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Der Moskauer Prozeß gegen die Sozialrevolutionäre 1922. Revolution und Konterrevolution cover

Der Moskauer Prozeß gegen die Sozialrevolutionäre 1922. Revolution und Konterrevolution

Chapter 2: Der Moskauer Prozeß gegen die Sozialrevolutionäre
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About This Book

The work examines a sequence of violent incidents and the subsequent Moscow trial of Social-Revolutionary figures, beginning with a murder discovered at a country dacha and unfolding amid civil unrest, foreign interventions, and shifting fronts. It reconstructs political assassinations, investigative discoveries of documents linking conspirators to external actors, and courtroom proceedings that expose organizational weaknesses within the Social-Revolutionary movement. Through reportage of speeches, arrests, and evidence, the narrative contrasts the factional, improvised character of the accused with the centralized, disciplined apparatus of their opponents, and traces how legal action, propaganda, and public opinion intersected during the contest between revolution and counterrevolution.

EINBANDENTWURF
GEORG SALTER
BERLIN

Copyright 1925 by Verlag Die Schmiede Berlin

An der Bahnlinie Moskau-Saratow liegt mitten im Kiefernwald die kleine Datsche eines reichen Kaufmannes; grün und blau schimmern die Holzwände durch den Sommermorgen eines furchtbaren Jahres; als der Streckenwächter früh vorüberkam, fiel ihm auf, daß Garten- und Haustür offenstanden; der Rasen war zertrampelt – der Mann in der hellen Russenbluse stutzte, ging scheu in den Garten, zögerte noch einen Augenblick, bevor er die Treppenstufen hinaufging – plötzlich stieß er einen Schrei aus, wandte sich um und lief davon – „Mord – Mord –“ brüllte er durch den Wald –

Nach einer Weile kehrte er mit einem jungen Sanitätssoldaten zurück, beide hielten den Revolver schußfertig in der Hand und gingen zögernd die Treppe hinauf, ihnen entgegen gähnte ein dunkler Flur – gerade vor der Öffnung lag ein dicker Mann im Nachthemd – mit starren, weit geöffneten Augen, blutigem, vertrocknetem Schaum vor dem schwarzen Mund – der Sanitäter bückte sich, entblößte eine zottige Brust, horchte, befühlte – erhob sich nach einer Weile, zuckte die Achseln: „Herzschlag –“ Der Wächter setzte scheu den Fuß über den Leichnam hinweg – eine Zimmertür stand offen – Spinde, Wandschrank schienen durchwühlt, auf der Erde lag ein Bankkontobuch; sämtliche Schubfächer des altertümlichen Vertikos waren erbrochen – Akten, Briefe aber unberührt – es schien den Tätern nur am baren Gelde gelegen zu sein.

Alle Nachforschungen nach den Tätern blieben erfolglos.

Das Reich war in Aufruhr und Menschenleben billig; seit vier Jahren wütete Krieg in der ganzen Welt, seit einem halben Jahr herrschten die Arbeiter und Bauern in Rußland – eben noch erstreckte sich ihre Macht auf die Weichbilder von Moskau und Petrograd, von der Wolga rückten tschechoslowakische Söldner unter Führung von Ententeoffizieren gegen Kasan und berannten die Stadt, in Kiew wehte die schwarz-weiß-rote Fahne, in Archangelsk landeten Amerikaner und Engländer, vom Ural, vom Dongebiet her breiteten sich Kosakenschwärme unter der Führung zaristischer Generale weit übers Land aus, Gutshöfe brannten, Bauern wurden von Offiziersbataillonen grausam zu Tode gemartert, in den Städten traute keiner dem andern – Einbrüche am hellen Tage waren keine Seltenheit, staatliche Ämter wurden mit Einverständnis der Beamten ausgeraubt, eben erst war ein vergeblicher Versuch in Moskau gemacht worden, den feuerfesten Schrank des Gouvernements-Ernährungskomitees zu sprengen, offenbar war den Tätern der Sauerstoff ausgegangen, das Schloß war zur Hälfte geschmolzen; einige Tage später drangen am hellen Tage fünf vermummte Männer in das Postgebäude an der Twerskaja, der belebtesten Straße Moskaus, ein, hatten die Eingangstür verriegelt, riefen den Beamten und Kunden „Hände hoch“ zu, schwangen Handgranaten, zückten Messer, hielten den Finger am Revolverhahn und plünderten die Kasse – entnahmen ihr über 100000 Rubel – entfernten sich dann, und ehe sich noch jemand vom Schreck erholt hatte und auf die Straße lief, waren die Banditen längst verschwunden.

Einige Tage später las man in der Presse der ganzen Welt: „Ausraubung eines Postamtes am hellen Tage in Moskau – Die Täter entkommen – Das russische Chaos – Nieder mit den Bolschewiki.“

 

In denselben Tagen finden in den Städten neue Sowjetwahlen statt. Die Wahlagitation ist im heftigsten Gange; in Petersburg herrscht ungestörte Pressefreiheit, einer der eifrigsten Agitatoren in den Fabriken ist der junge Wolodarski – eben 27 Jahre alt, gebürtig aus Wolhynien, seit frühster Jugend in der revolutionären Bewegung: der Vierzehnjährige arbeitet schon in illegalen Organisationen, der Siebzehnjährige sitzt bereits als „Politischer“ im Gefängnis – drei Jahre später verbannt ihn das zaristische Gericht nach Archangelsk, 1913 flieht er nach Amerika, bei Kriegsausbruch redigiert er mit Bucharin in New-York eine Zeitung „Neue Welt“ – immer führt er ein wahres Hundeleben, immer sind ihm Spitzel auf den Fersen, immer machen sich Provokateure an ihn heran, auch in den U. S. A. sieht er Kerkermauern – endlich wehen in Rußland rote Fahnen; einige Monate nach Kerenskis Aufstieg arbeitet Wolodarski schon in Petersburg, macht innerhalb kurzer Frist schwindelnd Karriere: eben noch Agitator des Peterhofer Bezirks, sitzt er nun schon im Petersburger Sowjet, kommt ins Exekutivkomitee, wird ein glühender, hinreißender Sprecher, alle Bezirke telephonieren:

„Schickt uns Wolodarski“ – „Schickt uns Wolodarski.“ –

Nach dem Oktoberumsturz wird Wolodarski Volkskommissar für Presse und Agitation. Im Frühjahr 1918 ist er Chefredakteur der „Roten Zeitung“. Im Juni finden die Wahlen statt – Wolodarski arbeitet an hervorragender Stelle – er ist es, der Pressefreiheit gibt – am nächsten Tage liest man in einer Petersburger Zeitung: „Es gibt im Smolny zwei besonders unangenehme Juden – Sinowjew und Wolodarski.“ Einen Tag später wird gewählt – Resultat:

Bolschewiki: 72.
Linke S.R.: 9.
Parteilose: 4.

Am Abend sprach Wolodarski in einer Versammlung der Eisenbahner der Nikolajew-Bahn, noch umtoste ihn der Beifall der proletarischen Masse, als er schon im Auto saß, um in eine Maschinenfabrik zu fahren und eine zweite Rede zu halten.

In der Farforstraße hält plötzlich sein Auto.

„Was ist los?“

„Kein Benzin.“

Wolodarski steigt aus, will einen Laden suchen – vielleicht kann man irgendwo etwas Benzin auftreiben – kaum ist er zehn Schritte gegangen, da eilt ihm ein Mann entgegen, Wolodarski beachtet ihn nicht, da ein Knall, ein Schlag gegen die Brust, er taumelt, fällt zu Boden – eben noch sieht er den Täter enteilen, über einen Zaun hinwegklettern – dann noch eine Detonation – ein Sausen und Wimmern durch die Lüfte – noch einige Revolverschüsse – schon kniet Grischa Sinowjew neben dem sterbenden Wolodarski.

Man bahrt den Leichnam im Taurischen Palais auf; das Proletariat von Petersburg defiliert am Sarg in langen, langen Zügen vorüber, alle Fabriken halten Meetings ab, geschlossen rücken die Belegschaften der großen Fabriken an, eine alte Arbeiterin küßt die bleiche Stirn des Toten, eine Arbeiterfrau führt ihr Kind an den Sarg: „Siehe – für dich ist er gestorben.“ –

 

Der Mörder ist entkommen, in den Zeitungen der sowjetfeindlichen Presse erscheinen beunruhigte Artikel, am Tage nach der Ermordung liest man befremdenderweise im Zentralorgan der Sozialrevolutionäre eine Erklärung:

„Das Petrograder Bureau des Zentralkomitees der Partei der Sozialrevolutionäre erklärt, daß keine Organisation der Partei zu der Ermordung des Kommissars für Pressewesen, Wolodarski, in irgend welcher Beziehung steht.“

Niemand hatte sie beschuldigt, niemand mit Fingern nach ihnen gezeigt, weshalb regen sie sich, weshalb wehren sie ab? Wundern sie sich, wenn zwei Tage später Sinowjew in einer Sitzung des Petrograder Sowjets ausruft: „Wir wissen nicht, wer der Mörder ist, doch es wäre wünschenswert, wenn von den Sozialrevolutionären am Begräbnis des Genossen Wolodarski niemand teilnehmen würde.“

Wundern sie sich? Sie schweigen.

Einige Wochen später fällt der alte Genosse Uritzki einem Attentat zum Opfer; als Täter kommt ein „Volkssozialist“ in Betracht. Indessen sind die Tschechoslowaken schon auf halbem Wege nach Nishni-Nowgorod, immer enger wird der furchtbare Ring, in Jaroslaw bricht ein grauenhafter Bürgerkrieg aus, die ganze Stadt ist nach fünf Tagen ein Trümmerhaufen, die Ermordung Mirbachs und Eichhorns versteift die Beziehungen zu Deutschland, man gelangt durch Zufall in den Besitz von Papieren, die unwiderleglich von einer engen Verbindung zwischen bürgerlichen Verbänden und der französischen Militärkommission zeugen, der französische Botschafter Noulens hatte in Wologda sein Archiv verloren – – dann versuchen die linken S.R. in Moskau zu putschen – die Herrlichkeit dauert einen knappen Tag – der Wirrwarr wird größer – die „Rote Garde“ ist schlecht bewaffnet, in Lumpen gekleidet, der Hunger quält in den Augen – an allen Fronten entbrennt der Kampf – innerhalb des Kreises züngeln die Flammen – und mitten in dieser verzweifelten Situation schießt eine kleine Jüdin einen Revolver ab – eines Abends in den ersten Septembertagen – die Schüsse treffen Wladimir Iljitsch Lenin. Das ganze Land ist erschüttert. Ein Stöhnen entringt sich der russischen Arbeiterschaft: Lenin schwer verwundet.

