Erster Auftritt.
Sophie (allein; sieht auf die Uhr). Der Onkel muß bald herkommen. (Setzt sich, nimmt ein Buch und liest ein wenig.) Das ist wahr: wie sollte das Herz nicht zufrieden sein, wenn das Gewissen ruhig ist? (Liest wieder.) Man muß die Gesetze der Tugend lieben: sie führen zum Glück. (Liest noch einige Zeilen, erblickt Starodum und eilt ihm entgegen.)
Zweiter Auftritt.
Sophie und Starodum.
Starodum. Ach, du bist schon hier, mein Herz?
Sophie. Ich habe Sie erwartet, Onkelchen, und derweil ein Buch gelesen.
Starodum. Welches?
Sophie. Ein französisches: Fénelons „Mädchenerziehung“.
Starodum. Fénelons, des Verfassers des „Telemach“? Das muß ein gutes Buch sein. Ich kenn’ es zwar nicht, jedoch lies es nur. Wer den „Telemach“ geschrieben, dessen Feder kann keine Sittenverderberin sein. Die modernen Schöngeister machen mich für die jungen Mädchen fürchten. Ich habe sie alle gelesen, soweit sie ins Russische übersetzt sind. Es ist wahr: sie rotten die Vorurteile aus, rütteln jedoch bedenklich an den Wurzeln der Moral. Setzen wir uns. (Sie setzen sich.) Mein innigster Wunsch ist, dich so glücklich zu wissen, wie man auf Erden nur immer glücklich sein kann.
Sophie. Ihre Lehren, Onkelchen, werden mein ganzes Glück begründen. Geben Sie mir Lehren, denen ich folgen soll. Leiten Sie mein Herz, es gehorcht Ihnen gern.
Starodum. Deine Herzensneigung ist mir teuer. Mit Freuden will ich dir meine Ratschläge erteilen. Höre mir mit einer Aufmerksamkeit zu, die der Aufrichtigkeit meiner Rede gleichkommt. Rücke näher. (Sophie nähert ihm ihren Stuhl.)
Sophie. Onkelchen, jedes Ihrer Worte wird sich tief meinem Herzen einprägen.
Starodum. Du stehst jetzt in dem Alter, wo die Seele ihres ganzen Seins genießen, die Vernunft lernen, das Herz empfinden will. Du trittst jetzt in die Welt, wo der erste Schritt oft für das ganze Leben entscheidend ist, wo oft eine in ihren Begriffen demoralisierte Vernunft, ein in seinen Gefühlen demoralisiertes Herz die erste Begegnung bildet. O mein Freund, lerne unterscheiden, lerne zu denen halten, deren Freundschaft dir das Wohl deiner Vernunft und deines Herzens verbürgt.
Sophie. Mein ganzes Streben wird darnach gerichtet sein, die Achtung würdiger Menschen zu erwerben. Wie jedoch mach’ ich’s, daß diejenigen, die ich meide, mir dafür nicht zürnen? Gibt es nicht ein Mittel, daß mir kein Mensch auf Erden gram sei?
Starodum. Die Abneigung Unwürdiger muß nicht kränkend sein. Wisse, daß man nie demjenigen Böses wünscht, den man verachtet; im Gegenteil: man wünscht Böses dem, der selber das Recht hat, zu verachten. Die Menschen beneiden einander nicht allein um Reichtum und Rang: auch die Tugend hat ihre Neider. Diese geben sich alle Mühe, ein unschuldiges Herz zu verderben, um es bis zu sich herab zu erniedrigen; und die Vernunft wird verderbt, damit sie im Unwürdigen ihr Glück ersehe.
Sophie. Ist es denn möglich, lieber Onkel, daß es auf der Welt solche bedauernswerte Menschen gibt, in deren Herzen eine lasterhafte Empfindung dadurch entsteht, daß ein andrer nicht lasterhaft empfindet? Ein tugendhafter Mensch muß solche Unglückliche bedauern.
Starodum. Es ist wahr, sie sind bedauernswert: doch darum setzt ein tugendhafter Mensch seinen Weg unbeirrt fort. Denke nur, welch ein Unglück es wäre, wenn die Sonne aufhören würde zu scheinen, bloß um schwache Augen nicht zu blenden!
Sophie. Aber sagen Sie mir, bitte, ob die Menschen selber die Schuld tragen an der Lasterhaftigkeit ihrer Seele? Kann denn ein jeder Mensch tugendhaft sein?
Starodum. Glaube mir, daß jedermann genügend Kraft finden kann, um tugendhaft zu sein. Man muß nur recht wollen, und leicht wird es dann fallen, das zu unterlassen, wofür in der Folge das Gewissen Vorwürfe machen könnte.
Sophie. Wer denn wird einen Menschen warnen, wer ihn an einer That verhindern, die Gewissensbisse zur Folge haben könnte?
Starodum. Wer ihn warnen wird? Wiederum das Gewissen. Ja, das Gewissen warnt stets als Freund früher, bevor es als Richter bestraft.
Sophie. Dann muß ja jeder lasterhafte Mensch verachtungswert sein, wenn er wissentlich etwas Böses verübt. Dann muß seine Seele recht niedrig sein, wenn sie sich nicht über die böse That erheben kann.
