschaft!«

»Hoho!« rief Tobias, leicht gereizt, »ich weiß mich wohl in jeder Gesellschaft zu benehmen, und du hast noch gar keine Ursache gehabt, mir das unter die Nase zu reiben.«

»Puh, Tobi, schwatz' von nichts, wovon du nichts verstehst,« sagte Mühler, der keineswegs trunken, aber durch den Wein gesprächig geworden war. »Was ich unter Gesellschaft verstehe, ist etwas ganz anderes – nicht das, was du meinst, wo zehn oder zwanzig oder dreißig Personen zusammenkommen und sich um die Tische herumsetzen und ihr Bier trinken. Kannst du aber – Donnerwetter, die Flasche ist schon wieder leer – he, Wirtschaft! – kannst du auf dem Kopfe stehen?«

»Ich?« sagte Tobias, ihn mit einem entsetzlich verblüfften Gesicht anstarrend, »ich weiß nicht – ich habe es noch nicht versucht.«

»Ist auch gar nicht nötig, Kamerad, denn du kannst's doch nicht,« sagte Mühler, »und das ist noch das Leichteste dabei. – Hast du neulich gesehen, was für Kunststücke die drei Burschen machten, die hier im Dorfe waren?«

»Von denen der eine die Leiter hinauflief, ohne daß sie jemand hielt?«

»Ganz recht, und das sind noch Spielereien, denn sie riskieren nichts dabei, als vielleicht einmal, wenn es mißglückt, auf den Hintern zu fallen.«

»Aber was hat das mit dir und – mit dem Baron da oben zu schaffen?« sagte Tobias, der aus den Worten seines Nachbarn nicht recht klug wurde.

»Kannst du das Maul halten?« fragte Mühler leise.

»Das kann ich,« versicherte Tobias, wirklich froh, endlich einmal etwas zu finden, was er wirklich zu können glaubte.

»Gut,« sagte Mühler, »das ist manchmal schon viel wert – da kommt aber der Wirt wieder – der braucht nichts zu wissen.«

»Na, Herr Mühler,« sagte dieser, der mit einer frischen Flasche zum Tische trat, »sind ja heute recht fidel. Hab's mir gleich gedacht, daß Sie mehr wollten, und die alte Sorte mitgebracht. Nicht wahr, die schmeckt?«

»Es geht – da nehmt die leeren Flaschen mit. Tobias hier ist heute etwas niedergeschlagen, und den müssen wir wieder fidel machen – trinkt Ihr ein Glas mit, Sternenwirt?«

»Gleich steh' ich zu Befehl, Herr Mühler – muß nur einmal hinunter in die Schmiede, dort etwas zu besorgen – ich bin bald wieder da. Sollten Sie in der Zeit etwas wollen, so steht es drüben in der Stube, und meine Alte da kann es Ihnen geben.«

»Der kann abkommen,« sagte brummend Tobias, als der Wirt das Zimmer verlassen hatte, »Lump nichtsnutziger. Wer Geld hat, dem macht er den Buckel krumm, und so wie er merkt, daß es dünn wird, kennt er einen nicht mehr und fängt an schwer zu hören. Dir knöpfe ich die Ohren noch einmal auf, Halunke – aber – über was sollt' ich's Maul halten, Mühler? – Was kann der Baron, und was kannst du?«

»Baron,« sagte Mühler, die Achsel zuckend und sich und Tobias aufs neue einschenkend, »der da drüben ist so wenig Baron wie du und ich.«

»Den Teufel auch!« murmelte Tobias leise und erstaunt vor sich hin.

»Das schadet auch nichts, Kamerad,« lachte der Alte in übermütiger Laune weiter, »bah, so viel für einen lumpigen Baron, wenn er nichts weiter kann, als Samstags dem Verwalter sein Geld auszahlen, und für das übrige den lieben Gott sorgen läßt – unser Monsieur Bertrand kann mehr.«

»Mosje Bertrand?« fragte Tobias erstaunt.

»Sagte ich Bertrand?« fragte Mühler, dem das Wort nur so entfahren war.

»Ich dächte...«

»Na, bleibt sich gleich – den solltest du einmal auf drei Pferden zugleich reiten sehen.«

»Auf dreien, na, so lüg' du und der Teufel! wie will er denn auf dreien zugleich sitzen?«

»Sitzen? – er sitzt auch nicht, er steht, mit jedem Fuß auf einem und das dritte zwischen den Füßen, und vier dabei vorn im Zügel, daß die Haare sausen.«

»Aber das machen ja die Kunstreiter!« sagte Tobias, jetzt völlig verblüfft über alles, was er hörte.

