Erster Auftritt.
Starodum und Prawdin.
Prawdin. Kaum war ich vom Tische aufgestanden, kaum ans Fenster getreten, so erblickte ich Ihren Wagen und eilte, ohne ein Wort verlauten zu lassen, Ihnen entgegen, um Sie von ganzem Herzen zu umarmen. Die Hochachtung, die ich Ihnen zolle –
Starodum. Ich weiß sie zu schätzen, glaub es mir.
Prawdin. Ihre Freundschaft ist für mich um so schmeichelhafter, als Sie diese nur denen bieten –
Starodum. Die so sind wie du. Ich spreche gerade heraus. Beginnt die Konvenienz, hat die Aufrichtigkeit ein Ende.
Prawdin. Ihre Art –
Starodum. Sie wird von vielen verspottet, ich weiß es. Mag’s! Mein Vater hat mir die Erziehung seiner Zeit gegeben, und ich hab’ es nicht für nötig befunden, mich umzuerziehen. Er diente Peter dem Großen. Damals wurde der Mensch „du“ genannt und nicht „Sie“; damals machte man die Leute nicht hochmütig, so daß sich einer für viele hielt. Dafür auch sind heutzutage viele eines einzigen nicht wert. Mein Vater hat am Hofe Peters des Großen –
Prawdin. Ich hörte, daß er im Militärdienst stand.
Starodum. Damals waren die Höflinge Krieger und die Krieger keine Höflinge. Die Erziehung, die mir mein Vater gegeben hat, war für jene Zeit eine vorzügliche. Damals war die Unterrichtsmethode keine komplizierte, und man verstand noch nicht die Kunst, einen leeren Kopf mit fremdem Verstande anzufüllen.
Prawdin. Die damalige Erziehung wurzelte in der That in einigen Grundsätzen –
Starodum. In einem. Mein Vater wiederholte mir beständig nur: „Habe ein Herz, habe eine Seele, und du wirst zu jeder Zeit ein Mensch sein. Alles übrige unterliegt der Mode: Verstand und Kenntnisse sind Modeartikel wie Schnallen und Knöpfe.“
Prawdin. Sie sprechen wahr. Die Hauptzierde des Menschen ist die Seele.
Starodum. Ja, ohne Seele ist der aufgeklärteste, klügste Mensch ein trauriges Geschöpf, und ein ungebildeten beschränkter Mensch – ein Tier. Das Geringste kann ihn zum Verbrecher machen. Zwischen seiner That und dem Zwecke dieser That gibt’s keine Wage. Und von solchen Tieren will ich jemand befreien, der –
Prawdin. Ihre Nichte ist. Ich weiß es. Sie ist hier; gehen wir.
Starodum. Warte. Mein Herz kocht noch vor Zorn gegen dies unwürdige Gebahren dieser Menschen. Bleiben wir darum einen Augenblick. Ich halte mich an den Grundsatz: nie muß der erste Trieb eine sofortige Handlung zur Folge haben.
Prawdin. Nur selten verstehen andre diesen Ihren Grundsatz zu befolgen.
Starodum. Meine Lebenserfahrungen machten ihn mir zur Gewohnheit. O, wenn ich früher die Selbstbeherrschung gekannt hätte – ich würde noch länger das Glück gehabt haben, dem Vaterlande zu dienen!
Prawdin. Wie das? Die Erlebnisse eines Mannes von Ihrer Gesinnungsart müssen für jedermann von Interesse sein. Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir erzählen wollten –
Starodum. Ich verhehle sie vor keinem, damit andre in ähnlicher Lage weiser handeln, denn ich es gethan. Als ich im Militärdienst stand, machte ich die Bekanntschaft eines jungen Grafen, dessen Namen sogar ich vergessen möchte. Im Dienst war er jünger als ich, war der Sohn eines Parvenüs, in der großen Welt erzogen und hatte Gelegenheit gehabt, das zu lernen, was in den Kreis unsers Unterrichts noch gar nicht aufgenommen war. Ich wandte alle Mühe an, mir seine Freundschaft zu erwerben, um durch beständigen Umgang mit ihm die Lücken in meinen Kenntnissen auszufüllen. In derselben Zeit, da unsre Freundschaft sich festigte, erfuhren wir, daß der Krieg erklärt sei. Freudestrahlend stürzte ich in des Freundes Arme. „Lieber Graf – hier bietet sich Gelegenheit zur Auszeichnung! Treten wir sofort in die Armee, daß wir würdig werden des Adeltitels, den uns die Geburt verliehen!“ Da furchte sich seine Stirn, trocken umarmte er mich und sagte: „Glück auf den Weg; ich aber schmeichle mir mit der Hoffnung, daß mein Vater sich von mir nicht wird trennen wollen.“ Nichts kommt der Verachtung nahe, die ich in jenem Augenblick für ihn empfand. Hier erst sah ich, daß zwischen dem Parvenü und dem verdienten Manne ein unermeßlicher Unterschied besteht, daß es in der großen Welt sehr kleinliche Seelen gibt, und daß man sehr aufgeklärt und gleichzeitig verächtlich sein kann.
Prawdin. Sie haben vollkommen recht.
Starodum. Ich verließ ihn und begab mich sofort dahin, wohin mich die Pflicht rief. Mehrfach hatte ich Gelegenheit, mich auszuzeichnen – meine Narben beweisen, daß ich dieselbe nicht unbenutzt habe vorbeigehen lassen. Die gute Meinung, welche die Vorgesetzten und Soldaten von mir hatten, war mir ein schmeichelhafter Lohn für meine Dienste. Da erfuhr ich, daß der Graf, mein ehemaliger Freund – dessen ich mich schämte zu gedenken – im Range gestiegen, ich jedoch umgangen sei, ich, der damals an Wunden schwer darniederlag! Eine solche Ungerechtigkeit zerfleischte mein Herz, und ich nahm meinen Abschied.