Starodum. Und seine Vernunft muß keine Vernunft sein, wenn sie ihr Glück in etwas Unwürdigem ersieht.
Sophie. Mir scheint, lieber Onkel, daß alle Menschen einerlei Meinung sind, worin das Glück bestehe. Ehrenauszeichnungen, Reichtum –
Starodum. Ganz recht, mein Freund. Auch ich will einen Mann, der reich ist und ausgezeichnet wird, glücklich heißen. Doch wollen wir erst untersuchen, wer denn ausgezeichnet wird und reich ist. Ich habe hierüber mein eigenes Urteil. Den Ruhm bemesse ich nach den Thaten, die ein berühmter Mensch zum Besten seines Vaterlandes gethan, und nicht nach den Thaten, die in selbstsüchtigem Ehrgeiz ihre Quelle haben; ich bemesse den Ruhm nicht nach der Anzahl der Menschen, die in des Gefeierten Vorzimmer einander drängen und stoßen, sondern nach der Zahl jener Menschen, die mit seinem Betragen, mit seinen Handlungen zufrieden sind. Ein derart ausgezeichneter Mensch ist in der That glücklich. – Ferner ist meiner Ansicht nach, nicht derjenige reich, der sein Geld abzählt, um es in Kisten und Spinden zu verwahren, sondern derjenige gilt mir reich, der sein überflüssiges Geld abzählt, um den Bedürftigen zu helfen.
Sophie. Wie wahr ist das alles! ... Wie oft betrügt uns der äußere Schein! Ich selbst hatte mehrfach Gelegenheit zu sehen, wie man denjenigen beneidet, der etwas bei Hofe sucht und daselbst etwas bedeutet.
Starodum. Und die Neider wissen nicht, daß jede Kreatur bei Hofe etwas sucht und sogar etwas bedeutet; sie wissen es nicht, daß bei Hofe jedermann Höfling ist und Höflinge hat. Nein, hier ist nichts zu beneiden: ohne Ehrenhandlungen ist ein Ehrenstand ein Unding.
Sophie. Gewiß, Onkel. Und ein derart ausgezeichneter Mensch macht keinen, außer sich selber, glücklich.
Starodum. Wie? Ist denn derjenige glücklich, der allein, vereinsamt glücklich ist? Wisse, daß, so groß auch sein Ruhm sei, er doch niemals vollständige Glückseligkeit empfinden kann. Stelle dir einen Menschen vor, der seinen ganzen Ruhm nur dazu benutzen wollte, um es selber gut zu haben, der es auch erreichte, daß für ihn selber nichts mehr zu wünschen übrigbliebe; dann würde ja seine ganze Seele nur ein Gefühl mit sich herumtragen – die Furcht, früher oder später von der Höhe seines Glücks gestürzt zu werden. Sage nun, mein Freund, ob derjenige glücklich ist, der nichts mehr zu wünschen hat und nur fürchten kann?
Sophie. Ich sehe nun den Unterschied zwischen dem Glücklichscheinen und Glücklichsein. Aber es ist mir unbegreiflich, wie ein Mensch immer nur an sich denken kann! Bedenkt man denn nicht, daß man andern verpflichtet ist? Wo bleibt denn der Verstand, auf den man sich so viel zu gute thut?
Starodum. Sich etwas auf den Verstand zu gute thun? Ein Verstand, der nur Verstand ist, will noch gar wenig bedeuten! Es gibt Menschen, die bei bedeutendem Verstande schlechte Ehemänner, schlechte Väter, schlechte Bürger sind. Wert verleiht dem Verstande nur die Tugend: ohne Tugend ist auch ein kluger Mensch ein Ungeheuer. Sie steht unendlich höher als ein hoher Verstand – das wird jeder leicht begreifen, der nur ein wenig nachdenkt. Es gibt viele Arten des Verstandes. Einem klugen Menschen kann man verzeihen, wenn ihm diese oder jene Eigenschaft des Verstandes abgeht; einem tugendhaften Menschen verzeiht man’s nicht, wenn ihm irgend eine Tugend des Herzens fehlt: er muß sie alle insgesamt besitzen, denn die Tugend des Herzens ist unteilbar. Ein tugendhafter Mensch muß vollkommen tugendhaft sein.
Sophie. Ihre Erklärung, lieber Onkel, entspricht ganz meinem innern Gefühl, das ich nicht verstehe in Worte zu fassen. Jetzt empfind’ ich lebhaft, worin der Wert eines tugendhaften Menschen, worin seine Pflicht besteht.
