27.
In Altona herrschte ein reges Leben, und der alte Forstwart Barthold schritt staunend an Georgs Seite durch die menschengedrängten Straßen. Das war eine Stadt – das war ein Treiben und Schieben durcheinander, und was für kostbare Waren überall – der Alte wäre am liebsten vor jedem Schaufenster stehen geblieben, immer Neues anzustaunen und zu bewundern. – Und aus diesem Gewimmel von Menschen, wo es, wie bei einem Bienenschwarm, herüber und hinüber fuhr, sollte er den einzelnen Fremden heraussuchen, den er draußen im Walde gesehen? Der Kopf schwindelte ihm, und er ging die ersten Stunden wie in einem Traume umher.
Georg, der ihn begleitete, fand sich ebenfalls in furchtbarer Aufregung – freilich aus einem andern Grunde – und mußte sich Mühe geben, wenigstens die äußere Fassung zu bewahren. Hatte er doch sein nächstes Ziel, den wahrscheinlichen Aufenthalt seines Kindes, seiner Josefine, jetzt erreicht – aber wo sie finden in der großen Stadt – und wenn gefunden, wie sie dann sich retten?
Gestern abend war er, aber zu spät, um noch irgend welche Nachforschungen anzustellen, mit seinem Begleiter in Hamburg eingetroffen, und heute morgen hatte er vergebens auf der Polizei in Altona angefragt, ob zwei Damen, eine Frau von Geyfeln und eine Frau Georgine Bertrand, angemeldet wären – man wußte dort noch nichts von ihnen. Den Namen des Entführers kannte er ja nicht.
In der Nähe des Zirkus durfte er auch nicht wagen, sich – wenigstens am Tage – blicken zu lassen, denn er blieb dort zu sehr der Gefahr ausgesetzt, von einem seiner früheren Leute, vielleicht gar von dem alten Mühler oder Karl erkannt und verraten zu werden. Georgine wäre in dem Fall augenblicklich gewarnt worden und sein ganzer Plan vernichtet, jede Aussicht auf Erfolg zerstört gewesen. Da wurde, als er eben nach Hamburg hinüber wollte, um dort den Abend abzuwarten, seine Aufmerksamkeit auf große Zettel gelenkt, die ein junger Bursche an den Ecken anklebte. Ein Holzschnitt oben darüber – einen Reiter zeigend, der mit sieben Pferden dahin flog – ließ keinen Zweifel, zu welcher Vorstellung, und Georg trat, zitternd vor Angst und Erwartung, hinan, den gesuchten und doch gefürchteten Namen seines Weibes – seines Kindes darunter zu finden – und er hatte sich nicht geirrt. Der Name Georgine Bertrand stand allerdings nicht auf dem Zettel, aber die pomphafte Ankündigung eines neuen Gastes, einer Madame Georgette mit ihrer Tochter Mademoiselle Georgette, ließ ihm fast keinen Zweifel, daß Frau und Kind schon an diesem Abend, wenn auch unter anderm Namen, im Zirkus wieder auftreten würden.
Vorsichtig suchte er jetzt Georgettens Wohnung zu erfragen, aber die Auskunft, die er darüber erhielt, machte ihn wieder irre, denn diese lautete dahin, daß Madame Georgette, die neue berühmte Kunstreiterin, in Royazets eigener Wohnung abgestiegen sei und ein Quartier bezogen habe, und der Mann, der ihm diese Auskunft gab, setzte aus freien Stücken hinzu, es hieße in der Stadt, Monsieur Royazet habe selber geäußert, die Dame sei seine ihm bestimmte Braut. Wer dann hatte Georginen entführt? Royazet selber? Die Beschreibung des jungen Mannes, die der alte Forstwart gab, paßte nicht dazu, auch sollte Royazet, wie er hier leicht erfragen konnte, Altona die letzte ganze Woche mit keinem Schritt verlassen haben.
Die Unruhe, hierüber Gewißheit zu erhalten, peinigte ihn zuletzt so, daß er beschloß, über Tag auf gut Glück hin die Stadt zu durchstreifen, vielleicht hier zufällig dem Entführer zu begegnen und ihn dann zu zwingen, ihm Rechenschaft zu geben.
Einmal schoß ihm der Gedanke durchs Hirn, Royazet selber aufzusuchen und von ihm sein Kind, wenn nicht im guten, mit Gewalt zurückzufordern; aber standen sie hier nicht unter dänischem Gesetz, und war Frau wie Kind nicht mit Leichtigkeit außer seinem Bereich gebracht, wenn er den langsamen Gang der Gesetze hätte zu Hilfe rufen wollen? Royazet war außerdem sein Feind, noch von früherer Zeit her, und auf einen Beistand von seiner Seite nicht zu rechnen – und doch blieb das seine letzte Hoffnung, wenn alles andere fehlschlug.
Heute abend wollte er selber den Zirkus besuchen – unkenntlich machte er sich leicht auf nicht auffällige Weise durch einen breiträndigen Hut, eine Brille und einen um das Kinn gelegten Schal, und dort konnte er mit eigenen Augen sehen, wie weit seine Befürchtungen gerechtfertigt seien. Bis dahin litt es ihn aber nicht, die Zeit ruhig und geduldig abzuwarten, sein Blut kochte und wallte in den Adern, und Straße auf und ab – nur die unmittelbare Nähe des Zirkus ängstlich meidend – zog er mit seinem auf dem ungewohnten Steinpflaster schon lange müde gewordenen alten Begleiter her und hin, sich selber nicht einmal ganz klar dabei, was er mit dem Entführer anfangen solle, wenn er ihn wirklich träfe.
Aber auch diese Suche mußte er endlich als durchaus hoffnungslos aufgeben, denn Barthold leistete ihm darin nicht einmal die Dienste, die er von ihm erwartet hatte. Durch die ganz ähnliche Kleidung so vieler Tausende nämlich fortwährend getäuscht, hielt er bald den, bald jenen für den Gesuchten, und brachte Georg dadurch ein paarmal so in Verlegenheit, daß er froh war, durch irgend eine Entschuldigung von fälschlich angeredeten Personen wegzukommen.
Sein Quartier hatte er in Hamburg bezogen und dort sein Pferd eingestellt, und dahin begab er sich endlich wieder mit dem Forstwart, den einbrechenden Abend und die Stunde der angekündigten Vorstellung abzuwarten.
Der Abend kam, und Georg, in einen alten Mantel gehüllt, nahm für sich und den Forstwart zwei Sitze auf dem dritten Platz, um dort keinerlei Gefahr ausgesetzt zu sein, erkannt zu werden. Und mit welchen Gefühlen wohnte er dem Beginn dieser Vorstellung bei – mit welcher furchtbaren Pein war er Zeuge ihres weiteren Verfolges.
Barthold hatte im Anfang die Zuschauer genau mustern müssen, ob er den Fremden aus dem Walde hier wiedererkenne, aber ohne Erfolg. So sicher er geglaubt, sich auf sein Auge verlassen zu können, so verwirrt sah er sich hier in dieser neuen, ihm völlig fremden Welt, mit tausend Gesichtern um sich her, die, alle in einer Kleidung steckend, auch für ihn alle den einen Stempel in Ausdruck und Form zu tragen schienen. Er konnte den, den er suchte, nirgends finden. Sowie aber die Vorstellung begann, wurde Georgs Aufmerksamkeit vollständig auf diese gelenkt – er hatte alles andere in dem einen Gefühl vergessen, sein Kind wiederzusehen – seine Josefine, und eine unsagbare Pein schoß ihm durchs Herz, als er sich dachte, wie.
Und die Musik begann. Der Possenreißer erschien, mit seinen eklen Gliederverrenkungen die Zuschauer zu belustigen, und Barthold hätte ein Jahr dasitzen können, ehe er in der buntbemalten, aus lauter Gelenken bestehenden Gestalt mit ihren widernatürlichen Bewegungen den sonst so steifen, ernsten »Schwiegervater vom Gute« wiedererkannt hätte. Georg wandte sich in Ekel von ihm ab. Jetzt schmetterten die Trompeten, jetzt wichen die Menschen in dem schmalen Eingange zurück – einige dänische Offiziere und andere Kavaliere, die sich dorthin, der Damen des Zirkus wegen, postiert hatten – und herein auf ihrem eigenen Pferde, in Licht und Glanz strahlend, das Antlitz ordentlich in Freude und Triumph, in wilder, ungebändigter Siegeslust leuchtend, flog – Georgine.
Und sie war schön, diese Königin der Amazonen, schön wie das flammende Meteor, das seinen Glutenstreifen pfeilschnell durch den dunklen Himmel zieht; schön wie das zuckende Nordlicht, das mit seinen Feuerstrahlen die kalte Winternacht erhellt. Ihre Augen flammten, ihre ganze Gestalt hob sich, und wie das Publikum erst in staunender Bewunderung diese plötzlich auftauchende, leuchtende Erscheinung angestarrt, so brach plötzlich das Eis, das es bis dahin wie gebannt gehalten, und donnernder, nicht endender Applaus grüßte sie beim ersten Betreten ihrer neuen Laufbahn wieder.
