Welja an Peter
Kremskoje, 28. Mai.
Lieber Peter! Heute hätte es beinahe eine Familienkatastrophe gegeben, bei der ich natürlich nicht aktiv war. Katja fing bei Tisch von den Universitätsgeschichten an; ihr könne es ja gleichgültig sein, denn sie braucht ihren Lebensunterhalt nicht zu verdienen, für die meisten wäre es aber verhängnisvoll, daß sie ihr Studium auf unbestimmte Zeit unterbrechen müßten. Papa sagte, noch verhältnismäßig ruhig und beherrscht, allerdings wäre das ein Unglück für viele; um so härter wären diejenigen zu verurteilen, die durch ihr aufrührerisches Tun mutwillig das Unglück über ihre Kollegen gebracht hätten. Jetzt aber sauste Katja los! Wie ein künstlicher Wasserfall, den man plötzlich springen läßt! Das wäre die Art ungerechter Despoten, die Opfer noch zu verleumden und die eigne Schuld auf sie abzuladen! Demodow und die andern wären Märtyrer, hinrichten und nach Sibirien schicken könnte man sie, nicht aber ihnen den Ruhm rauben, daß sie tapfer und selbstlos gehandelt hätten. Uebrigens hätten fast alle ebenso wie sie gedacht, Du zum Beispiel hättest auch die Absicht gehabt, den Kosaken Widerstand zu leisten, Du wärest nur durch einen Zufall auf dem Wege zur Universität aufgehalten, sonst könnte Papa Dich auch in die Bergwerke schicken. Mama gelang es endlich, sie zu unterbrechen, indem sie sagte, das würde Papa allerdings tun, wenn er es für seine Pflicht hielte; denn daran zweifele sie doch wohl nicht, daß Papa sich von seiner Pflicht leiten ließe, folglich dürfe sie auch seine Handlungen nicht kritisieren. Ich sagte: „Mit deinem Spatzengehirn im Kopfe würde er natürlich anders handeln,“ worauf sie mir einen vernichtenden Blick zuwarf. Papa war ganz bleich und seine Augenbrauen sahen wie ein zackiger schwarzer Blitz aus, furchtbar stimmungsvoll; wenn es sich nicht um Katja gehandelt hätte, wäre ein Unwetter losgebrochen, das den ganzen Tisch und alle Stühle fortgeschwemmt hätte; so hielt er einigermaßen an sich. Und dann hebt Ljus Gegenwart eigentlich jede Katastrophe auf; seine überlegene Ruhe zerstreut gewissermaßen alle angesammelte Elektrizität, oder er hat so viel Kraft, daß er sie in sich sammeln und unschädlich machen kann. Er saß kühl wie Talleyrand dabei und bewies, daß jeder recht hätte, so daß alle schweigen und zufrieden sein mußten. Er sagte, selbstverständlich schließe die Maßregel der Universitätsschließung Ungerechtigkeiten ein, deshalb könnte sie aber vollständig gerecht sein innerhalb des Systems, zu dem sie gehöre. Er billige dies System nicht durchaus, er glaube, daß es sich überlebt habe, aber so lange es herrsche, müsse man mit seinen Gesetzen arbeiten. Papa sah Lju interessiert und etwas erstaunt an und fragte, wie das zu verstehen sei, daß er das System nicht billige. Keine Regierung sei fehlerlos, weil die menschliche Natur überhaupt fehlerhaft sei. Seiner Meinung nach sei es besser, dahin zu wirken, daß jeder seine Pflicht tue, anstatt die Irrtümer des Systems aufzudecken. Lju sagte, ohne den Grundsatz, daß jeder einzelne seine Pflicht zu erfüllen habe, könne kein gesellschaftliches System sich halten. Er glaube, das herrschende System habe den Fehler, das Pflichtgefühl nicht auszubilden, weil es lauter Gesetze und Vorschriften an dessen Stelle gesetzt habe. Dies sei für eine primitive Kultur berechtigt, jetzt aber sei das Volk keine Herde mehr, sondern bestehe aus Individuen. Kein Kunstverständiger werde die byzantinische Malerei mit ihren starren Formen nicht bewundern; man könne es vielleicht sogar beklagen, daß der Individualismus sie durchbrochen habe; man könne vielleicht sogar glauben und wünschen, daß man einmal auf irgendwelchen Umwegen dahin zurückkehre; aber verständigerweise könne man doch nicht die Entwicklung auf jene Stufe zurückdrehen wollen.
Er sprach so liebenswürdig, galant und beinahe herzlich gegen Papa, daß der ganz angeregt wurde und lebhaft auf alles einging; ich glaube, er hatte das Gefühl, vollkommen einer Meinung mit Lju zu sein.
Bei Tisch waren also die Fugen wieder eingerenkt; aber hernach ergoß sich Katjas zurückgehaltener Zorn gegen Lju. Er hätte sich verächtlich benommen, er hätte zu ihr halten müssen, denn er dächte ebenso wie sie. Was er gesagt hätte, möchte ganz schön sein, sie hätte es nicht verstanden, wolle es auch nicht verstehen, es wäre doch nur eine Brühe gewesen, um seine wahren Ansichten zu verkleistern. Von mir erwartete sie ja nichts andres, als daß ich falsch und feig wäre, aber ihn hätte sie für stolzer gehalten. Sie war zu niedlich, wie ein kleiner Vogel, der gereizt wird und sein Federschöpfchen sträubt, mit dem Schnabel um sich pickt und in den höchsten Tönen lospiepst. Lju fand sie offenbar auch niedlich, denn er ging sehr liebevoll auf ihren Kohl ein. Ich ging mitten darin fort, weil meine Dorfschönheit auf mich wartete.
Ich habe Papa eine Auswahl von den feinsten Süßigkeiten mitgebracht, die der Türke hat. Er fand sie ausgezeichnet und sagte, er hätte sich gleich gedacht, daß ich einen bestimmten Grund hätte, immer ins Dorf zu radeln. Er aß übrigens mehr davon als ich und wurde nicht einmal übel; er ist eigentlich ein großartiger Mensch, ich bin dekadent gegen ihn. Mit Lju kann er sich allerdings nicht vergleichen; er ist wie ein schöner Dolch mit kunstvollem Griff und einer mit Edelsteinen buntgeschmückten Scheide, wie sie zuweilen in Museen ausgestellt sind; Lju ist wie der schlichte Bogen des Apollo, der nie fehlende Pfeile entsendet. Schmucklos, schlank, elastisch, durch die vollendete Zweckmäßigkeit schön, ein Bild göttlicher Kraft, Treffsicherheit und Gewissenlosigkeit. Ach Gott, ich schreibe ja an ein silurisches Faultier und nicht an einen feinwitternden Griechen. Quäle Dich nicht mit der Durchdringung meiner poetischen Bilder und triumphiere nicht, wenn sie hinken sollten; ein Achilles, der hinkt, kommt immer noch eher an als ein Brontosaurus, der im Sande stecken bleibt.
Welja.
Katja an Peter
Kremskoje, 30. Mai.
Lieber Peter! Wir sind nicht verlobt, ich habe Dir sogar einmal gesagt, ich würde Dich niemals heiraten; aber ich weiß ja, daß Du doch noch daran denkst, darum will ich Dir etwas sagen. Ich habe jetzt den Mann kennen gelernt, den ich heiraten werde, wenn ich überhaupt heirate. Den einzigen, den ich lieben kann. Frage nicht, wer er ist, frage überhaupt nicht weiter. Ich hätte Dir ja nichts davon zu sagen brauchen, ich tue es nur, weil ich Dich gern habe und Dich als meinen Freund betrachte, und weil Du mich seit unsrer Kindheit als Deine zukünftige Frau angesehen hast. Dafür kann ich freilich nichts. Wissen darf dies niemand außer Dir.
Katja.
Lusinja an Tatjana
Kremskoje, 2. Juni.
Meine liebe Tatjana! Auf unsern einzig schönen Sommer fällt von irgendwoher ein kleiner Schatten. Vielleicht eben weil er so schön ist, muß er das Abzeichen seiner Erdennatur tragen. Jetzt sorge ich mich besonders um Jessika; ich kann es mir nicht mehr verhehlen, daß sie den Lju liebt. Ohne daß sie es weiß, richtet sich ihr ganzes Wesen nach ihm: ich könnte sagen, sie ist eine Art Sonnenuhr, von der man immer ablesen kann, wo ihr Gestirn steht. Er hat auch etwas Sonnenhaftes; es ist, als ob eine lebenzeugende Kraft von ihm ausginge, in der freilich auch Leben verdorren kann. Auf Welja und Katja übt er einen heilsamen Einfluß aus; er regt sie zum Denken, zu gesteigerter geistiger Tätigkeit an; für meine kleine Jessika, fürchte ich, sind seine Strahlen zu heiß. Sie muß Wärme haben, darf aber nicht mitten im Feuer stehen. So erscheint es mir wenigstens. Zuweilen kommt es mir so vor, als ob nicht nur in ihr ein Neigen zu ihm wäre, sondern als ob auch ihn ein leises Anziehen zu ihr hinzöge. Ob er sie liebt? Ich kann nicht umhin, mit ihr in meiner Seele aufzujubeln, wenn ich es zu bemerken glaube, denn eine Mutter fühlt jeden Schmerz und jedes Glück mit ihrem Kinde. Wäre es aber überhaupt wünschbar? Würde es ein Glück für sie sein? Ljus Ansichten und, was wichtiger ist, seine ganze Auffassung des Lebens weicht sehr von Jegors und meiner ab, das fühle ich. Auch den Kindern steht er nach Erziehung und Lebensgewohnheiten ferner, als sie selbst es ahnen. Vielleicht ist er uns gegenüber im Rechte; aber verbürgt das die Möglichkeit dauernden Zusammenlebens? Und was würde Jegor sagen? Er hat nichts gegen Lju, er ist frei von gewöhnlichen Vorurteilen; aber er möchte unsre Mädchen mit Männern verheiraten, deren Lebensführung ihm vertraut ist, mit denen wir alle zu einer Familie verwachsen können. Und dann, Liebste, daß er nachtwandelt! Das ist beinahe das Schrecklichste für mich. Ach Gott, es ist ja so töricht, aber manchmal wünsche ich, Lju wäre niemals zu uns gekommen oder er verließe uns wieder.
