Robrecht trat zu seiner Tochter heran, ergriff ihre Hand und sprach:
„Mein Kind, Du weißt, wie ich aus meiner Gefangenschaft herauskam: ein edelmütiger Ritter setzt für mich sein Leben in dem Kerker aufs Spiel. Werde nicht traurig, Machteld, beuge Dich mit mir dem schrecklichen Schicksal …“
Machteld unterbrach ihn und antwortete:
„O, ich kenne das traurige Wort, das auf Euren Lippen schwebt: Ihr müßt mich verlassen!“
„Du hast es gesagt, mein edles Kind; ich muß in meinen Kerker zurück; ich habe bei meiner Treue gelobt, nur einen Tag in Flandern zu bleiben. Weine nicht, das Unglück wird uns nicht lange mehr verfolgen.“
„Ich werde nicht weinen, das wäre eine große Sünde. Ich bin dem Herrn dankbar für so viel Trost und werde durch Geduld und Gebet mein Glück von ihm zu verdienen suchen. Gehet, mein Vater, gebt mir noch einen Kuß, und mögen die Engel des Himmels Euch auf Eurer Reise begleiten.“
„Obmann Breydel,“ sprach Robrecht, „ich gebe Euch den Befehl über die Leute von Brügge; Meister De Coninck sei der oberste Anführer. Jetzt ersuche ich Euch, eine gute Pflegerin zu meiner Tochter herbeizuschaffen; besorgt ihr andere Kleider. In Bälde werdet Ihr sie von hier fortführen und vor aller Schmach bewahren. Ich stelle sie unter Euren Schutz, damit sie behandelt wird, wie es ihrer Abkunft entspricht. Meister Breydel, wollet meinen Traber auf den Vorhof führen.“
Nachdem Robrecht von seinen beiden Brüdern Abschied genommen hatte, umarmte er seine Tochter und blickte sie mit größter Innigkeit an. Machteld küßte ihn wiederholt und hielt ihn fest umschlungen.
„Nun, mein Kind,“ fuhr Robrecht fort, „tröste Dich, bald werde ich für immer zurückkehren. In wenigen Tagen wird Dein guter Bruder Adolf wieder bei Dir sein.“
„O, sagt ihm, ich bitte ihn, sich zu eilen.“
„Seid überzeugt, er wird seinem Rosse Flügel verleihen.“
„Gehet nun mit Gott, mein lieber Vater; ich werde über die Trennung von Euch nicht weinen.“
Robrecht verließ endlich seine Tochter und stieg mit den anderen Rittern zu Pferde. Als Machteld den Hufschlag der fortsprengenden Rosse hörte, strömten trotz ihres Versprechens Tränen über ihre Wangen. Doch das hatte keine schlimmen Folgen für sie, denn ihr blieb ein tröstliches Bewußtsein.
De Coninck und Breydel vollzogen die Befehle des Löwen, ihres Gebieters. Eine Frau wurde herbeigeholt, und Machteld erhielt reine Kleidung. Gegen Abend waren alle zu Damm im Lager der Brügger.
XV.
Während der acht Tage, die auf diese Vorfälle folgten, verließen noch mehr als dreitausend Bürger die Stadt Brügge und begaben sich nach Ardenberg zu De Coninck oder nach Damm zu Breydel. Durch den Abzug dieser streitbaren Männer ermutigt, überließen sich die Franzosen allen Zügellosigkeiten und behandelten die verbliebenen Einwohner wie gekaufte Sklaven. Es gab aber auch viele Brügger, denen die Franzosen keine Schwierigkeiten machten, und die mit ihnen sprachen und scherzten wie mit Brüdern; das waren Vlaemen, die ihr Vaterland verleugnet hatten und durch Selbsterniedrigung die Gunst der Feinde zu erlangen suchten. Sie rühmten sich des Schandnamens „Leliaert“, als wäre er ein Ehrentitel. Die übrigen waren Klauwaerts, echte Söhne Flanderns, die das Joch mit Ungeduld trugen; aber das Gut, das sie im Schweiß ihres Angesichts erworben hatten, war ihnen zu teuer, als daß sie es schutzlos den Händen der fremden Plünderer überlassen hätten.
An diesen Klauwaerts und den Frauen und Kindern der Verbannten ließen die Franzosen ihre feige Gewalttätigkeit aus. In ihrer schändlichen Rache ließen sie sich durch nichts hindern; ungestört raubten sie alles nach Belieben, holten mit Gewalt die Waren aus den Läden und bezahlten sie mit Schimpfworten und Schmähungen. Dies erbitterte die bedrückten Bürger so sehr, daß sie sich sämtlich weigerten, den Franzosen auch nur mehr ein Stück Fleisch oder einen Bissen Brot zu verkaufen und in ihren Läden irgend etwas auszuhängen. Sie verbargen die Lebensmittel in der Erde, um sie dem Späherblick des Feindes zu entziehen, und in vier Tagen war die Besatzung so ausgehungert, daß sie in Scharen auf den Feldern umherlief, um etwas zu finden. Zu ihrem Glück kam ihnen noch einiges durch die Fürsorge der Leliaerts zugute; trotzdem aber herrschte fortwährend drückender Mangel in der Stadt. Die Zunftleute waren ohne Arbeit; sie konnten deshalb die Schätzungen nicht mehr aufbringen und mußten sich verbergen, um den Verfolgungen des Zollmeisters Jan van Gistel zu entgehen. Wenn die Zolldiener Sonnabends herumgingen, um den weißen Pfennig in Empfang zu nehmen, fanden sie nie einen Mann zu Hause; dann war es, als ob alle Brügger die Stadt verlassen hätten. Viele von den Zünften klagten bei Jan van Gistel, daß sie nichts verdienten und deshalb den Zoll nicht bezahlen könnten. Aber der entartete Vlaeme hörte sie nicht an und wollte die Abgaben durch Zwang erheben. Viele Bürger wurden ins Gefängnis geworfen, andere umgebracht.
Herr von Montenay, der französische Stadtvogt und Befehlshaber der Besatzung, war weniger grausam als der Zollmeister. Er wollte angesichts dieser drängenden Not die Lasten herabsetzen und sandte zu dem Zweck einen Boten nach Kortrijk, der dem Feldherrn Châtillon die Hungersnot und die gefährliche Lage der Besatzung vorstellen und ihn zur Abschaffung des weißen Pfennigs bewegen sollte. Jan van Gistel, der als abtrünniger Vlaeme von seinen Landsleuten verachtet und gehaßt wurde, nahm die Gelegenheit wahr, um Châtillon zur Strenge aufzustacheln. Er schilderte die Widerspenstigkeit der Brügger in den schwärzesten Farben und bat ihn, für ihre Starrköpfigkeit Rache zu nehmen, indem er vorgab: sie wollten nicht arbeiten, um aus anscheinend stichhaltigen Gründen den weißen Pfennig verweigern zu können. Als Châtillon hiervon benachrichtigt wurde, entbrannte er in heftigem Zorn. Es ging ihm wider den Strich zu sehen, wie nutzlos alle von ihm aufgewandte Mühe war, des Königs Befehle auszuführen; denn das vlaemische Volk war nicht zu bändigen. Täglich gab es Aufläufe in allen Städten, der Haß gegen die Franzosen brach überall hervor, und an einigen Orten, wie zum Beispiel in Brügge, wurden die Diener des Königs Philipp im geheimen, sogar am hellen Tage umgebracht. Noch rauchten die zerstörten Türme von Male, und das Blut der erschlagenen Franzosen klebte ungerächt an den Trümmern.
Der Quell all dieses Leides, das sich für Frankreich über ganz Flandern ergoß, entsprang in Brügge. Hier war die Flamme des Aufruhrs zuerst aufgetreten. Breydel und De Coninck waren die Häupter des Drachen, der sich unter Philipps des Schönen Zepter nicht beugen wollte. In dieser Erwägung beschloß Châtillon, einen kräftigen Anlauf zu nehmen und Flanderns Freiheit im Blute der Widerspenstigen zu ersticken. Er versammelte schleunigst siebzehnhundert Reiter aus dem Hennegau, der Picardie und dem französischen Flandern, nahm noch eine große Abteilung Fußknechte dazu und zog mit diesem Heer voll Wut nach Brügge. Neben Lebensmitteln und sonstigem Gut fanden sich in diesem Zuge auch mehrere große Fässer voller Seile und Schlingen, die Châtillon für einen furchtbaren Zweck bestimmt hatte: De Coninck, Breydel und all ihre Genossen sollten daran gehängt werden. Um den Klauwaerts keine Zeit zur Vorbereitung von Meutereien zu lassen, hatte der französische Landvogt seine Ankunft heimlich Herrn von Montenay angezeigt; niemand als der Stadtvogt wußte etwas von den schrecklichen Dingen, die da kommen sollten.