Dieser Beifallssturm schien den Körper des wirklich wunderschönen Weibes ordentlich zu durchzucken, schien ihn emporzutragen mit sich selbst. Kaum berührten ihre Fußspitzen den Sattel, über dem sie mehr schwebte, als daß sie auf ihm stand, und während höhere, fast glühende Röte ihr Antlitz färbte und ihre Augen leuchteten, während die Locken im scharfen Luftzuge flatterten, und das Pferd selber, das sie trug, einen Teil der Begeisterung mit zu fühlen schien, brach sich der stürmische Applaus, wie das regelmäßige Branden einer See, immer wieder und wieder Bahn und übertäubte selbst die schmetternde Musik. Barthold hatte sie erkannt – gleich auf den ersten Blick, denn diese Züge, einmal gesehen, waren nicht so leicht wieder vergessen. Er blickte auf Georg schüchtern und erstaunt von der Seite an. Dessen totenbleiches Antlitz verriet aber nur zu deutlich, was in ihm vorging, und er wagte nicht, ihn auch nur mit einem Laut, mit einer Bewegung zu stören.
Die Tour war vorüber – wieder und wieder mit tobendem Beifallsjauchzen gerufen, zog sich die schöne Reiterin zurück, und ein paar der Klowns zeigten jetzt ihre Künste.
»Mademoiselle Georgette!« verkündete der Mann in hohen Reitstiefeln und mit einer langen Peitsche in der Hand, der mitten in der Arena stand, den neuen Namen, indem er seine Waffe demonstrierend und mit einer Verbeugung gegen den Eingang neigte.
Georgs Blut stockte; die Lichter flimmerten ihm vor den Augen, der ganze Zirkus drehte sich mit ihm, und krampfhaft faßte er seines Nachbars Arm, sich an diesen zu halten. Aber die Schwäche, die ihn überkam, dauerte kaum länger, als sie gebraucht hatte, ihn zu bewältigen. Er war wieder er selbst, und sah jetzt, wie sein Kind geschmückt und aufgeputzt auf einem kleinen muntern Pony in die Arena sprengte und den Rundlauf begann. Wenn es aber auch das Publikum täuschte, dem Vaterauge konnte die stark aufgetragene Schminke das veränderte Aussehen des Kindes nicht verbergen.
Josefine sah leidend aus; ihre Augen lagen tief in den Höhlen, und statt des fröhlichen Lächelns, das sonst in solchen Augenblicken ihre Züge belebte, trugen sie das deutlich auffallende Gepräge von Angst und Zaghaftigkeit. Ihr Blick flog nicht frei umher, sondern haftete an der Mähne des Pferdes, und sie schien sich erst in etwas zu sammeln, als sie den Zirkus einigemal umritten hatte.
Das Publikum verhielt sich dabei still. Die kurz vorher bewunderte glänzende Erscheinung der Mutter hatte es zum Teil verwöhnt, zum Teil empfand es aber auch wohl die unverkennbare Angst des Kindes mit und fühlte sich unbehaglich dabei. Die Musik wurde lebendiger, der Takt schneller, das Pferd, gewohnt, den Lauten zu gehorchen, flog rascher mit seiner kleinen Reiterin dahin, und während Josefine die früheren Stellungen und Bewegungen auf dem dahinschnaubenden Tiere auszuführen versuchte, erkannte Georg mit peinlichem Schmerz die Angst und Unsicherheit, in der sie sich befand.
Da trat neben Royazet Georgine in den Gang, zwischen die Schar der dort eingedrängten Zuschauer, und wie das Kind vorbeipassierte, rief sie ihm einige Worte der Ermunterung zu. Die Aufmerksamkeit der Kleinen wurde aber dadurch von ihrem Pferde abgelenkt, und gerade, als sie Georg wieder gegenüber kam, verlor sie das Gleichgewicht und mußte, um nicht zu stürzen, vom Pferde springen.
Im Publikum herrschte eine Totenstille, nur auf dem dritten Rang lachte eine Anzahl trunkener Matrosen, und einer schrie in seinem Plattdeutsch: »Nehmt doch de Deern weg, die kann ja nicht hopsen! Einer von den Hanswursten soll hereinkommen!«
Ein Teil lachte; Josefine aber hatte im Nu wieder das Pferd am Zügel; der Bereiter sprang hinzu, ihr zu helfen, das geduldige Tier stand, und von neuem umflog sie den Zirkus. Da wurden Reifen und Girlanden herbeigebracht, über und durch die sie springen sollte. Georgine stand noch immer im Eingange, mit keiner Ahnung, wie nah ihr Gatte sei – Josefine machte, als sie an ihr vorüber flog, eine bittende Bewegung und zeigte auf die Reifen, daß diese entfernt werden sollten. Wie sie vorüber kam, schüttelte Georgine mit dem Kopfe und lächelte dazu.
Einige der Klowns sprangen jetzt mit anderen dazu angestellten Dienern auf den Rand der vorderen Galerie, um die Reifen auszuhalten und dem Kinde das Springen durch Auf- und Niederheben so viel als möglich zu erleichtern. Josefine aber gab, obgleich das Pferd schon drei- oder viermal die Runde darunter durchgemacht hatte, noch immer nicht das Zeichen, daß sie bereit zum Voltigieren sei. Da endlich wurde das Publikum ungeduldig; es wünschte diesen »Schulübungen«, wie einige meinten, ein Ende gemacht zu sehen, und Georgine, dadurch gereizt, gab den Leuten einen Wink, die Reifen auszuhalten.
»Spring!« rief sie dabei der Tochter zu, »du hast es ja tausendmal getan!«
Der Klown, der den ersten Reifen hielt, zog ihn nochmals zurück, denn er sah, daß Josefine nicht fertig wurde – den zweiten mußte sie aber beachten und kam glücklich hindurch, ebenso durch den dritten. Das Publikum applaudierte, froh, dem jungen Mädchen einigen Mut machen zu können. – Wieder wurden einige Reifen aus ihrem Bereich gehoben, denn das Kind hatte aufs neue einen Fehltritt auf dem Sattel gemacht; aber sie gewann das Gleichgewicht wieder, stand fest, bog sich zum Sprunge wieder und flog hindurch.
War es nun Ungeschicklichkeit des Haltenden oder ihre eigene Schuld, es ließ sich das nicht in der Schnelle, mit der das Ganze vorwärts ging, bestimmen. Josefine blieb aber mit dem Fuße an dem Reifen hängen – der Klown ließ ihn los, um sie nicht vom Pferde zu reißen; doch ehe sie wieder festen Fuß fassen konnte, schnellte der elastische Reifen zwischen sie und den Sattel, und seitwärts abgedrückt, stürzte sie nach außen auf den Rand der Balustrade.
Wohl streckten sich eine Menge Arme nach ihr aus, ihren Fall zu brechen. Josefine selber war aber auch gewandt genug, die größte Gefahr schon selber zu vermeiden. Den fremden Armen dabei scheu entgleitend, sprang sie in die Arena zurück, neigte sich beschämt gegen die lautlos zu ihr niederschauenden Menschen und verschwand dann, an ihrer Mutter vorüber, in den Gang.
Unmöglich wäre es, die Gefühle zu schildern, die bei dieser Szene Georgs Herz zerschnitten, und einmal drängte es ihn schon, durch die Zuschauer hin in den Zirkus zu springen, sein Kind aufzugreifen und mit ihm zu entfliehen. Er mochte auch eine Bewegung dahin gemacht haben, denn Barthold hielt ihn plötzlich erschreckt am Arme fest. Er selber fühlte auch das Wahnsinnige eines solchen Unternehmens, hier in dem fremden Lande aus der Mitte der in Royazets Diensten stehenden Leute, in Gegenwart Georginens, die ihn augenblicklich erkannt hätte, etwas derartiges zu versuchen. Es hätte seine letzte Hoffnung vernichten müssen. Aber er vermochte auch nicht länger diesen Anblick zu ertragen, und Bartholds Arm fassend, zog er ihn mit sich fort, hinaus ins Freie.
Der alte Forstwart folgte willenlos, obgleich das alles so viel Reiz und Zauber für ihn hatte, daß er wohl noch gern eine Weile länger dageblieben wäre. So verdutzt war er aber auch zugleich über das prachtvolle Erscheinen seiner früheren Herrin und ihrer Tochter – der gnädigen Frau Baronin mit der kleinen Josefine – und so wenig konnte er sich in seinem schlichten Verstand das Ganze zusammenreimen, daß ihm selber vom vielen Denken wirr im Kopfe wurde. Er legte das freilich der furchtbar lärmenden Musik zur Last, von der sie gar nicht weit gestanden hatten, und seine Ohren gellten ihm noch, als sie schon eine Strecke die dunkle Straße entlang geschritten waren.
Unterwegs wurde kein Wort zwischen ihnen gewechselt. Stumm und schweigend schritten die beiden Männer nebeneinander her, drängten sich durch das Gewühl am Hamburger Berge, kreuzten die stillere Promenade, die Hamburg und Altona voneinander scheidet, und wanderten dann noch eine Strecke durch enge Straßen mit »baumhohen« Häusern, wie der Forstwart bei sich dachte.
Barthold, so gut er im Walde draußen zu Hause war, so völlig aus seiner Sphäre fühlte er sich hier, und wenn er sich dort etwas auf seine Ortskenntnisse zugute tat, mußte er sich hier gestehen, daß er wie ein Kind von der Führung seines Begleiters abhängig sei. Eine Straße glich ihm vollständig der andern, und bogen sie jetzt rechts und dann links ab, so hätte er zehn gegen eins wetten wollen, daß sie genau denselben Weg zurück machten, den sie gekommen wären. Sehnsüchtig bemerkte er indessen auf ihrem Wege eine Menge hell erleuchteter Fleischläden und Bäckerstände, und drehte ein paarmal verlangend den Kopf danach um. Es war auch kein Wunder; Georg in seiner Aufregung hatte den Tag noch keinen Bissen über seine Lippen gebracht, und dabei ganz vergessen, daß der Alte keineswegs geistig so bewegt sei, um seinen Hunger ebenfalls darüber zu vergessen.
