Es kam nun so viel Schwüles, Überraschendes und Neues, daß die Zeit gewissermaßen ihre Abgemessenheit verlor. Ein Umhertaumeln zwischen Wissen und Erraten, zwischen Angst und Mut, zwischen Fülle und Entbehrung, ein Atmen in zitternder Luft, Reden ohne Besinnung, Träumen ohne Schlaf, Bilder, die vom Sturm vorbeigejagt und manche doch dauernder als Stein.
Philipp Unruh saß in der kleinen Schankstube des fränkischen Hofs. Es war wieder kalt geworden, und die Scheiben zeigten Eisfiguren, trotzdem die Sonne vom blauen Himmel schien. Der Wirt und ein Viehhändler aus Nördlingen saßen kartenspielend beim eisernen Öfchen. Aber das Geknister des lustigen Feuers wurde bald übertönt von zornigen und heiseren Männerstimmen aus dem Theatersaal. Es ist eine Schauspielprobe, dachte der Lehrer, jedoch trat alsbald der Bonvivant aus dem Theater in die Schankstube, verlangte grimmig einen Krug Bier und erzählte grimmig in demselben Atem, daß die sentimentale Liebhaberin sich weigere, dem Kritiker ihren Verehrungsbesuch abzustatten. Dergleichen sei noch nicht dagewesen, so lange man Komödie spiele zwischen Himmel und Erde, und sei um so abscheulicher, als der Doktor Maspero ein charmanter Herr sei, welcher vortrefflichen Schnaps vorzusetzen wisse. Der Wirt hieb mit Geräusch die Trumpf-Aß auf den Tisch; der Viehhändler schielte den Schauspieler bösartig an. Im Saale war es still geworden, und auf einmal kam Myra heraus. Philipp Unruh schaute sie eine Sekunde lang mit blinzelnden Augen an, sah dann feig in eine Ecke, und es schien ihm, als sänken seine Schultern schwer gegen den Tisch. Das Mädchen hatte purpurrote Wangen, doch ihre Stirne war bleich, ihr Blick leer, unsicher, stechend, ihr Rücken ein wenig gekrümmt. Sie ging, als suche sie einen Ausgang, und blieb dann stehen wie in eine Falle geraten. Herr Schmalich kam hinter ihr her, und auf seinen Mienen drückte sich Verlegenheit aus. Sie wandte sich gegen den Direktor und sagte leisen Tones und mit erschreckender Schnelligkeit eine Reihe von Worten, welche niemand verstehen konnte. Ihre Stimme wurde immer lauter, doch die Worte verloren alle Artikulation. Aus dem Theaterraum kamen zwei dicke Schauspielerinnen und der Heldenvater und spendeten lachend Beifall, während der Wirt und sein Kartenkumpan aufgeregt näher traten. Jetzt begann Myra selbst zu lachen, und zwar so, daß der Lehrer wie Einhalt gebietend seine bebenden Arme gegen sie ausstreckte. Da stürzte sie auf den Boden, und Schaum quoll von ihren Lippen. Alle waren stumm und blaß geworden und rührten sich nicht. Philipp Unruh, der sich selbst und jede Scheu vergaß, stürzte herzu, kniete auf den Boden, legte den Arm unter ihren Hals, murmelte verstört vor sich hin und beugte suchend sein Gesicht gegen das ihre.
Er konnte es niemals vergessen. Niemals die halbgeschlossenen und halberloschenen Augen, ob haßerfüllt, ob dankbar, er wußte es nicht. Er konnte die nahe Wärme ihres Körpers nicht vergessen, das verwirrte schwarze Haar, das seine Schläfen streifte. Er empfand immerfort den Druck ihres Nackens auf seinem Arm, den Hauch ihres Mundes neben seiner Hand. Als er zitternd in der Schankstube kniete, voll Furcht, daß man sie ihm raube, wollte er an kein Weiterleben denken, welches sich nur die Erinnerung zum Besitz machen konnte.
Andere Dinge kamen. Ihr Name erfüllte die Luft bei allem, was geschah. Der Apotheker schickte in mysteriöser Weise herüber, um Unruh holen zu lassen. Als der Lehrer kam, schritt der blasse Baron in bedeutsamer Gangart im Zimmer auf und ab, erklärte ganz ohne weiteres, daß der künstlerische Geist im Ort gehoben werden müsse, daß er als Gemeinderat bereits in solchem Sinn vorgegangen sei und eine gewisse Summe zur Verfügung gestellt habe, um das treffliche Institut des Herrn Schmalich für die Dauer des Winters zu subventionieren. Ja, dann käme ein neuer Wind, ja, dann käme ein edles Feuer unter die lauen Gemüter. Er selbst habe ein Theaterstück verfertigt; er wolle weiter nichts verraten, aber es suche seinesgleichen. Darauf schob er an beiden Türen die Riegel vor, lud seinen Gast ein, vor dem prachtvoll mit Wein und kalten Speisen gedeckten Tisch Platz zu nehmen, rückte die Lampe zurecht und schlug eine sehr dicke Handschrift auf. Dieses Drama aller Dramen beschäftigte sich ausschließlich mit einer neuen und respektablen Idee, wie man die Wälder vor gänzlicher Ausrottung schützen könne. Aber von alledem hörte der Lehrer nur das eine, daß er nicht zu fürchten brauche, Myra heute oder morgen entschwinden zu sehen, und er liebte dieses stundenlange Trauerspiel, von welchem seine Hoffnungen sich lösten gleich farbigen Abendwolken aus trübem Moor.
Tag und Nacht, Dunkelheit und Sonnenlicht wechselten nach anderen Gesetzen als bisher, wie wenn der Wille, dem der Weltkreis untertan, neue Erscheinungsformen erdacht hätte. Es waren sonderbare Empfindungen, die Philipp Unruhs Herz bestürmten, als er, beim Biere sitzend, in demselben Raum wie wenige Stunden vorher, Myra sich gegenüber sah. Drei Schauspieler befanden sich bei ihr am Tisch, und sie lächelte wie jemand, der alles mit Entschlossenheit abgeworfen hat, was ihn belästigte. Doch war das Lächeln fremd und unerklärbar durch seine Dauer und verursachte, daß man das eigentliche Gesicht nur wie durch eine unendlich dünne Maske erkennen konnte. Die Wangen waren noch ebenso rot, die Stirn noch ebenso bleich, der Hals noch ebenso vorgestreckt, so daß der Rücken gekrümmt erschien. Die verkniffenen Augen blickten mißtrauisch, listig, ziellos, bis plötzlich eine Art Schrecken in sie geriet, der sie aufriß. Sie sah den Lehrer nicht, sah überhaupt nichts. Später lachte sie über alles, was der Komiker sagte, und darnach erhielten ihre Züge einen halb unwilligen, halb trostlosen Ausdruck.
Die Mutter Myras und der Galan kamen zurück. Sie hatten offenbar in der Welt mehr Hunger als Vergnügen gefunden. Die ehedem wohlhabende Witwe hatte schon alles verschleudert, was sie besessen. Mit der einen Hand hatte sie Liebe gegeben, mit der andern Geld; dementsprechend war die eine beschmutzt, die andere leer. Zwischen Trübsinn und überreizter Laune verzehrte sich ihr Gemüt, und viele Stunden lang konnte sie damit zubringen, sich zu schminken, zu putzen, zu verjüngen. Am ersten Tag schon war es so, saß sie bis in den Nachmittag vor dem Spiegel, rechts und links je zwei Kerzen, denn draußen war dicker Nebel. Dann kam der Schauspieler, und Myra mußte gehen. Sie erhob sich vom Kaffeetisch und ließ die volle Tasse unberührt. Der schlanke junge Mann, dessen Gesicht etwas von einem Cäsaren und etwas von einem Schäferhund hatte, sah ihr nach; er wußte genau, was sie bei ihm zurückließ, und sie, förmlich verwundet von seinem Blick, ging die Gasse hinauf und traf Siebengeist unter dem Turmbogen. Sie atmete schwer, hörte kaum die Worte ihres Begleiters und bat, er möchte sie in den Wald führen. Sie wanderten also gegen den Burgstall hinauf (so heißt der Wald), und es war, als schritten sie durch feuchten, bleiernen, grauen Rauch, so dick und lastend lag der Nebel. Siebengeist verstummte bald. Zufällig kam Philipp Unruh von den Holzschuppen herüber und stand mit einem Mal vor dem schweigenden Paar. Ihm war, als habe ihn ein Schuß getroffen, und es rieselte ihm kalt durch Mark und Bein. Jählings deckten sich ihm geheimnisvolle Beziehungen auf, die bisher gleichsam hinter Häusermauern verborgen waren, und ein allgemeiner, aber stürmischer Menschenhaß erwachte in seiner Seele. Doch wie es ihm aus Visionen vertraut war, ging ihm Myra einen Schritt entgegen. Sie stand so nahe bei ihm, daß er ein Schneeflöckchen auf ihren Wimpern gewahren konnte, welches langsam zerschmolz. Schüchtern und freundlich sagte sie: »Sie sind gut gegen mich gewesen, ich weiß es, ich danke Ihnen. Gehen Sie doch ein wenig mit uns.« Er schaute zu Boden und lachte lautlos, stotterte zwei, drei Worte. Dann schaute er vor allem den kindlich schönen Mund an, der dies gesprochen, und ein unbezähmbarer Wunsch erwachte in ihm, der um sich griff wie Feuer im dürren Buschwerk. Er wünschte, jenen Mund küssen zu dürfen, nichts weiter; aber das versetzte sein Wesen in einen Taumel, der ebenso nahe der Verzweiflung wie der Erfüllung war. Mehr als ein Traum und eine äußerliche Begierde; mehr als das bloße Aufwachen zu einem Wertbewußtsein; mehr als die Hoffnung auf ein mittelmäßiges Glück. Es war der elementare Schmerz und Rausch des dumpfen Menschen, der mit Raubtierkraft an Gittern rüttelt, deren Vorhandensein er nicht begreifen will.
Myra hatte plötzlich das Verlangen, Schneeball zu werfen. Alle drei nahmen auf einem freien Stück Feld vor dem Wald Aufstellung. Das junge Mädchen war fröhlich bei der Sache, und der Lehrer sog ihr Wesen in sich auf wie Lebensnahrung. Er sprach nicht, weder bei dem Spiel, noch bei dem Waldgang später. Eine innige, überzeugende Gestalt wandelte an seiner Seite. Er hörte ihre gepreßten Worte, die sie aus allen Winkeln des Raums zusammenzusuchen schien, und die sie unsicher sprach mit milder Stimme und bittender Gebärde. Er sah, wie sie schüchtern Fragen stellte und schüchtern lächelte, wie sie über nichts in der Welt genügende Klarheit erhielt und jeden anstaunte, der mit Sicherheit eine Behauptung aufzustellen wußte; wie vieles ihr gefiel und wie viel sie besitzen mochte und wie sie zugleich darüber unruhig war und die Fülle ihres Wünschens als Vergehungen empfand; wie sie mit Sympathie umgeben war wie der Erdball mit Luft und wie sie gleichwohl fürchtete, von jedermann gehaßt zu sein: ein Wesen aus Fleisch und Blut, eine von denen, die für das Glück geschaffen scheinen.