Am 18. Mai 1302 um neun Uhr morgens rückte das französische Heer mit fliegenden Fahnen in die Stadt. Châtillon ritt an der Spitze seiner siebzehnhundert Reiter. Sein Blick war wild und drohend; die Bürger befiel quälende Angst, und sie ahnten bereits einen Teil der Leiden, die ihrer harrten. Die Klauwaerts konnte man an ihren Gefühlsäußerungen erkennen. Ihre Häupter waren gebeugt, und schwerster Kummer sprach aus ihren Zügen. Doch sie glaubten nicht, daß ihnen noch Schlimmeres widerfahren könnte als die Eintreibung des weißen Pfennigs und allenfalls noch härtere Bedrückung. Die Leliaerts hatten sich auf dem Freitagsmarkt um die Besatzung geschart. Ihnen war die Ankunft des Landvogts sehr willkommen, denn er sollte ja auch sie für die Verachtung seitens der Klauwaerts rächen. Als Châtillon herankam, riefen die feigen Abtrünnigen immer wieder:
„Heil Frankreich! Heil dem Landvogt!“
Die Neugierde hatte das Volk zusammengetrieben, und es stand nun dichtgedrängt am Markte. Überall sah man unbeschreibliche Furcht und Beklemmung. Die Frauen drückten ihre Kinder schweigend ans Herz, und manche weinten, ohne recht zu wissen, warum. Aber trotz aller Furcht vor der Rache des Landvogts rief doch keiner: Heil Frankreich! Waren sie auch jetzt ohnmächtig, so lohte doch der Haß gegen die Unterdrücker Flanderns in ihrem Herzen, und trotz allen Kummers sprühte noch bisweilen ein drohender Blick aus ihren Augen, wie ein flüchtiger Strahl; dann dachten sie an Breydel und De Coninck und träumten von blutiger Rache.
Während sie die Franzosen scharf beobachteten, hatte Châtillon seine Leute folgendermaßen aufgestellt: An jeder Seite stand eine lange Reihe Reiter, dazwischen eine Abteilung Söldner, so daß der Platz mit Ausnahme einer Seite geschlossen war; diese hatte man absichtlich offen gelassen, damit die Bürger sehen könnten, was vor sich ging. Nachdem diese Anordnung getroffen war, wurden die übrigen Reiter und Söldner unbemerkt nach den Stadttoren geschickt, um sie zu schließen und zu bewachen.
Châtillon stand mit einigen Anführern inmitten seiner Reiter. Der Kanzler Pierre Flotte, der Stadtvogt Montenay und Jan van Gistel, der Leliaert, schienen mit ihm über etwas sehr Wichtiges zu verhandeln. Ihre Züge drückten die größte Bestürzung aus. Obgleich sie nicht so laut sprachen, daß sie von den Bürgern gehört werden konnten, so verstanden doch die französischen Anführer zuweilen etwas; mancher brave Ritter blickte mitleidig auf das bange Volk und mit tiefer Verachtung auf den Verräter van Gistel, als der zum Landvogt sagte:
„Glaubt mir, Herr, ich kenne meine starrköpfigen Landsleute; Eure Gnade würde ihren Trotz nur steigern. Wärmt keine Schlange an Eurer Brust. Sie wird Euch tödlich verletzen. Ich weiß aus Erfahrung: die Brügger werden ihren Nacken nicht beugen, solange die Rädelsführer unter ihnen wohnen; dieses Unkraut muß man ausrotten, oder man wird nie damit fertig.“
„Herr van Gistel“, bemerkte lächelnd der Kanzler, „scheint seine Landsleute nicht sehr in sein Herz geschlossen zu haben; würde man auf ihn hören, so würde morgen keine lebende Seele mehr in Brügge sein.“
„Wirklich, meine Herren,“ fuhr Gistel fort, „nur die Liebe zu meinem König gibt mir diese Worte ein. Ich wiederhole, der Tod der Aufwiegler allein kann die Flammen des Aufruhrs in unserer Stadt löschen. Ich habe mir die Namen der hartnäckigsten Klauwaerts gemerkt; solange die Meuterer frei in Brügge umhergehen können, ist Ruhe ausgeschlossen.“
„Wieviel sind es?“ fragte Châtillon.
„Etwa vierzig,“ antwortete er kalt.
„Wie?“ rief Montenay entrüstet, „Ihr wollt vierzig Bürger hängen lassen? Diese hier haben solch grausame Strafe nicht verdient, aber wohl die Aufrührer, die sich in Damm befinden. Die Rädelsführer De Coninck und Breydel mit ihren Anhängern, diese haben sich des Todes schuldig gemacht, aber nicht diese schwachen Bürger, die Ihr aus persönlicher Rache gehängt sehen möchtet.“
„Herr von Montenay,“ bemerkte Châtillon, „Ihr habt mich benachrichtigt, daß sie Euren Söldnern kein Essen mehr verkaufen wollen; ist das nicht genug?“
„Es ist wahr, Herr Landvogt, sie haben das unberechtigterweise verweigert; es war ihre Untertanenpflicht zu gehorchen. Aber meine Söldner haben auch in sechs Monaten keine Bezahlung erhalten, und die Vlaemen wollen nur gegen bares Geld verkaufen. Ich würde es in der Tat bedauern, wenn meine Meldung so beklagenswerte Folgen hätte.“
„Diese Rücksicht kann Frankreichs Krone großen Schaden tun,“ meinte Gistel. „Es wundert mich, daß Herr von Montenay die aufrührerischen Brügger verteidigt!“
Montenay wurde sehr zornig über diesen Vorwurf; denn Gistel hatte seine Worte in sehr verletzender Form geäußert. Der edelmütige Stadtvogt betrachtete den Leliaert mit Verachtung und antwortete:
„Wenn Ihr Euer Vaterland liebtet, so würdet Ihr den Tod Eurer unglücklichen Brüder nicht verlangen und ich, als Franzose, brauchte sie nicht zu verteidigen. Und nun wißt, damit es auch der Landvogt hört: Die Brügger würden uns die Lebensmittel nicht verweigert haben, wenn Ihr den weißen Pfennig nicht in so unvernünftig drückender Form eingefordert hättet. Euch verdanken wir diese Unruhen. Ihr sucht Eure Landsleute nur zu vergewaltigen und ruft dadurch in ihrem Herzen den bitteren Haß gegen uns hervor.“
„Ihr alle seid meine Zeugen, daß ich die Befehle des Herrn von Châtillon getreulich ausgeführt habe,“ entgegnete van Gistel.
„Das war durchaus nicht Eure Absicht,“ erwiderte Montenay, „vielmehr wolltet Ihr Euch für die Verachtung der Brügger rächen. Es ist ein arger Mißgriff des Königs, unseres Gebieters, daß er einen Mann, der von allen verachtet wird, zum Zollmeister über Flandern eingesetzt hat.“
„Herr von Montenay,“ rief van Gistel leidenschaftlich, „Ihr werdet mir für diese Worte einstehen.“
„Meine Herren,“ fiel Châtillon ihnen in die Rede, „ich verbiete jede weitere Auseinandersetzung in meiner Gegenwart; eure Schwerter mögen diesen Streit entscheiden. Ich sage Euch, Herr von Montenay, Eure Redensarten haben mir sehr mißfallen. Der Zollmeister hat meinem Willen gemäß gehandelt. Die Krone von Frankreich muß gerächt werden, und wenn die Rädelsführer die Stadt nicht verlassen hätten, so würde es mehr Galgen als Straßenkreuzungen in Brügge geben. Ehe ich nach Damm gehe, um die Zünfte zu strafen, will ich dieser aufrührerischen Stadt ein abschreckendes Beispiel bieten. Herr van Gistel, nennt mir die acht starrköpfigsten Klauwaerts, damit sofort die Gerechtigkeit ihren Lauf nehme.“
Um nicht um seine Rache zu kommen, ließ Gistel seine Augen über das bestürzte Volk schweifen und suchte acht der Männer aus der Menge heraus; diese nannte er dem Landvogt. Darauf mußte ein Herold vor dem Volk Aufstellung nehmen; nachdem er mit seiner Trompete Stille geboten hatte, verkündete er:
„Im Namen des mächtigen Königs Philipp, unseres Herrn und Gebieters, werden die Bürger, deren Namen ich jetzt nennen werde, auf der Stelle vor meinen Feldherrn Châtillon gerufen und entboten; wer sich nicht einstellt, soll unverzüglich und ohne Gnade mit dem Tode bestraft werden.“
Dieser Trug glückte vollständig: kaum waren diese Namen bekannt gegeben worden, so kamen die Klauwaerts aus der Menge zum Markt und begaben sich ohne Zögern zu Châtillon. Sie wußten wohl, daß sie nichts Gutes zu erwarten hatten, und würden sich vielleicht durch die Flucht gerettet haben, wenn es möglich gewesen wäre. Die meisten unter ihnen waren etwa dreißig Jahre alt, nur ein einziger Greis nahte langsamen Schrittes und gebeugten Hauptes. Stille Duldung lag in seinen Zügen, und nicht die geringste Furcht war darin bemerkbar. Er blieb vor Châtillon stehen und betrachtete ihn mit fragenden Blicken, als ob er sagen wollte: Was verlangt Ihr?