Diesmal kennt man kein Zögern mehr. Jetzt erst geht man zur Gegenwehr über. Noch in dieser Nacht verhaftet man 500 Offiziere, erschießt sie am frühen Morgen. Und die nächsten Septembertage erleben im ganzen Land, soweit die Macht der Bolschewiken reicht, Hausuntersuchungen, Verhaftungen, Verhöre – in den ersten Morgenstunden hört man immer Salven knattern – und einige Tage später zieht Trotzki in Kasan ein, treiben Budjenis „Rote Reiter“ die Tschechoslowaken und Kosaken vor sich her, langsam fällt die Weiße Flut, langsam drängt man Entente- und Zarengenerale über die Wolga und an die Gestade des Eismeeres zurück – wenige Wochen später bricht die kaiserliche deutsche Armee zusammen, die roten Fahnen wehen in Riga und Kiew. Langsam sieht Lenin seiner Genesung entgegen.

Und wer hatte auf ihn geschossen? Wer hatte in ihm das Land getroffen?

Fanny Kaplan – Mitglied der Sozialrevolutionären Partei.

 

Im Laufe der nächsten Jahre verdichten sich Anklagen und Beweise wider diese Partei; allmählich gelingt es, zahlreiche Führer zu verhaften, Gerüchte zu bestätigen, da erscheint im Herbst 1921 in Berlin eine russische Broschüre eines G. Ssemjonow, Die Partei der Sozial-Revolutionäre in den Jahren 1917-1918. (Ihre Kampftätigkeit und militärischen Aktionen.) Die Broschüre erregt in der gesamten Emigrantenpresse ein ungeheures Aufsehen; Auszüge erscheinen in deutschen Zeitungen, zwischen Emigrantenorganen entspinnen sich Pressefehden, Presseprozesse. In derselben Zeit wird bekannt, daß ein Prozeß gegen 34 Mitglieder der S.R. in Moskau stattfinden wird. Und was enthält jene staubaufwirbelnde Broschüre?

Ich Ssemjonow – ehemaliges Mitglied der S.R., Führer der Kampforganisation – habe Attentate, Sprengungen und Expropriationen vollführt – ich habe mit meinen Leuten das Postamt in der Kammerherrengasse am hellichten Tage ausgeplündert, ich bin mit Gefährten in die Datsche eines Kaufmannes eingebrochen, der vor Schreck tot zusammenbrach, als er uns sah, ich habe das Attentat auf Wolodarski inszeniert, ich habe Attentate auf Lenin und Trotzki vorbereitet, ich weiß von der Verbindung unserer Partei mit der Entente, Deutschland und bürgerlichen Organisationen. Existierten bloße Verbindungen? Von dort erhielten wir Gelder, Aufträge, Material, im Einverständnis mit der Entente, in ihrem Auftrag mordeten, plünderten, sprengten wir. Sämtliche Maßnahmen, die ich im Interesse der Partei ergriffen habe, erfolgten im Einverständnis mit dem Zentralkomitee unserer Partei; die hervorragendsten Männer gaben uns die Lizenz. Dabei herrschte innerhalb der Partei völlige Plan- und Kopflosigkeit; aus reiner Verzweiflung schien jedes Mittel recht – erst nach langer Haft kam mir zum Bewußtsein, von welchen haltlosen Menschen wir mißbraucht wurden, daß wir nicht im Interesse der arbeitenden Klasse handelten, sondern gegen ihre Interessen. – Alle Angaben Ssemjonows wurden einige Wochen später von einer gewissen Lydia Konoplewa bestätigt – ja sie verstärkte noch den Verdacht gegen das Z.K. der Partei, das seine Genehmigung zu sämtlichen Attentaten gegeben habe.

 

Der Verteidiger Murawiew unterhält sich mit den Angeklagten, Mitglieder der sozialrevolutionären Partei: Gotz, Hendelmann, Tatareew u. a.

Im Frühjahr hatte sich das Material gegen die verhafteten S.R. bereits so verdichtet, daß auf der Berliner Konferenz der II., II½. und III. Internationale die Vertreter der II. und II½. Internationale von der III. Internationale das Versprechen zu ertrotzen suchten, kein Todesurteil über die S.R. zu verhängen, die Zulassung ausländischer Verteidiger zu befürworten – man geriet in ernste Besorgnis; hatte man früher immer und immer wieder geschrien: weshalb laßt ihr diese Leute so lange in Untersuchungshaft sitzen – weshalb laßt ihr sie nicht frei – schlug man jetzt einen anderen Weg ein: man suchte zu verschleppen, zu bemänteln, verschwieg die Tatsachen, ging über die eigentlichen Anschuldigungen hinweg, vermied überhaupt sie zu erwähnen, klammerte sich an reine Formalitäten, und schrie und schrie und gab keine Antwort, wenn man fragte: „Und wie verhält es sich mit den Fakten“? –

Sonntagnachmittag im Juni 1922. Als das Flugzeug von Moskau eben auf dem großen Flugplatz in Kowno, den die deutsche Armee im Weltkrieg angelegt hatte, gelandet war, und die Passagiere der Kabine entstiegen, rief ihnen schon von weitem der deutsche Flugplatzführer der Derutra zu: „Rathenau ist ermordet“ – „Der Dollar 375.“ „Die Nationalisten“ – Der junge Schriftsteller konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Dollar, Mord und Nation – deutsche Atmosphäre.“ Und während man sich noch rings um ihn ernst unterhielt, ob der Dollar noch weiter fallen würde, dachte er: „Wird man die Täter ergreifen? Wird man ihnen den Prozeß machen? Wird man vor allem den Hintergrund enthüllen, die wahren treibenden Kräfte feststellen?“ Und er gedachte jenes seltsamen Prozesses, dem er soeben in Moskau beigewohnt hatte, er gedachte jener doppelt seltsamen Demonstration im Gerichtssaal, die am vierten Jahrestag der Ermordung Wolodarskis stattgefunden hatte. Und während das Flugzeug wieder startete und bald über Deutschland hinschwebte, vergegenwärtigte sich der junge Schriftsteller lebhaft noch einmal die Erlebnisse der vergangenen Woche, des 20. Juni.

Am vierten Jahrestag der Ermordung Wolodarskis zogen schon am frühen Morgen aus allen Bezirken die Arbeiter ins Innere der Stadt, um die Mittagsstunde füllten Hunderttausende den Roten Platz vor dem Kreml. An den Gräbern der gefallenen Revolutionäre zogen die Belegschaften aller Moskauer Betriebe vorüber. Und auf der Rednertribüne erschien ein großer blonder Mann – erschien der Vorsitzende des Obersten Tribunals Pjatakow und erklärte den demonstrierenden Arbeitern: „Das Urteil wird gerecht, wird erbarmungslos sein. Noch ist es nicht an der Zeit, es zu fällen.“

Und einen langen Sommertag über zogen die Massen russischer Arbeiter durch die Iberische Pforte hinab zum Swerdlowplatz, an einem barocken Säulenbau vorüber, jede Belegschaft hielt einen Augenblick an, und einer ihrer Sprecher rief nach jenem Hause Worte der Rache hinüber – die ganze Stadt dröhnte vom Schritte der Arbeiterbataillone, die ganze Stadt hallte vom Gesang der Internationale.

Und als der Abend hereinbrach, und die Massen sich langsam entfernt hatten, passierte der junge Schriftsteller die Postenketten des Prunkgebäudes, betrat die weiten unteren Räume des Hauses, in denen eine Kompagnie des Tschekaregimentes untergebracht war; breite Marmortreppen führten in den ersten Stock. Wieder forderten Soldaten in braunen Uniformen mit breiten roten Querstreifen auf der Brust den Ausweis, die Wände spiegelten ein reges Treiben, weithin erstreckten sich Wandelhallen, und in einem Seitenraum war eine Ausstellung von Bildern und Dokumenten – grauenhaften Urkunden der Scheußlichkeiten des Bürgerkrieges; da hingen die Proklamationen der Partei der S.R., die Aufrufe zum Sturz der Sowjets, da hingen Flugschriften und Proklamationen, Reden Awxentijews, Artikel Tschernows und unzählige Photographien – Photographien der Generale des Zaren, Photographien von Führern der S.R., Bilder gesprengter Brücken und Stationen, Photographien langer Reihen von Särgen und Massengräbern, Bilder der 26 Bolschewiken, die in Baku von den S.R. hingerichtet wurden, Photographien schauderhaft zugerichteter Leichen – und dann Bilder Wolodarskis, Uritzkis, Bilder vieler, vieler Kinder, vieler Waisen, deren Eltern Koltschak hinrichten ließ.