»Tun sie auch, Kamerad,« lachte Mühler, »und seine Frau, meine Tochter, solltest du erst sehen – der Jubel von den Leuten, wenn sie auf ihrem Schimmel geflogen kam und durch Reifen sprang und über Tücher wegsetzte und sich so und so drehte – und die Kleine – die Josefine, das ist ein wahrer Teufel von einem Kinde auf dem Sattel – sie könnte nicht leichter auf dem festen Boden tanzen.«

»Ja, zum Donnerwetter, Kamerad,« sagte Tobias, erstaunt Front gegen ihn machend, »der Baron da drüben ist doch nicht etwa...«

»Der beste Kunstreiter, der je ein Pferd dressiert hat,« ergänzte Mühler, »das muß man ihm lassen, wenn er auch noch ein so schlechter Oekonom sein mag.«

»Und die ganze Familie – und du?«

»Lauter Kunstreiter,« lachte der Alte triumphierend, ohne sich jedoch selber als Bajazzo zu denunzieren. »Das ist ein lustiges Leben, Kamerad, und du solltest einmal dabei sein, wenn es so recht mitten im Glanz und Gang ist. Hier – der Teufel soll's holen, ein Hund hat's besser, als den ganzen Tag da drinnen hinter den steinernen Mauern zu sitzen und Maulaffen feil zu halten, und ich hab' es auch satt bekommen und gehe meiner Wege.«

»Was?« rief Tobias, jetzt noch mehr erstaunt als vorher. »Du willst fort, Kamerad, willst mich hier allein lassen?« setzte er mit einer eigenen Art von Rührung hinzu.

»Kann's nicht ändern,« bestätigte Mühler, »das Leben hier führ' ein anderer – mein Junge ist schon voraus.«

»Und die da drüben auf dem Gute?«

»Mögen's halten, wie sie wollen,« sagte Mühler gleichgültig, »ich kann mir mein Brot verdienen, ohne die da, und lustigeres Brot, wie sie mir bieten können. Wenn mit dir nur etwas anzufangen wäre, nähm' ich dich mit, Tobi, aber – es geht nicht, du bist zu steif in den Knochen – meine müssen freilich auch erst wieder gelenkig werden, denn das lange Stillhocken ist ihnen schwerlich dienlich gewesen.«

Tobias antwortete ihm nicht, andere Gedanken gingen ihm im Kopf herum, und Mühler tat einen langen Zug aus seinem Glase. Dabei fiel aber sein Blick auf die Wanduhr, und sich aufraffend, sagte er: »Donnerwetter, es wird spät, ich muß fort.«

»Heute noch?«

»Gleich.«

»So warte wenigstens, bis der Wirt wiederkommt.«

»Wozu?« lachte Mühler, »die paar Flaschen kann er mir zum Andenken aufschreiben, bis ich zurückkehre. Wirte vergessen einen so leicht, wenn man ihnen nicht ein kleines Andenken da läßt.«

»Das geschieht dem Lump recht,« lachte Tobias, »sonst aber,« setzte er, von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, hinzu, »hätt'st du mir es vielleicht da lassen können, und ich hätt's ihm gegeben, wenn er wiederkam.«

»Wolltest du wirklich?« fragte Mühler und ein eigener, drolliger Zug zuckte ihm um die Mundwinkel. Wie sein Blick aber auf die Jammergestalt des vor ihm stehenden, zusammengebrochenen alten Säufers fiel, regte sich auch etwas wie Mitleiden in seinem Herzen. Leichtsinnige Menschen sind gewöhnlich gutmütig, und in einem eigenen Anfall von Großmut sagte er: »Na, meinetwegen, Tobias – ich will dir das Geld da lassen, gib es dem Wirt, wenn er kommt. Drei, vier Flaschen hatten wir ja wohl, die Flasche kostete 18 Schillinge, macht zusammen 1 Taler 24 Schillinge, da – da hast du's und – vergiß es nicht etwa...«

»I bewahre!« sagte Tobias, das Geld, ohne es zu überzählen, in die Westentasche schiebend, »und du kommst wirklich nicht wieder?«

»Wenigstens so bald nicht. Heut abend denk' ich noch bis Kerkhofen zu marschieren.«

»Dann darfst du dich auch nicht länger aufhalten,« sagte Tobias, der seine eigenen Gründe hatte, den Kameraden unterwegs zu wünschen, ehe der Wirt wiederkam.