Sobald der letzte der Gerufenen herangekommen war, gab der Landvogt ein Zeichen, und die acht Klauwaerts wurden ungeachtet ihres Sträubens mit Stricken gebunden. Klagen und Murren erhob sich im Volke, aber eine Abteilung der Reiter stellte sich drohend vor ihm auf und machte es bald verstummen. In wenigen Augenblicken wurde ein langer Galgen auf dem Markte errichtet und ein Priester den Verurteilten zugeführt. Beim Anblick dieser schrecklichen Vorbereitungen flehten die Frauen und Brüder der unglücklichen Klauwaerts um Gnade, und das Volk drängte sich ungestüm zusammen. Lautes Schluchzen, vermischt mit Verwünschungen und Rachegeschrei, ertönte aus der Bürgerschar und lief wie ein Vorbote des Aufruhrs durch die Menge. Alsbald kam ein Trompeter heran und rief:
„Es sei euch kund und zu wissen getan: Wer sich widerspenstig getraut, die Rechtspflege des Landvogts, meines Herren, durch Rufen oder auf andere Weise zu stören, soll an demselben Galgen neben den Meuterern aufgehängt werden!“
Bei dieser Ankündigung erstarb die Klage in aller Munde, und Totenstille herrschte unter dem bangen Volke. Die Frauen blickten tränenüberströmt gen Himmel und flehten zu dem, der allein die Menschen versteht und hört, wenn ein Tyrann ihnen die Sprache raubt. Die Männer verfluchten ihre Ohnmacht und entflammten in fieberhafter Wut. Sieben Klauwaerts wurden der Reihe nach an den Galgen gehängt und starben angesichts ihrer Mitbürger. Der Schmerz der geängsteten Brügger wandelte sich in Verzweiflung. Jedesmal, wenn einer von der Leiter gestoßen wurde, beugten sie das Haupt zu Boden und wandten so ihre Augen von dem schrecklichen Schauspiel ab. Sicher würden viele sich von dem Platz entfernt haben, wenn sie sich hätten bewegen dürfen; aber das war ihnen verboten, und wenn sich nur die geringste Unruhe unter ihnen bemerkbar machte, kam ein Söldner mit entblößtem Schwert, um sie zur Ruhe zu zwingen.
Nur noch ein Klauwaert stand bei Herrn von Châtillon; jetzt war die Reihe, gehangen zu werden, an ihm. Er hatte gebeichtet und sich bereit gemacht; dennoch eilte man nicht mit ihm, denn der Landvogt hatte das Zeichen noch nicht gegeben. Inzwischen bemühte sich Montenay, die Begnadigung des greisen Vlaemen zu erlangen, aber van Gistel hatte auf diesen Klauwaert einen besonderen Haß geworfen und gab vor, er sei einer der Rädelsführer und habe sich der französischen Herrschaft am meisten widersetzt. Auf Befehl des Landvogts redete er den alten Vlaemen folgendermaßen an:
„Ihr habt gesehen, wie Eure Genossen für ihre Widerspenstigkeit bestraft worden sind. Gleich ihnen seid auch Ihr verurteilt; dennoch will der Landvogt aus Ehrfurcht vor Euren grauen Haaren Gnade vor Recht ergehen lassen. Er schenkt Euch das Leben unter der Bedingung, daß Ihr Euch fortan wie ein ergebener Untertan Frankreichs unterwerft. Rettet Euch mit dem Ruf: Heil Frankreich!“
Der Greis warf einen Blick voll Zorn und Verachtung auf den Abtrünnigen und antwortete mit bitterem Lächeln:
„Wenn ich Euch gliche, würde ich das wohl rufen; ich tät's, wenn ich mein weißes Haar durch eine niedere Tat besudeln könnte. Doch nein; ich verachte Euch und trotze Euch bis in den Tod. – Ihr, Verräter, gleicht der Schlange, die im Eingeweide ihrer Mutter wühlt; denn Ihr liefert den Fremden das Land aus, das Euch ernährt hat. Zittert! Ich habe noch Söhne, die mich rächen werden, und Ihr, Ihr werdet nicht in Eurem Bette sterben! Ihr wißt, daß ein Mensch in seiner letzten Stunde nicht lügen kann.“
Jan van Gistel erbleichte bei dieser feierlichen Verkündigung des Greises. Fast bereute er seine Rache, und er versank in trübes Sinnen; ein Verräter fürchtet den Tod gleich einem Racheboten des Herrn. Châtillon konnte an dem Gesicht des Klauwaerts hinlänglich bemerken, daß er hartnäckig blieb.
„Nun, was sagt der Meuterer?“ fragte er.
„Mein Herr,“ antwortete Gistel, „er verhöhnt mich und verachtet Eure Gnaden.“
„Hängt ihn!“ befahl der Landvogt.
Der Söldner, der das Henkeramt versah, nahm den Greis beim Arm, und der folgte ihm gehorsam bis zum Fuß der Leiter; es vergingen noch einige Augenblicke, ehe die Schlinge um seinen Hals gelegt war. Er empfing den letzten Segen des Priesters und setzte endlich seinen Fuß auf die Leiter, um den Galgen zu besteigen. Aber plötzlich ging trotz der Wachen eine ungestüme Bewegung durch das Volk. Vor einem unwiderstehlichen Drucke taumelten einige gegen die Mauern der Häuser, andere wurden vorwärts gestoßen, und ein Jüngling mit bloßen Armen drang durch die Menge bis auf den Markt. Kaum war er aus der dichtgedrängten Volksmasse heraus, so überschaute er mit wildem Blick den Markt, schnellte wie ein Pfeil vorwärts und rief:
„Vater, Vater! Ihr sollt nicht sterben!“
Mit diesen Worten zückte er einen Dolch und stieß ihn bis an das Heft in die Brust des Henkers. Der fiel mit einem Schmerzensschrei von der Leiter und wälzte sich sterbend in seinem Blut. Inzwischen umfaßte der junge Klauwaert seinen Vater, hob ihn vom Boden auf und lief mit seiner heiligen Bürde ins Volk zurück. Die Franzosen hatten in regungsloser Erstarrung diesen Auftritt mit angesehen, doch nur einen Augenblick. Châtillon riß sie schnell aus ihrer Bestürzung. Ehe noch der Jüngling zehn Schritte weit gelaufen war, hatten ihn mehr als zwanzig Söldner eingeholt. Er setzte seinen Vater auf den Boden und drohte seinen Feinden mit dem noch rauchenden Messer. Aber wohl fünfzig andere Vlaemen scharten sich um ihn, so daß die Söldner zwischen sie dringen mußten, um ihn zu packen. Aber wie groß wurde die Wut der Franzosen, als sie ihre zwanzig Gefährten einen nach dem anderen niederfallen sahen! Jählings blinkten die Messer in den Händen der umstehenden Klauwaerts, und die Söldner wurden unbarmherzig niedergestoßen, wobei freilich auch mancher Vlaeme sein Leben ließ.
Nun stürzte sich die ganze Reiterei wütend auf das flüchtende Volk. Die großen Schlachtschwerter trieben die Menge bald auseinander, und die Pferde zerstampften die Widerspenstigen. Doch sie waren nicht ungerächt gestorben: erschlagene Franzosen bildeten ihr Lager. Auch Vater und Sohn waren geblieben, ein Degen hatte beide durchbohrt. Das Volk floh wie ein reißender Strom mit ängstlichem Geschrei durch die Straßen hin. Alles eilte nach seiner Wohnung. Türen und Fenster wurden geschlossen, und einige Stunden später schien es, als hätte die Stadt keine Einwohner mehr.
Rasend vor Wut über den Tod ihrer Kameraden und von Natur zu Gewalttätigkeiten geneigt, liefen die Söldner in Scharen durch die menschenleeren Straßen und ließen sich die Häuser der Klauwaerts von den Leliaerts bezeichnen. Sie schlugen Türen und Fenster in Stücke, raubten Geld und Gut und zertrümmerten alles, was ihnen nicht kostbar genug oder zu schwer war. Die weinenden Mädchen, die man in Kellern oder anderen Verstecken auffand, wurden grausam mißhandelt. Männer, die ihre Frauen und Schwestern verteidigen wollten, wurden bald von der rasenden Horde überwunden und hingemordet. Hier und da lagen vor den Türen der geplünderten Häuser verstümmelte Leichen zwischen zertrümmertem Hausrat. Nichts als das wütende Geschrei der Söldner und das Jammern der unglücklichen Frauen war zu hören. Lachend kamen die Plünderer aus den verwüsteten Wohnungen, beladen mit geraubtem Gut, triefend von vlaemischem Blute. Zogen einige von Mord und Raub gesättigt ab, so traten andere, schlimmere an ihre Stelle, und so trieben die Franzosen Stunden um Stunden dies schändliche Spiel. Alle Schandtaten, die nur ein zügelloser Feind begehen kann, wurden durch sie ausgeführt. In der Wohnung Peter De Conincks blieb kein Stück ganz; selbst die Mauern wären nicht stehen geblieben, wenn die Plünderer nicht ihre Zeit zu anderen Missetaten gebraucht hätten. Eine andere Rotte lief geradewegs zum Hause des Obmanns Breydel. In wenig Augenblicken war die Tür eingestoßen, und zwanzig Söldner traten fluchend in den Laden; sie trafen niemanden, obgleich sie alle Stuben durchsuchten. Die Kassen wurden erbrochen, Geld und Gut geraubt und und alles in Trümmer verwandelt. Während sie müde und ermattet mit boshafter Freude auf die Schutthaufen starrten, kam einer ihrer Genossen die Treppe herab und sprach:
„Ich habe auf dem Boden ein Geräusch gehört, sicher verbergen sich Vlaemen unter dem Dach. Ich glaube, wir werden da noch bessere Beute finden, denn sie haben gewiß ihr Geld mitgenommen.“
Die Söldner wandten sich hastig nach der Treppe. Jeder wollte zuerst hinauf, aber die Stimme ihres Genossen hielt sie zurück.
„Wartet, wartet!“ rief er, „ihr könnt nicht hinauf, die Bodenluke ist wenigstens zehn Fuß hoch, und die Leiter haben sie aufgezogen; aber das hat nichts zu sagen, ich habe eine Leiter im Hofe stehen sehen; ich gehe schnell hin und hole sie.“
Er kam bald damit zurück und stieg mit seinen Genossen nach oben. Die Leiter wurde unter die Luke gestellt und man versuchte, sie aufzuheben. Aber das gelang nicht; ein starker Riegel hinderte sie.