Und als der junge Schriftsteller erschüttert diese Kammer der Seufzer und Tränen, der Lügen und Heuchelei verließ, öffnete er eine kleine Tür und befand sich plötzlich in einem gewaltigen Saal – Säulenreihen zogen sich zur Linken und Rechten, mächtige Leuchter hingen von der hohen Decke herab – am anderen Ende des Saales saßen und standen auf einem Podium zahlreiche Männer und einige Frauen – zwischen mächtigen Säulen waren gewaltige rote Tücher gespannt, große Lettern verkündeten: „Das Proletariat ist der Schutzschild der Revolution.“

An einem Tische mitten auf dem Podium sitzen die Richter – und in ihrer Mitte sehen wir wieder Pjatakow. Rechts scharen sich hinter einer Sperre dicht hinter- und nebeneinander in zwei Gruppen getrennt 34 Angeklagte, vor ihnen sitzen an langen Tischen die Verteidiger; hart an der Rampe steht ein kleiner Tisch – vor ihm sitzt der Ankläger Krylenko – neben ihm ein langer Tisch, an dem drei andere Ankläger sitzen: Lunatscharski, der Historiker Pokrowski, die greise Klara Zetkin. Die Reihen der Angeklagten umspannt ein Kordon jener Soldaten in braunen Uniformen mit den breiten Litzen, sie tragen die spitzen Helme der Krieger Iwans des Schrecklichen, das Gewehr mit aufgepflanztem Seitengewehr bei Fuß. Zur Rechten öffnet sich eine breite Tür – herein tritt eine Deputation Moskauer Arbeiter – eine ältere Frau ist unter ihnen, sie durchschreiten den überfüllten Zuschauerraum, in dem wohl 2000 Menschen sitzen, und steigen langsam die Treppen zum Tribunal hinauf. Und unter tiefem Schweigen begannen die Arbeiter zu reden – junge und alte – leidenschaftlich brach es aus ihnen los – Anklagen und wieder Anklagen – Ein Arbeiter von Kasan erzählte erregt von den Grausamkeiten der S.R. in Kasan, es sprach jener Arbeiter, der die Fanny Kaplan nach ihrem Attentat auf Lenin festgenommen hatte, und ein langer, breiter Mann mit einer fürchterlichen Stimme erzählte noch einmal vom Eindruck, den der junge Wolodarski auf sie gemacht hatte; wie aus einem Krater brodelten Anklagen, Verwünschungen los – „Rache für Wolodarski“ schrie es durch den Raum – und die Männer hinter der Barriere saßen mit gesenkten Häuptern festgebannt da – ohne die Möglichkeit der Flucht, allen Blicken preisgegeben, gerichtet, geächtet, gestraft.

Niemals zuvor in der Weltgeschichte wird die Stimme der Masse so vernehmlich, so eindrucksvoll gesprochen haben wie in dieser Sommernacht zu Moskau im Prunksaale des ehemaligen Adelsklubs.

 

Zehn Tage währte nun schon dieser Prozeß. Am 10. Juni hatte er begonnen; einige Tage zuvor waren die ausländischen Verteidiger in Moskau eingetroffen, vor dem Bahnhof hatte sie die Arbeiterschaft mit Pfiffen begrüßt. Am Tage der Eröffnung hatte der Führer der II. Internationale, Vandervelde, vor dem Tribunal das Mißgeschick, als Justizminister S. Majestät des Königs der Belgier verhöhnt zu werden, weil er sich im Westlerdünkel erhaben fühlte über die Justizmethoden der Arbeiterrepublik.

Die 34 Angeklagten trennten sich in zwei Lager – zur Linken saßen 25 Männer und Frauen – die Offiziere der Partei:

Gotz, Abram Rafalowitsch
Donskoi, Dmitri Dmitrijewitsch
Gerstein, Lew Jakowlewitsch
Lichatsch, Michail Alexandrowitsch
Iwanow, Nikolai Nikolajewitsch
Ratner-Eljkind, Jewgenija Moisjewna
Rakow, Dmitrij Fedorowitsch
Fedorowitsch, Florian Florianowitsch
Wedenjapin, Michail Alexandrowitsch
Gendeljmann-Grabowski, Michail Jakowlewitsch
Morosow, Sergej Wladimirowitsch
Artemjew, Nikolai Iwanowitsch
Ratner, Grigoric Moisjewitsch
Timofejew, Jewgenij Michajlowitsch.

Gotz, Donskoi, Wedenjapin und Gendeljmann, Gerstein, Lichatsch, Iwanow, Ratner-Eljkind, Ratner, Fedorowitsch, Timofejew saßen seit 1917 im Zentralkomitee der Partei; Artemjew, Morosow und Ratner waren Mitglieder des Moskauer Bureaus des Zentralkomitees.

Diese 14 Personen werden angeklagt, ihre Partei so geleitet zu haben, um den Sturz der von der proletarischen Revolution eroberten Macht der Arbeiter- und Bauernräte herbeizuführen. Sie haben alle Mittel und Kräfte der Partei zu diesem Zwecke verwandt.

Man beschuldigt sie:

1. Der Vorbereitung bewaffneter Aufstände gegen die Sowjetmacht in Petrograd und Moskau. Bildung militärischer Stäbe und besonderer Kampforganisationen. Sie unterhielten Verbindung mit anderen konterrevolutionären Organisationen und nahmen ihre finanzielle Hilfe in Anspruch; gemeinsam mit ihnen organisierten sie technische Organe, Stäbe, Stadtkommandos für bewaffnete Aufstände.

2. Im Namen der Partei traten sie in Verbindung mit den Vertretern des internationalen Kapitals – mit den offiziellen Vertretern der kapitalistischen Ententestaaten zur Zeit, als diese sich im Kriegszustande mit der R.S.F.S.R. befanden. Sie halfen diesen Staaten das Gebiet der Sowjetrepublik besetzen, verschafften ihnen Nachrichten und informierten sie über die innere Lage des Landes. Sie nahmen die militärische, finanzielle und technische Hilfe dieser Staaten in Anspruch.

3. Verbindung mit weißgardischen Heeresleitungen, mit den Generalen Krasnow, Alexejew und Denikin, mit den in den Randgebieten der R.S.F.S.R. entstandenen bürgerlich-nationalistischen gegenrevolutionären Zentren, den sogenannten Regierungen der Ukraine, des Kuban und Dongebietes. Sie haben mit allen Mitteln unter dem Namen der „Regierung, der Mitglieder der Konstituante“ zur Befestigung der entstehenden gegenrevolutionären Zentren beigetragen, besonders in Samara, im Norden, in Ufa und Omsk. Sie halfen diesen gegenrevolutionären Zentren in ihrem bewaffneten Kampfe gegen die Sowjetregierung durch Hochverrat und Spionage.

4. Organisation von Kampfgruppen zwecks Verübung terroristischer Akte gegen die Funktionäre der Sowjetmacht Sprengung von Eisenbahngeleisen, Ausraubung von Sowjetinstitutionen. Sie leiteten die Tätigkeit dieser Gruppen. Und benutzten die auf diese Weise erlangten Mittel für die Fortsetzung ihrer gegenrevolutionären Arbeit.

Gegen einzelne Angeklagte wird noch besondere Anklage erhoben:

1. Gotz (Mitglied des Z.K.P.S.R.): Agitation unter den Truppen nach dem Oktoberumsturz, Aufforderung auf Meetings zum bewaffneten Widerstand, Vorbereitung und Leitung des Junkeraufstandes am 29. Oktober. Teilnahme an den Sitzungen der Militärkommissionen der bürgerlichen Verbände. Teilnahme an den Akten des individuellen Terrors.

2. Donskoi (Mitglied des Z.K.P.S.R.): Leiter der Militärkommission nach Auflösung der Konstituante; in konspirativer Verbindung mit den bürgerlichen Organisationen Filonenko und Iwanow, Teilnahme an Konferenzen mit Offizieren des Generals Alexejew, erteilte Genehmigung zu terroristischen Akten und war mit Anschlägen auf Lenin und Trotzki einverstanden. Er war der eigentliche Inspirator aller Unternehmungen Ssemjonows, er ermutigte zu Expropriationen und Sprengungen, er stellte die Verbindung zur französischen Militärmission her.

3. Iwanow: Aus eigener Initiative schlug Iwanow dem Z.K. terroristische Akte vor, rechtfertigte sie und erteilte Ssemjonow Aufträge.

4. Gerstein: Leiter der militärischen Propaganda, sanktionierte den Empfang der Gelder von bürgerlichen Organisationen, betätigte sich in der Ukraine, leitete Verhandlungen mit der französischen Mission.

5. Timofejew: unterhielt Verbindungen zur französischen Mission, entsandte Offiziere in die Wolgaprovinzen, war über die Tätigkeit der Terrorgruppen informiert und gab seine Einwilligung zu ihren Plänen.

6. Wedenjapin: war der Beauftragte des Z.K. der S.R. in Samara, stand in Verbindung mit den Tschechoslowaken, war über die terroristische Tätigkeit informiert, unterstützte Mitglieder der Terrorgruppen durch Geld.

7. Lichatsch: war bevollmächtigter Leiter der Militärabteilung des Z.K., nahm an gemeinsamen Sitzungen konterrevolutionärer Verbände teil, erhielt Gelder aus englischen Quellen, war Mitglied der „Nordregierung“ in Wologda und Archangelsk.

8. Morosow, 9. Artemjew: Konspirative Tätigkeit in Moskau. Vorbereiter des Aufstandes in der Wolgagegend.

10. Ratner-Elkind: Erhielt als Kassiererin des Z.K. der S.R. die aus Expropriationen stammenden Gelder von Ssemjonow und war über ihre Herkunft unterrichtet.

11. Ratner, Gregor: Mitglied der Militärgruppe. War unterrichtet über die terroristische Tätigkeit.

12. Rakow: Erhielt von Ssemjonow geraubte Gelder.

13. Fedorowitsch: Konspirative Tätigkeit, stand in Verbindung mit Savinkow.

14. Gendelmann: stand in Verbindung mit Ententekommissionen, war im Wolgagebiet aktiv, Teilnehmer der Ufakonferenz.

Gegen andere 20 Mitglieder der Partei der S.R. wurde weiter Anklage erhoben; als Mitglieder der P.S.R. hatten sie nach den Direktiven des Z.K. der S.R. konterrevolutionäre Aktionen vollführt, die auf den Sturz der Sowjetmacht hinzielten.

1. Agapow, Wladimir Wladimirowitsch: Mitglied einer Sprengkolonne, Verbindungsmann zwischen Donskoi und der Kolonne.

2. Altowski, Arkadi Iwanowitsch: Wegen Teilnahme an militärischen Organisationen und allgemeiner konspirativer Tätigkeit.

3. Utgoff-Deruschinski: Wegen Teilnahme an militärischen Organisationen und allgemeiner konspirativer Tätigkeit.

4. Liberow, Alexander Wassiljewitsch: Wegen Teilnahme an militärischen Organisationen und allgemeiner konspirativer Tätigkeit.