Prawdin. Was auch hätten Sie anderes thun können?
Starodum. Ruhigen Blutes überlegen! Doch ich verstand es nicht, mich gegen die ersten Antriebe meines gekränkten Ehrgeizes zu wehren. Mein erhitzter Kopf vermochte damals nicht einzusehen, daß ein wahrhaft ehrgeiziger Mensch der Sache zuliebe, nicht des Ranges wegen, streben muß; daß die Rangerhöhung oftmals erbettelt wird, die echte Auszeichnung jedoch verdient werden muß; daß es viel ehrenhafter ist, schuldlos übergangen, als verdienstlos ausgezeichnet zu werden.
Prawdin. Darf denn ein Adeliger in keinem Falle seinen Abschied nehmen?
Starodum. Nur in einem: wenn er innerlichst überzeugt ist, daß sein Dienst dem Vaterlande keinen direkten Nutzen bringt. Dann mag er gehn!
Prawdin. Sie zeigen mir, worin das wahre Wesen der Pflichten eines Adeligen besteht.
Starodum. Nachdem ich meinen Abschied genommen, kam ich nach Petersburg. Dort führte mich der blinde Zufall dahin, wohin ich’s mir nie im Leben habe träumen lassen.
Prawdin. Nämlich?
Starodum. An den Hof. Was sagst du dazu?
Prawdin. Und was fanden Sie dort?
Starodum. Manches Merkwürdige. Vor allen Dingen fand ich’s merkwürdig, daß fast niemand den geraden breiten Weg dorthin wählt, sondern einen Umweg macht, in der Hoffnung, früher anzukommen.
Prawdin. Ist denn wenigstens der Umweg geräumig?
Starodum. Dermaßen geräumig, daß, wenn sich zwei begegnen, sie einander nicht ausweichen können. Einer reißt den andern zu Boden, und derjenige, der auf den Füßen stehn bleibt, hebt nie den Liegenden auf.
Prawdin. Die Eigenliebe hat hier –
Starodum. Nicht die Eigenliebe, sondern die Selbstliebe. Man liebt sich ganz außerordentlich, sorgt nur für sich, denkt nur an die gegenwärtige Stunde. Denke dir nur: ich sah dort eine Menge Menschen, die in keinem Lebensfall ihrer Ahnen oder ihrer Nachkommen gedacht.
Prawdin. Doch jene Ehrenmänner, die bei Hofe sind und doch dem Vaterlande dienen?
Starodum. O, die verlassen den Hof nicht, weil sie ihm Nutzen bringen; und die andern verlassen ihn nicht, weil der Hof ihnen Nutzen bringt. Ich gehörte nicht zur Zahl der ersteren und wollte auch nicht zur Zahl der letzteren gehören.
Prawdin. Man hat Sie am Hofe natürlich verkannt.
Starodum. Zu meinem eigenen Besten. Es gelang mir, mich ganz ohne Ungelegenheiten zurückzuziehen; andernfalls hätte man mich auf die eine von zwei Arten entfernt.
Prawdin. Auf welche?
Starodum. Vom Hofe, mein Freund, entfernt man einen auf zwei Arten: entweder man wird dir böse, oder man macht dich böse. Ich habe weder den einen noch den andern Fall abgewartet, denn ich war zur Einsicht gekommen, daß es sich besser im eigenen Stübchen leben läßt als in einer fremden Antichambre.
Prawdin. Und Sie verließen den Hof mit leeren Händen? (Öffnet seine Tabaksdose.)
Starodum (nimmt eine Prise). Wieso mit leeren Händen? – Zu einem Kaufmann kamen zwei Käufer und handelten eine Tabatière, deren Preis fünfhundert Rubel war. Der eine zahlte das Geld und brachte die Tabatière nach Hause; der andre kam ohne Tabatière heim. Und du glaubst, daß dieser andre mit leeren Händen heimgekehrt sei? Du irrst: er brachte seine fünfhundert Rubel unversehrt nach Hause ... Ich verließ den Hof, ohne Dörfer, Bänder und Ehrentitel erhalten zu haben. Aber mein Eigentum brachte ich heim: meine Seele, meine Ehre und meine Grundsätze.
Prawdin. Männer mit Ihren Grundsätzen müßte man bei Hofe nicht entlassen, sie im Gegenteil an den Hof rufen.
Starodum. Rufen? Aus welchem Grunde?
Prawdin. Aus demselben Grunde, aus welchem man einen Arzt zum Kranken ruft.
Starodum. Du irrst, mein Freund. Umsonst ist es, den Arzt zu einem unheilbaren Kranken zu rufen: ihm wird er nicht helfen, nur gar sich selber anstecken.
Zweiter Auftritt.
Die Vorigen. Sophie.
Sophie (zu Prawdin). Ganz erschöpft hat mich ihr Schreien.
Starodum (beiseite). Ganz die Gesichtszüge ihrer Mutter. Das ist meine Sophie!
Sophie (Starodum anblickend). Gott, er hat meinen Namen genannt! Mein Herz täuscht mich nicht –
Starodum (sie umarmend). Nein, du bist die Tochter meiner Schwester, bist die Tochter meines Herzens!
Sophie (ihn stürmisch umarmend). Onkelchen, ich bin außer mir vor Freude!
Starodum. In Moskau, teure Sophie, erfuhr ich, daß du hier wider deinen Willen lebst. Ich bin sechzig Jahre alt. Oft gab es Fälle, wo ich mir zürnte, oft auch war ich mit mir zufrieden. Nichts marterte mein Herz mehr als der Anblick einer Unschuld in den Netzen der Arglist, und nie war ich mit mir selbst zufriedener, als wenn es mir gelungen war, ein solches Opfer den Krallen des Lasters zu entreißen.