„Schön!“ rief einer von ihnen, während er ein schweres Stück Holz vom Boden aufnahm, „da sie nicht gutwillig öffnen, wollen wir ein anderes Mittel versuchen.“
Er schlug mit dem Holz gewaltig vor die Luke, doch sie blieb fest und rührte sich nicht. Ein Wehelaut tönte vom Boden her, so schmerzlich, als ob jemand sein Leben ausgehaucht hätte.
„Ha, ha,“ riefen die Söldner, „sie liegen auf der Luke!“
„Wartet,“ meinte ein anderer, „ich werde sie bald wegjagen; wollt ihr mir etwas helfen?“
Nun nahmen sie einen schweren Balken, hoben ihn zusammen auf und stießen ihn dann mit solcher Gewalt gegen die Luke, daß die Bretter davon losbrachen und herabfielen. Mit tobendem Geschrei legten sie rasch die Leiter an und stürmten alle nach oben. Hier blieben sie plötzlich stehen; es schien, daß ihre Herzen weicher wurden, denn die Flüche erstarben auf ihren Lippen, und sie blickten sich unschlüssig an. Im Hintergrund des Bodens stand ein Knabe, nicht über vierzehn Jahre alt, mit einem Schlachtbeil in der Hand; bleich vor Angst und bebend hielt er die Waffe wider die Franzosen erhoben, ohne einen Laut von sich zu geben. Aus seinen blauen Augen schossen Strahlen von Verzweiflung und Heldenmut. Er war sichtlich von heftiger Bewegung ergriffen; denn die Muskeln seiner zarten Wangen zogen sich zusammen und verliehen ihm einen furchtbaren Ausdruck. Er glich im kleinen einer griechischen Statue. Hinter dem jungen Fleischer knieten zwei Frauen: Eine alte Mutter mit gefalteten Händen und zum Himmel erhobenen Augen, und eine zarte Jungfrau mit aufgelöstem Haar. Das geängstigte Mägdelein hatte sein Gesicht in den Kleidern seiner Mutter verborgen und hielt sie wie in Todesangst umschlungen. In dieser Haltung saßen sie regungslos. Kein Seufzer, keine Klage kam über ihre Lippen.
Als sich die Söldner von ihrem ersten Erstaunen erholt hatten, nahten sie sich den Unglücklichen ungestüm und ergingen sich in Scheltworten gegen sie. Just wollten sie Hand an sie legen, denn das Kind flößte ihnen nicht die mindeste Furcht ein. Aber wie packte sie der Zorn, als der junge Fleischer den linken Fuß zurücksetzte und sein Beil verzweifelt schwang. Sie stutzten, einen Augenblick wurden sie in ihren schändlichen Plänen gehemmt. Dann wollte einer von ihnen das Kind durchbohren, aber der Knabe wehrte den Degen ab und hieb mit verzweifelter Kraft seinem Feind in die Schulter, so daß dieser wankend seinen Genossen in die Arme fiel. Als hätte dieser Schlag des Kindes Kraft erschöpft, stürzte es rücklings zu Boden und blieb regungslos neben den Frauen liegen.
Die Söldner hatten sich um ihren verwundeten Genossen versammelt, und entkleideten ihn unter Rachegeschrei und Verwünschungen. Derweile weinte die alte Frau in größter Angst und flehte um Gnade.
„O, ihr Herren!“ rief sie und streckte die Arme aus, „habt doch Mitleid mit uns Unglücklichen! Mordet uns nicht, um der Liebe des Herrn willen! Seht doch meine Tränen und erbarmt euch unserer Leiden. Was nützt euch der Tod von zwei wehrlosen Frauen?“
„Es ist die Mutter des Fleischers, der so viele Franzosen zu Male ermordet hat,“ rief einer der Söldner; „sie muß sterben!“
„O nein, nein, mein Herr!“ erwiderte die alte Frau, „taucht eure Hände nicht in mein Blut, ich bitte euch beim bitteren Leiden unseres Erlösers, laßt uns das Leben! Nehmt alles, was wir besitzen.“
„Heraus mit eurem Geld!“ rief eine Stimme.
Daraufhin ergriff die Frau ein Kästchen, das hinter ihr stand, und warf es dem Söldner zu.
„Da, meine Herren,“ sprach sie, „das ist alles, was uns in der Welt geblieben ist, ich schenke es euch gern.“
Das Kästchen ging auf, und eine Menge Goldstücke und kostbares Geschmeide rollte auf den Boden. Während die Söldner einander wegstießen, um die Beute zu haschen, faßte einer das Mädchen beim Arm und schleifte es grausam über die Erde.
„Mutter, o Mutter, hilf mir!“ schluchzte die Jungfrau mit ersterbender Stimme.
Aus Verzweiflung und Liebe zu ihrem Kinde wurde die Mutter zur rasenden Furie; ihre Augen sanken tief in ihre Höhlen zurück und funkelten unter den dichten Brauen wie bei den Wölfen; ihre Lippen bebten im Krampf und ließen die Zähne sehen, als wäre die Mutter in diesem furchtbaren Augenblick von der Wildheit einer Tigerin erfaßt. Wütend sprang sie auf den Söldner los, schlang ihre Arme um seinen Kopf, packte ihn dann mit ihrer Hand wie mit einer Klaue, preßte ihm die Nägel in das Gesicht und zerfleischte ihm die Wangen, so daß ihm das Blut über das Kinn lief.
„Mein Kind!“ schluchzte sie, „mein Kind, Bösewicht!“
Das Gesicht des Söldners verriet hinlänglich den unerträglichen Schmerz, denn die Augen traten ihm aus dem Kopfe. Da er das Mägdelein nicht loslassen wollte, setzte er der Mutter den Degen auf die Brust und durchbohrte ihr grausam das Herz. Die unglückliche Frau ließ ihren Feind los und lehnte sich wankend an das Dach. Blut lief über ihre Kleider, ihre Augen erloschen, ihre Züge erstarben und ihre Hände griffen ins Freie wie nach einer Stütze. Der Söldner riß das goldene Gehänge aus den Ohren des jammernden Mägdeleins, zog ihr die Perlenschnur vom Hals, die Ringe vom Finger. Dann ergriff er mit einem wilden Lachen seinen Degen, durchbohrte sie, und rief dabei höhnisch der sterbenden Mutter zu:
„Ihr sollt die lange Reise zusammen machen können, vlaemische Brut!“
Die Mutter stieß noch einen Schmerzensschrei aus, stürzte nach vorn und sank dann auf die Leiche ihres Kindes.
Das alles war in wenigen Augenblicken geschehen, so daß die anderen Söldner noch immer die Juwelen zusammenrafften, als Mutter und Tochter schon die Erde mit einer besseren Welt vertauscht hatten. Sobald die fremden Plünderer alles nur einigermaßen Wertvolle geraubt hatten, verließen sie das Haus und eilten weiter, um anderswo die gleiche Verwüstung anzurichten. Die unglücklichen Bürger, die nunmehr aus ihren Wohnungen vertrieben waren oder nicht darin zu bleiben wagten, irrten wie verloren in den Straßen umher, und die Franzosen riefen ihnen Schmähworte nach. Wie mußte diese Verzweiflung, diese Ohnmacht den vlaemischen Herzen nahe gehen! Wie bitter und leidenschaftlich verwünschten sie alles, was französisch hieß!
Etwa um Mittag ritt eine große Reiterschar durch die Stadt, um die Söldner wieder zusammenzurufen; denn Herr von Châtillon fand, daß Frankreichs Krone nun hinlänglich gerächt war. Man ließ ausrufen, die Leichen sollten begraben werden, und jeder möge nach seiner Wohnung zurückkehren. Einige Klauwaerts waren in das Haus des Obmannes Breydel gegangen, hatten die Leichen der beiden Frauen vom Boden geholt und brachten sie auf einer Tragbahre nach dem Damm-Tor. Hier vollzog sich ein trauriges, herzzerreißendes Schauspiel. Tausende weinender Frauen, jammernder Kinder und schwacher Greise baten kniend, die Stadt verlassen zu dürfen; doch den Söldnern war befohlen, die Tore geschlossen zu halten. Sie hörten auf kein Flehen und beantworteten die Tränen der geängstigten Bürger mit bitterem Hohn. Als diese lange Zeit vergebens gebeten hatten, kam eine der Frauen auf den glücklichen Gedanken, den Wachen ihr Geschmeide zu geben. Viele andere folgten dem Beispiel, und bald lagen ein großer Haufen von kostbaren Halsschnüren, Schlössern, Ohrgehänge und anderem reichen Zierat vor dem Tore. Die Söldner griffen gierig nach dem blinkenden Tande und versprachen, die Tore zu öffnen, wenn man ihnen all diese Kostbarkeiten schenken würde. Daraufhin warfen die Frauen hastig ihr Geld und Gut auf den Boden, und die Tore wurden geöffnet. Frohes Jauchzen begrüßte die glückliche Befreiung. Die Mütter nahmen ihre Kinder auf den Arm, der Sohn stützte den Vater, und so strömte alles durch das Tor. Die Männer, welche die Leichen der Mutter und Schwester Jan Breydels trugen, folgten den anderen auf der Flucht, und hinter ihnen schloß sich wieder das Tor.
XVI.