Nachmittags.
Lju ist doch ein unheimlicher Mensch! Er hat Augen, die im Herzen lesen. Ich hatte eben den Satz geschrieben, als er kam und mir sagte, er fühle sich sehr wohl bei uns, er hätte auch das Gefühl, daß wir ihn gern hätten, aber er käme sich überflüssig vor und fände, daß es richtiger wäre, wenn er ginge; er möchte mit mir darüber sprechen. Er sprach so vertrauensvoll, so einfach, beinahe kindlich. Ich war ganz betroffen und sagte, meine Besorgnis um das Leben meines Mannes hätte sich allerdings allmählich gelegt; aber er wäre doch auch als Sekretär tätig, selbst schreiben könne mein Mann augenblicklich nicht — er leidet doch am Schreibkrampf — und er würde sich nur ungern an einen andern Herrn gewöhnen, auch sicher keinen von seiner, Ljus, Bildung und seinen Kenntnissen finden. Er sagte, darüber hätte er schon nachgedacht, für meinen Mann würde gewiß das zweckmäßigste sein, wenn er sich an eine Schreibmaschine gewöhnte, dann wäre er von niemand abhängig, und er hätte doch so manche Korrespondenzen, die womöglich geheimbleiben sollten. Diesen Gedanken lobte ich sehr — ich finde ihn wirklich höchst vernünftig — und sagte, eine Schreibmaschine könnte sich ja Jegor anschaffen, es würde aber wohl eine gute Weile dauern, bis er damit umzugehen verstände, wenn er es überhaupt wollte, und auch sonst würde er dadurch doch nicht ganz ersetzt werden. Etwas andres wäre es natürlich, wenn er aus irgendeinem Grunde seinetwegen fort wollte. Darauf sagte er, wenn es im Leben auf Glücklichsein ankäme, würde er sein ganzes Streben darauf richten, immer bei uns bleiben zu können. Er hätte bei uns eine Art des Glückes kennen gelernt, an die er vorher nicht geglaubt hätte; er hätte unauslöschliche Eindrücke empfangen. Aber er hielte es für die Bestimmung des Menschen oder wenigstens für seine, tätig zu sein, zu wirken, an großen Zielen zu bauen. Er wäre wie ein Pferd, das, wenn es ihm noch so wohl vor seiner Krippe voll Hafer wäre, der Trompete folgen müßte, die zur Schlacht riefe; er glaubte in der Ferne den Ruf der Trompete gehört zu haben. Ich fragte: „Haben Sie etwas Bestimmtes vor? Wollen Sie uns sofort verlassen?“ Nein, sagte er, so wäre es nicht gemeint. Er hätte nur von mir bestätigt hören wollen, daß er überflüssig hier wäre, und ich wäre freimütig genug, ihm das zuzugestehen. Er würde sich nun überlegen, wohin er gehen wollte. Inzwischen könnte mein Mann sich eine Schreibmaschine kommen lassen und versuchen, ob er Geschmack daran fände.
Ja, siehst Du, Tatjana, nun bin ich betrübt, daß es so gekommen ist. Meine kleine Jessika! Weißt Du, was ich glaube? Es ist Jessikas wegen, daß er fort will. Daß sie ihn liebt, muß er bemerkt haben; entweder er erwidert das Gefühl nicht, oder er will im Bewußtsein seiner Armut und seiner unselbständigen Lage nicht um sie anhalten und hält es für seine Pflicht, sie zu meiden. Das ist edel gehandelt und besonders fein die Art und Weise, wie er es ausführt. Er hat nichts angedeutet, nichts erschwert, alles geebnet. Er ist mir nie so liebenswert erschienen, und ich empfinde Schmerz für Jessika, trotzdem ist mir leichter zumute, nun ich sehe, daß der Konflikt — wenn einer vorhanden ist — sich lösen läßt. Was für ein Schreibebrief! Hast Du Geduld bis zu Ende gehabt?
Deine Schwägerin
Lusinja.
Jessika an Tatjana
7. Juni.
Geliebteste Tante! Du hast lange keine Nachricht von uns gehabt? Und ich habe das Gefühl, Dir erst gestern geschrieben zu haben, auf so leichten und schnellen Füßen laufen diese Sommertage. Und wenn man sogar noch ein Automobil davorspannt! Lju hat uns einmal spazierengefahren, aber nicht lange, weil er noch nicht sicher ist. Unser Iwan kann noch weniger als er, obwohl er täglich ein paar Stunden damit herumturnt. Papa möchte auch gern selbst lenken, Mama will es aber nicht, weil es die Nerven angreife, sie wüßte aufs bestimmteste, daß zwei Drittel aller Chauffeure durch Wahnsinn oder Selbstmord infolge von Nervenzerrüttung endeten. Papa versuchte zwar das Argument anzugreifen, aber wir schrien im Chore, er müßte sich für Staat und Familie erhalten, und einstweilen hat er nachgegeben. Er hat ja nun auch einen andern Sport, nämlich die Schreibmaschine. Gestern abend nach dem Essen saßen wir in der Veranda. Es war so schön, wie es nirgends sonst als hier ist; über uns im Schwarz des Himmels schimmerten die feuchten Sterne und um uns her im Dunkel der Erde die bleichen Birken. Wir saßen still und jedes träumte seine eignen Träume, bis Mama Lju fragte, weil er doch alles wisse, sollte er sagen, was für Schlangen es in dieser Gegend gäbe. Er nannte augenblicklich eine Reihe lateinischer Namen und sagte, es wären alles Ottern und Vipern, harmlose, ungiftige Geschöpfe. Ich dachte bei mir, ob es diese Namen wohl überhaupt gäbe, aber Mama hielt alles für Evangelium und war sehr angenehm davon berührt. Papa hätte nämlich neulich gesagt, erzählte sie, an der glatten Mauer eines Hauses könnte niemand hinaufkriechen außer Schlangen, und seitdem könnte sie die Vorstellung nicht mehr los werden, wie der feste, glatte, klebrige Schlangenleib sich am Hause heraufzöge, und sie könnte oft nachts nicht davor einschlafen. Welja sagte, er begriffe nicht, wie man sich vor Schlangen fürchten könnte, er fände sie schön, anmutig, schillernd, geheimnisvoll, gefährlich, und er würde sich in keine Frau verlieben können, die nicht etwas von einer Schlange hätte. Katja sagte: „Du Kalb!“ und Lju sagte, ich hätte etwas von einer Schlange, nämlich das lautlos Gleitende und Mystische. Dann erzählte er ein südrussisches Märchen von einer Schlange, das sehr grausig war. Ein Zaubrer liebte eine Königstochter, die in einen hohen Turm eingesperrt war. Um Mitternacht kroch er als Schlange am Turm herauf durch das Fenster in ihr Gemach, dort nahm er wieder seine Menschengestalt an, weckte sie und blieb in Liebe bei ihr bis zum Morgen. Einmal aber schlief die Königstochter nicht und wartete auf ihn; da sah sie plötzlich mitten im Fenster im weißen Mondschein den schwarzen Kopf einer Schlange, flach und dreieckig auf steilem Halse, die sie ansah. Darüber erschrak sie so sehr, daß sie ohne einen Laut ins Bett zurückfiel und starb. Gerade in diesem Augenblick klingelte es heftig an der Gartentür, wo ein alter, verrosteter Klingelzug ist, der fast nie gebraucht wird und deswegen in Vergessenheit geraten ist. Wir wunderten uns alle, daß Mama nicht auch umfiel und tot war. Papa stand auf, um an die Gartentür zu gehen und zu sehen, was es gäbe, Mama sprang auch auf und sah Lju flehend an, damit er zuerst dem Mörder die Stirn böte, wenn einer da auf Papa wartete, und weil das Aufstehen und die ersten Schritte bei Papa immer etwas mühsam sind und Lju sehr schnell laufen kann, kam er zuerst an und empfing den Paketboten, der eine Kiste trug. Er sagte, es würde eigentlich nichts mehr ausgetragen, aber der Postmeister hätte gesagt, die Kiste sei aus Petersburg und enthalte vielleicht etwas Wichtiges, und weil es der Herr Gouverneur sei, für den der Postmeister eine besondere Verehrung habe, hätte er sie ihm doch noch zustellen wollen. Na, der Bote bekam ein Trinkgeld, und in der Kiste war die Schreibmaschine. Lju packte sie gleich aus und fing an zu schreiben, Papa wollte auch, konnte aber nichts, wir probierten alle, konnten es aber ebensowenig, nur ich — ungelogen — ein bißchen, und dann sahen wir zu, wie Lju schrieb. Nach einer Weile probierte Papa noch einmal, und wie Lju sagte, er hätte Talent, war er ganz zufrieden. Mama war geradezu selig und sagte, sie hätte sogar die Schlange vergessen, so hübsch wäre die Schreibmaschine. Welja sagte: „Was wollt ihr denn eigentlich mit der Scharteke?“ Und Katja sagte, wenn man doch schon einmal die Finger gebrauchen müßte, könnte man gerade so gut schreiben, sie sähe den Zweck davon nicht ein; sie wurde aber überstimmt.