So vertieft Georg aber auch in seine eigenen schmerzlichen Gedanken sein mochte, so entging ihm doch nicht das zeitweilige Zögern des Alten an solchen Stellen, und er sagte endlich, als sie wieder einmal einen ähnlichen Ort passiert hatten, ohne anzuhalten: »Ihr seid wohl hungrig, Barthold?«
»Hm – da einmal gerade die Rede davon ist,« meinte der Alte, »so hätte ich allerdings nichts dagegen, wenn ich mir ein Stück Brot und Fleisch kaufen könnte. In der Eile aber, in der wir daheim fortgingen, habe ich ganz vergessen, auch nur einen einzelnen Schilling einzustecken.«
»Armer Barthold!« sagte Georg gerührt, »habe ich Euch doch ganz vergessen! Aber wartet nur noch wenige Minuten; wir haben gleich unser Ziel erreicht, und dort wollen wir alle beide ordentlich essen. Wir haben es alle beide nötig, denn wir brauchen Kräfte für den morgenden Tag.«
»O, ich kann's schon eine Weile aushalten, wenn's sein muß – nur – da wir hier so bequem vorüber gingen, dachte ich...«
»Wir haben es dort noch bequemer. Seht Ihr den von vielen Laternen beleuchteten Platz, auf den wir zugehen? Dort sind wir jetzt zu Hause. Hättet Ihr selber dahin den Weg gefunden?«
»Im Leben nicht – ich weiß auch nicht – hier zwischen den hohen Häusern wird es mir so schwül und eng. Ich komme mir vor wie ein Vogel im Bauer, und wenn ich hier bleiben müßte – ich glaube, ich stürbe in der ersten Woche vor Sehnsucht nach einem Baume.«
»Aber wir haben heute Bäume genug gesehen.«
»Ja, leider Gottes,« seufzte der alte Mann, »und die armen Dinger haben mich auch genug gedauert. In Reihen aufgepflanzt, stehen sie wie die Soldaten, dürfen keinen Zweig über die Linie hinausstrecken, wenn ihnen nicht das widerspenstige Glied weggeschnitten werden soll, und statt der freien Himmelsluft, die gern von oben zu ihnen möchte, aber nicht kann, bekommen sie Steinkohlenqualm und allen möglichen andern Dunst und Stank zu atmen. Und nun erst so ein armer Baum mit einer flammenden Laterne neben sich, wie muß dem zu Mute sein! wie elend, wie gedrückt muß er sich fühlen! Die Bäume verlangen in der Nacht so gut ihre Ruhe wie der Mensch und das Tier, und kann so ein Baum schlafen, wenn ihm die neugierigen Flammen fortwährend zwischen die Aeste hinein leuchten und Wagengerassel und Menschenstimmen ununterbrochen das Rauschen seiner Wipfel übertäuben? – Es ist nichts mit den Bäumen in einer Stadt, und wie ein Reh kein Reh mehr bleibt, wenn man's in einen Kasten mit Gitterstäben steckt und notdürftig füttert, um das arme Ding am Leben zu erhalten, so sind meiner Meinung nach das hier, was wir heute gesehen haben, auch keine Bäume mehr, sondern nur grüne Verzierungen, die sich das Menschenvolk dort aufgestellt. Ich kann mir auch nicht denken, daß ein solcher Baum imstande ist zu wachsen – es ist gegen die Natur, und sein Laub wird im Sommer auch dürftig und staubbedeckt genug sein. Was ist da solch eine ganze Allee gegen einen einzigen Baum im freien, schönen Walde? – gegen meine alte Eiche?«
Der Alte hätte noch ruhig eine Weile so fortgeschwatzt, obgleich Georg, mit seinen Gedanken schon wieder weit zurück, nicht einmal die Worte hörte, die er sprach; aber sie erreichten jetzt den freien Platz, auf dem ihr Hotel lag, und Georg bog links danach ein, und betrat gleich darauf mit dem Forstwart die unten gelegene Restauration. Fühlte er doch selber das Bedürfnis, den abgespannten Körper auszuruhen und zu stärken, und Barthold war ordentlich heißhungrig nach irgend etwas Genießbarem geworden.
Der große Saal war noch schwach besetzt, füllte sich aber bald mit nach und nach eintreffenden Gästen, und Georg nahm an einem kleinen Tische Platz, bestellte bei einem rasch herbeispringenden Kellner ein kompaktes Abendbrot für sie beide und hing indessen seinen eigenen trüben Gedanken nach.
Barthold wußte sich besser zu beschäftigen und nahm einstweilen das vor ihn hingelegte Rundstück oder Brot in Angriff, dem knurrenden Magen nur wenigstens etwas zu bieten. Dann betrachtete er staunend das geräumige, prachtvoll eingerichtete Lokal, das seinem Begriff von einer »Stube« auch nicht im entferntesten entsprach. Das ganze Forsthaus daheim war nicht einmal so groß und geräumig, und auf dem Gute selber nicht die Hälfte der Pracht an Hausgerät, Tapeten und Beleuchtung. Was für ein schmähliches Geld mußte das alles kosten, und wie reich, steinreich mußte der Mann sein, dem das gehörte! Dann interessierten ihn auch die fremden Holzarten, die er hier sah, und er würde diese näher untersucht haben, wäre nicht in dem Augenblick das Essen gekommen. O, wie süß das duftete! und der alte Forstwart hatte im Nu alles andere darüber vergessen.
Der Saal füllte sich indessen mehr und mehr, und dem alten Forstwart wollte nur das nicht dabei gefallen, daß keiner den andern grüßte und Leute sich manchmal dicht neben andere hinsetzten, ohne auch nur so viel wie »guten Abend« zu sagen. Georg hatte eine Flasche Wein bringen lassen und schenkte dem Alten ein – und wie vortrefflich schmeckte das! – er trank ein Glas nach dem andern. Mehr und mehr Menschen kamen und besetzten die nächsten Tische. Barthold unterließ dann nie, zu grüßen, erhielt aber kaum ein Kopfnicken als Antwort – nicht einmal die Hüte setzten die groben Menschen ab! Das Essen schmeckte ihm aber trotzdem, und Georg war lange damit fertig, als er noch immer fleißig Messer und Gabel handhabte. Mehr und mehr Gäste kamen herein; an dem nämlichen Tische, an dem Georg und der alte Forstwart saßen, hatten schon neben ihnen vier oder fünf andere Gäste Platz genommen; Georg sah sie gar nicht; vor seinen Augen schwebte nur die unglückliche bleiche Gestalt des Kindes, das, seiner Heimat entrissen, mit einer solchen Mutter in das wilde Leben hinaus geschleudert worden war, und Plan nach Plan baute er auf, wie er sich ihm nahen, wie er es retten solle.
Der alte Forstwart trat ihn auf den Fuß; er litt es, bis es ihn schmerzte, dann zog er den Fuß zurück, ohne weiter darauf zu achten. Barthold aber fühlte unter dem Tische vorsichtig weiter nach dem ihm entzogenen Gliede, und wieder fühlte Georg die schwere Sohle des Alten auf seinen Zehen. Erstaunt sah er zu ihm auf und bemerkte jetzt erst, daß der Alte, über seinen Teller gebeugt und auf der Gabel ein großes Stück Beefsteak, ihm einen bedeutungsvollen Blick zuwarf und dann seitwärts nach einem jungen Manne schielte, der, den Hut auf dem Kopfe, eine viereckige Lorgnette ins Auge gekniffen, im Stuhle zurückgebeugt, dicht neben Barthold saß und die Weinkarte musterte. Georg wußte im ersten Augenblick nicht, was der Alte wollte, daß dieser aber irgend eine überraschende Entdeckung gemacht haben mußte, ließ sich nicht verkennen. Dem Blick folgend, den er noch immer von ihm selber auf den Fremden fallen ließ, schoß da plötzlich der Verdacht in ihm auf, ob das vielleicht der Fremde sei, den er den ganzen Tag gesucht und der ihm also zufällig hier in den Weg gelaufen. Eine Verständigung mit Barthold war aber an dem Tische selbst nicht möglich; er stand deshalb auf, gab dem Forstwart ein leises Zeichen, ihm zu folgen, und ging nach der andern Seite des Saales hinüber. Barthold verstand im Augenblick, was er wollte – blieb noch eine kurze Zeit sitzen und stand dann ebenfalls auf.
Der Fremde sah ihn über die Weinkarte an und rückte seine Lorgnette schärfer ins Auge; der Alte aber drehte sich langsam von ihm ab und stand wenige Sekunden später neben Georg.
»Was habt Ihr, Barthold?«
»Das ist er!« flüsterte der Forstwart rasch zurück.
