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Der Mann im Mond / Oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme, nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond cover

Der Mann im Mond / Oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme, nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond

Chapter 22: DER TEE.
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About This Book

A provincial social narrative unfolds in two parts, beginning with a stormy ball that introduces a returned young woman whose transformation provokes admiration and a gamut of suitors; ensuing episodes trace courtship, jealousies, secret love, misunderstandings, duels, and reconciliations as characters negotiate honor, social manners, and fate. The plot interleaves comic and sentimental scenes—parades, private confessions, and dramatic confrontations—that culminate in healed relationships and marriage preparations. A final polemical sermon critiques contemporary literary taste and defends the tale's style, blending romantic irony with social satire throughout.

DER LANGE TAG.

Aber der Nachmittag war auch gar zu lange, die Stunden gingen so träge hin! Sie konnte sich ordentlich über sich selbst ärgern, daß sie schon heute früh das Teezeug gerüstet hatte; sie fing an zu arbeiten, zehnerlei nahm sie vor und legte es ebenso schnell zurück. Sie hatte ein Bukett von Phantasieblumen angefangen, sie hatte sonst mit Lust und Liebe daran gearbeitet, aber nein! Es war doch auch gar zu langweilig; erfunden war etwas bald, man malte seine Gedanken recht artig aufs Papier, aber bis man alle die Blätter und Blättchen zusammenband—zurückgelegt bis auf weiteres! Sie nähte so wunderhübsche Tapisserien; sie machte ihre Kreuzstiche so fein und gleich, als habe sie in den besten Fabriken gelernt, und alles ging ihr so schnell von der Hand, daß es eine Freude war. Ihre Freundinnen in der Residenz hatten sich immer Stücke von Paris und London kommen lassen; da waren die schönsten Girlanden von Rosen, Astern, alle möglichen Blumen und Farben; in der Mitte war leerer Raum gelassen, daß die Damen nach ihrem Belieben hinein nähen konnten, was sie immer wollten; natürlich stachen meistens die schönen Pariser Girlanden sonderbar ab gegen die Dessins der Residenzdamen; Ida hatte immer nur ihr leeres Stickstramin vorgenommen, hatte sich selbst mit geübter Hand Zeichnungen entworfen und war noch vor ihren Freundinnen fertig, die Idas Arbeit für Zauber, für nicht möglich gehalten hätten, wenn sie nicht unter ihren Augen entstanden und vollendet worden wäre. Sie hatte noch in der Residenz ein prachtvolles Fußkissen für Papa angefangen; sie nahm es jetzt auch wieder vor; aber sie konnte sich selbst nicht begreifen, wie sie früher so langweilige Arbeiten machen, Stich über Stich und immer wieder Stich um Stich machen konnte—zurückgelegt bis auf weiteres! Sie zeichnete mit schwarzer Kreide so fein, so gefällig für das Auge, daß sie der Stolz ihres Zeichenlehrers war; auch hier war ihre Geduld unermüdlich gewesen; wenn andere ihre Kopien kaum durchgezeichnet und, mit den ersten Schatten versehen, schon weggeworfen oder dem Zeichenmeister zur Vollendung auf einen Geburts- oder Namenstag übergeben hatten, so hatte Ida fortgemacht, und man sah allen ihren wunderlieblichen Bildern an, daß sie con amore ausgeführt waren; denn hatte sie einmal etwas angefangen, so mußte es auch vollendet werden. Sie hatte eine angefangene Madonna della sedia mitgebracht; sie öffnete jetzt die Mappe, breitete das Bild, das schon in seinen Umrissen viel versprach, vor sich aus, spitzte die Kreide, nahm sich vor, mit recht viel Geduld zu zeichnen, aber bald gab die Kreide keine Farbe, bald wurden die Striche zu dick und mußten verwischt werden; sie wurde von neuem gespitzt, aber—war die Spitze zu fein oder die Zeichnerin zu ungeduldig oder die Kreide zu grobkörnig?—alle Augenblicke brach sie unter dem Messer ab, und Finger bekam man so schwarz, daß sie kaum mehr rein gemacht werden konnten; sie entsetzte sich wie Lady Macbeth vor ihren eigenen Händchen, packte die Madonna schnell ein und legte sie ad acta. Sie setzte sich vor ihre Kommode, zog alle Schubfächer heraus, wühlte in Blonden und Bändern und besah sich Stück vor Stück, auch der Schmuck wurde hervorgezogen und gemustert; aber hatte sie dies alles nicht hundertmal gesehen und wiedergesehen? Schnell Schmuck, Bänder und Blonden in die Fächer und zugeschlossen! Alle diese Herrlichkeiten wollten das unruhige Herzchen nicht zerstreuen.

Endlich, endlich schlug es fünf Uhr, und sie konnte sich jetzt doch, ohne sich von ihrem Zöfchen auslachen zu lassen, zum Tee anziehen. Sie studierte jetzt recht ernsthaft, was sie wählen sollte; einen vollen Anzug oder ein Hausnegligé? In der Residenz hätte sie, ohne sich zu besinnen, das erstere gewählt. Dort fing ja der Tag eigentlich erst abends recht an, und zur zweiten Toilette konnte sie dort kein Negligé wählen; aber hier in Freilingen, wo Morgen Morgen, der Mittag Mittag, der Abend nur Abend war, hier schien ein Negligé für den Abend ganz am Platz, um so mehr, da die paar Fräulein, die sie geladen hatte, wahrscheinlich recht geputzt kommen würden. Sie wählte daher ein feines Hausnegligé, ein allerliebstes weißes Batistüberröckchen, das nach einem Muster, wie man es hierzulande noch nie gesehen hatte, gemacht war; und wie glücklich hatte sie gewählt! Das knappe, alle Formen hervorhebende Überröckchen zeigte den in jugendlicher Frische blühenden Körper; den Teint hob zwar keine Perle, kein Steinchen, aber er war so schneefrisch, so zart, so blendend weiß, daß er ja gar keines Schmuckes bedurfte. Aber das Haar wurde dafür so sorgfältig, so glänzend als möglich geordnet. Die seidenen Ringellöckchen schmiegten sich eng und zart um Schläfe und Stirne, die Pracht ihrer Haarkrone war so entzückend, daß sie sich selbst gestand, als sie beim Glanz der Kerzen in den Spiegel blickte, als sie ihre höher geröteten Wangen, ihr glänzendes Auge sah, mit Lust und heimlichem Lächeln sich gestand, heute ganz besonders gut auszusehen.

Und nun musterte sie noch einmal mit Kennerblicken den Teetisch. Der große Lüster verbreitete eine angenehme Helle über das ganze Zimmer. Die Sitze waren im Kreise gestellt; ihr Platz neben dem Sofa; neben ihr mußte der Graf sitzen; die silberne Teemaschine, den Hahn ihr zugekehrt, dampfte und sang lustige Weisen, die Tassen standen in voller Parade, die goldenen Löffelchen alle rechts gekehrt. Die Vasen mit Blumen von ihrer eigenen Arbeit nahmen sich gar nicht übel zwischen dem Backwerk und den Kristallflaschen mit Arrak und kaltem Punsch aus. Die kleineren Partien, als Zucker, geschlagener Rahm, kalte und warme Milch, Zitronen, waren in ihren silbernen Hüllen gefällig geordnet,—es fehlte nichts mehr als—weil es einmal in Freilingen Ton war, beim Tee zu arbeiten—eine geschickte Arbeit für sie; auch diese war bald gefunden, und kaum hatte sie einige Minuten in Erwartung gesessen, so fuhr ein Wagen vor.

"Wenn dies Marti—" doch nein, er konnte es nicht sein, die paar Schritte aus dem Goldenen Mond herüber machte er wohl ohne Wagen; die Flügeltüre rauschte auf—Fräulein von Sorben! "Wenn nur die andern auch bald kämen," dachte Ida, indem sie das Fräulein empfing; denn diese war nicht die angenehmste ihrer Freilinger Bekannten; sie war wenigstens acht Jahre älter als Ida, spielte aber doch immer noch das naive, lustige Mädchen von sechzehn Jahren, was bei ihrer stattlichen Korpulenz, die sich für eine junge Frau nicht übel geschickt hätte, schlecht paßte. Sie mußte übrigens von Präsidents mit Schonung und Achtung behandelt werden, weil sie einigermaßen mit ihr verwandt waren und ihr Oheim in der Residenz eine der wichtigsten Stellen bekleidete. Sie flog, als sie eingetreten war, Ida an den Hals, nannte sie Herzenscousinchen und gab ihr alle mögliche süße, verbrauchte Schmeichelnamen. Nachdem sie ihr Haar vor dem deckenhohen Spiegel ein wenig zurecht geordnet, die Falten des Kleides glattgestrichen hatte, fragte sie, wer heute abend mit Tee trinken werde. Kaum hatte Ida zögernd, als würde er dadurch entheiligt, den Namen Martiniz ausgesprochen, so machte sie einige mühselige Entrechats und küßte Ida die Hand: "Wie danke ich dir für deine Aufmerksamkeit, daß du mich zu ihm eingeladen hast! Du bemerktest gestern gewiß auch, wie er mich mit seinen schwarzen Kohlenaugen immer und ewig verfolgte? Und heute früh, ich hatte mich kaum frisieren lassen, war schon mein guter Graf zu Pferd vor meinem Haus, das macht sich herrlich, so ein kleiner Liebeshandel en passant. Lache mich nur nicht aus, Herzenscousinchen! Aber du weißt, junge Mädchen, wie wir, plaudern gern, und die andern nehmen es nicht so genau, wenn eine eine Eroberung gemacht hat."

Ida hatte zwar auch die Kohlenaugen leuchten sehen, aber nicht nach der alten, gelblichen Cousine; sie stand noch neben ihr vor dem Trumeau, sie warf einen Blick in das helle, klare Glas und überzeugte sich, daß Emil nicht nach der Cousine geschaut haben könne. Das "mein guter Graf" und das "wir jungen Mädchen" aus dem Munde der alten schnurrenden Hummel kam ihr so possierlich vor, daß sie, statt in Eifersucht zu geraten, des heitersten, fröhlichsten Humors wurde. "O du Glückliche," sagte sie boshaft, "wer auch so im Flug Eroberungen machen könnte!"—"Es gehört nichts dazu, mein Kind, als Routine, nichts als eine gewisse Gewandtheit, die man freilich so schnell nicht erlernt; die Gewohnheit, der Geist muß sie geben. Du bist hübsch, Cousinchen, du bist gut gewachsen, an Anstand, an schönen gesellschaftlichen Formen fehlt es dir auch nicht,—ehe drei Jährchen ins Land kommen, angelst du Grafen, als hättest du von Jugend auf gefischt."