Bist Du nun au fait, einzige Tante? Nun sage ich Dir nur noch, daß die Rosen zu blühen anfangen, die Zentifolien und die gelben Kletterrosen, die so merkwürdig riechen, und die wilden Rosen auch, und daß die Erdbeeren reifen, ferner, daß Papa in der umgänglichsten Stimmung ist und neulich sogar gefragt hat, ob denn diesen Sommer gar kein Besuch käme!
Deine Jessika.
Lju an Konstantin
Kremskoje, 9. Juni.
Lieber Konstantin! Ja, Du bist mein Freund, das empfinde ich. Du ehrst und schätzest dasjenige in mir, was wir für das Höhere halten, und kennst und liebst doch auch das andre, den Urstrom des Ahnenblutes, dessen unfaßbare Verzweigungen überall eingreifen und mich leiden machen. Daß ich leide, will ich Dir nicht verhehlen, auch hast Du es längst bemerkt. Vielleicht habe ich noch nie so gelitten, aber daß es überwunden werden wird, weiß ich auch. Ich habe alle diese Menschen vom ersten Augenblick an, da ich in ihre Mitte trat, zu beherrschen gesucht, daraus folgt alles übrige; denn auch der Herrscher ist gebunden, nicht nur der Beherrschte. Was mir gelungen ist, ist ebenso verhängnisvoll für mich geworden wie das, woran ich scheiterte. Den Gouverneur kann ich vielleicht täuschen, aber ich habe keinen Einfluß auf ihn. Es kränkt ein wenig meine Eitelkeit, hauptsächlich beklage ich es aber wegen alles dessen, was daraus folgt. Der Mann übt einen Zauber aus, für den ich nicht unempfänglich bin, obwohl er von Kräften ausgeht, die ich nicht für die höchsten halte. Man sieht die Merkmale eines Geschlechtes an ihm, in welchem das Lebensfeuer stärker und schöner brannte als in den gemeinen Menschen. Er ist etwas in sich Vollendetes, wenn auch durchaus nicht vollendet überhaupt. Gerade seine Unzugänglichkeit gefällt mir; ich glaube, er ist im Kampfe des Lebens gewachsen, fester und härter geworden, aber er hat sich nicht erweitert, hat nichts Neues in sich aufgenommen. Das ist beschränkt, aber es verleiht eine gewisse Intensität. Verloren hat er auch nichts; er hat noch viel von der Torheit, von dem Eigensinn und der Innigkeit der Kindheit an sich, was der in der Regel nicht behält, der sich viel Neues und Fremdes aneignet. Sein Ich ist ganz, so saftreich und gesammelt und stolz, daß es einen schmerzt, daran zu tasten; und gerade weil es so ist, muß ich ihn zerstören. Einmal faßte ich die Hoffnung, ich könnte ihn gewinnen, könnte ihm andre Ansichten eröffnen. Ich schrieb Dir nichts davon, es lag mir allzusehr am Herzen, und ich ahnte schon, daß es vergebens sein würde. Mein Gott, dieser Mann, diese heiße, blinde Sonne! Ich rolle wie ein Komet neben ihm her, und er ahnt nicht, daß der Augenblick, wo unsre Bahnen zusammenstoßen, ihn in Stücke reißen wird! Von den Kindern laß mich schweigen. Besser, viel besser wäre es gewesen, ich hätte auf den Vater so gewirkt wie auf sie. Das klingt albern; es ist ja natürlich, daß die Jugend leichter zu beeinflussen und zu beherrschen ist als das Alter; aber hätte nicht einmal, durch Zufall oder Wunder, das Umgekehrte stattfinden können? Da es nicht der Fall ist, versuche ich daran zu denken, daß ich keine Wahl habe, daß ich tun muß, was ich für notwendig erkannt habe, daß die Heilkraft der Jugend überschwenglich ist, daß es diesen spielenden Kindern vielleicht nützlich ist, vom Schicksal aufgerüttelt zu werden. Ach Gott, was heißt nützlich? Sie waren so wundervoll in ihrem Traumleben! Freilich, einmal muß es doch enden. Kinder mit Runzeln und gebeugten Rücken sind Zerrbilder, und beizeiten muß die Umbildung beginnen. Vielleicht kann sogar ich selbst ihnen bei der Veränderung hilfreich zur Seite stehen. Was ein Mensch wollen kann, ist möglich; nur zum Wollen gehört Kühnheit.
So werde ich Dir nun nicht wieder schreiben. Auch rechne ich darauf, daß Du mich nicht mißverstehst. Zweifel ist nicht in mir. Antworte mir auch nicht auf alles dies! Trösten kann mich niemand, und daß Du mich verstehst, weiß ich
Lju.
Welja an Peter
Kremskoje, 11. Juni.
Lieber Peter! Sei morgen oder übermorgen zu Hause, wenn du einen historischen Augenblick erleben willst. Unser treuer Iwan ist mit dem Automobil in den Graben gefallen, was von ihm auf die Tücke des Vehikels, von uns auf die des Branntweins geschoben wird. Da er nebst Automobil mehrere Stunden im Graben gelegen hat, war er ziemlich nüchtern, als er heimkam, und die Streitfrage ist nicht mehr zu entscheiden. Das Automobil hat mehr gelitten als er, es sieht aus wie eine Schildkröte ohne Schale; laufen kann es aber. Mama war ganz zufrieden mit dem Ergebnis und fand, wir möchten es so lassen, bis Iwan ganz erprobt wäre, damit er uns nicht auch noch in den Graben führe. Papa hingegen sagte, in diesem Zustande könnte er das Automobil nicht auf die Straße lassen, auch wenn niemand als Iwan darinsäße, das würde seinem Ansehen schaden, es wäre geradeso, als ob seine Töchter mit durchlöcherten Kleidern ausgingen. Hierdurch überzeugt, beschlossen wir, daß das Automobil repariert werden müsse, und Lju hat sich erboten, das Wrack in die Stadt zu fahren und das Nötige zu veranlassen. Jessika will gern mitfahren, aber Lju will es nicht, weil es bei dem schadhaften Zustande nicht sicher wäre. Seitdem geht sie mit einem wehleidigen Gesicht herum; denn sie ist natürlich in Lju verliebt. „Natürlich“ sage ich, weil in einen Mann wie Lju, dessen Willenskraft jedes Atom seiner Materie durchdringt, sich alle verlieben müssen. Mir ist eigentlich alles einerlei, sogar wenn ich verliebt bin, ist es mir im allertiefsten Grunde einerlei, ob ich sie habe oder nicht.
Auch das hat einen gewissen Reiz für manche Frauen; aber das wahrhaft Unwiderstehliche ist der Wille. Niemand kann dagegen an, es ist die Schwerkraft der Seele. Lju hat in bezug auf alles einen bestimmten Willen. Ich hielte eine solche Lebensweise nicht ein Jahr lang aus, und er treibt es schon achtundzwanzig Jahre so und wird wahrscheinlich sehr alt werden. Ob er sich für einzelne Frauen auf die Dauer interessieren kann, bezweifle ich; die Vielweiberei müßte für ihn eingeführt werden. Er würde sich nicht viel um sie bekümmern, aber an einem Satz, den er mal im Vorbeigehen fallen ließe, würden sie wochenlang saugen und damit zufrieden sein. Also er wird Deiner Mutter einen Besuch machen, sieh Dir ihn an!
Welja.
Lju an Konstantin
Kremskoje, 11. Juni.
Lieber Konstantin! Ich komme morgen oder übermorgen nach Petersburg und rechne darauf, Dich zu treffen. Es handelt sich um die Einrichtung der Schreibmaschine, worüber ich am liebsten mündlich mit Dir verhandeln will; sie kann explosiv wirken oder mit einem Revolverschuß geladen werden. Im letzteren Falle würden wir aber nicht sicher sein, ob die Kugel ihr Ziel träfe. Ich werde sie demnächst unter dem Vorwande einer Reparatur an die Fabrik schicken, wo sie gekauft worden ist. Sie muß dorthingehen und von dort zurückexpediert werden, damit bei einer späteren Untersuchung keine Spur zu mir führt. Deine Sorge muß es sein, daß sie nicht abgeht, ohne zu unserm Gebrauch eingerichtet zu sein; also wirst Du über einen Angestellten der Fabrik oder über einen Angestellten der Bahn verfügen müssen. Es eilt nicht, Du kannst Deine Vorkehrungen mit ruhiger Ueberlegung treffen.
Lju.
Jessika an Tatjana
Kremskoje, 12. Juni.