Prawdin. Wie wohl muß es thun, auch nur Zeuge dabei sein zu können!
Sophie. Onkelchen, Ihre Güte –
Starodum. Du weißt, daß nur du mich ans Leben bindest. Du mußt der Trost meines Alters sein, und meine Fürsorge soll dein Glück begründen. Als ich meinen Abschied nahm, legte ich den Grund zu deiner Erziehung; doch ich konnte dein Wohl nicht anders begründen, als indem ich mich von deiner Mutter und dir trennte.
Sophie. Ihre Abwesenheit kränkte uns unaussprechlich.
Starodum (zu Prawdin). Um ihr Leben vor dem Mangel am Notdürftigsten zu sichern, beschloß ich, mich für einige Jahre in jenes Land zurückzuziehen, wo man Geld erwirbt, ohne sein Gewissen dafür in den Tausch zu geben, wo man nicht durch Kriecherei emporsteigt, wo man das Vaterland nicht beraubt; in jenes Land, wo man das Geld der Erde selbst abverlangt, die, gerechter als die Menschen, keine Parteilichkeit kennt und nur die Arbeit gewissenhaft und reich belohnt.
Prawdin. Sie hätten, wie ich gehört, ungleich reicher werden können.
Starodum. Und wozu?
Prawdin. Um ebenso reich zu sein wie die andern.
Starodum. Reich! Wer ist denn reich? Weißt du auch, daß, um die launischen Gelüste eines einzigen Menschen zu befriedigen, das ganze Sibirien nicht hinreichen würde? Mein Freund, das alles ist nur Einbildung! Folge dem Beispiel der Natur, und du wirst niemals arm sein; gib acht auf das Gerede der Menschen, und du wirst nie reich werden.
Sophie. Onkelchen, wie wahr sprechen Sie!
Starodum. Ich habe so viel erworben, daß die Armut eines rechtschaffenen Bräutigams deiner Verbindung mit ihm kein Hindernis in den Weg legen wird.
Sophie. Zeit meines Lebens wird Ihr Wille Gesetz für mich sein.
Prawdin. Sodann wär’s nicht übel, gleichfalls für die Kinder einiges beiseite zu legen.
Starodum. Für die Kinder? Den Kindern Reichtümer hinterlassen? Das fehlte noch! Sind sie klug, so werden sie auch ohne Reichtum fortkommen; dummen Kindern aber kann der Reichtum nur schaden. Ich habe Bursche gesehen in goldenen Kaftanen und mit bleiernen Köpfen. Nein, mein Freund: bares Geld ist noch nicht bare Tugend! Ein goldner Klotz ist und bleibt nur ein Klotz.
Prawdin. Trotz alledem sehen wir, daß Reichtum oft zu Rängen führt und Ränge zu Würden und Würden zu Hochachtung.
Starodum. Hochachtung? Nur eine Hochachtung muß dem Menschen schmeichelhaft sein – diejenige, welche seiner Seele gezollt wird. Und nur der ist dieser Seelenhochachtung wert, dessen Ränge nicht dem Gelde, dessen Würden nicht den Rängen ihre Entstehung verdanken.
Prawdin. Dagegen läßt sich nichts einwenden.
Starodum. Ei, was ist denn das für ein Lärm?
Dritter Auftritt.
Die Vorigen. Frau Prostakowa, Skotinin und Milon. (Letzterer trennt Frau Prostakowa von Skotinin.)
Frau Prostakowa. Laß mich, laß! Bis zur Fratze nur, bis zur Fratze –
Milon. Ich lasse Sie nicht, Madame.
Skotinin (zornig, die Perücke ordnend). Kleb ab, Schwester! Oder ich biege dich, daß dir alle Gelenke knacksen!
Milon (zu Prostakowa). Und Sie haben vergessen, daß es Ihr Bruder ist?
Frau Prostakowa. Ich bin wütend, ich muß mich sattprügeln!
Milon (zu Skotinin). Ist das nicht Ihre Schwester?
Skotinin. Ja, leider stammen wir von Einer Brut, und dennoch heult sie wider mich.
Starodum (der sein Lachen nicht mehr zurückhalten kann, zu Prawdin). Ich befürchtete zornig zu werden und muß nun lachen!
Frau Prostakowa. Lachen? Über wen lachen? Was ist denn das für ein Vogel?
Starodum. Nimm mir’s nicht übel: aber zeit meines Lebens hab’ ich nichts Lächerlicheres gesehn.
Skotinin (sich den Nacken reibend). Der hat gut lachen! Mir ist halbwegs nicht lächerlich zu Mut.
Milon. Hat ein Schlag getroffen?
Skotinin. Das Gesicht hab’ ich mir mit den Händen geschützt, und da hat sie sich mir ins Genick eingekrallt.
Prawdin. Schmerzt es?
Skotinin. Zerkratzt hat sie mich. (Während der folgenden Worte der Frau Prostakowa wird Milon von Sophie durch Blicke bedeutet, daß vor ihnen Starodum stehe; Milon versteht sie.)
Frau Prostakowa. Zerkratzt! ... Nein, Bruder, ein Heiligenbild kauf dir auf den Namen des Herrn Offiziers: hätt’ er dich nicht beschützt – du wärst mir nicht mit heiler Haut davongekommen! Wenn ich den Sohn verteidige, werde ich meinen leiblichen Vater nicht schonen! (Zu Starodum.) Und daran ist gar nichts Lächerliches! Ich habe ein Mutterherz in der Brust. Ist’s erhört, daß eine Hündin ihre Jungen preisgibt? ... Kommt da weiß Gott wer und weiß Gott zu wem –
Starodum (auf Sophie weisend). Gekommen ist ihr Onkel Starodum.
