Einverständnis genug; Erwiderung genug; es braucht nicht mehr als den Abglanz der eigenen Sehnsucht in dem geliebten Antlitz und Auge, nicht mehr als ein gestammeltes Wort, als einen flehentlichen Blick, und Pflicht, Gewissen, Zukunftsfurcht entschwinden für immer in der Süßigkeit und Betäubung eines jähen Sicherkennens. Jetzt sind die Tore zugeschlossen, und es gibt keine Reise mehr. Ich entsinne mich eines Tages, wo ich mit Begierde die Gesellschaft eines Mannes suchte, eines Freundes, den außerhalb meines beruflichen Kreises zu finden mir höchst erwünscht war. Da traf ich den Ingenieur, von dem ich schon gesprochen, durch Zufall auf der Gasse. Er blieb unschlüssig stehen, ich reichte ihm die Hand. Ich verzieh ihm alles, was er über Aurora Westermark geäußert hatte, noch mehr, ich empfand das Bedürfnis, ihn mit der wunderbaren Frau näher bekannt zu machen, und ich war überzeugt, daß er sie mit andern Augen ansehen würde. Das Vorhaben war leicht, als Freund Auroras durfte ich es wagen, ihn einfach zu einem ihrer Empfangsnachmittage mitzunehmen. Ich fing alsbald davon an, er war ziemlich betroffen, erwiderte jedoch, wenn ich Wert darauf lege, wolle er mir gern willfahren, obwohl seine Zeit ihm die Pflege gesellschaftlicher Beziehungen sonst nicht gestatte. Wenn ich mir heute dies Gespräch überlege, so muß ich glauben, daß in meinem Benehmen etwas Krankhaftes, ja sogar Krankes enthalten sein mußte, denn der junge Mann blickte mich bisweilen fast mitleidig von der Seite an und meinte schließlich, es tue ihm aufrichtig leid, wenn er mich damals durch seine unüberlegte Offenheit verletzt habe. Am nächsten Tag gingen wir zusammen zur Majorin; Aurora nahm ihn mit Herzlichkeit auf, und sie schmeichelte ihm durch eine gewissermaßen sachliche Hochachtung, die bei Frauen selten ist, und die hier am Platze war. Er kam nun bisweilen an Montagen und Donnerstagen, blieb aber zumeist auffallend schweigsam, trotzdem ihm Auroras Sympathie durchaus nicht verborgen blieb. Einmal gingen wir zusammen weg, und ich sagte ganz unvermittelt zu ihm: »Hast du nun dein Urteil revidiert? Gibst du nicht zu, daß das ein Geschöpf ist, wie es so vollendet nur aus der Meisterhand Gottes hervorgehen kann?« Und als er nur mechanisch nickte, fügte ich hinzu: »Ich hoffe, daß du mich nicht mißdeutest, und daß du meine Worte so auslegst, daß wir uns auch weiterhin gerade in die Augen sehen können.«
»Mehr brauche ich nicht zu wissen«, entgegnete er ernst und anscheinend überrascht. Er besuchte von da an das Westermarksche Haus nicht mehr.
Warum ich die Art meines Verhältnisses zu Aurora vor dem Verdacht eines Freundes schützen zu müssen glaubte, weiß ich kaum. Ich hatte keinen Zweifel an ihrer Ehre und Reinheit. Aber das namen- und gesichtslose Hörensagen, unter dem ihr Ruf litt, war eine Qual sondergleichen für mich. Ich hätte mich gerne gestellt, aber wie durfte ich dies, wer hätte mir das Recht dazu eingeräumt? Ein Blick, ein zweideutiges Lächeln, ein Achselzucken, ein irrlichterndes Wort dann und wann, es überlief mich kalt, wenn ich dessen nur nachträglich gedachte; ich fand mich beleidigt und geschmäht, bald genug bekam ich zu spüren, daß das verleumderische Geschwätz auch schon meinen eigenen Namen bespritzte; aus dem Bewußtsein meiner Schuldlosigkeit, und, da Aurora sich mir gegenüber noch mit keinem Hauch etwas vergeben hatte, zog ich den Schluß, daß all die andern Anwürfe und Gerüchte ebenso trugvoll, lügnerisch und boshaft seien wie dieses. Traurigkeit und Ingrimm nahmen von mir Besitz, ich sonderte mich ab von den Kameraden wo es nur irgend anging, und hatte ich vorher schon für unliebenswürdig gegolten, so erklärte man mich jetzt für abstoßend hoffärtig, oder mildesten Falls für einen finstern Einsiedler. Ja, ich haßte sie, diese still beieinander hockenden Aufpasser, Schlimmredner und Giftkocher, diese gutangezogenen Megären und unbezahlten Spione, die ihrem Dünkel und ihrem Müßiggang kein unterhaltsameres Spiel wußten, als die nie wieder gutzumachende Besudelung eines schönen Herzens und edlen Charakters, denn so erschien mir Aurora.