Achtes Kapitel
Siebengeist war ein großmütiger Lustigmacher, der sich selbst vergessen konnte, um Myra zu erheitern. Wenn er anfing, zu plaudern und Gesichter zu schneiden, blieb sie nicht ernst. Was trieb er doch nicht alles! In derselben Stunde war er Fabulist und Taschenspieler, Schlangenmensch und komischer Musikant, sprang über die Tische und parodierte die Schauspieler, formte Damen aus Schnee und dichtete närrische Sonette über seine Laufbahn als Apotheker. Myra hatte viel Freude an ihm. Sie schenkte ihm einen schmalen Reif mit einem winzigen Rubin, und dafür gab ihr Siebengeist ein goldenes Herz, welches die Inschrift trug: vers Dieu va. Philipp Unruh fühlte sich als Zaungast und suchte Einsamkeit. Unsichtbar ging Myra an seiner Seite bei den weiten Spaziergängen, unsichtbar ging sie in seinem Haus umher. Unhörbare Reden wechselte sie mit ihm, schenkte ihm Vertrauen, billigte seine Entschlüsse. So erhielten sein Sehen und Denken, seine Gebärden und Worte eine verzweifelte und verschwiegene Glut. Auf allen Wegen, an allen Mauern stand ihr Name, und wurde er wirklich genannt, so erschrak der Lehrer wie ein Verbrecher, der unerkannt die Früchte seiner Tat genießt. So vor Doktor Maspero, der beim nächtlichen Heimgang von Myra sprach.
Der Provisor sei ein Narr, meinte dieser gescheite Mann, und alle Welt habe recht, ihn zu verdammen wegen seiner Narrheit. Was für eine Bedeutung habe dies törichte Scharmuzieren? Ein bettelarmes Persönchen, das weder hübsch noch klug sei und zweifellos einen wahnsinnigen Zug in den Augen trage. Niemand wisse, was sie dabei wolle.
»Ein altes Wort lautet: was ein Weib will, das will Gott,« murmelte der Lehrer.
»So? Eine jammervolle Sentenz, Schulmeister! Ich glaube, Ihnen sitzen Gespenster im Magen. Sei’s drum! Ich gönne jedem sein Plätzchen an der Sonne. Gute Nacht.«
Der Lehrer fühlte sich verlassen. Er blickte spähend durch die fallenden Schneeflocken, als erwarte er einen Freund, mit dem er die Nacht verbringen könnte. In der Tat tauchte eine schwarze, hagere Gestalt aus der Finsternis auf. Es war der Herr Adjutant. Beim Anblick des Lehrers packte er sofort begeistert seinen Hut, schwenkte ihn gegen das Firmament und schrie den Abendgruß, als ob er seinem Landesfürsten zujauchzte. Gleich darauf ging er wieder stelzengerade und lautlos seines Weges weiter, und sein gravitätischer Schritt machte den Schnee klirren. Philipp Unruh empfand auf einmal eine wunderliche Sympathie für diesen Mann, der seine einsame Wohnung nur mit einem zärtlich geliebten Affen teilte, dem er den aparten Namen Kümmerlich gegeben hatte.
Neben der Post befand sich ein uraltes Gebäude, in welchem Myra mit ihrer Mutter wohnte. Die zwei Fenster waren erleuchtet und durch gelbe Rollvorhänge verdeckt. Der Lehrer stand im Schnee auf der andern Seite der Gasse und lehnte sich an die Türe des Kürschnerladens. Eine Silhouette ward auf dem Vorhang sichtbar: das Profil eines Mannes, das auftauchte und verschwand. Dann erschien derselbe Kopf noch einmal, nahe beim Fenster und deshalb sehr klein und scharf und wurde unter beständigem lebhaften Nicken immer größer. Ein zweites Bild, ein Frauenhaupt erschien daneben, und beide verharrten nun in Ruhe, als ob sie sich unverwandt ansähen, neigten einander zu, wichen von neuem zurück, und gleichzeitig erschien am zweiten Fenster ein anderer Schatten, bei dessen Anblick sich Philipp Unruhs Stirne unwillkürlich verdüsterte. Dieser Schatten, klar begrenzt von Licht, war den beiden übrigen bewegungslos zugewandt, als flösse sein Dasein von ihnen aus. Haare fielen abenteuerlich in die Stirn, deutlich war die feine Nase gezeichnet, deutlich der verschlossene Mund. Das ganze Spiel der drei körperlosen Gestalten hatte etwas so Unwirkliches und Phantastisches, daß der Lauscher bisweilen staunend in die Dunkelheit starrte, auf die friedlichen Häuser im Umkreis, und mit eigentümlicher Gewalt die Ruhe spürte, die in allen schneebedeckten Gassen ausgebreitet war. Aber dies erschien ihm nur als ein täuschendes Kleid, unter dessen unbewegten Falten verheerende Leidenschaften brüteten, um die Erde zu bedrohen und zu erschüttern. Er selber war ergriffen, ja gefoltert und wagte nicht, darüber ins klare zu kommen. Ungeduldigen neuen Lebens voll, sah er millionenfaches Leben um sich in eisiges Schweigen gehüllt durch die stummen Kräfte der Natur.
Nun geschah etwas Sonderbares. Die beiden Schatten erhoben sich gleichzeitig, ohne von einander zu weichen. Der dritte Schatten streckte die Arme aus, flehentlich oder beschwörend. Dann glitt der eine Frauenschatten zum zweiten Fenster. Die ausgestreckten Arme fielen herab, und die ganze Gestalt versank. Die zweite wuchs geisterhaft empor, beugte sich auf und nieder mit beängstigender Hast. Die Silhouette des Mannes stand regungslos, eine Hand gegen das Gesicht gepreßt, – und plötzlich ward alles schwarz und finster.
Der Lehrer seufzte bang. Unschlüssig und erratend stand er da, als ein Tor zugeschlagen wurde und jemand auf die Straße gestürzt kam. Unruh sah, daß es Myra war, in bloßen Kleidern, ohne winterliche Hülle, und mit einem halben Ausruf schritt er ihr entgegen. Mit tastendem Schritt näherte sie sich ihm, und er spürte ihre Hand in seinen Arm sich förmlich einkrallen. Mit einem Blick, der von Angst, Erschöpfung und Verzweiflung stier geworden war, schaute sie gleichsam durch sein Gesicht hindurch. Das alles geschah lautlos. Auch im Hause regte sich nichts, und die Fenster oben blieben schwarz.
Philipp Unruh sah ein Geschöpf vor sich, auf dessen Wort und Aufschluß er nicht rechnen durfte, das nur noch mit einem Schein äußeren Lebens begabt, sich ihm überließ wie ein Gegenstand. Die augenscheinliche Gefahr, die außerordentlichen Umstände verliehen ihm Besinnung und Kraft des Entschlusses. Seine scheuen, dumpf brennenden Gefühle verkrochen sich in der Stunde der Tat. Er nahm Myra auf den Arm und eilte mit ihr durch die Nacht dem Schulhaus zu. Leicht schien ihm seine Last, aber das ungewisse Vibrieren des Körpers in seinen Armen ließ beinahe sein Blut stocken. Die leere, stumme Nacht eilte vor ihm her und verwirrte seinen Blick. Er fragte sich gar nicht, wohin er anders mit der willenlosen Myra gehen könne, als in seine eigene Behausung. Er hörte hinter sich, doch ziemlich ferne schon, Stimmen in der Finsternis, und eine davon schrie in hellem Ton immer wieder dasselbe Wort. Er achtete nicht darauf, sah nur mit Neugierde und Mißtrauen die Straße entlang, denn ihm schien, als sei er in ein bisher unbekanntes Land geraten.
Das Schulhaus, ihm längst vertraut in jedem Winkel, barg heute Gefahren. Unter dem Stiegeneck waren glänzende Augen. Hoch im Gitterfenster leuchtete ein verräterisches Licht. Es war kein Mensch im ganzen Gebäude, denn die Wirtschafterin schlief im Haus des alten Löwy. Bis zur Kraftlosigkeit ermattet, nach Atem keuchend, schleppte er Myra die Treppen empor, stieß die Zimmertüre auf, legte das junge Mädchen auf das Bett und machte Licht.
Sie hatte die Augen geschlossen. Zum erstenmal sah er ihr Gesicht bleich. Er benetzte ihre Schläfe mit Wasser und murmelte ihren Namen vor sich hin. Sie rührte sich nicht. Er legte das Ohr auf ihre Brust, und als er keinen Herzschlag vernahm, wurden vor Schrecken seine Augen feucht. Die verbrecherische Kraft eines kaum geahnten Wunsches habe ihn gezwungen, sie hierherzubringen, so glaubte er jetzt. Er riß das Fenster auf, um jemand zu erspähen, der zum Doktor laufen könne. Aber der Hof lag finster und öde. Er schrie: Johanna! dann: Kunigunde! und noch einige, denen er vielleicht den Schlaf aus den Lidern rufen konnte. Er rannte ins Schulzimmer, schaute dort hinaus, straßauf, straßab, aber er wurde nichts gewahr als eine drückende Verlassenheit, die sich zu regen schien unter dem gleichmäßigen Fall der Schneeflocken.
Jedoch als er zurückkam, von Frost und Angst geschüttelt, saß Myra aufrecht im Bett.
Sie lächelte; ein wunderliches, stumpfes, unveränderliches Lächeln. Die schöne Rundung der Unterlippe, die feine, etwas träumerische Linie der oberen traten in bezaubernder Klarheit hervor. Von einer eigentümlichen, furchtsamen Freude ergriffen, sagte der Lehrer: »Sie sind wach?« und seine Stimme bebte. Sein Beginnen kam ihm frevelhaft vor. Er hatte sich ihrer bemächtigt, das war es. Eine Verantwortung nahte, vor der er zusammenbrechen würde. Er bewunderte und fürchtete zugleich jene Person, die er selbst noch vor einer halben Stunde gewesen war, jene wild und unbekümmert handelnde Person. Sorgenvoll und überlegend stand er auf der Schwelle, der Rechenschaft gewärtig, die man von ihm fordern würde. Aber in seiner innersten Seele ergriff er Besitz von Myra und ging mit sich zu Rate, ob er nicht das Tor vor Eindringlingen schützen solle. Endlose Stunden der Nacht würden folgen, und am Morgen? Das Ende von allem.