Frau Prostakowa (erschrocken). Wie? Du bist’s? ... O, hochwillkommener Gast! Ich Thörin, ich Närrin! War das ein Empfang für einen Vater, auf dem unsre ganze Hoffnung ruht, der uns teuer ist wie unser Augapfel?! ... Verzeihe, verzeihe mir Närrin! ... Ich kann gar nicht zu mir kommen! ... Wo ist mein Mann? ... Wo ist mein Sohn? ... Es ist ja, als wärest du in ein unbewohntes Haus gekommen! Gottes Strafgericht! Den Kopf haben alle verloren! ... He, Magd, Magd, Palaschka, Magd!
Skotinin (beiseite). Soso! Er ist’s, der Onkel!
Vierter Auftritt.
Die Vorigen. Jeremejewna.
Jeremejewna. Was steht zu Befehl?
Frau Prostakowa. Bist du die Magd, du Hundetochter? Hab’ ich im Hause außer deiner elenden Fratze eine Magd? Wo ist Palaschka?
Jeremejewna. Erkrankt, liegt seit dem Morgen zu Bette.
Frau Prostakowa. Sie liegt? Ach, die Bestie! Liegt, als wenn sie eine Adelige wäre!
Jeremejewna. Sie hat starkes Fieber und phantasiert unaufhörlich.
Frau Prostakowa. Die Bestie phantasiert! Als wenn sie eine Adelige wäre! So rufe den Mann, den Sohn! Sage ihnen, daß durch Gottes Güte unsre Erwartung in Erfüllung gegangen ist: der teure Onkel unsrer lieben Sophie ist angekommen, unser zweiter Vater ist bei uns zu Besuch, gedankt sei dem Himmel! Nun, mach fort, rühr dich! (Jeremejewna schnell ab.)
Starodum. Wozu der Lärm? Gottes Güte hat mich nicht Ihr Vater werden lassen, und dank der Güte Gottes bin ich Ihnen auch gar nicht bekannt.
Frau Prostakowa. Dein plötzliches Erscheinen, Väterchen, hat mich um den Verstand gebracht. So laß dich doch wenigstens ordentlich umarmen, du unser Wohlthäter!
Fünfter Auftritt.
Die Vorigen. Prostakow, Mitrofan und Jeremejewna.
(Während der nachfolgenden Worte Starodums haben sich Prostakow und Sohn, die durch die Mittelthür eingetreten waren, hinter den Rücken Starodums gestellt. Der Vater will ihn umarmen, sobald die Reihe an ihn kommt, der Sohn – die Hand küssen. Jeremejewna hat seitwärts Platz genommen und steht mit übers Kreuz geschlagenen Armen regungslos da, die Blicke starr auf Starodum gerichtet und jedes seiner Worte mit kriechender Aufmerksamkeit verfolgend.)
Starodum (ungern die Prostakowa umarmend). Ganz überflüssige Güte, Madame, ohne die ich recht gut auskommen könnte! (Reißt sich aus der Umarmung und wendet sich nach der Seite Skotinins, der schon mit ausgebreiteten Armen dagestanden und ihn nun umfängt.) Zu wem bin ich nun geraten?
Skotinin. Ich bin’s, meiner Schwester Bruder.
Starodum (der noch zweie bemerkt, mit Ungeduld). Und wer ist das?
| Prostakow (ihn umarmend). Ich bin der Mann meiner Frau. | } | (Zugleich.) |
| Mitrofan (seine Hand küssend). Und ich meiner Mutter Söhnchen. |
Milon (zu Prawdin). Jetzt werde ich mich nicht vorstellen.
Prawdin (zu Milon). Ich werde Gelegenheit finden, dich später vorzustellen.
Starodum (Mitrofan die Hand entziehend). Dieser sucht die Hand zu küssen: man sieht, welch edle Seele in ihm herangebildet wird!
Frau Prostakowa. Sprich, mein Liebling: „Wie sollt’ ich, Herr, deine Hand nicht küssen – du bist ja mein zweiter Vater.“
Mitrofan. Wie sollt’ ich, lieber Onkel, deine Hand nicht küssen – du bist ja mein Vater! (Zur Mutter.) Welcher war’s doch?
Frau Prostakowa. Der zweite.
Mitrofan. Der zweite? Der zweite Vater, lieber Onkel.
Starodum. Ich bin, mein Bester, weder dein Vater noch dein Onkel.
Frau Prostakowa. Väterchen, der liebe Junge prophezeit sich vielleicht sein Glück: wer weiß, mit Gottes Hilfe könnte er ja dein Neffe werden.
Skotinin. Wirklich? Und ich bin zu schlecht für den Neffen? O Schwester!
Frau Prostakowa. Ich will, Bruder, mich mit dir nicht herumbeißen. (Zu Starodum.) Noch nie im Leben, Väterchen, hab’ ich mit jemand gezankt. Mein Charakter ist: und werd’ ich noch so sehr beschimpft, nie sag’ ich ein Wort dagegen. Gott wird’s denjenigen schon heimzahlen, die mich Arme beleidigen!
Starodum. Das hab’ ich gleich bemerkt, als du nur zur Thür hereintratst.
Prawdin. Ich bin schon drei Tage Zeuge ihres sanften Charakters.
Starodum. Dieses Vergnügen werd’ ich nicht so lange genießen können. Liebe Sophie, morgen fahren wir mit dir nach Moskau.
Frau Prostakowa. O Väterchen, wofür zürnst du uns?
Prostakow. Wofür diese Ungnade?
Frau Prostakowa. Wie? Wir sollten von Sophiechen scheiden, unserm Herzenskinde? Ich werde vor Kummer Hungers sterben!
Prostakow. Das ist mein Tod! Schon fühl’ ich –
Starodum. Da ihr sie so liebt, so muß ich euch eine Freude bereiten: ich bringe sie nach Moskau, um dort ihr Glück zu gründen. Mir ist ein sehr würdiger junger Mensch als Bräutigam für sie empfohlen worden; ihn auch soll sie heiraten.
