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Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien cover

Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien

Chapter 7: VI.
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About This Book

Set in a medieval borderland, the narrative follows a cast of mounted nobles, local leaders, and common folk whose personal loyalties, rivalries, and intrigues intersect with larger political pressures from a dominant power. Detailed scenes evoke rural life, courtly ritual, and the rhythms of war as negotiations, betrayals, and alliances build toward mass mobilization and decisive combat. Themes of communal identity, honor, sacrifice, and the struggle between local autonomy and external authority run throughout, while alternating intimate domestic moments and large-scale battle sequences dramatize a collective assertion of dignity and solidarity.

„Ja, da Ihr von Karl von Valois sprecht, glaube ich das gern. Aber was kann er für uns und unsere Schwester tun?“

„Höre, Wilhelm! Als er heute morgen mit uns zur Jagd ritt, hat er mir ein Mittel geraten, durch welches wir mit Gottes Hilfe König Philipp den Schönen versöhnen können.“

Außer sich vor Freude schlug der Jüngling die Hände zusammen und rief:

„O Himmel, sein guter Engel hat durch seinen Mund gesprochen. Und was sollt Ihr tun, Vater?“

„Zu Compiègne mit meinen Edeln den König aufsuchen und ihm zu Füßen fallen.“

„Und Königin Johanna?“

„Die ungnädige Johanna von Navarra ist mit Enguerrand de Marigny in Paris. Jetzt ist der günstigste Augenblick!“

„Gebe Gott, daß Eure Hoffnung Euch nicht täuscht! Wann wollt Ihr denn die gefahrvolle Reise unternehmen, Vater?“

„Übermorgen wird Herr von Valois mit seinem Gefolge nach Wijnendaal kommen, um uns das Geleite zu geben. Ich habe die Edeln, die mir noch treu geblieben sind, zu mir entbieten lassen, um sie davon in Kenntnis zu setzen. – Aber Dein Bruder Robrecht kommt gar nicht. Weshalb bleibt er solange dem Schloß fern?“

„Habt Ihr seinen Streit von heut morgen bereits vergessen, Vater? Er hat eine Beleidigung von sich abzuwaschen. Jetzt kämpft er wohl gerade mit Châtillon.“

„Du hast recht, Wilhelm. Das hatte ich vergessen. Dieser Zwist kann uns schädlich sein; denn Herr von Châtillon besitzt am Hofe Philipps des Schönen großen Einfluß.“

Zu jener Zeit waren Ehre und Ruhm das kostbarste Gut des Ritters. Er durfte keinen Verdacht der Verleumdung auf sich fallen lassen, ohne Rechenschaft dafür zu fordern. Deshalb waren Zweikämpfe etwas Alltägliches, und sie fanden keine besondere Beachtung.

Plötzlich erhob sich Gwijde und sagte:

„Da höre ich die Brücke fallen. Sicher sind meine Lehnsleute schon da. Komm, wir gehen in den großen Saal.“

Sie gingen aus dem Gemach und ließen die junge Machteld allein.

Bald kamen in den Saal zu dem alten Grafen die Herren van Waldeghem, van Roode, van Kortrijk, van Oudenaarde, van Heyle, van Nevele, van Roubais, der Herr Walter van Lovendeghem mit seinen beiden Brüdern und mehreren anderen, zweiundfünfzig an der Zahl. Einige hielten sich gerade im Schloß auf. Andere hatten ihre Herrschaftssitze in der umliegenden Ebene. Sie warteten alle voll Neugierde auf den Befehl oder die Nachricht des Grafen und standen mit entblößtem Haupte vor ihrem Gebieter.

Dieser hielt ihnen bald darauf folgende Ansprache:

„Meine Herren, Ew. Edeln wissen, daß die Treue, die ich meinem Lehnsherren, König Philipp, geschworen habe, die Ursache zu meinem Unglück ist. Als er mich aufforderte, Rechenschaft über die Besteuerung der Gemeinden abzulegen, habe ich als untertäniger Vasall seinem Wunsche willfahren. Brügge hat mir den Gehorsam verweigert, und meine Untertanen haben sich gegen mich erhoben. Als ich mit meiner Tochter nach Frankreich gereist bin, um dem Könige zu huldigen, hat er uns alle gefangen genommen. Mein unglückliches Kind trauert noch im Kerker des Louvre. Das alles wißt ihr; denn ihr steht eurem Fürsten treu zur Seite. Ich habe, wie es meiner Würde ziemte, mir mein Recht erkämpfen wollen, aber das Waffenglück war gegen uns. Der meineidige Eduard von England brach das Bündnis, das wir mit ihm geschlossen hatten, und ließ uns in der Not im Stich. Mein Land ist verloren, ich bin zum Geringsten unter euch geworden, und mein graues Haupt kann die Grafenkrone nicht mehr tragen. Ihr habt einen anderen Herren.“

„Noch nicht,“ rief Walter van Lovendeghem, „eher würd' ich meinen Degen zerbrechen. Ich erkenne keinen anderen Herren an als den edlen Gwijde van Dampierre!“

„Herr van Lovendeghem, ich freue mich über Eure treue Liebe von ganzem Herzen; aber erst hört mich kaltblütig zu Ende an! Herr von Valois hat Flandern durch Waffengewalt gewonnen und von seinem königlichen Bruder zu Lehen erhalten. Seinem Edelmut allein verdanke ich es, daß ich mit Ew. Edeln hier in Wijnendaal zusammen sein kann; denn er selbst hat mich aus Rupelmonde in dieses liebe Heim gebeten. Noch mehr: er hat beschlossen, das Haus von Flandern wieder aufzurichten und mich wieder zum regierenden Grafen zu machen. Darüber wollte ich mit Ew. Edeln verhandeln, – denn ich brauche eure Hilfe.“

Das Erstaunen der Herren, die gespannt gelauscht hatten, wurde durch diese letzten Worte noch mehr gesteigert. Daß Karl von Valois das Land, das er erobert hatte, wieder hergeben wollte, kam ihnen unglaublich vor. Verblüfft sahen sie den Grafen an, und dieser fuhr nach kurzer Unterbrechung fort:

„Meine Herren, ich setze nicht den geringsten Zweifel in eure aufrichtige Treue zu mir, deshalb habe ich die größte Zuversicht, daß ihr meine letzte Bitte erfüllen werdet: übermorgen breche ich nach Frankreich auf, um mich dem König zu Füßen zu werfen, und ich bitte Ew. Edeln, mich zu begleiten.“

Einer nach dem anderen antwortete, daß er bereit sei, seinem Grafen überall hin Folge zu leisten und ihm beizustehen. Nur einer sagte nichts. Das war Dietrich der Fuchs.

„Herr Dietrich,“ fragte ihn der Graf, „wollt Ihr mich nicht begleiten?“

„Aber selbstverständlich!“ rief Dietrich, „der Fuchs kommt mit, und ging's in den Rachen der Hölle! Aber, verzeiht, edler Graf, – ich sage Euch, hier braucht man kein Fuchs zu sein, um die Falle zu merken. Man hat Ew. Hoheit schon einmal gefangen genommen, und Ihr verfolgt schon wieder die gleiche Spur. Gebe Gott, daß die Sache gut abläuft; aber das verspreche ich Euch, daß Philipp der Schöne den Fuchs nicht fangen wird.“

„Ihr urteilt und sprecht allzu leichtfertig, edler Herr!“ entgegnete ihm Gwijde. „Karl von Valois stellt uns einen Geleitsbrief aus und gelobt uns bei seiner Ehre, daß er uns wieder ungehindert nach Flandern zurückbringen wird.“

Die Herren, die Valois' edle Gesinnung kannten, glaubten seinem Versprechen und berieten weiter mit dem Grafen. Inzwischen schlich sich Dietrich der Fuchs unbemerkt aus dem Saal, ging auf den Vorhof und schritt dort in tiefes Nachdenken versunken auf und ab.

Einige Augenblicke später wurde die Brücke herabgelassen, und Robrecht van Bethune ritt auf das Schloß zu. Als er vom Pferde stieg, näherte sich ihm Dietrich und sagte:

„Man braucht erst gar nicht zu fragen, Herr Robrecht, was aus Euerm Feind geworden ist. Das Schwert des Löwen hat noch nie sein Ziel verfehlt. Herr von Châtillon reist wohl schon ins Jenseits?“

„Nein,“ antwortete Robrecht, „mein Schwert ist so heftig auf seinen Helm niedergesaust, daß Châtillon drei Tage lang nicht sprechen kann. Aber er muß seinem Schöpfer danken, daß er nicht erschlagen wurde. Doch ein anderes Unglück hat uns betroffen. Adolf van Nieuwland, der mein Sekundant war, hat mit Saint-Pol gefochten. Adolf hatte Saint-Pol gerade am Kopf verletzt, als unglücklicherweise sein Panzer aufging, so daß die feindliche Waffe den Jüngling tödlich verwundete. Ihr werdet ihn gleich sehen; denn meine Knappen tragen ihn ins Schloß.“

„Aber, Herr van Bethune,“ fragte Dietrich, „haltet Ihr diese Reise nach Frankreich nicht auch für ein recht unbesonnenes Unternehmen?“

„Welche Reise? Ihr setzt mich in Erstaunen!“

„Wißt Ihr denn noch nichts davon?“

„Kein Wort.“

„Nun, wir ziehen übermorgen mit unserem Grafen nach Frankreich!“

„Was sagt Ihr, Dietrich, mein Freund? Ihr scherzt! Wie! Nach Frankreich?“

„Ja, ja, Herr Robrecht, um den französischen König fußfällig um Verzeihung zu bitten. Ich habe ja allerdings noch nie von einer Katze gehört, die von selbst in den Sack kriecht, und nun werde ich es in Compiègne bald selbst mit ansehen können; – oder es fehlt mir an gesundem Menschenverstand.“

„Wißt Ihr das, was Ihr da sagt, auch ganz sicher? oder täuscht Ihr Euch vielleicht?“

„Ganz sicher. Beliebt nur in den Saal zu gehen, und Ihr werdet alle Herren bei unserem Grafen, Euerm Vater, antreffen. Übermorgen reisen wir in die Gefangenschaft, das könnt Ihr mir glauben! Bekreuzigt Euch deshalb am Schloßtor von Wijnendaal!“

Als Robrecht das hörte, konnte er seinen Zorn nicht länger zurückhalten.