Das junge Mädchen schauderte vor der hereinfließenden Kälte, und so schloß er die Türe. Er setzte sich an das Bett und fragte Myra, ob sie krank sei, er wolle gehen und den Arzt holen.
Sie antwortete nicht, sondern blickte aufmerksam ins Licht der Lampe. Mit traurigen Augen sah sie der Lehrer an. In wahrhaft ungestümer Gewalt erwachte der Wunsch in ihm, den so nahen Mund zu küssen. Überlegungen wie Kriegspläne formten sich, und er blickte dabei zurück auf sein Leben wie in eine graue, regnerische Heide. Er lehnte die Stirn an den Bettpfosten und fing unvermittelt zu weinen an wie ein Knabe. Die Erkenntnis seiner Leidenschaft und seines leidenschaftlichen Gemütes machte ihn in hohem Grade bestürzt, wie es oft bei religiösen und einsamen Naturen der Fall ist.
»Ach, du bist es, Wilhelm?« sagte Myra tonlos. »Warum liest du mir nicht vor? Lies mir doch vor aus dem lustigen Stück.« Sie lächelte wie früher und legte ihre Hand auf die seine. Philipp Unruh richtete sich auf und hielt zitternd ihre Hand fest. Er vermeinte seine eigenen Gedanken zu sehen, wie sie auf einmal wirr und schwarz wurden.
»Nimm dasselbe Buch,« fuhr Myra leise fort. »Du weißt, was du auf eine leere Seite geschrieben hast. Es war das Schönste, Seligste. Die Mutter hat es gelesen und kam mit dem Messer gegen mich. Oh, cela ne fait rien, sagt Madam Biraud. Du siehst es ja, ich lache und jetzt lies, lies vor!«
Als Philipp Unruh zögerte, wurde sie ungeduldig, und ihr Mund verzog sich gramvoll. Da griff er mechanisch nach jener Ansbacher Chronik, die ihm allein von seinen Büchern geblieben war, blätterte mit bebenden Fingern und las von alten Ereignissen, vom markgräflichen Leben am Hof, von den Emigranten, von Denkmälern und Baubefugnissen, von Pest und Kriegsplage, kurz, was eben in solch einer Chronik Wichtiges zu stehen pflegt. Inhaltsloser und sinnloser waren ihm niemals Worte vorgekommen. Ihm schien, als grübe er Staub aus finstern Verstecken. Myra lauschte entzückt jeder Silbe und freute sich, als ob es eine amüsante Szene sei, deren Entwicklung sie zu hören bekomme. Allmählich wurden ihre Züge schlaff; sie lehnte sich zurück, ihre Augen schlossen sich, und sie schien zu schlafen, während der Lehrer aufgewühlten Herzens weiter las, den stillen Raum mit seinen monotonen Lauten füllend.
Plötzlich fuhr Myra empor. »Glaubst du es denn nicht,« rief sie aus, mit einer inbrünstigen Hingebung in ihrer Stimme, in ihren Geberden, in ihrem Gesicht, »glaubst du es denn nicht? Für dich könnte ich ja sterben!« Sie lachte glücklich und fiel wieder auf das Kissen zurück.
Philipp Unruh schlug die Chronik zu und stützte den Kopf in die Hand. Ihm war bang und weich zu Mut. Diese Worte, gleichviel ob sie ihm galten oder nicht, waren nun zu ihm gesprochen worden. Er durfte die Vergangenheit vergessen, ohne sie betrauern zu müssen. Diese Worte brachten sein Gemüt in Schwingung, wie der Glockenschall die Luft in einer Kirche bewegt. Er wußte, eine solche Stunde des Zutrauens, eine solche Nacht der Wunder würde nicht wiederkehren in seinem Leben, und unersättlich sog er alle Hoffnungsmöglichkeiten in sich ein, als könne dadurch seine Zukunft beschützt werden. Ringsum war alles Leben lebendig, geschmückt durch Hingabe und Zärtlichkeit, ja selbst durch Gefahr und Tod. Denn der Tod ist es wert, gestorben zu werden, wenn er etwas raubt, das zu besitzen sich lohnt. So wurde sein Geist weitschauend durch die Macht eines Augenblicks, welcher die Ewigkeit enthielt.
Er überzeugte sich, daß Myra nun wirklich schlief, und erhob sich geräuschlos. Er legte das Buch auf die Lade und dachte angestrengt nach. Wenn Myra krank lag und im Fieber redete, was sollte er dann mit ihr beginnen? Die Leute waren zu fürchten, denen der Tag Kunde bringen würde, wer nächtlicherweile in des Lehrers Haus eingezogen sei. Darüber mußte er wachen, mehr als über sein Glück. Höher als dies stand ihm die Sitte. Sie regelte nach seiner Überzeugung den Mechanismus der Welt im kleinen wie im großen.
Es war keine Zeit mehr zu versäumen. Betrübt warf er seinen Mantel wieder um die Schulter, trat neben die Schlafende und blickte lange auf das regungslose Gesicht, dem der Schlummer einen vergrämten und angestrengten Ausdruck verliehen hatte. Dann stellte er die Lampe auf den Schrank und ging leise hinaus. Er wollte zu Siebengeist, um mit ihm zu beraten, was hier zu tun sei.
Ohne das Tor zu versperren, betrat er die Straße. Es schlug zwölf Uhr vom Turm. Der Himmel war klar geworden und zitterte vor Kälte. In graublauer Dämmerung lagen Dächer und Giebel.
Neuntes Kapitel
Nachdem er den Glockenstrang bei der Apotheke gezogen hatte, öffnete sich unter dem spitzen Dachwinkel ein Fenster, und eine dünne Mädchenstimme schrie herab, daß kein Mensch zu Hause sei. Die Herrschaften und der Provisor seien auf dem Ball beim »Ratgeber«. Der Provisor käme erst in einer Stunde zurück, und solang müßte man warten oder zum Ratgeber schicken.
Der Ratgeber war ein Hotel, welches sich eine Viertelstunde außerhalb des Städtchens, auf der sogenannten »Höhe« befand. Dort schloß sich unmittelbar der Wald an, der sich dann weit hinein erstreckt ins mittlere Franken. Philipp Unruh entschloß sich rasch zu der Wanderung, und noch auf der Landstraße sah er oben am Waldrand die strahlenden Fenster und hörte, von Schritt zu Schritt deutlicher, den Brummbaß der Tanzmusik. Es war eine Art Faschingsball, den die Gemeinde selbst alljährlich mit großem Prunk veranstaltete. Dort waren nicht nur die größten Notabilitäten des Ortes, sondern auch der Präsident des Kreises anzutreffen, der von Ansbach herüberkam.
Fern auf dem Bahnhof klirrte das Eisen der Waggons, welche rangiert wurden. Der Schnee der Straße schimmerte hell. Die Sterne standen am Himmel und schaukelten unruhig wie Lichter im Wasser.
Wo sich der Weg gegen die Anhöhe hinaufbog, stand, auf der Landstraße noch, ein kleines Wirtshaus. Im größeren Raum waren Knechte und Dirnen, die nach der Musik einer Mundharmonika tanzten. Wie sich die Paare beim düstern Schein einer Öllampe drehten, das gab ein wüstes und grelles Bild. In der kleinen Stube lehnte ein Mann gegen das Fenster, die Stirn gegen die Scheibe gepreßt, und der Lehrer erkannte sofort Apollonius Siebengeist. Der Provisor seinerseits hatte ihn nicht wahrgenommen, denn kein Zug veränderte sich in seinem Gesicht, welches trüb und verzerrt aussah. Philipp Unruh bemerkte, daß das Zimmer leer war, und schritt dem Eingang zu. Der Wirt begrüßte ihn mit einem lärmenden Freudenausbruch und führte ihn durch einen stockfinstern Gang. Ohne daß es beide merkten, folgte ihnen eine Frauengestalt, welche vom Ratgeber herabgekommen war. Und als der Lehrer die Schwelle überschritt, drängte sich jene vor und lief mehr als sie ging, auf Siebengeist zu. Sie hatte eine schwarze Larve vor dem Gesicht, einen glatten langen Mantel über dem Ballkleid, und ihre Augen leuchteten unnatürlich. »Ich wußte es ja, daß du hier bist,« sagte sie mit heiserer Stimme. »Du machst den Wegelagerer, lauerst einer Komödiantin auf.« – »Was soll das?« entgegnete Siebengeist mit merkwürdiger Geduld. »Ja, ich erwarte sie, aber sie kommt nicht, kommt nicht, trotzdem sie es versprochen hat.« Seine Stimme klang müde, und er veränderte seine Haltung nicht, sondern blickte fortwährend durch das Fenster auf die nächtliche Straße. Der Wirt hatte das Gesicht in die Türspalte gepreßt und grinste freundlich und lauernd. Philipp Unruh ergriff die Klinke und schloß mit sanftem Druck die Tür. Dann räusperte er sich achtungsvoll, um seine Anwesenheit kundzugeben. Der Raum hier war wie eine Fortsetzung des engen Flurs, und nur gegen das Fenster hin verbreitete die Kerze spärliches Licht, die im Hals einer Weinflasche auf dem Tisch stand.
»Was sorgst du dich, Liebster?« begann die Frau wieder und machte eine flehentliche Gebärde. »Sieh mich doch an, bitte. Befiehl mir, daß ich sie herbeiholen soll, die du liebst, und ich werde es tun. Befiehl mir, aber sieh mich an, errette mein Leben.« – »Wie kann ich dein Leben erretten, da du meines zerstört hast,« erwiderte Siebengeist, starrer noch als bisher. »Ich habe nicht besitzen dürfen, weil deine Künste mich schwach werden ließen. Deine Verlockungen haben meinem Wunsch die Kraft genommen, deshalb bin ich nicht würdig, das beste zu besitzen. An dir hab ich mich verschwendet. Also geh in dein Haus und sei zufrieden.«
Das Weib nahm ein Glas mit Wein vom Tisch, schleuderte es zu Boden, daß die Scherben klirrten, und rief verzweifelt: »Dann soll mein Wunsch kraft haben, denn ich wünsche ihr den Tod!« Damit fiel sie in die Kniee, rang die Hände und lehnte das Gesicht an die Hüften des regungslosen jungen Mannes.
Der Lehrer verharrte eine Zeit lang völlig gelähmt in dem Winkel zwischen Tür und Ofen. Er dachte, gänzlich sich selbst entfremdet: die Liebe ist eine Gewalt, welche den Menschen erniedrigt. Er dachte, daß es besser sei, nicht zu wissen, als im Wissen zu sündigen. Wo früher rings um ihn her ein friedliches Einerlei sich gedehnt, sah er jetzt Gesichter, aus denen die Aufregungen des Leidens und des Verlangens redeten. Es war, als ob ein träges, aber starkes Wesen in ihm schwere, staunende Augen aufschlüge.