Starodum (die Bestürzung aller gewahr werdend). Was heißt das? (Zu Sophie.) Liebe, gute Sophie, auch du scheinst bestürzt? Hat dich wirklich mein Plan gekränkt? Ich vertrete Vaterstelle an dir, und glaube mir, daß ich meine Rechte kenne. Sie gehen nicht weiter, als eine unglückbringende Neigung der Tochter abzuwenden; die Wahl eines würdigen Mannes jedoch hängt ganz von ihrem eigenen Herzen ab. Beruhige dich, mein Freund! Ein Mann, der deiner würdig ist – er mag sein, wer er will – wird stets einen aufrichtigen Freund an mir haben. Heirate nach eigener Wahl. (Die Mienen aller verklären sich.)
Sophie. Onkelchen, zweifeln Sie nicht an meinem Gehorsam.
Milon (für sich). Der Ehrenmann!
Frau Prostakowa (fröhlich). Das ist ein Vater! Ein Freude, ihn zu hören! Heirate nach eigener Wahl, nur muß der Mann deiner würdig sein. Ganz recht, Väterchen, ganz richtig! Man muß nur den Bräutigam nicht verpassen! Hat man einen Edelmann vor sich, einen jungen Menschen –
Skotinin. Der längst kein Kind mehr ist –
Frau Prostakowa. Dessen Vermögen zwar nicht groß –
Skotinin. Dessen Schweinezüchterei jedoch ansehnlich –
| Frau Prostakowa. Dann Glück auf den Weg und fort in die Erzengelkirche! | } | (Zusammen.) |
| Skotinin. Ein fröhlicher Schmaus und die Hochzeit gefeiert! |
Starodum. Eure Ratschläge sind uneigennützig, seh’ ich.
Skotinin. Lerne mich nur näher kennen und du wirst dein Wunder sehn! Du siehst selbst – hier herrscht ja Sodom und Gomorra. Darum will ich nach einem Stündchen bei dir allein vorsprechen, und dann schließen wir das Geschäft ab! Ohne Ruhm zu sagen – solcher wie ich gibt’s wenige! (Ab.)
Starodum. Das will ich gern glauben!
Frau Prostakowa. Wundere dich nicht über den Bruder –
Starodum. Er ist Ihr Bruder?
Frau Prostakowa. Mein leiblicher Bruder, Väterchen: auch ich bin ja eine geborne Skotinin. Mein seliger Vater heiratete meine selige Mutter; ihr Familienname war Priplodina. Wir waren unser achtzehn Geschwister, doch alle, mit Ausnahme von mir und meinem Bruder, sind nach dem Willen Gottes gestorben: ein paar hat man tot aus der Badstube gezogen; dreie verendeten, nachdem sie Milch aus einem kleinen kupfernen Kessel getrunken hatten; zweie stürzten zu Pfingsten vom Glockenturm, und die übrigen starben von selbst.
Starodum. Ich kann mir vorstellen, was Ihre Eltern für Menschen waren.
Frau Prostakowa. Leute aus der guten alten Zeit. Ja, das waren damals andre Zeiten! Wir erhielten gar keine Bildung. Manchmal kamen die Nachbarn und quälten, quälten den Vater, daß er doch wenigstens den Bruder zur Schule schickte – aber umsonst: der teure Verstorbene wehrte sich dagegen mit Händen und Füßen, Gott hab’ ihn selig. Mitunter schrie er: „Ich verfluche das Kind, welches irgend etwas diesen heidnischen Federfüchsen ablernt, und will nicht Skotinin heißen, wenn ich nicht jedem meiner Kinder die Lust zum Lernen ausprügele.“
Prawdin. Wie kommt’s denn, daß Sie Ihren Sohn aus diesem und jenem unterrichten lassen?
Frau Prostakowa. Wir leben in einer andern Zeit, mein Bester. (Zu Starodum.) Den letzten Bissen vom Munde opfern wir, damit nur unser Sohn alles erlerne. Tagelang sitzt mein armer Mitrofan über den Büchern. Mein Mutterherz blutet, aber ich tröste mich mit dem Gedanken: dafür ist er auch mit der Zeit ein gemachter Mann! Am heiligen Nikolaus-Tage im Winter wird er sechzehn Jahr alt. Ein Bräutigam wär’ er, wie man sich keinen bessern wünschen kann, aber noch immer kommen Lehrer, lassen keine Stunde unbenutzt vergehn; so warten auch jetzt zweie im Flur. (Macht Jeremejewna ein Zeichen, sie hereinzurufen.) Und in Moskau haben wir gar einen Ausländer auf sechs Jahre engagiert und einen Kontrakt in der Polizei abgeschlossen, damit ihn nicht andre zu sich herüberlocken. Er erbot sich, Mitrofan aus allem, das wir nur wünschen, zu unterrichten; wir jedoch sind der Ansicht, er solle daraus unterrichten, was er selber versteht und kennt. Ja, unsre Elternpflicht haben wir durchaus erfüllt: haben einen deutschen Hauslehrer, dem wir das Geld für drei Monate vorausbezahlen. Von Herzen gern würd’ ich es sehn, wenn du selber, Väterchen, dich überzeugen wolltest, was unser Mitrofan alles gelernt hat.
Starodum. Ich bin hierin kein Kenner.
Frau Prostakowa (Kutejkin und Zyfirkin erblickend). Da sind auch die Lehrer. Hab’ ich’s nicht gesagt, daß mein armer Mitrofan weder Tag noch Nacht Ruhe hat? Ich will mein eigenes Kind nicht loben, aber eines kann ich sagen: glücklich das Mädchen, das ihn zum Manne bekommt!