»Wer? – der Fremde von Schildheim?« »Derselbe, den ich an der Eiche getroffen habe, und der dann am nächsten Tage mit in den Schlitten gestiegen ist.«
»Seid Ihr dessen ganz gewiß? – Ihr habt Euch heute so oft geirrt.«
»Alles, was ich gegessen habe, soll mir zu Gift werden, wenn das nicht der Rechte ist,« versicherte Barthold. »In dem irre ich mich aber nicht; das Gesicht ist nicht zu vergessen, und überdies hat er mich auch wiedererkannt.«
»Ihr glaubt wirklich?«
»Wenigstens ist ihm mein Gesicht bekannt vorgekommen, denn er hat mich ein paarmal durch sein viereckiges Glas, das er sich vors Auge klebte, betrachtet. Sehen Sie, Herr Baron, er dreht auch jetzt den Kopf wieder nach mir um. Das ist der Bursche, und ein schlechtes Gewissen hat er obendrein.«
Der alte Barthold hatte sich dieses Mal nicht geirrt; es war in der Tat Baron von Silberglanz, der, in der verdrießlichsten Laune von der Welt, dort am Tische saß und die Weinkarte musterte. Daß er allerdings dem, welchem er von allen am letzten zu begegnen wünschte, so unverhofft ins Garn gelaufen war, ahnte er noch nicht; des alten Forstwarts Gesicht und Kleidung war ihm aber in der Tat aufgefallen. Er mußte das Gesicht in letzterer Zeit irgendwo gesehen haben; das weiße Haar besonders machte ihn stutzig – doch wo? Er besann sich darauf, konnte aber nicht gleich die richtige Umgebung für ihn finden. Jetzt stand der andere Fremde auf, der mit am Tische saß – auch dessen Gesicht war ihm bekannt – jetzt folgte ihm der alte Jäger, und die beiden sprachen da hinten miteinander – er sah sich nach ihnen um und begegnete ihren auf ihm haftenden Blicken. Sie sprachen von ihm, und im Nu, während ihm das Lorgnon aus dem Auge fiel und sein Blut zum Herzen zurückfloh, kam ihm die Erinnerung an alle beide – kam ihm das Bewußtsein der Gefahr, in der er sich befand.
Das war der alte Jäger aus dem Walde bei Schildheim – der andere Monsieur Bertrand – der Baron von Geyfeln – wo um Gottes willen hatte er seine Augen gehabt, daß er ihn nicht gleich erkannte? Und rasch die Weinkarte hinlegend, dachte er jetzt nur daran, sich so rasch als irgend möglich zu entfernen, etwaigen unangenehmen Erörterungen am liebsten aus dem Wege zu gehen. Ein flüchtiger Blick dort hinüber überzeugte ihn auch rasch, daß er sich keineswegs geirrt. Georg, als er sah, daß er aufstand, bewegte sich durch die, dort für ihn glücklicherweise gedrängt sitzenden Gäste der Tür zu, jedenfalls in der Absicht, ihm den Weg abzuschneiden. Wenn er diese vorher erreichen konnte – sein Paletot hing dicht daneben – so war er sicher. Baron von Silberglanz dachte in der Tat in dem Augenblick gar nicht daran, daß er »Kavalier« sei, was er sonst selten vergaß. Sein einziger Gedanke war »Flucht«, und während er sich so wenig auffällig als möglich Bahn durch Kellner und Gäste machte, murmelte er leise und ängstlich vor sich hin: »O ja – weiter fehlte jetzt gar nichts mehr, um der ganzen Geschichte noch die Krone aufzusetzen – weiter gar nichts! Daß mich der Teufel auch plagen muß, gerade noch heute, den letzten Abend, diesem verzweifelten Menschen in den Weg...« Er streckte den Arm nach dem neben ihm hängenden Paletot aus; mit der Linken hatte er schon die Türklinke gefaßt, als er eine Hand auf seinem Arme fühlte und eine ruhige, tiefe Stimme an seiner Seite sagte: »Auf ein Wort, mein Herr.«
»Ja – bitte recht sehr – guten Abend,« erwiderte Herr Silberglanz rasch und verlegen.
»Bitte, Barthold, holt mir doch einmal meinen Hut dort – vom Tische da drüben. Ich stehe gleich zu Ihren Diensten.«
»Ich muß um Verzeihung bitten – ich bin in großer Eile.«
»Sie haben Zeit,« erwiderte Georg ruhig, »überhaupt ist es besser, daß das, was wir miteinander abzumachen haben, mit so wenig Aufsehen als möglich geschieht.«
»Ich begreife nicht, mein Herr – Sie irren sich wahrscheinlich in der Person. Ich bin Baron von Seltendorf.«
»Ich kenne Ihren Namen gar nicht,« erwiderte vollkommen gleichgültig Georg. »Der Name tut auch hier nichts zur Sache, wo wir uns bloß an die Person zu halten haben. – Ich danke, Barthold. Wartet hier, bis ich wieder zurückkomme.«
»Aber was wünschen Sie?«
»Da Sie so in Eile sind, werde ich Sie ein Stück begleiten. Was wir miteinander zu sprechen haben, bedarf überdies keiner Zeugen. Herr Baron, ich stehe zu Diensten.«
»Schön – sehr schön,« sagte von Silberglanz verlegen, indem er seinen Paletot anzog und sich in diesem Augenblick nach Paris oder London oder in irgend eine andere sehr entfernte Gegend wünschte. »Wenn es Ihnen denn gefällig ist...«
Georg machte eine auffordernde Bewegung für ihn, voranzugehen; von Silberglanz, sich jetzt mit einem tiefen Seufzer der Notwendigkeit fügend, gehorchte, und wenige Minuten später schritten die beiden Männer draußen am Bassin des Jungfernstiegs, von niemandem weiter gestört, dahin.
»Herr Baron,« brach Georg endlich das, für jenen schon drückend werdende Schweigen, »es ist zwischen uns beiden nicht weiter nötig, große Umschweife zu machen, und das beste wird sein, einfach und rasch zur Sache zu kommen. Ich weiß nicht, ob Sie mich kennen, obgleich ich es fast vermute.«
»Ich habe in der Tat nicht die Ehre...«
»Nun gut denn – ich bin derselbe Mann, den Sie früher unter dem Namen Georg Bertrand kennen lernten, und Madame Georgine, die Sie aus Schildheim mit ihrem Kinde entführten, ist meine Frau.«
»Mein Herr – ich gebe Ihnen mein Wort...«
»Halt! – Sie sind Kavalier,« unterbrach ihn Georg rasch, »bedenken Sie, was Sie sprechen, und verpfänden Sie Ihr Wort nicht an eine – Lüge.«
»Herr Baron...«
»Davon mehr nachher,« erwiderte Georg kalt. »Jetzt verlange ich Antwort – aufrichtige, unumwundene Antwort: Wo haben Sie mein Weib gelassen? – Wo befindet sie sich jetzt und – was war Ihre weitere Absicht mit ihr? – Glauben Sie dabei nicht, mich durch leere Ausflüchte, durch irgend ein Märchen zu täuschen. Ich will die Wahrheit von Ihnen, und wenn ich – doch genug,« brach er, sich gewaltsam fassend, in seiner Drohung kurz ab, »wir stehen hier nicht allein auf deutschem Boden, sondern Sie sind auch gezwungen, mir Genugtuung zu geben, und daß ich mir diese verschaffen werde, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Also beantworten Sie mir einfach und ehrlich meine Frage. Sie können Ihre Sache dadurch nicht verschlimmern, sondern nur verbessern. Wo ist Georgine und ihr Kind jetzt – in wessen Schutze?«
»Herr Baron,« sagte von Silberglanz, in dem Gedanken an ein Duell mit wirklich geladenen Pistolen innerlich erbebend, indem er zugleich einsah, daß alles weitere Leugnen fruchtlos sei, »ich – sehe vollkommen ein, daß Ihr Zorn gerechtfertigt ist – ich gestehe, daß ich gefehlt habe, und werde...«
»Davon später – bitte, kommen Sie zur Sache,« unterbrach ihn Georg kurz. »Wo wohnt Georgine – wo – wohnen Sie?«
»Lassen Sie mich ausreden,« bat von Silberglanz, der sich überdies zwingen mußte, seine Gedanken zusammen zu halten. »Sie haben das Recht, eine Erklärung zu fordern, und so weit, als ich sie Ihnen leisten kann, soll sie Ihnen werden. Für alles übrige muß ich Sie aber in der Tat bitten, sich an – Ihre Frau Gemahlin und – Herrn Royazet zu halten.«
»Royazet?« sagte Georg schnell, »so haben Sie für ihn...«
»Bitte, mißverstehen Sie mich nicht,« erwiderte von Silberglanz, schon bedeutend beruhigt, als ihm Georg weit kaltblütiger zu sein schien, als er ihn gefürchtet haben mochte. »Wollen Sie mich die ganze Sache einfach erzählen lassen, wie sie ist? Vielleicht finden Sie auch dann, daß ich weit weniger schuldig bin, als Sie jetzt zu glauben scheinen.«
»Reden Sie,« sagte Georg ruhig, »aber hoffen Sie nicht, mich zu täuschen.«
»Ich denke nicht daran,« erwiderte von Silberglanz, »um Ihnen aber einen klareren Ueberblick über alles zu geben, muß ich etwas weiter ausholen. Wollen Sie mich geduldig anhören?«
»Ja.«
»Ich wohne in ***. Ein Freund von mir hatte eine Reise in dieses Land gemacht, kam zurück und erzählte mir, daß er Sie und – Ihre Frau Gemahlin dort in stiller Einsamkeit gefunden.«
»Herr von Zühbig,« sagte Georg, während ein verächtliches Lächeln um seine festgeschlossenen Lippen zuckte.
»Erlauben Sie mir, daß ich nur dann Namen nenne, wenn es dringend nötig ist. Er sagte mir – jener Freund nämlich – daß sich Madame Ber – daß sich Frau Baronin von Geyfeln entsetzlich unglücklich fühle, und gab mir dabei deutlich zu verstehen, daß – daß ich – daß sie geäußert habe – ich – ich sei ein alter Freund von ihr – oder sie hege Zutrauen zu mir,« setzte er rascher hinzu, als er bemerkte, daß ihn Georg erstaunt ansah.
»Woher kennen Sie meine Frau?« fragte er ruhig.