5. Slobin: Wegen Teilnahme an militärischen Organisationen und allgemeiner konspirativer Tätigkeit.

6. Gorkow-Dobroljubow: Wegen Teilnahme an militärischen Organisationen und allgemeiner konspirativer Tätigkeit.

7. Iwanowa-Iwanowa: Als Mitglied der Zentralen Kampforganisation, nahm an den Vorbereitungen eines Attentates auf Lenin teil, beobachtete Wolodarski und Trotzki, traf Vorbereitungen, um einen Zug in die Luft zu sprengen, in dem Trotzki fuhr.

8. Ssemjonow, Grigori Iwanowitsch: Organisator einer militärischen Spezialorganisation, deren Aufgabe in der Vorbereitung und Ausführung terroristischer Akte und Expropriationen bestand. Ihre Tätigkeit war vom Z.K. sanktioniert. Diese Organisation vollführte den Mord an Wolodarski, plante Attentate gegen Sinowjew und Uritzki, bereitete Attentate gegen Lenin und Trotzki vor. Sie bereitete ferner Expropriationen vor und führte sie aus.

9. Daschewski: Teilnehmer an Expropriationen und Vorbereitungen terroristischer Akte.

10. Konoplewa: Mitglied der Organisation Ssemjonow. Trieb Propaganda im Landheer und in der Marine. War an den Vorbereitungen von Attentaten beteiligt. Erbot sich, auf Lenin zu schießen und verständigte sich mit dem Z.K. Beteiligt an Expropriationen.

11. Jefimow: Mitglied der Terrorgruppe; Komplize der Konoplewa. Teilnehmer von Expropriationen.

12. Usow: War als Attentäter Lenins designiert; nahm an den Vorbereitungen der Attentate gegen Trotzki und Lenin teil; beteiligte sich an Expropriationen. Mitglied einer Sprengkolonne.

13. Fjedorow-Koslow: Am Attentat gegen Wolodarski beteiligt. Sollte auf Lenin schießen. Helfershelfer bei Expropriationen.

14. Subkow: Mitglied der Kampforganisation und Terrorgruppe, beteiligt an Vorbereitungen von Attentaten gegen Lenin und Trotzki. Helfershelfer bei Expropriationen.

15. Pelewin: Nahm an Vorbereitungen von Attentaten teil; beteiligte sich an Expropriationen; stand mit einem Kriminalverbrecher in Verbindung, dem er einen besonderen Apparat zur Schmelzung von Tresoren abkaufte, und der sich an der Expropriation im Landhaus an der Eisenbahn Moskau-Saratow beteiligte.

16. Ljwow: Mitglied der Kampforganisation; bei Expropriationen behilflich.

17. Moratschewski: Organisierte Gruppen, beherbergte den Mörder Wolodarskis.

18. Stawskaja: (Fanni Jefremowna) Mitglied der Kampforganisation; nahm an Vorbereitungen von terroristischen Akten teil, war im Wolgagebiet tätig.

19. Berg: Nahm an Vorbereitungen des bewaffneten Aufstandes teil.

20. Ignatiew: Mitglied des Z.K. der Partei der Volkssozialisten. War im „Verband zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution“. Unterhielt Verbindung zu bürgerlichen Organisationen, übermittelte Gelder, stand in Beziehung zu fremden Militärmissionen.

 

34 Männer und Frauen standen vor dem Obersten Revolutionstribunal, 34 Männer und Frauen verkörperten die leidenschaftlichen Anstrengungen, der Novemberrevolution den Garaus zu machen, ihre Wurzeln wieder auszureißen, vor keinem Mittel zurückzuschrecken, keine Verbindung zu scheuen, rastlos zu arbeiten, das durch Kriegswirren an den Rand des Abgrunds gebrachte Land nicht zur Ruhe kommen, vielmehr alle Künste spielen zu lassen, die eine jahrzehntelange Erfahrung in konspirativer Tätigkeit unter dem Zarismus gezüchtet, verfeinert hatte. Es gab kein Verbrechen, dessen sie nicht fähig waren, sie kannten keine Skrupel, dachten dabei nie an ihre eigene Person, sie setzten sich restlos ein und waren Meister ihres Faches geworden, Terror, Expropriationen, Sprengungen waren ihnen zur Kunst geworden, der Tod war ihr steter Gefährte, wie unsichtbar war bleiches Totengebein ihr ständiger Begleiter – es gab in dieser Partei längst eine Psychologie des politischen Mörders, es gab Analysen seiner Seelenstimmung; ehedem – nach der fünfer Revolution hatte Savinkow in seinen Büchern diese Stimmungen geschildert, er hatte das zwiespältige Wesen dieser Menschen geschildert, er hatte ihr Grauen, ihre seelische Nacht gemalt, ihre Fragen gestellt, ihre Unruhe, ihre Unrast in Worten festgehalten. Sie waren alle Romantiker, Abenteurer, längst losgerissen von jeden Beziehungen zur bürgerlichen Welt; die revolutionäre konspirative Tätigkeit war ihnen zum Selbstzweck geworden; die Konspiration war ihr Beruf, die Negation ihre einzige Antwort, die Ratlosigkeit ihr ständiges Grundgefühl. Die Sozialrevolutionäre waren die Erben der alten Narodniki: jener Männer und Frauen, die Turgenjew zuerst geschildert hat, deren Urtyp Bassarow war, den man heute ganz fälschlich immer zum Urbild Lenins macht. In der „Neuen Generation“ findet man eine solche echte Sozialrevolutionärin: konspirativ, längst verzichtend auf alle Geschenke des Lebens und jedes Wohlleben, immer gehetzt und immer im Zuge. Die Männer und Frauen, die Alexander II. hinrichteten, waren solche Narodniki – sie waren die Vorkämpfer der Revolution in den Jahren, als es in Rußland noch kein Industrieproletariat gab. Und es ist typisch, daß alle diese Narodniki Intellektuelle waren, dem Bürgertum entsprangen und in Fehde mit ihrer Klasse lebten. „Ins Volk gehen“ hieß jener Terminus, den man auch bei Turgenjew so oft findet. Ins dumpfe, unterdrückte Volk, das noch wie im Halbschlummer lag und wohl wußte, daß es ihm nicht gut ging, aber nicht wußte, wie es sich befreien sollte.

Gesamtansicht des Saales im Vereinshaus

Die Lehre vom „individuellen Terror“ war ein Fundament des Programms der S.R. geworden; sie konnte nur mit einer solchen unwiderstehlichen Macht in einer Partei um sich greifen, die früher nie mehr als eine Sekte sein wollte und sein konnte. Erst aus dem Zusammenschluß zahlreicher „Sekten“ hat sich 1900 jenes Gebilde der S.R.P. ergeben, die gar keine straffe Einheit darstellte, und deren eigentlichstes Rückgrat immer nur „Kampforganisationen“ gewesen sind, die mit unerhörter Kühnheit und seltenem Raffinement, mit grenzenloser Todesverachtung und fanatischem Enthusiasmus beinahe ein volles Jahrzehnt Attentat auf Attentat gegen die Vertreter des Zarismus verübten. Und fast alle diese Richter und Rächer des Volkes sind in den Tod gegangen. Sie ließen sich festnehmen, sie wurden zuweilen gefoltert, sie erlitten die grausamen Methoden einer ruchlosen Justiz, sie erlitten Schmähungen, manche erfuhren noch – mit dem Strick um den Hals – daß man nicht einmal unter diesem verrotteten Regime zu hängen verstand. Kibaltschisch wurde viermal gehängt, Kalajew zweimal ...

Ein seltsamer mystischer Zauber hat alle diese Menschen umfangen. Von Kalajew, dem Attentäter des Großfürsten Sergius, werden die Worte überliefert: „Ich will für meine Sache sterben“ – Worte, die schon ein Sektierer, ein Märtyrer im Rausch gesprochen haben könnte. Andere schritten unter dem Gesang ihrer Revolutionshymne zum Galgen, bevor sie in die ewige Nacht hinüberschwebten. Sie haben ihr eigenstes Ich bis in jene Sphären zu steigern vermocht, in denen längst die Stimme der Erkenntnis schwieg.

Sie hatten es immer mit dem „Ich“ zu tun. Sie sahen immer nur die Persönlichkeit, sie sind in Wahrheit Persönlichkeitsfanatiker gewesen, die letzten fernen Nachgeborenen der Renaissance.

Personen waren ihre Feinde. Personen sahen sie auf Rußlands Thron, in Rußlands Ämtern, auf Personen warfen sie die Bomben, Personen lauerten sie wochen-, oft monatelang auf – ach Wilhelm Tell – dieser Urtyp eines Sozialrevolutionärs, hatte es leicht hinter seinem Holunderstrauch.

Man kann hier schon fast von einer Systematik des politischen Mordes sprechen. Savinkow hat eine ganze Schule ausgebildet. Junge Menschen liefen zu Tschernow wie zu einem Heiligen, um sich von ihm theoretisch über die Berechtigung des individuellen Terrors unterweisen zu lassen.

Und so fruchtlos im Grunde alle diese Attentate gewesen sind, auf die große Masse hat diese Sekte von Frauen und Männern, die mit dem Tode vertrauter schienen als gewöhnlich, eine faszinierende Wirkung ausgeübt. Ein dunkel strahlender Schimmer von Romantik umgab diese Helden; er war stärker als das Dämmerlicht der engen Gelehrtenstube Lenins.

Aber die Geschichte hat es weniger mit Personen als mit Verhältnissen zu tun. Und auch der Tod ist nur eine individuelle Angelegenheit. Der vornehmste Unterschied zwischen den S.R. und den Bolschewiki ruht gerade in dieser verschiedenen Auffassung von Personen und Verhältnissen.