»Darf ich nicht?« lachte Mühler, »aber ich glaube, du hast recht; es wird spät. So behüt' dich Gott, Alter, und trink mir nicht zu viel; es wär' schade, wenn wir dich verlieren sollten, denn eine solche natürlich rote Nase kommt nicht gleich wieder vor.«

»Ist mir auch sauer genug geworden,« meinte Tobias, »sie dahin zu bringen.«

»Kann ich mir denken – also nochmals adieu! komm, Hanswurst!« Und mit den Worten schüttelte er ihm die Hand, griff dann seinen Hut und sein Bündel auf und verließ, von seinem Spitz gefolgt, das Haus und das Dorf. Tobias begleitete ihn nicht. Es war noch ein Rest in der Flasche, den er erst vertilgen mußte, und dann gingen ihm auch eine Menge Dinge im Kopfe herum, die er vorher in aller Ruhe ordnen und sichten mußte; das Denken fing ihm doch an schwer zu werden. Wie er noch so da saß, kam der Wirt zurück.

»Nun,« sagte der, »wohin geht denn der Schwiegervater? Ich sah ihn von weitem, mit einem Bündel in der Hand, aus dem Dorf marschieren – weißt du's, Tobias?«

»Was geht mich der Mühler an?« murrte dieser, »ich bin sein Aufpasser nicht.«

Der Wirt ging zu seiner Frau ans Fenster, faßte sie an der Schulter und schrie ihr ins Ohr: »Hat der Mühler bezahlt?«

Die Frau schüttelte mit dem Kopfe, und der Wirt warf einen Blick nach Tobias und der jetzt leeren Flasche hinüber. Der aber regte sich nicht oder tat, als ob er nicht ein Wort von dem Gesprochenen gehört. Was ging ihn Mühler an? – Endlich stand er auf, nahm seinen alten Filzhut und sagte: »Was bin ich schuldig?«

»Schuldig?« fragte der Wirt, »wenn du alles zahlen wolltest, was du hier schuldig bist, so hättest du eine lange Rechnung und ich einen guten Tag. Heute habe ich dir von vornherein gesagt, daß ich dir die paar Glas Schnaps schenke, damit hört's aber jetzt auf, und von nun an wird dir hier im Stern nicht eher wieder ein Glas Branntwein hingestellt, als bis du das Geld auf den Tisch legst.«

»Ich will von Euch nichts geschenkt,« grollte finster der Alte, »und brauche nichts – vier Glas Branntwein habe ich gehabt, etwa so viel wenigstens. Da sind Eure paar lumpigen Schillinge« – und damit warf er die Münze auf den Tisch.

»Haha, hast du doch noch etwas in einer Taschenecke aufgehoben?« lachte der Wirt, »na, mir kann's recht sein; bei dem aber, was ich gesagt habe, bei dem bleibt's.«

»Will schon wieder Geld kriegen,« lachte der Alte tückisch vor sich hin. »Ich weiß, was ich weiß, und der Baron muß zahlen.«

»Der wird dich vom Hofe jagen, wenn du da 'nauf betteln gehst.«

»Betteln? habe noch in meinem Leben nicht gebettelt, und werd's auf meine alten Tage nicht anfangen. Was ich weiß, kauft er mir gern ab.«

»Was du weißt?« lachte der Wirt, »na, höre, Tobias, du machst deinem Schulmeister zu viel Komplimente. Ja, wenn der verantwortlich wäre für alles, was du nicht wüßtest!«

»Mein Schulmeister hat nichts damit zu tun,« murrte der alte Mann verdrießlich.

»Und wer sonst?«

»So fragt man die Narren aus,« erwiderte Tobias trocken, schlug sich seinen Hut noch einmal fest und verließ das Haus, die Straße nach dem Gute zu einschlagend.

19.

Tobias hatte sich einen tollen Plan ausgedacht, der ihm aber ganz in seine verzweifelte Lage paßte, und mit einer Quantität Spirituosen im Kopfe war er auch gerade in der Stimmung, ihn auszuführen. Ob er sonst den Mut gehabt haben würde, dem seines ernsten Wesens wegen eher gefürchteten Gutsherrn auf die eigene Stube zu rücken, muß dahingestellt bleiben. Noch nicht mit sich im klaren, wie er das Wirtshaus verließ, verbiß er sich aber mehr und mehr in den einmal gefaßten Gedanken, und ohne daß er es selber merkte, verringerte er die Entfernung zwischen sich und dem Gute mit jedem Schritte.

