XVII.
Hinter dem Dorfe Saint-Kruis, einige Pfeilschüsse von Brügge, lag ein kleines Gehölz, der Elsterbusch, unter dessen schattigen Bäumen die Einwohner der volkreichen Stadt sich gewöhnlich des Sonntags ergingen. Die Bäume standen nicht sehr dicht, und weicher Rasen deckte die Erde wie mit einem grünen Teppich. Um zwei Uhr nachts war Breydel bereits auf der festgesetzten Stelle. Es war undurchdringlich finster; der Mond hatte sich hinter schweren Wolken verborgen. Leise säuselnd hauchte der Wind wie ein Seufzer durch das Laub, und das eintönige Rauschen der Blätter mehrte noch die Schrecken dieser furchtbaren Nacht. Auf den ersten Blick konnte man im Elsterbusch nichts wahrnehmen; nur bei genauerem Zusehen hätte man die vielen Menschen wie dunkle Schatten auf dem Boden ausgestreckt bemerkt. Bei jeder Gestalt blinkte ein flimmernder Stern, als wäre der Rasen in ein Himmelsgewölbe verwandelt. Es war, als hätte man mit vollen Händen tausende leuchtender Punkte darüber hingestreut. Diese Sterne waren Beile, auf deren glattem Stahl sich das wenige Licht der Nacht spiegelte. Mehr als zweitausend Fleischer lagen reihenweise, alle in der gleichen Haltung auf der Erde; ihre Herzen pochten, ihr Blut strömte rasch, denn die langersehnte Stunde, die Stunde der Rache und der Erlösung war nahe. Größte Stille herrschte unter den Leuten, und etwas Geheimes, Schaudererregendes hing wie ein Zauberschleier über dem schweigenden Heer.
Breydel lag tiefer in dem Busch; einer seiner Genossen, den er ob seiner Unverzagtheit ganz besonders liebte, hatte sich neben ihn auf den Boden hingestreckt. Mit unterdrückter Stimme plauderten sie:
„Die Franzosen sind auf dies seltsame Erwachen nicht gefaßt,“ sagte Breydel, „sie schlafen gut, denn sie haben ein verstocktes Gewissen, diese Bösewichte. Ich bin auf ihre Gesichter neugierig, wenn sie zugleich meine Waffe und den Tod vor sich sehen.“
„O, mein Beil schneidet wie Gift; ich habe es geschliffen, bis ich mir die Haare vom Arm damit scheren konnte, und ich hoffe, daß es diese Nacht stumpf wird. Sonst schleife ich es nie wieder!“
„Es ging ja auch zu weit, Martin. Die Franzosen behandeln uns wie eine Herde dummer Ochsen und denken, wir sollen vor ihrer Tyrannei weichen; aber, weiß Gott, sie kennen uns nicht und täuschen sich, wenn sie uns nach den verfluchten Leliaerts beurteilen.“
„Ja, diese Bastarde rufen: Heil Frankreich! Sie schmeicheln den Fremden, aber auch sie sollen etwas erleben! Als ich mein Beil so sorglich schliff, habe ich auch an sie gedacht.“
„Nein, Martin, das Blut Eurer Landsleute dürft Ihr nicht vergießen. De Coninck hat es verboten.“
„Und Jan van Gistel, dieser feige Verräter: soll er etwa am Leben bleiben?“
„Jan van Gistel soll sterben! Er muß für den Tod von De Conincks altem Freunde Rechenschaft abgeben. Aber er soll auch der einzige sein.“
„So sollen die anderen Abtrünnigen unbestraft bleiben? Seht, Meister, solch Gedanke tut mir weh, das kann ich nicht übers Herz bringen.“
„Ihre Strafe wird groß genug sein – Schmach und Verachtung wird ihnen zuteil; wir werden sie höhnen und schmähen. Sagt doch, Martin, macht Euch nicht der Gedanke beben, daß Euch jeder ins Gesicht speien, Euch sagen dürfte: Ihr seid ein Abtrünniger, ein Feigling, ein Landesverräter? Das soll ihnen widerfahren.“
„Wirklich, Meister, bei Euren Worten geht mir ein kalter Schauer über den Leib! Welch furchtbare Strafe, tausendmal härter fürwahr als der Tod. Welche Hölle für sie, wenn sie ein vlaemisches Herz besäßen!“
Sie schwiegen einige Augenblicke, da sie von ferne etwas wie Menschenschritte hörten, doch das Geräusch entschwand bald; alsdann fuhr Breydel fort:
„Die schändlichen Franzosen haben meine alte Mutter ermordet. Ich habe mich davon überzeugt: ein feindlicher Degen hat das Herz durchbohrt, das mich so innig liebte. Sie empfanden kein Mitleid mit ihr, weil sie einen unbeugsamen Vlaemen geboren hatte; aber nun werde auch ich kein Mitleid mit ihnen haben und zugleich mein Blut und das Vaterland rächen.“
„Geben wir auch Gnade, Meister? Machen wir auch Gefangene?“
„Unglück über mich, wenn ich jemand gefangen nehme oder ihm das Leben schenke! Geben sie etwa Gnade? Nein, sie schöpfen Mut aus dem Morden, zerstampfen die Leichen unserer Brüder unter den Hufen ihrer Rosse. Und glaubt Ihr, Martin: nun, da der blutige Schatten meiner lieben Mutter mir stets vor Augen schwebt, könnte ich einen Franzosen sehen, ohne in Raserei zu kommen? O, mit den Händen würde ich sie zerfetzen, mit den Zähnen zerfleischen, wenn mein Beil durch die vielen Schlachtopfer stumpf würde. Aber das kann nicht sein, meine Waffe war mir schon seit langem ein treuer Begleiter.“
„Hört, Meister, das Geräusch auf dem Wege von Damm nimmt zu! Wartet ein wenig!“
Er legte sich mit dem Ohr zur Erde nieder, richtete sich dann auf und sprach:
„Meister, die Weber sind nicht mehr weit, nur mehr vier Bogenschüsse.“
„So kommt denn, stehen wir auf! Geht still die Rotten entlang und heißt sie liegen bleiben. Ich gehe De Coninck entgegen, damit er weiß, nach welcher Seite er seine Leute aufstellen kann.“
Einige Augenblicke später kamen viertausend Weber von verschiedenen Seiten in das Gehölz und legten sich, wie ihnen befohlen war, schweigend auf den Boden nieder. Die Stille wurde durch ihre Ankunft kaum gestört, und bald war kein Laut mehr zu vernehmen. Nur einige Leute konnte man von einer Schar zur anderen gehen sehen; sie überbrachten den Anführern den Befehl, sich zur Ostseite des Busches zu begeben. Als sie dort zahlreich versammelt waren, scharten sie sich um De Coninck, um seine Befehle in Empfang zu nehmen. Der hub an:
„Brüder, heute muß die Sonne unsere Freiheit oder unseren Tod bestrahlen; kämpft zaglos, wie es euch die Liebe zum Vaterland lehrt; bedenket wohl, daß ihr für die Stadt, da die Gebeine eurer Väter ruhen, für die Stadt, da eure Wiege stand, streiten müßt. Gebt niemand Gnade; tötet alle Franzosen, die euch in die Hände fallen, laßt auch nicht einen Strunk dieses fremden Unkrautes übrig. Wir oder sie müssen sterben! Ist jemand unter euch, der noch Mitleid für die Leute empfindet, die unsere Brüder erbarmungslos erhängt oder erschlagen haben, für diese Verräter, die unseren Grafen gefangengenommen, sein Kind vergiftet haben?“
Ein Gemurmel glitt unter dem Laubdach der Bäume dahin, so düster und rachegierig, daß dieser Ton allein schon das Herz mit Bangen erfüllen konnte.
„Sie sollen des Todes sterben!“ gaben die Anführer zur Antwort.
„Wohlan,“ fuhr De Coninck fort, „noch heute werden wir frei sein; aber wir werden noch größeren Mutes bedürfen, um unsere Freiheit zu bewahren; denn ohne Zweifel wird der französische König mit einem neuen Heere nach Flandern kommen.“
„Um so besser,“ fiel ihm Breydel ins Wort, „dann werden noch mehr Kinder um ihre Väter weinen müssen, wie ich meine arme Mutter beweine. Gott habe sie selig!“
Breydel hatte De Coninck unterbrochen. Der fürchtete, die Zeit, um ihnen die nötigen Anweisungen zu geben, könnte zu kurz werden, und fuhr fort:
„Hört zu, was ihr zu tun habt: sobald die Glocke von Saint-Kruis drei schlägt, laßt eure Leute aufstehen, sich gliedern und auf die Stadt zurücken. Ich werde mich mit einigen Gesellen an die Stadtmauern begeben; und wird gleich danach das Tor durch die Klauwaerts geöffnet, die ich in der Stadt gelassen habe, so ziehet schweigend in die Stadt ein und nehmt folgende Richtung: Meister Breydel mit den Fleischern wird das Speitor besetzen und sich dann mit seinen Leuten in alle Straßen nächst der Snaggaartsbrücke verteilen. Meister Lindens, Ihr nehmt das Kathelinentor und schickt Eure Leute in alle Straßen bei der Frauenkirche. Die Zunft der Gerber und Schuster soll das Genter Tor bis an den Stein und die Burg besetzen; die anderen Zünfte unter dem Obmann der Maurer sollen das Dammtor nehmen und sich im Umkreis der Saint-Donatuskirche ausbreiten; ich mit meinen zweitausend Leuten werde mich zum Boverietor begeben, und meine Gesellen werden das ganze Viertel von dort bis ans Eselstor und den großen Markt einkreisen. Habt ihr solcherart die Wachen der Tore überfallen, so bleibt möglichst still in den Straßen stehen; denn wir wollen die Franzosen erst wecken, wenn alles bereit ist. Merket wohl! Sobald ihr den vaterländischen Ruf hört: Flandern der Löwe! ruft ihn alle mit; der soll als Zeichen dienen, und ihr könnt euch dadurch in der Finsternis wiedererkennen. Stürmt dann die Türen der Häuser ein, wo die Franzosen untergebracht sind, und macht alles nieder.“
„Meister,“ meinte einer der Anführer, „wir werden doch aber die Franzosen nicht von unseren Mitbürgern unterscheiden können, denn meist werden wir sie zu Bett und entkleidet antreffen.“
„Da gibt es ein leichtes Mittel, jeden Mißgriff zu vermeiden. Hört, was ihr zu tun habt. Könnt ihr auf den ersten Blick nicht sehen, ob ihr auf einen Franzosen oder Vlaemen trefft, dann heißt ihm: Schild en vriend! zu sagen. Wer diese Worte nicht aussprechen kann, hat eine französische Zunge, und den macht nieder.“
Eben schlug es drei Uhr auf dem Turme zu Saint-Kruis.