Als der Zar und die ganze alte Autokratie im Frühjahr 1917 gestürzt wurde, war es natürlich, daß die Bauern und auch zahlreiche Arbeiter in ungeheuren Scharen zur S.R. übergingen. Die S.R. wurden zur eigenen Überraschung eine Massenpartei, ihnen vertraute die unterdrückte Bauernschaft, für die nicht nur erst der Krieg grausame Folgen gehabt hatte – sie wollten ihr Land haben, sie wollten der Lasten ledig sein, mit denen sie der Grundbesitz beschwert hatte, sie wollten vor allem das Ende des aussichtslosen Krieges, der ihnen ihre Söhne raubte. Die „Provisorische Regierung“ Kerenskis setzte sich aus Vertretern der Großindustrie, des Großgrundbesitzes und der Kleinbürger zusammen. Sie war fest entschlossen, den Krieg an der Seite der Entente weiterzuführen, sie unterstrich jetzt den Charakter des Befreiungskrieges gegen den deutschen Imperialismus, aber sie gab bereits viele Forderungen des Zarismus preis: die Kuppel der Hagia Sophia entschwand in unsichtbare Fernen. Die Entente aber hat einen eisernen Druck auf die „Provisorische Regierung“ ausgeübt, weil sie die russische Hilfe gegen die Mittelmächte nicht zu entbehren glaubte, weil ihr das Geld leid tat, das sie für die Ausrüstung des russischen Heeres hergegeben hatte. Man brauchte Rußland. Und trieb es bis an den äußersten Abgrund. Die fremden Botschafter und Militärmissionen ließen alle ihre Künste spielen, die II. Internationale entsandte ihre Vertreter, um Kerenski an der Stange zu halten. Dabei mußte der russische Generalstabschef Gurko erklären, im Laufe des Jahres 1917 bedürfe das russische Heer unbedingt der Ruhe. Den fremden Botschaftern blieb die Lage weder in den Städten noch auf dem Lande verborgen. Die Bewegung gegen den Krieg wurde immer stärker. Die Julioffensive an der deutschen Front brach nach Teilerfolgen zusammen, noch wurde ein Aufstandsversuch der Bolschewiki mühsam abgewehrt, inzwischen wechselten die Minister; die Front geriet in Zersetzung, die Deutschen machten erfolgreiche Vorstöße, die Offensive der Alliierten im Westen kam trotz ungeheurer Opfer nicht vom Fleck. In den Städten wuchs die Not. Die Bauern sahen bald, daß der Sturz des Zarismus an ihrer Lage nichts geändert hatte; die S.R. Minister gaben eitle Versprechungen und waren völlig ohnmächtig, setzten nichts in ihren Ressorts durch; überall herrschte Sabotage und offene Brüskierung. Tschernow ging. Und Kerenski redete.

Eine Weile schien sogar eine Militärdiktatur zu drohen, der General Kornilow marschierte gegen Petrograd, um „Ordnung“ zu schaffen – Kerenski schien mit ihm zu verhandeln, ja sogar mit ihm im Einvernehmen zu stehen – die Arbeiter von Petrograd haben Kornilow davongejagt. Und dann brach plötzlich das ganze Gebäude kläglich zusammen, als die Partei der Bolschewiki geschlossen und entschlossen vorstieß, den alten Staatsapparat völlig zertrümmerte, den Bauern das Land gab, der Armee den Frieden, den Arbeitern die ökonomische Freiheit und die Herrschaft.

Die Bolschewiki schufen die Einheit Rußlands. Arbeiter, Soldaten, Bauern – die werktätigen Schichten wurden zusammengeschlossen. Die Bolschewiki vermochten ihren sämtlichen Forderungen zu genügen.

Gegen sie standen die Fremden – die Fremden aller Art: die Klasse der Großindustriellen und Großgrundbesitzer, die ohne Privilegien nicht mehr zu leben vermochten, die fremden Botschafter und Militärmissionen, die Parteiführer, die seit dem März 1917 Rußland regiert und Rußland nicht verstanden hatten; nun war ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen, sie verloren nicht nur alle materiellen Grundlagen, sie verloren vor allem auch die Bindung mit der Gesamtheit der Nation, sie waren nicht mehr Rußland. Sie waren Außenseiter einer Gesellschaft geworden, die nach neuen ökonomischen Gesetzen ihr Dasein zu formen bestrebt war.

Mitten in das Chaos des Krieges verkündeten die Bolschewiki ihre Kriegslosung gegen das Kapital. Sie verließen die Schützengräben der Nation und warfen die Schützengräben zwischen den Klassen auf. Die S.R. aber zögerten nicht einen Augenblick und harrten in den Schützengräben der Nation aus, obschon einer der ihren – Tschernow – Teilnehmer der Zimmerwalder Konferenz gewesen war.

 

In den Verhandlungen gaben die Angeklagten zu, den Kampf mit allen Mitteln gegen die Bolschewiki geführt zu haben, und unumwunden rief Timofejew aus: „Wir werden nie aufhören, euch zu bekämpfen, wir stehen zu unseren Taten.“

So erweiterte sich das Tribunal über den Gerichtshof hinaus, so vollendete sich in diesem Saale das Schicksal der russischen Revolution. Der Prozeß war der dramatisch bewegte Schlußakt des Bürgerkrieges in Rußland. Über zwei Monate zogen sich die Redeschlachten hin, die Angeklagten genossen vollste Redefreiheit, manche ergingen sich in stundenlangen Ausführungen, nie wurde einem Redner das Wort entzogen, zuweilen kam es zu Beifallsäußerungen im Saale, die der Vorsitzende ruhig aber bestimmt rügte. Die gewandtesten Sprecher Rußlands lieferten sich Gefechte. Nie wurden Ankläger oder Vorsitzende im Ton kleinlich und gehässig; nirgends hat man in einem bürgerlichen Staate erlebt, daß Angeklagte so menschlich, so unpersönlich behandelt wurden. Die S.R. haben diesen Prozeß selbst verlangt, sie fürchteten sich nicht vor dem Ende an der Mauer; als die ausländischen Verteidiger ihnen im Gefängnis eröffneten, daß man Garantien besitze, die Todesstrafe würde nicht verhängt werden, lächelten sie – darauf komme es nicht an, viel mehr liege ihnen daran, sprechen zu dürfen. Da ihre Partei zerschlagen, ihre Presse verboten war, bot sich jetzt die einzige Möglichkeit, noch einmal für die alten demokratischen Ideen, für das Ideal der Volksgemeinschaft zu werben – in aller Öffentlichkeit.

Die Bolschewiki haben diesen Prozeß in aller Öffentlichkeit geführt vor dem Angesicht Europas, um die S.R. in ihrer Stellung zur arbeitenden Klasse zu entlarven. Sie luden den greisen Anatole France nach Moskau ein, sie brauchten seine Skepsis nicht zu scheuen. Anatole France ist nicht gekommen.

Damals begannen die Wellen der Revolution zu verebben, der Faszismus blühte in Deutschland, die Möglichkeit der Weltrevolution rückte in die Ferne, die Wirtschaftspolitik Rußlands mußte jene neue Richtung erfahren, die unter dem Namen NEP bekannt geworden ist. Der Staat war bemüht, unter allen Umständen den Wirtschaftsapparat fest in der Hand zu behalten, der Privatwirtschaft und dem Auslandskapital nur die notwendigsten Zugeständnisse zu machen. So kam es darauf an, diesen Unterschied zwischen dem Staatssozialismus der Bolschewiki und dem Wirtschaftsanarchismus der S.R. zu unterstreichen. Und jede Anklage gegen die S.R. bedeutete zugleich eine Verteidigung des eigenen Systems. Hatten die S.R. mit ihren Methoden die Arbeiter und Bauern zugunsten der Besitzenden preisgegeben, so versuchten die Bolschewiki alle Konzessionen nur im Interesse der Arbeiter und Bauern zu machen. Zentralisation hier, und Dezentralisation dort. Den Arbeitern der Welt sollte gezeigt werden, wie sich die S.R. so völlig im Gegensatz zu den Bolschewiki den imperialistischen Mächten angeboten hatten. Die unüberbrückbaren Gegensätze zwischen Bourgeoisie und Proletariat sollten aufgezeigt werden, und überall bemühte man sich, den Charakter der S.R. zu enthüllen, die einen Volksstaat, aber keinen proletarischen Staat zu errichten gedachten. Der Prozeß war eine in der Weltgeschichte unerhörte Demonstration aggressiven Charakters gegen die Parteien der Erde, die versuchten, Gegensätze zu überbrücken, statt zu verschärfen. Der Beweis sollte erbracht werden, daß die S.R. Außenseiter der neuen Gesellschaftsordnung waren. Und so läßt sich bei der Eröffnung internationaler Perspektiven das Erscheinen deutscher und belgischer Advokaten vor dem Tribunal erklären: Vandervelde, Liebknecht, Wauters, Rosenfeld. Man empfing sie höhnisch beim Betreten des sowjetrussischen Gebietes, Moskauer Arbeiter pfiffen sie bei ihrer Ankunft aus, und im großen Demonstrationszug sah man die Karikaturen dieser Männer, die als Politiker aus einer verlorenen Sache eine Sache der Märtyrer zu machen gedachten und davonliefen, als man ihnen nicht zugestehen wollte, daß ihre Stenogramme offiziellen Charakter trügen. Vandervelde offenbarte sein völliges Mißverständnis für die proletarische Struktur des russischen Staates, als er die belgische Justiz rühmte – höhnisch rief man ihm, dem „Proletarierführer“, zu: Minister Seiner Majestät. War er nicht noch im Kriege sogar als Beauftragter dieses Königs erschienen, um dem Zaren seine Reverenz zu machen und auf russische Arbeiterführer im Sinne des „Durchhaltens“ einzuwirken? Der Name „Liebknecht“ hatte unter den russischen Arbeitern besonderen Klang, in jeder Stadt geht man heute durch eine „Karl-Liebknecht-Straße“ – nun erschien der Bruder des ermordeten Karl, um Männer zu verteidigen, die angeklagt waren, auf Lenin, Trotzki, Sinowjew Attentate geplant, Wolodarski ermordet zu haben! Die Masse des russischen Proletariats war in ihrem tiefsten Innern aufgewühlt – sie fühlte sich selbst zum Richter über Männer berufen, die ihre eigensten Interessen gefährdet hatten. So waren Angeklagten- und Verteidigerbänke nicht mehr zu trennen, Verteidiger wurden zu Angeklagten. Sie konnten nicht anders entrinnen als durch Einsprüche gegen formale Verletzungen, endlich durch die Flucht.