Ida brach, weil sie das Lachen nicht mehr halten konnte, in lauten Jubel aus. "Das wäre schön, das wäre herrlich, Grafen fangen!" rief sie, nahm ihre naive Lehrerin unter dem Arm und flog mit ihr im rasenden Schnellwalzer um den Teetisch.

Von Anfang ließ sich die Sorben diese rasche Bewegung gefallen, obgleich ihr, da sie bei ungemeiner Korpulenz bis zum Ersticken geschnürt war, der Walzer nicht sehr behagte; aber sie wußte, wenn man nur erst aufhöre zu tanzen, so werde man gleich unter das alte Eisen gezählt, und gab sich also alle Mühe, leicht zu tanzen. Als aber das Teufelskind, dem der Schelm aus Augen, Mund und Wangen hervorsah, immer rasender walzte, immer rascher im Wirbel tollte, da stöhnte sie: "Ich kann nicht mehr—o—hö—re auf!" Aber Idchen riß sie noch einmal herum und ließ sie dann, weil sie das Geräusch der Kommenden hörte, atemlos und bis zum Tod gepreßt vor der Flügeltüre stehen, die in diesem Augenblicke von zwei Lakaien aufgerissen wurde.

* * * * *

DER TEE.

Martiniz und der Hofrat traten ein. War es Emils hoher, kräftiger Tannenwuchs, war es die ungezwungene Grazie seiner würdigen Haltung, war es das Geistvolle seines sprechenden Auges, war es der wehmütige Ernst, der auf diesem schönen Gesichte lag und ihm einen so unendlichen Liebreiz gab, waren die Träume der Ballnacht wieder aufgestiegen, um süße Erinnerungen zu flüstern?—Ida stand versteinert, als sie den Grafen erblickte. Ach, sie hätte viel darum gegeben, in diesem Augenblicke nicht die Hausfrau machen zu dürfen! Sie hätte ganz von ferne ihn betrachten und selig sein wollen. Hofrat Berner stellte ihn mit einem vielsagenden Blicke seiner Ida vor; aber diese hätte sich in diesem wichtigen Moment selbst Schläge geben mögen; so links, meinte sie, so albern hatte sie sich noch nie benommen. Was mußte er nur von ihr denken? War sie doch gerade aus der Residenz gekommen, wo ihre Erziehung nach allen Regeln vollendet worden war, hatte sich in allen Zirkeln, in den feinsten Salons ohne Ängstlichkeit bewegt, und hier stand sie errötend, mit niedergeschlagenen Augen—und stammelte recht kleinstädtisch "von der Ehre, die Seine Exzellenz ihrem Hause erzeige".

Aber bei dem feinfühlenden Manne, der schon früher ihren Anstand, ihre Würde, ihre Erhabenheit über jedes Verlegenwerden bewundert hatte, erhöhte gerade diese süße Verlegenheit den Wert des Mädchens. Mit unendlicher Gewandtheit wußte er sie aus der peinlichen Verlegenheit dieser ersten Minuten herauszuführen; in wenigen Augenblicken war sie wieder das frohe, unbefangen scheinende Mädchen wie früher und konnte die Albernheit ihrer Cousine beobachten. Diese war, als die Flügeltüre aufging, dagestanden wie Frau von Loth bei Sodom, als sie in Steinsalz verwandelt wurde, starr, steif, atemlos, nur die beiden ungeheuern Fleischmassen ihres aufgepreßten Busens arbeiteten, von dem rasenden Schnellwalzer in Aufruhr gebracht, noch immer fort. Als ihr Martiniz vorgestellt wurde, war sie noch nicht zu Atem gekommen; sie ließ also nur einen Liebesblick auf ihn hinüberspazieren und verneigte sich hin und wieder. Als sie aber wieder Atem geschöpft hatte, fing sie in ihrer naivsten Manier an zu kichern und erzählte, daß sie für ihr Leben gern tanze und daß es ihr und dem kleinen Herzenscousinchen unwiderstehlich in die Füße gekommen sei. Sie plapperte fort und fort, aber leider schien ihr nur der Hofrat zuzuhören; denn Martiniz, der neben Ida Platz genommen hatte, war mit dieser schon in so tiefem Gespräch, daß er auf das Geschnatter der Dicken nicht hören konnte. Sich so vernachlässigt zu sehen, konnte das fünfundzwanzigjährige Kind nicht dulden; sie erhob also ihre Stimme noch lauter und wurde sogar witzig; aber der Graf, dachte sie, nein, einen so verschämten Anbeter hatte sie noch nicht gehabt, nicht einmal die Augen wagte er zu ihr aufzuschlagen; aber der Graf, denken wir, wie konnte sie auch nur verlangen, daß er zu ihr aufsehe? Hatte er denn jetzt nicht gerade alle Augen nötig, um die unnachahmliche Grazie zu sehen, mit welcher das Engelskind Ida ihren Tee machte? Wie appetitlich sah es aus, wenn sie in die Tassen warmes Wasser strömen ließ, um sie in dem Gümpchen zu reinigen; wie allerliebst drehte sie den Hahn in der Maschine auf und zu, wie verbindlich wußte sie die Tasse zu reichen; ach, er hätte sich auch die Butterbrötchen, den Zucker, den Arrak und alle andren Bedürfnisse viel lieber von ihr reichen lassen als von den fünf reich galonierten Dienern, die solches umherboten! Mit welchen Augen hing er an ihr, an allen ihren Bewegungen! Und Ida hätte nicht das pfiffige Mädchen sein müssen, wenn sie nicht in diesem sprechenden Auge das Gefühl bemerkt hätte, das für sie in seiner Brust lebte.

Die Gesellschaft war nach und nach größer geworden; der Präsident hatte einige seiner jungen Assessoren und Räte mitgebracht, einige junge Damen von Idas Bekanntschaft hatten sich eingefunden, und die Freilinger mußten sich alle, mit Ausnahme der Sorben, die sich schrecklich ennuyierte, gestehen, daß sie selten einen so geselligen, interessanten Abend verlebt hatten. Es kam dies wohl daher, daß der Präsident, der Hofrat und Idchen alles aufboten, um ihren neuen Gast zu erheitern; dadurch werde das Gespräch allgemein und anziehend. Es ist eine alte Erfahrung, daß der allgemein anerkannte Wert des Geliebten ihn in den Augen seines Mädchens noch unendlich reizender macht, ihm noch eine erhabenere Stellung in ihrem Herzen gibt; so ging es auch Ida. Der Umfang des Wissens, den Martiniz im Gespräch mit den Männern an den Tag legte, seine interessanten Mitteilungen von seinem Vaterlande, von den vielen Reisen, die er gemacht hatte, seine feine Gewandtheit, womit er auch die Damen in das Gespräch zog, die verbindliche Artigkeit, womit er jeder zuhörte und ihr Urteil weiter auszuführen und unbemerkt so zu drehen wußte, daß es wie etwas Bedeutendes klang, sein glänzender, lebhafter Witz, den ihm das immer rascher fortrollende Gespräch entriß—dies alles gewann ihm die Achtung der Männer, riß die Herzen der Damen zu dem glänzenden Fremden hin.

Und Ida—sie war ganz weg! Seine Reden hatten allen, seine Feuerblicke nur ihr gegolten; ihr Herzchen pochte stolz und froh; wo die Sorben und die andern Freilingerinnen seinen kühnen Ideen nicht mehr folgen konnten, da fing für sie erst die rechte Straße an, sie plauderte, wie ihr das Rosenschnäbelchen gewachsen war, lachte, scherzte in Witz und Schwank, daß dem Präsidenten vor Freuden das Herz aufging, wie gebildet, wie gesellschaftlich sein Kind geworden war. Er nahm sich in seinem Entzücken vor, gleich morgen ein Belobungsschreiben an Madame La Truiaire zu schreiben, die ihm eine so glänzende Weltdame mit ungetrübter Unschuld und Natürlichkeit erzogen habe. Die gute Madame La Truiaire aber hatte dieses Wunder nicht bewirkt; zwar galt Ida von Sanden in den ersten Häusern der Residenz für eine sehr feine und anständig erzogene junge Dame; doch war sie dort ernst, zurückhaltend, so daß, wer sie nicht näher kannte, über ihren Geist wenig oder gar nicht urteilen konnte; nein, eine andere Lehrmeisterin, die reine Seligkeit der ersten erwiderten Liebe, hatte sie so freudig, so selig gemacht, hatte alle Pforten ihres tiefen Herzens aufgeschlossen und den Reichtum ihres Geistes ans Licht gelockt.

Der Hofrat war ein feiner Menschenkenner; von Anfang, als das Gespräch noch nicht recht fortwollte, hatte er alles getan, um es ins rechte Geleis zu bringen. Nachher aber hatte er sich zurückgezogen und nur beobachtet. Da entging ihm denn nicht, daß der Graf, je länger er mit dem süßen Zauberkind sprach, je tiefer er ihm in das geistvolle Veilchenauge sah, je mehr sich vor ihm diese zarte Mädchenhaftigkeit, dieser reiche Geist, diese hohe Herzensgüte entfaltete, immer mächtiger zu ihr hingezogen wurde; wie gestern, als er ihm von des Mädchens gebildetem Geist, seinen stillen Tugenden erzählte, so verschwand auch jetzt nach und nach die Wehmut aus seinen Zügen; eine rosige Laune, die diesem Gesicht unendlichen Reiz gab, ging an ihm auf; er konnte, was der Hofrat bei diesem Unglücklichen nicht für möglich gehalten hätte, sogar recht herzlich lachen; er konnte—Nein, der alte Mann war selbst verliebt in ihn, er sah ja vor Seligkeit und Liebe aus wie ein verklärter Cherub.

Kam übrigens der Graf dem Hofrat wie ein Cherub vor, so sah in ihm die Sorben den leibhaftigen Satan. Hatte sie sich doch alle erdenkliche Mühe gegeben, ihm ihre Neigung zu ihm zu zeigen. Hatte sie nicht die kleinen Kalmuckenaugen aufgerissen, daß ihr das Wasser daran aufstieg, nur um ihm das Feuer zu zeigen, das für ihn strahle? Hatte sie nicht alle naiven Künste aufgeboten, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Aber jetzt sah sie klar: die kleine, unzeitige Kokette, ihre Cousine, hatte ihr den herrlichen Mann weggeschnappt. Sie warf allen Haß auf diese; hatte sie sich doch vorhin so kindisch gestellt, als könnte sie nicht fünfe zählen. Sie selbst—o, sie hätte sich können auf den Mund schlagen für die Dummheit—ja, sie selbst hatte offenbar das Mädchen, das eigentlich noch ein Backfisch war, dazu aufgereizt, den Grafen zu fangen. Wäre sie mit ihrer Anleitung zur Routine zurückgeblieben, das Kind hätte nie daran gedacht, ihr Auge zu dem schönen Fremden zu erheben. So dachte die Sorben.