Geliebteste Tante! Ich wollte Dich gern besuchen, aber ich soll nicht! Ich wäre so gern mit dem zerfetzten Automobil bei Dir vorgefahren, gerade weil es so schrecklich kaput ist. Denke Dir, ich hätte mich so hübsch wie möglich gemacht und wäre aus dem zersplitterten Kasten herausgestiegen wie eine Dryade aus einem hohlen Baumstamme. Und vor allen Dingen, ich hätte Dich gesehen, ich hätte meinen Charakter an der schweren Aufgabe gestählt, Deine blühenden Wangen, Deine mit dem Schmelz ewiger Jugend gepuderte Haut neidlos zu bewundern. Meine Wangen sind, fürchte ich, augenblicklich blaß und tränennaß, so enttäuscht bin ich, daß ich nicht mitfahren kann.
Wir werden nun ohne Beschützer sein, Tante. Ich habe vorgeschlagen, wir drei könnten Tag und Nacht Fangen ums Haus spielen, dann könnte sich gewiß niemand ungesehen ins Haus einschleichen. Der gute Welja war auch bereit dazu, aber Katja nicht; sie sagte, sie wäre doch kein Kind mehr! Lju bringt Dir diesen Brief. Laß Du Dich unterdessen von ihm beschützen, wenn Du es auch nicht nötig hast.
Deine Jessika.
Welja an Peter
Kremskoje, 14. Juni.
Wenn ich nicht sehr tätig bin, kommt es im Grunde daher, daß meine Familie immer zur Betrachtung einlädt. Durch Anpassung an die bewegten Verhältnisse hat sich mein beschauliches Temperament herausgebildet; wenn ich auch noch mitagierte, würde es zu toll. Heute ist wieder der Teufel los. Ich saß, noch erschöpft von gestern — denn seit Lju fort ist, muß ich immer bis Mitternacht auf der Lauer liegen, weil Mama Gefahren wittert —, also ich saß in der Bibliothek und blätterte in einem Buche, als Katja wie ein wirbelnder Federball herein und ans Telephon gestürzt kam. Damit Dein Gehirn nicht ebenso erschüttert wird, wie meins bei dieser Gelegenheit wurde, will ich Dir zur Erklärung voranschicken, daß Katja soeben Jessika dabei betroffen hatte, daß sie einen Brief an Lju schrieb, und daß Jessika, von Katja zur Rede gestellt, damit herausgeplatzt war, sie liebte Lju und wäre so gut wie verlobt mit ihm. Ich mußte dies schließen und erraten, was ich Deinem Walfischschädel nicht zumuten will.
Also Katja verbindet sich mit Petersburg. Ich frage, mit wem sie reden will. Mit Lju, obgleich mich das nichts anginge. Ich sage, du kannst doch wohl so lange warten, bis er wieder hier ist, so wichtig wird es nicht sein. Sie: „Kannst du das beurteilen? Hier werde ich überhaupt nicht mehr mit ihm sprechen und bedaure, es jemals getan zu haben.“ Ich: „Alle Heiligen!“ In dem Augenblicke klingelt das Telephon, Katja ergreift es. „Sind Sie da? Quak, quak, quak ... Ich will Ihnen nur sagen, daß ich Sie verachte! Quak, quak ... Sie sind ein Heuchler, eine Qualle, ein Judas! Quak, quak, quak, quak. Bitte, leugnen Sie nicht! Sie haben die Stirn, sich zu verteidigen? Sie haben mich genug belogen! Ich werde Jessika aufklären. Für einen solchen Elenden ist sie trotz ihrer Schwachheit zu gut. Quak, quak, quak, quak, quak ... Sie halten mich für dümmer, als ich bin. Sie glauben, Sie allein wären klug und alle andern wären schwachsinnig, aber vielleicht ist es umgekehrt!“
Dies alles trompetete Katja mit so gellender Stimme, daß Papa und Mama es hörten, glaubten, es wäre etwas passiert, und herbeigelaufen kamen. Beide hören erstaunt zu und fragen: „Was bedeutet das? Mit wem spricht sie denn?“ Ich: „Ach, mit Lju, sie hat sich ein bißchen über ihn geärgert.“ Katja am Telephon: „Ich du zu Ihnen sagen? Zu einem so abgefeimten, zweizüngigen Charakter, wie Sie sind? Niemals!“ Papa und Mama: „Aber um Gottes willen, was hat er denn getan?“ Ich: „Ach, sie hat eine Karte von ihm bekommen mit der Adresse Katinka von Rasimkara, und das betrachtet sie doch nun einmal als Beleidigung, wenn man ihren Namen Katja von Katinka ableitet.“ Papa und Mama entzückt: „Das ist ganz Katja!“ Beide wollen sich totlachen. Katja dreht sich um. Ich: „Täubchen, ruh dich doch mal aus!“ Katja mit einem vernichtenden Blick auf mich: „Affe!“ Dann ab.
Ich stürze ans Telephon, erwische Lju noch und gebe ihm das Versprechen, beruhigend zu wirken. Er sagte mit einem durchs Telephon zu Herzen gehenden Seufzer: „Du bist das Oel auf den Sturmwogen deiner Familie; ohne dich würde man seekrank.“ Das Gespräch schien ihn sehr mitgenommen zu haben.
Ob er von euch aus gesprochen hat, weiß ich gar nicht; es wäre sehr belustigend, wenn Du die andre Hälfte des Gespräches mit angehört hättest. Das ist sicher, Katja ist fertig mit Lju, wenn auch ihre Wut mit der Zeit nachlassen wird. Ob sie nun, nachdem sie mit der Intelligenz gebrochen hat, wieder für Deinen Stumpfsinn schwärmen wird, darüber läßt sich noch nichts sagen, rechne nicht zu bestimmt darauf. Uebrigens gedeiht sie vortrefflich bei ihrer Enttäuschung; zu beklagen ist nur die arme kleine Jessika. Sie kommt mir vor wie ein kleiner Vogel, dem sein Nest zerstört ist, der Sturm und Regen ergeben über sich ergehen läßt, erschrocken und behutsam piepst und zuweilen mit dem zerzausten Köpfchen hervorlugt, ob es noch nicht besser wird. Ich glaube, zuerst hat sie stundenlang geweint, ihr Gesicht zitterte noch lange nachher. Sie hat etwas so Süßes wie eine überreife Feige und etwas so Weiches wie eine Schneeflocke, die einem in der Hand zerschmelzen will. Es wäre für sie sehr gut, wenn Du sie heiratetest; aber Dir ist nun einmal zuerst Katja eingefallen, und nach dem Gesetz der Trägheit, das Dich beherrscht, rollst Du damit durch dick und dünn und hältst es für Charakter. Für Dich ist es ja ziemlich einerlei, wen Du betreust; aber für Jessika wäre es gut, wenn sie durch die Dickhaut Deiner saurischen Person vor der Welt geschützt wäre, während Katja eine solche antediluvianische Mauer nicht nötig hat und sie vielleicht auf die Dauer sogar nicht gut aushalten könnte. Ich will aber nicht so töricht sein, jemand Vernunft zu predigen, der keine hat.
Katja hat Einsicht genug, um Papa und Mama den wahren Sachverhalt zu verschweigen; aber wenn Papa sie mit Katinka anredet, um sie zu necken, wirft sie mir zornige Blicke zu, was die andern erst recht ins Lachen bringt. Lebe wohl!
Welja.
Lju an Konstantin
Kremskoje, 17. Juni.
Lieber Konstantin! Es war durchaus zweckmäßig, daß ich Frau Tatjana bewogen habe, mit mir nach Kremskoje zu fahren; der Einfluß, den ich auf sie ausübe, hat auf den Gouverneur und seine Familie Eindruck gemacht, weil sie diese Verwandte sehr bewundern, die in der Gesellschaft eine große Rolle spielt. Sie ist schön und hat Geist genug, um zu wissen, wieviel davon eine Frau merken lassen darf. Ihr Verstand ist gut, wenn auch nicht ausgebildet. Sie liebt die geistigen Genüsse, die man ohne Anstrengung haben kann, deshalb bevorzugt sie zum Umgang kenntnisreiche und denkende Menschen, die das Ergebnis ihrer Gedankenarbeit in anregende Form zu kleiden wissen. Ihre Vorurteilslosigkeit würde man noch mehr bewundern, wenn sie etwas dadurch riskierte; aber der ganz unpolitischen Dame läßt man gern die Freiheit, das Gesellschaftseinerlei durch naive Offenheiten zu kolorieren.
Ihr Sohn Peter, der seit seiner Kindheit Katja liebt und unbeeinflußt durch die Tatsache, daß sie seine Neigung nicht erwidert, dabei verharrt, hat, oberflächlich betrachtet, etwas von den gutmütigen Riesen des Märchens. Aus einer Art von kindlicher Menschlichkeit und naivem Gerechtigkeitssinn zählt er sich zur revolutionären Partei. Trotzdem er eifersüchtig auf mich ist, da seine Cousine mich ihm vorzieht, kam er mir, wenn auch nicht gerade herzlich, doch mit anständiger Vorurteilslosigkeit entgegen. Er hat mit einigen andern Studenten, die, wie er, über bedeutende Mittel verfügen, medizinische Privatkurse eingerichtet, um sich und seinen Kollegen die Fortsetzung des Studiums zu ermöglichen, zugleich natürlich, um gegen die Maßregel der Regierung zu protestieren. An diesen Kursen, die nächstens beginnen werden, will Katja teilnehmen. Der Gouverneur wußte bis jetzt nichts davon und ist empfindlich betroffen, daß ein solches Unternehmen von seinem Neffen ausgeht, und vollends, daß Katja sich daran beteiligen will. Da er gegen Katja nicht gut streng sein kann, begann er damit, seiner Schwester Tatjana Vorwürfe zu machen, daß sie ihren Sohn nicht von so ärgerlichen Donquichotterien zurückhielte. Sie lächelte wie ein Kind und sagte, ihr Sohn wäre ein erwachsener Mensch, sie könne ihn nicht am Gängelbande führen, überhaupt sollte man sie mit politischen Dingen, von denen die Frauen doch ausgeschlossen wären, in Ruhe lassen. Warum sollte sie sich ein Urteil bilden, das sie doch nicht geltend machen könnte? In Gesellschaft besonders sollten Gespräche über politische Dinge verboten sein, bei denen auch der klügste Mann plötzlich ein beschränkter und borstiger Esel würde. Uebrigens schiene es ihr eigentlich erlaubt zu sein, daß, wenn der Staat ihm die Mittel dazu nähme, ein junger Mann sich auf eigne Hand die zu seinem Berufe nötige Bildung zu verschaffen suchte, denn eine Tätigkeit müsse ein Mann doch einmal haben.