„Dietrich, mein treuer Freund,“ sagte er zu ihm, „laßt, bitte, den verwundeten Adolf auf das linke Bett in meinem Schlafgemach tragen, und sorgt für ihn, bis ich zurückkomme! Schickt auch zu Meister Rogaert, daß er ihm die Wunde verbinde!“

Während er dies sagte, lief er schon voller Ungeduld in den Saal, wo die Ritter mit ihrem Grafen berieten. Er schob sie ungestüm zur Seite, bis er vor seinem Vater stand.

Die Ritter waren höchst erstaunt, denn Robrecht hatte Harnisch und Rüstung noch nicht abgelegt.

„Aber, Herr Vater,“ rief er aus, „was erzählt man mir da! Ihr wollt Euch Euern Feinden ausliefern, so daß sie Euer graues Haupt mit Schmach bedecken können, – so daß die schnöde Johanna Euch in Fesseln schlagen kann?“

„Ja, mein Sohn,“ antwortete Gwijde mit Würde. „Ja, ich gehe nach Frankreich – und Du begleitest mich. Dein Vater will es so!“

„Nun, so sei's!“ entgegnete Robrecht. „Aber der Fußfall, der schändliche Fußfall?“

„Ich werde den Fußfall tun und Du auch,“ war die unerbittliche Antwort.

„Ich?“ rief Robrecht zornig. „Ich soll den Fußfall tun. Ich, Robrecht van Bethune, soll unserem Feinde zu Füßen fallen? Wie! Der Löwe von Flandern soll sein Haupt vor einem Franzosen beugen, vor einem Falschmünzer, vor einem Meineidigen?“

Der Graf ließ einige Augenblicke verstreichen. Als er glaubte, daß Robrecht sich etwas beruhigt hatte, sagte er:

„Du wirst es tun, mein Sohn!“

„Nie und nimmer,“ rief Robrecht aus, „niemals werde ich meine Waffen mit solcher Schmach bedecken. Ich sollte mich vor einem Fremdling beugen, – ich? Da kennt Ihr Euern Sohn schlecht, Vater!“

„Robrecht!“ entgegnete Gwijde kaltblütig. „Der väterliche Wille ist ein Gesetz, gegen das Du nicht handeln darfst. – Ich will es so!“

„Nein,“ rief Robrecht nochmals, „der Löwe von Flandern beißt, – aber er schmeichelt nicht. Nur vor Gott und vor Euch beuge ich mein Haupt. Aber niemals, niemals vor einem anderen Menschen!“

„Aber, Robrecht,“ entgegnete ihm der Vater, „hast Du denn gar kein Mitleid mit mir, mit Deiner unglücklichen Schwester Philippa, mit Deinem Vaterland, daß Du das einzige Mittel, das uns noch helfen kann, zurückweist?“

Robrecht, in dessen Brust Schmerz und Zorn tobten, ballte in ungestümem Jammer beide Fäuste.

„Wollt Ihr denn, o mein Herr und Vater,“ antwortete er, „daß ein Franzose auf mich wie auf seinen Sklaven herabsieht? Der Gedanke allein kränkt mich tödlich. Nein, nein, – niemals. Euer Befehl, sogar Eure Bitte ist nutzlos! – Ich werde es nie tun!“

Zwei Tränen glänzten auf den schmalen Wangen des alten Grafen. Der sonderbare Ausdruck in seinem Antlitz ließ die anwesenden Ritter im Zweifel, ob Freude oder Schmerz sie vergossen hatte; denn ein trostreiches Lächeln schien seine Züge zu erhellen.

Robrecht wurde durch die Tränen seines Vaters tief ergriffen; sein Herz schlug in Höllenpein. Außer sich vor Erregung rief er:

„Verwünscht, verflucht mich, o mein Fürst und Vater; aber ich versichere Euch, daß ich niemals mit krummem Rücken vor einem Franzosen kriechen werde, – und sollte ich Euerm Befehl trotzen!“

Robrecht van Bethune erschrak über seine eigenen Worte. Er wurde bleich und bebte am ganzen Körper. Er rang seine zuckenden Hände, und man hörte, wie die eisernen Schuppen seiner Panzerhandschuhe klirrend aneinander schlugen. Er fühlte seinen Mut sinken und erwartete mit tödlicher Angst den Fluch seines Vaters.

Während die Ritter in größter Bestürzung auf die Antwort des Grafen harrten, schlang dieser seine schwachen Arme um Robrechts Hals, und mit Tränen der Freude und Liebe rief er aus:

„O mein edler Sohn! Mein Blut, das Blut der Grafen von Flandern fließt rein in Deinen Adern. Dein Ungehorsam hat mir den schönsten Tag meines Lebens bereitet. Nun will ich gern sterben! Nimm mich in Deine Arme, o mein Sohn; denn ich fühle mich unaussprechlich glücklich.“

Die anwesenden Herren waren von Verwunderung und Mitgefühl tief erschüttert. In feierlicher Stille sahen sie schweigend auf diese Umarmung. Der alte Graf ließ seinen Sohn los und blickte in leidenschaftlicher Begeisterung auf seine Lehnsleute.

„Seht her, meine Herren,“ sagte er, „so war ich in meiner Jugend; – so waren die Dampierres immer. Urteilt nach dem, was ihr gehört und gesehen habt, ob Robrecht die Grafenkrone nicht verdient. – O Flandern, so sind deine Krieger. Ja Robrecht, Du hast recht. Ein Graf von Flandern darf sein Haupt vor keinem Fremdling beugen. Aber ich bin alt und bin der Vater der gefangenen Philippa und auch Deiner, mein tapferer Sohn! Ich werde Philipp dem Schönen zu Füßen fallen. So befiehlt es Gott! Ich unterwerfe mich seinem heiligen Willen. Du wirst mich begleiten. Aber Dein Haupt wirst du nicht beugen. – Bleibe stets dabei, auf daß die Grafen, die nach mir kommen werden, ohne jede Schmach und Schande ihr Haupt erheben können!“

Hierauf besprach man das Nähere der Reisevorbereitungen und noch verschiedene politische Fragen. Robrecht van Bethune hatte seine Ruhe wiedergewonnen; er verließ den Saal und ging in das kleinere Gemach, in dem sich Machteld aufhielt. Er ergriff die Hand des jungen Mädchens, führte es zu einem Lehnstuhl, und dann zog er, ohne ihre Hand loszulassen, einen zweiten Sessel heran, in den er sich setzte.

„Meine liebe Machteld,“ sagte er, „Du hast Deinen Vater doch lieb, nicht wahr?“

„O ja, das wißt Ihr doch ganz genau,“ rief die Maid aus, und streichelte mit ihren zarten Händen die rauhen Wangen des Ritters.

„Aber,“ sagte nun Robrecht, „wenn nun jemand zu meiner Verteidigung sein Leben aufs Spiel setzte, würdest Du den nicht auch lieb haben?“

„Sicherlich,“ war ihre Antwort, „und ich würde ihm dafür ewig dankbar bleiben.“

„Jetzt hat nun ein Ritter Deinen Vater gegen einen Feind verteidigt und ist tödlich verwundet worden.“

„O Gott,“ seufzte Machteld, „ich will vierzig Tage für ihn beten und auch noch länger, – bis er gesund wird.“

„Ja, bete auch für mich, mein gutes Kind; aber ich verlange noch etwas von Dir.“

„Sprecht nur, Herr Vater! Ich bin Eure gehorsame Tochter.“

„Versteh mich recht! Ich verreise auf einige Tage, – und Dein Großvater und alle Edelleute, die Du kennst, ziehen gleichfalls fort. Wer wird nun dem armen verwundeten Ritter zu trinken geben, wenn ihn dürstet?“

„Wer das tun wird? Ich, Herr Vater; ich werde ihn nie verlassen, bis Ihr wiederkommt. Ich werde meinen Falken mit in sein Zimmer nehmen und ihm stets Gesellschaft leisten. Fürchte nicht, daß ich ihn den Dienstboten überlasse! Meine Hand soll ihm die Trinkschale an seine Lippen führen, wenn ihn dürstet. Und wie will ich mich freuen, wenn er wieder gesund wird!“

„Das ist recht von Dir, mein Kind. Ich kenne Dein liebevolles Herz; aber Du mußt mir noch versprechen, daß Du in den ersten Tagen seiner Krankheit kein Geräusch in seinem Zimmer machen wirst. Auch darf kein Dienstbote dort laut sein.“

„O, nein, das braucht Ihr nicht zu befürchten, Vater. Ich werde ganz leise mit meinem Falken sprechen, so daß es der Ritter nicht hören kann.“

Robrecht nahm die gute Machteld bei der Hand und führte sie aus dem Zimmer.