„Noch etwas!“ sagte De Coninck hastig. „Ich habe das Haus des Herrn von Montenay unter meinen Schutz gestellt; es darf also von euch weder zerstört noch angegriffen werden; niemand soll einen Fuß über die Schwelle dieses edelen Feindes setzen. Nun rasch zu euren Leuten! Teilt ihnen meine Befehle mit und tut, wie befohlen. Macht rasch! Und bitte, kein Geräusch!“
Die Anführer begaben sich zu ihren Abteilungen und führten sie nacheinander zum Wegesrand. De Coninck stellte eine große Schar Weber längst des Weges bis auf Bogenschußweite von der Stadt auf. Er allein schlich dem Wall noch näher und suchte die Finsternis zu durchdringen. Das brennende Ende einer Lunte, das er in seiner Hand verborgen hielt, schimmerte rotglühend durch seine Finger. Er sah einen Kopf sich über die Stadtmauer erheben: es war der Weber, den er am Abend zuvor besucht hatte. Nun nahm er flink ein Bündel Flachs, das er unter dem Wams verborgen hatte, legte es auf den Boden und blies die Lunte stark an. Alsbald lohte eine lichte Flamme vom Felde auf, und das Haupt des Webers verschwand hinter der Stadtmauer. Das Zeichen war noch keine vier Minuten gegeben worden, als die Schildwache, die oben auf dem Wall stand, mit einem Schmerzensschrei zu Boden stürzte und über die Mauer geworfen wurde. Dann hörte man hinter dem Tore Waffen rasseln und das Stöhnen von Sterbenden; und gleich darauf folgte Totenstille.
Mit der größten Vorsicht zogen alle Zünfte in Brügge ein. Jeder Anführer begab sich mit seinen Leuten nach dem Stadtviertel, das ihm De Coninck angewiesen hatte. Eine Viertelstunde später waren die Wachen an allen Toren erschlagen, und jede Zunft befand sich auf ihrem Platz. Vor jedem Hause, da Franzosen untergebracht waren, standen acht Klauwaerts bereit, sich mit Hammer und Beil den Eingang zu schaffen. Keine einzige Straße war unbesetzt, die ganze Stadt war in den Händen der Klauwaerts, die nur des Zeichens zum Angriff harrten. De Coninck stand mitten auf dem Freitagsmarkt; nach kurzem Bedenken sprach er laut den Fluch über die Franzosen:
„Vlaenderen den Leeuw! Wat walsch is, valsch is! Slaed al dood!“[30]
Dieser Ruf, das Todesurteil für die Fremden, wurde von fünftausend Kehlen wiederholt. Man kann sich leicht das furchtbare Geheul, die schauerliche Verwirrung, das entsetzliche Mordgeschrei vorstellen. Im gleichen Augenblick wurden alle Türen eingestoßen und zertrümmert. Die Klauwaerts stürmten voll Rachedurst zu den Schlafkammern der Franzosen und ermordeten alles, was die Worte ‚Schild en vriend‘ nicht aussprechen konnte. Weil in einigen Häusern mehr Franzosen untergebracht waren, als man in so kurzer Zeit erschlagen konnte, hatten viele Zeit, sich anzukleiden und zu den Waffen zu greifen. Das geschah zumal in dem Stadtviertel, wo Châtillon mit seinen zahlreichen Wachen wohnte. Ungeachtet der Wut Breydels und seiner Leute hatten sich ungefähr sechshundert Franzosen solcherart zusammengerottet. Viele waren, wenngleich verwundet, dem Gemetzel entkommen und begaben sich aus den anderen Straßen zur Snaggaartsbrücke. So stieg die Zahl der Flüchtigen schließlich auf ungefähr tausend Mann, die ihr Leben so teuer als möglich verkaufen wollten. In dichten Scharen standen sie vor den Häusern und verteidigten sich verzweifelt gegen die Fleischer. Viele hatten Armbrüste und schossen gar manchen Klauwaert nieder. Aber das steigerte nur die Raserei der anderen, die ihre Genossen fallen sahen. Man hörte Châtillons Stimme, der die Seinen zum Widerstand anfeuerte, und ward auch Herrn von Montenays ansichtig, dessen Riesenschwert in der Finsternis wie ein Blitzstrahl leuchtete.
Breydel raste wie ein Wahnsinniger und hieb rechts und links auf die Franzosen ein. Er stand schon einige Fuß über der Erde, soviel Feinde hatte er vor sich niedergeworfen. Ströme von Blut flossen unter den Leichen, und der Ruf: „Flandern der Löwe! Schlagt alles tot!“ mischte sich schauerlich mit dem Ächzen der Sterbenden.
Unter den Franzosen befand sich auch Herr van Gistel. Da er wußte, daß sein Tod unvermeidlich war, wenn die Vlaemen den Sieg behielten, so rief er beständig: „Hoch Frankreich! Hoch Frankreich!“ Er hoffte die Söldner dadurch anzufeuern. Aber Jan Breydel erkannte seine Stimme.
„Leute!“ rief er in voller Wut, „ich muß die Seele dieses Abtrünnigen haben! Vorwärts! Das hat lange genug gedauert, wer mich liebt, der folge mir nach!“
Mit diesen Worten warf er sich mit seinem Beil mitten unter die Franzosen und hieb alles um sich her sofort nieder. Als seine Genossen das sahen, stürzten sie sich mit solcher Wut auf den Feind, daß sie ihn gegen eine Mauer drängten und an fünfhundert Leute töteten. In diesem entscheidenden Augenblick, in dieser furchtbaren Todesstunde, gedachte Montenay der Worte und des Gelübdes De Conincks; er hoffte, den Landvogt noch retten zu können, und rief:
„Ich bin Montenay, man gebe mir den Weg frei!“
Die Klauwaerts ließen ihn ehrerbietig durch und hemmten ihn nicht.
„Hierher, hierher! Folgt mir, Genossen!“ rief er dem verbliebenen Häuflein Franzosen zu; denn er glaubte, sie so zu retten. Aber die Vlaemen hieben so schrecklich auf sie ein, die Zahl der Flüchtenden schmolz so zusammen, daß mit Châtillon nicht mehr als dreißig Leute in das Haus des Herrn von Mortenay gelangen konnten; die übrigen lagen alle in ihrem Blut am Boden. Breydel stellte seine Leute vor der Tür des Stadtvogts auf und verbot ihnen, das Haus zu betreten. Er kreiste die Wohnung ein, damit niemand entfliehen sollte, und hielt selbst vor dem Eingang Wache.
Während dieses Gefechts war De Coninck in der Steinstraße bei der St. Salvatorskirche noch damit beschäftigt, die letzten Franzosen aufzuspüren. Das gleiche taten auch die anderen Zünfte in den ihnen angewiesenen Straßenvierteln. Man warf die Leichen der Getöteten aus den Häusern, bis die Straßen ganz damit bedeckt waren und man in der Finsternis nur mit Mühe mehr hindurchdringen konnte. Viele Söldner der Besatzung hatten sich verkleidet und glaubten so, durch das eine oder andere Tor entfliehen zu können. Aber das glückte ihnen nicht, da man ihnen befahl, die Worte ‚Schild en vriend‘ auszusprechen. Kaum hörte man nur den Klang ihrer Stimme, da saß ihnen schon das Beil im Nacken, und stöhnend stürzten sie zur Erde. Aus allen Vierteln der Stadt ertönte der Ruf: „Vlaenderen den Leeuw! Wat walsch is, valsch is – slaed al dood!“ Hie und da floh noch ein Franzose vor einem Klauwaert; aber er fiel bald einem anderen in die Hände und starb wenige Schritte weiter.
Dies Gemetzel dauerte, bis sich die Sonne bereits über den Horizont erhoben. Fünftausend Fremde wurden in dieser Nacht den Geistern der ermordeten Vlaemen geopfert. Das ist ein blutiges Blatt in den Chroniken Flanderns; die schreckliche Zahl steht genau darin aufgezeichnet.
Vor der Wohnung des Herrn von Montenay gab es ein seltsam schreckliches Schauspiel. Tausend Fleischer lagerten auf dem Boden, die Beile in der Hand, die Augen drohend und voll Rachsucht auf die Tür gerichtet. Ihre bloßen Arme, ihre Wämser waren von Blut gerötet, und zwischen ihnen lagen viele Leichen. Aber darauf schienen sie nicht zu achten. Einige Gesellen der anderen Zünfte schritten hie und da über die am Boden liegenden Fleischer und suchten die Leichen der erschlagenen Vlaemen, um sie zu bestatten. Wohl sah man den Fleischern die heftige Wut an, doch kein einziges Schimpfwort kam über ihre Lippen. Montenays Wohnung war ihnen dem gegebenen Wort gemäß heilig. Sie wollten De Conincks Gelübde nicht brechen; auch hatten sie zu viel Achtung vor dem Stadtvogt, und sie gaben sich deshalb damit zufrieden, das Quartier zu besetzen und zu bewachen.