Unter dem Zwang seines Anstandsgefühls trat er endlich mit vernehmlichem Schritt gegen den Tisch zu und wünschte guten Abend. Die Baronin stutzte und erhob sich rasch. Siebengeist drehte sich lässig um und blickte dem Lehrer forschend, jedoch nicht ohne Freundlichkeit ins Gesicht. »Ich komme,« sagte Philipp Unruh, indem sein eigenes Zimmer wie eine Insel der Sehnsucht vor ihm aufstieg, »ich komme, um Ihnen, Herr Siebengeist, etwas mitzuteilen.« Der Provisor, voller Ahnung, zog den Lehrer in den entgegengesetzten, dunklen Teil des Zimmers. Seine Augen waren umschattet und hatten einen zersplitterten Blick; die Stirn war unruhig; das ganze sympathische Gesicht glich dem eines Spielers, der im Begriff ist, einen hohen Einsatz zu verlieren.
In schwerfälligen Worten brachte der Lehrer heraus, was sich ereignet hatte. Ohne zu zaudern, ohne einen Laut von sich zu geben, warf Siebengeist den Pelz um die Schultern, stülpte die Kappe über, winkte dem Lehrer durch eine Handbewegung, ihm zu folgen, und beide eilten nun hinaus und die Landstraße hinab. Als sie das Schulhaus erreicht hatten und die enge Treppe emporklommen, war kaum eine Viertelstunde vergangen.
Der Lehrer öffnete die Tür. Sein Blick fiel auf das Bett, welches leer war. Myra war nicht im Zimmer. Jetzt erinnerte er sich, daß das Haustor nur angelehnt gewesen war. »Sie ist fort,« murmelte er tonlos, und Kälte rieselte über seinen schweißbedeckten Körper. »Hier lag sie auf dem Bett, sehen Sie.« Und da er sich der Worte entsann, die sie zu ihm gesprochen, verstummte er und schaute nachlauschend gegen die Wand, als ob von dort ein Wiederhall ausflösse.
»Was haben Sie gemacht, Schulmeister? Haben Sie geträumt?« stieß Siebengeist hervor. Er rückte die Kappe gegen den Hinterkopf und legte die Hand über die Stirn, die von wirren, nassen Haaren bedeckt war. Dann griff er nach einem Gegenstand, der auf dem Tisch lag, mitten auf einem weißen Blatt Papier. Es war das Herz mit dem vers Dieu va. Ein Zucken ging über sein Gesicht, und er biß die Lippen zusammen. Das goldne Ding fiel auf die Erde. – »Vielleicht ist sie nach Hause zurück,« flüsterte Siebengeist fragend, und Philipp Unruh gab durch Haltung und Blick seine Willfährigkeit zu allem kund. Auf der Straße trafen sie den Nachtwächter, welcher sehr betrunken war. Er wußte von nichts, nicht einmal ob es Tag oder Nacht war, hatte niemand gesehen. Sie läuteten vor dem Haus, wo Myras Mutter wohnte, und nach einiger Zeit kam eine Person von ungewöhnlicher Beleibtheit zum Vorschein. Diese Person glich einem Laubfrosch; sie trug einen moosgrünen Schlafrock und hatte einen Schnurrbart, obwohl sie ein Weib war. Mit schnarrender Stimme berichtete sie, daß der Schauspieler und die Frau vor einer Stunde mit dem Münchener Eilzuge abgereist seien. Das junge Fräulein aber sei seit dem Abend nicht heimgekehrt. Siebengeist reichte der Dame ein Talerstück und bat in atemlosen Sätzen, sie möge ihm für ein paar Stunden eine gute Laterne leihen.
Sie wanderten über den Markt und über die Altmühlbrücke gegen die Dinkelsbühler Landstraße hinaus mit ihrer Laterne. Schweigend legten sie ihren sinnlosen Weg zurück, während der Schnee im Lichtschein glitzerte. Beide waren von derselben Ahnung, derselben Unruhe aufs äußerste erregt, aber jeder scheute des andern Wort oder Frage. Bisweilen blieb Siebengeist stehen, hielt die Laterne hoch oder stieg auf einen Meilenstein und spähte in das lautlose, finstere Winterland. »Jetzt wollen wir auf Theilheim zu,« sagte Siebengeist, und mit einem Auflachen fügte er hinzu: »Glauben Sie denn, daß eine einzige Nacht genügen wird, sie zu finden?« – »Es sind Wälder hier herum,« entgegnete der Lehrer. »Aber es ist möglich, daß sie noch im Ort ist.« – »Es ist möglich, ja. Was ist nicht alles möglich! Es ist möglich, daß sie verschwunden bleibt, und ich habe nicht ein einziges Mal – –« »Was? –« »Diesen wunderbaren Mund küssen dürfen.« Siebengeist blieb am Flußufer stehen, warf den Kopf ein wenig zurück und drückte die Augen zu. Der Lehrer entgegnete nichts darauf.
Zehntes Kapitel
In derselben Nacht noch, gegen die Morgenstunden, kamen Tauwinde aus dem Süden. Siebengeist und der Lehrer waren heimgekehrt und verbrachten miteinander den schlaflosen Rest der Nacht in des Lehrers Zimmer. Abgerissene Erzählungen überdeckten die suchenden Gedanken. Siebengeist lachte über den Gang mit der Laterne, so wie nur er zu lachen verstand, und der Lehrer dachte wieder: ein Adonis. Jedoch glaubte er sich bevorzugt wie durch unvertilgbare Versprechungen.
Zwischen sechs und sieben Uhr schlief er noch einen kurzen Schlummer der Müdigkeit. Er träumte, daß er sich in den Affen Kümmerlich verwandelt habe, daß er auf dem Dach des alten Turmes stehe und Grimassen schneide, über die die ganze Welt und insbesondere eine Frau mit einer schwarzen Larve unbändig lachen mußte. Doch wunderlicherweise hatte dieser Traum für ihn etwas Quälendes, vielleicht deshalb, weil die Höhe des Turms ihn trotz aller Grimassen mit Angst erfüllte.
Als er um neun Uhr am Schulfenster stand und gleichgültig die Ziegelmauern der Synagoge anstierte, liefen auf der Straße Menschen zusammen. Ein Milchbauer hatte auf seinem Handwägelchen einen großen, dunklen Gegenstand liegen, der sich wie ein menschlicher Körper ausnahm. Der Milchbauer redete eifrig mit den Leuten und zwinkerte dabei erregt mit den Augen. Der Lehrer öffnete das Fenster und rief hinunter, was es denn sei. Man habe ein Mädchen erfroren auf dem Feld gefunden, hieß es, und diejenigen, die das sagten, es war der Schmied, ein Marktweib und der alte Löwy, gebärdeten sich außerordentlich sachkundig. Auch der Bäcker kam aus seinem Laden, indem er den Mehlstaub von den dicken Schenkeln klopfte. Die Kinder im Schulzimmer verließen alle ihre Plätze, drängten sich mit Wildheit an die Fenster, und Philipp Unruh sah sich alsbald seines Aussichtspunktes beraubt, da eine Horde von schwatzenden Mädchen ihn umringt und zurückgeschoben hatte. Er fand kein strafendes Wort, sondern blickte geistesabwesend auf einen der blondhaarigen Kinderköpfe.
Schnell wie Strohfeuer lief das Gerücht umher, daß eine Schauspielerin von Herrn Schmalichs Truppe erfroren in den Feldern gefunden worden sei. »Se woar im Schneei douglegn wier in ihrn Bettla,« sagte der Milchbauer zu Doktor Maspero, der den Leichnam besichtigte. Auch der Bürgermeister und ein gerichtlicher Funktionär stellten sich ein, und die Leute, die den Totenwagen fuhren, zeigten sich verdrießlich über die Arbeit, die nichts trug.
»In diesem begabten Mädchen steckte das Zeug zu einer Ophelia,« sagte Herr Schmalich zu den Mitgliedern seiner Truppe, als er die Gedächtnisrede während der Probe hielt. Dann kam noch etwas vom Pantheon der Kunst, vom Kampf ums Dasein und weiblicher Tugend.
Die wahrhaft vornehmen Kreise nahmen das Ereignis mit Güte und Ruhe hin. Nur die Frau Assessor, welche eine unglückliche Schwärmerei fürs Theater hegte, schickte einen Immortellenkranz mit einer blaßroten Schleife, auf welcher ein nicht weniger blasses Verslein zu lesen war. Die Frau Oberamtmann geriet darüber in eine boshafte Aufregung und erzählte die ganze Geschichte im Kasinohof dem Herrn Adjutanten. »Kann solche Dummheit überboten werden!« rief die bewegte Dame aus. Der Herr Adjutant lächelte verzwickt, und als er zu Hause war, stellte er sich breitbeinig vor seinen Affen hin und redete ihn an: »Was sagst du, mein lieber Kümmerlich: ist es nicht rätselhaft, wie selbst die Dummen merken, daß die Dummen dumm sind?« Das Äffchen grinste höflich.
»Der Tod ist ein Ereignis, mit welchem man rechnen muß,« sagte der Baron Apotheker ernst und poetisch gestimmt zu seiner Frau, welche wie versteinert am Bücherregal lehnte, mit herabhängenden Armen und verschränkten Fingern. Ihr sonderbares Wesen veranlaßte den Dichter kaum zu einem flüchtigen Nachdenken. Solche Naturen sind wie Messer ohne Klingen. Sie gleichen einem Schützen, der in der drohenden Pose des Anschlags steht, aber statt der Flinte ein Spazierstöckchen zwischen den Schultern hält. Sie kriechen herum wie aufgeblasene Regenwürmer und vermeinen einen Adlerflug zu nehmen. Bis zu ihrem Sterbebett werden sie den Tod für ein Ereignis halten, das Beachtung verdient.
Die junge Frau schleppte sich mühsam eine Treppe empor und pochte an Siebengeists Zimmer. Da alles still blieb, drückte sie auf die Klinke, jedoch die Tür war verschlossen. Da pochte sie abermals und rief ein bittendes Wort, allein sie erhielt keine Antwort. Ihr schwindelte. Sie ging herab in die Apotheke und fragte den zweiten Gehilfen, wo das Strychnin sei. Im Grunde wußte sie, daß sie sich des Giftes nicht bedienen würde. Auch sie war angesteckt vom Lügengeist des Herrn. Auch sie hielt sich, wenn nicht für einen Adler, so doch für eine Schwalbe, eine sehnsüchtige, nestsuchende und war nur ein armes Würmchen.
Es war ein träumerischer Tag. Der Himmel, mattblau, grünlichblau, war von schleierdünnen Wolken durchzogen. Allenthalben lief geschäftig murmelndes Tauwasser zu Bächen zusammen. Durch den schwarzgesprenkelten Ackerschnee ragten die Stoppeln vom letzten Herbst. Bis zu den fernsten Waldgrenzen dehnte sich der Horizont, und die Februarsonne füllte das Land mit frühlinghafter Wärme.