„Ich werde Euch den Kranken zeigen,“ sagte er, „aber sprich nicht laut in seiner Gegenwart.“ Adolf van Nieuwland war durch die Knappen in einem Saal in Robrechts Wohnung auf ein Bett gelegt worden. Zwei Ärzte hatten die Wunde verbunden und standen mit Dietrich dem Fuchs neben dem Krankenlager. Der Kranke gab kein Lebenszeichen von sich, sein Antlitz war bleich, die Augen geschlossen. –

„Nun, Meister Rogaert,“ wandte sich Robrecht an einen der Ärzte, „wie geht es unserem unglücklichen Freunde?“

„Schlecht,“ antwortete Rogaert, „recht schlecht, Herr van Bethune. Ich kann noch nicht sagen, ob man hoffen kann; aber ich glaube, er wird nicht sterben müssen.“

„Ist die Wunde nicht tödlich?“

„O doch, tödlich oder nicht tödlich, die Natur ist der beste Arzt; sie tut zuweilen mehr Wunder als Kräuter oder Steine[13]. Ich habe ihm einen Dorn von der Krone unseres Heilandes auf die Brust gelegt; – diese heilige Reliquie wird uns helfen.“

Während dieses Gesprächs war Machteld näher an den Kranken herangetreten. Die Neugier trieb sie, das Gesicht des kranken Ritters zu erkennen. Plötzlich erkannte sie Adolf Nieuwland. Mit einem Aufschrei fuhr sie zurück, eine Flut von Tränen stürzte aus ihren Augen, sie schrie laut auf.

„Was soll das heißen, meine Tochter?“ sagte Robrecht. „Kannst Du Dich nicht mäßigen, Du mußt Dich ruhig und leise am Bett eines Kranken verhalten.“

„Ruhig sein!“ schluchzte die Maid. „Ruhig sein, wo Herr Adolf im Sterben liegt, er, der mich so schöne Lieder lehrte! Wer wird nun der Minnesänger von Wijnendaal sein? Wer wird nun beim Abrichten meiner Falken helfen und mein Bruder sein?“ –

Dann trat sie an das Bett, betrachtete weinend den verwundeten Ritter und rief schluchzend:

„Adolf, Herr Adolf, mein guter Bruder!“

Als sie keine Antwort bekam, schlug sie die Hände vors Gesicht und sank weinend in einen Stuhl. Robrecht glaubte, seine Tochter würde nicht aufhören mit Klagen, und ihre Gegenwart würde dadurch eher schädlich als nützlich sein; er ergriff deshalb die junge Machteld bei der Hand:

„Komm, mein Kind,“ sagte er, „komm aus diesem Zimmer heraus, bis Du Dich gefaßt hast.“

Doch Machteld wollte das Gemach nicht verlassen, sie antwortete:

„O, mein Vater, laßt mich hier, ich will auch nicht mehr weinen. Laßt mich bei meinem Bruder Adolf, ich will die heißen Gebete, die er mich gelehrt hat, für ihn zu Gott schicken!“

Sie nahm ein Kissen von einem Sessel, legte es auf den Boden am Kopfende des Bettes und betete dort leise. Doch ihre Worte waren von tiefen Seufzern zerrissen, und heiße Tränen liefen über ihre Wangen.

Robrecht van Bethune wachte bis in die späte Nacht hinein an Adolfs Lager und hoffte, daß Gehör und Sprache wiederkehren würden. Doch vergeblich. Nur schwach und langsam atmete der Verwundete und lag regungslos da.

Meister Rogaert fürchtete nun doch ernst für sein Leben; denn auf den Schläfen des Kranken brannte heißes Fieber. –

Inzwischen zogen die adligen Herren, die nicht im Schlosse wohnten, mit großer Genugtuung aus Wijnendaal. Die treuen Ritter freuten sich, daß sie sich ihrem Gebieter gefällig erweisen konnten. Die anderen, die im gräflichen Hause wohnten, suchten ihre Schlafgemächer auf.

Zwei Stunden später hörte man in Wijnendaal nur noch die Rufe der Wachen, das Anschlagen der Hunde und die schrillen Schreie der Nachteule.

IV.

Die Reise, die Graf Gwijde auf Anraten des Herrn von Valois unternahm, sollte für ihn und sein Land Flandern sehr gefährlich werden; denn Frankreich hatte zu schwerwiegende Gründe, das reiche Land möglichst lange zu besitzen.

Philipp der Schöne und seine Gemahlin Johanna von Navarra hatten zu ihrer leichtsinnigen Verschwendung alles Gold des Reiches in ihre Schatzkästen fließen lassen, und dennoch hatten die ungeheuren Summen, die das Volk bewilligt hatte, nicht genügt, um ihre unersättliche Geldgier zu befriedigen. Philipp hatte jetzt zu dem letzten Mittel gegriffen und fälschte die Münzen des Reiches, lud dadurch unmögliche Lasten auf sein Land, und doch war er noch nicht befriedigt.

Seine habsüchtigen Minister und besonders Enguerrand de Marigny veranlaßten ihn trotz der Unzufriedenheit des Volkes, unter dem jeden Tag der Ausbruch der Revolution drohte, dazu, neue Abgaben zu fordern.

Es ist unbegreiflich, daß Philipp der Schöne trotzdem immer an großem Geldmangel litt.

In Brügge allein war mehr Geld als in ganz Frankreich. Das wußte er und hatte seit Jahren alles aufgeboten, um Flandern zu unterwerfen.

Anfangs verlangte er Unmögliches vom alten Grafen Gwijde, um ihn zum Ungehorsam zu zwingen; dann nahm er seine Tochter gefangen und eroberte schließlich Flandern durch Waffengewalt. –

Das alles hatte sich der alte Graf wohl überlegt und verhehlte sich die möglichen Folgen der Reise keineswegs; aber der Schmerz, den ihm die Gefangenschaft seiner jüngsten Tochter bereitete, zwang ihn, auch dieses letzte Mittel zu ihrer Befreiung zu versuchen. Das freie Geleit, das Karl von Valois ihm zugesichert hatte, befestigte ihn in seinem Entschluß.

So machte er sich mit seinen Söhnen Robrecht und Wilhelm und fünfzig vlaemischen Edlen auf den Weg. Karl von Valois begleitete ihn mit einer großen Anzahl französischer Ritter.

Als der Graf mit seinen Edlen in Compiègne angekommen war, wurde er auf Veranlassung des Herrn von Valois ausgezeichnet beherbergt; er erwartete nun den Befehl des Königs, der ihn an den Hof rufen sollte.

Der edelmütige Franzose verwendete sich so eindringlich bei seinem königlichen Bruder, daß dieser gnädig Gwijde allein zu sich entbot.

Der alte Graf begab sich voller Hoffnung in den königlichen Palast. Hier führte man ihn in einen großen Prachtsaal. Im Hintergrunde stand der königliche Thron. Blaue, mit goldenen Lilien bestickte Samtbehänge fielen zu beiden Seiten auf den Boden herab. Die Stufen waren mit einem gold- und silberdurchwirkten Teppich belegt. Philipp der Schöne wandelte mit seinem Sohne Ludwig Hutin[14] auf und ab. Ihnen folgten viele französische Edle, von denen sich einer hin und wieder in das Gespräch des Königs mischte. Das war Herr von Nogaret, der es auf Philipps Befehl hin gewagt hatte, den Papst Bonifatius gefangen zu nehmen und zu mißhandeln.

Als man Gwijde meldete, ging der König neben den Thron. Sein Sohn Ludwig blieb an seiner Seite; die anderen Herren stellten sich in zwei Reihen längs der Wand auf. Langsam trat der alte Graf von Flandern näher und kniete vor dem König nieder –

„Vasall!“ sprach er, „diese demütige Stellung gebührt sich für Euch nach all dem Verdruß, den Ihr uns bereitet habt. Ihr verdient den Tod und seid verurteilt. Dennoch beliebt es unserer königlichen Gnade, Euch Gehör zu schenken. Erhebt Euch und sprecht!“

Der alte Graf richtete sich auf und sagte: „Mein Fürst und Gebieter, im Vertrauen auf Eure königliche Gerechtigkeit bin ich Eurer Majestät zu Füßen gefallen und vertraue mein Schicksal Eurer Großmut an.“

„Ihr unterwerft Euch recht spät!“ erwiderte der König. „Ihr habt mit Eduard von England gegen uns ein Bündnis geschlossen. Ihr habt Euch als ungetreuer Vasall gegen Euern Herrn erhoben und seid hochmütig genug gewesen, ihm den Krieg zu erklären. Euer Land habt Ihr Euch durch Euern Ungehorsam verscherzt.“

„O Fürst,“ sprach Gwijde, „laßt mich Gnade vor Euch finden. Möge Eure Majestät bedenken, wie schmerzlich und kummervoll es für einen Vater sein muß, wenn man ihm sein Kind entreißt. Habe ich nicht in tiefer Wehmut gebeten? Habe ich nicht gefleht, um sie wieder zu erhalten? O König, wenn man Euch Euern Sohn, meinen zukünftigen Herrn Ludwig, der so stattlich neben Euch steht, wenn man Euch diesen entrisse und ihn in fremdem Lande einkerkerte, würde Eure Majestät nicht zu jeder Gewalttat bereit sein, um das Blut, das Euch entsprossen ist, zu rächen und zu befreien? O ja, Euer Vaterherz versteht mich, ich werde Gnade vor Euch finden!“

Philipp der Schöne blickte seinen Sohn zärtlich an; in diesem Augenblick erwog er Gwijdes Schmerz und empfand inniges Mitleid mit dem unglücklichen Grafen.

„Sire,“ rief Ludwig in tiefer Rührung, „o seid ihm um meinetwillen gnädig! Habt doch Mitleid mit ihm und seinem Kinde, ich bitte Euch herzlich darum!“

Der König richtete sich auf, und seine Züge wurden streng.