Katja fiel ein, es wäre empörend, die Schulen zu schließen, was die Regierung sich einbildete, die Universitäten wären unabhängige Körperschaften, ob schließlich auch die Eltern den Zaren um Erlaubnis fragen sollten, ehe sie die Kinder lesen und schreiben lehren dürften.
Der Gouverneur sagte, wenn die Universität sich damit begnügt hätte, Wissenschaft zu lehren, würde die Regierung sie respektiert haben, aber indem sie sich in die öffentlichen Angelegenheiten gemischt und Partei ergriffen hätte, hätte sie sich ihres Rechtes auf Unantastbarkeit begeben. Die Härte, welche die Maßregel mit sich brächte, würde dadurch nicht ausgeglichen, daß einige, denen ihr Vermögen es erlaubte, sich den Unterricht auf privatem Wege verschafften, dessen Wegfall für Unbemittelte ohnehin viel schädlicher wäre. Da fuhr aber Katja los: „Du kennst Peter schlecht! Der verschafft sich keine Vorteile vor den Armen! Im Interesse der Unbemittelten hat er die Kurse hauptsächlich eingerichtet! Es können alle daran teilnehmen, auch die nicht zahlen können!“ Der Gouverneur wurde dunkelrot und sagte, dann wäre die Sache schlimmer, als er geahnt hätte. Er hätte geglaubt, es handelte sich gewissermaßen um Privatstunden, dies wäre aber eine Gegenuniversität, eine Herausforderung, ein revolutionärer Akt. Er hätte nie für möglich gehalten, daß sein eignes Kind sich in die Reihen seiner Gegner stellte.
Ich habe ihn noch nie so zornig gesehen. Seine Stirn zog sich dicht zusammen, seine Nase schien zu flammen wie ein frisch geschliffener Dolch, es war eine unheimliche Atmosphäre um ihn, wie wenn ein Hagelwetter im Anzuge ist. Katja fürchtete sich ein wenig, hielt aber tapfer stand, Tatjana wunderte sich unbefangen und kindlich lächelnd weiter, daß er die Sache so ernst auffaßte. Frau von Rasimkara sah traurig aus; ich weiß nicht, was sie dachte, aber ich glaube, sie war außer mir die einzige, die das Gefühl eines unabwendbaren Verhängnisses hatte. Nicht aus einem bestimmten Grunde, nur weil sie liebt, und wer liebt, fürchtet und ahnt.
In dem unangenehmsten Augenblick sagte ich zum Gouverneur, er möchte doch Welja und Katja ins Ausland schicken; er hätte doch sowieso die Absicht, sie eine Zeitlang an ausländischen Universitäten studieren zu lassen, und sie bereiteten ihm dann hier keine Aergernisse mehr. Dieser Vorschlag heiterte die Gewitterstimmung auf. Welja war bezaubert. „Ja, Papa,“ sagte er, „alle vornehmen jungen Leute werden ins Ausland geschickt, wenn etwas aus uns werden soll, mußt du es auch tun. Ich bin für Paris.“ Frau Tatjana sagte: „Ich gebe euch Peter mit, damit ein vernünftiger Mensch dabei ist. Und für Peter ist Paris notwendig, es fehlt ihm an Grazie.“ Der Gouverneur beschränkte seinen Widerspruch darauf, daß er Berlin für angemessener als Paris erklärte; aber der Vorschlag leuchtete ihm sichtlich ein, und ich bin überzeugt er wird zur Ausführung kommen. Gemacht habe ich ihn, damit Katja und Welja abwesend sind, wenn das Unglück geschieht; Jessika zu entfernen wird sich auch noch ein Vorwand finden. Ich denke, die Sache wird nun schnell fortschreiten.
Lju.
Katja an Welja
Petersburg, 20. Juni.
Du bist ein Dussel, Welja! Du hast ja doch Peter die ganze Geschichte mit Lju geschrieben! Ich konnte es mir ja denken, aber warum prahlst Du denn, Du hättest keiner Menschenseele ein Wort davon mitgeteilt? Erstens fragte ich Dich nicht danach, und zweitens glaubte ich Dir nicht einmal. Peter denkt nun, er müßte mich trösten, und ich müßte ihn heiraten; Logik hat er doch nicht. Uebrigens ist er entzückend, Gott, zu schade, daß ich nicht in ihn verliebt bin! Nun muß ich diese Albernheit von Peter ertragen und dazu noch anhören, wie Tante Tatjana für Lju schwärmt: wie elegant er wäre, und wie anregend, und wie energisch, und was für einen guten Einfluß er auf uns gehabt hätte! Paß Du nur wenigstens auf Jessika auf. Es ist auch zu toll, daß sie solche Eltern hat. Papa merkt nichts, Mama findet alles sympathisch, und Dir ist alles einerlei. Besinn Dich mal darauf, daß Du ein Mann bist; Lju kann alles mit Dir anstellen und Dir alles weismachen, gerade als ob Du in ihn verliebt wärest, das ist unwürdig. Wenn Tante Tatjana nicht gerade von Lju redet, ist sie reizend und sehr vernünftig. Die Kurse sind noch nicht eröffnet. Wie steht es mit Paris? Hat Papa ja gesagt? Im Notfall gehen wir natürlich auch nach Berlin, wenn wir erst fort sind, findet sich das übrige. Adieu!
Katja.
Jessika an Katja
Kremskoje, 20. Juni.
Mein süßer kleiner Maikäfer! Ich möchte lieber weinen, als Dir schreiben, aber davon hättest Du ja nichts. Ich kann das Gefühl nicht loswerden, als wäre ich daran schuld, daß Du fortgegangen bist. An etwas bin ich schuld, das fühle ich ganz sicher, und es fing damit an, daß ich an Lju schrieb; daß Du darüber außer Dir warst, kannst Du doch nicht leugnen. Erst dachte ich, Du liebtest Lju auch, aber er lachte und sagte, das tätest Du ganz gewiß nicht, und als ich euch nachher zusammen sah, kam es mir auch nicht mehr so vor. Und wenn Du ihn liebtest, liebtest Du ihn doch nicht so wie ich; Du würdest nicht daran sterben, wenn er Dich nicht wiederliebte. Aber das täte ich. Du bist doch überhaupt nicht so, daß Du Dich ernstlich verliebst, mein Klimperkleinchen, nicht? Welja sagt doch immer, Du wärest nicht so sentimental wie ich. Schreib mir etwas Tröstliches! Alle sind jetzt unzufrieden. Papa ist schrecklich nervös, seit ihr fort seid, Besuch greift ihn ja immer etwas an, aber hauptsächlich ist es, glaube ich, wegen Deiner Kurse. Es ist doch auch fatal für ihn, wenn seine Tochter und sein Neffe bei etwas beteiligt sind, was gegen die Regierung gerichtet ist. Gestern wurden ein paar Bibliotheksbücher entdeckt, die Welja vor einem oder zwei Jahren entlehnt und vergessen hat zurückzubringen. Das kostet nun natürlich verhältnismäßig viel, und Papa wurde wütend und machte Krach. Er sagte, Welja wäre gedankenlos und verschwenderisch und täte, als wenn er ein Millionär wäre, und würde uns noch alle an den Bettelstab bringen. Mama, die dazukam, versuchte Welja zu verteidigen, da wurde Papa erst recht böse. Mittags, als wir uns zu Tisch setzten, waren alle ernst und still, und Papa starrte finster vor sich hin. Mama nahm ihre Lorgnette, guckte ratlos von einem zum andern, endlich betrachtete sie Papa eine Weile und fragte liebevoll: „Warum bist Du so blaß, Jegor?“ Wir fingen alle dermaßen zu lachen an, Papa auch, daß die Stimmung wiederhergestellt war.
Welja war hauptsächlich deshalb niedergeschlagen, weil Papa unter anderm auch sagte, er könnte ihn doch nicht auf weite Reisen schicken, weil er zu leichtsinnig wäre. Aber das hat er nur so im Aerger gesagt, ich glaube, er will euch doch gehen lassen.
Quält Peter Dich sehr? Meinetwegen mache Dir keine Sorge. Lju hat mir von Anfang an gesagt, er könnte und wollte nicht um mich anhalten, bis er eine entsprechende Stellung hätte, er wollte nur mein Freund sein; Du siehst, wie ehrenhaft er ist. Welja würde niemals so sein. Mein geliebtes Sonnenkäferchen, ich vermisse Dich stündlich. Du mich wohl nicht?