Gegen die Zeit der Dämmerung kam Siebengeist zum Lehrer Unruh. »Machen wir einen letzten Gang,« sagte der Provisor, dessen Augäpfel auffallend ruhelos unter den Lidern hin und her irrten. Der Lehrer wußte sich nicht zu erklären, was damit gemeint war, aber er folgte. Für ihn hatte die Gegenwart noch keine Zunge. Wie ein Trunkener vergißt, was ihn trunken gemacht, so hatte er die Ursache dessen, was in ihm wühlte, aus der Empfindung verloren. Er begann nach rückwärts zu leben. Er erkannte sich selbst und das, was aus ihm geworden war, mit der Klarheit einer Halluzination. Ganz anders als früher schien es ihm jetzt seine eigene, angeborene Sprache, wenn er redete, schien ihm sein Gefühl, was er empfunden, und sein Urteil, was er beschlossen. Das Bild der Welt und ihrer Menschen verlor völlig den Anschein der Selbstverständlichkeit und des Unumstößlichen, und aus allen Dingen, aus allen Ereignissen, aus jedem Gesicht, aus jedem Hinschwinden des Tages und der Nacht tauchte etwas ungeheuer Geheimnisvolles auf, das ihn schaudern machte und ihn mit einer noch ganz anderen Trauer erfüllte, als derjenigen, die er in Siebengeist beobachtete. Aber wie sonderbar! Darüber schwebte wie das Licht über einem finstern Wald etwas wie Freiheits- und Einsamkeitsfreude.
Sie waren zum Leichenhaus gewandert, einem Backsteinhäuschen, das verlassen in der Abenddämmerung lag. Siebengeist ging zur Totengräberwohnung und ließ aufsperren. Der Mann, unter dem Druck von Siebengeists Hand willfährig geworden, brachte eine Art Stallämpchen mit einem Blendblech und ließ die beiden allein. Zwei Särge standen inmitten des Raums, halb aufrecht gegen eine Bank gelehnt. In dem einen lag eine Greisin, deren Lider nicht ganz geschlossen waren, so daß sie, was vor sich ging, argwöhnisch zu beblinzeln schien. Ihr Gesicht war gelb wie frisches Baumholz und hatte einen außerordentlich höhnischen und feindseligen Ausdruck. Auf ihrer faltigen Stirne lief gemächlich eine Fliege umher. Der ganze Kopf bekam überdies durch eine hohe weiße Haube mit blauen Bändern ein theatralisches und bizarres Aussehen.
Daneben lag Myra. Auf der einen Wange war ein seltsamer roter Fleck, wie ein Überbleibsel des Lebens. Die Unterlippe war ein wenig herabgesunken, wodurch das Gesicht müde, fast schlaftrunken aussah. Die Stirne sah aus wie geschliffen, und um die Augen lag ein abweisender, kindlich überlegener Zug. Die Hände waren leicht gefaltet. Der Ärmel des Gewands wurde leise von der Abendluft bewegt und erzeugte einen tierähnlichen Schatten über den Fingern.
Siebengeist kniete nieder und legte still den Kopf auf den Sargrand. Sein Rücken begann zu zucken, und die rechte Hand suchte den Boden. Der Lehrer dachte etwas Unbestimmtes, Frommes über den Tod, verwarf aber leidenschaftlich diese Gedanken wieder und zwang seine Blicke, auf dem mißtrauischen Gesicht der alten Frau haften zu bleiben. Er ärgerte sich über die freche Fliege, die wie schlafend auf einem Augenlid saß. Und plötzlich sah er, wie Siebengeist sich ein wenig erhob, seine Lippen langsam dem Antlitz Myras näherte, und wie er lautlos seinen Mund auf ihren toten Mund drückte.
Philipp Unruh stieß einen schwachen Schrei aus und fühlte den Boden unter sich wanken. Ihm brannte die Kehle und das Herz und das Gehirn, als ob er im Feuer stände, aber mit unbegreiflicher und erschreckender Raschheit kehrte eine eisige Ruhe in ihn zurück. Er legte die Hände vor die Augen und kehrte das Gesicht dem Kirchhof zu und dem Stückchen Wald hinter der Mauer. In diesem Augenblick hatte er Tod und Leben gleichzeitig in einem elementaren Bild empfunden.
Beim Heimwärtsgang stand die Mondsichel über den Dächern des Städtchens. Von der Eisenbahn tönte ein langgezogenes Hornsignal herüber. Die Dunkelheit ist lästig und drückend, dachte Philipp Unruh. Er begann den Tag der Nacht vorzuziehen, wo eine bittere und verschwommene Traurigkeit so leicht Nahrung finden konnte. Sie gingen hinter den Gärten am Rand der Äcker und Siebengeist fing an zu reden. Er gefiel sich in Kapriolen des Geistes, in blasphemischen Anklagen, seufzte schwer und war dann wieder still. Alles nahm sich wie beabsichtigter Wahnsinn aus. Von seinem hübschen Gesicht war wie im Rausch jede Besonnenheit verschwunden, und was er tat, trug das Zeichen von überhebendem Schmerz. »Gute Nacht, Schulmeister,« sagte er. »Meine Seele ist leer wie ein ausgebranntes Haus.«
Was er doch für Worte gebraucht, dachte der Lehrer. Er verspürte plötzlich einen nagenden Hunger, denn seit vielen Stunden hatte er nichts gegessen. Er trat neben dem Schulhaus in den Laden des Bäckers und verlangte frisches Schwarzbrot und ein wenig Butter.
»Ach du mein Gott, sieht man den Herrn Lehrer auch einmal,« sagte der Bäcker, und mit halb pfiffigem, halb verlegenem Gesicht schraubte er das blakende Licht tiefer. Er war eigentlich recht bestürzt, denn auf dem Ladentisch vor sich hatte er einen großen Folianten aus des Lehrers Bücherkiste liegen. Er hatte sich eben nach Herzenslust an einer Kriegsbeschreibung ergötzt. Der Lehrer sah sogleich das Buch und schlug erstaunt die Hände zusammen: »Herr Bäckermeister, Sie wissen wohl gar nicht, wessen Eigentum das ist?« sagte er unsicher, wie alle gutmütigen Menschen, wenn sie einem andern auf Schelmenstreiche kommen.
Was nun den Bäcker betrifft, so begann er eine Geschichte zu erzählen, die durchaus kein Ende nehmen wollte. Diese Geschichte wurde allgemach recht verwickelt und bot schließlich selbst dem Erzähler Schwierigkeiten. Sprüche zur Weltweisheit mischten sich darein wie Aniskörnchen in den Brotteig, nur zuletzt kam, einer Apotheose zu vergleichen, der Preis des Handwerks, welches ebenso sein Gutes habe, wie die Gelehrsamkeit.
Philipp Unruh lächelte. Der humoristische Mann, der ihm gegenüber auf dem Backtrog saß, hatte in der Glorie seiner Lügenhaftigkeit etwas seltsam Versöhnendes, und es lag wie eine unwiderstehliche Heiterkeit in jedem dieser Lügenworte, die weder gewogen, noch gezählt waren. Daß er wieder in den Besitz seiner Bücher kam, erfreute ihn, doch in anderm Grade, als er je geglaubt. Es war wie ein Geschenk, und er betrachtete sein Eigentum wie etwas, das er nie besessen. Er wußte, daß es da nur tote Dinge, tote Blätter gab. Die Vergangenheit ist etwas Gestorbenes, dachte er; wer ihren Leichnam küßt, macht das Gesicht des Todes doppelt furchtbar; was er berühren mag, wird dem Leben entfremdet sein.
Es war ein so milder Abend, daß es den Lehrer wieder fort von seiner Behausung trieb, und er beschloß, gegen das Altmühlufer hinunter zu wandern. Als er in die enge Kirchengasse bog, sah er sich gegenüber auf der Schwelle eines beleuchteten, schmalen Hausflurs ein kleines Mädchen sitzen, welches das Gesicht in die Schürze gelegt hatte und weinte. Ein Knabe von vielleicht zwölf Jahren stelzte ernsthaft über die Gasse und fragte mit Würde, beide Hände tief in die Hosentaschen gesenkt: »Warum weinst du denn?« Die Kleine hob das Gesicht, und Philipp Unruh, der im dunklen Schatten stehen blieb, erkannte das Mädchen der Frau Süßmilch. »Ich kann meine Aufgabe nicht lernen, sie ist zu schwer,« schluchzte das Kind. Der Knabe räusperte sich, spreizte die Beine, legte die Hände auf den Rücken und begann: »Du bist meine schlechteste Schülerin, Süßmilch. Aus dir wird im Leben nichts werden. Du hast ja lauter Heu im Kopfe. Pfui!« Philipp Unruh sah, daß ihn der Bursche nachäffte, und errötete in seinem Versteck. Das kleine Mädchen aber trocknete die Augen, stützte den Kopf in das Händchen, schaute wehmütig zum klaren Sternenhimmel auf und sagte aus tiefstem Herzensgrund: »Ach ja! Unser Herr Lehrer ist ein sehr böser Mann.«
Der Lehrer ging langsam über die Gasse, nahm das Mädchen auf die Arme und küßte es lächelnd auf die Stirn.
Treunitz und Aurora
Bekenntnisse eines Offiziers
Die Stille des Gefängnisses ist der Selbsteinkehr günstig. Ich werde also das Papier zu meinem Beichtiger machen und der Wahrheit gemäß berichten, wie sich die Dinge abgespielt haben, und wie ich zu der Tat gelangt bin, durch die ich mein Leben verwirkt habe. Ich bin des Todes schuldig und ich werde aus dieser Erkenntnis alle Folgerungen ziehen, zu denen ich als Mann und Soldat so berechtigt als verpflichtet bin. Immerhin könnte ich beschönigend von einem verhängnisvollen Irrtum sprechen, durch den mein Glück, meine Freiheit, meine Zukunft, meine ganze Existenz der Vernichtung preisgegeben wurde, aber die Schmach würde dadurch um nichts geringer werden, und wenn ich gleich die furchtbare Leidenschaft, die mich ergriffen und ruiniert hat, zu verurteilen imstande bin, so ist es selbst in diesem Augenblick noch unmöglich, sie gänzlich aus meinem Herzen zu reißen.