„Laßt Euch durch die Worte eines ungehorsamen Vasallen nicht so leicht hinreißen, mein Sohn,“ sagte er. „Aber ich will nicht unerbittlich sein, wenn man mir beweisen kann, daß er nur durch Vaterliebe und nicht durch Trotz zu seiner Handlung getrieben wurde.“

„Herr,“ sagte Gwijde, „es ist Eurer Majestät bekannt, daß ich, um mein Kind wieder zu bekommen, alles versucht habe, was in meiner Macht lag. Aber vergebens. Mein Flehen, mein Bitten waren umsonst. Alles, selbst die Bemühung des Papstes, blieben fruchtlos … Was war da noch zu tun? Da hatte ich zu hoffen gewagt, daß Waffengewalt meiner Tochter Befreiung bringen würde. Doch das Geschick war mir nicht günstig. Ew. Majestät behielt den Sieg.“

„Aber,“ fiel ihm der König ins Wort, „was können wir für Euch tun? Ihr habt unseren Vasallen ein verderbliches Beispiel gegeben. Wenn wir Euch nun gnädig sind, werden sie alle gegen uns aufstehen, und Ihr werdet Euch sicher aufs neue mit unseren Feinden verbinden!“

„O, mein Fürst,“ antwortete Gwijde, „beliebt nur, die unglückliche Philippa ihrem Vater wiederzugeben, und ich werde Euch ewig dankbar sein!“

„Und wird Flandern die geforderten Summen aufbringen, und werdet Ihr uns das nötige Geld verschaffen, um die Kosten, die Euer Ungehorsam verursacht hat, zu decken?“

„Dieser Gnadenbeweis Eurer Majestät wird mir nie zu teuer sein! Eure Befehle werde ich ehrerbietigst vollziehen. Aber mein Kind, o König, mein Kind!“

„Euer Kind,“ wiederholte der König unschlüssig.

Jetzt dachte er an Johanna von Navarra, die die Tochter des Grafen von Flandern nicht gutwillig freigeben würde. Er durfte seinem guten Herzen nicht folgen; denn zu sehr fürchtete er den Zorn der trotzigen Johanna. Deshalb wollte er kein bestimmtes Versprechen geben und sagte:

„Nun, die Fürsprache meines geliebten Bruders hat viel für Euch getan. Seid guter Hoffnung, denn Euer trauriges Los rührt mich. Ihr wart schuldig, aber Eure Strafe ist schwer. Ich werde versuchen, sie zu erleichtern. Trotzdem beliebt es uns heute nicht, Euch in Gnaden zu empfangen: erst müssen gründliche Nachforschungen stattfinden. Dann verlangen wir Eure Unterwerfung in Gegenwart aller Vasallen, damit sie sich an Euch ein Vorbild nehmen. Verlaßt uns jetzt, damit wir beraten können, was sich für einen untreuen Vasallen tun läßt.“

Auf diesen Befehl verließ der Graf von Flandern den Saal. Er war noch nicht aus dem Palast gegangen, als sich schon unter den französischen Herren das Gerücht verbreitete, daß ihm der König Land und Tochter wiedergeben wollte. Viele beglückwünschten ihn von Herzen; andere wieder, die auf die Eroberung von Flandern ihre ehrgeizigen Pläne gebaut hatten, waren tief ergrimmt. Aber sie ließen es nicht merken, da sie gegen den königlichen Willen doch nichts ausrichten konnten. –

Freude und Vertrauen erfüllten jetzt die Herzen der vlaemischen Ritter; sie schmeichelten sich mit süßer Hoffnung und freuten sich schon auf die Befreiung ihres Vaterlandes. Sie glaubten, daß nichts den guten Ausgang des Unternehmens hindern könnte, da der König nach dem guten Empfang Herrn von Valois versichert hatte, daß er Gwijde großmütig entgegenkommen wollte. –

Graf Gwijde traf schon die nötigen Vorbereitungen, um bei seiner Rückkehr den königlichen Befehlen nachzukommen und seine Untertanen durch einen langen Frieden für den letzten Krieg zu entschädigen. Sogar Robrecht van Bethune zweifelte durchaus nicht an der versprochenen Gnade; denn seit sein Vater am Hofe gewesen, waren die französischen Herren äußerst liebenswürdig und ehrerbietig zu den Vlaemen. Hierin zeigte sich nach ihrer Meinung des Königs Wohlwollen: sie wußten, daß die Absichten und Gedanken der Fürsten stets auf den unentschiedenen Mienen der Höflinge zu lesen sind. –

Herr von Châtillon hatte den Grafen auch einige Male aufgesucht und beglückwünscht. Aber sein Herz barg ein teuflisches Geheimnis, und er lächelte, um es zu verbergen. Seine Nichte, Johanna von Navarra, hatte ihm Flandern als Lehen versprochen. Alle seine herrschsüchtigen Pläne hatten auf die Erlangung dieser reichen Grafschaft gezielt, und nun verschwand diese Aussicht wie ein Traum.

Châtillon, der von politischem Ehrgeiz ergriffen war, schmiedete einen verräterischen Plan und beschönigte ihn vor seinem Gewissen mit dem Namen der Pflicht. –

An dem gleichen Tage, an dem er aus Flandern am königlichen Hofe ankam, rief er einen seiner treuesten Diener zu sich und sandte ihn auf seinem besten Pferde nach Paris.

Ein Brief, den er dem Boten mitgab, mußte die Königin und Enguerrand de Marigny von allem unterrichten und sie nach Compiègne rufen.

Sein verräterischer Plan glückte vollkommen. Als Johanna den Brief las, bebte sie vor Wut. Sie, die den Vlaemen ewigen Haß geschworen hatte, sollte sich nun diese Beute entgehen lassen. Und erst Enguerrand de Marigny, der das Geld, das man mit Gewalt aus Flandern erpressen wollte, bereits verspielt und verausgabt hatte! Beiden lag viel zu viel an Flanderns Untergang, als daß sie mit seiner Befreiung einverstanden hätten sein können. Kaum hatten sie die Nachricht erhalten, als sie auch schon, so schnell sie konnten, nach Compiègne fuhren und unerwartet in die Gemächer des Königs eilten.

„Sire,“ rief Johanna aus, „gelte ich Euch denn nichts mehr, daß Ihr in dieser Weise und ohne mich zu fragen meine Feinde gnädig empfangt? Oder habt Ihr den Verstand verloren, daß Ihr diese Vlaemischen zu Euerm eigenen Schaden erhalten wollt!“

„Madame,“ antwortete der König voll Selbstbeherschung, „es wäre ratsam, daß Ihr Euerm König und Gemahl mehr Ehrerbietung entgegenbrächtet! Wenn es mir beliebt, den alten Grafen von Flandern gnädig zu empfangen, so werde ich meinen Willen durchsetzen.“

„Im Gegenteil!“ rief Johanna rot vor Zorn, „das wird nicht geschehen. Ich dulde es nicht, versteht Ihr? Ich dulde es nicht! Wie! Die Meuterer, die meine Oheime enthauptet haben, sollen straflos bleiben. Sie sollten damit prahlen können, daß sie Blutsverwandte der Königin von Navarra ungestraft verhöhnen durften!“

„Der Zorn reißt Euch hin, Madame!“ antwortete der König, „überwägt es selbst in aller Ruhe und sagt mir dann, ob es recht und billig ist, daß man Philippa wieder zu ihrem Vater führt?“

Diese Worte steigerten die Wut Johannas bis zum Äußersten. –

„Ich sollte Philippa wieder hergeben!“ fiel sie ihm ins Wort. „Aber Majestät, überlegt Ihr denn nicht, was Ihr da sagt? Sie vermählt sich dann mit dem Sohne Eduards von England, und Euer eigenes Kind wird um diese Hoffnung betrogen. Nein, um keinen Preis! Ihr könnt Euch drauf verlassen; das wird niemals geschehen. Außerdem ist Philippa ja meine Gefangene, und es wird Euch nicht gelingen, sie mir zu entreißen!“

„Aber, Madame,“ rief Philipp aus, „da irrt Ihr Euch nun doch! Vergeßt auch nicht, daß mir Eure hochmütigen Worte sehr mißfallen, und daß ich Euch meinen Unwillen fühlen lassen kann, sobald es mir beliebt. Mein Wille ist zugleich der Wille Eures Fürsten.“

„Und Ihr wollt Flandern dem trotzigen Gwijde wiedergeben? Ihr wollt es ihm möglich machen, Euch nochmals den Krieg zu erklären? Diese Unklugheit soll Euch noch teuer zu stehen kommen! Ich werde mich, da ich jetzt gesehen habe, wie wenig Ihr mich achtet, mit Philippa in mein Königreich Navarra zurückziehen!“

Diese letzten Worte trafen den König hart. Navarra war der wertvollste Teil Frankreichs, und er hätte es nicht gern entbehrt. Da Johanna diese Drohung schon mehrmals ausgesprochen hatte, fürchtete er, sie könnte sie endlich verwirklichen. Nach einigem Bedenken sagte er:

„Ihr regt Euch unnütz auf, Madame. Wie könnt Ihr behaupten, daß ich Flandern zurückgeben wollte? Ich habe in dieser Angelegenheit noch gar keinen Entschluß gefaßt!“

„Eure Worte waren deutlich genug,“ antwortete Johanna. „Aber wie dem auch sei, ich erkläre Euch: verwerft Ihr meinen Rat, so verlasse ich Euch; denn ich mag die Folgen Eurer Unvorsichtigkeit nicht tragen. Der Krieg gegen Flandern hat des Reiches Schatzkammern erschöpft, und nun wollt Ihr die Meuterer in Gnaden aufnehmen, da Ihr doch in der Lage seid, Euch wieder alles Nötige zu beschaffen! Nie hat unsere Geldlage schlechter dagestanden! Das kann Euch Herr von Marigny beweisen.“

Bei diesen Worten trat Enguerrand von Marigny vor den König.

