WeRead Powered by ReaderPub
Der letzte Hansbur: Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide cover

Der letzte Hansbur: Ein Bauernroman aus der Lüneburger Heide

Chapter 21: Das Seelenlaken.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The narrative presents daily life on the Lüneburg Heath through the eyes of a farming household and their neighbors, rendered in local speech to evoke regional character. It opens with the birth of a robust heir and the community's response, blending intimate domestic detail with folk belief such as the Adebar or stork bringing a child's soul. Portraits of elders, servants, and rural rituals alternate with vivid landscape description, tracing family continuity, earthy humor, and subtle tensions between tradition and change. Episodic village scenes and nature passages are paired with explanatory notes that clarify dialect and customs.

Das Seelenlaken.

Der Hehlenhof lag wie ausgestorben da; im Wohnhaus war bloß die Magd und die Witwe des Bauern zurückgeblieben; Meta war in der Dönze und die Magd räumte auf der Deele auf.

Dieweil die Luft so klar und hellhörig war, brachte der Wind das Läuten der Lichteloher Glocken bis auf den Hehlenhof; in diesem Augenblicke tat sich die Dönzentür auf und Meta kam heraus.

Die Magd wußte nicht, was sie sagen sollte, denn die Frau hatte ihre Sonntagsjacke an und ihre Brauthaube auf; sie ging ganz grade und hielt den Kopf hoch und horchte.

Der Magd wurde unheimlich zu Sinne, denn die Frau sah aus, wie ein seliger Geist; ganz weiß war sie im Gesicht und ihre Augen waren hell und stetig.

Langsam ging sie auf das rechte Seelenlaken zu, stellte sich dicht davor, lachte ihm zu, streichelte es und sagte mit einer Stimme, die sich anhörte, als wenn sie hoch aus der Luft kam: »Ja doch, mein Göde, ich komme ja schon!«

Und da sah die Magd, daß das Tuch sich erst langsam und dann schneller bewegte und sie zitterte wie Espenlaub vor Angst und obzwar sie sah, daß eine Maus auf die Erde fiel und in den Hof lief, wurde das Mädchen den Schreck drei Tage nicht los.

Die alte Frau ging wieder in die Dönze zurück und die Magd hörte, wie sie erst so sprach, als antwortete sie jemand anders; dann hörte sie singen und zuletzt wurde es still.

Als der Bauer und die Bäuerin zurückkamen, war Doris noch ganz weiß um die Nase von dem Schreck und es schudderte sie, als sie erzählte, was sie belebt hatte.

Die Bäuerin sah durch das kleine Fenster in die Dönze und sah die Frau mit dem Gesangbuch auf dem Schoß im Ofenstuhl sitzen. Sie ging hinein und sah, daß sie tot war.

Ihr Daumen lag auf dem Buche bei dem Erntedanklied, das sie zuletzt gesungen hatte, und das fing an:

HERR im himmel, GOTT auf erden,
Herrscher dieser ganzen welt!
Laß den mund voll lobes werden;
Da man DIR zu fuße fällt,
Für den reichen ernte-segen
Dank und opfer darzulegen.