Herr von Châtillon und Jan van Gistel, der Leliaert, waren in Montenays Haus geflüchtet. Furchtbarste Angst hatte sie gepackt, denn sie sahen den sicheren Tod vor Augen; Châtillon war ein mutiger Ritter und erwartete kaltblütig sein Schicksal. Jan van Gistel dagegen war bleich und bebte. Trotzdem er sich Gewalt antat, konnte er seine Angst nicht verhehlen und erregte das Mitleid der anderen Franzosen, selbst bei Châtillon, der doch in derselben Gefahr schwebte. Die Herren waren in einem Saal des oberen Stockwerks nach der Straße zu. Von Zeit zu Zeit gingen sie zum Fenster und blickten schaudernd auf die Fleischer, die vor den Türen lagerten wie ein Haufen Wölfe, die auf ihre Beute lauern. Als auch van Gistel zum Fenster trat, hatte Breydel ihn bemerkt und mit dem Beil bedroht. Eine jähe Bewegung entstand unter den Fleischern. Alle hatten ihre Waffen zu dem Verräter, den sie töten wollten, erhoben. Wie bebte des Leliaerts Herz, als ihm diese tausend Beile sein Todesurteil entgegenblitzten! Er wandte sich zu den anderen Rittern und sprach gar kläglich:
„Wir müssen sterben, meine Herren, es gibt keine Gnade für uns; denn sie dürsten nach unserem Blute wie rasende Tiger. Sie werden nicht fortgehen; ach Gott, was sollen wir tun?“
„Durch dieses Pack umzukommen,“ entgegnete Châtillon, „ist nicht ehrenvoll. Ich wünschte, ich wäre wie ein Ritter mit dem Degen in der Faust gefallen; aber nun läßt sich das nicht ändern!“
Châtillons Kaltblütigkeit entmutigte van Gistel noch mehr.
„Es läßt sich nicht ändern!“ wiederholte er, „ach Gott, welch schrecklicher Augenblick, wie werden sie uns martern! Herr von Montenay, ich bitte Euch um Gottes willen, Ihr vermögt doch so viel über sie, fragt doch, ob sie uns für großes Lösegeld das Leben schenken wollen.“
„Ich werde sie fragen,“ antwortete Montenay, „aber laßt Euch nicht sehen, sonst holen sie Euch aus dem Hause!“
Er öffnete das Fenster und rief:
„Meister Breydel! Herr van Gistel läßt Euch fragen, ob Ihr ihm gegen ein großes Lösegeld freies Geleit gewähren würdet. Verlangt alles, was Ihr wollt, bestimmet selbst die Summe. Verweigert es nicht, ich bitte Euch.“
„Leute!“ rief Breydel seinen Genossen bitter lachend zu, „sie bieten uns Geld! Sie glauben, die Rache eines Volkes könnte mit Geld gesühnt werden; sollen wir das annehmen?“
„Wir müssen den Leliaert haben,“ heulten die Fleischer, „sterben muß er, der Verräter, der Bastardvlaeme!“
Dieses Geschrei gellte fürchterlich in Gistels Ohren. Es kam ihm vor, als ob die Beile ihm schon den Todesstreich versetzten. Montenay wartete, bis sich das ungestüme Rachegeschrei gelegt hatte, und rief dann von neuem:
„Ihr habt mir gesagt, daß meine Wohnung eine Freistatt sei. Warum brecht Ihr nun das gegebene Wort?“
„Wir werden Eure Wohnung achten,“ antwortete Breydel. „Aber ich gebe Euch mein Wort: weder Châtillon noch Gistel sollen die Stadt lebend verlassen; ihr Blut soll das Blut unserer Brüder sühnen, und wir werden nicht von hier weichen, bis unsere Beile ihnen den letzten Nackenstreich versetzt haben.“
„Und darf ich frei die Stadt verlassen?“
„Ihr, Herr von Montenay, Ihr mögt mit Euren Dienern gehen, wohin Ihr wollt. Kein Haar auf Eurem Haupt soll gekrümmt werden; aber täuscht uns nicht, denn wir kennen die Leute, die wir suchen, nur zu wohl.“
„Nun denn, so sage ich Euch, daß ich binnen einer Stunde nach Kortrijk abreisen werde.“
„Gott nehme Euch in seinen Schutz!“
„Ihr habt also mit wehrlosen Rittern keinerlei Mitleid?“
„Sie haben auch mit unseren Brüdern kein Mitleid gehabt, wir müssen ihr Blut haben. Der Galgen, den sie errichteten, steht noch da.“
Montenay schloß das Fenster wieder und sprach zu den Rittern:
„Meine Herren, ich beklage euch tief: sie verlangen euren Tod. Ihr schwebt in großer Gefahr! Aber ich hoffe dennoch, daß ich Euer Edeln noch mit Gottes Hilfe werde retten können. Denn hier führt eine Hintertür nach dem Hofe, durch die ihr vielleicht euren blutdürstigen Feinden entrinnen könnt. Verkleidet euch und steigt zu Pferde. Dann werde ich mit meinen Dienern zur Tür hinausgehen, und während ich so die Aufmerksamkeit der Fleischer auf mich ziehe, müßt ihr schleunigst durch die Hintertür nach den Wällen fliehen. Am Schmiedetor ist die Mauer abgebrochen, und es kann euch nicht schwer fallen, ins freie Feld zu gelangen; denn eure Pferde wird man nicht aufhalten können.“
Châtillon und van Gistel warfen sich voller Freude auf dieses letzte Mittel. Der Landvogt legte die Kleider seines Kaplans an, van Gistel die eines einfachen Dieners; dreißig andere Franzosen, die noch übriggeblieben waren, zogen die Pferde aus den Ställen und trafen die nötigen Vorbereitungen, um mit ihrem Feldherrn zu entfliehen.
Als sie alle aufgesessen waren, trat Herr von Montenay mit seinen Dienern auf die Straße, wo die Fleischer lagen. Diese argwöhnten nicht im geringsten, daß man auf einer anderen Seite hinauskommen könne; sie standen auf und betrachteten alle, die den Stadtvogt begleiteten, ganz genau. Aber plötzlich erhob sich in einer anderen Straße der Ruf: „Vlanderen den Leuw! Wat walsch is, valsch is! Slaet al dood!“ und man hörte den Hufschlag der davonjagenden Rosse an der Straßenecke. Hals über Kopf liefen alle Fleischer mit wildem Geheul zu der Stelle, von wo der Lärm herübertönte; aber es war zu spät. Châtillon und van Gistel waren entflohen; von den dreißig Mann, die sie begleiteten, waren zwanzig niedergemacht worden; denn überall stießen sie auf Feinde, die über sie herfielen; doch das Glück fügte es, daß die beiden Ritter entkamen. Sie flohen hinter Saint-Klara vorbei zum Stadtwall und gelangten ans Schmiedetor; hier sprangen sie mit ihren Trabern in den Graben und schwammen mit großer Gefahr hindurch, wobei Châtillons Troßknecht samt seinem Pferde ertrank.
Die Fleischer hatten die fliehenden Franzosen bis zum Tor hinein verfolgt. Als sie ihre beiden Erzfeinde in der Ferne zwischen den Bäumen verschwinden sahen, packte sie rasende Wut, und sie begannen förmlich zu toben; denn nun war es ihnen, als sei die Rache dennoch unvollständig geblieben. Nachdem sie einige Zeit wie versteinert auf die Stelle gestiert hatten wo Châtillon verschwunden war, verließen sie den Wall und wandten sich mißvergnügt zum Freitagsmarkt. Plötzlich weckte ein anderes Geräusch ihre Aufmerksamkeit. Inmitten der Stadt erhob sich ein Stimmengewirr, ein öfters unterbrochenes, langanhaltendes Geschrei, als ob ein Fürst frohen Einzug hielte. Den Fleischern war dies Freudengeschrei unverständlich; sie waren noch zu weit davon entfernt. Allmählich kam die jauchzende Menge näher, und bald wurde der Siegesruf verständlich:
„Heil dem blauen Löwen! Heil unserem Obmann! Flandern ist frei! Heil! Heil!“
Die unübersehbare Menge aller Einwohner von Brügge fegte wie eine Gewitterwolke durch die Straßen. Das Jauchzen der Vlaemen, die ihre Freiheit erkämpft hatten, hallte wider die Mauern der Häuser und dröhnte wie rollender Donner über der Stadt. Frauen und Kinder liefen zwischen den bewaffneten Zunftgenossen einher, und frohes Händeklatschen mischte sich in den immer wiederkehrenden Ruf:
„Heil, heil dem blauen Löwen!“
Mitten aus diesen Scharen ragte eine weiße Standarte empor, darauf ein springender Löwe in blauer Seide gestickt war. Es war das große Banner der Stadt Brügge, das so lange den Lilien hatte weichen müssen. Jetzt hatte man es wieder aus seinem Versteck hervorgeholt, jetzt prangte es über den Leichen der erschlagenen Feinde, und die Wiederkehr dieses Wappens ward von Tausenden mit frohem Zuruf begrüßt.
Ein Mann von kleinem Wuchs trug das bejubelte Sinnbild und preßte es mit den über der Brust verschränkten Armen an sein Herz, als wollte er es mit der innigsten Liebe umfangen. Tränen liefen in Strömen über seine Wangen, Tränen der Liebe zum Vaterland und des Glückes; denn eine unaussprechliche Seligkeit verklärte seine Züge. Er, der selbst bei dem größten Unglück nie geweint hatte, vergoß jetzt Tränen, da er den Löwen seiner Vaterstadt wieder auf dem Altar der Freiheit aufstellte.
Die Augen der unabsehbaren Menge waren beständig auf ihn gerichtet, und der Ruf: „Heil De Coninck! Heil dem Löwen!“ erscholl immer kraftvoller. Als der Obmann der Weber mit der Standarte dem Freitagsmarkt nahte, wurden auch schon die Fleischer von toller Freude ergriffen. Auch sie stimmten in den jauchzenden Siegesruf ein und drückten einander mit feuriger Liebe die Hände. Wahrlich, Vaterlandsliebe erweckt im Menschen edle Gefühle. Wie von Sinnen stürzte Breydel vorwärts, erreichte die Standarte und streckte mit sichtlicher Ungeduld beide Hände nach dem Löwen aus. De Coninck reichte ihm das Banner und sprach:
„Hier, mein Freund, nun haben wir es zurückerobert, das Sinnbild der Freiheit unserer Väter.“
Breydel antwortete nichts, sein Herz war zu voll. Zitternd vor Rührung umschlang er die Standarte und umarmte so den blauen Löwen. Er barg sein Haupt in den Falten der Seide und weinte regungslos einige Augenblicke. Dann ließ er die Fahne los und warf sich in höchster Erregung an De Conincks Brust.