»Ich – ich hatte das Vergnügen, sie in *** einigemal zu sehen.«
»Und Georgine hätte Ihrem Freunde zu verstehen gegeben, daß Sie ihr helfen sollten, aus ihrer unglücklichen Lage zu kommen?«
»Das war der Sinn.«
»Sonderbar! meine Frau hat mit Herrn von Zühbig keine drei Worte gesprochen, die ich nicht gehört hätte. Sie war nur beim Abendbrot gegenwärtig, und ich habe in der Zeit das Zimmer nicht verlassen. Ueberhaupt drehte sich das Gespräch, soviel ich mich erinnere, nur um ganz gleichgültige Dinge.«
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Kavalier, daß ich nur unter dieser Voraussetzung gewagt habe, der Dame meine Dienste anzubieten.«
»Gut – fahren Sie fort; die Sache ist überhaupt unwesentlich und wir verlieren Zeit.«
»Ich konnte nicht denken,« fuhr Herr von Silberglanz fort, »daß mir Herr von – daß mir mein Freund eine Unwahrheit gesagt habe, denn als ich nach Schildheim kam und Sie zufällig verreist fand...«
»War das in der Tat zufällig?«
»Ich kann den höchsten Eid darauf ablegen – Sie zufällig verreist fand, bestätigte mir die Frau Baronin durch ihr ganzes Benehmen nicht allein, nein, auch deutlich in Worten, daß ich mich nicht geirrt, und bat mich, sie zu begleiten.«
»In der Tat?« flüsterte Georg leise zwischen den fest zusammengehaltenen Zähnen durch.
»Es änderte allerdings meinen ganzen Plan. Ich war auf einer Reise nach Paris begriffen.«
»Von *** über Schildheim?«
»Geschäfte hatten mich genötigt, den Umweg zu machen,« log von Silberglanz, »aber den Bitten einer Dame konnte ich keine Weigerung entgegenstellen.«
»Und Sie entführten Sie?«
»Will ich aufrichtig sein, Herr Baron,« versicherte der kleine Mann verlegen, »so – wurde ich von ihr entführt, denn die – gnädige Frau ordnete alles selber an, bestimmte Zeit und Ort, sorgte für Geschirr und alles, und ich – hatte eigentlich weiter nichts zu tun, als mitzufahren – ja, wenn ich alles zusammenrechne, so habe ich bis zu diesem Augenblick auch in Wirklichkeit nichts weiter getan, als daß ich eben mitgefahren bin, wobei mir die gnädige Frau als einzige Vergünstigung gestattete, die Passage zu zahlen.«
»Und das Kind?«
»Baron, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« rief Herr von Silberglanz rasch, »ich hatte keine Ahnung davon, daß uns das gnädige Fräulein begleiten sollte. Ja, ich war im höchsten Grade überrascht und be– und erstaunt darüber. Im Schlitten saß ich dabei hinten auf der Pritsche bei neun Grad Kälte; auf der Eisenbahn setzte sich Frau von Geyfeln mit ihrer Tochter in ein Damenkupee, wohin ich ihr nicht folgen durfte, und endlich in Altona angekommen...«
»Nun? fahren Sie fort.«
»In Altona angekommen,« sagte Herr von Silberglanz, und es war augenscheinlich, daß er über diesen Teil seiner Erzählung nicht gern mit der Sprache herausrückte, denn wenn es ihn auch in den Augen des Gatten entschuldigen mußte, so schien er sich doch »als Kavalier« der Rolle etwas zu schämen, die er dabei gespielt – aber er durfte nicht schweigen, und fuhr deshalb etwas verlegen fort: »in Altona angekommen, entließ mich Frau von Geyfeln mit freundlichem Dank und – quartierte sich ohne weiteres bei Monsieur Royazet ein, den sie jedenfalls schon von früher her kennen mußte.«
»Sie täuschen mich nicht?«
»Ich habe nicht den geringsten Grund dafür, irgend welche Rücksicht auf die Dame zu nehmen, da sie nicht die geringste auf mich genommen hat. Nach allem, was ich gesehen und erlebt, war ich nur ein Werkzeug, das sie benutzte, solange sie es brauchte, und es dann – beiseite warf. Sie werden es daher erklärt finden, mein bester Herr Baron, wenn ich es nicht für gerechtfertigt halten würde, daß Sie nach allem, was Sie jetzt gehört, und was, wie Sie mir fest glauben mögen, die reine, lautere Wahrheit ist, noch von mir Satisfaktion verlangen sollten. Ich würde dabei wahrhaftig auf das Unschuldigste von doppelten Ruten gepeitscht. Es ist mir außerdem schon sehr unangenehm, Ihnen das alles erzählen zu müssen, und ich tue es allein in der Ueberzeugung, Ihnen es einmal schuldig zu sein – und dann auch auf Ihre Diskretion rechnen zu können.«
Baron von Silberglanz würde sich noch weit mehr, als es schon der Fall war, gedemütigt gefühlt haben, hätte er den Ausdruck von Verachtung sehen können, den Georgs Züge annahmen. Schweigend schritt dieser eine Zeitlang neben ihm her, endlich sagte er, ohne auf die letzte Anrede ein Wort zu erwidern: »Folgte das Kind der Mutter willig?«
»Im Anfange, ja,« antwortete von Silberglanz rasch, denn er fand eine große Beruhigung darin, daß sein Begleiter auf etwas anderes übersprang; in der Frage lag überhaupt für ihn das geringste Kompromittierende, »das junge Fräulein schien zu glauben, daß die Reise nur eine gewöhnliche kurze Spazierfahrt sei.«
»Und nachher, als sie erfuhr, um was es sich handle?«
»Ich konnte nicht deutlich verstehen, was ihr die gnädige Frau sagte. Es war kurze Zeit vorher, ehe wir die Eisenbahnstation erreichten, und Sie werden sich erinnern, daß ich auf der Pritsche saß. Aber die Kleine weinte dann und bat die Mama, sie nicht mitzunehmen.«
»Das tat sie?«
»Ja, wahrhaftig! Ich erbot mich auch, als ich das bemerkte, die junge Dame sicher wieder nach Hause zurückbegleiten zu lassen, die gnädige Frau antwortete mir aber gar nicht auf den Vorschlag.«
»Und sind Sie später nicht mehr mit ihr zusammengetroffen? – Haben Sie verstanden, was ich Sie fragte?«
»Ich? – ja – vollkommen, sehr werter Herr. Ich – muß gestehen, ich suchte noch einige – wenigstens einmal wollte ich suchen, ihr zu nahen, was aber in ihrer Wohnung nicht möglich war. Die Leute dieses Monsieur Royazet sind ein außerordentlich rohes und ungebildetes Volk. Ich wußte mir dann heute morgen Zutritt zu einer der Proben zu verschaffen; aber auch ohne den geringsten glücklichen Erfolg. Frau von Geyfeln behandelte mich wie einen vollständig fremden Menschen.«
»Und Josefine?«
»Ihre Fräulein Tochter – ja – sie war auch in der Probe. Das arme Kind wollte erst nicht reiten – sie fürchtete sich jedenfalls und weinte, aber die gnädige Frau waren sehr böse, und es ging nachher recht gut, ja, ich kann wohl sagen, vortrefflich.«
»Und Ihre Absicht jetzt?«
»Meine Absicht? – Hamburg morgen früh mit dem Schnellzug wieder zu verlassen, um nach Paris zu gehen. Ich habe dort so dringende Geschäfte, daß ein versäumter Zug den Verlust eines Vermögens nach sich ziehen könnte,« rief von Silberglanz sehr rasch.
»Ich will Sie nicht aufhalten,« sagte Georg kalt. »Nach allem, was ich von Ihnen gehört habe – und ich glaube, daß Sie die Wahrheit sprechen, denn Ihr Hiersein bestätigt es schon, sind Sie genug mit der traurigen Rolle bestraft, die Sie gespielt haben. Aber, bitte, geben Sie mir Ihre Karte.«
»Meine Karte?« sagte von Silberglanz, der bei dem Anfang der Rede neue Hoffnung geschöpft hatte, erschreckt, »ich – ich bedaure sehr, ich habe gar keine bei mir.«
»Ich bitte Sie um Ihre Karte,« wiederholte Georg kalt und ruhig. »Sie werden mich nicht glauben machen wollen, daß eine Persönlichkeit wie Sie auch nur einen Schritt aus dem Hause ohne Karte gehe. Ich werde Sie dieser Sache wegen, wenn sich in der Tat alles so verhält, wie Sie sagen – nicht weiter belästigen. Verhält es sich aber nicht so, dann müßte ich doch suchen, näher mit Ihnen bekannt zu werden. Ich bitte um Ihre Karte oder ich begleite Sie bis in Ihre Wohnung.«
»Ich weiß wahrhaftig nicht, ob ich mein Etui eingesteckt habe,« sagte von Silberglanz in äußerster Verlegenheit. »Sie können sich fest darauf verlassen, daß ich Ihnen kein falsches Wort gesagt habe.«
»Bitte, sehen Sie nach...«
Der Baron fand, daß er den Mann nicht los wurde, ohne ihm zu willfahren. Flucht war unmöglich – der gewandte Kunstreiter hätte ihn in wenigen Sätzen eingeholt. Er blieb stehen und suchte erst eine Zeitlang in allen den Taschen, in denen er genau wußte, daß das Etui nicht stak.
»Wenn ich Ihnen nun vielleicht meinen Namen aufschriebe,« bemerkte er dabei, als letzte Hoffnung auf Ausflucht.
»Ich muß und will Ihre Karte haben,« lautete die unerbittliche Antwort, und von Silberglanz brachte endlich das verlangte Etui zum Vorschein.