Jan Breydel hatte sich mit seinen siebenhundert Genossen unweit Damm, etwa eine Meile von Brügge gelagert. Dreitausend Gesellen anderer Zünfte hatten sich seinem Befehl unterstellt. So befand er sich an der Spitze eines Heeres, das zwar gering an Zahl, aber machtvoll war durch seinen Mut und seine Unerschrockenheit: denn die Herzen dieser Männer lechzten nach Freiheit und Rache. In dem Gehölz, das der Obmann zum Lagerplatz gewählt hatte, war eine Viertelstunde weit alles mit Zelten bedeckt. Am Morgen des 18. Mai, kurz bevor Châtillon in Brügge einrückte, rauchten vor den regelmäßigen Linien dieses Lagers unzählige Feuer; doch man sah nur wenig Volk bei den Zelten. Frauen und Kinder waren genug da, aber nur selten zeigte sich ein Mann, und auch dann war es nur eine Schildwache. Etwas abseits von dem Lager, hinter den Bäumen, die ihre Zweige über die Zelte breiteten, befand sich ein offener, unbewachsener Platz. Dort hörte man das summende Geräusch vieler Stimmen, das nur zuweilen von starken Schlägen übertönt wurde. Der Amboß ertönte von den Schmiedehämmern klingend wider, und die größten Bäume sanken krachend unter den Beilen der Fleischer dahin. Lange Stangen wurden gerundet, geglättet und mit einer Eisenspitze versehen. Schon lagen große Haufen solcher Goedendags am Boden. Andere Gesellen flochten Weidenzweige zu Schilden und gaben sie der Reihe nach der Gerberzunft, die sie mit einer Ochsenhaut überzogen. Auch die Zimmerleute verfertigten allerlei schweres Kriegswerkzeug zum Sturm auf Städte, zumal Ballisten und andere Wurfmaschinen.
Jan Breydel lief von der einen Seite zur anderen und trieb seine Genossen durch ermutigende Worte an; zuweilen nahm er selbst ein Beil aus den Händen seiner Fleischer und brachte dann zu ihrem Staunen mit bewunderungswürdiger Kraft einen Baum in ganz kurzer Zeit zu Falle.
Auf der linken Seite dieses offenen Platzes stand ein prächtiges Zelt von himmelblauem Stoff mit silbernen Borten. Daran hing ein Schild, auf dem der schwarze Löwe in goldenem Felde gestickt war: das zeigte, daß hier eine Person von gräflichem Blute untergebracht war. Es war Machteld, die sich unter den Schutz der Zünfte gestellt hatte und bei ihnen wohnte. Zwei Frauen aus dem durchlauchtigsten Hause van Renesse waren aus Seeland gekommen, um als Ehrendamen und Freundinnen bei ihr zu sein. Nichts fehlte ihr; die kostbarsten Möbel, die prächtigste Kleidung hatte ihr der edle Herzog von Seeland zugeschickt. Zwei große Scharen Fleischer mit blinkendem Beile standen zu beiden Seiten des Zeltes und dienten der jungen Gräfin als Leibwache.
Der Obmann der Weber ging vor dem Eingang auf und ab – in tiefem Sinnen; – – er starrte zu Boden. Die Leibwachen betrachteten ihn still, und voller Ehrerbietung wagten sie nicht zu sprechen. Er war mit dem Entwurf eines allgemeinen Lagerplatzes beschäftigt. Damit es ihnen nicht am Nötigsten fehlte, hatte er das ganze Heer in drei Gruppen geteilt. Die Fleischer und Gesellen verschiedener Zünfte ließ er unter Breydels Befehl zu Damm ein Lager beziehen. Hauptmann Lindens stand mit zweitausend Webern bei Sluis, und De Coninck selbst blieb mit zweitausend anderen zu Aardenburg. Aber diese erzwungene Trennung der verschiedenen Heeresteile mißfiel ihm; er hätte lieber vor der Rückkunft des Herrn Gwijde alle Abteilungen zusammengezogen. Deshalb war er nach Damm gekommen und hatte schon mit Jan Breydel darüber verhandelt. Jetzt wartete er auf die Erlaubnis, die Tochter seines Herrn zu sehen und zu begrüßen. Während er noch diesen Entwurf überdachte, wurde der Vorhang des Zeltes beiseite gezogen, und Machteld schritt langsam über den Teppich, der vor dem Eingang lag. Sie war bleich und matt, ihre schwachen Glieder trugen sie nur mit Mühe; sie schwankte schon bei den wenigen Schritten, die sie tat, und ruhte schwer auf dem Arme der jungen Adelheid van Renesse, die sie begleitete. Ihre Kleidung war kostbar, aber prunklos; sie hatte jeden Schmuck verschmäht und trug als einziges Kleinod die goldene Brustplatte mit dem schwarzen Löwen von Flandern.
De Coninck hatte sein Haupt entblößt und stand ehrerbietig vor ihr. Machteld lächelte ergreifend. Auf ihren Zügen mischte sich bitterer Schmerz mit ruhiger Zufriedenheit, denn sie war erfreut, den Obmann zu sehen. Mit schwacher Stimme sprach sie:
„Seid gegrüßt, Meister De Coninck, unser Freund! Ihr seht, ich fühle mich nicht wohl, das Atmen fällt mir recht schwer; aber ich mag nicht immer in meinem Zelte bleiben. Die Trauer überwältigt mich in dieser engen Behausung. Ich will die treuen Untertanen meines Vaters arbeiten sehen, wenn mich meine Füße so weit tragen können. Ihr werdet mich begleiten; ich bitte Euch, Meister, beantwortet meine Fragen; das wird meinem kranken Geiste Erleichterung schaffen. Die Wachen sollen uns nicht folgen. Die reine Morgenluft tut mir so wohl.“
De Coninck folgte seiner Landesherrin und begann, mit ihr über mancherlei zu plaudern; mit seinem gewohnten Scharfsinn und seiner Beredsamkeit wußte er ihr viel Trost zu schaffen und verscheuchte so vorübergehend all ihre trüben Gedanken. Als die Jungfrau inmitten der Zunftleute stand, ward sie mit Jauchzen und Glückwünschen begrüßt. Alsbald ertönte allenthalben der Ruf: „Heil der edeln Tochter des Löwen!“ Er lief langhin hallend durch das Gehölz, und Machteld empfand innige Freude über dies Zeichen feuriger Liebe. Sie trat zu dem Obmann der Fleischer und sagte freundlich:
„Meister Breydel, ich habe Euch von weitem gesehen, Ihr arbeitet mit mehr Eifer als der geringste Eurer Gesellen. Es scheint, die Arbeit gefällt Euch!“
„Meine Gebieterin,“ antwortete Breydel, „wir machen Goedendags, die das Vaterland und den Löwen, unseren Herrn, befreien sollen. Ich habe gewaltige Freude an dieser Arbeit, denn es kommt mir vor, als wenn auf der Spitze eines jeden Goedendags, den wir herstellen, bereits ein Franzose steckt. Verwundert Euch nicht, durchlauchtige Gräfin, wenn ich so zornig in diese Bäume haue; mir ist dabei, als hiebe ich auf den Feind ein, und dieser Rachetraum läßt meine Hand nicht matt werden.“
Machteld bewunderte den jungen Mann, dessen Blicke all sein Heldenfeuer verrieten, dessen Gesicht, wie das einer griechischen Gottheit, den Ausdruck der zartesten und wildesten Leidenschaften vereinte. Mit Wohlgefallen betrachtete sie diese Augen, darin männlicher Stolz unter den langen Wimpern hervorstrahlte, die sanften Züge, die als der Spiegel einer edeln Seele in hingebender Aufopferung und Vaterlandsliebe erglänzten. Mit wohlwollendem Lächeln meinte sie:
„Meister Breydel, Eure Gesellschaft wäre mir sehr angenehm: wollet uns bitte folgen.“
Jan Breydel warf das Beil weg, strich die blonden Locken zurück, setzte seine Mütze anmutiger auf den Kopf und folgte der Jungfrau voll Stolz. Machteld sagte leise zu De Coninck:
„Wenn mein Vater tausend so treuer, unerschrockener Untertanen in seinem Dienste hätte, so würden die Franzosen nicht lange in Flandern bleiben.“
„Vlaemen wie Breydel gibt es nur einen,“ antwortete De Coninck. „Die Natur vereint selten einen so feurigen Geist mit einem so kräftigen Körper, und das ist eine weise Fügung Gottes; denn sonst würden die Menschen in ihrem Kraftgefühl zu stolz werden, gleich den Riesen des Altertums, die den Himmel erstürmen wollten …“
Er wollte in seiner Rede fortfahren, aber eine Wache mit Schild und Schwert kam atemlos zu ihnen gelaufen und meldete Breydel:
„Meister, meine Genossen von der Lagerwache haben mich geschickt, um Euch zu benachrichtigen, daß man vor dem Tor unserer Stadt Brügge eine dichte Staubwolke von dem Wege emporsteigen sieht und ein brausendes Tosen wie von einem Heere vernehmbar ist. Der Zug verläßt die Stadt und kommt auf unseren Lagerplatz zu.“
„Zu den Waffen! Zu den Waffen!“ rief Breydel so kraftvoll, daß es alle hörten. „Jeder in seine Abteilung; rasch!“
Die Arbeiter griffen voller Ungestüm zu den Waffen und liefen wild durcheinander, aber nur einen Augenblick. Schnell hatten sich die Züge geordnet, und bald standen die Gesellen bewegungslos in dichtgeschlossenen Reihen da. Breydel schickte fünfhundert erlesene Leute zu Machtelds Zelt; die Jungfrau war eilends dorthin zurückgekehrt. Ein Wagen und einige leichte Pferde wurden vor das Zelt gebracht und alles zur Flucht vorbereitet. Dann ging Breydel mit seinen Leuten rasch aus dem Gehölz und stellte sie in Schlachtordnung auf, um den Feind zu empfangen.