„Sire, es ist unmöglich, die Soldaten noch weiter zu löhnen,“ sagte er; „das Volk will die Lasten nicht mehr aufbringen. Der Obmann der Pariser Kaufleute hat den Zuschuß verweigert, und bald vermag ich die Ausgaben des königlichen Hauses nicht mehr zu bestreiten. Auch die Münzen dürfen nicht weiter entwertet werden. Flandern allein kann uns retten. Die Zollbeamten, die ich dahin geschickt habe, treiben die Gelder ein, die uns aus dieser Verlegenheit erretten sollen. Bedenket, Sire, welch großem Unheil Ihr Euch aussetzt.“

„Ist denn alles Geld bereits dahin, das dem dritten Stande auferlegt wurde?“ fragte der König mißgestimmt.

„Sire,“ antwortete Enguerrand, „die Gelder, welche die Zollpächter von Paris Eurer Majestät geliehen hatten, habe ich Etienne Barbette zurückerstattet. Im Reichsschatz blieb nichts oder doch nur sehr wenig.“

Die Königin merkte voll Freude, wie sehr diese Nachricht den König erschütterte. Ihr dünkte, nun würde das Urteil über Gwijde unschwer zu erlangen sein. Listig trat sie zu ihrem Gemahl und sprach:

„Ihr sehet wohl, Sire, wie vorteilhaft mein Rat für Euch ist. Wie könnt Ihr Frankreichs Heil aus den Augen lassen, um Aufrührer zu begünstigen? Sie haben Euch und mich verhöhnt, unsern Feinden geholfen und es gewagt, unsern Befehlen zu trotzen. Der Besitz des Goldes macht sie stolz und aufgeblasen. Nichts ist leichter, als sie dieses überflüssigen Geldes zu entledigen; sie sollten Eure königliche Hand küssen, die ihnen das Leben läßt, denn allesamt haben sie den Tod verdient.“

„Aber Herr von Marigny,“ fragte der König, „findet Ihr denn gar keine Möglichkeit, noch für einige Zeit die Ausgaben des Reiches aufzubringen? Denn ich glaube nicht, daß die Gelder aus Flandern so bald kommen werden. Dieser Zustand bringt mich in die größte Verlegenheit.“

„Keine, Sire, wir haben schon zu viel versucht.“ Johanna mischte sich ein:

„Wenn Ihr meinem Rate folgen und mit Gwijde verfahren wollt, wie ich's begehre, so werde ich eine außerordentliche Steuer in meinem Königreiche Navarra erheben, und für lange Zeit werden wir dann dieser lästigen Sorgen enthoben sein.“

Mochte nun Schwäche oder Geldgier den König bestimmen, jedenfalls gab er Johannas Drängen nach, und so ward ihr der alte Gwijde ausgeliefert. Das arglistige Weib beschloß, den Grafen von Flandern den Fußfall tun zu lassen; doch in sein Vaterland sollte er nicht mehr zurückkehren.

V.

Spät am Abend kam Johanna von Navarra zu Compiègne an. Während sie dem wankelmütigen König mit List und Drohungen die Verurteilung der Vlaemen entlockt hatte, saß Graf Gwijde mit seinen edlen Lehensmannen in einem Saale seines Hauses. In silbernen Schalen kreiste der Wein, und jeder ermunterte die andern mit frohen Hoffnungen und tröstlichen Aussichten.

So hatten sie fröhlich über dies und jenes gesprochen, als Dietrich der Fuchs in den Saal trat, der als Robrechts bester Freund in dem Hause des Grafen untergebracht war. Schweigend hemmte er den Schritt und blickte bald auf den alten Grafen, bald auf dessen beiden Söhne. Aus seinen Zügen sprach tiefer Schmerz und inniges Mitleid. Da er sonst immer fröhlich und offenherzig war, so erschraken die Ritter nicht wenig ob seines gramvollen Aussehens; sie ahnten, daß irgendeine schlimme Nachricht sein Antlitz verdüsterte.

Als erster verlieh Robrecht van Bethune seinen Gedanken Ausdruck: „Stockt Euch die Zunge, Dietrich? Sprecht! Und bringt Ihr traurige Kunde, so lasset, bitte, Eure Scherze ruhn.“

„Das will ich gern, Herr Robrecht,“ meinte Dietrich; „aber ich weiß nicht, wie ich Euch die Nachricht beibringen soll; es schmerzt mich, den Unglücksboten spielen zu müssen.“

Furcht malte sich auf den Gesichtern der Zuhörer; mit ängstlicher Neugier schauten sie auf Dietrich. Der füllte einen Becher mit Wein, trank und sprach dann:

„Das soll mir Mut machen. Hört denn und seht es dem Fuchs, eurem Diener, nach, daß sein Mund euch Schlimmes künden muß. Mit Recht habt ihr geglaubt, Philipp der Schöne würde euch in Gnaden empfangen; ist er doch ein edelmütiger Fürst. Noch vorgestern war er froh, euch seines Herzens Großmut zu erweisen; doch damals war er noch nicht von bösen Geistern besessen.“

„Wie denn?“ riefen die Ritter erstaunt, „ist er besessen?“

„Herr Dietrich,“ sprach Robrecht strenge, „laßt alle Umschweife; Ihr habt uns andres zu sagen, aber es scheint Euch nicht recht über die Lippen zu wollen.“

„Ganz recht, mein Herr van Bethune,“ entgegnete Dietrich. „Hört, was mich so tödlich betrübt: Johanna von Navarra und Enguerrand von Marigny sind in Compiègne.“

Diese Namen wirkten auf alle Ritter fürchterlich. Wie betäubt beugten alle schweigend das Haupt. Endlich reckte der junge Wilhelm die Hände gen Himmel und rief verzweifelt:

„O Himmel! die schlimme Johanna – Enguerrand von Marigny! Weh! meine arme Schwester! – Vater, wir sind verloren!“

„Das also sind die Teufel, von denen der gute Fürst besessen ist,“ sagte Dietrich. „Ihr sehet nun, durchlauchtigster Graf, daß es Euer Diener nicht schlecht meinte, als er Euch in Wijnendaal vor dieser Schlange warnte.“

„Wer hat Euch gesagt, daß die Königin von Navarra nach Compiègne gekommen sei?“ fragte der Graf, als ob er noch an der Sache zweifle.

„Meine eigenen Augen, ihr Herren,“ antwortete Dietrich. „Stets fürchtete ich Verrat, denn ich traute den doppelsinnigen Worten nicht. Deshalb habe ich dauernd gewacht, gespäht und aufgepaßt. So habe ich Johanna von Navarra gesehen, ihre Stimme gehört. Meine Ehre setz' ich dran, daß meine Worte wahr sind.“

„Hört, ihr Herren,“ sprach Walter van Lowendeghem, „Dietrich sagt uns die Wahrheit, er gibt sein Ehrenwort darauf; Johanna von Navarra ist also beim König. Die ungnädige Fürstin wird alles aufbieten, um uns zu schädigen, und Gott weiß, was ihr alles zu Gebote steht. Am besten überlegen wir schleunigst, wie wir uns aus dieser Schlinge ziehen. Käme man, um uns festzunehmen, so wäre es zu spät.“

Der alte Graf versank in trostlose Trauer. Keine Rettung sah er aus dieser gefährlichen Lage, hier inmitten in des Königs Landen schien ihm die Flucht nach Flandern unmöglich. Robert van Bethune murrte und verwünschte innerlich die Reise, die ihn seinen Feinden wehrlos in die Hände geliefert hatte.

Während sie alle in trübem Schweigen auf den trostlosen Grafen blickten, trat ein Hofknappe in die Tür des Saales und rief:

„Herr von Nogaret, Gesandter des Königs!“

Eine plötzliche Bewegung offenbarte die Erschütterung der Vlaemen ob dieser Ankündigung. Nogaret war stets der Vollstrecker geheimer Befehle des Königs. Sie glaubten, er käme mit den Leibwachen, um sie gefangenzunehmen. Robrecht van Bethune zog seinen Degen aus der Scheide und legte ihn vor sich auf den Tisch; auch die andern griffen an die Schwerter, während sie zur Tür starrten.

So standen sie da, als Nogaret hereintrat. Er verbeugte sich höflich vor den Rittern und sagte zu Gwijde gewandt:

„Graf von Flandern, mein gnädiger König und Gebieter wünscht, daß Ihr Euch morgen vormittag gegen elf Uhr mit Euren Lehensmannen zu Hofe begebet, um öffentlich von ihm Verzeihung für Euer Vergehen zu erflehen. Die Ankunft der durchlauchtigsten Königin von Navarra hat diesen Befehl beschleunigt. Sie selbst hat sich bei ihrem fürstlichen Gemahl für Euch verwandt, und ich soll Euch von ihr ausrichten, daß sie Eure Unterwerfung gern sähe. – Also bis morgen, ihr Herren! Entschuldigt, daß ich euch so eilig verlasse. Ihre Majestät wartet auf mich, und ich darf nicht säumen, – der Herr beschütze euch!“

Mit diesem Gruß schritt er aus dem Saale.