Wäre er dem Verwalter oben begegnet, so würde ihn dieser, in dem Zustande, in dem er sich befand und der deutlich genug die in reichem Maße genossenen Getränke verriet, wohl kaum vorgelassen, sondern rundweg abgefertigt haben; denn Tobias war ein Mensch, mit dem man sowohl im Dorfe wie auf dem Gute wenig Umstände machte. So aber traf er nur einen der Knechte im Hofe, der ihn, da er nach dem Gutsherrn fragte und vorgab, er habe etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen, zu der Treppe brachte, die zu Georgs Zimmer führte. Dort ließ er ihn allein, und Tobias balancierte sich die breite steinerne Stiege – jetzt aber gar nicht mehr so behaglich und zuversichtlich wie unten in frischer Luft – hinauf. Er war jedoch einmal da, wie er sich wieder und wieder vorerzählte – umkehren half nichts mehr, und deshalb die Zähne fest aufeinander beißend, kletterte er die wenigen Stufen vollends hinan, hielt einen Augenblick an der Tür, um Atem zu schöpfen, und klopfte dann an.

»Herein!« tönte Georgs tiefe und ruhige Stimme, und Tobias wäre vielleicht in diesem Augenblick doch noch wieder umgekehrt, aber es war zu spät; seine Hand lag auf dem Drücker, und im nächsten Augenblick sah er sich dem Herrn selber gegenüber.

»Was wollt Ihr?« fragte ihn mit eben nicht freundlicher Stimme Georg, denn er sah mit einem Blick, in welchem Zustande sich der alte Trunkenbold befand.

»Guten Abend,« erwiderte Tobias vor allen Dingen auf die Anrede, nahm seinen Hut ab und drehte ihn zwischen den Händen.

»Guten Abend – was soll's?«

»Ich wollte nur...«

»Nun?«

»Ich wollte Sie nur bitten, Herr Baron,« stotterte der Alte.

»Tobias,« fertigte ihn da Georg ab, der ihn vom Dorfe her kannte, »Ihr seid heut wieder in einem Zustande, bei dem Ihr Euch viel lieber hättet zu Bette legen sollen, als zu mir heraufzukommen. Ueberdies hasse ich jede Bettelei, noch dazu von einem Burschen wie Ihr, an den jeder Schilling rettungslos weggeworfen wäre. – Marsch! packt Euch, und macht, daß Ihr nach Hause kommt. – Ihr riecht bis hierher nach Spirituosen. – Wird's bald, oder soll ich Euch fortschaffen lassen?«

Wäre Georg freundlich oder auch nur ernsthöflich mit ihm gewesen, Tobias hätte nie den Mut gehabt, ein Wort über die Lippen zu bringen. Die doppelten Vorwürfe des Trinkens und Bettelns aber stachelten ihm die verworrenen Geisteskräfte zum Widerstande auf, und seinen alten Hut in den Händen zusammenrollend, sagte er mit einem höhnischen Blick auf den Gutsherrn: »Halten zu Gnaden, Herr von Geyfeln – oder wie Sie sonst heißen mögen, was – ich trinke, bezahle ich, und das geht niemanden etwas an – und zum Betteln – bin ich ebenfalls – nicht hierher gekommen, daß Sie es nur wissen! – Im Gegenteil wollte ich Ihnen einen Gefallen tun – daß Sie wüßten, woran Sie – woran Sie wären, und nicht etwa dächten, wir wären alle so dumm und glaubten die Geschichte mit dem – Baron...«

Georg horchte hoch auf, denn die Worte des Trunkenen, mit wie schwerer Zunge er sie auch herausbrachte, verrieten mehr, als sie jetzt noch eingestehen mochten. »Was ist das, was aus dir spricht, mein Bursche?« sagte er deshalb ruhig, aber mit wirklich mühsamer Fassung, indem er auf ihn zuging, »was willst du von mir?«

»Aha!« lachte der Alte still vor sich hin, »werden wir zahm? Ja, ich hab' es mir wohl gedacht, mein Täubchen. Der alte Tobias ist auch nicht auf den Kopf gefallen, wie manche Leute ihn wohl gern wollten glauben machen – der Sternwirt zum Beispiel – und dieses Mal an die richtige Schmiede gegangen.«

»Was willst du von mir, und weshalb bist du heute hierher gekommen?« wiederholte Georg noch einmal seine Frage; denn ein dunkler Verdacht stieg über die Absicht des Trunkenen in ihm auf.