Starodum. Pflicht! Ach, mein Freund – dieses Wort ist auf aller Lippen und wird doch oft so falsch verstanden. Der beständige Gebrauch dieses Wortes hat uns dermaßen an dasselbe gewöhnt, daß ein Mensch, der es ausspricht, nichts dabei denkt und empfindet. Wenn die Menschen die Bedeutung dieses Wortes wüßten, würden sie es nicht ohne innere Ehrfurcht aussprechen. Was ist die Pflicht? Jenes heilige Gelübde, das uns an alle bindet, mit denen wir leben und von denen wir abhängen. Wenn jeder den Begriff der Pflicht so auffaßte, wie er ihn ausspricht, so würde jeder Stand nicht über den seiner Lage angemessenen Ehrgeiz streben, würde vollkommen glücklich sein. Der Edelmann z. B. würde es sich zur Unehre gereichen lassen, wenn er nicht ausschließlich seiner großen Pflicht obläge – den Untergebenen zu helfen, dem Vaterlande zu dienen. Dann würde es keine Edelleute geben, deren Adel sozusagen zugleich mit ihren Vorfahren begraben wird. Ein Edelmann, der nicht wert ist ein Edelmann zu sein, ist das erbärmlichste Geschöpf, das ich mir vorstellen kann.
Sophie. Kann man sich denn dermaßen erniedrigen?
Starodum. Mein Freund! Das, was ich vom Edelmann gesagt, kann auf alle Menschen angewendet werden. Jedermann hat seine Pflichten, doch wie werden sie erfüllt? Wie z. B. sind die Männer heutigentags – die Frauen auch nicht zu vergessen!? O mein Kind, höre mir nun mit vollster Aufmerksamkeit zu! Betrachten wir uns z. B. eine unglückliche Familie, wie es deren eine Unmenge gibt, wo die Frau keine herzliche Freundschaft für den Mann empfindet, noch er Vertrauen zu ihr; wo beide auf ihre Art den Weg der Tugend verlassen. Statt eines innigen und nachsichtigen Freundes erblickt die Frau in ihrem Manne einen groben und lasterhaften Tyrannen. Andrerseits sieht der Mann in der Seele seiner Frau statt Sanftmut und Treuherzigkeit – die Eigenschaften einer tugendhaften Frau – nur widerspenstige Frechheit, die Frechheit einer Frau aber ist das Aushängeschild eines lastervollen Charakters. Beide werden sich gegenseitig zur unerträglichen Last; beide mißachten einen guten Namen, weil sie ihn beide verloren haben. Gibt es wohl eine schrecklichere Lage? Das Hauswesen ist verwahrlost; die Dienerschaft vergißt die Pflicht des Gehorsams, weil sie in ihrem eigenen Herrn einen Sklaven niedriger Leidenschaft sieht; das Gut wird ruiniert: es gehört keinem, weil der Herr nicht sich selber gehört. Die Kinder, die unglücklichen Kinder, sind schon zu Lebzeiten der Eltern arme Waisen. Der Vater, der seine Frau mißachtet, wagt kaum die Kinder zu umarmen, wagt kaum, sich den zartesten Empfindungen eines Menschenherzens hinzugeben. Die unschuldigen Kleinen entbehren gleichfalls der mütterlichen Liebe. Sie, die nicht wert ist, Kinder zu haben, entzieht sich ihren Liebkosungen, indem sie darin entweder die Ursache ihrer Unruhe oder einen Vorwurf für ihre Lasterhaftigkeit erblickt. Und welche Erziehung kann eine lasterhafte Mutter ihren Kindern geben? Wie soll sie ihnen Lehren der Tugend einimpfen, da sie selber keine Tugend besitzt? Welche Hölle muß in der Seele der Eltern brennen, wenn ihr Gedanke sich einmal ernstlich mit ihrer gräßlichen Lage beschäftigt.
Sophie. Wie entsetzenerregend ist dieses Beispiel!
Starodum. Gewiß muß es ein tugendhaftes Herz erschüttern. Doch ich denke, daß ein Mensch nicht in dem Grade demoralisiert sein kann, um ruhigen Blutes solche Greuel anzusehen.
Sophie. Gott, wodurch entsteht nur ein so schreckliches Unglück?
Starodum. Dadurch, mein Freund, daß bei den heutigen Eheschließungen selten das Herz zu Rate gezogen wird. Man sieht nur darauf, ob der Bräutigam eine angesehene und reiche und die Braut eine schöne und reiche Person ist. Nach der Tugend wird nicht gefragt. Keinem kommt es in den Sinn, daß in den Augen denkender Menschen ein Ehrenmann ohne Rang einen hohen Rang einnimmt, daß die Tugend alles ersetzt und selber durch nichts ersetzt werden kann. Und ich muß gestehn, liebe Sophie, daß mein Herz nur dann ganz ruhig sein wird, wenn ich dich als die Frau eines Ehrenmannes sehen werde, wenn wechselseitige Liebe –
Sophie. Einen ehrenhaften Gatten kann man ja nicht anders als recht freundschaftlich lieben.
Starodum. Richtig. Nur sei deine Liebe zum Gatten nicht der Freundschaft gleich, sondern deine Freundschaft zu ihm sei der Liebe ähnlich – dann werdet ihr noch nach zwanzig Jahren ehelichen Zusammenlebens eine unverminderte Neigung zu einander empfinden. Ein vernünftiger, ehrenhafter Mann und eine vernünftige, tugendhafte Frau – was kann es Herrlicheres geben? Dein Mann muß der Stimme der Vernunft gehorchen, und du deinem Manne, und dann ist euer Glück ein vollkommenes.
Sophie. Jedes Ihrer Worte geht mir zu Herzen.