Während die beiden Vorsteher einander feurig in die Arme schlossen, rief das Volk unaufhörlich weiter, und fort und fort erscholl das laute Jauchzen der Tausende. Der Freitagsmarkt war nicht groß genug für alle Bürger, obgleich sie sich bis zum Ersticken drängten. Die Steinstraße war noch bis an die St. Salvatorskirche voller Menschen, ebenso wimmelte die Schmiede- und Boveriestraße bis weit hinauf von Kindern und Frauen.
Der Obmann der Weber wandte sich zur Mitte des Marktes und nahte sich dem dort ragenden Galgen. Die Leichen der gehenkten Vlaemen waren abgenommen und bereits begraben worden; aber die acht Schlingen hatte man absichtlich als ein Erinnerungszeichen an die Zwingherrschaft noch daran gelassen. Die Standarte mit dem Brügger Löwen wurde neben dem Galgen aufgepflanzt und alsdann mit neuem Freudengeschrei begrüßt. Nachdem De Coninck noch einmal seine Augen zu dem wiedererrungenen Wappen erhoben hatte, sank er in die Knie, senkte das Haupt und betete mit gefalteten Händen. – Läßt man einen Stein in ruhiges Wasser fallen, so breitet sich die Bewegung in zitternden Kreisen mählich über die ganze Wasserfläche. Solcherart ging auch De Conincks Gedanke auf die Bürger über, obgleich die meisten ihn nicht sahen. Erst knieten die schweigend nieder, welche ihm zunächst standen; sie teilten die Bewegung den anderen mit, und so senkten sich der Reihe nach alle Häupter. Die Stimmen verstummten erst in der Mitte des Kreises und wurden dann immer leiser, bis zuletzt die größte Stille unter der Menge eingetreten war. Achttausend Menschen knieten auf dem noch blutigen Boden; achttausend Häupter beugten sich vor Gott, der die Menschen für die Freiheit erschaffen hat; sie hofften, daß der Herr huldvoll auf sie herabblickte, die Chöre der seligen Geister einstimmten in ihre innigen Dankgebete. Nach kurzer Zeit erhob sich De Coninck wieder vom Boden, und da noch immer die frühere Stille herrschte, sprach er mit lauter Stimme, so daß viele ihn verstehen konnten:
„Brüder, heute hat die Sonne ein helleres Licht für uns; denn die Luft in unserer Stadt ist wieder rein; der Atem der Fremden vergiftet sie nicht mehr. Die stolzen Franzosen glaubten, wir würden ihre Sklaven sein und bleiben; aber jetzt haben sie die Lehre, daß unser Löwe wohl schlafen, aber nicht sterben kann, mit dem Verlust ihres Lebens bezahlt. Wir haben das Erbe unserer Väter wiedererrungen, die Fußstapfen der Fremden mit Blut verwischt. Aber noch sind nicht all unsere Feinde tot; Frankreich wird uns noch mehr bewaffnete Söldner senden, denn Blut verlangt Blut. Doch das hat nichts zu sagen, jetzt sind wir unüberwindlich. Trotzdem dürft ihr nach dem errungenen Siege nicht rasten! Erhaltet eure Herzen stark und kühl, laßt das edle Feuer, das jetzo in eurer Brust glüht, nicht erlöschen. Nun gehe ein jeglicher heim und freue sich mit seinem Hausgesinde über die glückliche Befreiung. Jauchzet! Trinket den Wein der Freude, denn dies ist der schönste Tag eures Lebens. Die Bürger, die keinen Wein haben, mögen nach der Halle gehen, dort soll jedem ein Maß verabfolgt werden.“
Das Geschrei, welches mählich wieder anwuchs, hinderte De Coninck, in seiner Rede fortzufahren; er winkte den umstehenden Anführern und ging mit ihnen an die Ecke der Steinstraße. Die Scharen öffneten sich ehrfurchtsvoll vor ihm, und überall begrüßte ihn der frohe Zuruf der Bürger. Alles drängte jetzt zu der Standarte, die neben dem Galgen aufgepflanzt war. Alle betrachteten in höchster Freude den blauen Löwen, blickten auf ihr Stadtwappen wie auf das Angesicht eines Freundes, der nach langen Reisen aus fremden Landen unter seine Brüder zurückgekehrt ist. Sie reckten die Hände so fröhlich empor, daß sie ein kühler, gleichgültiger Beobachter für sinnlos gehalten hätte.
Bald kamen auch Gesellen, die sich bereits Wein geholt hatten, mit ihren Kannen auf den Markt und verbreiteten die frohe Nachricht, daß in der Halle ein Maß für jeden verschenkt würde. Eine Stunde später hatte jeder seinen Trinkbecher in der Hand, und so endete dieser frohe Tag ohne Unordnung und Streit; nur ein Gefühl herrschte: ein Gefühl, wie es die Seele des Gefangenen packt, wenn er die Sonne wieder über seinem Haupte strahlen sieht und sich bewußt wird, daß fortan nur noch die weite Welt sein Kerker ist.
XVIII.
Nun waren zwei Jahre vergangen, seit der Fremdling den Fuß auf den vaterländischen Boden gesetzt und gerufen hatte: „Beugt euer Haupt, ihr Vlaemen! Ihr Abkömmlinge des Nordens, gehorcht den Söhnen des Südens oder sterbt.“
Aber damals wußten sie nicht, daß es in Brügge einen Mann voll Geist und Heldenmut gab, einen Mann, der unter all seinen Zunftgenossen hervorleuchtete, zu dem Gott wie zu Moses gesprochen hatte: „Gehe hin und erlöse Deine Brüder aus den Banden Pharaos!“
Sobald die verheerenden Scharen der Franzosen den Boden des Vaterlands betreten hatten und die Sonne vom aufgewirbelten Staub verfinstert wurde, ertönte eine geheime Stimme in De Conincks Seele, eine Stimme, die da sprach: Gib acht, jene suchen Sklaven! Bei diesem Gedanken erzitterte der edle Bürger in schmerzvoller Entrüstung.
„Sklaven, wir Sklaven?“ war sein Seufzer. „O Herr, unser Gott, laß das nicht zu! Das Blut unserer freien Väter ist vor Deinen Altären dahingeströmt, im sandigen Arabien sind sie mit Deinem Namen auf den Lippen erschlagen worden; o gib es nicht zu, daß ihre Söhne von Fremdlingen in Ketten geschlagen werden, damit die Tempel, die wir Dir errichtet haben, nicht von Sklaven erfüllt werden.“
De Coninck hatte dieses Gebet in seiner Sprache gesprochen, aber das Herz der Menschen liegt offen vor ihrem Schöpfer. Er fand in dem Vlaemen noch all den Edelmut, den Geist, daraus seine Seele erschaffen war, und erleuchtete ihn mit einem göttlichen Strahl. Jählings von geheimer Kraft beseelt, fühlte sich der zwiefach stark und rief voll Begeisterung:
„Ja, Herr, ich habe Deine starke Hand auf meiner Stirn gefühlt; ja, ich werde mein Vaterland schützen! Ich werde die Gräber meiner Väter, Deiner Diener, nicht zertreten lassen! Gesegnet seist Du, o Gott, der mich berufen hat!“
Seit diesem Augenblick hatte De Coninck nur ein Sinnen, nur einen Wunsch in seinem Herzen bewahrt; aus dem großen Worte ‚Vaterland‘ entstanden all seine Gefühle, all seine Handlungen; Vorteil, Verwandtschaft, Ruhe, alles wurde geopfert, um allein der Liebe zu dem Lande des Löwen in seinem großen Herzen Raum zu geben. Wo gab es auch je einen edleren Sterblichen als diesen Vlaemen, der viele hundertmal sein Leben und seine Freiheit für Flanderns Freiheit wagte! Welchem Sterblichen ward jemals höherer Geist zuteil? Er allein vereitelte trotz aller Bastarde und Leliaerts, die Flandern verkaufen wollten, jegliche Unternehmung des Königs von Frankreich; er allein bewahrte sogar in Ketten ein Löwenherz und bereitete die Befreiung langsam vor.
Die Franzosen wußten es wohl: sie kannten den, der jeden Augenblick die Räder ihres Siegeswagens zerschellte. Sie hätten den lästigen Gegner wohl gern aus dem Wege geräumt, aber er besaß auch die List der Schlange. Er hatte sich in seinen Brüdern eine Brustwehr errichtet; das wußten die Fremdlinge und wagten nicht, ihn anzugreifen; denn alsdann würde er blutig gerächt worden sein. Während die Franzosen ganz Flandern unter das Joch der Tyrannei gebeugt hatten, lebte De Coninck im vollen Genuß seiner Freiheit unter seinen Mitbürgern und beherrschte sogar seine Gebieter; sie fürchteten ihn mehr, als er sie.
Jetzt hatten siebentausend Franzosen die zweijährige Unterdrückung mit dem Leben gebüßt; kein einziger Fremdling atmete mehr in dem befreiten Brügge; das Volk jubelte über seine Erlösung; die Stadt hallte wider von fröhlichen Liedern, die von den Minnesängern für dieses Fest gedichtet wurden, und die weiße Flagge mit dem blauen Löwen flatterte aufs neue vom Wachtturm. Dies Symbol, das in früheren Zeiten gleichermaßen auf den Mauern Jerusalems geprangt hatte und Zeuge so glorreicher Taten gewesen war, erfüllte die Herzen der Brügger mit Stolz; von diesem Tage an wurde eine Unterjochung Flanderns unmöglich: die Bürger erinnerten sich, wie viel Blut ihre Väter für die Freiheit vergossen hatten. Bisweilen stürzten Tränen aus ihren Augen, Tränen, die das Herz erleichtern, wenn es zu feurig ist und von edler Leidenschaft erglüht.
Vielleicht wird man annehmen, daß De Coninck das Werk nun für vollendet gehalten, sich damit beschäftigt hätte, seine zerstörte Wohnung wiederherzustellen. Doch nein, er dachte weder an sein Haus, noch an den Reichtum, der ihm geraubt war; das Wohlergehen und die Ruhe seiner Brüder war seine erste Sorge. Er wußte wohl, daß von Freiheit zur Unordnung nur ein Schritt ist; drum erwählte er noch am gleichen Tage von jeder Zunft einen Altmeister und legte mit Zustimmung des Volkes die Regierung in ihre Hände. Er wurde nicht zum Vorsitzenden dieses Rates ernannt, keine Geschäfte wurden ihm übertragen, aber er übernahm sie alle. Niemand durfte etwas ohne sein Wissen tun, sein Rat war Befehl in allen Dingen, und ohne jemals etwas zu gebieten, war sein Gedanke doch die einzige Richtschnur für das Gemeinwohl, – so groß ist die Herrschaft des Geistes.