Deine Jessika.
Lusinja an Katja
Kremskoje, 21. Juni.
Meine kleine Katja! Du hast nun Deinen Willen. Bist Du glücklich, daß Du in der Stadt bist? Wirst Du dadurch klüger, besser, froher? Ich will Dir nicht verschweigen, mein Liebling, daß es mich schmerzte, daß Du fortgingest, obwohl Du sahest, was Du Deinem Papa damit zufügst. Ist das so schwer zu begreifen? Denn wenn Du es recht begriffen hättest, hättest Du es doch nicht tun können. Es ist ja nicht, daß Du anders denkst als er, was ihn am meisten schmerzt, auch nicht, daß Du seinen Wünschen zuwiderhandelst. Aber er liebt Dich zu sehr, um Dir das zu verbieten, was er andern verbieten würde. Er liebt Dich, trotzdem Du etwas tust, wodurch alle andern seine Teilnahme verscherzen würden. Das macht ihn irre an sich, an seinem System, an allem. Warum fügst Du das Deinem Vater zu, der Dich liebt, einem alternden Manne? Erreichst Du etwas Bedeutendes für Dich oder für andre damit? Ach, ich glaube zuweilen, unsre Kinder sind da, um eine Rache an uns zu nehmen, und doch könnte ich nicht sagen für wen und für was. Kinder sind die einzigen Wesen, denen gegenüber wir ganz selbstlos sind, darum sind sie die einzigen, die uns wahrhaft vernichten können. In ein paar Jahren vielleicht wirst Du selbst Mutter sein und mich verstehen, und auch wissen, daß ich solche Betrachtungen anstellen kann, ohne daß meine Liebe zu Dir um den allerkleinsten Grad vermindert wäre.
Ich denke, es wird dazu kommen, daß Papa Dich und Welja ins Ausland schickt; er neigt schon sehr dazu, und es wird das beste für uns alle sein. Lju ist uns eine Stütze in diesen Tagen. Ich bin ihm zu Danke verpflichtet, und doch möchte ich am liebsten, daß wir nach eurer Abreise ganz allein wären, Dein Papa und ich. Der Urlaub hat noch nicht die guten Folgen für ihn gehabt, die ich erhoffte, vielleicht weil zu viel Umtrieb und Unruhe bei uns herrschte. Furcht habe ich seinetwegen augenblicklich nicht, weil ich zu sehr von Dingen erfüllt bin, die noch schlimmer sind als körperliche Gefahren.
Sei rücksichtsvoll gegen Tante Tatjana, mein Liebling, und auch gegen Peter. Ich will Dich nicht bereden, einen Mann zu heiraten, den Du nicht liebst; aber die Freundschaft eines guten Mannes suche Dir zu erhalten.
Deine Mama.
Welja an Katja
Kremskoje, 23. Juni.
Dein Spatzengehirn hat, Gott weiß woher, einen vernünftigen Einfall gehabt, indem Du fortgingest. Spatzen und Mäuse wittern auch ungünstige Futterverhältnisse, das ist Instinkt, und den will ich Dir ja auch nicht absprechen. Es ist in der Tat jetzt sehr ungemütlich hier. Gestern früh hat Mama unter ihrem Kopfkissen wieder einen Drohbrief gefunden: wenn Demodow und die übrigen Studenten nicht begnadigt würden, würde Papa ihnen im Tode folgen oder vorangehen. Dies wäre die letzte Warnung, die er erhielte. Durch die Post kam am selben Tage ein Brief der Mutter Demodows, in dem sie Papa anflehte, das Leben ihres Sohnes zu schonen. Ob der Drohbrief mit dem in Zusammenhang steht? Mama fand den Brief nicht so schrecklich, wie daß sie ihn erst am Morgen fand und also die ganze Nacht darauf gelegen hat; das ist ihr unheimlich. Merkwürdig ist es ja, wie er dahin gekommen ist; unsern Leuten kann man so etwas nicht zutrauen, es ist ausgeschlossen, und wer kann sonst in Papas und Mamas Schlafzimmer kommen? Selbstverständlich ist es auf natürliche Art zugegangen, aber dahinterkommen können wir nicht. Man meint, es müßte spät abends jemand zum Fenster eingestiegen sein; es leuchtet mir nicht ein, aber widerlegen kann ich es natürlich auch nicht. Lju ist peinlich berührt, weil seine Bewachung sich so deutlich als ungenügend erwiesen hat. Ich glaube, im Grunde hat er in der letzten Zeit gar nicht mehr daran gedacht. Er ist sehr ernst, ordentlich düster. Heute hat er lange mit mir über die Geschichte gesprochen; er hält es für ausgemacht, daß die Verfasser des Drohbriefs von dem Briefe der Frau Demodow Kenntnis hatten; daß er also aus dem Kreise seiner Freunde hervorgegangen sei. Natürlich braucht Frau Demodow nichts davon zu wissen. Zunächst, meint Lju, sollte der Drohbrief wahrscheinlich nur bewirken, daß Papa den Brief der Frau Demodow in günstigem Sinne beantworte, gewissermaßen seine Wirkung verstärken. Bei Papas Charakter würde er aber natürlich seinen Zweck gänzlich verfehlen. Lju sagte, er achtete und liebte Papa, der immer seinem Charakter und seiner Einsicht gemäß handle; aber anderseits müßte man zugeben, daß die Revolution ihm gegenüber im Rechte wäre. Die Regierung hätte einen allgemein verehrten Professor, einen der wenigen, die noch den Mut freier Meinungsäußerung gehabt hätten, verhaften und nach Sibirien schicken wollen; Demodow hätte ihn und die Rechte der Universität verteidigen wollen. In späteren Jahren würde man auf diese paar Studenten hindeuten als Beweis, daß es damals in Petersburg noch junge Männer von Mut und Ehre gegeben hätte. In diesem Falle wären im Grunde die Regierung Aufrührer und gesetzloser Barbar, die sogenannten Revolutionäre Bewahrer des Rechtes. Sie handelten anständig, indem sie Papa von ihrer Ansicht und von ihren Absichten unterrichteten und ihm Zeit ließen, einen andern Weg einzuschlagen, der sie befriedigen würde. Ich gab ihm natürlich recht, aber ich sagte, ich könnte es doch Papa nachfühlen, daß er nun erst recht nicht nachgäbe. Vielleicht, sagte Lju, wenn Papa sicher wüßte, daß die Drohungen ernst gemeint wären und ausgeführt würden, täte er es doch aus Liebe zu seiner Frau und seinen Kindern. Ich glaube es doch nicht; und jedenfalls würde er eben davon nicht zu überzeugen sein. Papa ist der einzige, der ganz unerschüttert ist, das gefällt mir von ihm. Es ist kein Schatten von Furcht an ihm, wenn es früher noch möglich gewesen wäre, würde er jetzt auf keinen Fall einlenken. Es ist natürlich auch Trotz und Eigensinn und Rechthaberei dabei, aber fein ist es doch. Mama ist traurig; sie findet es natürlich schrecklich, daß die Studenten hingerichtet werden sollen, oder wenigstens Demodow, und daß Papa es ändern könnte und es nicht tut; ich glaube aber, sie hat jetzt nicht wieder versucht auf ihn einzuwirken, weil sie weiß, daß es doch umsonst wäre. Papa und Mama sind beides außerordentlich geschmackvolle Menschen, ich hätte mir keine andern Eltern ausgesucht, obgleich mir ihr Charakter und ihre Ansichten oft komisch vorkommen.
Lju hat übrigens gesagt, nach seiner Meinung wäre Papas Leben zunächst noch gar nicht gefährdet, erst wenn die Studenten wirklich verurteilt wären, würde es vielleicht kritisch. Unsre Dienerschaft wäre ja aber unbedingt treu, und deshalb wäre kaum für ihn zu fürchten. Ich fragte ihn nämlich, weil er so ungewöhnlich ernst und gedankenvoll war. Er sagte, er hätte eingesehen, daß er uns so bald wie möglich verlassen müßte, und das stimmte ihn traurig. Er hätte es ja sowieso getan, nun würde er es beschleunigen. Auch weil die Nichtübereinstimmung zwischen seinen Ideen und Papas doch zu groß wäre, als daß er ein Zusammenarbeiten für anständig halten könnte. Ich habe versucht, ihm das auszureden.
Ich bleibe jedenfalls noch hier, um Papa und Mama ein bißchen zu zerstreuen, sie tun mir leid. Jessika ist nur verliebt. Gottlob, daß ich es nicht bin, es ist ein scheußlicher Zustand. Benimm Dich korrekt, Spatz, damit Papa in dieser Zeit Unannehmlichkeiten erspart werden.
Welja.
Jegor von Rasimkara an Frau Demodow
Kremskoje, 23. Juni.
Gnädige Frau! Hätte Ihr Sohn mich persönlich beleidigt oder angegriffen, so hätte es Ihrer Fürbitte nicht bedurft, damit ich seiner Jugend und seinem ungestümen Charakter die Kränkung unbedingt vergeben hätte. Unglücklicherweise ist es nicht die Privatperson, an die Sie sich wenden, sondern der Vertreter der Regierung; als solcher kann ich nicht großmütig sein, denn den Staat angehend handelt es sich nicht um Gefühle, sondern um Nutzen und Notwendigkeit. Ich habe den jungen Mann, dessen Gesinnung mir bekannt war, zeitig gewarnt, sowohl in seinem wie im Interesse seiner unglücklichen Eltern; damit, daß er meine Warnung unbeachtet ließ, erklärte er, die Folgen seiner Handlungsweise auf sich nehmen zu wollen. Ich traue ihm zu, daß er selbst weder um Gnade bittet, noch der Regierung aus ihrer Strenge einen Vorwurf machen wird.