Starodum (mit zärtlichem Feuer). Und mein Herz entzückt sich an dem Gefühl deines Herzens! Von dir allein hängt dein Glück ab. Gott hat dir allen Reiz deines Geschlechts verliehen. Ich sehe, daß du ein tugendhaftes Herz im Busen trägst. Ja, mein geliebtes Kind, du vereinigst in dir die Vorzüge beider Geschlechter! Ich schmeichle mir, daß meine Liebe zu dir mich nicht täuscht, daß deine Tugenden –
Sophie. Du hast jedes meiner Gefühle tugendhaft gemacht! (Will seine Hand küssen.)
Starodum (ihre Hand küssend). Ich danke Gott, daß ich in dir selbst einen festen Grund für dein Glück sehe. Nicht von Würden und Reichtum wird es abhängen, denn beides kann noch dereinst dein werden. Doch du besitzest bereits ein noch größeres Glück – das Gefühl, daß du würdig bist des Glückes, das du empfindest!
Sophie. Teuerster, bester Onkel! mein ganzes Glück ist, daß ich dich habe. Ich kenne den Wert –
Dritter Auftritt.
Die Vorigen. Ein Kammerdiener kommt und übergibt Starodum einen Brief.
Starodum. Von wo?
Kammerdiener. Aus Moskau, durch einen expressen Boten. (Ab.)
Starodum (entsiegelt das Schreiben und liest die Unterschrift). Ah, vom Grafen Tschestan. (Beginnt zu lesen, macht aber Miene, nicht gut sehen zu können.) Sophie, bitte, meine Brille – im Buch auf dem Tisch.
Sophie (im Abgehen). Sofort, Onkelchen.
Vierter Auftritt.
Starodum (allein). Er schreibt mir natürlich von seinem Vorschlag, den er mir in Moskau gemacht. Ich kenne Milon nicht; doch wenn sein Onkel, mein geschätzter Freund, und alle seine Bekannten ihn für einen würdigen und ehrenhaften Mann halten ... wenn ihr Herz frei ist ...
Fünfter Auftritt.
Starodum und Sophie.
Sophie (die Brille gebend.) Hier ist sie, Onkelchen.
Starodum (liest). „Ich habe soeben erfahren ... führt sein Kommando nach Moskau ... er muß mit Ihnen zusammentreffen. Es würde mich herzlich freuen, wenn er Sie sehen sollte ... Bitte, bringen Sie seine Gesinnungsart in Erfahrung“ ... (Beiseite.) Natürlich, sonst geb’ ich sie ihm nicht ... „Sie werden finden ... Ihr aufrichtiger Freund ...“ Gut. Dieser Brief betrifft dich. Ich habe dir schon gesagt, daß mir ein junger Mann sehr warm empfohlen worden ist ... Meine Worte machen dich stutzen, mein Freund, das hab’ ich schon damals gesehn und seh’ es auch jetzt. Doch dein Vertrauen zu mir –
Sophie. Kann ich denn etwas auf dem Herzen haben, das ich vor Ihnen als Geheimnis bergen sollte? Nein, lieber Onkel, ich will Ihnen treuherzig gestehn –
Sechster Auftritt.
Die Vorigen. Prawdin und Milon.
Prawdin. Erlauben Sie, Ihnen meinen aufrichtigen Freund Milon vorzustellen.
Starodum (beiseite). Milon!
Milon. Ich würde es für ein hohes Glück ansehn, wenn Sie mir Ihr Wohlwollen schenkten.
Starodum. Ist Graf Tschestan Ihnen verwandt?
Milon. Er ist mein Onkel.
Starodum. Mit Freuden mache ich Bekanntschaft mit einem Manne von Ihren Eigenschaften. Ihr Onkel hat mir von Ihnen gesprochen; er läßt Ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren. Er rühmt Ihre Vorzüge –
Milon. Das thut er nur aus Güte. In meinem Alter und bei meiner Stellung wär’ es eine unverzeihliche Hoffart, wollte ich das Lob, das mir ehrenwerte Männer spenden, für verdient hinnehmen.
Prawdin. Ich bin im voraus versichert, daß mein Freund Ihr Wohlwollen erwirbt, sobald Sie ihn näher kennen lernen. Er verkehrte oft im Hause Ihrer seligen Schwester. (Starodum sieht sich nach Sophie um.)
Sophie (leise und sehr befangen zu Starodum). Und die Mutter liebte ihn wie einen Sohn.
Starodum (zu Sophie). Das ist mir sehr angenehm. (Zu Milon.) Ich habe gehört, daß Sie in der Armee dienten, Ihre Tapferkeit –
Milon. Ich that nur meine Pflicht. Weder Alter noch Rang ließen mich bisher meine Tapferkeit beweisen, falls ich sie wirklich besitze.
Starodum. Wie?! Sie waren ja in der Schlacht und haben mehrfach Ihr Leben aufs Spiel gesetzt –
Milon. Ich hab’s aufs Spiel gesetzt ebenso wie alle andern. Ein derartiger Mut ist eine Eigenschaft des Herzens, die dem Soldaten der Oberst zu haben befiehlt, und dem Offizier – die Ehre. Ich muß aufrichtig gestehn, daß ich noch keine Gelegenheit gehabt habe, eine echte Tapferkeit an den Tag zu legen, was ich jedoch von Herzen wünsche.