»Na?« sagte Tobias, der noch immer nicht trunken genug war, die veränderte Anrede unbemerkt zu lassen, »geduzt haben wir einander freilich noch nicht, so viel ich weiß, aber das schadet nichts – was nicht ist, kann noch werden, und der Mühler, der Schwiegervater, war auch ein sauberer Mensch und wir nannten uns doch du miteinander. Also, lieber Bruder, hahaha – lieber Bruder, ich wollte dir nur sagen, daß wir – ne, nicht wir – im Dorfe drunten sind zu dumm – die wissen noch nichts – aber daß ich, der alte Tobias, herausgekriegt habe, wer du eigentlich bist – weißt du wohl?« – Er versuchte dabei eine Art von Pantomime zu machen, wie er sie vielleicht einmal von Kunstreitern gesehen haben mochte, indem er sich auf das eine Bein balancierte und das andere aushob, den Kopf etwas auf die Seite neigte und seine beiden Arme, mit dem zerknitterten Hut in der einen, ausstreckte. Dieser gewagten Position war er aber doch in solchem Augenblick nicht gewachsen. Er verlor die Balance und wäre auf den Boden geschlagen, wenn er nicht noch glücklich die Tischecke erwischt hätte, um sich daran zu halten.

In Georgs Armen zuckte es, den frechen, widerlichen Burschen aus der Tür zu werfen, aber er bezwang sich trotzdem. Er wollte jetzt erst wissen, was er eigentlich im Schilde führe, und die Arme fest ineinander schlagend, wie um sie zu sichern, daß sie ihm nicht unwillkürlich vorgriffen, haftete nur sein düsterer Blick fest und verächtlich auf der vor ihm schwankenden schmutzigen Gestalt – dem Spottbild eines Menschen.

»Ha – hallo,« sagte Tobias dabei, indem er sich gewaltsam im Gleichgewicht zu halten suchte, »hoppa – beinahe wären wir gefallen – Boden ist hier verdammt uneben. – Ja – was ich gleich sagen wollte – Sehen Sie, Herr – Herr Baron oder Herr Berthold oder wie Sie sonst heißen – ja so – das wollte ich dir nur sagen – ich weiß die Geschichte; ich bin dahintergekommen, hinter den blauen Dunst. – Mir macht keiner ein X für ein U – aber ich kann auch's Maul halten – wie Bruder Mühler, der Schwiegervater, ganz richtig gesagt hat – ich kann, wenn ich eben will und – wenn's gut bezahlt wird. Verstehst du, Bruderherz?«

Georg brauchte nicht mehr zu wissen. Der alte Trunkenbold hatte ihm in wenigen Worten klar und deutlich gezeigt, daß Mühler ihm sein Geheimnis verraten und er jetzt in den Händen dieses liederlichen Menschen sei, der aus seiner Entdeckung den größten Nutzen zu ziehen suchte. Daß er sich aber mit einer solchen Kreatur nicht weiter einlassen konnte, mochten sich nun die Folgen stellen, wie sie wollten, fühlte er in dem Augenblick mehr, als er zu einem klaren Bewußtsein desselben gekommen wäre. Ohne deshalb ein weiteres Wort an ihn zu richten, öffnete er das Fenster und rief im Hofe zwei gerade dort beschäftigte Knechte an: »He, Hans – Gottlieb! kommt einmal herauf – rasch!«

»Hans? – Gottlieb?« wiederholte Tobias etwas erstaunt. »Hans – Gottlieb? – Wozu brauchen wir Hans und Gottlieb – he? – Wie ist es, Herr Baron oder Herr Berthold – hahaha, über die Namen alle wird man ordentlich konfus! – Ich kann das Maul halten, und will das Maul halten, aber« – und hier machte er mit freundlichem Grinsen eine Gebärde des Geldzählens – »hier müssen wir zusammenkommen, wenn ich nicht...«

Georg hörte die Leute auf der Treppe, riß die Tür auf und sagte: »Den Burschen da werft mir einmal aus dem Hofe hinaus und das jedesmal, so oft er sich hier sollte sehen lassen. Schickt mir dann den Verwalter und den Vogt herauf.«

»Na komm, Tobias,« sagte der eine der Knechte, den Alten ohne weitere Umstände beim Kragen nehmend, »es hilft dir nichts, weder Strampeln noch Wehren. Der Herr Baron hat's einmal gesagt.«