 

Die erste Gruppe der Angeklagten hat in diesen Monaten kein eigentliches Geständnis gemacht; ihre Taktik lief stets darauf hinaus, durch den Angriff die Anklagen zu parieren, dabei verwickelten sie sich ständig in Widersprüche; ihre Lage war um so gefährdeter, da die Werkzeuge der Methoden ihrer Politik sich gegen sie wandten. Sie gaben zu, den Junkeraufstand organisiert und Truppen in Marsch von Gatschina gegen Petrograd gesetzt zu haben, sie konnten nicht leugnen, mit den Militärmissionen in Verbindung gestanden zu haben, sie vermochten natürlich nicht ihre Teilnahme an der Konstituante von Samara zu bestreiten. Ihre ganze Haltung gegen die Sowjets versuchten sie ja gerade durch ihr Festhalten an der Konstituante, an den parlamentarischen Regierungsformen zu erklären; damit wurde das ganze Problem „Demokratie“ und „Diktatur“ aufgeworfen; alle ihre Schritte begründeten sie mit diesem Kampf für die Konstituante, jenes Parlament, das nur einen einzigen Tag zusammentreten durfte, in dem die S.R. die Mehrheit hatten, deren Präsident Tschernow gewesen war. Die Wahlen zur Konstituante waren monatelang verzögert worden; die „Provisorische Regierung“ ist eigentlich nur eine Art Direktorium gewesen; niemand wünschte den Zusammentritt des Parlamentes, das die Schwierigkeiten nur noch erhöhen konnte. Erst als die Sowjets die Macht an sich gerissen hatten, versuchten die S.R. ihre Konstituante auszuspielen, zu ihrem Schutz bewaffnete Demonstrationen zu veranstalten. Aber Zeugen, Mitglieder der S.R., bekundeten, daß sich niemand fand, der für die Konstituante sein Leben eingesetzt hatte, die militärischen Organisationen versagten völlig – und in der späten Abendstunde des 5. Januar 1918 genügte die Aufforderung eines einzigen Mannes, eines Matrosen: die Konstituante wurde aufgelöst – „Alle Macht den Räten“ – den unmittelbar aus den Betrieben hervorgegangenen Deputierten.

Der II. Rätekongreß hatte bereits drei Tage nach der Machtergreifung durch die bolschewistische Partei die neue Regierung bestätigt; man war sich des rein proletarischen Charakters dieser Regierung bewußt, vor allem aber ihrer radikalen Einstellung gegen die Bourgeoisie in allen ihren Schattierungen. Die S.R.P. befand sich in völliger Auflösung und Verwirrung; ihre Führer versuchten sich sofort einiger Regimenter zu versichern; aber Gotz wurde ausgelacht, Tschernow hatte den Kopf verloren, Kerenski zog sich um und verschwand bei Nacht und Nebel. In dieser verzweifelten Lage knüpfte Gotz sofort Verbindungen mit bürgerlichen Organisationen an, aber vergebens brachte man bewaffnete Organisationen zusammen, – es existierten nur noch Stäbe ohne Soldaten. In Petrograd schlugen sich die Junker tapfer zwei Tage lang – Gotz leugnet nicht, als Mitglied eines Militärstabes gemeinsam mit bürgerlichen Elementen diese Revolte der jungen Bourgeoisie organisiert zu haben. Er muß zugeben, daß auf der Seite der Junker keine Arbeiter gekämpft haben; für das Tribunal war diese Gemeinschaft der Führer der S.R. mit Vertretern der Bourgeoisie von entscheidender Bedeutung. Und mit derselben Genugtuung wurde festgestellt, daß sich an den Umzügen für die Konstituante in der Mehrheit Damen und Herren, aber fast keine Arbeiter beteiligt hatten.

Damals saßen noch in Rußland die Botschafter und Militärmissionen der Entente, denen über Nacht die Aufgabe erwuchs, die Interessen jener Kapitalisten wahrzunehmen, die große Kapitalien in der russischen Industrie angelegt hatten. Der Sturz der Kerenskiregierung hatte die Entente eines Bundesgenossen beraubt, der zwar nicht mehr imstande schien, der deutschen Front einen entscheidenden Schlag zu versetzen, aber mindestens zahlreiche Kräfte zu fesseln vermochte, die eine Offensive der Deutschen im Westen unmöglich machten. Die Botschafter hatten bereits längst den Zusammenbruch Rußlands vorausgesehen; die Entente war ferner unzweifelhaft nicht imstande, Rußland mit Kriegsmaterial so ausreichend zu versorgen, um weiter als ernstlicher Gegner Deutschlands in Betracht zu kommen. Es mußte der Entente nach dem Zusammenbruch der russischen Front vor allem daran gelegen sein, vor der sozialen Revolution zu retten, was nur irgend möglich war. Paléologue hat bereits seit dem Kriegsausbruch argwöhnisch die Arbeiterbewegung beobachtet und verzweifelt die Mißerfolge der Kerenskiregierung verfolgt. Ungeheure Kapitalien waren in der russischen Industrie fundiert. Die Nationalisierung der Betriebe war vor allem ein Schlag gegen das ausländische Kapital. Notwendig mußte sich bei solcher Lage ein enges Bündnis zwischen allen besitzenden Schichten und den Ententevertretern ergeben. Und die Demokratie, die das Eigentum unbedingt anerkannte und die Freiheit des Individuums postulierte, mußte die Staatsform sein, zu der sich diese Koalition bekannte. In den S.R. sah man dank ihres moralischen Einflusses auf breite Massen die geeigneten Männer, einer solchen Politik Dienste zu leisten.

 

Am achten Verhandlungstage erschien vor dem Obersten Tribunal ein merkwürdiger, schwarzgekleideter Mann mit hagerem, hartem Gesichtsausdruck, dunklen, unbeweglichen, unerbittlichen Augen; seine Sprache verriet französischen Akzent, seine Aussagen erfolgten mit großer Bestimmtheit und Energie. Der Mann erinnerte eher an einen strengen Asketen einer mittelalterlichen Sekte, er hatte etwas Mönchisches in seiner kalten Unnahbarkeit und Geschlossenheit.

Es war der ehemalige Offizier der französischen Republik – Pierre Pascal, der vor dem Tribunal die Beziehungen zwischen den Ententevertretern und der sozialrevolutionären Partei schilderte.

Pascal war an der Westfront verwundet worden, da er nicht mehr felddiensttauglich war, wurde er der französischen Militärmission in Rußland überwiesen. Beim Ausbruch der Oktoberrevolution sympathisierte Pascal mit den Bolschewiki; als die Militärmission Rußland verlassen mußte, blieb Pascal zurück und arbeitete für die russische kommunistische Partei. Er war ein Kamerad jenes Hauptmanns Sadoul, der im Frühjahr 1925 vom Kriegsgericht zu Orleans wegen Hochverrat freigesprochen wurde.

In seinen Aussagen erklärte Pascal:

„Als Angestellter der französischen Mission hatte ich verschiedene Arbeiten zu verrichten. Eine Zeit lang wurde ich mit der Dechiffrierung und mit der Redaktion der für die Kommandanten der Mission, die Generäle Lavergne und Niessel bestimmten Berichte betraut. Die französische militärische Mission unterhielt ständig enge Verbindung mit den S.R. Das Ziel der Tätigkeit der französischen Mission in der Periode vom Oktoberumsturz bis zum Brest-Litowsker Frieden war, Rußland zu zerlegen und zu schwächen.

Zum Zwecke der politischen Schwächung teilten die Verbündeten Rußland in Einflußsphären. Frankreich wurde der Süden zugeteilt, die Krim und ein Teil des Kaukasus inbegriffen. Der andere Teil des Kaukasus kam in die englische Einflußsphäre. Repräsentant des Einflusses in der südlichen, Frankreich zugeteilten Sphäre war General Berthelot, der sich damals in Rumänien befand. Zum Zwecke der wirtschaftlichen Schwächung Rußlands hat Frankreich damals die Streiks unterstützt, besonders den Streik der Staatsangestellten und Beamten. Außerordentliche Aufmerksamkeit hat es dem Streik im Kommissariat für die Volksernährung gewidmet. „Dieser Streik,“ erklärte der Chef der Mission, „wird eine große Bedeutung haben.“ Die Streikenden vernichteten alle Vorräte. Moskau blieb ohne Zufuhr von Nahrungsmitteln. Das Geld für die Streikenden gaben die Banken, besonders die Russisch-Asiatische Bank, die ganz unter dem Einfluß der französischen Mission stand.

Die politische Arbeit der französischen Mission leitete der französische Gesandte Noulens. Er hielt sich damals in Wologda auf, wo er den Stab der Konterrevolution schuf. Dort wurde ein genauer Plan einer bewaffneten Eroberung von Sowjetrußland ausgearbeitet. Es wurde beschlossen, die Basis für den späteren Aufmarsch der Konterrevolution an verschiedenen Punkten der Peripherie Sowjetrußlands zu schaffen. Tschechoslowakische, elsässische, serbische, polnische Legionen wurden organisiert. Im Interesse der konterrevolutionären Arbeit wurden in die größeren Städte Rußlands legale französische Konsuln geschickt. Die Aufstände der Tschechoslowaken und in Jaroslaw wurden unter der aktiven und unmittelbaren Teilnahme der französischen militärischen Mission und des gewesenen französischen Gesandten Noulens entfacht.

Nach dem Aufstand der Tschechoslowaken entfaltete die französische Mission eine noch lebhaftere Tätigkeit. Es wurde ein Plan ausgearbeitet, Moskau in einem engen Kreise zu umzingeln. Man beschloß, Jaroslaw, Nishnij-Nowgorod, Tambow und andere im Kreise um Moskau liegende Städte zu besetzen. Ziel dieser Umzingelung war, Moskau und Zentralrußland zu isolieren, die Zufuhr der Nahrungsmittel zu verhindern und in der Hauptstadt Hungersnot hervorzurufen. Aus diesem Grunde wurden die Aufstände in Jaroslaw, Tambow und anderen Städten angezettelt.