»Ah, wahrhaftig – da ist es doch – ich werde Ihnen gleich...«
»Bitte, erlauben Sie es mir,« sagte Georg ruhig, nahm ihm das Etui aus der Hand und wählte sich selber eine Karte aus, von der er überzeugt war, daß es keine fremde, erhaltene sei. Sie standen gerade unter einer der zahlreichen, hell brennenden Gasflammen, und er las den Namen laut:
Baron Hugo von Silberglanz,
»sagten Sie mir nicht vorhin, daß Sie Seltendorf hießen?«
»Ich?« wiederholte verlegen von Silberglanz, »wohl kaum – die Namen klingen so ähnlich – Sie haben sich vielleicht verhört.«
»Möglich – noch eins. Kann man leicht in Royazets Wohnung gelangen?«
»Es ist ganz unmöglich,« versicherte der Baron schnell. »Sie müßten denn vorher durch einen ganzen Saal seiner Bereiter und – Tänzer hindurch. Ihre Frau Gemahlin ist mit Fräulein Tochter in dem hintersten Teile der Wohnung einquartiert, und zwar drei Etagen hoch.«
»Es ist gut. – Herr Baron, wie Sie mir jetzt gegenüber stehen, fühlen Sie jedenfalls selbst am besten; es bedarf keiner weiteren Worte. Ich hatte anfangs im Sinne, Sie nicht so leicht zu entlassen, aber ich sehe, daß ich von Ihnen keine weitere Satisfaktion verlangen kann. Gehen Sie; das aber schwöre ich Ihnen zu, begegne ich Ihnen noch morgen, nach Abgang des ersten Zuges, hier in Hamburg oder in Altona, so befehlen Sie Ihre Seele Gott.«
»Wenn ich den Zug versäumte, würde ich einen Extrazug nehmen, von hier fortzukommen,« rief von Silberglanz rasch. »Ich bedaure unendlich, Ihnen in dieser bösen Sache...«
Georg drehte sich kalt von ihm ab und schritt die Straße wieder zurück, dem Hotel zu, den Baron sich selbst und seinen eigenen, nichts weniger als angenehmen Gefühlen überlassend.
28.
Am nächsten Morgen erhob sich Georg früh von seinem Lager, auf dem ihn der Schlaf die ganze lange Nacht geflohen hatte. Unzählige Pläne entwarf er dabei, aber nur um immer wieder zu fühlen, daß sie unausführbar wären, und keine Ruhe im Zimmer findend, kleidete er sich an, nach Altona zurückzugehen. Dort wollte er einen dänischen Advokaten als letzte Zuflucht aufsuchen, ihm den ganzen Fall erzählen und sehen, was er von ihm für Hilfe erhoffen durfte. Konnte der ihm nicht helfen, dann beschloß er, Gewalt zu brauchen. Wie das geschehen könne, wußte er freilich nicht, aber er vertraute auf sich und seine Kraft; für das übrige ließ er den Himmel sorgen. Den alten Forstwart konnte er jetzt natürlich nicht mehr gebrauchen. Er ließ ihn im Hotel zurück, schrieb ihm dessen Adresse genau auf und riet ihm dann, an den Hafen hinunter zu gehen und sich die Stadt anzusehen, bat ihn aber, um Mittag jedenfalls wieder zurück zu sein, da er nicht wüßte, was bis dahin vorfallen möchte. Dann ging er aus alter Gewohnheit zu dem Stalle, wo er sein Pferd stehen hatte, nach diesem zu sehen, ob es ordentliche Pflege habe, und darüber beruhigt, schritt er langsam und recht schweren Herzens nach Altona hinüber.
Es war noch früh, und obgleich er in Hamburg selber schon den besten und geschicktesten Advokaten Altonas erfragt, konnte er diesen doch noch nicht sehen. Der Herr hatte seine Sprechstunde von zehn bis zwölf Uhr – vorher nahm er niemanden an. Der Advokat wohnte ganz in der Nähe des Zirkus, und obgleich Georg nicht zu fürchten brauchte, zu so früher Stunde irgendwelchem von den Leuten zu begegnen, vermied er doch die allernächsten Restaurationen und ging in eine andere Straße, um in einem dortigen Café sein Frühstück zu nehmen und Zeitungen zu lesen, bis die anberaumte Stunde schlug. – Zeitungen zu lesen – lieber Gott! er überflog die Blätter; die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen, die Zeilen schwammen durcheinander, und er vergaß den Platz selbst, wo er saß. Nur eine Ankündigung fesselte wieder und wieder seinen Blick – die von Royazet, in der er dem Publikum verkündete, daß er nur noch drei Tage in Altona verweilen und unabänderlich am nächsten Montag die Stadt verlassen würde, um mit seiner Gesellschaft nach Petersburg zu gehen. – Nach Petersburg! – das Wort schon gab ihm einen Stich durchs Herz, und unruhig sprang er auf und trat ans Fenster. Aber dort gingen viele Menschen vorbei, von denen manche hereinsahen; fast unwillkürlich trat er wieder zurück und verbrachte die Zeit in einer Unruhe, die an fieberhafte Qual grenzte.
Und, o, wie langsam rückte der Zeiger vor – noch keine Zeit war ihm so lang geworden, wie diese wenigen Stunden, die er in dem Café verbrachte! Endlich war es zehn – noch fehlten Minuten daran, aber auch diese mußten ja endlich vergehen – und würde ihm der Rechtsgelehrte Trost und Hilfe geben? – Wenn nicht, so hilf dir selbst, flüsterte da der alte Trotz in ihm, und mit dem festen Entschlusse knüpfte er seinen Paletot bis oben hin zu, drückte seinen Hut in die Stirn und wollte eben, als die große Wanduhr die ersten Schläge der zehnten Stunde tat, das Zimmer verlassen, als draußen auf der Straße lustig schmetternde Musik erschallte und die Leute vor den Fenstern zusammenliefen.
»Was ist das?« fragte er, stehen bleibend, den Kellner, dem er eben seine Zeche bezahlt hatte und der ihm beim Anziehen seines Paletots behilflich gewesen war.
»O, bloß die Kunstreiter,« antwortete der junge Bursche, »sie halten ihren Umzug, weil heute wieder große Vorstellung ist.«
Georg schlug das Herz, als ob es ihm die Brust zersprengen wollte, aber er besaß Gewalt genug über sich, das den Fremden nicht merken zu lassen.
»So?« sagte er, während der Kellner die Augen schon draußen auf der Straße hatte, um nichts von dem Schauspiel zu versäumen, »dann werde ich mir das erst von hier mit ansehen. Ziehen sie lange herum?«
»Eine oder zwei Stunden manchmal, bis sie durch die ganze Stadt sind.«
»Und kommen sie nachher hier noch einmal vorbei?«
»Nein, zurück kommen sie durch die andere Straße da drüben, damit sie sich soviel wie möglich überall zeigen. Sehen Sie, das da vorn ist die neue Dame, die gestern zum erstenmal geritten ist – die kann's! Royazet wird sie heiraten. Sie soll ihrem Manne davongelaufen sein, nur um hierherzukommen.«
Georg fühlte, wie alles Blut sein Angesicht verlassen hatte; die Aufmerksamkeit des Kellners wie aller im Zimmer befindlichen Gäste war aber in diesem Augenblick einzig und allein auf die Straße gerichtet, und Georg trat zu einem der Seitenfenster. Vor diesem stand ein grünes Drahtgitter, so daß man wohl hinaussehen konnte, aber von draußen völlig unbemerkt blieb, und vor ihm vorbei, kaum zwanzig Schritt entfernt, bewegte sich der ganze Zug. Voran ritt die Musik, wie immer aufgeputzt in grellen Uniformen mit buntgefärbten Federbüschen und riesigen Epauletten; hinter dieser, die einen lustigen Reitermarsch spielte, kam der Herr des Zuges, der berühmte Royazet, und an seiner Seite, siegesstrahlend und Glück und Triumph in den hellen Zügen – ritt sein Weib. – Aber er sah sie kaum – nur einen flüchtigen Blick warf er auf die Treulose, von der er sein Herz schon lange losgerissen. Sein Blick suchte das Kind, sein armes, geraubtes Kind, und als er es nicht mit unter den ersten des Zuges fand, durchzuckte ihn ein plötzlicher Strahl von Hoffnung. War sie zu Hause geblieben – befand sie sich nicht beim Zuge, dann war es möglich, in dieser Zeit unbemerkt, wenigstens ungehindert, zu ihr zu gelangen, und während der Zug... Auch dieser Plan fiel, kaum aufgebaut, zu Trümmern – dort ritt sie – seine liebe, liebe Josefine, sein Kind, an dem sein Herz mit allen Fasern blutend hing – dort, aufgeputzt mit buntem Flittertand, der ihm nie so schal, so entsetzlich vorgekommen war, wie eben jetzt – die bleichen Wangen geschminkt, die Augen niedergeschlagen – eine gebrochene, halbwelke Blume, mit Farbe übermalt. Das andere kleine Mädchen an ihrer Seite lachte und sprach mit ihr, aber sie antwortete ihm nicht; ihr Auge hing an der Mähne des Ponys, den sie ritt – ihre Gedanken waren weit, weit fort von hier.
Mit Georg war plötzlich eine wunderbare Veränderung vorgegangen. Sein Auge haftete wohl noch auf dem Zuge, aber er sah ihn nicht mehr; sah nicht die faden Späße, die der wie früher dahinterher reitende Klown, der alte Mühler, mit der Stadtjugend trieb, sah nicht das Volk, das lärmend, schreiend, vorbeidrängte. Er blieb still und regungslos am Fenster stehen, bis die letzten Reiter vorüber waren und sich die Zuschauer wieder dahinter schlossen. Dann drehte er sich langsam um, verließ das Lokal und schritt auf die Straße hinaus, wo er stehen blieb und sich umsah. Eine zweispännige Droschke kam eben den Weg langsam daher gefahren. Er winkte, und der Kutscher hielt neben ihm.