„Dem Himmel sei Dank, meine Herren,“ sprach Gwijde. „Der König ist uns gnädig gesinnt, und nun können wir getrost und heiter zur Ruhe gehen. Ihr habt des Königs Wünsche vernommen: rüstet euch also, ihnen geziemend zu entsprechen.“

Nun fanden die Ritter ihre frohe Laune wieder. Sie plauderten noch eine Weile von Dietrichs Furcht und dem verheißenen guten Erfolg, dann ward der letzte Becher auf ihres Grafen Wohl geleert. Als sie sich trennen wollten, ergriff Dietrich Robrechts Hand und sagte schwermütig:

„Lebt wohl, mein Freund und Gebieter! ja, lebt wohl; denn vielleicht wird eine lange Zeit vergehen, ehe ich Euch wieder einmal die Hand drücken kann. Denkt daran, daß Euer Diener Dietrich Euch immer trösten und beistehen wird, in welchem Kerker Ihr auch sein möget.“

Robrecht sah eine Träne in Dietrichs Augen glänzen und entnahm daraus die tiefe Rührung seines treuen Freundes. „Ich verstehe Euch, Dietrich,“ flüsterte er ihm ins Ohr. „Was Ihr fürchtet, ahnt auch mir; aber es gibt keinen Ausweg. Lebt denn wohl, bis auf bessere Tage.“

„Ihr Herren,“ rief Dietrich im Fortgehen, „wenn ihr Nachrichten an eure Blutsverwandten nach Flandern zu senden habt, so rate ich euch, macht sie bald fertig; ich werde euer Bote sein.“

„Was sagt Ihr,“ verwunderte sich Walter van Lowendeghem, „wollt Ihr denn nicht mit uns zu Hofe gehen, Dietrich?“

„Jawohl, ich werde bei euch sein, aber ihr werdet mich so wenig erkennen als die Franzosen. Ich hab' es verschworen, Philipp soll den Fuchs nicht fangen! Gott behüte euch, ihr Herren!“

Als er ihnen diesen letzten Gruß zurief, war er bereits zur Tür hinaus. Der Graf zog sich mit seinen Leibpagen zurück, und auch die übrigen verließen den Saal, um schlafen zu gehen.

Zur festgesetzten Stunde konnte man in einem weiten Saale des königlichen Palastes die vlaemischen Ritter mit ihrem alten Grafen erblicken. Ihre Waffen hatten sie im Vorzimmer ablegen müssen. Heitere Zufriedenheit sprach aus ihren Zügen, als ob sie sich schon im voraus der gelobten Gnade freuten. Das Antlitz Robrechts van Bethune hatte freilich einen anderen Ausdruck. Es zeigte bitteren Groll, rasende Wut. Der mutige Vlaeme konnte nicht ertragen, wie hochmütig die Franzosen dreinschauten, und ohne die Liebe zu seinem Vater hätte er gar manchen deshalb zur Rechenschaft gezogen. Der Zwang der Not bedrückte ihn; bei genauer Beobachtung hätte man merken können, daß er die Hände rang, als wollten sie Fesseln sprengen.

Karl von Valois stand bei dem alten Gwijde und unterhielt sich freundlich mit ihm. Er harrte des Augenblicks, da er nach dem Geheiß seines königlichen Bruders die Vlaemen zum Throne geleiten sollte. Auch einige Äbte und Prälaten sah man unter den Anwesenden, ferner auch manch wackeren Bürger von Compiègne, der absichtlich zu dieser Feier geladen worden war.

Während alle von Gwijdes Angelegenheit sprachen, kam ein alter Pilger in den Saal, mit einem breiten Hut auf dem demütig geneigten Haupte, so daß die Gesichtszüge kaum zu erblicken waren. Ein brauner muschelgezierter Pilgerrock verhüllte seine Gestalt, und ein langer Stab, mit einem Trinkgefäß daran, stützte seine matten Glieder. Sobald die Prälaten ihn erblickten, traten sie zu ihm und überschütteten ihn mit Fragen. Der eine wollte wissen, wie es den Christen in Syrien erginge, der andre, wie der Krieg in Italien stände, ein dritter erkundigte sich, ob er keine wunderbaren Reliquien mitgebracht habe, und was man sonst noch alles von Pilgern erfahren möchte. Auf alles das antwortete er wie jemand, der erst eben aus diesem fernen Lande kommt, und erzählte so viel Wundersames, daß ihm die Umstehenden ehrerbietig und neugierig lauschten. Inmitten seiner ernsten, sachlichen Schilderung gebrauchte er aber doch zuweilen so komische Wendungen, daß selbst die Prälaten laut lachen mußten. Bald hatten sich mehr als fünfzig Personen rund um ihn geschart, und einige gingen in ihrer Bewunderung und Verehrung so weit, daß sie unauffällig seinen Rock berührten, als ob ihnen das besonderen Segen brächte. Dennoch kam dieser seltsame Pilger nicht von der Reise; er hatte die Lande, die er so gut zu kennen schien, nur in der Jugend besucht und wußte nicht viel mehr von dem, was er gesehen hatte. Aber wo die Erinnerung versagte, kam die Phantasie zu Hilfe; dann erzählte er von übernatürlichen Dingen und lachte innerlich über die leichtgläubigen Zuhörer: es war Dietrich der Fuchs. Niemand kam ihm in der Kunst gleich, sich zu verkleiden und alle möglichen Gestalten anzunehmen. Er konnte sein Gesicht durch Wässer und Farben älter und jünger machen, und zwar so geschickt, daß selbst seine Freunde ihn nicht zu erkennen vermochten. Er traute dem Wort des französischen Fürsten nicht im mindesten und wollte, wie er im voraus zum Grafen gesagt hatte, nicht leiden, daß man den Fuchs finge. Deshalb hatte er diese Verkleidung angelegt, um den Feinden nicht in die Hände zu fallen.

Kurz darauf betrat der König mit der Königin, gefolgt von zahllosen Rittern und Hofdamen, den Saal, und beide bestiegen den Thron. Die meisten französischen Herren stellten sich längs der Wand in zwei Reihen auf, die andern blieben in der Nähe der Bürger stehen. Zwei Herolde mit den Bannern von Frankreich und Navarra nahmen zu beiden Seiten des Thrones Aufstellung.

Auf ein Zeichen des Königs trat Karl von Valois mit den vlaemischen Edlen vor; selbige beugten vor dem Thron ein Knie auf Sammetkissen nieder und verharrten schweigend in dieser demütigen Haltung. Zur Rechten des Grafen kniete sein Sohn Wilhelm, zur Linken, auf Robrechts Platz, ein Edler, Walter van Maldeghem. Robrecht war bei den französischen Rittern geblieben; anfangs glückte es ihm, von Philipp dem Schönen unbemerkt zu bleiben.

Die Gewänder der Fürstin Johanna glänzten von Gold und Edelsteinen, und die königliche Krone, die ihr Haupt schmückte, strahlte mit ihren tausend Diamanten heller denn des Tages Licht. Hochmütig und eitel warf die stolze Frau verächtliche Blicke auf die Vlaemen, die vor ihr auf den Knien lagen, und lächelte haßerfüllt und ließ den alten Grafen absichtlich so lange warten. Endlich flüsterte sie Philipp dem Schönen einige Worte ins Ohr, und dieser sprach mit erhobener Stimme zu Gwijde: „Ungetreuer Vasall, in Unsrer königlichen Gnade haben Wir es für gut befunden, Erhebungen über Eure Verbrechen anstellen zu lassen. Wir wollten sehen, ob es Uns möglich sei, Euch zu vergeben; aber Wir haben befunden, daß die Vaterliebe nur ein Vorwand für Eure Widerspenstigkeit war, und daß Euch verbrecherischer Hochmut zum Ungehorsam angetrieben hat.“

Bei diesen Worten schlugen die Herzen der Ritter in wildem Schreck, und Staunen erfüllte sie. Jetzt wurden sie der Schlinge gewahr, vor der Dietrich der Fuchs sie gewarnt hatte. Da Gwijde sich nicht regte, blieben auch sie noch auf den Knien. Der König fuhr fort:

„Ein Vasall, der sich treulos gegen seinen König und Landesherrn auflehnt, geht seines Lebens verlustig, und wer mit Frankreichs Feinden in Verbindung tritt, verwirkt sein Leben. Ihr habt Euch den Befehlen Eures Königs widersetzt; Ihr habt mit Eduard von England, Unserm Feinde, die Waffen wider Uns erhoben und mit Uns Krieg geführt[15]. Somit habt Ihr als ungetreuer Lehensmann das Leben verwirkt. Dennoch wollen Wir dieses Urteil nicht überhastet vollstrecken, sondern vorerst ordnungsgemäß eine Untersuchung anstellen lassen. Deshalb sollt Ihr und die Edlen, die an Eurer Auflehnung teil hatten, in Haft gehalten werden, bis es Uns beliebt, andre Maßregeln zu Eurer Beaufsichtigung zu treffen.“

Karl von Valois hatte diese Rede mit tiefem Herzeleid mitangehört. Jetzt trat er vor den Thron und sprach:

„Mein König und Herr! Es ist Euch bekannt, mit welcher Treue ich Eurer Majestät gleich dem geringsten Eurer Untertanen gedient habe. Nie hat jemand sagen können, daß ich mein Wappenschild auch nur durch einen Schein von Feigheit oder Untreue besudelt hätte. Und nun solltet Ihr es sein, o König, der meine Ehre, – die Ehre Eures eigenen Bruders – schändete? Ihr könntet mich zum Verräter machen, – Euer Bruder sollte ein treuloser Ritter genannt werden dürfen. O Sire, bedenkt, daß ich Gwijde freies Geleit verbürgt habe, daß Ihr mich jetzt zu einem Meineidigen macht!“

Während Karl von Valois also sprach, war er in flammende Wut geraten. Sein Blick strahlte so gewaltige Kraft, daß Philipp der Schöne fast bereit war, sein Urteil zu widerrufen. Da ihm selbst die Ehre des Ritters über alles ging, fühlte er innerlich den Schmerz seines treuen Bruders mit. Derweile hatten sich die Vlaemen erhoben und harrten bangend des Erfolges. Die Übrigen erwarteten in regungsloser Angst, was kommen würde.