Prawdin. Das ist alles ganz schön: aber vergessen Sie doch nicht, daß unser Gast soeben erst aus Moskau angekommen ist und weit mehr der Ruhe bedarf als der Lobeserhebungen Ihres Sohnes.
Starodum. Ja, ich gestehe, daß ich sowohl von der Reise ausruhen möchte als auch von all dem, das ich gehört und gesehn.
Frau Prostakowa. Ach, Väterchen, alles ist bereit; ich selber habe dir das Zimmer in Ordnung gebracht.
Starodum. Ich danke. Sophiechen, begleite mich.
Frau Prostakowa. Wie, und wir? Erlaube, Väterchen, daß sowohl ich als auch mein Sohn und mein Mann dich begleiten! Zu Fuß wollen wir alle nach Kijew pilgern und dort für deine Gesundheit beten, wenn nur unser Geschäftchen zu stande kommt!
Starodum (zu Prawdin). Wann sehen wir uns? Nach einem kurzen Schläfchen bin ich wieder hier.
Prawdin. So werde ich auch die Ehre haben, Sie hierselbst zu sehn.
Starodum. Das freut mich. (Erblickt Milon, der ihn ehrfurchtsvoll grüßt, und erwidert höflich den Gruß.)
Frau Prostakowa. Also bitte, bitte. (Alle gehen ab: Prawdin und Milon nach der einen Seite, die übrigen nach der andern. Die Lehrer bleiben.)
Sechster Auftritt.
Kutejkin und Zyfirkin.
Kutejkin. Eine Satanswirtschaft das! Von früh an treib’ ich mich hier zwecklos herum. Auf solche Art muß jeder Morgen hier verwelken und verdorren.
Zyfirkin. Unsereiner hat’s seine Lebtage nicht anders: blutwenig gibt’s für uns zu thun. Ein Unglück aber ist, daß wir so schlecht gefüttert werden, wie es denn beispielsweise heute zu Mittag an Proviant mangelte.
Kutejkin. Hätte mich nicht der Herr erleuchtet, auf dem Hierherwege bei unsrer Hostienbäckerin einzukehren, ich würde jetzt heulen wie ein Hund.
Zyfirkin. Unsre Brotherrn sind mir nette Herrschaften!
Kutejkin. Hast du gehört, Bruderherz, welch ein Leben das hiesige Gesinde hat? Wohl hast du gedient, bist in mancher Schlacht gewesen, doch Furcht und Zittern würde dir ankommen und Grauen dich befallen, wenn –
Zyfirkin. Bah, ob ich’s gehört? Mit eigenen Augen sah ich hier ein stundenlanges Lauffeuer. (Seufzend.) Ach, traurig wird mir zu Sinn!
Kutejkin. Wehe mir Sünder!
Zyfirkin. Worüber seufzest du, Ssidorytsch?
Kutejkin. Auch dein Herz ist betrübt, Pafnutjitsch?
Zyfirkin. Unwillkürlich wird man schwermütig. Da hat mir Gott einen Schüler beschert, einen Edelmann. Das dritte Jahr nun quäl’ ich mich mit ihm ab, und noch kann er keine drei zählen.
Kutejkin. So haben wir beide Einen Kummer. Das vierte Jahr kastei’ ich meinen Leib. Keine neue Zeile kann der Junge aus der Fibel lesen, ist nur im stande, das Gelesene zu repetieren, und auch hierbei sogar kaut er die Worte ohne Sinn und Verstand.
Zyfirkin. Und wer ist schuld? Kaum hat er den Griffel in der Hand, erscheint der Deutsche in der Thür. Den Jungen erlöst man von der Schiefertafel, und mich möchte man vor die Thür setzen.
Kutejkin. Auch nicht meine Schuld ist’s. Kaum nehm’ ich den Bleistift zwischen die Finger, tritt mir der Heide vor die Augen. Dem Schüler wird der Kopf gestreichelt und dem Lehrer eins ins Genick versetzt.
Zyfirkin (eifrig). Ein Ohr ließe ich mir abhauen, könnt’ ich diesem Schmarotzer nach Soldatenart Räson beibringen.
Kutejkin. Geißeln ließe ich mich, könnt’ ich dem Barbaren den Hals brechen.
Siebenter Auftritt.
Die Vorigen. Frau Prostakowa und Mitrofan.
Frau Prostakowa. Derweilen er schläft, solltest du doch wenigstens zum Schein etwas lernen, mein Liebling, damit es zu seinen Ohren komme, wie fleißig du bist.
Mitrofan. Nun, und dann?
Frau Prostakowa. Und dann heiratest du.
Mitrofan. Höre, Mutter: ich will dir das Vergnügen machen, werde ein wenig lernen – doch soll’s das letzte Mal sein, noch heute muß die Verlobung stattfinden!
Frau Prostakowa. Die Stunde wird kommen, wenn Gott will, wo –
Mitrofan. Die Stunde ist gekommen, wo ich will! Ich will nicht lernen, will heiraten! Du selber hast mich so weit gebracht, schreib’s dir selber zu ... Nun, da sitz’ ich. (Zyfirkin spitzt den Griffel an.)
Frau Prostakowa. Und ich will mich hier nebenan setzen und dir ein Beutelchen stricken, damit du etwas hast, wohin Sophiechens Geld zu legen.
Mitrofan. Nun, her mit der Tafel, du Garnisonratte! Was soll ich schreiben?
Zyfirkin. Ew. Gnaden beißen sich immer ohne Ursache herum.
Frau Prostakowa (arbeitend). Du mein Gott! Der gute Junge darf Pafnutjitsch kein einziges Scheltwort sagen – gleich wird der Mann böse!
Zyfirkin. Böse? Nicht doch, Ew. Gnaden. Ein russisches Sprichwort sagt: Bellt der Hund, verweht’s der Wind.