Ihr pomeranzenfarbiger Teint rötete sich vor Zorn, sich so hintangesetzt zu sehen; hatte ja doch, wenn sie recht darüber nachdachte, der Graf sogar ihrer gespottet, als sie glaubte, etwas recht Witziges gesagt zu haben. Es war davon die Rede gewesen, daß jetzt alles Fräulein heiße, was man sonst wohl auch schlechthin Mamsell genannt habe. Man sprach her und hin darüber, und um Ida einen Stich zu geben, die zwar von väterlicher Seite von altem Adel war, aber eine Bürgerliche zur Mutter gehabt hatte, warf sie die witzige Bemerkung ein: Die Fräulein kommen ihr gerade vor wie die Spitzen. Es heiße alles Spitzen, und doch sei ein so großer Unterschied zwischen den echten und unechten, daß jedes Kind die Feinheit der echten von den gröberen unterscheiden könne. Sie hatte triumphierend über ihr Bonmot im Kreise umhergesehen; die Antwort des Grafen machte sie aber stutzen. "Sie haben recht, gnädiges Fräulein," hatte er gesagt, "und die echten unterscheiden sich, wenn ich nicht irre, hie und da auch durch ihre Farbe von den unechten; wenigstens habe ich mir sagen lassen, daß die ganz echten gelblichbraun aussehen." Hatte er auf ihre bräunliche Haut anspielen wollen? Die Herren, und namentlich der Hofrat, hatten so höhnisch dabei ausgesehen. Das Betragen des Grafen, der sie über Ida gänzlich zu ignorieren schien, bestätigte die Meinung. Sie kochte Rache in ihrer Brust und schwur sich mit den fürchterlichsten Eiden, daß der Backfisch seine Eroberungen nicht weiter fortsetzen solle. Sie war auch die erste, welche aufstand, und weil es schon ziemlich spät war, folgten die übrigen. Nein, es war ihr unerträglich! An der Türe noch mußte sie mit ansehen, wie der Graf, welcher sich auch verabschiedete, mit seinen Blicken Ida beinahe verzehren wollte. Sie mußte hören, wie er versprach, recht oft herüberzukommen. Verachtungsvoll wandte sie ihrer Cousine, die ihre Freundinnen zum Abschied küßte, den Rücken, stürmte die Treppe hinab und setzte sich, mit der ganzen Welt zerfallen, in ihren Wagen.

"Herrlicher Mensch, der Martiniz," sagte der Präsident, als die Gesellschaft auseinander gegangen war, zu Ida und dem Hofrat, die noch bei ihm saßen; "scharmanter Mensch! Wie gewandt, wie fein! Schade nur, daß er sich nicht aufs diplomatische Fach gelegt hat! Wie er alles so artig zu geben weiß; wie er allem, auch dem Trivialsten, was unsere Damen sagten, mit einer Engelsgeduld zuhörte und gutmütig ein glänzendes Mäntelchen umhing, wenn sie etwas Dummes plapperten. Er wäre eine wahre Zierde des Landes, wenn er sich bei uns ankaufte. Die Gräfin Aarstein mag ich ihm auch ganz wohl gönnen, möchte übrigens wissen, wie weit er mit ihr steht—"

Ida, die dem Lob des Geliebten mit niedergeschlagenen Augen und fliegender Brust zugehört hatte, fühlte bei den letzten Worten nicht nur einen Stich ins Herz, sondern auch einen leisen Druck auf ihr Füßchen. Sie merkte gleich, woher dies kam, und begegnete dem listigen Auge des Hofrats, der ihr Trost zuwinkte und den alten Papa über seine Fehlschüsse auszulachen schien. Ja, es stieg reiner, süßer Trost in ihr auf. Zwar sie hatte schon von der hohen Verstellungsgabe der Männer gehört und gelesen; sie wußte das Sprichwort solcher Reisenden: "Ein ander Städtchen, ein ander Mädchen". Sie erinnerte sich an die üppigen Reize der Aarstein, an ihre Verführungskunst, die schon so manches junge unerfahrene Männerherz betörte, an ihre wichtigen Verbindungen mit dem Hof, an ihre eigene, nicht ganz streng stiftsfähige Geburt. Aber was wollte sie denn? Sie wollte ja gar nicht an das Glück denken, Hand in Hand mit diesem Manne durchs Leben zu gehen, sie wollte ja nur geliebt sein, und daß sie es war, sagte ihr scharfes Auge, ihr Herz, das jeden Ton der Liebe verstanden hatte. Aber konnte dieses alles nicht dennoch Verstellung sein? Wer sagte ihr, daß dieser fremde Mann sie nicht betr—

Nein, betrügen konnte dieses edle, reine Gesicht nicht, die Glut dieser Augen konnte nicht täuschen! Froh dieser Überzeugung, die sie während des Auskleidens gewann, hüpfte sie in ihr Schlafzimmer und machte dort vor dem Spiegel einen komischen Knix. "Habe die Ehre, mich zu empfehlen, Frau Exzellenz, Gräfin von Aarstein," sprach die Mutwillige, "hier steht eine junge Dame, die sich mit Ihnen in den Kampf um den schönen Polacken einlassen will, welchen Eure Exzellenz als Sattelpferd an Ihren Triumphwagen spannen möchten. Ich bin zwar weder so dick, noch so geschminkt als Sie; aber dennoch wagt es meine Wenigkeit, gegen Höchstdieselben zu streiten." Noch einen Knicks und dann Unterröckchen und Strümpfchen herunter und mit einem Satz in das weiche Bettchen! Dort streckte sie das Engelsköpfchen noch einmal aus der Decke hervor, warf ein Kußhändchen nach dem Goldenen Mond hinüber und flüsterte: "Gute Nacht, mein armer Emil, schlafe sanft und träume süß, träume auch ein ganz klein wenig von Ida!" Sie schloß selig die Augen und legte sich zurecht, wollte eben hinüberwandern in das unbekannte Land der Träume; da schüttelte sie ein jäher Schrecken wieder auf und jagte sie aus dem Bette.—

* * * * *

DAS STÄNDCHEN.

Dem Oberleutnant von Schulderoff hatte die Demonstration seiner gnädigen Frau Mama zu wohl gefallen, als daß er sich durch den ersten, ziemlich bedeutenden Durchfall, den er überall lieber als vor Präsidents Haus erlebt hätte, abschrecken ließ.

Im Gegenteil, wenn er recht darüber nachsann, so schien ihm die Sache eine glücklichere Wendung genommen zu haben, als er dachte. Schon oft hatte er ja von dem zarten Mitleiden der Mädchen gelesen, und daß aus Mitleid leicht Liebe werde, hatte er an sich selbst erfahren. Einer seiner Kameraden hatte einen Hund gehabt, eine prachtvolle englische Dogge. Dieser war der Fuß abgefahren worden, und,—wie es mit den Invaliden zu gehen pflegt,—der Herr Bruder wollte Diana dem Schinder geben. Schulderoff aber bat, von Mitleiden ergriffen, um ihr Leben, erhielt sie als Geschenk, und jetzt läuft sie auf allen Vieren so gut als zuvor. Ihr Herr aber liebt sie, wie man nur einen Hund lieben kann, und das alles aus Mitleiden! So konnte auch ihr Mitleiden bald in Liebe verwandelt werden. Daß sie aber Mitleiden fühle, war gar keine Frage. War sie nicht, als er die verdammte Mähre nicht mehr erreichen konnte, ganz bleich mit dem Kopf zum Fenster hinausgefahren, als wollte sie durch die Tafelscheiben brechen? Hatte sie nicht seinem Roß mit einem Jammerblick nachgesehen, der ihm deutlich sagte, daß sie den innigsten Anteil an seiner Fatalität nehme?

Der erste Coup war solchergestalt unglücklich und dennoch glücklich ausgefallen; der zweite sollte um so brillanter werden. Mama hatte auf Nr. 2 im Eroberungsplan die ungemeine Nachtmusik mit den Regimentstrompetern angegeben, sie hatte ihm noch einmal eingeprägt, wie er sich dabei zu gebärden habe, und endlich schritt man an das große Werk.

Schulderoff hatte einige Kameraden, denen auch Rollen von diesem neuen Don Juan zugeteilt worden waren, in ein Weinhaus geführt, wo sie sich gütlich taten, bis der entscheidende Moment kam. Je näher es aber an zwölf Uhr ging, desto besorgter sahen sich die Freunde an; denn Schulderoff hatte, sie wußten nicht wie, einen kapitalen Hips bekommen, daß er allerlei tolles Zeug untereinander vorbrachte. Aber die Kälte draußen konnte ihn schon zur Besinnung bringen; man brach also Schlag zwölf Uhr auf, rief die Regimentsmusik aus einem Bierhaus, wo sie sich versammelt hatte, und fort ging es vor des Präsidenten Haus. Da man voraussetzen konnte, daß Ida schon sanft entschlafen sei, so werde zum ersten Stück kein Adagio gewählt, sondern das rauschendste Fortissimo, das unter den Dragonern Tagwache oder Reveille genannt wurde, weil die achthundert Dragoner alle Morgen mit diesem Stück aus ihrem sanften Morgenschlummer trompetet wurden. Zu dieser Reveille setzten die zwanzig Trompeter ihre Hörner, Posaunen und Trompeten an, der Stabstrompeter oder—wie er sich lieber nennen ließ—Kapellmeister winkte, und in rauschendem Geschmetter, als wollten sie den jüngsten Tag anblasen, tönte die Reveille durch die stille Mitternacht zu dem einsamen Bettchen Idas und weckte sie aus süßen Träumen. Diese Art von Attention war ihr so ungewohnt, daß sie von Anfang glaubte, es brenne irgendwo im Städtchen; als sie aber nachher deutlich einige Walzer unterschied, so war kein Zweifel mehr, daß es eine Nachtmusik sei, die ihr gelte.

Es war kalt; sie hüllte sich fröstelnd wieder in ihre seidene Decke und dachte unter den lockenden Tönen nach, ob wohl Martiniz auf so unzarte Weise ihr eine Aufmerksamkeit erweisen wolle. Nein, der Unglückliche mußte ja der Zeit nach jetzt in der Kirche sein; und er, der sich in allem so zartfühlend, so sinnig bewies, er konnte nicht diese Trompeten zu Organen wählen, um seine Empfindungen auszudrücken; in Walzerchen und Polonaisechen, in diesem rauhtönenden Deideldum und Schnirkeldum konnte Emil seine Liebe nicht ausdrücken.

Jetzt schwieg die Musik; sie hörte Stimmen auf der Straße.

Die Offiziere hatten Schulderoff in den Schein einer Straßenlaterne an eine Mauer gelehnt. Verabredeterweise fingen sie nach dem dritten Walzer an: "Herr Bruder Schulderoff! Wo steckst du denn? Ich glaube, die Liebe hat den armen Kerl ganz voll gemacht."