Ihnen zu sagen, gnädige Frau, wie sehr ich mit Ihnen empfinde, hätte ich vielleicht nur das Recht, wenn ich Ihre Bitte gewähren könnte. Erlauben Sie mir jedoch, Ihnen zu sagen, daß ich Ihnen dankbar wäre, wenn Sie mir jemals Gelegenheit gäben, Ihnen mein aufrichtiges und schmerzliches Mitgefühl durch die Tat zu beweisen.
Ihr ergebener
Jegor von Rasimkara.
Lju an Konstantin
Kremskoje, 24. Juni.
Lieber Konstantin! Frau von Rasimkara hat von dem Brief, den ich ihr unter das Kopfkissen legte, einen starken Eindruck empfangen. Sie fand ihn erst am Morgen, nachdem sie eine ganze Nacht darauf geschlafen hatte. Dies und daß sie nicht begreifen kann, wie der Brief an seine Stelle gekommen ist, findet sie am unheimlichsten. Uebrigens ist sie gefaßt; sie ist überzeugt, daß ihr Mann verloren ist, daß niemand es ändern kann, und erwartet das unvermeidliche Schicksal. Das ist aber eine Stimmung, die durch andre Stimmungen wieder verscheucht werden kann; oder es ist ein Grundbewußtsein, über das der Tag immer wieder hinflutet. Der Gouverneur ist beinahe unempfindlich für den immerhin aufregenden, auch ihm unerklärlichen Vorfall. Er hat die Bittschrift der Frau Demodow ohne Zögern in abschlägigem Sinne beantwortet. Es ist keinerlei Veränderung an ihm wahrzunehmen; allerdings litt er schon einige Zeit unter dem Verhalten seiner Tochter Katja. Daß ihm eine ernstliche Gefahr droht, scheint er nicht für möglich zu halten, jedenfalls will er sie nicht für möglich halten.
Daß es so kommen würde, habe ich vorausgesehen. Ich hätte den unerschrockenen und unerschütterlichen Menschen gern gerettet; ich habe fast zu lange an die Möglichkeit geglaubt, daß ich es vermöchte. Wenn ich an Selbstüberhebung gelitten habe, können die Erfahrungen, die ich in diesem Hause gemacht habe, mich davon heilen. Ich sehe, einen Menschen ändern kann nur Gott; oder nicht einmal Gott! Das könnte meinen Stolz trösten. Man hat so wenig Macht über die Menschen wie über die Sterne; man sieht sie nach ihren unbeugsamen Gesetzen auf- und untergehen.
Es wird nun nicht mehr lange dauern, es gibt keinen Ausweg. Jetzt ist mir selbst das liebste, wenn es bald vorüber ist.
Lju.
Katja an Welja
Petersburg, 25. Juni.
Welja, ich glaube, Du bist noch nie ganz wach gewesen, seit Du lebst. Wache doch endlich mal auf! Mir werden von allen Seiten Vorwürfe gemacht, von andern kann es ja hingehen, aber von Dir? Unerhört! Was tu’ ich denn? Papa hat seine Ideen und ich meine; warum soll er mehr Recht haben, seinen nachzuleben, als ich? Seine sind schädlicher als meine, find’ ich. Ich bringe doch niemand um. Vielleicht weil er älter ist als ich? Schöner Grund; sein Alter spricht doch höchstens gegen ihn. Aber lieb habe ich ihn gewiß ebenso wie Ihr, wahrscheinlich mehr als Du. Du siehst nicht einmal ein, daß Lju nicht im Hause bleiben darf, wenn er solche Ansichten hat, wie er Dir gesagt hat. Wenn wir finden, daß Papa im Unrecht ist, und daß es der Gegenpartei schließlich nicht zu verdenken ist, wenn sie ihn umbringt, so ist das etwas ganz andres, als wenn ein Fremder es findet. Was wissen wir denn eigentlich von Lju? Ich weiß, daß er vollkommen gewissenlos ist. Dir imponiert das natürlich, mir hat es zuerst auch imponiert, es mag ja auch großartig sein, vielleicht hast Du auch kein Gewissen, vielleicht möchte ich ebensowenig haben wie er, aber das ist mir jetzt ganz einerlei, in unserm Hause darf er nicht bleiben. Siehst Du denn nicht ein, daß er wirklich Papa ganz ruhig umbringen lassen würde? Halte wenigstens die Augen offen und passe auf. Es wurde mir geradezu unheimlich zumute, als ich Deinen Brief las. Er heftet seine eisigen Augen auf Papa und denkt: eigentlich hätten sie recht, wenn sie dich umbrächten. Wozu soll er überhaupt dasein? Daß er kein Mann für Jessika ist, mußt du doch einsehen; übrigens will er sie ja gar nicht einmal heiraten, er macht sie nur unglücklich. Die Geschichte mit Jessika muß auch Mama einsehen, das andre darf sie natürlich nicht wissen, damit sie sich keine Gedanken macht. Hörst Du, Du darfst ihn nicht zurückhalten, sondern mußt ihm im Gegenteil sagen, ja, geh sofort, Du hättest es schon längst tun sollen! Wenn Du ein Mann wärest, hättest Du ihm längst gesagt, er müßte Jessikas wegen aus dem Hause. Sei mal ein Mann! Papa sieht und hört ja leider Gottes nichts; eigentlich wäre es besser, er spielte im Berufe die Rolle, die er bei uns spielt, und umgekehrt, dann wären Volk und Familie zufrieden. Armer Mann, er opfert sich einem Popanz von Pflichtgefühl — und doch ist auch etwas Schönes an dem Unsinn. Ich weiß nicht, was mir mehr gefällt, das oder Ljus Gewissenlosigkeit. Ach, Papa ist nun einmal Papa, und darum geht er vor. Wir müssen über ihn wachen, Du mußt mir für ihn bürgen, hörst Du?
Katja.
Lusinja an Tatjana
Kremskoje, 26. Juni.
Liebe Tatjana! Es ist gerade, als ob Du die Sonne mit fortgenommen hättest; seitdem haben wir häßliche Regentage. Der Tag, an dem Du so überraschend ankamest, wie war der sorglos und heiter! So werden wir gewiß lange keinen mehr erleben. Als wir hier herauszogen im Mai, dachte ich nur an die Zeit, die vor mir lag, die ich mir unbeschreiblich glücklich dachte, wo ich Jegor ganz für mich haben würde, fern von Geschäften und Sorgen, und mein Gefühl war geradeso, als ob nachher nichts mehr käme. Das hat man wohl immer so, wenn man ein Glück vor sich hat; Glück scheint einem ewig zu sein — obwohl es im Gegenteil nur flüchtig sein kann. Nun merke ich, daß der Sommer vorübergehen wird, daß, noch ehe er vorüber ist, die Zeit kommen wird, wo wir wieder in die Stadt ziehen müssen, wo der Prozeß anfängt mit allen Schrecknissen für andre und für uns. Jegor wird der Menge und Energie des aufgehäuften Hasses nicht entrinnen. Wenn sie ihn kennten! Aber sie kennen nur seine Taten. Und ist der Mensch nicht in seinen Taten? Ach Gott, ich habe mir fest vorgenommen, ich will nicht urteilen: es ist so viel auf beiden Seiten abzuwägen, daß ich irren könnte. Nur das weiß ich sicher, daß Jegor niemals aus angeborener Grausamkeit oder aus persönlicher Rachsucht handelte, er glaubte immer das Rechte zu tun, und es ist ihm oft schwer geworden. Vielleicht hat er unrecht; aber daß er irren kann, macht ihn mir nicht weniger teuer. Er wertet das Bestehende und die legitime Macht am höchsten, mich hätte die Neigung eher in eine andre Richtung gezogen, aber ich bin deshalb nicht besser als er. Das liegt im Blute; seine Ahnen haben ihm andres Blut vererbt, als meine mir.
Ach, Tatjana, mein Herz ist schwer! Wohin ich sehe, ist alles dunkel, so gleichmäßig dunkel, daß ich schon gedacht habe, es wären meine Augen, die nicht mehr hell sehen könnten. Aber sage selbst, wo ist etwas Gutes, Tröstendes? Wie soll der Konflikt mit den Kindern enden, die nur ihren Neigungen nachrennen und stolz darauf sind, daß sie sich kaum nach uns umsehen? Müssen alle Menschen dies erleben? Ja, vielleicht haben wir unsre Eltern ähnliches erleben lassen; aber es ist darum nicht minder bitter.