Das französische Heer war zwar vernichtet, aber man konnte sicher sein, daß Philipp der Schöne neue, noch zahlreichere Truppen nach Flandern schicken würde, um die ihm widerfahrene Schmach zu rächen. Die meisten dachten wenig an diese furchtbare Gewißheit, es genügte ihnen, jetzt frei und froh zu sein; aber De Coninck teilte nicht die allgemeine Freude. Er hatte die Gegenwart bereits vergessen. Denn er sorgte schon dafür, künftigem Unheil vorzubeugen. – Es war ihm nicht unbekannt, daß mit der Gefahr auch die Begeisterung und der Mut des Volkes dahingeht, und deshalb wandte er alle Mühe auf, um in der Stadt die Erinnerung an den Krieg dauernd lebendig zu erhalten. Jedem Gesellen wurde ein Goedendag oder eine andere Waffe gegeben, eine neue Einteilung der Zünfte vorgenommen und der Befehl erteilt, sich jederzeit zum Kampf bereitzuhalten. Die Maurerzunft begann, die Festungswerke wiederherzustellen, und in den Werkstätten der Schmiede war es verboten, anderes als Waffen für die Gemeinde herzustellen. Die Zölle wurden neu eingerichtet und die städtischen Abgaben wieder erhoben. Durch diese weisen Maßnahmen lenkte De Coninck alle Gedanken, alle Bestrebungen auf ein Ziel und bewahrte auf diese Weise seine Vaterstadt vor dem mannigfachen Unheil, das eine große Umwälzung, so edel sie auch sei, allzeit nach sich zieht. Man hätte glauben sollen, die neue Regierung Brügges hätte schon längst bestanden.
Unmittelbar nach der Befreiung, während das Volk noch in allen Straßen den Wein der Freude trank, hatte De Coninck einen Boten in das Lager zu Damm gesandt, um die übrigen Zunftleute gleichwie die Frauen und Kinder in die Stadt zu rufen. Mit ihnen war auch Machteld gekommen, und man hatte ihr eine prachtvolle Wohnung im Prinzenhof angeboten. Sie hatte jedoch das Haus van Nieuwland erwählt, den Ort, da sie so manche trübe Stunde verlebt hatte, den Ort, daran alle ihre Tränen geknüpft waren. Hier fand sie an Adolfs guter Schwester eine zärtliche Freundin wieder, in deren Herz sie die Liebe und die Bangigkeit ihres beklemmten Herzens gießen konnte.
Zum vierten Male erhob sich die Sonne mit strahlender Glut über dem freien Brügge. Machteld saß allein in dem Gemach, das sie früher in dem Haus Adolfs van Nieuwland bewohnt hatte. Der treue Vogel, ihr geliebter Falke, war nicht mehr bei ihr, er war tot. In den ernsten Zügen der Jungfrau zeigten sich die bleichen, untrüglichen Kennzeichen ihrer Krankheit. Ihre Augen waren trübe, ihre Wangen eingefallen; alles verriet, daß bitteres Weh an ihrem Herzen nagte.
Just eben trat ihre Freundin Maria in das Gemach. Das Lächeln, welches jetzt über die Züge der Jungfrau glitt, war dem ähnlich, das sich zuweilen, selbst nach einem schmerzlichen Tode, auf dem Antlitz mancher Gestorbenen hält; es drückte, mehr als die heftigste Klage, ihren Schmerz und Kummer aus. Sie sah die Schwester Adolfs mit einem Blick an, der zu ihr sagte: O, gib mir Trost und Linderung! Maria nahte dem bekümmerten Mägdelein und drückte ihm voll zärtlichen Mitleids die Hand. Sie verlieh ihrer Stimme den sanften Laut, der so wohltuend auf das Herz der Unglücklichen wirkt, und sprach:
„Ihr vergießt im stillen Tränen, teure Machteld, Euer Herz vergeht vor Leid und Kummer, und nichts, nichts erleichtert Euer bitteres Los! O, wie seid Ihr doch unglücklich!“
„Unglücklich, sagt Ihr, liebste Freundin? O ja, es ist etwas in meinem Innern, das mir das Herz zusammenpreßt und quält. Wißt Ihr, welch schreckliche Bilder mir stets vor Augen schweben? Begreift Ihr, warum ich immerdar weinen muß? Ich habe meinen Vater durch Gift sterben sehen, habe die Stimme eines Sterbenden vernommen, eine Stimme, die da sagte: Leb' wohl, mein Kind, das ich so zärtlich liebte.“
„Ich bitte Euch, teure Machteld,“ fiel Maria ihr ins Wort, „verbannt diese gräßlichen Gedanken. Ihr macht mich beben! Euer Vater lebt; Ihr versündigt Euch schwer durch diese Verzweiflung! Vergebt mir diese harten Worte.“
Machteld ergriff die Hand Marias und drückte sie sanft, als wollte sie ihrer Freundin zu verstehen geben, daß ihre Worte dennoch für sie tröstlich gewesen wären. Trotzdem hing sie weiter ihren traurigen Betrachtungen nach, als wenn es ihr Freude machte. Die Klagen vergrämter Herzen sind auch Tränen, die den Schmerz erleichtern. Sie fuhr fort:
„Ich habe noch mehr gesehen, Maria: ich sah den Scharfrichter, von der grausamen Johanna von Navarra entsandt, sein Beil über dem Haupt Eures Bruders erheben!“
„O Gott,“ rief Maria, „welch furchtbarer Gedanke!“
Sie bebte, und Tränen erzitterten in ihren Augen.
„Und auch seine Stimme habe ich vernommen, eine Stimme, die sagte: Lebe wohl! Lebe wohl!“
Von diesem schrecklichen Worte betroffen, warf sich Maria in Machtelds Arme; ihre Tränen flossen auf die klopfende Brust ihrer unglücklichen Freundin, und man hörte sie nur noch still schluchzen. Nachdem sie einander solcherart einige Zeit stumm und voll bitteren Schmerzes umschlungen gehalten hatten, fragte Machteld:
„Versteht Ihr nun meinen Schmerz? Begreift Ihr nun, weshalb ich langsam hinsieche?“
„O ja,“ antwortete Maria verzweifelt, „ja, ich verstehe, ich fühle Eure Leiden. O mein armer Bruder! Aber warum, teuerste Machteld, sollten wir uns so sehr durch trügerische Gedankengebilde peinigen lassen? Nichts kann diesem schmerzlichen Vorgefühl, das uns quält, auch nur einige Gewißheit geben; ich bin überzeugt, daß unserem Herrn Robrecht, Eurem Vater, nichts Schlimmes widerfahren, daß mein Bruder bereits auf dem Wege ist, ins Vaterland zurückzukehren.“
„Und Ihr habt geweint, Maria? Weint man, wenn einem die Rückkehr des Bruders entgegenlacht?“
„Ihr quält Euch selbst, liebe Jungfrau! O, der Schmerz muß tiefe Wunden in Eurem Herzen geschlagen haben, daß Ihr diesen schwarzen Bildern so hartnäckig nachhängt. Glaubt mir, Euer Vater lebt, und vielleicht steht seine Befreiung nahe bevor. Denkt nur, wie Ihr Euch freuen werdet, wenn Ihr erst seine Stimme hört, die zu Euch sagen wird: Meine Ketten sind zerbrochen! Wenn er einen zärtlichen Kuß auf Eure Stirn drücken und seine liebevolle Umarmung Eure Wangen wieder röten wird. Ihr werdet wieder in dem herrlichen Schloß Wijnendael wohnen: Herr van Bethune wird den Thron seiner Väter besteigen, und dann sollt Ihr durch Eure Liebe eine Stütze seines Alters werden! Dann werdet Ihr nicht mehr Eurer gegenwärtigen Schmerzen gedenken, es sei denn, um Euch an dem zu erfreuen, was Ihr aus Liebe zu Eurem durchlauchtigen Vater gelitten habt. Sagt mir nun, meine teuerste Machteld, wollt Ihr denn jeglichen Hoffnungsstrahl von Eurer Seele abwehren, können diese frohen Aussichten Euch keinen Trost verleihen?“
Während dieser Worte war eine merkliche Veränderung in Machteld vor sich gegangen. Sanfte Freude hatte ihr Auge geheitert, und ein liebliches Lächeln schwebte um ihre Lippen.
„O Maria,“ schluchzte sie, während sie ihren rechten Arm um den Hals ihrer tröstenden Freundin schlang, „wüßtet Ihr, welche Erquickung ich empfinde, welch unerwartetes Glück Ihr wie einen Balsam über mich ausgegossen habt! So möge der Engel des Herrn Euch in Eurer letzten Stunde trösten. Welch süße Worte gab Euch die Freundschaft ein, meine Schwester!“
„Eure Schwester,“ wiederholte Maria, „dieser Name kommt Eurer Dienerin nicht zu, durchlauchtige Jungfrau. Ich bin hinlänglich belohnt, wenn ich diesen tiefen Gram von Euch gescheucht habe.“
„Nehmt diesen Namen an, meine liebe Maria. Ich liebe Euch so zärtlich. Und ward Euer edler Bruder nicht mit mir erzogen? Ward er mir nicht von meinem Vater zum Bruder gegeben? Ja, wir sind von der gleichen Familie. O, ich bete ganze Nächte, daß die heiligen Engel Adolf auf seiner gefährlichen Reise bewahren mögen! Er kann mich noch trösten, noch erheitern! Aber horch! sollte mein Gebet erhört sein? Ja, ja, da ist er, mein lieber Bruder!“
Sie reckte den Arm und wies regungslos mit dem Finger nach der Straße. Sie stand da gleich einer Statue und schien einem fernen Geräusch zu lauschen. Maria erschrak; sie glaubte, Machtelds Sinne hätten sich verwirrt. Gerade als sie sprechen wollte, hörte sie den Hufschlag eines Rosses in der Straße widerhallen und begriff jetzt den Sinn von Machtelds Worten. Dieselbe Hoffnung durchdrang auch sie, und sie fühlte die ungestümen Schläge ihres Herzens sich verdoppeln. Einige Augenblicke hatten sie miteinander solcherart sprachlos dagestanden, dann verstummte plötzlich das Geräusch, das sie gehört hatten, und schon glaubten beide, sie hätten sich in ihrer frohen Hoffnung getäuscht, als die Tür des Gemachs ungestüm aufgerissen wurde.