"Ach, Kameraden, mir ist so weh, so weh!" stammelte der begeisterte Liebhaber, dem nur noch ein Teil seiner Rolle beifiel, und zwar gerade der Teil, welchen er in seiner jetzigen Lage mit großer Wahrheit spielte. "Blast, blast!" rief er dann und focht mit den Armen in der Luft. "Blast! O wären das die schwedischen Hörner und ging's von hier gerade ins Feld des Todes!"

"Wie der Herr Leutnant befehlen," antwortete der Stabstrompeter. "Frisch auf, Nr. 62, die Galoppade!" Und jetzt ging der Tanz von neuem los, daß alle Hunde in der Nachbarschaft laut wurden und die Nachbarn sich beklagten, daß man ihre Nachtruhe störe. Ida war kein Wörtchen des Gespräches entgangen, und sie schämte sich ordentlich, dem Herrn von Schulderoff, der ihr gerade nicht von der empfehlendsten Seite bekannt war, diese Musik zu verdanken. Es schlug ein Uhr, als die Künstler abzogen, und von Idas Augen war aller Schlaf gewichen. Sie warf sich hin und her; aber es wollte ihr nicht gelingen, den mohnbekränzten Gott, den Schulderoff so unzarterweise verscheucht hatte, zurückzurufen. Sie ging noch einmal die Bilder dieses Abends und der letzten Tage durch; durfte sie auch mit Recht hoffen, daß sie ihm nicht gleichgültig—

Der Ball? Es ist wahr, er hatte immer nach ihr gesehen; aber das bewies nur, daß auch sie immer nach ihm gesehen hatte; konnte ihm nicht ihr wiederholtes Hinsehen aufgefallen sein? Konnte er nicht deswegen so oft nach ihr gesehen haben?—Bei dem Souper, ja, da war er hinter ihr gestanden, hatte, als sie anstießen auf Liebe und Freude, tief geseufzt; aber durfte sie dies auch auf sich beziehen? Konnte ihn, der so unglücklich schien, nicht so manches seufzen machen?—Nachher bei dem Kotillon,—ja, er errötete, als sie ihn zum Tanz aufzog; aber etwa nur wegen ihr? Nicht, weil sie die einzige war, die es wagte, ihn aufzuziehen?—Heute abend, als er beim Tee neben ihr gesessen, da hatte er oft sonderbare Winke ihr zugeflüstert: einmal, als man ihn fragte, was ihm an der hiesigen Gegend so anziehend sei, hatte er ihre Hand unter dem Tische gefaßt, sie gedrückt und ihr zugeflüstert: "Ich weiß wohl, darf es aber nicht sagen." Was konnte er damit gemeint haben? Es war wohl bloße Galanterie gegen sie, als Dame des Hauses.

Schelmchen Ida wußte es wohl, was es war; aber sie belog sich selbst, um immer wieder aufs neue zu zweifeln und zu hoffen. Sie lächelte sich selbst aus über ihren Zweifel. "Nein, der Hofrat muß mir beichten," sagte sie zu sich und klopfte auf die seidene Decke, "der muß beichten; hat er doch so geheimnisvoll getan, als habe der Graf sein ganzes Herz gegen ihn ausgeschüttet; da will ich schon erfahren, ob er mich lie—"

Einige rasche, volle Griffe auf einer Gitarre unterbrachen ihr Selbstgespräch; sie setzte sich im Bettchen auf, sie lauschte; ein süßes, melancholisches Adagio wurde gespielt; Ida hatte selbst etwas Weniges klimpern gelernt, sie kannte hinlänglich die Schwierigkeit dieses Instruments, wenn es ohne Begleitung der Stimme oder eines andern Instruments die Gefühle in wohlgerundeten vollen Sätzen ausdrücken sollte; aber so hatte sie dieses Instrument nie spielen gehört. Es graute ihr vor diesen fließenden Läufen, wenn sie daran dachte, wie schwer sie seien, und diese vollen, runden Klänge, diese melodischen Klagen, die den ärmlichen sechs Saiten entlockt wurden! Wer konnte nur in Freilingen so hinreißend, so süß spielen? Sie huschte schnell in die Pantöffelchen, zog die seidene Mantille um und schlich sich ans Fenster; sollte Mart—

Ja, weiß Gott! Seine Zimmer waren noch hell erleuchtet, die Gardinen waren herabgelassen; aber deutlich konnte sie den Schatten eines an den Fenstern Auf- und Abwandelnden erspähen. Es war Martiniz; und jetzt gewann sein Spiel erst volle Bedeutung, jetzt verstand sie seine flüsternden Klagen, seine sehnenden Übergänge, die süße Melancholie seiner Moll-Akkorde. Er schwieg, er stand—sie sah deutlich seinen Schatten—er stand ihr gegenüber am Fenster. Ein bedeutungsvolles Vorspiel begann. "O, wenn er auch singen könnte, wie köstlich, wie wunderschön wäre es!" dachte Ida, hüllte sich tiefer in ihr Mäntelchen und setzte sich ans Fenster; ihr Herzchen pochte voll Erwartung.—Er sang; eine tiefe, volle, klare Männerstimme trug eines jener polnischen Nationallieder vor, wie sie schon mehrere gehört hatte und die jedes fühlende Herz durch ihre Innigkeit, durch ihre sanften Klagen so tief ansprechen; er sang,—sie verstand kein Silbchen von den polnischen Wörtern; aber dennoch faßte sie den Sinn so gut als irgend eine polnische Schöne; ach, es waren ja die Töne, die man auf der ganzen Erde versteht, die Klagen der Liebe, die sich nach dem geliebten Gegenstande sehnt, die um Erwiderung fleht, die ihren Schmerz in den flüsternden Tönen der Wehmut ausweint. Tränen stürzten dem liebenden Mädchen aus den Augen; sie schlich sich zurück zu ihrem einsamen Lager; Emils Töne begleiteten sie. Die geheimnisvolle Stille der Nacht, das rätselhafte Leiden des interessanten, unglücklichen Mannes, sein Liebe atmender Gesang, der ja ihr allein in der schweigenden Mitternacht galt, dies alles erfüllte sie mit einer nie gekannten Sehnsucht, es war ein unaussprechliches, aber süßes Gefühl der Wehmut und des Glückes; ja, sie war geliebt—diese liebewarmen Töne wisperten es ihr in die Seele—sie war geliebt, wahr und innig, wie auch sie liebte; sie preßte ihre weichen Händchen auf das lautpochende Herz, auf die entfesselte Brust, wo es siedete und brannte, als habe das dunkle Feuerauge des Geliebten das wallende Blut wie dürren Zunder angezündet. Verschämt, als könne er durch die finstere Nacht, durch ihre dichten Jalousien zu ihr herübersehen, verhüllte sie das pochende Herzchen, zog die Decke bis an den Mund herauf, preßte die Äuglein zu und flüsterte hinüber in die weichen Töne seiner Laute noch ein herzliches: "Schlaf wohl!"

* * * * *

DIE FREILINGER.

Die Leute in Freilingen sind wie überall; es vergingen keine acht Tage, so wußte jedes Kind, daß Präsidents Ida und der reiche Pole ein Paar seien. Die Freilinger ärgerten sich nur darüber, daß man ihnen Sand in die Augen streuen wolle; daß die beiden Leutchen einander vorher schon gekannt hatten, war am Tage; denn wie sollte Martiniz an gleichem Tage mit ihr ankommen, was sollte er überhaupt in dem obskuren Freilingen so lange tun, als weil er Ida liebte, die, Gott weiß durch was für Kunstgriffe, den Goldfisch in ihr Netzchen gelockt hatte? Papa-Präsident—nun, dem schwefelte man etwas Blaues vor, daß der Herr Graf doch mit Ehren ins Haus kommen konnte; was da beim Tee vorging, das wußte freilich jedermann, weil man hie und da so ein paar Respektspersonen dazu einlud; aber was vormittags im Zimmer, nachmittags im Garten, abends nach dem Tee vorging, das wußte niemand; beten werden sie nicht mit einander, sagten die Leute; da spricht man wohl immer von dem Hofrat Berner, der sei ja hinten und vorn dabei, daß ja nichts Unrechtes geschehen könne; aber man wußte ja von früher her, wie er dem Mädchen alle losen Streiche durch die Finger sah; jetzt wird es nicht viel anders sein, da sie größer ist. So urteilte die Welt; sie urteilte aber noch weiter: das Mädchen, die Ida, tut jetzt so jüngferlich und so zimperlich, als wäre sie in der Residenz eine Vestalin geworden, und vorher war sie wild, ausgelassen, trotzig; das müßte ja ein Gott sein, der aus einer solchen Hummel ein reputierliches Mädchen ziehen wollte. Aber in allen Instituten ist man seit neuerer Zeit viel pfiffiger geworden; da sagt man den Mädchen: Ihr könnt alles tun; aber haltet Maß und treibet es fein! Daher kommt es, daß jetzt lauter Tugendspiegel aus den Instituten kommen. Sonst kamen sie ein wenig affektiert, ein wenig frei nach französischem Schnitt und Ton; jetzt weiß man das ganz anders; sittsam, keusch, ehrbar, alles, was sie sein sollten, sind sie, da fehlt sich's nicht, vollkommen, wenn man es so von der Seite sieht. Kommt aber so ein Pole, so ein Graf Weißnichtwoher und Baron Nirgendan, so bewahrt man den Schein, und damit holla! So urteilten die Freilinger von dem edelsten, besten Mädchen, das in ihren Mauern war; so urteilten sie, und wie das Böse überall schneller um sich greift als das Gute, so wußte und glaubte schon nach acht Tagen die ganze Stadt, was ein paar Muhmen bei einer Tasse Kaffee ausgeheckt hatten. Auch über den harmlosen Martiniz erging das nämliche Gericht.

Leute wie die Freilinger können nichts weniger leiden, als wenn Menschen unter ihnen umherwandeln, von denen sie nicht alles vom A bis zum Z wissen, woher und wohin, was sie für Pläne haben usw. Kauft einer nicht ein Pferd oder ein Paar Ochsen oder ein paar Hufen Landes, so ist er ein unerträglicher Geheimniskrämer, der allein das Vorrecht haben wolle, daß die Leute nicht wissen sollen, was an ihm ist. Dieser Pole vollends versündigte sich auf die impertinenteste Art an Freilingen. Er schien kein Frauenzimmer zu bemerken als Ida; und doch gab es viele, die ihm ihre Aufmerksamkeit da und dort bezeigt hatten; er war reich, gab viel Geld aus, und doch konnte niemand sagen, was er denn eigentlich im Städtchen zu tun habe; schon sein ernstes, bleiches Gesicht war ihnen wie ein verschlossenes Buch, das sie gar zu gerne durchblättert hätten. Das ist ein Bruder Liederlich, sagten die einen, man sieht es ihm an der Farbe an, ein Mensch ohne ein Fünkchen Lebensart; sonst würde er wenigstens seine Tischnachbarn mit seinen näheren Verhältnissen bekannt machen, würde auch in andere anständige Zirkel kommen als nur zu Präsidents. So urteilten sie von Martiniz, zuckten die Achseln, wenn sie von ihm und seinem Verhältnis zu Ida sprachen; darin waren sie aber alle einverstanden, daß der Präsident von seinen Verhältnissen doch etwas wissen müsse; denn er lächelte so geheimnisvoll, wenn man ihn wegen des Fremden anbohrte.