Furcht ist das Aergste; die Furcht, glaube ich, hat mich so entnervt, daß ich an keiner Freude mehr teilnehmen kann, daß ich aus mir selbst keine mehr hervorbringen kann. Ich fürchte ja immer, Tag und Nacht, auch während ich schlafe. Das ist das Schlimmste. Du kannst Dir gewiß nicht vorstellen, wie das ist, zu schlafen und zu träumen und währenddessen fortwährend von Furcht gequält zu sein. Seit ich den Brief unter meinem Kopfkissen gefunden habe, ist mir zumute wie einem, der zum Tode verurteilt ist und nicht weiß, wann das Urteil vollstreckt wird. Siehst Du, der Mörder muß durch das offene Fenster gekommen sein, am Hause hinaufgekrochen wie eine Schlange, und hat an meinem Bett gestanden, ganz dicht, und hat den Brief unter mein Kissen geschoben. Er muß lautlos gekommen sein, wirklich wie eine Schlange, Du weißt doch, daß ich damals sofort aufwachte, als Lju in unser Schlafzimmer kam, und daß ich überhaupt einen leisen Schlaf habe. Er hatte ein Messer in der Hand oder einen Strick und hätte Jegor auf der Stelle ermorden können; aber er wollte ihm noch eine Frist geben, oder er hatte im Augenblick nicht das Herz dazu, oder er wollte uns nur auf die Folter spannen. Jede nächste Nacht kann die sein, wo er wiederkommt und es ausführt.
Und warum hörte Lju nichts? Ja, warum hätte er mehr hören sollen als wir, in deren unmittelbarer Nähe sich alles abspielte? Vor diesem Verhängnis ist auch seine Wachsamkeit unwirksam. Er scheint mir ganz verändert seitdem, ernst und in sich gekehrt; aber mit diesen Worten ist sein Wesen noch nicht treffend genug bezeichnet. Sicherlich leidet er darunter, daß er das nicht leisten konnte, was er versprochen hatte und was ich ihm zutraute. Vielleicht ist es ihm selbst unheimlich. Er sieht, daß wir verloren sind. Er mag nicht dabei sein. Oder wenn nun das wäre, daß er uns nicht schützen kann, nicht schützen darf? Nach seiner Meinung natürlich. Ob er diejenigen gesehen und erkannt hat, die Jegor nachstellen? Ob er Freunde unter ihnen erkannt hat? Oder irgendwelche Menschen, die er für wertvoller hält als uns? Diese Vermutung — nicht Vermutung, dies Gedankengespinst wird Dir wahnsinnig erscheinen; ich wäre auch nie daraufgekommen, wenn ich nicht sein seltsames Wesen vor meinen Augen hätte. Irgend etwas Geheimnisvolles ist um ihn. Zuweilen, wenn sein Blick auf Jegor und mir ruht, schaudert mich. Vorwerfen tue ich ihm nichts, das Mitleid, das ich mit ihm habe, spricht deutlich für ihn. Wenn es wahr ist, daß er uns schützen könnte und es doch nicht tun zu dürfen glaubt, so glaubt er im Rechte zu sein. O Gott, alle Leute haben recht, alle die, welche hassen und morden und verleumden — o Gott, was für eine Welt! Was für eine Verschlingung! Am Ende ist der wohl daran, für den sie gelöst ist.
Ich gebe zu, daß meine Nerven sehr überreizt sind. Es ist zu entschuldigen unter diesen Umständen, nicht wahr, Tatjana? Jegor ist ganz ohne Furcht. Er gefällt mir so gut, ich glaube, ich habe ihn noch nie so geliebt wie jetzt. Das ist auch ein Glück. Ich weiß ja wohl, daß ich glücklich bin vor vielen, vielen Frauen; aber es ist ein schwarzer Vorhang vor diesem Wissen. Ob noch einmal ein guter Wind kommt und ihn fortreißt? Denke an mich, Liebe.
Deine Lusinja.
Welja an Katja
Kremskoje, 27. Juni.
Täubchen, Katinka, was für einen Unsinn schreibst Du mir da von meinem Schlafen und Wachen? Und von Ljus Gewissenlosigkeit und Papas Pflichtgefühl, die Dir abwechselnd imponieren? Vater, wie Du willst! Wenn Du psychologischen Scharfblick hättest, würdest du bemerkt haben, daß Lju ein Theoretiker ist, Handeln ist eigentlich seine Sache nicht. Er findet, daß gewisse Leute ganz recht hätten, wenn sie Papa töteten. Ist das neu? Natürlich hätten sie recht. Als sie voriges Jahr den Kaiser in die Luft sprengen wollten, waren wir uns auch darüber einig, daß sie recht hätten, und hätten es doch nicht getan. Dann könntest Du ja auch von mir denken, ich brächte Papa um. So etwas tut man eben nicht, wenn man es auch theoretisch tadellos findet oder sogar billigt; die Kultur hindert einen daran. Du bist einfach noch eifersüchtig, ich hätte besser von Dir gedacht. Die Liebe macht alle Frauenzimmer dumm und kleinlich. Jessikas wegen wäre es ja besser, Lju ginge fort, das gebe ich zu; ich mag nur selbst verliebt sein, von andern kann ich es nicht leiden, sie werden lächerlich dadurch, für Jessika ist es geradezu ein Elend. Das heißt, ich kann mir denken, daß andre Leute es entzückend finden, sie kommt mir selbst oft so vor wie ein blühendes Pfirsichbäumchen, das in Flammen steht. An sich eine hübsche Erscheinung — aber wenn ich denke, daß sie ein Mensch und meine Schwester ist, finde ich es albern. Ich habe auch zu Lju gesagt, die Sache hätte sich überlebt, und es wäre besser, daß sie nun ein Ende nähme. Er war ganz damit einverstanden und sagte, er ginge ja schon längst mit dem Gedanken um, unser Haus zu verlassen, er wollte nur sicher sein, ob Mama ihn auch gern gehen ließe. Du siehst, wie unrecht Du hast. Vielleicht geht er mit uns ins Ausland; natürlich geht das nur, wenn Du vernünftig bist. Er kann doch nicht jedes Mädchen heiraten, das sich in ihn verliebt, kleines Kalb! Hätte ich das getan? Was Dich anbetrifft, Du brauchst überhaupt nicht zu heiraten. Du bist ein furchtbar niedlicher Spatz, als Eheweib und Mutter wärest Du lächerlich.
Welja.
Lju an Konstantin
Kremskoje, 29. Juni.
Lieber Konstantin! Ich habe Frau von Rasimkara gebeten, daß sie mich entlassen möchte. Ich sagte, der Vorfall mit dem Briefe hätte mich davon überzeugt, daß meine Anwesenheit nutzlos wäre. Ich hätte Tag und Nacht darüber nachgedacht, wie es hätte geschehen können, und wäre zu keinem Ergebnis gekommen. Durch das Fenster könnte bei Nacht niemand gekommen sein, dessen wäre ich sicher, ich würde es gehört haben. Die Dienstboten könnte man meiner Ansicht nach nicht verdächtigen, ich hielte sie für unbestechlich treu. Sie unterbrach mich und sagte lebhaft, in diesem Punkte hätte sie keinen Zweifel. Ich sagte, die einzige Möglichkeit wäre, daß ein Dienstbote es in der Hypnose getan hätte. Immerhin wäre es nicht wahrscheinlich. So etwas interessiert sie sehr, und wir sprachen eine Weile darüber. Uebrigens, sagte sie, wollte sie die Sache mit dem Briefe ruhen lassen, es käme doch nichts dabei heraus. Eine eigentliche Untersuchung wollte ihr Mann nicht anstellen, er pflegte Drohbriefe immer zu ignorieren und mäße ihnen keine große Bedeutung bei. Bis jetzt hätten die Erfahrungen ihm ja auch recht gegeben. Ich bestritt dies weder, noch bestätigte ich es. Jedenfalls, sagte ich, wäre die Lage so, daß sie meiner nicht mehr bedürfte, sei es nun, weil keine Gefahr vorhanden sei oder weil ich nicht dafür einstehen könnte, daß ich sie abzuwenden imstande wäre.
Sie fragte, wohin ich mich zu wenden und was ich zu tun gedächte. Ich sagte, ich wollte mein Werk vollenden, das läge mir zumeist am Herzen. Wenn ich mich mit meinem Vater aussöhnte, würde ich bis auf weiteres zu Hause bleiben; er hätte mir kürzlich einen entgegenkommenden Brief geschrieben. Sonst würde ich bei einem Freunde Zuflucht finden. Sie sagte, daß sie und ihr Mann mir zu Dank verpflichtet wären und daß ich ihnen gestatten müßte, daß sie mir zu Hilfe kämen, wenn ich Hilfe gebrauchte; das würde keine Wohltat, sondern Erstatten einer Schuld sein. Sie war ernst, liebenswürdig, von gewähltester Feinheit. Wenn es mir paßte, sagte sie, wäre ich frei, sofort zu gehen, wenn ich aber über meinen künftigen Aufenthalt noch nicht im klaren wäre, sollte ich bleiben, solange ich möchte. Ich sagte, ich wollte versuchen, ein Verständnis mit meinem Vater zu erzielen, und würde ihr dankbar sein, wenn ich ihre Gastfreundschaft noch etwa vierzehn Tage in Anspruch nehmen dürfte; bis dahin würde sich das entschieden haben. Ich wollte ihre Hand küssen, die sehr schön ist; aber ich dachte plötzlich daran, was ich ihr anzutun willens bin, und unterließ es.
Ich habe den Eindruck, daß meine Mitteilung sie froh gemacht hat, wahrscheinlich Jessikas wegen. Ich glaube sogar, sie denkt, ich hielte es Jessikas wegen für meine Pflicht, zu gehen, und hat deswegen ein Gefühl der Dankbarkeit für mich. Lebe wohl!
Lju.