Als die Aktion der Tschechoslowaken und der Aufstand in den Provinzen nicht zum Erfolg führten, ging die französische Mission zu einer anderen Art von Tätigkeit über. Ich selbst habe ein chiffriertes Telegramm gelesen, in dem über Terror gesprochen wurde. Ich kann bestimmt sagen, die französische Mission hat sich mit Aufforderungen zum Terror befaßt. Sie hat darauf spekuliert, der Terror werde blutige Repressalien der Sowjetregierung hervorrufen. Die Repressalien würden die Empörung wecken und so die Zahl der Gegner der Sowjetregierung vermehren. Als ich am zweiten Tag nach dem Attentat auf Lenin in die Mission kam, hat mich der Chef der Mission, Lavergne, mit der Frage empfangen: „Haben Sie gelesen, was sie über uns schreiben? Als ob wir an dem Attentat an Lenin beteiligt wären ...“ Als ich schwieg, sagte General Lavergne: „Ich weiß nicht, wie weit Lockart (der ehemalige englische Gesandte in Moskau) beteiligt ist; ich bin nicht beteiligt.“ Dies sagte er so, daß ich den Eindruck hatte, General Lavergne müsse an dem Attentat beteiligt sein.“

Auf die Frage des Verteidigers Murawjew, welche politischen Ziele die französische Mission verfolgt habe, ob sie die Sowjets stürzen wollte oder für den Kampf mit Deutschland zu gewinnen suchte, antwortete Pascal: „Meiner Ansicht nach war das letzte, eigentliche Ziel der französischen Regierung, die Regierung der Sowjets zu stürzen.“

„Was waren die Pläne der französischen Mission?“ fragte Krylenko den Zeugen.

„Die Sowjetmacht zu stürzen. Zuerst scheinbar eine Koalitionsregierung zu bilden, dann aber sich von den sozialistischen Elementen zu befreien, und eine Kadettenregierung zu bilden.“

„Wie war das Verhältnis der französischen Mission zu den russischen Arbeitermassen?“ ... „Das verächtlichste!“ erwiderte Pascal.

„Glauben Sie, daß die französische Mission eine Partei unterstützt hätte, die den Sturz der Sowjetmacht nicht anstrebte?“

„Noulens hätte es nicht getan,“ erwiderte Pascal kurz und mit Nachdruck.

„Wie war das persönliche Verhältnis Noulens’ zu den Russen?“ „Ich wies darauf schon hin, daß alle, angefangen vom Chef der Mission, bis zum letzten französischen Offizier, von den Russen mit der größten Verachtung sprachen ...“ – Eines Tages kehrte Pascal im Zuge mit Noulens nach Moskau zurück. Der Zufall wollte es, daß er mit einem russischen Soldaten in einem Wagen übernachten mußte. Als Noulens davon Kenntnis erhielt, sprach er seine Mißbilligung darüber aus, daß Pascal mit einem Bolschewiken zusammen war. Pascal bemerkte, es wäre kein „Bolschewik“, sondern ein gewöhnlicher russischer Soldat. Darauf erwiderte Noulens: „Ganz egal, ich will nicht, daß ein Russe in meinem Zuge übernachtet.“

Der Verteidiger Schubin interessiert sich für die Frage: Wie hätte sich die französische Regierung zu einem Kriege der Sowjetmacht gegen Deutschland verhalten.

Pascal erwidert:

„Der Haß der französischen Regierung gegen die Bolschewiki war so groß, daß sie kaum die ruhige Existenz dieser Macht zugelassen haben würde.“

„Wurde die östliche Front letzten Endes doch geschaffen?“ fragten den Zeugen die Verteidiger der zweiten Gruppe der Angeklagten.

„Ja, es wurde eine antisowjetistische, aber nicht eine antideutsche Front gebildet,“ erwidert Pascal.

Krylenko kommt auf die Frage der Subventionen der verschiedenen antisowjetistischen Organisationen durch die französische Mission zu sprechen.

Pascal erklärte, daß alle diese Organisationen der Sowjetmacht feindlich gesinnt waren und aus französischen Staatsmitteln unterstützt wurden. Der Sekretär Petit habe Pascal selbst mitgeteilt, welche Gruppen von den Franzosen Gelder empfingen.

Der Verteidiger Tager ersucht Pascal, auszusagen, welche terroristischen Akte die S.R. mit moralischer Billigung der Entente zur Ausführung gebracht hätten. Pascal weist auf die Verwundung Lenins, den Mord Wolodarskis hin.

Die Aussagen Pascals machten einen sehr starken Eindruck, der noch durch Aussagen anderer Franzosen verstärkt wurde.

Frossard, der Sekretär der Kommunistischen Partei Frankreichs wurde drei Stunden lang über die Beziehungen der französischen Regierung zu sowjetfeindlichen Organisationen vernommen. Seine Aussage ergab: Die Politik der französischen Regierung baute sich von 1917 bis 1922 auf ununterbrochenen Interventionen auf. Die französische Regierung dachte nicht daran, die Macht in Rußland einer sozialistischen Regierung zu übergeben, denn sie betrachtete als feste Regierungsform für Rußland die konstitutionelle Monarchie und unterstützte alle auf einen Sturz der Bolschewisten zielenden Versuche, gleichviel, von wem sie ausgingen. Die Ententebotschafter hätten alle Mittel aufgeboten, den konterrevolutionären Versuchen im Innern des Landes Vorschub geleistet und Anschläge gegen einzelne Vertreter der Sowjetmacht angestiftet. Diese Aktionen haben der französischen Republik monatlich 50 Millionen Francs gekostet; die Gesamtkosten aller Interventionen kamen dem französischen Volke auf etwa 1 Milliarde Francs zu stehen.

Der Angeklagte Timofejew bemüht sich, den Beweis zu führen, die S.R. wären Gegner jeder Intervention gewesen. Aber kann er bestreiten, daß die Tschechoslowaken von französischen und englischen Offizieren geführt wurden und als Elitetruppe der Regierung von Samara galten? daß die S.R. im Wolgagebiet gemeinsam mit diesen Truppen gekämpft haben? Kann er bestreiten, daß er selbst Verhandlungen mit der Entente geführt hat? Krylenko legt ihm Dokumente vor, aus denen das engste Einvernehmen der S.R. mit den Ententetruppen im Murmangebiet erhellt, die Entente hat dort sogar ohne jeden russischen Einfluß völlig selbständig operiert; es gab ein alliiertes Oberkommando, von dem die S.R. Vertreter Befehle empfingen! Timofjejew versucht noch einmal einzuwenden, es habe sich nur um die Wiederaufrichtung der Front gegen das imperialistische Deutschland gehandelt – noch einmal greift Pascal ein und wiederholt seine Aussagen über die Einstellung der Entente zur Sowjetregierung – es kam in erster Linie darauf an, die Diktatur des Proletariats zu stürzen und der kapitalistischen Ordnung zur Macht zu verhelfen. Das war der ganze Sinn des Kampfes gegen die Sowjets.

Einige Tage später eröffnete René Marchand dieselben Perspektiven; er kann konkrete Angaben über die direkten Beziehungen der Ententemissionen zu den S.R. machen. In seiner Gegenwart erhielt das Mitglied der Mission, Ehrlich, 50000 Rubel für die S.R. von der Mission. Über andere Anweisungen der Mission habe er noch vom Kassierer der Mission erfahren. Nach Abfahrt der französischen Mission wurden die Gelder für Unterstützung der S.R. dem dänischen Konsulat übergeben, mit dem der S.R. Elias Minor in Verbindung gestanden habe.

Der ehemalige Kriegsminister Werchowski bestätigt die Gelderhergabe der Entente an weißgardistische Organisationen, der Name eines Generals Suwarow taucht auf, der von der französischen Mission Gelder empfing und an Organisationen weiterleitete. Dieser Suwarow war Mitglied eines Militärstabes, dem Vertreter verschiedener bürgerlicher Parteien angehörten; aber auch der S.R. Gotz war Mitglied des Stabes; er bestreitet es nicht.

Die Aussagen dieser Zeugen haben im Frühjahr 1925 in Orleans eine Bestätigung durch den Major Laurent erfahren, dessen Name bereits im Moskauer Prozeß aufgetaucht war: René Marchand hatte ausgesagt, daß dieser Laurent mit den S.R. verhandelt hätte, um militärische Organisationen vorzubereiten, man hatte besonders lange darüber beraten, wie man S.R. in die Rote Armee als Kommandeure einschmuggelte.

Laurent ist in Orleans persönlich erschienen und erklärte unter seinem Eid vor dem bürgerlichen Gericht, daß man terroristische Akte gegen die Führer der Sowjets nicht nur moralisch gebilligt, sondern selbst solche Attentate gegen Trotzki und andere Führer der Sowjetrepublik geplant hätte ...