Alt und jung kannte bald den fremden Grafen, und überall kursierte er unter dem Namen "der Mann im Mond"; denn sein geisterhaft bleiches Gesicht, sein Aufenthalt im Goldenen Mond hatte dem Volkswitz Anlaß zu diesem Spottnamen gegeben, und selbst Ida, als sie es erfuhr, nannte ihn nie anders als den "Mann im Mond".

* * * * *

FEINDLICHE MINEN.

Wie es übrigens zu gehen pflegt: die ärgsten Feinde Idas und des
Grafen ließen sich öffentlich am wenigsten über dies Verhältnis aus.
Frau von Schulderoff und Fräulein von Sorben fühlten sich bis zum Tod
beleidigt; aber sie hielten öffentlich an sich und schwiegen.

Beide hatten sich vorher wenig gesehen; denn sie waren etwas über den Fuß gespannt; der Leutnant Schulderoff hatte einmal einen ganzen Winter hindurch dem Fräulein die Cour gemacht; das Verhältnis hatte sich aber aufgelöst, man wußte nicht wie. Jetzt, da sie in einem Spital krank waren, jetzt näherten sie sich wieder, und obgleich das Fräulein in ihrem Herzen der Frau von Schulderoff schuld gab, sie habe den Sohn aus ihren Netzen gezogen, so vergaß sie doch einstweilen diese Kränkung, um diese neuere besser zu tragen oder zu rächen. Die Frauen sehen in solchen Sachen feiner und viel weiter als jeder Mann an ihrer Statt; so hatte die Sorben bald weggehabt, daß das Unglück des Leutnants vor dem Hause des Präsidenten, von dem die ganze Stadt sprach, wohl nicht so zufällig sei, als man es erzählte; sie hatte durch ihre Kundschafter bald weggehabt, daß die Nachtmusik, von den zwanzig Regimentstrompetern aufgeführt, nicht den Grafen, sondern Leutnant Schulderoff zum Urheber habe, der, wie die Juden die Mauern von Jericho, so die Steinwälle und Gußeisentore von Idas Herzen mit Zinken und Posaunen habe niederblasen wollen.

Dies alles fühlte sie recht gut und kalkulierte, was sie nicht wußte, so richtig zusammen, daß sie über den ganzen Roman des Herrn von Schulderoff Rechenschaft geben konnte. Die Mama des verunglückten Liebhabers, der seit der Nachtmusik nur noch spröder behandelt worden war,—mochte sie nun ahnen, daß die Sorben auch ein wenig verletzt sei, oder mochte sie nur einen gewissen Verwandtschaftsneid zwischen dem Fräulein und Ida voraussetzen,—sie besuchte von freien Stücken die Sorben, teilte ihr mit, was sie wußte, und ließ sich mitteilen, was das Fräulein im stillen erlauscht und erspäht hatte. Übrigens lebte auch sie in der festen Überzeugung, Martiniz und Ida haben sich schon lange gekannt und er sei ihr nach Freilingen nachgefolgt; denn von den nächtlichen Leiden des unglücklichen Grafen ahnte niemand auch nur ein Silbchen, so verschwiegen war der Küster des Münsters in dieser Sache.

Unbegreiflich war und blieb es übrigens sowohl der Frau von Schulderoff, als der Sorben, warum der Graf, der doch sein eigener Herr schien, nicht schon lange bei dem Präsidenten um Idas Hand gefreit habe; sie, die sich kein anderes Hindernis dachten, sie, die nur einen Grund sehen wollten, waren einig darüber, daß es dem Grafen entweder nicht recht ernst sei, oder daß es sonst irgendwo ein Häkchen haben müsse. So hatten beide Damen schon seit vielen Nachmittagen und Abenden, die sie bei Kaffee oder Tee miteinander zubrachten, kalkuliert, und immer schien es ihnen, sie haben noch nicht das Rechte getroffen; da traf es sich, daß ein Kammerherr, den Frau von Schulderoff kannte, durch Freilingen kam und der gnädigen Frau, bei welcher Fräulein Sorben gerade auf Kaffee war, während man umspannte, einen Besuch machte.

Wessen das Herz voll ist, des geht der Mund über. Der Kammerherr hatte kaum seine Tagesneuigkeiten vom Hof ausgepackt, als Frau von Schulderoff auch auf Ida und den Grafen kam und den Kammerherrn fragte, ob sie wohl schon in der Residenz liiert gewesen seien.

Der Kammerherr horchte hoch auf bei dem Namen des Grafen Martiniz. "Wie ist mir denn?" sagte er. "Ist das nicht der polnische Graf mit den drei Milliönchen, der unsere Gräfin Aarstein—Ja, wahrhaftig! Jetzt fällt es mir erst ein—in dieser Gegend, sagte man, werde er sich ankaufen, und darum ist er wohl hier. Nein, meine Gnädigen, mit Fräulein Ida von Sanden war der Pole in der Residenz nicht liiert; denn er war noch nie in der Residenz, wird aber dort jeden Tag erwartet; das Verhältnis, das er hier angeknüpft hat,—da können Sie sich auf Ehre darauf verlassen,—ist nur so en passant, weil er vielleicht nichts zu tun hat; nein, der ist nicht für die Sanden!"

Die beiden Damen warfen sich bedeutende Blicke zu, als sie diese Nachrichten hörten. "Sie sprachen vorhin von der Gräfin Aarstein," sagte die Schulderoff, "darf man fragen, wie diese—"

"Die Aarstein will ihn heiraten," warf der Kammerherr leicht hin, "sie hat es jetzt genug, die Witwe zu spielen; der Hof wünscht sie wieder vermählt zu sehen, und zwar soll es, weil der Fürst überdrüssig ist, ihre enormen Schulden zu bezahlen, etwas Reiches sein. Da kommt wie ein Engel vom Himmel dieser Pole ins Land, um sich hier anzukaufen; er ist von seinem Gesandten der Regierung aufs dringendste empfohlen; denn man macht hauptsächlich wegen seines Oheims, der Minister in ….schen Diensten ist, ein großes Wesen aus ihm; kaum hört die Aarstein von den drei Millionen und dem alten Oheim, der ihm einmal ebensoviel hinterläßt, so erklärt sie mit schwärmerischer Liebe—Sie kennen ihr liebevolles, ahnendes Herz—-: 'Diesen und keinen andern!' Man ist höheren Orts schon gewöhnt, ihrem Trotzköpfchen nachzugeben, und diesmal traf es ja überdies ganz herrlich mit allen Plänen zusammen; kurz, die Sache ist eingeleitet und, so viel ich weiß, schon so gut als richtig."

"Est-il possible, est-il croyable?" tönte es von dem Mund der erfreuten Damen; die Sorben aber traute doch nicht so ganz. "Ich kann Sie versichern," sagte sie zum Kammerherrn, "Fräulein von Sanden, die Sie aus der Residenz kennen müssen, ist sehr liiert mit dem Grafen, und ich fürchte, ich fürchte, die Gräfin kommt nicht zum Ziel!"

"Nicht zum Ziel?" lachte der Kammerherr. "Nicht zum Ziel? Das wäre doch kurios; man spricht ja in allen Cercles von dieser Verbindung; die Gräfin nimmt zwar noch keine Gratulationen an; aber ihr Lächeln, mit dem sie es ablehnt, ist so gut als Bestätigung; und wenn er auch nicht wollte, er muß sie heiraten; denn er kann doch nicht unsern Hof vor den Kopf stoßen. Was wird er aber nicht wollen? Bedenken Sie, die Gräfin ist so gut als anerkannt von unserem Hof, hat unleugbar mehr Gewicht als alle übrigen zusammen, ist schön, blühend, macht das beste Haus; er wäre ja ein Narr, wenn er nur den leisesten Gedanken hätte, sie auszuschlagen. Und Fräulein Ida? Nun, das soll mich doch wundernehmen, wenn die sich endlich einmal hat erweichen lassen. Unsere Herren in der Residenz knieten sich die Knie wund vor diesem Marmorengel, aber alles soll umsonst gewesen sein; zwar erzählte man sich allerlei von dem Rittmeister von Sporeneck; sie sollen aber gebrochen haben, weil sie seine Liaison mit der Aarstein erfuhr. Nun, Glück auf! Wenn der Graf die zahm gemacht hat, dann paßt er zu der Gräfin; und ich sehe nicht ein, was dieses Verhältnis schaden könnte; die Gräfin Aarstein wird als Gemahlin des Polen ihre Liebhaber nebenher auch nicht aufgeben. Doch was schwatze ich! Ihr Onkel, Fräulein von Sorben, kann Ihnen über diese Sache die beste Auskunft geben; denn ich müßte mich sehr irren, wenn er nicht die Hand dabei im Spiel hat." Der Reisewagen fuhr vor; der Kammerherr empfahl sich und ließ die beiden Damen in frohem Staunen und Verwunderung zurück.

"Arme Ida!" sagte die Sorben spöttisch. "So viel Routine hast du denn doch noch nicht, daß du Geschmack daran finden könntest, die Nebenbei des Grafen Martiniz zu spielen. Nein, wie das Dämchen, das also in der Residenz die Spröde so schön zu spielen wußte, aufschauen wird, wenn der gute Mann im Mond, den sie schon ganz sicher in Ketten und Banden hat, wenn der amoroso Bleichwangioso auf einmal morgens verschwunden ist, am nächsten Posttag aber ein Paket einläuft mit Karten, worauf Graf Martiniz mit seiner Gemahlin, verwitwete Gräfin von Aarstein, deutlich zu lesen ist."

"Nicht mit Gold ist sie zu bezahlen, diese Nachricht," bemerkte die
Schulderoff mit triumphierender Miene, "und um so mehr wird sie sich
ärgern, daß es die Gräfin Aarstein ist; denn diese hat ihr ja, wie
Sie hörten, auch den herzigen Jungen, den Sporeneck, abgespannt—"

"Sie kennen den Sporeneck, gnädige Frau?" fragte die Sorben, und ihr gelbliches Gesicht schien tief über etwas nachzusinnen.