Ich bin mit der Vorliebe für den Soldatenstand geboren. Doch trieb mich dabei keineswegs Ehrgeiz oder Ruhmsucht; auch nach Abenteuern stand mir nicht der Sinn, wie das bei Knaben oder Jünglingen sonst der Fall zu sein pflegt, sondern ich wollte meine Person in den Dienst des Vaterlandes stellen, und wonach ich strebte, war eine würdige Verwendung meiner Kräfte und Fähigkeiten. Ich besaß Mut und war körperlich gewandt und tüchtig; auch hatte ich, was für den Militär jedes Ranges von Wichtigkeit ist, Disziplin im Leibe, das Talent und den Willen zur unbedingten sachlichen Unterordnung. Da ich von Haus aus vermögend bin, meine Mutter besitzt eine große Gutsherrschaft bei Arnstein, wurde der Wahl meines Berufs kein Hindernis in den Weg gelegt, und nach Absolvierung der Schule trat ich als Freiwilliger bei der Marine ein. Aber ich fand dort kein Genügen, das Leben war eintöniger, als ich gedacht, und nach Verlauf von zwei Jahren trat ich zur Feldartillerie über, wo ich mich als brauchbarer Offizier eines gewissen Ansehens erfreute und wegen meiner Begabung für militärwissenschaftliche Fächer die besondere Gunst der Vorgesetzten genoß.
Da entbrannte in Südafrika der Burenkrieg; ich sah die Gelegenheit, etwas zu leisten, ich hatte keine Lust mehr am Garnisons- und Manöverdienst; die Verhältnisse, unter denen ich mich bewähren konnte, erschienen mir zu klein; kurz und gut, ich erbat den Abschied, zur Verwunderung und zum Bedauern meiner Kameraden, die mich gerne hatten, mich aber nach diesem für sie unbegreiflichen Schritt eines Mannes, der die begründetste Aussicht auf Karriere hat, für einen unbesonnenen Haudegen hielten.
Ich habe da unten die Bluttaufe erhalten, die Fremde tat mir wohl, das wilde äußere Leben band mich fester in mich selbst. Als ich nach geschlossenem Frieden in die Heimat zurückkehrte, war ich ein anderer Mensch, und wenn ich noch einen Rest von unreifer Romantik in mir gehabt, so hätte ihn die ernsthafte Zeit, die ich verlebt, mit Stumpf und Stiel ausgetrieben. Ich erfuhr die Genugtuung, sogleich wieder als Offizier in die Armee eingereiht zu werden, und es war der froheste Tag meines Lebens, als ich wieder den dunklen Rock der Artilleristen anziehen durfte. Ich hatte nebenbei die Gewißheit, zum Generalstab berufen zu werden; dies geschah auch, und um meine kühnsten Erwartungen zu übertreffen, wurde ich mit einer Aufgabe betraut, die sonst nur selten einem Offizier meines Dienstalters gestellt wurde; man entsandte mich als Berichterstatter der mazedonischen Vorgänge nach Saloniki.
Ich war noch nicht zwei Monate auf meinem Posten, da brach in unsern afrikanischen Kolonien der Aufstand der Schwarzen aus. Jetzt lag der Fall anders denn damals, wo ich das Heer hatte verlassen müssen, um ins Feld zu kommen; jetzt konnte ich mich meinem kaiserlichen Herrn und Kriegsherrn selber zur Verfügung stellen. Da man tüchtige Offiziere suchte, wurde mein Anerbieten ohne Verzug berücksichtigt, ich wurde zum Hauptmann bei der Schutztruppe ernannt, und vier Wochen später war ich schon auf See.
Ist ja richtig; es war eine elende Katzbalgerei mit den schwarzen Rackern, und viel gutes deutsches Blut ist geflossen, aber wars gleich sauer, so wars doch nahrhaft, wie unsere Exzellenz zu sagen liebte. Es war ein schönes freies Leben, wie ich alles noch sehe und spüre! Die sengende Mittagshitze und die Morgenkühle, die zerstörten Pontonks und die infamen Wege, der Feind in Busch und Dickicht und die unaufhörlichen Schüsse aus den Baumkronen! Wie das surrte und schwirrte und sang und heulte, so dicht, daß es einen erstaunte, wenn man seine Gelenke noch zusammenhängen fühlte. Hungrig legte man sich schlafen, den Revolver im Arm, an Feueranzünden nicht zu denken, und weh dem, der vom Durst getrieben zu den Wasserlöchern schlich, er ward in der Frühe mit Kirris erschlagen gefunden. Da war man doch ein Kerl, da konnte man sich bewähren, da spürte man seine Pulse.
Leider bin ich bei den Gefechten am Waterberg verwundet worden. Ich konnte nicht mehr Dienst tun und mußte alsbald die Heimreise antreten. Dritthalb Monate blieb ich in Berlin; man machte viel Aufhebens mit mir, und viele Leute feierten mich wie einen Blücher, was mir oft die Schamröte ins Gesicht trieb, denn ich war mir nicht bewußt, etwas Sonderliches verrichtet zu haben. Aber dergleichen gibt sich, und wenn man Verdienste hat, empfiehlt es sich, sie den Leuten nicht durch die eigene Gegenwart lästig zu machen. Eine Zeitlang war von meiner Aufnahme als Lehrer in die Kriegsakademie die Rede, doch, vor die Wahl gestellt, zog ich schließlich den subordinierten Posten eines Batteriechefs in der Provinz vor, allerdings mit der baldigen Anwartschaft auf den Majorsrang. Meine Mutter kränkelte, ich wünschte in ihrer Nähe zu leben, und des unruhvollen, weltstädtischen Treibens, an dem ich nie Freude gehabt, war ich ohnedies müde.
Dazu kam noch, daß mir die Fremde ganz wie mit einem Male den Blick verwandelt hatte. Entweder war ich nicht mehr derselbe, oder die Heimat war nicht mehr dieselbe. Aufrichtig gesagt: die Luft im Reich gefiel mir nicht. Sie war mir zu wetterwendisch; winterlich scharf von oben und giftig süß von unten, fast wie eine afrikanische Nacht. Nichts wurde mit Wohlwollen reguliert, alles mit Manometer, und wer hinten nicht gestoßen wurde, der ging nach vorne nicht weiter. Unsre jungen Herren fand ich so ohne jede Herzlichkeit, daß sich einem der Gaumen zusammenzog, wenn man mit ihnen redete. Immer bloß aufs Elegante versessen, geschniegelt wie die Reitpferde und trocken wie Stiefelsohlen. Die Aristokraten hochnäsig und zimperlich, die Bürgerlichen streberhaft und vom frischen Reichtum verdorben und verweichlicht, das Volk rebellisch und respektlos. Keiner, der aus Eigenem was vorstellte, erst durch sein Geld oder sein Amt oder seine Orden oder seine Hemdbrust. Großes Maul, ja, aber kein freies Wort, keine offene Meinung. Hölzernes Getue galt für Form, kaltschnäuziges Nörgeln für Geist und öde Prahlhanserei für Selbstbewußtsein.
Wenn man mir die Berechtigung abstreitet, eine solche Sprache zu führen, so habe ich allerdings keine andere Antwort, als den Hinweis auf eine bis dahin ehrenhafte Existenz. Es war mir eben die Laune verdorben, und eher trübgestimmt als hoffnungsvoll kam ich nach der kleinen Garnison. Auch hier fühlte ich mich nicht wohl; ich begann mich zu langweilen; ich merkte alsbald, was das heißt, in einer Provinzstadt zu leben, die trotz ihrer vierzigtausend Einwohner etwas ist wie ein Sparta des Altertums, mit ebenso streng geschiedenen Kasten, nur daß die kriegerische Härte der Vorschriften durch minder folgenschwere, aber keineswegs leicht zu übertretende Bestimmungen gesellschaftlichen Charakters ersetzt werden. Da sind die Spitzen der Behörden, die militärischen Würdenträger, die Industriellen, die Gutsbesitzer, die jungen Leute, die eine Rolle spielen, die andern, die bloß eine spielen möchten; da ist die Generalin oder Oberstin, die das Wetter macht, und die kleine Apothekersgattin, die gerade noch geduldet ist; da ist die reiche Fabrikantenfrau, die ihre Toiletten aus Berlin bezieht, und die Frau Amtsrichter, die aus ihrem Wirtschaftsgeld mittelst rührender Entbehrungen den Preis für ein einziges schwarzes Seidenkleid erübrigt, das sie unter Beihilfe der Köchin und eines Mädchens vom Lande selber näht und das ihr die abendlichen Feste verbietet, wenn der Stoff an den Ärmeln den fatalen Mattglanz zu zeigen beginnt. Zu Kaisers Geburtstag gibt der Regierungspräsident einen Ball; zur Errichtung eines Kriegerdenkmals wird eine künstlerische Soiree veranstaltet, bei welcher allerlei junge Mädchen wegen ihrer Fortschritte in Gesang und Klavierspiel beklatscht werden; man geht ins Theater, man wird zur Enten- und Hasenjagd geladen, und die verheirateten Frauen holen sich aufregende Romane aus der Leihbibliothek. Einmal im Monat ist Parademarsch, am Sonntag nach der Kirche spielt die Regimentskapelle auf dem Residenzplatz, abends sitzt man dann im Kasino oder im Speisesaal des Hotels de l’Europe, und nach elf Uhr nachts lungern nur noch irgendwo hinter abgesperrten Türen ein paar ausgestoßene Existenzen an einem Kartentisch, und zwei Studenten brüllen vor dem Fenster einer begehrten Kellnerin das Krambambuli.
Alle diese kennen einander und wissen vieles von einander und verbergen sich voreinander und schätzen einander und sind einander im Wege und passen einander auf. Das enge Zusammenleben begünstigt Klatsch und Übelrednerei; jeder kehrt den Schmutz vor des Andern Tür; Dummheit, Bosheit, Neid und Mißgunst lassen selbst den Redlichen nicht ungeschoren, alles, was Aufsehen macht, findet Teilnahme, alles, was in der Mode ist, Nachahmung; für ernsthafte Interessen ist wenig Sinn. Dies erfuhr ich bald. So sehr es anfangs meinem Selbstgefühl schmeichelte, daß ich nun auch zu Hause ein jemand war, der Beachtung verdiente und Ansehen genoß, denn es war ja meine engste Heimat dahier, so wenig wurde ich meines Wirkens froh. Ich kam mir vor wie ein verfaulender Baum.
Ich erinnere mich nicht mehr genau, an welchem Tag es war, als ich die Majorin Westermark kennen lernte. Ich schließe daraus, daß sie mir damals wenig Eindruck gemacht hat. Ich sah sie zum erstenmal bei der Frau von Rütten, die eine Freundin meiner Mutter ist, und die, wie mir meine Mutter vorsichtig verriet, die löbliche Absicht hatte, mich mit ihrer siebzehnjährigen Tochter zu verheiraten. Ich machte mir aber nichts aus dem Mädchen, und das ist lediglich mein Fehler, da sie ein hübsches und vernünftiges, obschon etwas nüchternes Geschöpf ist. Nach allem, was ich bereits über die Majorin gehört, hatte ich mir eine junonische Gestalt gedacht und war deshalb überrascht, sie so klein, zart und kindhaft zu finden. Ihr Wesen gab in Gesellschaft nichts her, nichts von Welt und nichts von Innerem, ihr Lächeln war kühl, in der Bewegung der Lippen zeigte sich eine gewisse Naschhaftigkeit; am meisten gefielen mir die Augen, die blau, durchsichtig, ausgedehnt und voll Perlmutter waren, mit Brauen, schwarz und fein wie zwei Sepiastriche.