Mitrofan. Nun, was soll ich repetieren? Rühr dich!
Zyfirkin. Beim ewigen Repetieren kann man nicht avancieren.
Frau Prostakowa. Ist nicht deine Sache, Pafnutjitsch. Es ist mir sehr lieb, daß Mitrofan nicht avancieren will: mit seinem Verstande und hoch avancieren – Gott verhüt’ es!
Zyfirkin. Die Aufgabe lautet: Du und ich gingen mal auf der Landstraße und mit uns – nun, sagen wir – Ssidorytsch. Wir fanden alle drei –
Mitrofan (schreibt). Drei.
Zyfirkin. Unterwegs dreihundert Rubel.
Mitrofan (schreibt). Dreihundert.
Zyfirkin. Darauf ging’s ans Teilen ... Nun berechne mal, wieviel ein jeder von uns zu bekommen hat.
Mitrofan (rechnet flüsternd). 1 × 3 = 3; 1 × 0 = 0 ... 1 × 0 = 0 ...
Frau Prostakowa. Was, was wird da geteilt?
Mitrofan. Gefundene dreihundert Rubel sollen unter drei Personen geteilt werden.
Frau Prostakowa. Unsinn, mein Herz! Hast du Geld gefunden, so teil’s mit keinem, behalt alles! Lerne nicht diese blödsinnige Wissenschaft, mein Junge!
Mitrofan. Hörst du, Pafnutjitsch? Ein andres Exempel!
Zyfirkin. Nun, schreibe. Für den Unterricht bekomm’ ich jährlich zehn Rubel.
Mitrofan (schreibt). Zehn.
Zyfirkin. Jetzt ist’s freilich herausgeworfenes Geld. Doch gesetzt den Fall, du würdest etwas von mir lernen, – so wär’ es kein Unglück, wenn noch zehn zugelegt würden.
Mitrofan (schreibt). Nun ... nun, zehn.
Zyfirkin. Wieviel macht’s denn im Jahr aus?
Mitrofan (rechnet flüsternd). 0 + 0 = 0, 1 + 1 ... (versinkt in Nachdenken).
Frau Prostakowa. Bemühe dich nicht unnütz, mein Bester: werde keinen Groschen zulegen. Wär’ auch ganz unnütz – die Wissenschaft ist nicht danach: du, armer Junge, wirst nur gequält, während das Ganze ein Unsinn ist. Ist kein Geld da, so braucht’s auch nicht gezählt zu werden; ist’s da, so werden wir’s auch ohne Pafnutjitsch sehr gut zusammenzählen.
Kutejkin. Fertig, Pafnutjitsch! Zwei Exempel sind gelöst – kontrolliert werden sie ja doch nicht.
Mitrofan. Habe keine Sorge: Mutter wird sich schon nicht verzählen! ... Nun laß uns das Gestrige wiederholen.
Kutejkin (Öffnet das Gebetbuch). Nun vorwärts mit Gottes Segen! ... Sprich mir aufmerksam nach ... Ich bin ein Wurm.
Mitrofan. Ich bin ein Wurm.
Kutejkin. Ein Wurm, das heißt ein Tier, ein Vieh. Das heißt: ich bin ein Vieh.
Mitrofan. Ich bin ein Vieh.
Kutejkin (mit belehrendem Ton). Und kein Mensch.
Mitrofan (ebenso). Und kein Mensch.
Kutejkin. Ein Spott der Leute.
Mitrofan. Ein Spott der Leute.
Kutejkin. Und veracht –
Achter Auftritt.
Die Vorigen und Wralmann.
Wralmann. O! o! o! o! Jetzt seh’ ich’s! Ins Grab bringen will man das Kind! Mutter, erbarme dich der Frucht deines Leibes, die du neun Monate in deinem Schoß herumgeschleppt hast, sozusagen ein achtes Wunder der Welt! Gibst du ihnen noch länger Freiheit, den verfluchten Bösewichtern – wie bald ist aus einem solchen Kopf ein Klotz gemacht! Das Kind ist schon disponiert dazu, hat alle Anlagen!
Frau Prostakowa. Wahrheit sprichst du, Adam Adamytsch ... Liebes Kind, wenn das Lernen deinem teuren Kopfe so schädlich ist, so bin ich der Ansicht, daß du aufhörst zu lernen.
Mitrofan. Dieser Ansicht bin ich schon lange.
Kutejkin (das Buch schließend). Fertig, und Ehre sei Gott in der Höh’.
Wralmann. Verehrteste, Teuerste, Beste – was willst du? Wie dein Sohn auch sein mag – aber er ist gesund; was hilft’s dir, wenn du einen weisen Sohn hast, sozusagen einen Arestotilis, und er steht mit einem Fuß im Grabe?
Frau Prostakowa. Das ist ja entsetzlich, Adam Adamytsch! Und er hat noch gestern so unakkurat zu Abend gegessen.
Wralmann. Bedenke nur, Werteste: schon ein überladener Magen ist ein Unglück. Wie nun, wenn sein Kopf, der doch viel schwächer ist als sein Magen – Gott schütze vor Unglück – überladen wird, was dann?
Frau Prostakowa. Wahrheit sprichst du, Adam Adamytsch! Aber was thun? Wenn der Knabe, ohne etwas gelernt zu haben, nach Petersburg kommt, so wird man ihn einen Dummkopf nennen! Heutzutage gibt’s zu viele Kluge, und diese gerade fürchte ich.
Wralmann. Warum sie fürchten, Verehrteste? Ein vernünftiger Mensch wird nie mit ihm anbinden, wird nie mit ihm in Meinungsstreit kommen; er aber soll auch mit klugen Menschen keine Gemeinschaft suchen, und der Segen des Himmels wird auf ihm ruhn.
Frau Prostakowa. So mußt du auf der Welt leben, Mitrofan.