"Wie meinen Sohn," versicherte jene; "wie oft war er aus Besuch bei uns in Schulderoff, als er in Garnison in Tranzow lag! Mich nimmt es nicht wunder, wenn er Ida kirre gemacht hat; denn wo lebt ein Mädchen, das er, wenn er es einmal auszeichnete, nicht für sich gewann!"

"Herrlich, das muß uns dienen," fuhr das Fräulein fort; sie setzte auseinander, daß ihr scheine, als habe der Graf doch etwas zu tief angebissen bei Präsidents und als wolle er vor der Hand nicht an die Gräfin denken; da wolle sie nun ihren Onkel, den geheimen Staatsrat von Sorben, gehörig präparieren, und sie stehe davor, daß der Graf die längste Zeit im Mond logiert haben werde. Am besten wäre es, wenn man die Aarstein selbst in Freilingen haben könnte; doch sei dies bei dieser Jahreszeit nicht wohl möglich; darum solle auch Frau von Schulderoff Schritte tun. Sporeneck werde ihr schon die Gefälligkeit erweisen, auf einige Tage hieherzukommen; seine Sache sei es, den Grafen recht eifersüchtig zu machen. Habe man diesen nur erst dahin, daß er nicht so ganz auf die Scheinheiligkeit Idas baue, so sei auch im übrigen bald geholfen.

Frau von Schulderoff umarmte die Rednerin stürmisch und ergänzte den Plan vollends—"und wenn der Graf aus dem Netz ist, wenn man dann fühlt, daß man sich doch ein wenig sehr prostituiert hat, dann ist auch mein Leutnant wieder gut genug; aber dann soll er mir sie auch nicht nehmen, die stolze Prinzessin, als bis der Herr Papa-Präsident mit seinen Friedrichsdors herausrückt und unsern Schulderoff wieder flott macht; um die zimpferliche Schwiegertochter bekümmere ich mich dann nicht so viel; die mag sehen, wie sie mit meinem Monsieur Tunichtgut auskommt."

Der Traktat, der noch einige geheime Artikel enthielt, war gemacht und beschworen. Schon nach zwei Stunden ging eine Depesche von Fräulein von Sorben an ihren Onkel in die Residenz ab, worin mit bewunderungswürdiger Klarheit dargetan war, wie die Tochter des Präsidenten einen jungen Polen in ihre Netze zu ziehen suche, daß man schon von einer Heirat zwischen beiden spreche, und daß sie nur bedaure, daß dadurch der Residenz ein glänzendes Haus entzogen werde; denn Ida scheine darauf zu bestehen, daß der polnische Graf sich in Freilingen niederlasse.

Der Brief, das wußte sie, konnte seine Wirkung nicht verfehlen. Wenn auch der Oheim-Geheime Rat nicht daran gedacht hätte, bei der eingeleiteten Heirat zwischen Martiniz und der Gräfin Aarstein seine Hand im Spiel zu haben, so hätte ihn doch der letzte Punkt des Briefes dazu vermocht, alles aufzubieten, um die Niederlassung des Grafen in Freilingen zu hintertreiben. Der Gedanke, daß ein großes Haus mehr in die Residenz kommen könnte, war begeisternd für ihn. Unter allen Sterblichen schätzte er die am höchsten, welche Häuser machten; darunter verstand er freilich nicht Zimmerleute oder Maurer, sondern die, welche ihm Schildkrötensuppen, fette Austern, feine Ragouts, gute fremde Weine vorsetzten, die, welche regelmäßig einmal in der Woche des Abends Türen und Tore öffneten, um frohe Gäste bei sich zu sehen, hohe Spiele arrangierten, köstliche Bälle zu geben wußten. Solche Häusermacher liebte der alte Sorben; denn er war ein altes Weltkind und ein feiner Schmecker aller Delizen, sie mochten tot oder lebendig, vier- oder zweifüßig sein, mochten dem Gaumen oder der Nase, dem Ohre, dem Auge oder dem Tastsinne schmeicheln—er war ein Kenner, und daher mußte es in seinen Wünschen liegen, ein Dreimillionen-Gräfchen in die Residenz zu bekommen.

So hatte ihn seine gewandte Nichte, ohne daß er es merkte, bei allen fünf Sinnen zumal nur durch ein paar kleine Worte gefaßt, und sie durfte überzeugt sein, er fange Feuer. Aus dem Freiherrlich Schulderoffschen Palais, das für jetzt, in Ermangelung eines bessern, nur aus einigen Mansardenstübchen bestand, lief ein Brief ab, der keinen geringeren Hagelslärm, kein schwächeres Hallo in die Residenz machen sollte als die zwanzig Trompeter letzthin, als sie die Reveille vor Idas Fenster bliesen. Er war an Se. Freiherrliche Gnaden, den Herrn Rittmeister von Sporeneck, bei Husaren Nr. 3, überschrieben und lautete wie folgt:

"Freilingen, 11. Dez. 1825. "Herr Bruder!

"In meiner Garnison dahier geht es eigentlich noch immer so ledern zu wie vordem. Das halbe Dutzend Reitpeitschen habe ich erhalten und sende hier den Betrag. Sie sind recht schwank und sehen flott genug aus. Den Säbel erwarte ich noch bestimmt vor Neujahr; vergiß nicht, daß der Korb, wie bei den badischen Dragonern, doppelt sei. Dahier hat sich vor kurzem auch etwas zugetragen, was Dir, Herr Bruder, vielleicht auch interessiert; die junge Sanden ist mit einem Galan hier angekommen, der ihr jetzt täglich und stündlich die Cour schneidet. Begreife übrigens nicht, wie sie dazu kommt, da man hier allgemein sagt, sie habe Dich sehr schnöde abgewiesen. Auf Ehre, Herr Bruder, es tut mir leid; aber ein Kerl wie Du, der seine vierundzwanzig Liebschaften des Monats hat, sollte nicht so von sich sprechen lassen. Solltest Du wegen dieser Affäre, was ich fürs beste hielte, selbst einige Wörtchen entweder mit dem neuen Courtisan, oder mit dem Fräulein selbst sprechen wollen, so steht Dir mein Logis zu Dienst. Der junge Herr ist ein Pole, Graf von Martiniz, soll schwer Geld haben und scheint meines Erachtens der angeführte Teil; denn sie hat ihn in der Kuppel, daß er weder links noch rechts kann. Lebe wohl, grüße alle Kameraden bei Nr. 1, 2 und 3 und verbleibe in Bruderliebe Dein "Franz von Schulderoff, Leutnant bei Königin-Dragoner."

Dies war das Schreiben, womit die Frau von Schulderoff den Rachegeist für Ida beschwor. Noch war des guten, unschuldigen Kindes Himmel rein und heiter; aber indem es in das reine Blau des Äthers hineinsah und sich dessen freute, zog Wolke um Wolke am Horizont auf und drohte ihr stilles Glück zu suchen und zu zerschmettern.

* * * * *

GEHEIME LIEBE.

Aber so gewiß die Freilinger alles zu wissen glaubten, so wußten sie doch nichts. Es ist eine eigene Sache um die Liebe, besonders um die erste. Es gehen so zwei Menschen neben einander hin, still vergnügt, still selig; sie sehen aus wie Kinder, denen etwas recht Hübsches träumt, und einem andern käme es grausam vor, sie aufzuwecken. Sie gehen neben einander hin, sprechen von den gleichgültigsten Dingen und denken an das, was ihr Herz erfüllt; sie wagen es nicht auszusprechen, und doch verstehen sie sich so gut durch die Augen; denn sie tragen den Schlüssel zu dieser Zeichensprache nebst Wörterbuch und Formenlehre in ihrem treuen Herzen. So war es auch bei Martiniz und Ida. Sie wußten, daß sie sich liebten; aber noch hatte der Graf nie deutlich darüber gesprochen, noch hatte ihm Ida keine Gelegenheit gegeben, sich zu erklären.

Der Hofrat Berner sah diesem allem halb freudig, halb unmutig zu. Er liebte die beiden guten Leutchen, als wären es seine eigenen Kinder; darum hätte er ihnen auch alles Gute und Liebe gegönnt, eben darum konnte er aber dieses verschämte Treiben nicht leiden. Er war so halb und halb des Grafen Vertrauter; denn dieser hatte ihm ja alle Tage von des Mädchens Schönheit, seinem Reichtum an stillen Tugenden vorgeschwatzt, hatte ihm gestanden, daß er glaube, Ida sei ihm gut; aber dabei blieb es auch, und Berner war zu zart, bei dem Grafen den Kuppler zu spielen. Auch Idas Vertrauter war er, er kannte ja ihr Herzchen beinahe, seit es schlug; er wußte jede Schattierung in ihren Lebenssternen zu deuten, er sah ganz deutlich den Schelm mit Pfeil und Bogen in ihren klaren Pupillen, und doch wollte auch sie nicht recht voran; doch konnte er es ihr, als einem Mädchen, weniger übel nehmen als ihm.

"Nein, wer mir je so etwas gesagt hätte," dachte er, "dem hätte ich mit Fug und Recht unter die Nase gelacht; ein polnischer Garde- Ulanen-Rittmeister, mit dem Rang eines Oberstleutnants in der Linie, und wagt nicht einmal, ein Mädchenherz, das ihm gewogen ist, anzugreifen." Er hätte mögen aus der Haut fahren, wenn er daran dachte, wie man zu seiner Zeit gelebt und geliebt habe und wie die Welt in den letzten Jahrzehnten sich so ändern konnte. Aber wie, wenn Martiniz aus Gewissenh—ja, das war nicht unmöglich, es konnte Gewissenhaftigkeit sein, daß er sich nicht erklärte; befand er sich, der unglückliche junge Mann, ja doch immer noch in demselben Zustande, wie er hier angekommen war.

Der Küster, der jetzt regelmäßig nachmittags sein Däpschen hatte, ohne daß seine Frau begreifen und ergründen konnte, wo er das Geld dazu herbringe, der Küster hatte dem Hofrat alle morgen referiert, wie es in der Nacht zuvor mit dem Grafen in der Kirche gegangen sei; er hörte zwar, daß er seit neuerer Zeit weniger stark wüte; daß er aber desto mehr weine und jammere. Es war ein eigenes Ding mit diesem Zustand; es war kein Zweifel, daß der Graf jede Nacht um dieselbe Stunde davon befallen werde, und doch sah man ihm den Tag über keine Spur von Wahnsinn an; nur seine zarte Blässe, das Wehmütige, das noch immer in seinem Wesen vorherrschte, konnte darauf hindeuten, daß er körperlich oder geistig angegriffen sei.

Seinen Entschluß, den alten Brktzwisl um die Krankheit seines Herrn zu fragen, hatte der Hofrat noch immer nicht ausführen können; je näher er den jungen Mann kennen lernte, je mehr Achtung er täglich vor seinem gediegenen Charakter, vor seinem ausgebreiteten Wissen bekam, desto unzarter schien es ihm, auf diesem Wege in seine Geheimnisse eindringen zu wollen.