„Da ist er! Da ist er!“ rief Machteld. „Gott sei Dank, meine Augen sehen ihn wieder!“
Sie lief dem Ritter hastig entgegen, und auch Adolf eilte herbei; doch er fuhr plötzlich bebend zurück. Statt der lieblichen Jungfrau, der er zu begegnen glaubte, sah er eine abgehärmte Gestalt vor sich mit eingefallenen Wangen und tiefliegenden Augen. Während er bedachte, ob dieser Schatten Machteld sei oder nicht, lief ihm ein eiskalter Schauer über den Körper; alles Blut drang ihm von den Wangen zum Herzen, und sein Gesicht war bleicher denn das weiße Gewand seiner Freundin. Seine Arme sanken nieder, und die Augen starrten auf die abgezehrten Wangen Machtelds. So stand er bewegungslos, als ob ihn der Blitz getroffen hätte. Plötzlich senkte er die Augen zu Boden, und eine Flut bitterster Tränen strömte über seine Wangen. Er sprach kein einziges Wort, selbst keine Klage, kein Seufzer kam über seine Lippen. Vielleicht hätte er noch lange in stiller Verzweiflung geweint, denn sein Herz war zu sehr von Trauer ergriffen, um es durch Worte entlasten zu können; aber seine Schwester Maria, die sich aus Achtung vor Machteld bis dahin zurückgehalten hatte, flog ihm um den Hals und weckte ihn durch Küsse, mit denen sie unter zärtlichen Worten die Wange ihres geliebten Bruders bedeckte. Die Jungfrau betrachtete die Äußerung schwesterlicher Liebe mit inniger Rührung, sie zitterte und wurde von tiefster Niedergeschlagenheit ergriffen. Adolfs Erbleichen und der Schreck, den er so deutlich verriet, hatten ihr gekündet: Du bist entstellt, deine abgezehrten Wangen beängstigen, deine erloschenen Augen flößen Furcht und Schrecken ein; sogar der Mann, den du deinen Bruder nennst, erbebte bei deinem Anblick. Von düsterer Verzweiflung durchschüttert, fühlte sie die bebenden Knie versagen. Mühsam schleppte sie sich bis zu einem Lehnstuhl und ließ sich kraftlos und matt in ihn hineinsinken. Sie barg das Gesicht in den Händen und blieb in dieser Stellung sitzen. Nach einigen Augenblicken hörte sie in dem Gemach keinen Laut mehr, größte Stille herrschte um sie her, und sie vermeinte, daß man sie grausam verlassen habe.
Aber bald fühlte sie eine Hand die ihre drücken; sie hörte sich mit zärtlich-flehentlicher Liebe anrufen: „Machteld! Machteld! O meine unglückliche Schwester!“
Dann öffnete sie die Augen und sah Adolf weinend vor sich stehen. Tränen rollten über seine Wangen, und aus seinen Blicken sprach heiße Zuneigung, tiefes Mitleid.
„Ich bin verändert, nicht wahr, Adolf,“ seufzte sie. „Ihr fürchtet Euch vor mir; Ihr werdet mich nicht mehr so gern wie früher haben.“
Der Ritter verfärbte sich bei diesen Worten und betrachtete das Mädchen mit seltsamem Blick. Er faßte sich jedoch schnell und sprach:
„Machteld, habt Ihr an meiner Zuneigung zweifeln können? O, das ist nicht recht von Euch! Wirklich, Ihr seid allerdings verändert! Welche Krankheit, welcher Kummer hat Euch so gequält, meine arme Schwester, daß alle Farbe aus Euren Wangen gewichen ist? Ich habe geweint und war erschreckt. Ja, aber es war aus Mitleid, aus Teilnahme an Eurem Schicksal. Immer, immer will ich Euer Freund und Bruder sein, Machteld. Ich will Euch trösten durch eine frohe Nachricht, durch gute Neuigkeiten Euch heilen!“
Die Jungfrau war allmählich heiterer geworden. Die Stimme Adolfs übte einen wunderbaren Einfluß auf sie aus, und froh und lebhaft antwortete sie: „Eine gute Nachricht, sagt Ihr, Adolf? Gute Nachricht von meinem Vater? O, sprecht, sprecht, mein Freund!“
Dabei zog sie zwei Stühle zu ihrem Sessel und bot sie Maria und ihrem Bruder an. Adolf reichte Machteld die eine Hand, die andere seiner teuren Schwester. So saß er inmitten der beiden nun weniger bekümmerten Mägdelein wie ein tröstender Engel, auf dessen Worte man lauscht wie auf ein frommes Lied.
„Freut Euch, Machteld, dankt Gott für seine Güte. Euer Vater ist zwar betrübt, doch ganz gesund nach Bourges zurückgekehrt; niemand denn der alte Kastellan und Dietrich der Fuchs wissen um seine kurze Abwesenheit. Er genießt noch Freiheit in seinem Gefängnis; die Feinde, die ihn bewachen müssen, sind seine besten Freunde geworden.“
„Aber wenn die böse Johanna Frankreichs Schmach an ihm rächen wollte, wer würde ihn dann vor ihren Henkersknechten schützen? Ihr seid nicht mehr bei ihm, edler Freund.“
„Seht, Machteld, die Wachen, denen die Feste zu Bourges anvertraut ist, sind alle alte Krieger, die ob schwerer Wunden zu weiten Kriegsfahrten nicht mehr tauglich sind. Die meisten unter ihnen haben die Heldentaten des Löwen von Flandern zu Benevent mit erlebt. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, welche Liebe, welche Bewunderung ein echter Krieger vor dem Manne fühlt, dessen Name die Feinde Frankreichs so oft erzittern machte. Wenn Herr van Bethune ohne Erlaubnis des Kastellans, ihres Befehlshabers, entfliehen wollte, würden sie ihn ohne Zweifel zurückhalten; aber ich versichere Euch, – denn ich kenne den Edelmut dieser Krieger, die unter dem Harnisch ergraut sind, – daß sie alle ihr Blut für ihn dahingeben würden, wenn man auf dem von ihnen so verehrten Haupte nur ein Härlein krümmen wollte. Fürchtet nichts, das Leben Eures Vaters ist in Sicherheit, und wäre ihm Euer neues Unglück nicht so nahe gegangen, er würde seine Haft geduldig ertragen.“
„O, wie gut sind Eure Nachrichten, mein Freund, wie hold erklingen Eure Worte meinem erleichterten Herzen! Ich fühle mich bei Eurem Lächeln wieder aufleben; fahrt fort, damit ich Eurer Stimme noch weiter lauschen kann.“
„Noch süßere Hoffnungen gab mir der Löwe für Euch mit auf den Weg, Machteld. Vielleicht steht die Befreiung Eures Vaters nahe bevor; vielleicht werdet Ihr in kurzem mit ihm und all Euren Blutsverwandten wieder in dem schönen Wijnendaal sein.“
„Was sagt Ihr, Freund? Eure Liebe gibt Euch diese Worte ein, umschmeichelt mich doch nicht mit einem unmöglichen Glück.“
„Seid doch nicht so ungläubig, Machteld. Hört, worauf diese frohe Hoffnung gegründet ist: Ihr wißt, daß sich Karl von Valois, der edelste Franzose, der wackerste Ritter, nach Italien zurückgezogen hat. Auch am römischen Hofe hat er nicht vergessen, daß er die schuldlose Ursache für die Gefangennahme Eurer Verwandten war. Der Gedanke peinigt ihn, wie ein Verräter seinen Freund und Waffengefährten, den Löwen von Flandern, den Händen seiner Feinde selbst überliefert zu haben. So bemüht er sich denn, auf jede nur mögliche Weise seine Befreiung zu bewirken. Schon sind die Gesandten des Papstes Bonifacius vor König Philipp dem Schönen erschienen und haben von ihm dringend die Freilassung Eures Vaters und all Eurer Verwandten gefordert. Der Heilige Vater spart keine Mühe, um Flandern seine gesetzmäßigen Fürsten zurückzugeben. Der französische Hof ist zum Frieden geneigt. Wir wollen uns an diese tröstende Hoffnung klammern, treue Freundin.“
„Gewiß, Adolf, wir wollen so trostvolle Gedanken nähren! Aber wir schmeicheln uns nur mit trügender Hoffnung. Wird der König von Frankreich den Untergang seiner Söldner nicht rächen? Wird Châtillon, unser erbitterter Feind, seine grausame Nichte Johanna nicht aufstacheln? Bedenkt doch, Adolf, was für Folterqualen diese blutdürstige Frau ersinnen kann, um sich an uns für die Tapferkeit der Vlaemen zu rächen.“
„Quält Euch doch nicht selbst, meine liebe Machteld. Eure Furcht ist ja unbegründet. Vielleicht wird auch Philipp der Schöne durch die schreckliche Vernichtung seiner Söldner inne werden, daß die Vlaemen sich niemals der Franzosenherrschaft fügen. Sein eigner Vorteil wird ihn zwingen, unsere Landesherren in Freiheit zu setzen, sonst verliert er das schönste Lehen seiner Krone. Ihr seht, edle Jungfrau, daß alles sich günstig gestaltet.“
„Ja, ja, Adolf, in Eurer Gegenwart weicht all mein Kummer. Ihr sprecht so tröstlich, daß mein Herz gar freudig davon erklingt.“
Solcherart sprachen sie noch lange über ihre Befürchtungen und Hoffnungen, und als Adolf Machteld alles dargelegt und ihr Herz mit Trost gelabt hatte, richtete er in brüderlicher Liebe auch das Wort an seine Schwester. So entspann sich ein ruhiges Geplauder, das sie recht froh und heiter stimmte. Machteld vergaß alles erlittene Weh; sie atmete freier, kräftiger, und ihre Wangen färbten sich mit einer leichten Röte.