Starodum. Ich wäre sehr neugierig zu erfahren, was Sie unter echter Tapferkeit verstehen.
Milon. Meiner Ansicht nach hat die Tapferkeit ihren Sitz in der Seele und nicht im Herzen. Ist die Seele tapfer, so ist auch das Herz unbedingt mutig. In unserm Kriegshandwerk muß der Soldat mutig, der Befehlshaber tapfer sein. Mit kaltem Blute erkennt er alle Grade der Gefahr, ergreift die nötigen Maßregeln, schätzt den Ruhm höher als sein Leben; und was die Hauptsache ist: zum Nutzen und Ruhm seines Vaterlandes ist er tapfer genug, des eigenen Ruhmes zu vergessen. Seine Tapferkeit besteht somit nicht darin, daß er sein Leben gering achtet, denn er setzt es nicht blindlings aufs Spiel, sondern darin, daß er es zu opfern versteht.
Starodum. Ganz richtig. Echte Tapferkeit sehen Sie im Kriegsbefehlshaber; kann sie aber auch den andern Ständen eigen sein?
Milon. Sie ist eine Tugend, und folglich kann sich jeder Stand durch sie auszeichnen. Mir scheint, der Mut des Herzens erweist sich während der Schlacht, die Tapferkeit der Seele jedoch in allen Prüfungen, in jeder Lage des Lebens. Und welch ein gewaltiger Unterschied besteht doch zwischen dem Mut des Soldaten, der gleichzeitig mit andern beim Sturmlauf sein Leben wagt, und der Tapferkeit eines Staatsmannes, der seinem Landesherrn die Wahrheit sagt und dadurch dessen Zorn auf sich zu laden riskiert! Ein Richter, der, die Drohungen und Rache des Mächtigen nicht fürchtend, dem Hilflosen hat Gerechtigkeit widerfahren lassen – ist in meinen Augen ein Held. Wie kleinlich ist doch die Seele eines Mannes, der um ein Nichts seinen Nebenmenschen zum Duell herausfordert, im Vergleich mit dem Manne, der die Ehre eines Abwesenden vor dessen Verleumdern in Schutz nimmt! Ich verstehe die Tapferkeit –
Starodum. Wie sie ein Mann verstehen muß, dessen Seele sie besitzt. Umarme mich, mein Freund! Vergib mir meine Freimütigkeit: ich bin ein Freund ehrenhafter Menschen. Dieses Gefühl wurzelt in der Erziehung, die ich genossen. In dir sehe ich die Tugend im Schmucke eines hellen Verstandes.
Milon. Eine edle Seele ... Nein, nicht länger hält mein Herz sein Gefühl zurück! Nein! ... Deine Tugend entlockt meiner Seele ihr Geheimnis! Ist mein Herz tugendhaft, verdient es glücklich zu werden – so liegt es in deiner Macht, es glücklich zu machen. Und glücklich werde ich sein, wenn du mir deine liebenswürdige Nichte zur Frau gibst. Unsre gegenseitige Liebe –
Starodum (freudig zu Sophie). Wie? Dein Herz verstand schon denjenigen zu wählen, den ich dir im voraus ausersehen hatte? Er ist jener Bräutigam –
Sophie. Und ich liebe ihn von Herzen.
Starodum. Ihr seid beide einer des andern würdig. (Vereinigt entzückt ihre Hände.) Von ganzer Seele gebe ich meine Einwilligung.
| Milon (Starodum umarmend). Mein Glück ist unermeßlich! | } | (Zusammen.) |
| Sophie (Starodums Hände küssend). Wer kann glücklicher sein als ich?! |
Prawdin. Wie aufrichtig bin ich erfreut!
Starodum. Mein Glück kennt keine Worte!
Milon (Sophie die Hand küssend). O seliger Augenblick!
Sophie. Ewig wird mein Herz dich lieben!
Siebenter Auftritt.
Die Vorigen und Skotinin.
Skotinin. Auch ich bin da.
Starodum. Was führt dich her?
Skotinin. Meine eigene Angelegenheit.
Starodum. Womit kann ich dienen?
Skotinin. Mit drei Worten.
Starodum. Und diese sind?
Skotinin. Umarme mich recht fest und sage: Sophie ist dein.
Starodum. Bist du nicht recht gescheit? Denke mal ordentlich nach!
Skotinin. Ich denke niemals und bin im voraus versichert, daß, wenn auch du nicht denken wirst, Sophie die Meine wird.
Starodum. Sonderbarer Kauz! Du bist, wie ich sehe, nicht auf den Kopf gefallen und willst, daß ich meine Nichte einem Menschen gebe, den ich gar nicht kenne.
Skotinin. Dann sag’ ich’s dir, und du wirst mich kennen. Ich bin Taras Skotinin, nicht der letzte meines Geschlechts. Die Skotinin sind ein großes und altes Geschlecht. Den Urururgroßvater findest du in keiner Heraldik.
Prawdin. Sie werden uns noch glauben machen wollen, daß er älter ist als Adam!