Man hat immer versucht, die Beziehungen der S.R. zur Entente zu verschleiern, Semjonow, der vor Gericht keineswegs im Mittelpunkt stand, wurde als einziger Zeuge dargestellt; da er den S.R. den Rücken gewandt und ihre Machenschaften preisgegeben hatte, war es ein leichtes, ihn als Provokateur hinzustellen. Aber dabei verschwieg man, daß dieser Semjonow immer eine große Rolle in den Kampforganisationen gespielt hatte und auf dem Parteitag der S.R. zum führenden Mitglied des Stabes der Kampforganisation der S.R. ernannt worden war; er hatte nie eine geringe Rolle gespielt; ihm war die gesamte terroristische Tätigkeit in den Reihen der Sowjettruppen anvertraut, als die Samararegierung auf allen Fronten gegen Moskau vorrückte. Semjonow hatte sein Leben in die Schanze geschlagen. Vor Gericht erblickte man einen mittelgroßen, etwas schmächtigen Mann von einigen 30 Jahren, er erinnerte eher an einen Menschen, der aus einem Bureau kam, als an einen Terroristen; hellblond, bleich, immer etwas übernächtigt, offenbar schwer in innere Kämpfe verstrickt, äußerst nervös, nur während seiner Aussagen stets gleichmütig, ganz ohne jede Pose – war er in diesen Verhandlungen am meisten exponiert – er – als Renegat – war leicht anzugreifen, dabei trafen seine eigenen Angriffe immer die wundesten Stellen. Wenn Schwierigkeiten entstanden, so infolge der Zwiespältigkeit und Halbheit der S.R. überhaupt; ihr Schwanken und Schillern, ihre Halbheit und Unschlüssigkeit erschwerte die einfache, klare Feststellung der Vorgänge. Die S.R. Partei war nie ein festes Gefüge – sie war es erst recht nicht im Bürgerkriege, in der Zeit der Illegalität. Es konnte sehr leicht möglich sein, daß die Mitglieder der Zentralkomitees durchaus nicht derselben Meinung waren, und daß jener billigte, was dieser verwarf. Es gab eine Instanz, die für alles Geschehen verantwortlich war: eben das Zentralkomitee – aber es gab im Grunde keine Personen, die verantwortlich sein wollten – es gab Meinungen von Personen. Und jemand konnte schon individuell seinem Standpunkt Ausdruck gegeben haben – war es für die Partei als Ganzes unbequem, so leugnete man später ab. Es gab keine Führung, kein Programm, niemand gab Direktiven, weil alle sich berufen fühlten. Semjonow, ein altes Mitglied der Partei, holte sich für alle seine Unternehmungen die Genehmigung des Z.K. Da er rührig, umsichtig und verwegen war, schien er wertvoll – man ließ ihn deshalb gewähren, gab ausweichende Antworten, wollte bestimmte Akte geschehen lassen und zauderte wieder, sie zu genehmigen. Eine Weile ließ sich das Spiel der halben Zusage, des Nein-Ja-Sagens schon an; aber als sehr ernste Taten geschehen waren, und die Mitglieder der Partei verlangten, die Partei solle zu diesen Taten stehen, wich das Z.K. scheu zurück; der Mord auf Wolodarski hätte eine Steigerung verlangt – wenn nicht gerade den offenen Aufstand – so doch die offene Erklärung gegen die proletarische Regierung – aber da nun die S.R.P. eine Arbeiterpartei sein wollte, bedeutete solche Erklärung eine Kampfansage ans Proletariat – Lenin war längst ein den Arbeitern teurer Name, welche Partei, die auch nur mit der Arbeiterschaft sympathisierte, hätte ein solches Attentat gutheißen können! Also wich man aus und gab die Täter, die ihr Leben eingesetzt hatten, preis. Wundert man sich, daß die Täter endlich das Lager verließen, in dem man ihnen nie den Rücken deckte? Mußten sie nicht allmählich gewiß sein, daß diese Partei gar nicht wußte, was sie wollte, wohin ihr Weg führte. Semjonow schreckte zurück, von bürgerlichen Organisationen Gelder zu empfangen – Donskoi, Mitglied des Z.K., erklärte höhnisch: „Non olet.“ Eine Weile schien es noch, als könnten die S.R. eine selbständige Politik treiben; dann aber ballte sich eine mächtige Front zusammen, die Bürger vor allem erwachten aus ihrer Betäubung, die Entente bot alle Kräfte auf, ließ alle Minen springen – die weißen Generale drängten von allen Seiten ins Land, die S.R. wurden in die zweite Linie gestoßen, den Bürgern, den Generalen, den fremden Missionen war offenbar, daß die Parolen der S.R. nirgends mehr verfingen; der Kampf ließ sich nur noch mit brutalsten Mitteln führen, das Gerede von der Demokratie sollte ein Ende haben, rücksichtslos schob man alle Kulissen beiseite: auf offener Bühne erschien der weiße Schrecken; die S.R. verhandelten mit dem französischen Botschafter Noulens über die Zusammensetzung einer neuen Regierung im Falle des Sieges der Samarafront. Die S.R. designierten Tschernow: „Genug von sozialistischen Experimenten. Ich will nichts von Tschernow wissen,“ erklärte Noulens barsch, damals einer der wahren Herrn des weißen Rußlands. Die S.R. standen plötzlich verlassen da. Man mag zur Beleuchtung der Lage die Memoiren weißer Generale nachlesen: sie strotzen von Verachtung für die S.R. Je heftiger der Bürgerkrieg tobte, desto geringer wurde der Einfluß der S.R. Sie hätten die Reihen der Konterrevolution verlassen können – aber nachdem sie sogar eine ganze Front der „Konstituante“ formiert hatten, war es unmöglich, diesen Bankrott einzugestehen, ohne – mit blutbefleckten Händen – dem Fluche der Lächerlichkeit, der Verachtung preisgegeben zu sein. Die Partei als Ganzes mußte schon weiter vegetieren; aber ihr nie festgefügter Bau zitterte in allen Gründen – die Mitglieder sprangen ab – so erklärt sich Semjonows Abfall, seiner Komplizin Konopleva Reue, der anderen Bußgang – je heftiger der Bürgerkrieg tobte, desto schärfer erkannte der S.R., wer auf der Barrikade neben ihm stand – nicht der Arbeitsmann aus dem Betrieb, nicht der Bauer, sondern der weiße Offizier, der Beamte, der Student. Zu wessen Gunsten sollte Lenin fallen?!

 

Sawinkow hat 1924 in jener aufregenden Nachtsitzung vor dem Tribunal die grauenhaft erniedrigenden Gefühle geschildert, die er in den Vorzimmern der Ententeminister empfand. Er schildert sein Entsetzen, als Churchill auf eine Karte wies und ihm „unser“ Rußland zeigte – diesen Ekel Sawinkows sollte Semjonow nicht empfunden haben? Oder jener andere Ignatiew, der auch zur 2. Gruppe der Angeklagten gehörte und sich vor allem im Gebiete von Archangelsk betätigte?! Ignatiew schilderte, wie die Ententetruppen im Norden gehaust hatten, Sondergerichte einsetzten, Stäbe ernannten, denen die Russen untergeordnet waren. Immer wieder durchtönte dieselbe Melodie dieses Trauerepos: wir wurden verächtlich behandelt, man benutzte uns, die Besetzung von Archangelsk erfolgte nur im Interesse der großindustriellen Machthaber. Ignatiew schilderte die Taten der Weißen – immer waren die Arbeiter nur die Opfer, immer richtete sich alles gegen das Proletariat. Der Blick auf den Nebenmann war für den argwöhnischen, schwankenden Beobachter erschütternde Erkenntnis.

Da saß unter den Angeklagten der 2. Gruppe ein hellblondes, mittelgroßes Geschöpf – Lydia Konoplewa; erinnerte an ein Bauernmädchen, das sich „hochgearbeitet“ hatte, vielleicht Lehrerin geworden war (die kleinbürgerliche Physiognomie war überhaupt ein auffallendes Merkmal aller dieser Typen); sie war ein guter Soldat der S.R. geworden, sicherlich ohne eigene Gedankenwelt, aber vom festen Willen erfüllt, für die Unterdrückten zu kämpfen; verwegen, erfinderisch, losgerissen von jeder Tradition und den Formen der alten Gesellschaft, bereit, ihr Leben zu opfern. Für sie hatte die Haltlosigkeit der S.R. die größte Enttäuschung bedeutet; von ihr existiert ein Brief an Tschernow, in dem sie sich auf Unterredungen mit ihm beruft, in deren Verlauf er sich entrüstet über die ausweichende Haltung ihrer Auftraggeber ausgesprochen und den Terror gebilligt habe. Aus dem Briefe spricht das Gefühl der tief enttäuschten, verlassenen Kreatur, die man noch obendrein verhöhnt, weil sie den Rückweg in die Gesellschaft, diesmal in die Gemeinschaft des Proletariats, zurückfinden wollte. Diese Angeklagten der II. Gruppe wollten keine Außenseiter sein, sie sind nicht die Führer der Partei gewesen, vielleicht wird man sagen, sie hätten deshalb nicht draußen bleiben können; aber sie waren irregeleitete, ausgenützte Geschöpfe – sollten sie, da sie Reue empfanden und bekannten, die neue proletarische Gemeinschaft nicht aufnehmen, gegen die sie ehedem die Hand erhoben hatten, die jäh herniederfiel, als plötzlich die Erkenntnis zuckte: für wen erhebe ich die Hand?!

Die wahren S.R., die Führer der Partei, die Offiziere und Auftraggeber kämpften noch vor dem Tribunal um diese isolierte Partei als um ein Ganzes. Ein tragischer Schatten huschte zuweilen über ihr Geschick. Ihre Anhänger im Lande hatten sie längst verlassen. Die Ruinen von Jaroslaw waren ein furchtbares Memento. Die S.R. hatten die Macht gehabt, und die Probe nicht bestanden. Die Bolschewiki hatten in vielen Stücken ihr Programm ausgeführt – das warf man ihnen vor – „ihr habt uns bestohlen“. Aber die Bolschewiki hatten es ausgeführt.

Die Führer kämpften vor dem Angesicht Europas; sie wichen in die weiten Wüsteneien ihrer Zersplitterung und Haltlosigkeit zurück, wenn man sie festhalten wollte; im Grunde waren sie echte Russen, wahre Kutosowrussen, aber 1812 hat diese Methode des Ausweichens Rußland gerettet; die Leute, die sich jetzt ins Weite verloren, gaben ihre Partei preis, ihren ganzen Kampf um die Demokratie. Sie verwickelten sich in unlösbare Widersprüche: sie waren gegen Interventionen, aber sie waren überall mit den intervenierenden Mächten verbunden, sie waren gegen die Bourgeoisie, aber sie standen mit bürgerlichen Organisationen in engster Verbindung und empfingen sogar Gelder von ihnen, sie wollten die Front gegen Deutschland errichten, aber sie waren bereit, Boten ins deutsche Hauptquartier zu senden, sie scheuten den Terror, aber sie haben in ihren Zeitungen nach geschehener Tat gejubelt, sie wollten verhindern, daß Geld an Deutschland abgeliefert würde, aber sie wollten den Zug unbewacht stehen lassen, wenn die Sprengung geschehen war ... Sie wollten eine Partei der Arbeiter sein, aber nach der Oktoberrevolution organisierten sie zuerst eine Erhebung der Offiziersschüler. Sie waren nicht gegen die Sowjets, aber für die Konstituante, sie hatten den Zusammentritt der Konstituante nicht beschleunigt, obschon sie es vermocht hätten; aber sie erhoben die Konstituante zum unantastbaren Heiligtum, nachdem die Konstituante längst nicht mehr dem Willen des Volkes entsprach. Man fand einen Brief von Gotz, in dem es von dunklen Anspielungen wimmelte; u. a. kam auch der bekannte Satz, der alte Wahrspruch der S.R.P., vor: „Im Kampf wirst du dein Recht erwerben!“ Wundert man sich, wenn Gotz umwunden erklärte, dieser Ausdruck beziehe sich nur auf den Kampf um die Konstituante, nicht aber um den Kampf gegen die Sowjets?!