Eine solche Stadt wie die, in der ich mich befand, hat alle Späherblicke immer auf den Punkt geheftet, wo eine ungewöhnliche Erscheinung hervortritt und sich auf ihre besondere Art gebärdet. Ich habe schon angedeutet, daß das vielfache Gerede über die Majorin auch zu mir geflossen war. »Was sagen Sie zu der Frau? Ach, Sie wissen nicht? Sie wissen nicht, was die Spatzen von den Dächern pfeifen?« Nein, ich wußte es nicht, ich bezeigte auch kein Interesse dafür. »Sie verstellen sich doch wohl. Oder glauben Sie, daß das eine glückliche Ehe ist? Der Mann ist zwanzig Jahre älter, Sie begreifen. Die Frau hatte früher einen reichen, schlesischen Branntweinbrenner, von dem sie geschieden ist. Sie ist schön wie das Laster, und so elegant, daß unsre Damen vor Neid nicht schlafen können; echte Pariser Hüte, echte Brüsseler Spitzen, echte Pelze, Diamanten wie ein persischer Prinz, und Parfüms, Parfüms sage ich Ihnen, überwältigend wie eine Ananasbowle nach einem Jagdritt.« – »Nun ja, der Major ist sicherlich reich.« – »Nein, die Frau hat Geld, die Frau. Der Major ist ein Sonderling. Ich möchte ihm gern meine Augen leihen.«
O Bosheit aus dem Winkel, die du Augen verleihen willst, dachte ich mir. Aber die üblen Gerüchte waren hartnäckiger als meine Gleichgültigkeit. Ich traf eines Tages einen Freund in der Stadt, einen jungen Ingenieur, der irgendwo in der Nähe den Bau einer Eisenbahnbrücke leitete. Wir waren als Gymnasiasten ein paar Jahre lang unzertrennlich gewesen, und es bereitete mir lebhaftes Vergnügen, ihn wiederzusehen. Wir kamen oft zusammen, bald in einer Weinstube, bald in seiner oder meiner Wohnung; und wie es schon so geht, einmal gerieten wir beim Gespräch auch auf Aurora Westermark und die über sie umlaufenden Gerüchte. Mein Freund kannte sie nur flüchtig, aber er war einer jener Menschen von instinktivem Scharfblick, die in andern Seelen lesen zu können scheinen, und deren Urteil sich daher von selber Vertrauen erzwingt.
Deutlich steht mir noch jene Stunde vor Augen und genau ist mir noch jedes seiner Worte gegenwärtig, die ich nur mit innerem Unwillen anzuhören vermochte. »Diese Frau hat die Gabe, unschuldig zu scheinen und Leidenschaften einzuflößen«, sagte er ungefähr. »Wie sie den schwer zugänglichen Major umgarnt hat, das ist gewiß ein Kunststück gewesen. Ich weiß nicht, ob dir die Umstände bekannt sind; es war während der großen Manöver vor zwei Jahren; umschwärmt von den Offizieren eines ganzen Stabes, hatte sie sich’s offenbar in den Kopf gesetzt, den sprödesten und verstocktesten zu gewinnen, denjenigen, für den eine Weltdame etwas war wie ein seltenes Schmuckstück, das er sich verschafft ohne Freude und Verständnis, nur weil er gerade bei Geld und guter Laune ist und weil es von andern gerühmt und begehrt wird. Sie hatte den schlechtesten Ruf. Man sagt, daß sie Liebe verkauft hatte, unumwunden und unter Vorwänden, um einer Perlenkette willen, um eines Ränkespiels willen, um nichts ungenossen vorübergehen zu lassen von den Lockungen der Jugend, aus Gefallsucht, aus Sinnlichkeit, aus Langerweile, aus Schwäche, aus Lust an der Selbsterniedrigung, aus Vergnügen an einer doppelten Existenz in zwei Sphären der bürgerlichen Welt, von denen die eine nicht weiß, was in der andern geschieht, so daß die Geschicklichkeit, der einen die Kunde aus der andern vorzuenthalten, etwas von der Spannung eines Revolverdramas mit sich bringt und die sonst leeren Tage mit dem Tumult verschwiegener Betätigung erfüllt. Ich bin gewiß,« fuhr mein Freund fort, gegen den ich in diesem Augenblick eine nicht zu überwindende Empfindung des Hasses, ja des Abscheus hegte, »ich bin gewiß, daß sie’s gegenwärtig nicht viel besser treibt. Ich glaube nicht, daß sie je von Liebe erfahren hat, sondern nur von Aufregungen, Sorgen, abwägenden Interessen, Kränkungen des Stolzes, Gefahren der Enthüllung und die Überzeugung von der Nichtswürdigkeit der Männer, so wie eben solchen Frauen die Männer sich zeigen müssen.«
»Aber was wäre denn das für ein Leben!« rief ich kopfschüttelnd. »Welche Einsamkeit setzt das voraus, welche Kraft, alle diese Dinge in der Stille mit sich selber abzumachen!«
Mein Freund zuckte die Achsel. »Es ist das Leben eines Menschen, der auf glühenden Kohlen tanzt und sich stellen muß, als ging’s über einen harmlosen Teppich«, antwortete er. »Wir haben eine Menge solcher Equilibristen in der Gesellschaft, und das vertrackte und verlogene Dasein, das wir führen, fordert die unruhigen Köpfe geradewegs dazu heraus.«
»Gibt es denn irgendwelche faktischen Delikte?« fragte ich.
»Es heißt, daß sie mit jedem hübschen Offizier abenteuert; daß sie sich jedem Laffen hingibt, der sich der Mühe der Werbung unterzieht und den Preis nicht zu hoch findet, den Preis des Verrats nämlich. Auch sagt man, daß sie seit Jahren eine dauernde Beziehung zu einem Berliner Fabrikanten unterhält, der außerdem günstige Börsengeschäfte für sie vermitteln soll, den sie irgendwie draußen oder in der Stadt trifft und der eine unerklärliche Gewalt über sie ausübt, vielleicht die Gewalt bedenkenloser Brutalität. Daß der Major darüber in vollständiger Ahnungslosigkeit verbleibt, gehört zu unsern sonderbaren, aber nicht ungewöhnlichen sozialen Geheimnissen. Alle wissen, er nicht; alle raunen, er ist taub. Man schont ihn wahrscheinlich, man schont seine Stellung, seine Häuslichkeit, und sie hinwiederum profitiert von der Achtung, deren ihr Gatte genießt. Auch macht ihr Auftreten, ihre Schönheit, ihre vollendete Haltung die Argwöhnischen vorsichtig, und den Mut der Übelredner zunichte. Sie hat ja eine Art zu gehen, zu stehen, zu reiten, zu lachen, zu tanzen, die blendend ist, das muß man zugeben. Was tut’s, wenn bisweilen an den Grenzen des Bezirks ein Flämmchen aufzischt und einen Schritt der heimlichen Pfade beleuchtet? Oft sehen Augen, denen keine Zunge dient, die zu reden weiß, und ein anderes Mal schwatzen Mäuler, wo Augen nichts gesehen haben.«
Ich bekenne, daß mich dieses Gespräch bis in die Nieren erkältete. Dies »es heißt« und »man sagt« erfüllte mich mit Mißtrauen gegen den Freund, mit einer Art Furcht vor ihm; ich ging ihm von da an für lange Zeit aus dem Wege. Seine Ehrlichkeit erschien mir durchaus böswilliger Natur; ich bildete mir ein, daß ich einer ritterlichen Pflicht gehorchte, indem ich mich in meinem Innern auf die Seite einer wehrlosen Geschmähten schlug. Kleinstädtischer Klatsch, sagte ich mir, läßt den reinlich Denkenden eher zum Anwalt des Besudelten werden, als daß er die Partei von Feinden nimmt, die sich verbergen. Es war ein Selbstbetrug, dem ich mich hingab. Die Frau hatte ganz einfach mein Gefallen erweckt, und das wollte ich mir verhehlen. Ich traute ihr Schlimmes nicht zu, ich sah ein Kind in ihr, verführerisch, am Ende mißleitet, aber nicht verworfen. Ich sträubte mich nicht gegen die Freundlichkeit, die der Major alsbald in auffälliger Weise gegen mich an den Tag legte. Ich besuchte oft sein Haus, und es schien sich ganz von selbst zu geben, daß ich manche Stunden mit Aurora allein verbrachte.
Sie gestand mir, daß sie von Anfang an aufs innigste gewünscht habe, meine Bekanntschaft zu machen, denn sie habe beim ersten Blick gefühlt, daß ich ihr mit Wohlwollen gegenüber getreten sei. Dies mußte ich bestätigen, ihre schmeichelhaften Worte über meine Vergangenheit, meine Taten, meinen Ruhm usw. lehnte ich höflich ab. Die nichtigen Dinge, von denen sie mit mir plauderte, gewannen einen Reiz von Scherzhaftigkeit, dann wieder von anmutiger Melancholie. Vertrauen schien sie als selbstverständlich zu betrachten und war nicht einmal bedachtsam in ihrem Tadel über die Lebensführung anderer. Sie sprach mit einer unvergleichlich musikalischen Stimme, weich im Ton, klagend in der Färbung, hie und da mit einer Bemerkung voll Witz und Geist. Ihr Zuhören war sympathisch durch den Blick eines wißbegierigen Schülers. Sonst war sie nicht selten gequält, beunruhigt, verschüchtert, also gar nicht mehr Dame. Sie eroberte unbedingt, ich hätte ihr alles geglaubt, und ich glaubte auch alles, selbst das Unwahrscheinlichste, wennschon mir ihr Wesen manchmal wie Dünensand vorkam; erst denkt man etwas Festes zu halten, und wenn man zupackt, verrinnt und verrieselt alles zwischen den Fingern.