»So?« schrie Tobias, aus allen seinen Himmeln geträumter Schätze etwas unsanft geweckt und über dieses keineswegs erwartete Resultat zugleich erstaunt, »so? ist das eine Behandlung – Herr Baron – wissen Sie – wenn ich will – so kann ich...« Alle seine weiteren Reden und Drohungen wurden durch die beiden handfesten Burschen unterbrochen, von denen der eine, als sie sahen, daß er nicht gutwillig gehen wollte, ihn unter den Armen packte. Der andere hob ihm zu gleicher Zeit die Beine aus, und Tobias wurde, trotz seinem Grimm, der sich jetzt gegen die Knechte kehrte, ohne weiteres die Treppe hinunter, durch den Hof und bis vor das Tor getragen, wo ihn die Leute ruhig absetzten und laufen ließen. Zwar sprudelte er hier noch eine Menge Dinge von Baronen und Lumpen, Kunstreitern und »Geheimnissen« heraus, die Knechte verstanden aber kein Wort davon, ließen ihn stehen und gingen an ihre Arbeit zurück.

Tobias wütete, als er aber Miene machte, noch einmal in den Hof zurückzukehren, drohten ihm die beiden Burschen mit den Fäusten, und das Herz voll Ingrimm, aber doch zu feige, sich einer weiteren Handgreiflichkeit auszusetzen, drehte er sich endlich um und taumelte, rücksichtslos um Weg und Steg, gerade über Wiese und Felder weg, ins Tal hinab.


Zu derselben Zeit, in welcher Tobias jenen verunglückten Versuch machte, von Herrn von Geyfeln entweder eine Summe Geldes oder noch lieber eine fortlaufende Unterstützung zu erpressen, saß Josefine mit ihrer Erzieherin, fleißig mit Lesen und Arbeiten beschäftigt, in ihrem Stübchen.

Josefine war jetzt etwa acht Jahre alt und hier auf dem Gute, da sich die Mutter fast gar nicht oder doch nur sehr selten oder oberflächlich um sie kümmerte, einzig auf den Umgang mit der Erzieherin angewiesen. In dieser aber hatte Georg einen glücklichen Fund getan, denn die junge Dame besaß nicht allein sehr wackere Kenntnisse, sondern auch ein gutes, für alles Schöne und Edle empfängliches Herz. Praktisch dabei in allem, was sie anfaßte, und bescheiden und anspruchslos in ihrem ganzen Wesen, sicherte sie sich in ihrer schwierigen Stellung bald die Liebe des einen, sowie die Achtung des andern Teiles, und ging dazwischen ruhig ihre Bahn. Bald hatte Mademoiselle Adele auch den Charakter der Frau und Mutter durchschaut, mit der sie zusammen lebte, und Georgine besaß in der Tat keine Eigenschaften, die das stille, einfache Mädchen an sie hätten fesseln und zwischen beiden ein wirklich freundschaftliches Verhältnis entstehen lassen können. Vergnügungssüchtig und nur an sich selber denkend, fehlte Georginen jene ruhige Weiblichkeit, die da im Stillen wirkt und schafft, und selbst oft mit den bescheidensten Mitteln imstande ist, den Familienkreis zu einem Paradiese umzuschaffen. Wo aber hätte sie auch diese Eigenschaften sich erwerben, wo in ihrer ganzen früheren Lebensweise einen Sinn für Häuslichkeit gewinnen sollen? Ihre ganze Erziehung lag dem Begriffe zu fern, und wenn ihr auch in der ersten Zeit ihres Aufenthalts zu Schildheim manchmal dieses stille, zurückgezogene Leben nicht mehr in so dunklen Farben erschien und sie die Möglichkeit dachte, sich einst hineinzufinden, verdrängten die letzten Wochen doch jeden derartigen Gedanken wieder aus ihrem Herzen. Noch zu keiner Zeit hatte sie sich dabei, so sehr sie Josefinen liebte, mit deren Erziehung beschäftigen können und mögen. Sie wußte gar nicht, wie sie es anfangen müsse, und konnte und wollte sich keine Mühe in dieser Hinsicht geben. Im Zirkus, ja, dort hätte Josefine keine bessere Lehrmeisterin haben können, als eben ihre Mutter, aber hier, zwischen den Büchern und weiblichen Arbeiten, von denen allen sie wenig oder nichts verstand, fühlte sie sich fremd und überließ das bereitwillig und allein der Fremden.