»Nach Hamburg – Hotel de l'Europe.«
»Sehr wohl.«
»Du bekommst doppeltes Fahrgeld, wenn du mich so rasch dahin bringst, wie deine Pferde laufen können.«
»Soll ein Wort sein,« sagte der Mann vergnügt. Georg stieg ein, und fort rasselte der Wagen über das Pflaster. Die Pferde liefen vortrefflich, und in verhältnismäßig kurzer Zeit hatten sie den bestimmten Platz erreicht.
Georg, der schon vorher dem Kutscher das Fahrgeld gegeben, sprang aus dem Wagen und stand wenige Sekunden später im Stalle neben seinem Rappen.
»Den Sattel – den Zaum!« war alles, was er sagte, als einer der Leute dienstfertig herbeisprang, ihm zu helfen. Er nahm das Geschirr aber nur aus seiner Hand und legte es selber dem Pferde an. Er selber schnallte auch den Gurt und befahl dann, als er alles in Ordnung wußte, dem Knecht, das Pferd vor das Haus zu führen.
»Wollen Herr Baron ausreiten?« sagte einer der geschäftig herbeieilenden Kellner.
»Ja, bitte, lassen Sie mir aus meinem Zimmer die Reitpeitsche und den Plaid herunter holen, die zusammen auf dem Fauteuil liegen.«
»Sehr wohl; Charles, Reitpeitsche und Plaid für den Herrn Baron – auf dem Fauteuil Nr. 21.«
Der junge Bursche flog die Treppe hinauf und war wenige Minuten später mit den verlangten Sachen wieder unten. Georg festigte den zusammengeschnallten Plaid an seinem Sattel, nahm die Reitpeitsche mit ihrem schweren, bleigefüllten Griff, faßte den Zügel und flog im nächsten Augenblick die Straße hinunter. Sein wackeres Tier brauchte er auch nicht anzutreiben, denn durch den vollen Tag, den es im Stalle gestanden, war es schon ungeduldig und rastlos geworden. Aber er wollte es auch nicht vor der Zeit anstrengen, um seine Kräfte zu schonen. Ueberdies durfte er, sobald er in die engen Straßen einbog, nicht so rasch reiten, und sein Tier deshalb einzügelnd, trabte er, so schnell er hier noch vorwärts rücken konnte, seinem Ziel entgegen.
Bald hatte er Altona erreicht, und um ja den günstigen Moment nicht zu versäumen, ritt er augenblicklich dem Zirkus zu, dem Zuge dort, wenn er etwa schon auf dem Rückwege wäre, zu begegnen – aber noch war alles still. Ein Briefträger, den er anredete und nach der Kavalkade fragte, sagte ihm, daß er die Kunstreiter vor kaum zehn Minuten dort irgendwo rechts hinunter gehört hätte. Wo sie jetzt wären, wüßte er nicht, aber jedenfalls müßten sie hier wieder vorbei. Georg wartete nicht darauf; er hielt der bezeichneten Richtung zu und heftete seine ganze Aufmerksamkeit dabei nur auf die abzweigenden Straßen, um nicht in diesen irre zu werden und seinen Weg im entscheidenden Augenblick zu verfehlen. Sein Plan war gefaßt; ernst und ruhig ritt er im Schritt die Straße nieder, dann und wann haltend, ob er die laute Blechmusik durch das Gerassel der Wagen und das Gelärm der lebendigen Stadt nicht hören könne. Noch ließ sich kein derartiger Laut unterscheiden; als er aber wieder eine Straße entlang geritten war, kalt und umsichtig dabei jedes mögliche Hindernis erspähend, und eben wieder um eine Ecke bog, schlugen die fernen Klänge der Trompeten deutlich an sein Ohr. Fast unwillkürlich zügelte er sein Tier ein, den willkommenen Tönen zu lauschen – deutlich unterschied er die Richtung, näher und lauter wurde der Lärm – es war kein Zweifel mehr, sie kamen gerade auf ihn zu. Das aber lag nicht in seinem Plane, mit dem er fest mit sich im reinen war; aber er dachte auch nicht daran, sich zu übereilen. Ruhig erwartete er das Näherkommen des Zuges, sein Herz klopfte dabei fast hörbar in der Brust, sein Gesicht war aschfahl geworden, aber keine Muskel regte sich, und erst als er die voranreitenden Trompeter nach sich einbiegen sah, lenkte er sein Pferd in eine kleine Gasse hinein, die hier schräg abbog und ihn vollständig verdeckt hielt. Dort ließ er den Zug, der wieder dem Zirkusplatze zuhielt und jedenfalls seinen Rundritt vollendet hatte, vorüber, und schon klangen die Trompeten, da der Schall durch eine neue Biegung der Straße gebrochen wurde, wie aus weiter Ferne, als das Pferd den leichten Schenkeldruck des Reiters fühlte.
Der Zeitpunkt war gekommen, in dem er handeln mußte, und ein trotziges Lächeln zuckte zum erstenmal wieder seit langer Zeit um die fest zusammengepreßten Lippen des Mannes. Das Pferd bog in einem leichten Trab in die Hauptstraße ein, und eben konnte er noch die letzten des Zuges, die Klowns, erkennen, die mit dem Volke ihre Späße trieben. Mühler war der tollste von allen. Aber nicht diesen fürchtete er mehr, denn wenn er ihn auch erkannte, was tat's? Ehe er die vorn im Zug Reitenden warnen konnte, war sein Plan schon gelungen – oder mißglückt, und mit der Gefahr, der er sich aussetzte, wuchs ihm auch der Mut. So kaltblütig hielt er jetzt in scharfem Trabe auf die voranziehende Kavalkade zu, als ob es sich nur um einen Spazierritt handle, und mit raschem Blick sich dabei orientierend, war er auch sicher, keinen Zoll breit seiner Bahn zu vergeben.
Der Zug war gerade in eine der Hauptstraßen der Stadt eingebogen, die direkt auf den breit und hoch aufgeführten Zirkus des Monsieur Royazet zuführte; von weitem ließ sich schon das aus neuen Brettern aufgestellte Gebäude mit seinem schräg zulaufenden spitzen Dache erkennen. Georg übersah das alles; er hatte sein Terrain an diesem Morgen genau rekognosziert. Fest hielt er sein Tier im Zügel und lenkte jetzt um den Menschenschwarm herum, der die Hanswurste lachend und jauchzend umtobte. Allerdings hatten sich schon einige Reiter dem Zuge heute morgen angeschlossen, meist Neugierige, die ihn eine kurze Strecke begleiteten und dann wieder, durch das Schauspiel ermüdet, davon abbogen. Die zu den Kunstreitern gehörenden Personen interessieren sich aber natürlich für jedes Pferd, das sie sehen, besonders wenn es von edler Rasse ist, und der alte Mühler machte keine Ausnahme davon. Mitten in seinen Sprüngen und Neckereien, bei denen er rechts und links mit seiner klappernden Holzpritsche Schläge austeilte, haftete sein Auge an dem Pferde und fuhr erschreckt von ihm empor zum Reiter. Den Rappen konnte er nicht verkennen, und der leise Schreckensruf entfuhr seinen Lippen: »Beim Teufel – Georg!«
So geschickt Mühler auch bisher gewußt hatte, trotz allen ausgeteilten Hieben, Angriffen auf ihn selber zu entgehen und die Lacher auf seiner Seite zu behalten, so ganz aus aller Fassung brachte ihn die plötzliche Erscheinung des Mannes, den er von allen auf Erden in diesem Augenblick am meisten fürchtete. Er hatte in der Tat alles andere um sich her in dem einen Angstgedanken vergessen, was der Mann jetzt mit Georginen beginnen würde. Die mußte er warnen, und er sprang nach seinem Pony, fühlte sich aber auch in demselben Augenblick wieder zurückgerissen, denn drei oder vier Jungen hingen an seinen Schößen und hielten ihn jauchzend fest. Wie der Blitz fuhr er freilich mit seiner Pritsche herum, aber die Jungen waren durch die früher erhaltenen Hiebe schon gewitzigt worden, und sich fest an ihn drängend und ihn mit ihren Armen umfassend, gaben sie ihm keinen Raum, sie ordentlich zu treffen. Das half ihnen indes nicht viel, denn die anderen Klowns ließen ihren Kameraden nicht im Stich. Von beiden Seiten sprangen sie zu, und so derb hagelten diesmal die Prügel auf die ihnen verlockend genug zugedrehten Rückteile, daß die Bande, sehr zum Ergötzen des übrigen Publikums, heulend und schreiend auseinander stob. Mühler war aber dadurch in seinen Bewegungen gehemmt worden, und Minuten vergingen, ehe er seinen Pony wieder erreichte. In zitternder Hast warf er sich auf dessen Rücken, und seine Flanken mit den Hacken bearbeitend, sprengte er den Zug entlang, Royazet die gefährliche Nähe seines Nebenbuhlers zu melden und Georginen zu warnen.
Lange vorher aber hatte Georgs wackerer Rappe seinen Herrn am Zuge hinaufgetragen. Die Blicke des Vaters suchten dabei und fanden das Kind, und wenige Sekunden später war er an dessen Seite.