Plötzlich ließ sich brausender Lärm in den Straßen vernehmen. Tausende von Stimmen erklangen, und laute Freudenrufe der Menge schollen durcheinander. Nur in den Pausen ließen sich einzelne Rufe verstehen. „Vlaenderen den Leeuw! Heil, Heil unserem Grafen!“ schrie das begeisterte Volk mit frohem Händeklatschen. Adolf war mit den Frauen zum Fenster getreten. Sie sahen die wogende Menge, Kopf an Kopf, nach dem Markt eilen. Auch Frauen und Kinder befanden sich in dem Menschenstrom. In einer anderen Straße vernahmen sie den Hufschlag zahlreicher Rosse. Aus allem konnten sie schließen, daß ein Reiterheer in Brügge seinen Einzug hielt. Während sie die mögliche Ursache dieser Volksbewegung besprachen, teilte ein Diener mit, daß ein Bote um die Erlaubnis bäte, vor ihnen erscheinen zu dürfen. Sobald sie erteilt war, trat der Bote in das Zimmer. Es war ein junger Edelknabe, ein liebliches Kind, dessen Züge Unschuld und Treue kündeten. Seine Kleidung war aus schwarzer und blauer Seide und gar zierlich geschmückt. Er nahte bis auf wenig Schritt den Frauen, entblößte ehrerbietig das Haupt und verbeugte sich tief, ohne aber zu sprechen.
„Welch gute Nachricht bringst Du uns, mein lieber Knabe?“ fragte Machteld freundlich.
Jetzt hob der Edelknabe das Haupt und antwortete mit zarter Kinderstimme:
„An die durchlauchtigste Tochter des Löwen, unseres Grafen! Ich bringe eine Botschaft von meinem Herrn und Meister Gwijde, der in diesem Augenblick mit fünfhundert Reitern in die Stadt eingerückt ist. Er läßt seine schöne Nichte Machteld van Bethune grüßen und wird ihr in nur wenigen Stunden seine innige Zuneigung selbst bezeigen. Dies meine Botschaft, die Euch hiermit kund getan sei, edle Jungfrau.“
Dann trat er gesenkten Hauptes zur Tür zurück und entfernte sich. Gemäß dem Versprechen, das der junge Gwijde von Flandern im Gehölz bei den Ruinen von Nieuwenhove De Coninck gegeben hatte, war er mit der vereinbarten Hilfe von Namur eingetroffen. Unterwegs hatte er das Schloß Wijnendaal erstürmt und die französische Besatzung niedergemacht. Ebenso hatte er die Burg Sijsseele bis auf den Grund zerstört, weil ihr Kastellan ein geschworener Leliaert war und den Franzosen in seinen Mauern Zuflucht gewährt hatte. Der siegreiche Einzug Gwijdes riß die Bürger zu höchster Freude hin. In allen Straßen jauchzte und jubelte die Menge:
„Heil unserem Grafen! Vlaenderen den Leeuw!“
Sobald der junge Feldherr mit seinen Reitern auf dem Freitagsmarkt anlangte, überreichten ihm die Altmeister die Schlüssel, und so wurde ihm, als zeitlichem Grafen von Flandern, bis zur Befreiung Robrechts van Bethune, seines Bruders, gehuldigt. Nun schien den Brüggern ihre Freiheit vollkommen; denn jetzt hatten sie einen Fürsten, der sie in den Krieg führen konnte. Die Reiter wurden bei den vornehmsten Bürgern untergebracht. Ja, der Eifer und die Dienstfertigkeit war so groß, daß man sich förmlich schlug, um den Zaum eines Pferdes zu erhaschen; jeder wollte einen der Leute des Grafen bei sich haben. Man kann sich vorstellen, wie gastfrei und freundlich diese Hilfstruppen empfangen wurden.
Als Gwijde die durch De Coninck eingerichtete Regierung bestätigt hatte, ging er unverzüglich zu dem Nieuwlandschen Hause, umarmte seine kranke Nichte immer und immer wieder und erzählte ihr, wie er die Franzosen aus dem geliebten Wijnendaal vertrieben habe. Ein köstliches Mahl harrte ihrer, das Maria anläßlich der glücklichen Rückkunft ihres Bruders hatte bereiten lassen. Sie tranken den Freudentrunk auf die Befreiung der gefangenen Vlaemen und weihten auch dem schmerzlichen Andenken der vergifteten Philippa eine Träne.
XIX.
Nach der schrecklichen Nacht, in der solche Ströme Franzosenblutes vergossen worden waren, kamen Châtillon, Jan van Gistel und die wenigen anderen, die dem Tod entronnen waren, nach Kortrijk. Das war noch stark besetzt, so daß die Truppen in dem festen Kastell ohne Gefahr bleiben konnten. Die Franzosen setzten auf diesen Ort ob seiner unüberwindlichen Festungswerke das meiste Vertrauen. Châtillon war ganz verzweifelt über seine Niederlage und glühte vor Rachedurst. Er zog noch einige Söldnerabteilungen aus anderen Städten heran, um Kortrijk gegen jeden Angriff zu sichern, und übergab den Oberbefehl der Stadt dem Kastellan van Lens, einem verräterischen Vlaemen. In aller Eile besuchte er noch die übrigen Grenzstädte und besetzte sie mit dem Rest der Truppen aus der Picardie; zum Befehlshaber von Rijssel machte er den Kanzler Pierre Flotte; dann reiste er nach Paris an den Hof des Königs, der die Niederlage seiner Truppen bereits erfahren hatte. Philipp der Schöne empfing den Landvogt von Flandern mit dem höchsten Unwillen und machte ihm Vorwürfe, daß seine Gewaltherrschaft all dies Unglück verschuldet hatte. Vielleicht wäre Châtillon für immer in Ungnade gefallen. Aber die Königin Johanna haßte ja die Vlaemen und hatte sich über ihre Bedrückung gefreut: sie wußte ihren Oheim Châtillon so gut zu entschuldigen, daß Philipp der Schöne sich schließlich mehr zum Dank als zum Zorn geneigt fühlte. Alsbald wandte der französische Fürst seinen Unwillen wider die Vlaemen und schwur, an ihnen sattsam Rache zu nehmen.
Schon war ein Heer von zwanzigtausend Mann vor Paris versammelt, um das Königreich Majorka aus den Händen der Ungläubigen zu befreien. Es waren dies die Truppen, deren Einberufung Robrecht van Bethune den vlaemischen Herren angezeigt hatte. Mit diesem Heere hätte man gegen Flandern Krieg führen können, aber Philipp zog es vor, die Rache noch einige Zeit aufzuschieben, um mit noch mehr Truppen zu Felde zu ziehen. Durch außerordentliche Boten erging ein Aufruf durch ganz Frankreich: darin wurde den Bannerherren des Landes kundgetan, daß die Vlaemen siebentausend Franzosen ermordet hätten, und daß der Fürst seine Lehensleute mit ihren Untergebenen so eilig als möglich nach Paris berufe, um diese schmachvolle Niederlage zu rächen. In jenen Zeiten waren Waffenübungen und Krieg die einzige Beschäftigung der Edelleute; – sie freuten sich, wenn sich irgendwo Gelegenheit zum Kämpfen bot; daher ist es also gar nicht verwunderlich, daß sie dem Rufe willig Folge leisteten. Aus allen Teilen des weiten Frankreich kamen die Vasallen mit ihren bewaffneten Leuten herbeigeeilt, und in wenigen Tagen war das französische Heer mehr als fünfzigtausend Mann stark.
Neben dem Löwen von Flandern und Karl von Valois war Robert d'Artois einer der kühnsten Kriegshelden Europas und war jenen beiden sogar durch die Kriegskunde und Erfahrung überlegen, die er auf seinen zahlreichen Streifzügen erworben hatte. Noch niemals hatte er volle acht Tage hintereinander seinen Harnisch abgelegt, und so war er in Waffen ergraut. Sein unerbittlicher Haß war damals gegen die Vlaemen aufgeflammt, als sie seinen einzigen Sohn bei Veurne erschlagen hatten; er bestimmte die Königin Johanna, ihn zum obersten Befehlshaber des Heeres zu ernennen; das begegnete auch gar keiner Schwierigkeit; denn niemandem stand dieses ehrenvolle Amt mehr zu als Robert d'Artois.
Geldmangel und auch der tägliche Zustrom noch weiterer Vasallen aus fernliegenden Herrschaften hielten das Heer einige Zeit in Frankreich zurück. Die übergroße Hast, mit der die Franzosen gewöhnlich bei ihren Feldzügen zu Werke gingen, war ihnen schon gar manches Mal verderblich geworden. Sie hatten durch eigenen Schaden gelernt, daß auch Vorsicht eine Macht ist; deshalb wollten sie sich diesmal auf alle Fälle vorsehen und mit mehr Klugheit zu Werke gehen. –
Die boshafte Königin von Navarra entbot Robert d'Artois zu sich und peitschte ihn zu jeder nur möglichen Grausamkeit in Flandern auf. Unter anderem befahl sie ihm, allen vlaemischen Säuen die Brüste abschneiden, all ihre Ferkel mit dem Schwerte durchbohren und die Hunde von Flandern totschlagen zu lassen: Die ‚Hunde‘ von Flandern, das waren die Tapferen, die mit dem Schwert in der Faust für das Vaterland stritten; mit den ‚Säuen‘ und ‚Ferkeln‘ waren die Frauen und Kinder gemeint! Solch schändliche Worte im Munde einer Königin, eines Weibes, werden als Beweis ihrer Grausamkeit in den Chroniken aufbewahrt.
Während dieser Verzögerung verstärkten sich aber auch die Vlaemen ganz gewaltig. Herr Johann van Borluut hatte die Genter gegen die Besatzung ihrer Stadt aufgewiegelt und vertrieb die Franzosen aus Gent; ihrer siebenhundert blieben in diesem Kampf. Auch Oudenaarde und mehrere andere Gemeinden machten sich frei, so daß solcherart nur noch in den stark befestigten Städten, wohin sich die flüchtigen Franzosen zusammengezogen hatten, Feinde verblieben. Wilhelm von Jülich kam mit einer großen Schar Bogenschützen aus Deutschland nach Brügge. Sobald Herr Johann van Renesse mit vierhundert Seeländern zu ihm gestoßen war, brachen sie beide mit den Truppen und einer Menge Freiwilliger nach Kassel auf, um die französische Besatzung anzugreifen und zu vertreiben. Die Stadt war außerordentlich stark befestigt und konnte nicht leicht genommen werden. Wilhelm von Jülich hatte auf die Mitwirkung der Bürger gerechnet; aber sie wurden zu gut von den Franzosen bewacht, als daß sie sich hätten rühren können. Das zwang ihn, eine regelrechte Belagerung zu beginnen; doch es dauerte recht lange, ehe er sich die nötigen Werkzeuge dazu verschaffen konnte.