Skotinin. Und du meinst nicht? Wenn auch nicht viel –
Starodum (lachend). Gewiß, dein Urururgroßvater ist zwar am sechsten Tage erschaffen, doch ein wenig früher als Adam.
Skotinin. Du bist also hoher Meinung von dem Alter unsres Geschlechts?
Starodum. So hoher Meinung, daß ich mich wundere, wie du nur eine Frau wählen kannst, die nicht zum Geschlecht der Skotinin gehört.
Skotinin. Du kannst dir demnach vorstellen, wie glücklich Sophie mit mir sein wird. Sie ist von Adel –
Starodum. Lieber Mann, darum gerade bist du kein Bräutigam für sie.
Skotinin. Ich lass’ es schon daran ankommen. Mag man sich die Zunge abreden, daß Skotinin eine Adelige genommen hat – mir ist’s gleich.
Starodum. Aber ihr ist es nicht gleich, wenn es heißt, daß eine Adelige einen Skotinin genommen hat.
Milon. Eine solche ungleiche Partie kann kein Glück ins Haus bringen.
Skotinin. He, was hat der mitzusprechen? (Leise zu Starodum.) Ist’s nicht gar ein Nebenbuhler?
Starodum (leise zu Skotinin). Mir will’s auch so scheinen.
Skotinin (leise). Wo sollt’ er, zum Teufel?!
Starodum (ebenso). Natürlich wird’s ihm schwer fallen.
Skotinin (laut, auf Milon weisend). Nun, wer von uns macht sich hier lächerlich? Hahaha!
Starodum (lacht). Ich sehe, wer sich lächerlich macht.
Sophie. Onkelchen, wie freut es mich, daß Sie fröhlich sind!
Skotinin (zu Starodum). Ei, du bist ja ein ganz lustiger Herr! Anfangs glaubt’ ich, daß man dir gar nicht nah’ kommen kann. Hast damals kein Wort mit mir gesprochen, und jetzt lachst du sogar.
Starodum. Ich bin nun mal so ein Mensch, habe meine Augenblicke.
Skotinin. Das seh’ ich. Damals war ich ja derselbe Skotinin, du aber ärgertest dich.
Starodum. Ich hatte meine Gründe.
Skotinin. Die kenn’ ich nicht. Doch auch ich bin hierin eigen. Wenn ich z. B. zu Hause zum Koben trete und die Schweine nicht in Ordnung finde, so braus’ ich auf. Übrigens hast auch du bei deinem Herkommen das Haus als einen Schweinekoben angetroffen und daher dein Ärger.
Starodum. Du bist glücklicher als ich: auf mich machen die Menschen Eindruck –
Skotinin. Und auf mich die Schweine.
Achter Auftritt.
Die Vorigen. Frau Prostakowa, Prostakow, Mitrofan und Jeremejewna.
Frau Prostakowa (eintretend). Hast du auch alles bei dir?
Mitrofan. Beruhige dich endlich mal!
Frau Prostakowa (zu Starodum). Hast du gut zu ruhen geruht, Väterchen? Wir alle gingen im vierten Zimmer auf den Zehenspitzen, um dich nicht aufzuwecken wir wagten’s nicht, durchs Schlüsselloch zu sehn. Doch da hörten wir dich hier sprechen und sind gekommen. Nichts für ungut –
Starodum. O, es wäre mir sehr unangenehm, wenn Sie früher gekommen wären.
Skotinin. Spielst du mir einen Schabernack, Schwester, daß du dich mir an die Fußsohlen heftest? Ich habe hier ein Geschäft abzumachen.
Frau Prostakowa. Und ich auch. (Zu Starodum.) Verstatte, Väterchen, daß wir dich mit einer Bitte belästigen. (Zu Mann und Sohn.) Grüßet!
Starodum. Mit welcher?
Frau Prostakowa. Erst bitte ich alle, Platz zu nehmen. (Alle, mit Ausnahme von Mitrofan und Jeremejewna, setzen sich.) Die Sache ist nämlich die, Väterchen: Gott der Herr hat uns auf das Gebet unsrer Eltern hin (wo hätten wir Sünder ihn erbitten können!) das Söhnchen Mitrofan geschenkt. Wir thaten unser möglichstes, daß er so werde, wie du ihn jetzt siehst. Wolltest du dich nicht bemühen, Einsicht zu gewinnen, was er gelernt hat und kennt?
Starodum. O, es ist mir bereits zu Ohren gekommen, was er gelernt hat. Ich habe gehört, wer seine Lehrer sind, und weiß im voraus, welche Sprachkenntnisse ihm Kutejkin beigebracht, und was er aus der Mathematik bei Zyfirkin gelernt hat. (Zu Prawdin.) Neugierig wär’ ich, zu erfahren, was er beim Deutschen gelernt.
| Frau Prostakowa. Alle Wissenschaften. | } | (Gleichzeitig.) |
| Prostakow. Alles. | ||
| Mitrofan. Alles, was du willst. |
Prawdin (zu Mitrofan). Was denn z. B.?
Mitrofan (gibt ihm ein Buch). Hier, Grammatik.
Prawdin (nimmt das Buch). Ich sehe wohl, daß es eine Grammatik ist. Nun, und was kennen Sie daraus?