Bald bemerkten sie, daß sie sich getäuscht hatten, denn der Zug, der den Staub aufwirbelte, kam ohne jede Ordnung heran. Massen von Frauen und Kindern liefen durcheinander. Die Frauen weinten und wehklagten alle um eine Bahre, die von Männern herbeigetragen wurde. Die Ursache, weshalb die Zunftleute zu den Waffen gegriffen hatten, bestand also nicht mehr. Dennoch blieben sie in ihren Gliedern, stützten sich auf ihre Waffen und warteten neugierig, was das bedeute.
Endlich nahte der Zug dem Heere. Während sich viele Frauen und Kinder herzudrängten, um ihre Männer oder ihre Väter zu umarmen, enthüllte sich inmitten der Scharen ein schreckliches Bild. Vier Männer trugen die Bahre nahe vor Breydel hin und legten die Leichen zweier Frauen auf den Boden: deren Kleider waren ganz mit Blut befleckt; ihre Züge konnte man nicht erkennen, da ein schwarzer Schleier ihre Häupter bedeckte. Als die Leichen von der Bahre gehoben und auf den Boden gelegt wurden, erfüllten die Frauen die Luft mit ihren Klagen. Nur ein herzzerreißendes Wehe! Wehe! konnte man verstehen. Endlich rief eine Stimme:
„Die Franzosen haben sie grausam ermordet!“
Dieser Ruf weckte Wut und Rachedurst unter den Zunftleuten, die bis dahin bestürzt gewartet hatten; aber ihr Vorsteher Breydel wandte sich ihnen zu und rief:
„Der erste, der sein Glied verläßt, wird streng bestraft!“
Er war von quälender Unruhe gepeinigt, als ob ein Vorgefühl seines Unglücks sein Herz ergriffen hätte. Ungestüm lief er zu den am Boden liegenden Leichen und zog das Tuch von ihrem Angesicht. Aber o Gott! Welch furchtbarer Anblick für ihn. Kein Seufzer entrang sich seiner Brust, kein Glied bewegte er: er stand, als wäre er vom Schlage getroffen. Er war totenblaß, und seine Haare sträubten sich. Er starrte nur regungslos auf die Augen der Leichen; seine Lippen bebten; es war, als sei seine letzte Stunde gekommen. In dieser Stellung blieb er wenige Augenblicke; dann atmete er tief auf. Verzweifelt sprang er vorwärts zu seinen Leuten, reckte zugleich beide Arme und schrie schmerzvoll:
„O welch entsetzliches Unglück! Meine alte Mutter!… Meine arme Schwester!“
Mit diesen Worten warf er sich in De Conincks Arme und lag, aller Kraft beraubt, an der Brust seines Freundes. Mit schrecklichen Blicken stierte er rings umher, also daß seine Gefährten vor Angst und Mitleid zitterten. In seiner düsteren Verzweiflung nahm er sein Beil an seinen Mund und biß wie ein Rasender mit solcher Kraft in den Stiel, daß er ein Stück davon zwischen den Zähnen behielt; aber man nahm ihm rasch die gefährliche Waffe fort. De Coninck gebot den Gesellen, in Ordnung zur Arbeit zurückzukehren, bis ein Befehl sie zu den Waffen rufen werde. Sie hätten lieber schleunige Rache genommen, aber sie wagten keinen Widerspruch, denn ihnen war bekannt, daß De Coninck von dem jungen Gwijde zum Oberbefehlshaber ernannt worden war; so kehrten sie murrend ins Gehölz zurück und setzten ihre Arbeit widerwillig fort.
Als die beiden Obmänner in Breydels Zelt gekommen waren, setzte sich dieser matt und niedergeschlagen an einen Tisch und ließ das Haupt auf die Brust sinken. Er sagte nichts; ein bitteres Lächeln glitt über seine Züge, als spottete er des eigenen Unglücks.
„Mein unglücklicher Freund,“ sprach De Coninck, „beruhigt Euch um Gottes willen.“
„Beruhigt Euch, beruhigt Euch!“ wiederholte Breydel, „bin ich nicht ruhig? Habt Ihr mich je so ruhig gesehen?“
„Lieber Freund,“ fuhr De Coninck fort, „wie bitter sind doch die Qualen Eurer Seele; ich sehe den Tod auf Eurem Gesicht. Trösten kann ich Euch nicht; – Euer Unglück ist zu groß, für solche Wunden weiß ich keinen Balsam.“
„Ich wohl,“ antwortete Breydel, „der Balsam, der mich heilen kann, ist mir bekannt, aber mir fehlt die Macht. O meine arme Mutter! Sie haben ihre Hände in dein Blut getaucht, weil dein Sohn ein Vlaeme ist – und dieser Sohn, ach, dieser Sohn kann dich nicht rächen!“
Sein Gesichtsausdruck änderte sich bei diesem Ausruf; er knirschte mit den Zähnen und packte die Füße des Tisches, als ob er ihn zerbrechen wollte; trotzdem wurde er bald wieder ruhig, und tiefste Trauer beschattete sein Gesicht.
„Nun, Meister, seid ein Mann, überwindet Eure Verzweiflung. Seid mutig bei dem bitteren Leid, das Euch heute trifft; das Blut Eurer Mutter soll gerächt werden.“
Ein grauenhaftes Lächeln trat wieder auf Breydels Lippen, und er entgegnete:
„Gerächt werden? Wie leicht gelobt Ihr etwas, das Ihr nicht halten könnt! Wer kann mich rächen? Ihr nicht. Glaubt Ihr, daß ein Strom französisches Blut hinreicht, um meiner Mutter Leben wieder zu erkaufen? Ruft das Blut eines Tyrannen seine Schlachtopfer wieder ins Leben zurück? O nein, sie sind tot, für immer, für ewig, mein Freund! Ich werde still und ohne Klagen leiden; nichts kann mich trösten; wir sind zu schwach, unsere Feinde zu mächtig.“
De Coninck antwortete nicht auf Breydels Worte und schien über etwas Wichtiges zu sinnen. Zuweilen glitt ein Schatten über sein Gesicht, als ob er sich Gewalt antäte, die innere Wut zu verbergen. Breydel betrachtete ihn neugierig in der Meinung, daß etwas Außergewöhnliches in der Brust seines versonnenen Freundes vorging. Der leidenschaftliche Ausdruck verschwand von De Conincks Gesicht, er stand langsam auf und sprach:
„Unsere Feinde sind zu mächtig, sagt Ihr; morgen werdet Ihr das nicht mehr sagen. Sie haben sich des Verrats und der Bosheit bedient und sich nicht gescheut, unschuldiges Blut zu vergießen, als ob kein Racheengel mehr am Throne des Herrn wäre. Sie wissen nicht, daß ihrer aller Leben in meiner Hand steht, und daß ich sie zermalmen kann, als wenn mir Allmacht von Gott verliehen wäre. Sie suchen ihren Vorteil in Treubruch und schändlicher Niedertracht. Wohlan, ihr eigenes Schwert soll sie vernichten; das sage ich Euch!“
De Coninck erschien in diesem Augenblick wie ein Prophet, der dem lasterhaften Jerusalem den Fluch des Herrn kündet; es war etwas so Furchtbares im Tone seiner Stimme, daß Breydel voll ehrfürchtiger Andacht seinen Worten lauschte.
„Wartet ein wenig,“ fuhr De Coninck fort, „ich werde einen der Neuankömmlinge holen, damit wir erfahren, wie dieses alles sich zugetragen hat. Laßt Euch durch seine Erzählung nicht hinreißen; ich gelobe Euch eine Rache, wie Ihr sie selbst nicht vollkommener wünschen könntet. Denn nun ist es doch so weit gekommen, daß Geduld eine Schmach wäre.“
Kurz nachdem er das Zelt verlassen hatte, kam er mit einem Zunftgesellen zurück und ließ ihn die Vorfälle, die sich an diesem Tage in Brügge ereignet hatten, mit allen Einzelheiten erzählen. Sie erfuhren von ihm, wie groß Châtillons neues Heer war, den Tod der gehängten Bürger und die schreckliche Plünderung der Stadt. Breydel hörte die Erzählung kaltblütig mit an; denn alle diese Schandtaten waren ihm nicht so schmerzlich wie die Ermordung derjenigen, der er das Leben verdankte. De Coninck dagegen wurde immer zorniger, je mehr er dies schreckliche Schauspiel vor seinem Geist sich entrollen sah. Vaterland und Befreiung waren die beiden Gefühle, welche ihn zu solcher Leidenschaft entflammten. Nun sah er wohl, daß es Zeit war, daß man unverzüglich losschlagen mußte; denn solch grausame Rechtspflege konnte die Vlaemen erschrecken und entmutigen. Er entließ den Gesellen und stützte schweigend den Kopf in die Hand, während Breydel ungeduldig erwartete, was er sagen würde.
Plötzlich schritt De Coninck auf Breydel zu und rief:
„Freund, schleift Euer Beil, verscheucht die Trauer aus Eurem Herzen, wir werden die Ketten des Vaterlands zersprengen.“
„Was wollt Ihr damit sagen?“ fragte Breydel.
„Hört: Der Landmann wartet, bis daß die Morgenkühle alle Raupen in ein Nest getrieben hat; dann schneidet er es vom Baume, legt es hin und zertritt das Ungeziefer auf einmal. Versteht Ihr das?“
„Vollendet Eure Verkündigung,“ rief Breydel; „treuester Freund, ein Lichtstrahl verscheucht meine düstere Verzweiflung! Vollendet, sprecht aus!“
„Also: auch die Franzosen haben sich in unserer Vaterstadt wie Ungeziefer eingenistet. Sie sollen gleichfalls zermalmt werden, als fiele ein Berg über sie. Freuet Euch, Meister Jan, sie sind verurteilt. Der Tod Eurer Mutter soll mit Wucher gerächt werden, und das Vaterland wird aus diesem Blute frei emportauchen!“
Breydels Auge schweifte ungestüm im Zelte umher. Er suchte sein Beil, bis ihm einfiel, daß man es ihm abgenommen hatte. Gerührt ergriff er De Conincks Hand.