Aber unablässig verfolgte ihn der Gedanke, daß er vielleicht, wenn er das Nähere über des Grafen Krankheit wüßte, helfen könnte. So saß er eines Morgens in seinem Zimmer, dem man die Junggesellenwirtschaft wohl ansah; der Küster hatte im Vorbeigehen zum Schnapshaus ein wenig bei ihm eingesprochen und erzählt, gestern nacht sei der fremde Herr so zahm gewesen wie ein Lamm, aber geweint habe er wieder, daß ein Töpfer die Hände darunter hätte waschen können. Er sann hin und her, wie man dem Geheimnis benommen könnte; da klopfte es bescheiden an der Tür, und der alte Brktzwisl trat zu ihm ins Zimmer.

Der Hofrat konnte den alten Diener wohl leiden; er schien so fest an seinem jungen Herrn zu hängen, schien so väterlich für ihn besorgt zu sein, daß man sah, er müsse ihn schon seit Kindesbeinen gekannt und gepflegt haben; recht erwünscht kam er daher gerade in diesem Augenblick, wo Berner so ganz mit Gedanken an seinen Herrn erfüllt war. Der Alte war anfangs ein wenig in Verlegenheit, was er sagen solle; denn daß er nicht aus Auftrag des Grafen komme, hatte Berner gleich weggehabt. Nachdem er sich in allen Ecken sorgfältig umgesehen hatte, ob nicht sonst wer im Zimmer sei, trat er näher.

"Mit Exküse, Herr Hofrat," sagte er, "nehmen Sie es einem alten Dienstboten, der es gut mit seiner Herrschaft meint, nicht ungnädig, wenn er ein Wörtchen im Vertrauen sprechen möchte!"

"Wenn es keine Klagen über deinen Herrn sind, so rede immerhin frisch von der Leber weg!" sagte Berner.

"Klagen! Jesus Maria, wie käme ich bei unserem jungen Herrn zu Klagen; habe ich ihn doch auf den Händen getragen, als er's Vaterunser noch nicht kannte, und ihm gedient bis auf den heutigen Tag, und er hat mir noch kein unschönes Wort gegeben, so wahr Gott lebt, Herr, und das sind jetzt fünfundzwanzig Jahre. Nein, aber sonst etwas hätte ich anzubringen, wenn es der Herr Hofrat nicht ungnädig nehmen wollen. Ich weiß, Sie sind meines Herrn bester Freund in hiesiger Stadt, ja, ich darf sagen, im ganzen Land hier, und mein Herr hat mir dies nicht nur zehnmal versichert, ich weiß auch vom Küster, daß Sie schon seit dem ersten Tag unseres Hierseins etwas wissen, das Sie keiner Seele wiedergesagt haben, was Ihnen Gott lohnen wolle—"

"Nun ja," unterbrach ihn der Hofrat, "und Du willst mir erzählen, wie Dein Herr in diesen unglücklichen Zustand kam, daß er alle Nacht von einer Art von Wahnsinn befallen wird, willst mich fragen, ob ich nicht etwa helfen könne?"

"Ja, das wollte ich," fuhr jener fort, "aber—eine Art von Wahnsinn nennen Sie das? Ich versichere Sie, es ist ein Wahnsinn von so echter Art, wie man sie nur im Tollhaus finden kann; aber ich will erzählen, wie er dazu kam."

* * * * *

EMILS KUMMER.

"Mein Herr war nicht von jeher so, wie Sie ihn jetzt sehen; jetzt ist er bleich, still, finster, spricht wenig und lacht nie, geht langsam seine Straße, und wenn er allein ist, so weint er. Ach! Sie hätten ihn sehen sollen, als noch die gnädige Frau Gräfin und die Fräulein Schwester lebten. Keinen frischeren, kräftigeren jungen Herrn gab es in ganz Polen nicht mehr; das sprang, ritt, tanzte, focht, liebte und lebte, lachte und tollte, wie man nur in der Jugend sein kann. Keinen schmuckeren Offizier habe ich mein Tage nicht gesehen, und es traten mir immer die Tränen in die Augen, wenn er wie ein Hauptmann aus den himmlischen Heerscharen an der Spitze seiner Schwadron zur Parade zog, wenn die Trompeter an unserem Hotel aufbliesen, die Ulanen ihre Fähnlein senkten und der junge Graf zu seiner Fräulein Schwester herauflächelte wie verklärt und seinen Tigerschimmel dazu tanzen ließ.

"Das ging nun so seinen guten Gang, bis der Teufel den Herrn Vetter Antonio nach Warschau führte. Das war ein Schwestersohn von der Frau Gräfin Exzellenz, ein schöner, schmucker Italiener mit braunroten Wangen, blitzenden Augen, und wenn er sprach, glaubte man, er singe. Der war eigentlich nur so weit herausgekommen aus seinem schönen Land, um die Familie seiner Frau Mutter zu besuchen; aber ehe man sich's versah, nahm er Dienste bei uns und blieb; denn er sagte, es gefalle ihm nirgends so wie in Polen; muß auch so gewesen sein; denn —wie sich nachher zeigte—er war zum Sterben verliebt in des Grafen Schwester, die junge Gräfin Crescenz. Im Hause hatte ihn jedermann lieb; absonderlich aber der junge Graf, mein Herr, war ihm mit übermenschlicher Freundschaft zugetan und tat ihm alles, was er ihm nur an den Augen absehen konnte.

"Das ging nun lange Zeit gut; kein Mensch merkte, daß Herr Baron Antonio die junge Gräfin liebte; denn diese hatte viele Liebhaber, welche großes Geräusch und Aufsehen machten; der Italiener aber trieb seine Sache im stillen und kam wohl bälder ans Ziel als die andern; denn er hatte, ich stand dabei, eines Tages einen schönen Brillantring am Finger, der auch mir bekannt vorkam. Plötzlich faßte Graf Emil seine Hand und fragte: 'Wo hast du den Ring her?' Er aber sagte lächelnd und ganz gelassen. 'Von deiner Schwester.' Nun wußte ich, was die Stunde geschlagen hatte; der Graf sah ihn mit einem sonderbaren Blick an, gab ihm die Hand und sprach: 'Ich habe nichts dagegen, nur sei ihr treu!' Es verging wieder ungefähr ein Vierteljahr, da kam mein Herr auf einmal nach Hause, wie ich ihn noch nie gesehen hatte; seine Augen rollten und blitzten schrecklich, zweimal schnallte er den Säbel um, und ebenso oft warf er ihn wieder hin. Ich fragte, was ihm wäre, er aber gab mir gar keine Antwort, was er sonst nie getan hatte. Ich habe nachher den ganzen Handel erfahren und darf ihn wohl erzählen. Der Graf war an jenem Nachmittag in ein Kaffeehaus gekommen; da kam ein Offizier zu ihm, nahm ihn auf die Seite, zeigte ihm einen Ring und fragte, ob er ihn wohl kenne. Der Graf besah ihn genau und erkannte, daß es derselbe Ring sei, den seine Schwester dem Marchese geschenkt. Er äußerte dies aber nicht gegen den Offizier, sondern fragte nur, woher er den Ring habe. Der Offizier sagte ihm, daß er diesen Ring an Personen gesehen habe, die dem Grafen Martiniz nahe angingen; er sei daher gekommen, um ihm freundschaftlich zu sagen, daß er diesen Ring auf eine Stunde von Madame Trizka entlehnt habe, die ihn vom Italiener, seinem Vetter, zum Präsent bekommen zu haben behaupte.

"Madame Trizka aber war die berüchtigte Kurtisane der Stadt und um Geld zu haben. Der Herr Graf fragte den Offizier auf sein Ehrenwort, ob alles sich so verhalte, und nahm ihn auf seine Versicherung sogleich zum Sekundanten an. Er schickte ihn mit dem Ring an seinen Vetter und ließ ihn fragen, ob die Trizka denselben von ihm bekommen habe. Der Italiener antwortete mit einem kalten einfachen Ja, das meinen Herrn nur noch wütender machte. Seiner Fräulein Schwester mochte er das Herzeleid nicht antun, ihr etwas von diesem Bubenstück zu sagen, und beschloß daher, den treulosen Vetter sobald als möglich aus der Welt zu schaffen.

"In einem Garten der Krakauer Vorstadt schossen sie sich gleich den Morgen darauf. Mein Herr wurde an der rechten Schulter leicht gestreift, er aber, der eine sichere Hand hatte und einen Rubel auf dreißig Schritte traf, schoß den Marchese durch die Brust, daß er keine Ader mehr zuckte. Man brachte beide in die Stadt und machte mit dem Italiener noch einige Versuche, ihn wieder zum Leben zu bringen, aber alles vergeblich. Es war zwar noch Leben in ihm; aber er lag ohne Besinnung, und die Ärzte gaben gar keine Hoffnung.

"Mein Herr, der den Herrn Vetter trotz seiner Schlechtigkeit dennoch beweinte, war so um ihn besorgt, daß er sogar nicht auf seine Rettung bedacht war, sondern sich an das Sterbebett des Vetters bringen ließ. Dieser lag immer ohne Besinnung und, wie es schien, ohne Rettung. Mein Herr saß bis tief in die Nacht bei ihm; am Ende gegen zwölf Uhr hin in der Nacht war niemand mehr zugegen als er, zwei Freunde, der Wundarzt und ich. Mit dem Schlag zwölf Uhr aber schlug der Italiener seine gräulichen dunkeln Augen auf. Er richtete sich in die Höhe und sah sich im Zimmer um.

"Uns alle wandelte ein Grauen an; denn man konnte glauben, er sei schon gestorben, so gestanden und gläsern war sein Blick. Endlich sah er meinen Herrn; wütend riß er seine blutigen Binden von der durchschossenen Brust, daß das Blut herausströmte. 'Maledetto diavolo!' brüllte er und warf dem Grafen die Binden an den Kopf, sank zurück auf die Kissen, und als wir hineilten, um ihn zu unterstützen, hatte er seinen wilden Geist schon aufgegeben.

"Mein Herr aber war bei dem schrecklichen Fluch des Toten in Ohnmacht gesunken. Er fiel in eine lange Krankheit, aus der er so unglücklich wiedererstand, wie Sie ihn jetzt sehen. Als er aber aus seinem Wahnsinnfieber, in welchem er drei Wochen gelegen, wieder aufwachte, da ging erst der Jammer von neuem an; denn während der Krankheit war er vollends ganz zur Waise geworden. Die junge Gräfin war ein paar Tage nach dem traurigen Vorfall plötzlich gestorben. Man sagt arge Sachen in Warschau von Gift und dergleichen, die aber ein alter Diener nicht glauben darf. Die Frau Gräfin Mutter, die immer gesiecht hatte, überlebte sie wenige Tage; dann trug man auch sie zu Grabe.