Der junge Gwijde war in den bedeutendsten Städten Flanderns mit Jubel empfangen worden. Seine Anwesenheit hatte gar manchem Mut gegeben, ihn zur Verteidigung des Vaterlandes angespornt. Ebenso hatte Adolf van Nieuwland die kleineren Ortschaften besucht, um das Volk zu den Waffen zu rufen.
In Kortrijk lagen fast dreitausend Franzosen unter dem Befehl des Kastellans van Lens. Statt sich durch gute Behandlung bei der Bürgerschaft beliebt zu machen, begingen diese zusammengelaufenen Kriegsknechte alle möglichen Ausschreitungen. Aber das hatten die Kortrijker sehr bald satt. Durch das Beispiel der anderen Städte ermutigt, erhoben sie sich einmütig gegen die Franzosen und erschlugen mehr als die Hälfte; die übrigen flohen in aller Eile auf das Kastell und verschanzten sich gegen den Ansturm des Volkes. Aus Rache schossen sie Brandpfeile auf die Stadt und steckten die schönsten Gebäude in Flammen. Alle Häuser rings um den Markt und der Begijnenhof wurden durch das Feuer von Grund aus vernichtet. Die Kortrijker belagerten das Kastell voll Mut und sonder Zagen; doch es war ihnen nicht möglich, die Franzosen ohne fremde Hilfe zu vertreiben. Angesichts der trüben Aussicht, ihre Stadt bald ganz abbrennen zu sehen, sandten sie einen Boten nach Brügge, um Herrn Gwijde dringend um Beistand zu bitten.
Der Bote kam am 5. Juli 1302 zu Gwijde, legte ihm die beklagenswerte Lage der guten Stadt Kortrijk dar und versprach ihm im Namen der Bürger jede Hilfe und unbedingten Gehorsam. Dem jungen Grafen ging dieser Bericht sehr nahe, und er beschloß, sich unverzüglich nach der unglücklichen Stadt zu begeben. Da Wilhelm von Jülich alle Kriegsknechte nach Kassel geführt hatte, wußte Gwijde kein anderes Mittel, als die Zünfte von Brügge anzurufen. Er ließ sofort alle Obmänner in den oberen Saal des Prinzenhofs entbieten und ging selbst mit den Rittern, die sich bereits zu ihm begeben hatten, dorthin. Eine Stunde später waren die Einberufenen, dreißig an der Zahl, in dem bestimmten Gemach versammelt; mit entblößtem Haupt standen sie am Ende des Saales und erwarteten schweigend, was man ihnen mitteilen würde. De Coninck und Breydel, als die Häupter der beiden angesehensten Zünfte, standen vornan. Herr Gwijde saß in einem reichen Lehnstuhl am oberen Ende des Saales; ringsumher standen die Herren Jan van Lichtervelde und van Heyne, beide Beers von Flandern[31], der Herr van Gavere, dessen Vater durch die Franzosen vor Veurne ermordet worden war; der Tempelritter Herr van Bornhem, Herr Robrecht van Leeuwerghem, Balduin van Ravenschoot, Ivo van Belleghem, Hendrik, Herr van Lonchyn, ein Luxemburger, Goswijn, van Goetsenhove und Johann van Cuyck aus Brabant, Peter und Ludwig van Lichtervelde; Peter und Ludwig Goethals van Gent und Heinrich van Petershem. Adolf van Nieuwland stand rechts vom jungen Grafen und sprach mit ihm.
In der Mitte des Raumes, zwischen den Vorstehern und Rittern, stand der Bote von Kortrijk. Sobald jeglicher seinen gehörigen Platz eingenommen hatte, hieß Gwijde dem Boten, seine Mitteilung vor den Obmännern zu wiederholen. Er gehorchte diesem Befehl und sprach:
„Meine Herren, die Bürger von Kortrijk lassen euch durch mich wissen, daß sie die Franzosen aus ihrer Stadt vertrieben und ihrer fünfzehnhundert erschlagen haben; aber jetzt leidet die Stadt die größte Not. Der Verräter van Lens hat sich in das Kastell geworfen; er läßt täglich mit brennenden Pfeilen auf die Häuser schießen, und schon ist der reichste Teil der Stadt in Asche gelegt. Herr Arnold van Oudenaarde ist den Kortrijkern zu Hilfe gekommen, ihre Feinde sind jedoch zu zahlreich. In dieser schlimmen Lage bitten sie den Herrn Gwijde insonderheit und ihre Freunde in Brügge insgesamt um Hilfe und hoffen, daß sie keinen Tag zögern werden, ihre bedrängten Brüder zu befreien. Das ist es, was die Bürger von Kortrijk euch künden lassen.“
„Ihr habt es gehört, Obmänner,“ sprach Gwijde, „eine unserer besten Städte ist in Gefahr, ganz vernichtet zu werden; ich glaube nicht, daß der Hilferuf eurer Brüder von Kortrijk vergeblich sein wird. Aber die Sache heischt Eile, allein eure Mitwirkung kann sie aus ihrer Bedrängnis retten; deshalb ersuche ich euch, schnellstmöglich eure Zünfte zu den Waffen zu rufen. Wieviel Zeit braucht ihr, um eure Leute für diesen Zug zu rüsten?“
De Coninck antwortete:
„Heut nachmittag, durchlauchtigster Herr, werden viertausend bewaffnete Weber auf dem Freitagsmarkt stehen; ich werde sie führen, wohin Ihr befehlt.“
„Und Ihr, Meister Breydel, werdet Ihr auch da sein?“
Breydel trat mit stolzem Selbstbewußtsein vor und entgegnete:
„Edler Graf, Euer Diener Breydel wird Euch nicht weniger als achttausend Gesellen liefern.“
Die Ritter bekundeten die größte Verwunderung.
„Achttausend!“ riefen sie wie aus einem Mund.
„Ja, ja, meine Herren,“ fuhr Breydel fort, „achttausend oder mehr. Alle Zünfte Brügges, nur die Weber ausgenommen, haben mich zum Anführer gewählt, und Gott weiß, wie ich mich für diese Gunst dankbar bezeigen werde. Heut mittag schon, wenn es Euer Edeln befiehlt, werden sich die getreuen Brügger auf dem Freitagsmarkt versammeln, und ich kann kühnlich behaupten, daß Euer Edeln an meinen Fleischern tausend Löwen in Euerm Lager haben; denn niemand ist ihnen gleich. Je eher, je lieber, edler Herr! Unsere Beile setzen schon Rost an.“
„Meister Breydel,“ sprach Gwijde, „Ihr seid ein tapferer, kühner Untertan meines Vaters. Das Land, das solche Männer hervorbringt, kann nicht lange in Sklaverei bleiben; ich danke Euch für Eure Tüchtigkeit.“
Ein freundliches Lächeln der umstehenden Ritter verriet, wie angenehm ihnen Breydels Worte gewesen waren. Der Obmann kehrte zu seinen Genossen zurück und flüsterte De Coninck ins Ohr:
„Ich bitte Euch, Meister, ärgert Euch nicht über das, was ich eben Herrn Gwijde gesagt habe. Ihr seid und bleibt mein Anführer, denn ohne Euern Rat würde ich nicht viel Gutes ausrichten. Meine Worte haben Euch doch nicht beleidigt?“
Der Obmann der Weber drückte Breydels Hand als Zeichen seiner Freundschaft und seines Einverständnisses.
„Meister De Coninck,“ fragte Gwijde, „habt Ihr die Zünfte von meinem Wunsch in Kenntnis gesetzt? Sollen mir die nötigen Gelder besorgt werden?“
„Die Zünfte von Brügge,“ war die Antwort, „stellen Euch all ihre Mittel zur Verfügung, edler Herr. Wollet nur einige Diener mit einem schriftlichen Befehl nach dem Pand senden: dort soll ihnen so viel Geld in Silber ausgezahlt werden, als Euer Edeln es wünschen. Sie bitten Euch, keine Rücksicht auf sie zu nehmen, denn die Freiheit kann ihnen gar nicht zu teuer sein.“
In dem Augenblick, da Gwijde die Bereitwilligkeit der Brügger mit dankenden Worten anerkennen wollte, tat sich die Tür auf. Alles blickte erstaunt auf den Mönch, der, ungerufen, keck in den Saal trat und auf die Obmänner zuging. Eine Kutte von schwerem braunen Tuche war durch einen Strick um seinen Leib zusammengehalten, eine schwarze Kappe verbarg seine Züge, so daß man ihn nicht erkennen konnte. Er schien sehr alt, denn sein Rücken war gebeugt, und ein langer Bart hing über seine Brust herab. Flüchtig betrachtete er der Reihe nach alle Ritter, und sein scharfer Blick drang bis auf den Grund ihrer Herzen; wenigstens war es sichtlich sein Bestreben. Adolf van Nieuwland erkannte in ihm den gleichen Mönch, der ihm den Brief von Robrecht van Bethune gebracht hatte, und wollte ihn mit lauter Stimme begrüßen, aber das Gebaren des Mönches war so seltsam, daß dem jungen Ritter die Worte auf den Lippen erstarben. Alle Anwesenden wurden von Zorn ergriffen. Das kecke Auftreten des Fremden war eine Schmach, die sie sich nicht gefallen lassen wollten. Doch bald löste sich das Rätsel: da der Mönch seine Prüfung beendet hatte, band er den Strick von den Lenden los, warf seine Kutte und den Bart ab und blieb mitten im Saale stehen. Er erhob sein Haupt, und so gewahrte man einen Mann von ungefähr dreißig Jahren, von schlanker, kühner Gestalt, der die Ritter betrachtete, als ob er fragen wollte: Nun, erkennt ihr mich wieder?