Mitrofan. Eine Menge. Viele Redeteile –
Prawdin. Nun, was für ein Redeteil ist das Wort „Thür?“
Mitrofan. Thür? Welche Thür?
Prawdin. Welche Thür? ... Nun, diese da.
Mitrofan. Diese? Ein Bindewort.
Prawdin. Warum denn?
Mitrofan. Weil sie zwei Zimmer verbindet. Wir haben aber eine Thür, die seit Wochen nicht in ihre Angeln gehängt wird, was jedoch hauptsächlich des starken Zugwinds wegen sehr nötig wäre; jene ist darum ein Hauptwort.
Prawdin. Also ist auch das Wort Narr ein Bindewort, weil man einen dummen Menschen damit in Verbindung bringt?
Frau Prostakowa. Nun, was sagst du dazu, Väterchen.
Prostakow. Ja, was sagst du dazu?
Prawdin. Ausgezeichnet! In der Grammatik ist er recht bewandert.
Milon. Ich denke, auch nicht weniger in der Geschichte.
Frau Prostakowa. O, er ist schon als Kind immer ein großer Liebhaber von Geschichten gewesen!
Skotinin. Mitrofan ist ganz in mich geraten. Auch ich höre für mein Leben gern den Dorfschulzen erzählen. Ein Meister darin, der Hundesohn! Wo er’s nur immer hernimmt?!
Frau Prostakowa. O, mit Adam Adamytsch wird er sich nicht messen können!
Prawdin (zu Mitrofan). Wie weit sind Sie in der Geschichte gekommen?
Mitrofan. Wie weit? Das hängt von der Geschichte ab. Manchmal hinter dreimal neun Ländern im dreimal zehnten Königreiche.[2]
[2] Stehende Redensart in russischen Märchen zur Bezeichnung einer sehr großen Entfernung. Anm. d. Übers.
Prawdin. So! Also das ist die Geschichte, welche Sie bei Wralmann treiben?
Starodum. Wralmann? Der Name klingt mir bekannt.
Mitrofan. Nein, unser Adam Adamytsch erzählt keine Geschichten; er liebt ebenso wie ich nur zuzuhören.
Frau Prostakowa. Beide lassen sie sich die Geschichten von der alten Viehmagd Chawronja erzählen.
Prawdin. Habt ihr nicht gar von ihr auch Geographie gelernt?
Frau Prostakowa (zum Sohn). Hörst du, mein Schatz? Was ist denn das nun wieder für eine Wissenschaft?
Mitrofan (leise zur Mutter). Was weiß ich!
Frau Prostakowa (leise zu Mitrofan). Sei nicht eigensinnig! Jetzt gilt’s, dich zu zeigen.
Mitrofan (leise zur Mutter). Aber ich versteh’ gar nicht, wonach man fragt!
Frau Prostakowa (zu Prawdin). Wie hast du die Wissenschaft genannt?
Prawdin. Geographie.
Frau Prostakowa. Hörst du? Eorgavieh.
Mitrofan. Was ist denn das wieder? Mein Gott, wie sie mich foltern!
Frau Prostakowa (zu Prawdin). Habe doch die Güte, ihm zu sagen, was das für eine Wissenschaft ist! Dann wird er dir schon Antwort geben.
Prawdin. Die Erdbeschreibung.
Frau Prostakowa (zu Starodum). Wozu wäre denn die nötig?
Starodum. Nötig wäre sie, sei’s auch nur, um auf der Reise zu wissen, wo und wohin man reist.
Frau Prostakowa. Ach, du lieber Himmel! Wozu sind denn die Fuhrleute da? Das müssen sie wissen ... Nein, diese Wissenschaft paßt gar nicht für den Adel. Der Edelmann braucht nur zu sagen: fahre mich da- und dahin – und er wird hingefahren ... Ach, alles, was mein Mitrofan nicht kennt, ist ein Unsinn!
Starodum. Gewiß ist es für einen ungebildeten Menschen sehr trostreich, alles das, was er nicht kennt, für Unsinn zu halten.
Frau Prostakowa. Gott sei Dank auch ohne die Wissenschaften haben die Menschen gelebt! Mein seliger Vater war fünfzehn Jahre Wojewode und starb auch als Wojewode, ohne das Lesen und Schreiben gekannt zu haben. Doch dafür verstand er ein erkleckliches Sümmchen zu verdienen und es aufzuheben. Immer saß er auf einem eisernen Kasten, wenn er Bittsteller empfing, und nach Fortgang eines jeden öffnete er den Kasten und legte etwas hinein. Das war ein ökonomischer Mann! Die bitterste Not litt er, nur um den Inhalt des Kastens nicht zu vermindern. Ja, ohne Ruhm zu sagen: Vater selig starb auf dem Kasten sozusagen Hungers. Das war ein Mann!
Starodum. Höchst lobenswert! Man muß Skotinin heißen, um eines so seligen Todes zu sterben!
Skotinin. Zum Beweise, daß das Lernen ein Unsinn ist, nehmen wir meinen Onkel Wawila Falilejitsch. Nie hatte er von jemandem ein gebildetes Wort vernommen, noch hatte jemand ein solches von ihm gehört – und was war das für ein Kopf!