"Der junge Herr vernahm dies alles mit großer Fassung; als man ihm aber einen Brief seiner Schwester brachte, da kam er außer sich, so daß wir fürchteten, er komme wieder vom Verstand.

"Ich vermute, der Italiener war doch nicht so schuldig, als wir alle glaubten; denn der Graf ließ sich auf sein Grab führen, weinte dort lange und rief mit flehender Stimme in die Erde hinein um Vergebung. Als ich in der nächsten Nacht neben dem Zimmer des Herrn zum ersten Male seit langer Zeit ruhig schlief, weckte mich ein schreckliches Geschrei—es kam aus seinem Zimmer—ich eilte hinein, und sah ihn in Schrecken und Wahnsinn; denn er glaubte, der Italiener sei in seinem blutigen Hemde zu ihm gekommen, habe die Binden abgerissen, sie ihm an den Kopf geworfen und sein Maledetto diavolo dazu geschrien. Mit dem Schlag ein Uhr hörte auch sein Wahnsinn auf. Aber seitdem kehrte er jede Nacht wieder. Er bekam wegen des Duells Begnadigung, mußte aber auf einige Zeit sich außer Landes begeben.

"Diese Weisung kam erwünscht; denn die Ärzte rieten zur Zerstreuung durch eine Reise. Ach! wir fahren jetzt seit einem Jahr durch ganz Europa, und dennoch kehrt sein Zustand jede Nacht wieder. Ich glaube nicht an Gespenster, Herr; aber oft ist es mir doch auch, als habe mein Herr recht, und der selige Herr Antonio folge uns auf den Fersen. In Rom, wohin wir auf unserer Irrfahrt kamen, entwischte er mir in seinem Anfall und lief in eine Kirche; wie es nun sein mag, von da an behauptet er, der Spuk könne nicht zu ihm herein, wenn er am Altar sitze.

"Wer war froher als ich über dieses Auskunftsmittel! Aber auch nicht jede Kirche war ihm recht; bald ist sie zu groß, bald zu klein, wie es so mit kranken Leuten geht. Hier geht es nun unbegreiflich gut. Die Kirche behagt ihm wie beinahe keine, und seit acht oder zehn Tagen hat er gar nicht mehr gewütet, sondern nur geweint."

Der alte Diener hatte, oft unterbrochen von dem Hofrat, seine Erzählung beendigt. Berner konnte kaum seine Rührung zurückhalten. Es wollte ihm das Herz abdrücken, daß ein Mensch, so schön, mit allen Gaben des Glückes so reichlich versehen, mit einem Schlage in so namenloses Unglück stürzen sollte. Er war voll Eifer zu helfen; aber welchen Weg konnte man einschlagen, um dem Grafen seinen schrecklichen Wahn zu benehmen? Waren nicht gewiß alle Mittel schon versucht worden, ihn zu heilen? Er fragte den Alten, wozu er ihm behilflich sein könnte bei dieser Sache.

Der alte Brktzwisl lächelte geheimnisvoll vor sich hin und begann dann: "Wenn ich recht gesehen habe, so ist mein Herr auf dem besten Wege zur Heilung, und der Herr Hofrat können als Arzt dabei dienen. Vor allem muß ich um Verzeihung bitten, wenn ich etwa nicht recht gesehen hätte. Einem alten Diener, der nur für das Wohl seines Herrn besorgt ist, kann man ja schon etwas zu gut halten. Der Herr Onkel des Grafen, ein steinreicher Mann, der jetzt auch das Vermögen des Grafen verwaltet, hatte mich mit reichlichen Mitteln versehen, daß ich jeden berühmten Arzt um Rat fragen konnte. Überall, wohin wir kamen und uns auch nur zwei Tage aufhielten, befragte ich gleich die Ärzte; die einen wollten dies, die andern jenes, was man schon oft probiert hatte, die meisten aber rieten Reisen und Zerstreuung.

"In einer kleinen deutschen Stadt, wo ich gar keinen Arzt gesucht hätte, traf ich durch Zufall einen in unserm Wirtshaus. Es war ein kleiner alter Mann mit einem klugen Gesicht, das mir sogleich Vertrauen zu ihm einflößte. Er gab nicht gleich eine Antwort, sondern betrachtete den Kranken in seinem Zustand, aber von ihm ungesehen. Den andern Tag sagte er zu mir: 'Höre, Alter! Dein Herr ist unheilbar, wenn ihn nicht Liebe heilt, und zwar recht innige, warme Liebe zu einem Mädchen, das sie erwidert. Hat ihn erst einmal eine recht gefaßt, so ist es unzweifelhaft, daß sein Wahnsinn sich zerstreut und nach und nach vergeht.'

"Diese Nachricht war mir nun von Anfang ein Donnerschlag; denn ich wußte, wie wenig er sich aus den Frauenzimmern macht. Wenn er durch Liebe geheilt werden soll und durch nichts anderes, so ist er verloren, dachte ich. Denn wo soll er sich verlieben? Er ging an keinen Ort, wo schöne Mädchen waren, in keiner Stadt wollte er über einen oder zwei Tage bleiben. Kurz, dieser Rat brachte mich erst recht zur Verzweiflung. Aber dennoch schrieb ich es treulich dem alten Herrn Onkel.

"Diesem aber leuchtete das Ding ein. Er schrieb mir, er wolle seinem Neffen eine rechte gute Partie suchen, und wir sollen einstweilen hieher ins ——sche gehen.

"Hier in Freilingen geschah nun, was ich für meine Seele nicht für möglich gehalten hätte. Er blieb vor vierzehn Tagen bis nach elf Uhr auf dem Ball, daß ich ihn sogar abrufen mußte; nach der Kirche geht er wieder auf den Ball, was er in einem Jahre nie getan, und kommt ganz still selig nach Haus. Gleich den andern Morgen läßt er mich das Logis im Goldenen Mond auf vier Wochen bestellen; ich glaubte, mir solle Hören und Sehen vergehen; er merkte auch, daß ich mich so verwundere, und gab vor, daß ihm die Kirche so wohl gefallen habe. Aber wie ich aus unserem mittleren Zimmer einmal hinausschaue, werde ich in dem Haus drüben einen Engel gewahr, der so holdselig herüberlächelte, daß mir altem Kerl ganz warm ums Herz wurde. Da ging mir denn ein Licht auf! Schon aus der Herreise hatten wir dieses Fräulein gesehen; auf dem Ball war sie auch gewesen, und tagelang schaute jetzt mein Herr hinter dem Vorhang nach dem Fenster im Haus gegenüber.

"Und das ist niemand als die wunderschöne Fräulein Ida. Meinen Sie, mein Herr sei früher in Gesellschaft gegangen? Zu keiner Seele, obgleich ich für jede Stadt eine Handvoll Empfehlungsbriefe hatte; aber ich will die Tasse Tee mit Löffel und Stiel aufessen, die er seit einem Jahre in Gesellschaft getrunken hat, und seit er ins Haus hinüberkommt, geht er alle Abende, die Gott gibt, zum Tee hinüber.

"Seit der Zeit läßt aber auch sein Zustand mehr und mehr nach; er raset gar nicht mehr, er richtet sich nicht mehr auf, er bleibt ganz ruhig am Altar setzen und weint aber nur desto mehr. Ich hatte eine Freude, als ich dies bemerkte, daß ich dem alten Doktor auf der Stelle mein Hab und Gut geschenkt hätte; dem Engelsfräulein aber, das dies Wunder bewirkte, möchte ich, so oft ich es sehe, vor purer Freude zu Füßen fallen.

"Wenn es nun Gottes Wille wäre, daß das Fräulein meinen Herrn liebte, ach, da wäre ihm geholfen, so gewiß ich selig werden will! Und wenn sie nicht schon einen andern hat, der kann ihr ja doch gewiß recht sein. Lassen Sie ihn nur wieder einmal zu roten Wangen kommen, lassen Sie ihn nur ein wenig lächeln wie früher, lassen Sie ihn erst einmal wieder in die Uniform schlupfen statt des schwarzen Zeugs, das er anhat,—da muß er ja einem Mädel gefallen, und wenn sie einen Marbelstein in der Brust hätte statt eines Herzens. Über das Vermögen will ich gar nichts sagen; sehen Sie, da ist das herrlich eingerichtete Hotel in Warschau, da sind die Güter Ratitzka, Martinizow, da ist Flazizhof, da—"

"Laß gut sein, Alter," bat der Hofrat, "mit einem davon könnten wir samt und sonders zufrieden sein. Was deinen Herrn betrifft, so glaube ich selbst, daß er das Fräulein gerne sieht; wie das Fräulein über ihn denkt, weiß ich nicht so genau, doch kann sie ihn nicht übel leiden. Das Ding muß sich übrigens bald geben, glaube mir! Hat dein Herr das Fräulein recht von Herzen lieb, so soll er, merke wohl auf, so soll er es ihr sagen; ich meine, ich könnte dafür stehen, daß sie nicht Nein sagt."

Der alte Brktzwisl war außer sich vor Freude, als er dies hörte. "Nun, das muß wahr sein, wenn sich vernünftige Menschen miteinander besprechen, gibt es ein Stück; mein Herr soll dran, soll Hochzeit haben und wieder fröhlich sein, und der alte Brktzwisl will kuppeln, und all sein vierzigjähriges Dienen soll umsonst sein, wenn er nicht, ehe acht Tage ins Land kommen, den Herrn Grafen auf der rechten Fährte hat."

"Aber meinst du auch, du verdienst dir beim alten Onkel Dank, wenn du den Herrn Neveu verheiratest? Das Fräulein ist eigentlich doch keine rechte Partie für einen polnischen Grafen—"

"Wird ihm wohl an ein paar hunderttausend Taler mehr liegen als an der gesunden Vernunft seines Brudersohnes? Nein, der alte Graf ist ein räsonabler, nobler Herr, der nicht auf solche Sachen viel sieht. 'Mache mir meinen Emil gesund,' hat er zu mir gesagt, als wir abfuhren, 'bringe ihn vernünftig zurück à tout prix!' Da darf man ja wohl auch eine Heirat dazu rechnen! Und überdies bekümmern wir uns eigentlich nicht sehr viel um den alten Herrn; der junge Graf ist eigentlich sein eigener Herr, und der Onkel hat ihm nicht so viel zu gestatten oder zu verbieten. Doch besser bleibt besser, und daß der Alte mit Freuden seinen Segen gibt, dafür stehe ich! Ach, wenn er nur das liebe Engelskind selbst sehen könnte!" Dem alten Mann schien der Mund zu wässern; er bat den Hofrat noch einmal, recht zu sorgen, und ging.

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