„Mein Freund!“ rief er, „Ihr habt mich vielmals gerettet, aber alsdann gabt Ihr mir nur das Leben; jetzt erhalte ich durch Euch Freude und Glück zurück. Sagt mir nur schnell, wie wir diese Rache ins Werk setzen sollen, damit ich meiner Sache sicher bin.“
„Einen Augenblick Geduld, Ihr sollt es gleich hören; ich muß diesen Plan vor allen Obmännern darlegen; ich werde sie gleich rufen lassen.“
Er ging hastig aus dem Zelt, rief eine Schildwache und sandte sie nach dem Gehölz, um alle Anführer zu sich zu entbieten. Bald darauf standen sie, ihrer dreißig, in einem Kreise vor dem Zelte. De Coninck sagte zu ihnen:
„Genossen! Die feierliche Stunde ist gekommen. Die Freiheit müssen wir erringen oder den Tod. Lange genug trugen wir das Mal der Schande auf der Stirn. Es ist Zeit, daß wir unseren Feinden Rechenschaft über das Blut unserer Brüder abfordern; und wenn wir für das Vaterland sterben müssen, so denkt daran, Genossen, daß die Ketten der Sklaverei am Rande des Grabes abfallen, und daß wir frei und sonder Schmach bei unseren Vätern schlafen werden. Aber nein, wir werden siegen, das weiß ich. Der schwarze Löwe von Flandern kann nicht untergehen; und sehet, ob wir das Recht nicht auf unserer Seite haben? Die Franzosen haben unser Land geplündert, unseren Grafen und die Edeln, die Blüte der echten Vlaemen eingekerkert. Philippa haben sie vergiftet, unsere Stadt Brügge verwüstet und die redlichsten unserer Brüder an den Galgen gehängt. Die blutigen Leichen der Mutter und der Schwester unseres unglücklichen Freundes Breydel ruhen in unserer Mitte. Diese Leichen und alle, die durch die Hand der fremden Tyrannen gestorben sind, schreien in eurem Herzen nach Rache! Wohl, so bergt in eurem Herzen wie in einem Grabe, was ich euch sagen werde. Die Franzosen sind heute durch ihr teuflisches Treiben ermattet, sie werden fest schlafen; aber dieser Schlaf soll für die meisten bis zum jüngsten Gericht dauern! Sagt euren Gesellen nichts; aber führt sie morgen zwei Stunden vor Sonnenaufgang bis hinter Saint-Kruis in den Elsterbusch[29]. Ich gehe stehenden Fußes nach Aardenburg, um meine Mannen vorzubereiten und den Hauptmann Linden zu benachrichtigen; denn ich muß noch heute in Brügge sein. Das wundert euch: doch ihr werdet mir zugeben: ein Franzose ist in Brügge, den wir nicht töten dürfen, sein Blut würde über unsere Häupter kommen.“
„Herr von Montenay?“ antworteten viele Stimmen.
„Dieser Ritter,“ fuhr De Coninck fort, „hat uns stets gütig behandelt; er hat gezeigt, daß ihm das Unglück unseres Vaterlandes nahe geht. Er hat sich gar manches Mal den grausamen Verfolgungen des verfluchten Jan van Gistel widersetzt und Gnade für die Verurteilten erhalten. Mit diesem edeln Blute dürfen wir unsere Waffen nicht färben; um dies zu verhüten, gehe ich heute nach Brügge, mag auch noch so große Gefahr damit verbunden sein.“
„Aber,“ fiel ihm einer der Obmänner in die Rede, „wie sollen wir morgen in die Stadt kommen, da die Tore doch bis Sonnenaufgang verschlossen sind?“
„Die Tore werden uns geöffnet werden,“ antwortete De Coninck, „ich werde nicht aus der Stadt zurückkehren, bevor unsere Rache unfehlbar sicher ist. Ich habe euch genug gesagt, morgen auf dem Versammlungsplatz werde ich euch nähere Befehle geben; haltet eure Leute bereit. Ich nehme unsere junge Gräfin von hier mit fort; sie soll dieses blutige Schauspiel nicht sehen.“
Breydel hatte während dieser Worte nicht die geringsten Zeichen der Zustimmung gegeben, aber sein Gesicht erstrahlte in ungemeiner Freude. Sobald die Obmänner fort waren, warf er sich an De Conincks Brust und sprach, während Tränen über seine Wangen rollten:
„Ihr habt mich aus meiner Verzweiflung gerissen, teurer Freund! Nun kann ich ruhig über den Leichen meiner Mutter und Schwester weinen und sie mit Andacht zur Erde bestatten. – Und dann, wenn sich das Grab über ihnen geschlossen hat …! O, was bleibt mir dann noch in der Welt, das ich lieben könnte?“
„Euer Vaterland und sein Aufblühen!“ bekam er zur Antwort.
„Ja ja, Vaterland, Freiheit – und Rache! Denn jetzt, hört Ihr, mein Freund, jetzt würde ich vor Grimm weinen, wenn die Franzosen unser Land verließen. Dann würde ja mein Beil keine Opfer mehr finden, ich würde ihre Leichen nicht mehr zertreten können, wie die Hufe ihrer Rosse unsere Brüder zerstampft haben. Die Freiheit ohne Kampf ginge mir wider die Seele; jetzt, wo sie das Herz, unter dem ich das Leben empfing, durchbohrt haben, kann mich nur der Anblick strömenden Blutes zufriedenstellen. Macht rasch und geht mit Gott, damit sich alles zum Guten wende; denn ich dürste nach der versprochenen Rache.“
De Coninck nahm von Breydel Abschied: „Haltet alles geheim und seid vorsichtig, mein Freund.“
Ehe er das Lager verließ, bereitete er alles zur Abreise der edeln Machteld vor; nachdem er noch kurz mit ihr gesprochen hatte, bestieg er einen Traber und verschwand in der Richtung nach Aardenburg.
Unterdes waren die Leichen der Mutter und Schwester Breydels von den Frauen gewaschen und umgekleidet worden. Sie hatten erst ein Zelt inwendig schwarz ausgeschlagen und in der Mitte die beiden Leichen auf ein Feldbett niedergelegt. Sie lagen in düsterem Totenkleid, nur das Antlitz konnte man sehen. Rund um die feierliche Lagerstätte brannten acht gelbe Wachskerzen; ein Kreuz mit einem silbernen Weihwasserkessel und einigen Palmzweigen stand am Kopfende, während weinende Frauen dabei saßen und beteten.
Unmittelbar nach De Conincks Abreise ging Breydel nach dem Gehölz und befahl, die Arbeit aufzugeben; er sandte die Zunftleute nach den Zelten zur Ruhe und kündigte ihnen an, daß sie am anderen Morgen vor Tagesanbruch aufbrechen müßten. Nachdem er noch einige Maßregeln getroffen, um die Frauen und Kinder im Lager unterzubringen, begab er sich nach dem Zelt, in dem die Leiche seiner Mutter lag. Dort schickte er die Frauen weg und schloß die Tür ab.
Vergeblich kamen mehrere Anführer zu dem Zelt, um den Obmann zu sprechen, Anweisungen oder Befehle zu holen; sie bekamen auf ihr Klopfen keine Antwort. Anfangs glaubten sie ihren Meister in Trauer versunken; aber als sie vier Stunden vor der Tür gewartet hatten, ohne das geringste Geräusch zu vernehmen, wurden sie von Furcht gepackt. Sie wagten nicht, ihre Gedanken zu äußern. War Breydel tot? Hatte das Beil oder der Schmerz seinen Lebensfaden zerschnitten?
Plötzlich öffnete sich die Tür, und Breydel erschien, anscheinend ohne ihre Gegenwart zu bemerken. Niemand sprach, denn seine Züge ließen das Herz erstarren, die Sprache stocken. Er war bleich, seine Blicke irrten wild umher, und viele bemerkten, daß zwei Finger seiner rechten Hand mit Blut befleckt waren. Keiner wagte, ihm zu nahen; der Tod strahlte aus seinen Augen, und wen er ansah, dem drang jeder Blick wie ein Pfeil in die Seele. Das Blut an seinen Fingern machte sie noch mehr zittern; eine schreckliche Ahnung ließ sie erraten, woher es stammte. Gewiß hatte er in die Wunde seiner Mutter gegriffen und aus dieser furchtbaren Berührung diese Raserei geschöpft, die seine Kraft mehren, seinen Rachedurst erhöhen mußte! So wandelte er sprachlos durch das Gehölz, bis der Abend das Lager mit Finsternis bedeckte und ihn den Augen seiner Genossen entzog.