Prawdin. Nun?
Skotinin. Folgendes passierte ihm in seinem Leben. Auf einem feurigen Roß – er hatte etwas über den Durst getrunken – flog er gegen einen steinernen Thorweg. Der Mann war hoch, das Thor niedrig; er vergaß, sich zu bücken und knallte mit der Stirn an den Steinbogen, so daß er zurücksank und das brave Roß den rücklings Liegenden bis zum Hausflur heimgaloppierte. Da möcht’ ich nun wissen, ob es auf der Welt eine Gelehrtenstirn gibt, die von einer solchen Kopfnuß nicht in Stücke zersplittert wäre! Der Onkel jedoch, Gott hab’ ihn selig, kam bald zu sich und fragte nur, ob das Thor ganz geblieben sei.
Milon. Sie, Herr Skotinin geben selbst zu, daß Sie nicht gelehrt seien – doch in einem solchen Falle würde Ihre Stirn nicht härter als die eines Gelehrten sein.
Starodum (zu Milon). Geh nur keine Wette drauf ein! Mir scheint, die Skotinin sind alle ein hartstirniges Geschlecht.
Frau Prostakowa. Ach Gott, was hat man auch vom Lernen! Wir sehen’s hier selbst mit eigenen Augen! Wer nur einigermaßen gebildet ist, der wird sofort von den eigenen Kameraden in irgend ein Amt eingesetzt.
Starodum. Und ein solcher wird sich nicht weigern, seinen Mitbürgern nützlich zu sein.
Frau Prostakowa. Weiß Gott, was die Menschen jetzt für Ansichten haben! Zu unsrer Zeit sorgte jedermann nur für seine eigene Ruhe. (Zu Prawdin.) Du selbst, wie mußt du dich abplagen! Als ich herkam, sah ich, daß dir ein Paket gebracht wurde.
Prawdin. Ein Paket an mich? Und das muß ich erst jetzt erfahren! (Aufstehend.) Ich muß um Verzeihung bitten, daß ich Sie verlasse. Vielleicht erteilt mir der Gouverneur einige Orders.
Starodum (aufstehend, nach ihm auch die anderen). Geh, mein Freund; wir werden noch voneinander Abschied nehmen.
Prawdin. Ich werde Sie noch sehen. Sie fahren morgen in der Frühe?
Starodum. Um sieben etwa. (Prawdin ab.)
Milon. Und ich gebe Ihnen das Geleite und führe sofort mein Kommando weiter. Ich gehe, die Anstalten hierzu zu treffen. (Nimmt mit den Augen im Abgehen von Sophie Abschied.)
Neunter Auftritt.
Frau Prostakowa, Prostakow, Mitrofan, Skotinin, Starodum, Sophie und Jeremejewna.
Frau Prostakowa (zu Starodum). Nun, Väterchen, du kennst jetzt zur Genüge meinen Mitrofan.
Skotinin. Nun, Herzensfreund, du kennst mich jetzt.
Starodum. O gewiß, ich kenn’ euch aufs beste!
Skotinin. Wird Sophie die meine?
Starodum. Nein.
Frau Prostakowa. Wird Mitrofan Sophiens Bräutigam?
Starodum. Nein.
| Frau Prostakowa. Was hindert – | } | (Zusammen.) |
| Skotinin. Woran liegt’s – |
Starodum (beide zusammenführend). Ich will’s euch sagen – doch das Geheimnis bleibt unter uns: sie ist bereits verlobt. (Macht im Abgehen Sophie ein Zeichen, daß sie ihm folge.)
Frau Prostakowa. Der Räuber!
Skotinin. Er ist ja verrückt!
Frau Prostakowa (ungeduldig). Um wieviel Uhr fahren sie?
Skotinin. Du hast’s ja gehört: um sieben morgens.
Frau Prostakowa. Um sieben morgens!
Skotinin. Ich stehe mit den Hähnen auf. Er mag klug sein, wie er will, aber mit Skotinin ist’s schlecht Kirschen essen! (Ab.)
Frau Prostakowa (zornig in Gedanken hin- und herlaufend). Um sieben Uhr! ... Wir stehen früher auf ... Was ich will, führ’ ich aus! ... Alle zu mir! (Alle eilen herbei. Zum Manne:) Daß der Wagen um sechs Uhr vor der Hinterthür hält! Hörst du?
Frau Prostakowa (zu Jeremejewna). Du schließest die ganze Nacht kein Auge vor Sophiens Thür! Sobald sie erwacht, eilst du zu mir!
Jeremejewna. Gewiß, werde nicht ermangeln.
Frau Prostakowa (zum Sohn). Du, mein Junge, sei um sechs Uhr fix und fertig. Und stelle drei Diener in der Nähe von Sophiens Schlafzimmer auf und zweie auf dem Flur zur Hilfe.
Mitrofan. Wird geschehn.
Frau Prostakowa. So geht denn mit Gott. (Alle ab.) Ich weiß schon, was ich thue! Wo Zorn ist, da ist auch Gnade – der Alte wird zürnen, aber doch verzeihen müssen! Der Sieg aber ist unser!