Josefine hatte an dem Morgen vergebens ihre Mutter gebeten, sie nicht mit auf die Straße zu nehmen. Bitten wie Tränen blieben gleich erfolglos: sie mußte, denn sie sollte sich wieder an das lustige Reiterleben gewöhnen und nicht allein daheim sitzen, zu denken und zu grübeln und zu weinen. Natürlich gehorchte sie – wie sie ihr kleines munteres Tier aber bestiegen hatte, so saß sie noch, die Blicke an der Mähne desselben haftend, das Antlitz bleich, der ganze kleine Körper zitternd, und die Gedanken waren weit von da. Nicht an den glänzenden Umzug dachte sie, an die schmetternde Musik und das gaffende Volk, sofern an die freundliche Heimat im Walde dort – weit von hier – an den Vater, dem sie entrissen worden und an dem ihre ganze Seele hing, an ihre liebe, freundliche Erzieherin, die sich jetzt ihretwegen sorgen und um sie weinen würde. Und konnten sie je erfahren, wo sie sei? – und wenn das, würde die Mutter sie je wieder freilassen aus diesem Leben, dessen ganze Qual sie erst am gestrigen Abend durchgekostet? Rasche Hufschläge neben ihr weckten sie aus ihren Träumen, und eine hohe, dunkle Gestalt warf ihren Schatten über sie hin.
»Josefine!« flüsterte eine so wohlbekannte Stimme an ihrer Seite. Staunend, erschreckt sah sie auf, und wie ihre Hand fast unwillkürlich, und mehr um sich zu halten, als aus einem andern Grunde, den Zügel faßte, rief sie: »Vater – du – du hier?«
»Willst du mit mir gehen?«
»Wohin du mich führst!«
»So komm – rasch – spring herüber!« rief der Mann, vor innerer Bewegung kaum fähig, die Worte über die Lippen zu bringen.
»Den Teufel auch – der Alte!« schrie es da, und Georg sah, ehe Josefine imstande war, ihre Sinne so weit zu sammeln, daß sie begriff, was ihr Vater von ihr wollte, wie sich einer der Reiter durch die übrigen drängte. – Es war Karl, der in diesem Augenblick frei aus dem Zuge, mit verhängten Zügeln nach vorn sprengte.
»Spring!« bat der Vater in Todesangst, denn keine Sekunde war zu verlieren, »spring zu mir, ich fasse dich!«
»Halt! was geht da vor?« riefen andere der Schar, die Georg nicht kannten; Josefine saß noch immer regungslos, nicht fähig, sich zu bewegen; aber Georg war nicht der Mann, den einmal gefaßten Sieg aus den Händen zu geben. Sich im rechten Steigbügel niederbiegend, faßte er sein Kind mit dem rechten Arm um den Leib, und noch während er sie emporhob, fühlte der Rappe den eingestoßenen Sporn, der ihn nach vorn trieb. Frei an seinem Arm hing bei dem ersten Satze des Pferdes das Kind in der Luft, aber schon saß der Reiter wieder eisenfest im Sattel, und während er die willenlose Kleine in seinen linken Arm warf, und der Rappe, das Feuer aus dem Straßenpflaster schlagend, den Zug entlang flog, faßte seine Rechte die bleibeschwerte Peitsche fest und sicher, sich seine Bahn frei zu hauen, wenn ihm kein anderer Ausweg blieb.
Links hinüber konnte er nicht; keine Straße bog hier ab, und hinter dem Zuge wälzte sich der dichte Menschenschwarm – also voraus, und mit Gedankenschnelle flog er hin. Da schoß Karl an Royazets Seite. – Dieser, durch das Getöse betäubt, das die dicht vor ihm reitenden Trompeter machten, hatte von dem, was hinter ihm im Zuge vorging, noch keine Ahnung – als plötzlich des erschreckten Burschen Stimme in sein Ohr dröhnte: »Dort ist Georg Bertrand! er entführt das Kind!«
»Georg? um Gott!« schrie Georgine, erschreckt emporfahrend, und die herandonnernden Hufe bestätigten schon die kaum gesprochenen Worte. Im Nu aber hatte Royazet seinen Zügel aufgegriffen, und dem eigenen Tiere beide Hacken in die Flanken bohrend, flog er mit ihm wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil dem Feinde entgegen.
In dem Moment brauste Georg heran, und aus dem Wege stob alles vor dem Rasenden.
»Halt!« donnerte ihm Royazet zu, und wie er, fast durch die Luft fliegend, an Georgs Seite war, griff seine Faust nach Josefinens Kleid. Da traf die schwere, bleigefüllte Peitsche den ausgestreckten Arm, daß er gelähmt zur Seite sank, und der Rappe schnob mit einem Satze vorbei. Den Verfolger war er deshalb freilich noch nicht los, denn Royazet brauchte die andere Hand nicht für den Zügel; sein Tier, von fast so edlem Blute wie das, welches seinen Gegner trug, flog, nur von den Schenkeln geführt, herum, den Rappen einzuholen, aber der hatte schon eine Pferdelänge Vorsprung, und wie ein Wetter sauste er dahin.
»Halt da – halt!« schrie Polizei, die dort im Wege stand, und sprang vor, dem Pferde nach dem Zügel zu greifen – wieder sank die Peitsche, und mit einem Schmerzensschrei fuhr der Dienstbeflissene zurück. Ein Schiebkarren fuhr quer über die Straße – der Mann ließ ihn fallen und floh zur Seite; einem Vogel gleich schnellte der Rappe darüber hin, der graue Araber, den Royazet ritt, blieb dicht an seinen Fersen. Wagen kreuzten ihren Weg, aber die beiden, der leisesten Führung gehorchenden Pferde fanden kein Hindernis, das sie nicht überwunden hätten. Wie ein Blitzstrahl schoß der Rappe über den Boden, wie der Schein, der dem Blitze folgt, folgte ihm der Graue, und beide Pferde schienen den Boden, aus dem sie die hellen Funken schlugen, kaum zu berühren. – Aber der Araber war dem Rappen nicht gewachsen, und selbst wenn er ihn eingeholt, fühlte Royazet recht gut, daß er allein dem Vater das Kind nicht würde entreißen können. Doch seine Ehre als Reiter stand hier auf dem Spiele, und weiter und weiter jagte er sein schnaubendes Roß. Der seidene Mantel, den er trug, schlug im Wind – wild wehten seine Haare hinterdrein, denn das Federbarett hatte ihm der tolle Ritt schon lange entführt. Aber seine Hacken trafen des arabischen Hengstes Flanken; mit Stimme und Schlag feuerte er ihn an – zu mehr, als er zu leisten vermochte – den Rappen einzuholen.
Wie in Erz gegossen saß dagegen Georg im Sattel. Sein dicht an seine Brust geschmiegtes Kind im Arm, das dunkle Auge in Siegesjubel blitzend, die Rechte mit der Peitsche bewehrt, so flog er dahin, sein Tier sich selber überlassend, wie eine Erscheinung an den entsetzt zur Seite Prallenden vorbei, bis Deutschlands Grenze, die Linie, die Altona von Hamburg scheidet, zwischen ihm und seinem Feinde lag. Noch ließ er seinem wackern Tiere den Zügel, bis er die nächste Häuserreihe fast erreicht. Jetzt wußte er, daß er auf deutschem Grund und Boden war, und nicht länger mehr brauchte er zu fliehen. – Wollte ihn sein Verfolger erreichen, hier hielt er ihm stand, und mit dem festen Willen fast parierte er sein Pferd, das so, in voller Flucht, sich auf den Hinterbeinen hob, herumflog und wie angegossen stand. – Aber Royazet war klug genug, den zum äußersten Getriebenen nicht auf sein eigenes Terrain zu folgen. Die Grenze bildete für ihn das letzte Ziel der Verfolgung, und dort sein Pferd so rasch und sicher parierend wie Georg, lenkte er es zurück, und war wenige Minuten später, beschämt, besiegt, zwischen den Häuserreihen Altonas verschwunden.
Ein triumphierendes Lächeln zuckte um Georgs Lippen, aber es war nur ein Moment. Die Gegenwart nahm ihn genug in Anspruch – das andere lag dahinten. Rasch schnallte er den Plaid von seinem Sattel, denn sein wilder Ritt sowohl, wie die wunderliche Tracht des Kindes, das er vor sich trug, erregten die Aufmerksamkeit der ruhigen, an so etwas nicht gewöhnten Bürger Hamburgs – Neugierige begannen schon sich um ihn zu sammeln. Ohne Zögern hüllte er die Kleine in den weichen Plaid, nahm ihr das Barett vom Haupte, das er darunter barg, verdeckte ihr geschminktes Antlitz, und trabte dabei schon wieder scharf dem nächsten Tore zu. Aus Sicht den Leuten, und er war vergessen. In der Stadt selber konnte der auf schweißbedecktem Tier Vorübertrabende nur flüchtige Aufmerksamkeit erregen; die Leute dort hatten auch zu viel mit sich selber zu tun, sich noch um andere, Fremde, zu bekümmern. So gewann er ohne weiteres Hindernis sein Hotel, sprang vom Pferde, das er dem Hausknecht übergab, um es rasch in den Stall zu führen und abzureiben, und trug sein Kind, noch eingehüllt in den Plaid, die breite Treppe selbst hinauf.
Das Stubenmädchen erstaunte allerdings, als ihr der Auftrag wurde, so rasch als möglich Kinderkleider für die Kleine herbeizuschaffen; dort aber war das leicht. In einer halben Stunde hing Josefine, Freudentränen weinend, in einem dunklen warmen Kleide an ihres Vaters Halse, und schon der Abendzug, der Hamburg verließ, führte sie mit dem Vater und dem alten erstaunten Barthold der Heimat wieder zu.