Im Verkehr mit ihrem Mann sah ich sie von gemessener Liebenswürdigkeit, Nachsicht mehr gewährend als beanspruchend, gegen launenhafte Bärbeißigkeit sich mit ironischer Duldermine wappnend, wobei ein forschender und spöttisch-kühner Blick den Beobachter zum Mitverschworenen machte. Der Major erweckte den Eindruck eines gutmütigen Mannes; er war untersetzt und korpulent und trotz seiner Jahre nur mäßig ergraut; doch pflegte er den Schnurrbart mit einer Pomade zu behandeln, die diesem das Ansehen eines frisch lackierten Gegenstandes gab. Sein Blick war flackernd wie der eines viel und fruchtlos arbeitenden Menschen; in der Tat verhinderte er nur durch einen fast überstürzten Eifer im Dienst seine langgefürchtete Kaltstellung. Er gehörte zu jenen Offizieren vom alten Schlag, die durch Rauheit und martialisches Auftreten an verjährte Verdienste erinnern und den Mangel an gegenwärtigen verdecken wollen. Er liebte die Jagd, schöne Pferde und Hunde; doch mit diesen Leidenschaften verbarg er nur den Groll gegen ein Regime, das ihn zur schimpflichen Rolle eines Mitläufers und stummen Bittstellers verurteilte, und er erfüllte seine Obliegenheiten wie mit zusammengebissenen Zähnen, war immer in Hast und Angst, und, wie alle unsicheren Beamten, von übertriebener Strenge gegen Untergebene und übertriebener Devotion gegen Vorgesetzte.
Ich glaube, mit solchem Urteil kein Unrecht an dem Major zu begehen; alle diese Umstände waren ja mehr oder weniger öffentliches Geheimnis. Ich habe beschlossen wahr zu sein, und so muß auch dieses gesagt werden. Es trifft nicht zu, daß ich dem Major ohne Achtung begegnet bin; ich hatte anfangs sogar Gefallen an ihm, wie er an mir, erst im Verlauf der Begebenheiten wandelte sich meine Gesinnung auf so verderbliche Art.
Ich begleitete Aurora ins Theater, auf die Promenade, ich kam zu ihren Teestunden, und so vergingen Wochen, ohne daß ich ein Arg gegen mich selber faßte. Wenn ich Gäste bei ihr traf, zeigte sie mir unmißverstehlich, daß ihr Gäste zur Last waren und daß ich allein es nicht war. Ein solcher Beweis von Freundschaft heischte Dank, und ich blieb, nachdem alle sich verabschiedet hatten, auch der Major, der die späten Nachmittagsstunden im Kasino verbrachte und mit einem Oberleutnant vom Train Schach spielte. Oftmals mußte ich ihr von meinen Kriegserlebnissen erzählen, wobei sie atemlos lauschte. Wie sagt doch Othello? »Ich sprach von harten Unglücksfällen, manch rührendem Geschick zu See und Land, wie ich nur auf ein Haar dem Tod entronnen, von grausen Schlünden, öden Wüsteneien, von Klüften, Felsen, himmelhohen Bergen, von Kannibalen, die einander fressen. Und dies zu hören, war Desdemona innerlich gespannt.« Und als er geendet, lohnte ihn das Fräulein mit einer »Welt von Seufzern« und wünschte, sie hätte es nicht vernommen, und wünschte doch, Gott hätte aus ihr einen solchen Mann gemacht.
War auch Aurora nicht dermaßen bezaubert, so stellte sie sich doch ähnlich und ihre Teilnahme war jedenfalls echt. Auch schrieb sie mir Verdienste zu, die ihr trotz aller Selbstverständlichkeit groß und neu dünkten, und vor allem erschien ich ihr verläßlich. Verläßlichkeit war ihr Ideal, wie wenn ihr das Geschick einen Trumpf im Spiel hätte vorgeben können durch die bewunderte Tugend eines andern.
Heute seh’ ich dies klar, damals bestrickte mich ihr bedenkenloses Anschmiegen. Da ich merkte, daß sie wenig oder nichts las, brachte ich Bücher, unter andern schenkte ich ihr die Frithjofssage, ein Gedicht, für welches ich begeistert war. Sie gestand mir aber offen, daß Verse sie langweilten und daß sie zum Lesen überhaupt keine Geduld hätte; so ließ ich es denn sein. Sie wurde jetzt bisweilen karg in der Unterhaltung und von unverständlicher Vorsicht. Darin lag etwas Verwirrendes, denn ich fühlte mich einer Person gegenüber, die ihrer Rede wenig Gewicht beimißt, weil sie Bedeutsames verschweigen muß. Sie hatte immer den auffangenden Blick im Auge, der meine Ungeduld erregte. Ich fragte, hörte, antwortete und war mit der gleichen Aufmerksamkeit beschäftigt, dem Zwitschern eines Vogels oder dem Surren des Windes zu lauschen. Was kann der Major mit einem solchen Weib beginnen? dachte ich oft verwundert; er ist ein Soldat, aber kein Orchideenzüchter. Himmel, wenn ich dies Gesicht beständig um mich wüßte, ich wäre versucht, damit zu verfahren, wie die Kinder, die ihre geliebtesten Puppen aufschneiden, um herauszubringen, was drinnen ist.
So fing es an, mit Abwehr und Wißbegier fing es an. Und wenn es ihr Entschluß war, mein ruhiges Herz in Flammen zu setzen, was bedurfte es da noch viel? Eines Abends fragte sie mich unumwunden nach meinen bisherigen Herzenserlebnissen und darauf mit Offenheit zu entgegnen, war leicht und schwer in einem. Ich hatte nicht viel zu berichten. Schon als Primaner hatte ich Verachtung für die Liebeleien gewisser Kommilitonen empfunden, und fernerhin war mir jede leidenschaftliche Entäußerung ein Greuel gewesen. Ich war freilich kein Kostverächter, kein Joseph; ich nahm stets, was man mir bot, aber zu langgesponnenen Verhältnissen fehlte mir die Zeit, und an die sogenannten großen Passionen glaubte ich nicht. Amüsement, ja; doch durfte es nicht zum Katzenjammer führen; alles übrige schien mir Bummelei und Jugendeselei. Ich weiß, es war erbärmlich, daß ein Kerl wie ich eigentlich nur von käuflicher Liebe wußte, nur von Vergnügen und nichts von Hingabe, nur von Dirnen und nichts von Frauen. Aber das passiert heute tausendmal, es ist viel häufiger, als man denkt, und gerade diejenigen, die ihre Stirn am aufdringlichsten mit dem Heldenlorbeer schmücken, sind, wenn man die Sachen bei Licht betrachtet, ebensolche Jämmerlinge. Dagegen lebt wahrscheinlich in dem Kopf jedes Frauenzimmers eine Vorstellung von Durchschnittspoesie und Schmökerromantik, die ihr unentbehrlich ist wie ein Luxuskleid, auch wenn sie selbst dergleichen nie erlebt hat und so wenig davon hält wie ein Moslem von der Hostie.
Ich wußte nicht, wie mir geschah, als ich nun plötzlich fand, daß ich eine Armut verraten hatte, über die mir bis jetzt kein Skrupel aufgestiegen war. Schon atmeten wir in einer verderblichen Luft. Wir verständigten uns durch Blicke und Mienen, und die Selbstbeherrschung, die wir zu üben wähnten, war nur eine Gaukelei. Ich sagte mir im Anfang bisweilen: die Frau ist kalt, oder noch schlimmer, kühl; die Frau rechnet, die Frau lauert. Aber da war ihre Sanftmut, ihre zarte Stimme, ihr ergebenes, verstörtes, beschwichtigendes Lächeln; da hatte sie eine sonderbare, oft wiederkehrende Bewegung der Hände, die darin bestand, daß sie die Finger ineinanderflocht, um sie dann wie verzweifelt in den Schoß einzusenken. Das riß mich aus allem Gleichmut.
Ihr Wesen blieb mir rätselhaft, bis sie mir eines Tages erzählte, wie ihre erste Ehe das Werk habsüchtiger Eltern und Verwandter gewesen sei; der Mann ein Trinker, ein Wucherer, ein Lüstling. Sie versicherte mir, daß sie im Zusammenleben mit ihm unberührt geblieben sei, und daß hauptsächlich deswegen nach drei qualvollen Jahren die Scheidung ausgesprochen werden konnte. Sie sprach dann von ihren Reisen, von zermarternder Unruhe, vom Wunsch nach Frieden, von ihrem Ekel an Welt und Männern, und da lernte sie Westermark kennen; sie dachte an ihm einen Beschützer zu finden, sie fühlte eine herzliche Kameradschaft für ihn, sie habe sich betören lassen und ihn geheiratet. Als sie nun lange schwieg, blickte ich sie fragend an.
Ja, darüber sei Schweigen geboten, sagte sie, darüber, was jetzt kam, müsse geschwiegen werden.
Geheimnis also? nicht anrührbares Geheimnis? Auroras Gesicht glich einer Uhr, die plötzlich stehen bleibt. Geheimnisse binden, auch wenn sie nicht enthüllt werden. Aber mein Inneres war schon zu sehr ergriffen, als daß ich aus Delikatesse hätte auf Teilnahme verzichten mögen. Ich bat in der dringlichsten Weise um Aufklärung. »Wozu? was soll es nützen?« antwortete mir Aurora. »Warum sollte ich Sie in eine Ungeheuerlichkeit einweihen, die mich allein schon übermäßig bedrückt und lebensuntüchtig macht? Sie würden mir nicht glauben, Sie dürfen mir nicht glauben, denn wer bin ich? Ein verlorenes, verachtetes Geschöpf, der Gegenstand unsauberer Gespräche am Biertisch, die wehrlose Beute aller Nachrichtenjäger der ganzen Stadt, mit meinem Namen in jede Spelunke geschleppt, beneidet, bewacht, einsam, unerhört einsam und unerhört verraten. Wollt’ ich bekennen, was ich in diesem Haus für ein Leben zubringe, so würde ich ja vielleicht auch Sie verlieren, der mir gutgesinnt ist. Nein, nein, erlassen Sie mir das, gönnen Sie mir die harmlosen Stunden mit Ihnen.«
Man sagt gemeinhin, und die Erfahrung macht mich geneigt, dem beizupflichten, daß Männer über dreißig, wenn sie zum erstenmal in ihrem Leben der Gewalt einer Leidenschaft erliegen, sich in nichts von der Unbesonnenheit und Kopflosigkeit der Jünglinge unterscheiden, daß sie im Gegenteil noch großmütiger ihr Gefühl, noch bereitwilliger ihren Stolz, noch unbedingter ihr Vertrauen verschwenden. Ich habe versucht, das Unheil zu bekämpfen, als es da war, ich habe mich noch mit aller Kraft gewehrt, als es mich umschlang. Vielleicht hätte ich es bezwingen können; vielleicht gab es einen Tag, eine Stunde, wo ich noch Meister des Verhängnisses werden konnte, wo ich mit dem Gedanken an ein Abschiedswort, dem Vorsatz einer Reise zu der Frau ging. Aber da mochte es scheinen, als rede die Frau mit einem andern Ton denn gestern; als sei die Hand, die sie mir bot, verwandelt worden. Wenn Früchte reif sind, fühlen sie sich gleichsam wärmer an, und so hatte sich etwa ihre Hand angefühlt, wie eine reife Frucht.