Mitrofan. Ich selbst, Mutter, bin kein Freund von klugen Menschen; nur gleich und gleich gesellt sich gern.
Wralmann. Natürlich lebt sich’s am besten unter seinesgleichen, sozusagen in eigener Gesellschaft.
Frau Prostakowa. Aber, Adam Adamytsch – aus wem willst du denn diese Gesellschaft bilden?
Wralmann. Besorge nicht, Verehrteste, besorge nicht: Solcher, wie dein teurer Sohn, gibt’s auf Erden Millionen! Wie sollte er sich da keine Gesellschaft finden?
Frau Prostakowa. Er ist zwar mein Sohn, aber dennoch ein findiger, gewandter Junge.
Wralmann. Jammerschade nur, daß er sich halbtot hat lernen müssen! Russische Grammatik! Arithmetik! Ach, du lieber Gott! Wie dabei noch die Seele im Leibe bleibt?! Als ob ein russischer Edelmann ohne die russische Grammatik in der Welt nicht avancieren könnte!
Kutejkin (beiseite). Daß dir der Pips an der Zunge wüchse!
Wralmann. Als ob früher die Menschen ohne die Arithmetik lauter Dummköpfe gewesen wären!
Zyfirkin (beiseite). Ich will dir schon deine Rippen zählen, wart du nur! Dich krieg’ ich schon!
Wralmann. Wissen muß man, wie man auf der Welt leben soll. Und ich kenne die Welt auswendig, ich bin ein geriebener Vogel!
Frau Prostakowa. Wie solltest du die Welt nicht kennen, Adam Adamytsch! Wieviel du allein in Petersburg gesehn haben magst!
Wralmann. Genug, Verehrteste, genug! Ich hab’s immer geliebt, mir das Publikum anzusehn. Sobald die Herrschaften in ihren Wagen am Feiertag nach Katharinenhof kamen, hatte ich vollauf zu sehen. Manchmal stieg ich stundenlang nicht vom Bock.
Frau Prostakowa. Von welchem Bock?
Wralmann (für sich). O, o, o – was hab’ ich da gesagt! (Laut.) Du weißt, Verehrteste, daß man am besten sieht, wenn man recht hoch sitzt. So kletterte ich denn manchmal auf den Wagen eines Bekannten und sah mir vom Bock aus die große Welt an.
Frau Prostakowa. Freilich sieht man auf solche Weise besser. Ein kluger Mensch weiß, wohin er steigt.
Wralmann. Auch dein teurer Sohn wird noch in der Welt steigen: die Menschen zu sehn und sich selber zu zeigen ... Prachtjunge! (Mitrofan dreht sich herum, auf demselben Platz stehen bleibend.) Prachtjunge! Kann nicht stille stehn, gleich einem wilden Roß ohne Zaum ... Nun, fort! (Mitrofan läuft fort.)
Frau Prostakowa (freudig lächelnd). Ist doch noch ein wahres Kind, obgleich schon Bräutigam! Muß doch nachsehn, daß er in seinem Mutwillen den teuren Gast nicht belästige.
Wralmann. Geh, Verehrteste, geh. Um diesen losen Vogel zu überwachen, muß man seine Augen überall haben.
Frau Prostakowa. So lebe denn wohl, Adam Adamytsch. (Ab.)
Neunter Auftritt.
Wralmann, Kutejkin und Zyfirkin.
Zyfirkin (höhnend). Affenfratze!
Kutejkin (ebenso). Du Sprichwort und Spott unter allen Völkern!
Wralmann. Nun, was fletscht ihr die Zähne, ihr ungebildeten Menschen?!
Zyfirkin (schlägt ihn auf die Schulter). Und was ziehst du die Augenbrauen zusammen, du finnische Eule?
Wralmann. Au, das ist eine eiserne Tatze!
Kutejkin (ihn gleichfalls auf die Schulter schlagend). Uhu verfluchter! Was rollst du deine Glotzaugen?
Wralmann (für sich). Ich bin verloren! (Laut.) Spottet ihr mein, Kameraden?
Zyfirkin. Selber issest du hier unverdientes Brot und hinderst andere, etwas zu thun! Dummes Gesicht!
Kutejkin. Eitel Hoffart redet deine Zunge, du Gottloser.
Wralmann (sich von seinem Schrecken erholend). Wie wagt ihr’s, gegen eine gebildete Person unhöflich zu sein? Ich werde um Hilfe schreien.
Zyfirkin. Gleich werden wir dir unsre Hochachtung bezeigen: ich mit der Tafel –
Kutejkin. Und ich mit dem Buche.
Wralmann. Ich werde euch bei der gnädigen Frau verklagen! (Zyfirkin holt mit der Tafel aus, Kutejkin mit dem Buche.)
| Zyfirkin. Deine Fratze will ich dir zerfleischen! | } | (Gleichzeitig.) |
| Kutejkin. Ich zerschmettere des Gottlosen Zähne! (Wralmann flieht.) |
Zyfirkin. Aha, da läuft der Hasenfuß!
Kutejkin. Hebe dich hinweg, Gottverfluchter!
Wralmann (in der Thür). Was nun, ihr Bestien? Steckt mal eure Nase hierher!
Zyfirkin. Hast Reißaus genommen! Wir würden dich schon durchgewalkt haben!
Wralmann. Ich fürchte euch nicht, jetzt fürcht’ ich euch nicht!
Kutejkin. Geborgen hat sich der Gottlose! Hast du noch viele von deinem Heidengesindel in der Nähe? Rufe sie alle!
| Wralmann. Seid mit Einem nicht fertig geworden! Nun, was, habt ihr’s? | } | (Durcheinanderschreiend.) |
| Zyfirkin. Ich allein werde mit zehn Mann fertig! | ||
| Kutejkin. Frühe vertilge ich alle Gottlosen im Lande! |