Aber die Königin Johanna ließ ihrem Gemahl keine Zeit zur Antwort; voll Sorge, daß ihr die Beute wieder entgehen könnte, rief sie mit leidenschaftlichem Eifer:

„Herr von Valois, es steht Euch nicht zu, die Feinde Frankreichs zu verteidigen! Ihr begeht damit eine Treulosigkeit! Es ist dies nicht das erste Mal, daß Ihr Euch dem Willen Eures Königs widersetzt!“

„Madame,“ widersprach Karl bitter, „Euch ziemt es wahrlich nicht, den Bruder Philipps des Schönen einer Treulosigkeit zu beschuldigen. Soll es um Euretwillen heißen, daß Karl von Valois einen unglücklichen Landesherrn verraten habe? Soll mein Wappenschild mit Schande bedeckt werden? Nein, beim Himmel! das wird nicht geschehen. Ich berufe mich auf Euch, Philipp, mein Fürst und mein Bruder; werdet Ihr es dulden, daß das Blut Ludwigs des Heiligen in mir entehrt wird? Soll das der Lohn für meine treuen Dienste sein?“

Offensichtlich versuchte der König, Johanna zu einer Milderung des Urteils zu bestimmen; doch in ihrem unerbittlichen Haß gegen die Vlaemen wies sie die Vorstellungen des Fürsten hochmütig zurück und wurde bei den Worten Karls von Valois flammend rot. Plötzlich rief sie mit lauter Stimme:

„Heda, Leibwachen, des Königs Wille geschehe; man nehme die ungetreuen Lehensmannen gefangen!“

Auf diesen Ruf drangen zahlreiche Wachmannschaften durch alle Türen in den Saal. Die vlaemischen Ritter ließen sich ohne Gegenwehr gefangennehmen. Sie wußten, daß Gewalt sie nicht retten konnte, da sie unbewaffnet und von vielen Feinden umringt waren.

Einer der Anführer ging auf den alten Gwijde zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

„Herr Graf, ich nehme Euch im Namen des Königs, meines Gebieters, gefangen.“

Der Graf von Flandern blickte ihn traurig an, wandte sich zu Robrecht hin und seufzte:

„Weh, unglücklicher Sohn!“

Robrecht van Bethune stand regungslos bei den französischen Rittern, die ihn fragend anschauten. Als hätte ihn eine unsichtbare Hand mit einem Zauberstabe berührt, zuckte jäh eine krampfhafte Bewegung durch seinen Körper; seine Muskeln spannten sich, seine Augen sprühten. Wie ein Löwe sprang er vor, und der ganze Saal erdröhnte von seiner gewaltigen Stimme, da er ausrief:

„Unselige, ich sah eine unedle Hand die Schulter meines Vaters berühren; hinweg mit ihr, oder ich will des Todes sein!“

Im Sprunge riß er einem Söldner gewaltsam die Streitaxt aus den Händen. Ein furchtbarer Schrei entfuhr den Rittern ringsum, und alle zogen die Degen, denn sie glaubten das Leben des Königs bedroht. Doch bald schwand die Furcht, denn Robrecht hatte schon zugeschlagen. Er hatte seine Drohung ausgeführt: der Arm des Anführers, der seinen Vater berührt, lag mit der vermessenen Hand am Boden, und das Blut strömte aus der schrecklichen Wunde.

Ein Haufen Söldner stürzte auf Robrecht zu, um ihn zu packen, doch blind und toll vor Wut schwang er die Streitaxt ums Haupt, und nicht einer wagte sich in seinen Bereich. Ohne Zweifel würde noch mehr Unglück geschehen sein, wenn nicht der alte Gwijde in ängstlicher Sorge um das Leben seines Sohnes diesem flehend zugerufen hätte:

„Robrecht, du mein großherziger Sohn, ach, ergib dich um meinetwillen; tue es, ich bitte dich, ich befehle es dir!“

Bei diesen Worten umfaßte er Robrecht, und dieser fühlte die Tränen seines Vaters auf seine Hand niedertropfen. Jetzt sah er seine Unbesonnenheit ein. Er entrang sich den Armen des Grafen, warf die Streitaxt wuchtig über die Köpfe der Söldner hinweg an die Wand und rief:

„Heran, ihr feigen Mietlinge! fangt denn den Löwen von Flandern; zaget nicht mehr, er ergibt sich.“

In großer Anzahl warfen sich die Söldner auf ihn und nahmen ihn gefangen.

Während er mit seinem Vater aus dem Saale geführt wurde, rief er Karl von Valois zu:

„Euer Wappenschild ist nicht beschmutzt; Ihr waret und seid weiter der edelste Ritter von Frankreich, Eure Treue bleibt unversehrt. Dies sagt der Löwe von Flandern, auf daß man es höre.“

Die französischen Ritter hatten ihre Degen wieder eingesteckt, sobald sie inne wurden, daß das Leben des Königs nicht bedroht war. Mit der Gefangennahme der Vlaemen mochten sie nichts zu tun haben, – es hätte ihren Adel geschändet.

In dem Herzen des Königs und der Königin herrschten sehr verschiedene Gefühle. Philipp der Schöne war schmerzlich ergriffen und betrübt über das gefällte Urteil. Johanna hingegen freute sich über Robrechts Widerstand. Er hatte es gewagt, in Gegenwart des Königs einen seiner Diener zu verwunden; diese Tat konnte ihr in ihren rachsüchtigen Plänen vortrefflich zustatten kommen.

Der König vermochte seine Rührung und Betrübnis nicht zu bergen und wollte gegen den Wunsch seiner stolzen Gemahlin den Thron und den Saal verlassen. Er erhob sich und sprach:

„Meine Herren! Wir beklagen den ungestümen Verlauf dieses Verhörs gar sehr. Lieber hätten Wir bei dieser Gelegenheit euer Edlen Unsere Gnade erzeigt; aber zu Unserm großen Leidwesen war das im Interesse Unserer Krone nicht möglich. Gemäß Unserm königlichen Willen sorget, daß die Ruhe in Unserm Palast fürder nicht gestört werde.“

Auch die Königin erhob sich und wollte mit ihrem Gemahl die Stufen des Thrones herabsteigen, doch ein neues Hemmnis trat ihr in den Weg. Karl vor Valois hatte lange fernab in tiefem Nachdenken gestanden; die Ehrerbietung und Liebe, die er seinem Bruder entgegen brachte, kämpften lange in ihm gegen den Ärger über diesen Verrat. Plötzlich brach sein Zorn los, sein Antlitz ward weiß, rot und blau, und wie rasend warf er sich der Königin entgegen.

„Madame,“ schrie er, „Ihr sollt mich nicht ungestraft entehren! Hört, meine Herren, ich spreche vor Gott, unser aller Richter: Ihr, Johanna von Navarra, seid es, die das Vaterland durch ihre Verschwendung gebrandschatzt hat! Ihr seid es, die das Reich meines edlen Bruders zugrunde richtet! Ihr bringt Frankreich nur Schmach und Hohn! Die Untertanen des Königs machtet Ihr durch Verfälschung der Münzen und ungerechte Erpressungen unglücklich! – Und ich sollte Euch noch dienen?! Nein, Ihr seid ein falsches, verräterisches Weib!“

Wütend riß er seinen Degen aus der Scheide, brach ihn auf dem Knie entzwei und warf die Stücke mit solcher Gewalt zu Boden, daß sie auf die Stufen des Thrones flogen.

Johanna barst schier vor rasendem Zorn. Ihren Zügen entschwand in teuflischer Verzerrung alles Weibliche; man hätte glauben können, daß sie vom Schlag getroffen sei.

„Packt ihn! packt ihn!“ stieß sie hervor.

Die Leibwachen, die noch im Saale waren, wollten diesen Befehl vollziehen. Schon trat ihr Hauptmann an Karl von Valois heran; aber der König liebte seinen Bruder zu innig, als daß er dies dulden konnte.

„Wer Herrn von Valois berührt, soll noch heute sterben!“ rief er.

Auf diese Drohung blieben die Wachen regungslos stehen, und von Valois verließ ungehindert den Saal, so sehr auch die wütende Königin zeterte.

Derart endigte dies stürmische Schauspiel. Gwijde ward zu Compiègne eingekerkert, Robrecht führte man nach Bourges in Berry, seinen Bruder Wilhelm nach Rouen in der Normandie. Die übrigen vlaemischen Herren wurden, ein jeglicher in einer andern Stadt, gefangen gehalten, damit sie einander nicht trösten konnten. Dietrich der Fuchs kehrte als einziger nach Flandern zurück, denn in seinem Pilgerrock hatte man ihn nicht erkannt.

Mit Hilfe seiner Freunde zog Karl von Valois alsbald nach Italien und kam erst wieder nach Frankreich, als Ludwig Hutin nach dem Tode Philipps des Schönen den Thron bestiegen hatte. Er verklagte dann Enguerrand von Marigny wegen vieler Staatsverbrechen und ließ ihn zu Montfaucon henken. Aber in Wahrheit darf man behaupten, daß der Tod dieses Ministers mehr der Gefangennahme des Grafen Gwijde als seinen anderen Missetaten zuzuschreiben ist, und daß Karl von Valois ihn henken ließ, um für diesen Verrat Rache zu nehmen.

VI.

Damals gab es in Flandern zwei Parteien, die einander gegenüberstanden, und die nichts unversucht ließen, um sich gegenseitig nach Kräften zu schaden. Die meisten Edlen und Machthaber hatten bei allen Gelegenheiten zur französischen Regierung gestanden und bekamen deshalb den Namen „Leliaerts“, weil sie der französischen Lilie anhingen. Weshalb sie die Feinde des Vaterlands so begünstigten, wird sich aus dem Folgenden leicht entnehmen lassen.