Als De Coninck nach Aardenburg gekommen war, unterstellte er seine zweitausend Weber dem Befehl eines der ersten Anführer und sandte einen Boten mit Befehlen an den Hauptmann Lindens. Nachdem er die Vereinigung der drei Heeresabteilungen zu Saint-Kruis vorbereitet hatte, schwang er sich wieder aufs Pferd und ritt stracks nach Brügge. Dort ließ er seinen Traber in einer Herberge stehen und ging zu Fuß in die Stadt. Nichts trat ihm in den Weg; denn es war bereits spät am Abend, die Tore waren offen und keine Soldaten als die Schildwachen auf dem Wall zu sehen. Furchtbare Stille herrschte in den Straßen, durch die er gehen mußte. Alsbald machte er vor einem kleinen Hause an der Donatuskirche halt. Er wollte anklopfen, aber er ward inne, daß die Wohnung keine Tür mehr hatte und der Eingang mit einem langen Tuchstreifen verhängt war. Dies Haus und seine Räume mochten ihm wohlbekannt sein; denn er hob das Tuch und schritt rasch in den Laden geradeswegs zu einem kleinen Hinterstübchen, das durch das unbestimmte Licht einer Lampe erleuchtet war. Zwischen dem zertrümmerten Hausrat, der am Boden umherlag, saß eine Frau weinend an einem Tische. Sie hielt zwei kleine Kinder fest an ihre Brust gedrückt und küßte sie unter Schluchzen, als wäre sie glücklich, wenigstens diesen Reichtum behalten zu haben. Weiter hinten in einem Winkel, der von der Lampe nur halb erleuchtet wurde, saß ein Mann: er hatte das Haupt in die Hände gestützt und schien zu schlafen.
Beim unerwarteten Erscheinen De Conincks erschrak die Frau heftig. Sie drückte ihre Kinder fester an sich, und ein lauter Schrei kündete ihre Angst. Der Mann griff hastig nach seinem Dolch; als er aber seinen Obmann erkannte, stand er auf und sprach:
„O Meister, welch schmerzliche Last habt Ihr mir auferlegt, da Ihr mir gebotet, in der Stadt zu bleiben; die Gnade Gottes allein hat uns von dem unvermeidlichen Tode gerettet. Unsere Häuser sind geplündert, unsere Brüder gehängt und ermordet, und Gott weiß, was morgen noch geschehen wird. O gestattet mir, zu Euch nach Aardenburg zu gehen: ich bitte Euch flehentlich.“
De Coninck antwortete nicht auf diese Bitte; er winkte den Zunftgesellen in einen Winkel, der am dunkelsten war, und sagte dann mit leiser Stimme:
„Gerhard, als ich die Stadt verließ, habe ich Euch mit dreißig anderen Gesellen zurückgelassen, um die Anschläge der Franzosen zu entdecken. Ich wählte gerade Euch hierzu, weil ich Euren Mut und Eure Vaterlandsliebe kenne. Der Tod Eurer Genossen hat Euch wohl Angst gemacht: ist dem so, dann möget Ihr noch heute nach Aardenburg abreisen.“
„Meister,“ antwortete Gerhard, „Eure Worte machen mich bekümmert. Ich fürchte den Tod durchaus nicht; aber mein Weib und meine armen Kinder bleiben hier allem Unheil ausgesetzt. Furcht und Schrecken machen sie krank. Sie weinen und beten den ganzen Tag, und die Nacht gibt ihnen die Kräfte nicht wieder. Könntet Ihr sie sehen, wie bleich sie sind! Sollte mich der Anblick all dieser Leiden, all dieser Angst unberührt lassen? Ich bin doch ihr Vater und Beschützer. Und heischen sie nicht von mir allein den Trost, den ich ihnen doch nicht geben kann? O Meister, glaubt mir, ein Vater leidet mehr, als seine Frau und Kinder leiden können. Und doch bin ich bereit, für das Vaterland alles zu vergessen, selbst die Meinen: wenn ich Euch mit irgend etwas dienlich sein kann, dürft Ihr auf mich rechnen. Sprecht also, ich spüre, daß Ihr mir eine wichtige Anordnung zu geben habt.“
De Coninck ergriff des braven Gerhard Hand und drückte sie gerührt. „Noch eine Seele wie die Breydels,“ dachte er.
„Gerhard,“ rief er aus, „Ihr seid ein würdiger Gesell; ich danke Euch für Eure Treue und Euren Mut. Hört also, denn ich habe wenig Zeit. Ihr müßt rasch zu Euren Genossen gehen und sie benachrichtigen. Heut Nacht sollt Ihr heimlich mit ihnen in die Pfeffergasse schleichen. Ihr allein werdet dann auf den Wall zwischen dem Damm- und dem Kruistor steigen. Legt Euch platt auf die Erde und schauet nach der Gegend von Saint-Kruis aus. Seht Ihr ein Feuer im Felde leuchten, so werft Euch mit Euren Genossen auf die Wache und öffnet das Tor; es sollen siebentausend Vlaemen davorstehen.“
„Das Tor wird zur bestimmten Zeit offen sein, seid deshalb, bitte, ohne Sorge,“ antwortete Gerhard kaltblütig.
„Ist das sicher?“
„Ganz sicher.“
„Dann guten Abend, werter Freund. Gott behüte Euch!“
„Und sei auch mit Euch, Meister!“
De Coninck ließ den Zunftgesellen zu seiner Frau zurückkehren und entfernte sich aus dem Hause. So gelangte er zu einer prächtigen Wohnung bei der alten Halle. Er klopfte an, und die Tür wurde geöffnet.
„Was wollt Ihr, Vlaeme?“ fragte der Diener.
„Ich wünsche Herrn von Montenay zu sprechen.“
„Ja, habt Ihr aber auch keine Waffen? Man kann Euch nicht trauen.“
„Was kümmert das Euch!“ meinte der Obmann; „geht und sagt Eurem Herrn, daß De Coninck ihn sprechen will.“
„Herr du mein Gott! Ihr heißt De Coninck; dann kommt Ihr sicherlich in böser Absicht!“ Damit lief der Diener eiligst nach oben und kam nach einigen Augenblicken zurück.
„Ihr möchtet hinaufkommen,“ sagte er; „wollet mir, bitte, folgen.“
Er führte De Coninck die Treppe hinauf bis zum Eingang eines Gemachs. Montenay saß an einem kleinen Tisch, auf dem sein Helm, sein Degen und seine eisernen Handschuhe lagen. Er sah den Obmann verwundert an; der beugte sich vor dem Stadtvogt und sprach:
„Herr von Montenay, im Vertrauen auf Eure Rechtlichkeit kam ich hierher. Ich bin fest überzeugt, daß ich diese Kühnheit nicht zu bereuen habe.“
„Gewiß,“ antwortete Montenay, „Ihr sollt zurückkehren, wie Ihr gekommen seid.“
„Euer Edelmut ist unter uns sprichwörtlich geworden,“ fuhr De Coninck fort, „ich kam auch nur deshalb zu Euer Edeln, um Euch zu zeigen, daß wir einen geradherzigen Feind hochachten. Châtillon hat heute unsere Stadt der Wut seiner Söldner preisgegeben, acht unserer unschuldigen Brüder hängen lassen. Gebet selbst zu, Herr von Montenay, daß es unsere Pflicht ist, ihren Tod zu rächen; denn was konnte der Landvogt ihnen anderes vorwerfen, als daß sie sich seinen tyrannischen Befehlen nicht fügen wollten?“
„Der Untergebene muß seinem Herrn gehorchen; mag auch die Strafe noch so streng sein, es steht ihm nicht zu, die Handlungen seiner Vorgesetzten zu verurteilen.“
„Ihr habt recht, Herr von Montenay, so spricht man in Frankreich, und da Euer Edeln von Rechts wegen Untertan Philipps des Schönen sind, so ziemt es Euch, seine Befehle auszuführen. Wir aber sind freie Vlaemen und können die schmählichen Ketten nicht länger tragen; da nun der Landvogt in seinen Grausamkeiten so weit gegangen ist, so kann ich Euch die Versicherung geben, daß in Bälde das Blut in Strömen fließen wird. Wäre uns das Schicksal feind, behieltet ihr Franzosen den Sieg, dann blieben euch nur wenig Sklaven, denn wir wollen sterben. Aber wie dem auch sei, und deshalb kam ich her: kein Haar Eures Hauptes soll Euch von uns gekrümmt werden. Das Haus, in dem Ihr Euch befindet, soll uns heilig sein; kein Vlaeme soll den Fuß über die Schwelle Eurer Wohnung setzen. Empfangt darauf mein Wort.“
„Ich danke den Vlaemen für ihre Liebe zu mir; aber ich lehne den Schutz, den Ihr mir anbietet, ab und werde nie davon Gebrauch machen. Fiele wirklich etwas der Art vor, so würde ich mich unter des Landvogts Banner und nicht in meiner Wohnung befinden, und falls ich sterbe, soll es mit dem Schwert in der Faust geschehen. Aber ich glaube nicht, daß es so weit kommen wird, denn die Unruhen werden wohl gedämpft werden. Euch, Obmann, rate ich als Freund, das Land schleunigst zu verlassen.“
„Nein, mein Herr, ich verlasse dieses Land nicht, die Gebeine meiner Väter ruhen in dieser Erde. Bitte, bedenkt, daß nichts unmöglich ist, daß auch französisches Blut durch uns vergossen werden kann; dann gedenket meiner Worte. Das ist alles, was ich Eurer Edeln zu sagen hatte. Ich wünsche Euch Lebewohl, Gott nehme Euch unter seinen Schutz.“
Montenay überdachte die Worte des Obmannes genau und ward zu seinem großen Schmerz inne, daß sie ein furchtbares Geheimnis bargen. Er beschloß deshalb, am nächsten Tage Châtillon zur Wachsamkeit zu mahnen und selbst einiges zur Sicherheit der Stadt anzuordnen. Aber er ahnte nicht, daß seine Befürchtung so bald eintreten würde, legte sich zu Bett und schlief ruhig ein.