Seit einigen Jahren waren durch die kostbaren Ritterspiele, die inländischen Kriege und die weiten Kreuzfahrten die meisten Edelleute verarmt. Hierdurch sahen sie sich gezwungen, ihre Stadt- und Herrschaftsrechte an die Einwohner gegen große Summen zu verkaufen und ihnen Freiheiten und Vorrechte zu verleihen.

Die Städte verarmten wohl anfangs dadurch; doch bald trug die erkaufte Freiheit die schönsten Früchte. Das niedere Volk, das vordem mit Leib und Eigen den Edlen zugehörte, begriff nun, daß es den Schweiß seines Angesichts nicht mehr für ungerechte Herren vergoß. Es erwählte sich Bürgermeister und Ratsherren und bildete eine Regierung, um welche die Herren des Landes sich nicht im mindesten zu kümmern hatten. Die Gilden wirkten vereint für die allgemeine Wohlfahrt und setzten Obmänner ein, welche der Sachwaltung vorstanden. Die liebenswürdigste Gastfreiheit lockte Fremde aus allen Weltgegenden nach Flandern, und der Handel entfaltete ein Leben und eine Betriebsamkeit, wie sie unter den Lehensherren unmöglich gewesen waren. Der Gewerbefleiß blühte, das Volk wurde reich und war stolz auf die so lang verkannte Würde, es erhob sich mehr als einmal mit den Waffen in der Hand gegen die früheren Herren. Die Edlen sahen ihre Rechte und Güter dadurch schwer bedroht und suchten durch List und Gewalt die wachsende Macht der Gemeinden zu behindern; doch das war ihnen nie geglückt. Denn der Reichtum der Städte erlaubte selbigen, ein Heer aufzubieten, die bestehenden Freiheiten zu verteidigen und sie ungeschmälert zu bewahren. In Frankreich war das anders. Philipp hatte in seiner Geldnot wohl zuweilen den dritten Stand oder die Bürger zusammengerufen; aber dieses verlieh dem Volke nur zeitweilig einiges Ansehen, das unmittelbar darauf durch die Lehensherren wieder vernichtet wurde.

Die zurückgebliebenen Edlen, die in Flandern nicht mehr viel zu sagen hatten und nun mit allen anderen gleiche Eigentumsrechte besaßen, betrauerten gar sehr ihre verlorene Macht. Um sie wieder zu erhalten, hätten sie die blühenden Gemeinden zerstören müssen. Da es in Frankreich noch keine Freiheit gab und die Herrschaft der Lehensherren dort noch ausschließlich und gewaltherrlich war, so hofften sie, Philipp der Schöne würde die Verhältnisse in Flandern umstoßen und ihnen die einstigen Rechte wieder verleihen. Deshalb also begünstigten sie Frankreich gegen Flandern, und das trug ihnen den Schimpfnamen Leliaerts[16] ein. Deren gab es zu Brügge, das damals nächst Venedig die reichste Handelsstadt der Welt war, sehr viele. Sogar die Bürgermeister und andere Verwaltungsbeamte, die ihre Stellung französischem Einfluß verdankten, waren Leliaerts.

Die Gefangennahme des Grafen und der ihm treu gebliebenen Edelleute wurde von ihnen mit Freude begrüßt; denn nun war Flandern Philipp dem Schönen ausgeliefert und dieser konnte daraufhin alle Gesetze und Vorrechte umstoßen.

Der Wortbruch des französischen Hofes erfüllte das Volk mit größter Bestürzung. Das Mitleid steigerte noch die Liebe, mit der es jeder Zeit seinem Grafen ergeben war, und diese Treulosigkeit löste Empörung aus. Aber die zahlreichen französischen Truppen, die allenthalben lagen, und die Uneinigkeit unter den Bürgern brach vorerst den patriotischen Klauwaarts[17] den Mut. So blieb Philipp der Schöne ruhig im Besitz von Gwijdes Erbteil. Als die traurige Mär nach Flandern kam, begab sich Maria, die Schwester Adolfs van Nieuwland, mit zahlreicher Dienerschaft nach Wijnendaal, um ihren verwundeten Bruder in einer Tragbahre in sein Vaterhaus nach Brügge zu überführen. Die junge Machteld folgte angesichts der schmerzlichen Trennung von all ihren Blutsverwandten der neuen Freundin und verließ Schloß Wijnendaal, das französische Besatzung erhalten hatte.

Das Haus der Familie Nieuwland lag an der spanischen Straße zu Brügge. Zwei runde Türme ragten zu beiden Seiten des Giebels mit ihren Wetterhähnen über das Dach und beherrschten alle umliegenden Gebäude. Zwei Pfeiler aus Quadersteinen in griechischem Stil stützten den Torbogen, den der Schild und Wahlspruch derer van Nieuwland zierte: „Pulchrum pro patria mori!“ Zu beiden Seiten des Schildes schwebte ein Engel mit Palmenzweigen in der Hand. In einem Gemach, welches fern genug von dem dauernden Lärm der Straße lag, ruhte der kranke Adolf auf einem kostbaren Bett. Er war so bleich und durch den Schmerz der Wunde so abgezehrt, daß man ihn kaum wiedererkennen konnte. Zu Häupten des Bettes stand auf einem Tischchen ein kleiner Krug und ein silberner Becher. An der Wand hing der Harnisch, der unter Saint-Pols Waffe geborsten war und dadurch Adolfs Wunde verschuldet hatte; daneben eine Harfe mit zerrissenen Saiten. Rings um ihn war es totenstill. Da die Fenster halb geschlossen waren, wurde das Gemach nur schwach erleuchtet.

Schweigend saß in einer Ecke Machteld, mit niedergeschlagenen Augen. Der Falke auf der Lehne ihres Stuhles schien an dem Gram der Gebieterin teilzunehmen: den Kopf unter dem Flügel ruhte er regungslos. Einst war das Mägdelein in ihrer munteren Fröhlichkeit gegen jeden Schmerz gefeit gewesen; nun war sie ganz umgewandelt. Die Gefangenschaft aller, die ihr teuer waren, hatte ihr junges Herz tief erschüttert. Jetzt schien ihr alles schwarz und düster: der Himmel war für sie nicht mehr blau, die Felder nicht mehr grün, – durch ihre Träume zogen sich nicht mehr Gold- und Silberfäden. Nur Kummer und stille Verzweiflung fanden den Weg zu ihrem Herzen; nichts konnte sie über den schmerzlichen Gedanken an die Gefangenschaft ihres Vaters trösten.

Nach einiger Zeit erhob sie sich aus ihrer Regungslosigkeit und nahm ihren Falken auf die Hand. Weinend blickte sie auf den Vogel, und während sie hie und da eine Träne auf ihren bleichen Wangen trocknete, flüsterte sie leise:

„Du treuer Vogel, traure nicht so bang, mein Vater wird bald wiederkehren. Die böse Königin von Navarra soll ihm kein Leid antun: ich hab so heiß für ihn zum heiligen Michael gebetet, und Gott ist immer gerecht. Darum traure fürder nicht, du lieber Falke.“

Das Mägdelein weinte heiße Tränen. Schienen auch ihre Worte voller Trost und Hoffnung – in ihrem Herzen wohnte tiefer Gram. Und weiter sprach sie:

„Du armer Falke, nicht wirst du nun mehr in den Gefilden unseres väterlichen Schlosses jagen; Franzosen hausen in unserem schönen Wijnendaal. Meinen unglücklichen Vater haben sie in einen Kerker geworfen, in schwere Ketten geschlossen. In dunklem Gefängnis schmachtet er so einsam, und wer weiß, ob ihn nicht die grausame Johanna noch umbringt! Ach du mein lieber Vogel, dann werden auch wir vor Angst vergehen. – Der Gedanke, der furchtbare Gedanke allein raubt mir alle Kraft. Ach! setze dich doch nieder, meine zitternde Hand kann dich nicht mehr tragen.“

Das trostlose Kind sank ermattet in den Sessel, doch ihr Antlitz ward nicht bleicher; waren doch schon längst die Rosen auf ihren Wangen gewelkt, die Augenlider durch ewiges Weinen gerötet. Der Huldreiz ihrer Züge war geschwunden und ihr Auge ohne Feuer und Leben.

Lange blieb sie so in Traurigkeit versunken; der Reihe nach grübelte sie über all das nach, was ihre Verzweiflung nur noch steigern mußte. Die traurigen Gedanken weckten die schauerlichsten Vorstellungen. Sie sah ihren unglücklichen Vater gefesselt in einem feuchten Kerker, hörte seine Ketten rasseln, hörte den Widerhall seiner wehen Seufzer an dieser grausen Stätte. Auch der Gedanke, daß man in Frankreich so häufig die Menschen vergiftete, quälte sie beständig, und die gräßlichsten Bilder tauchten vor ihren Augen auf. Solcherart wurde das Mägdelein unaufhörlich gefoltert und lebte in tödlicher Pein.

Ein unterdrückter Seufzer tönte vom Bette her. Schnell wischte Machteld die Tränen von ihren Wangen und eilte in banger Sorge zu dem Kranken. Sie goß den Trank in die silberne Schale, stützte mit der rechten Hand ein wenig Adolfs Haupt und brachte die Schale an seinen Mund.

Weit öffnete der Ritter die Augen und heftete sie voller Staunen auf das junge Mägdelein. Dankbarkeit sprach aus seinen matten Blicken, und ein unbeschreibliches Lächeln verklärte seine bleichen Züge.