Indessen wucherte das Grübeln über die furchtbaren Andeutungen, die sie mir in bezug auf ihr eheliches Leben getan, heimlich in mir fort. Ich wagte sie nicht mehr daran zu erinnern, ich wollte nicht mehr fragen, ich glaubte zartfühlend zu sein, doch meine Seelenruhe kam dabei schlecht weg. Tausend Vermutungen erwog ich, bis in die Träume hinein verfolgte mich das haltlose Denken, und so geschah es denn doch, daß ich einstmals, wir saßen im oberen Gesellschaftszimmer vor der Terrasse einander gegenüber, daß ich die Frage stellte, mitten in eine ruhende Minute hinein, in der mir zu Sinn war, als hörte ich das Ziehen der Wolken am herbstlichen Himmel. Aurora erschauerte; sie sah mich eine Weile zornig an, plötzlich stand sie auf, kehrte sich mit dem Gesicht gegen das Fenster, und ich gewahrte am Zucken ihrer Schultern, daß sie weinte. Während ich ratlos dasaß und meine Taktlosigkeit verwünschte, hörte ich die säbelrasselnden, plumpen Schritte des Majors auf der Flurtreppe. Aurora wandte sich um, mit erschrockenen Augen starrte sie gegen die Türe und flüsterte: »Ich kann ihn jetzt nicht sehen.« Damit verließ sie das Zimmer. Der Major trat ein und zeigte ein verwundertes Gesicht, als er mich allein sah. Er begrüßte mich mit zusammengekniffenen Augen und begann mit mir ruhig über dienstliche Angelegenheiten zu sprechen. Meine Nerven waren bis zur Unerträglichkeit gespannt, ich hörte kaum, was er sagte, und ich verfolgte seine Schritte und Bewegungen mit einem beunruhigten und haßähnlichen Gefühl. Plötzlich fragte er mich, wo seine Frau sei. Ich antwortete, sie sei vor wenigen Minuten hinausgegangen. Sein Gesicht verdüsterte sich: »Sie macht mir viel Kopfzerbrechen mit ihren Launen«, sagte er seufzend, indem er sich schwer in einen Sessel fallen ließ. »Ich sollte mich wirklich mehr um sie bekümmern,« fuhr er fort, »aber, lieber Treunitz, Sie haben keine Ahnung, was für Plackereien ich ausgesetzt bin; es kostet mich Überwindung genug, sie nichts merken zu lassen, aber wer kann immer heiter sein, wenn’s einem an den Kragen geht? So eine Frau will nichts als eitel Wonne um sich sehen; ich kann’s ihr nicht verdenken, sie ist jung. Mag sie sich nur amüsieren, ich lege ihr keine Balken über den Weg. Doch wie gesagt, die Launen, die Launen!«
Was er mit den Launen meinte, konnte ich mir nicht enträtseln. Es war mir eine Pein, ihn zu hören, andrerseits rührte mich sein Wesen, und er erschien mir durchaus nicht als böse. Ich wußte nur unbestimmte Redensarten zu erwidern. Meine Situation kam mir ebenso bedrückend wie die seine kläglich vor. Ich verabschiedete mich von ihm. Als ich über den Korridor schritt, stand Aurora neben der Treppe. Sie winkte mir, ihr zu folgen. Ich trat in ein kleines, boudoirähnliches Gemach. Aurora blickte mich forschend an. Etwas Trauriges, aber nicht bloß Trauriges, sondern auch Wildes, eine Art von Außersichsein in ihren Zügen brachte mich vollkommen um den Verstand. Plötzlich umschlangen mich ihre Arme, und ich fühlte ihre Lippen auf den meinen. »Geh, geh«, stieß sie dann durch die verpreßten Zähne hervor. Ich ging.
Mir brannte Hirn und Herz. Nie mehr über diese Schwelle, rief es in mir. Ich scheute mich, den Menschen in die Augen zu blicken. Und doch war ich glücklich; ich hatte ihre Schultern gespürt, ihre Arme, ihren Mund. Ich begab mich nach Hause, lief wie toll in meinem Zimmer auf und ab, ging wieder fort und stand in der Nacht, ich weiß nicht wie lange, vor der Villa des Majors, zu den schwarzen Fenstern emporstarrend. Die Stunden bis zum andern Nachmittag schlichen qualvoll hin. Als ich zu Aurora kam, waren Gäste da. Sie scherzte und plauderte wie gewöhnlich. Dies war mir unbegreiflich. Erst um sechs Uhr waren wir allein. Mit rauher Stimme bat ich sie um Aufklärung. Ich sagte, daß ich den Zustand des Zweifels und der schlimmen Befürchtungen nicht mehr ertragen könne.
»Was wollen Sie von mir?« entgegnete sie hart. Ich blickte sie erstaunt an, aber sie senkte nicht die Augen und flammte mich drohend an. Da packte ich ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Sie ließ mich ruhig gewähren, indes sie den Kopf in die andere Hand stützte. »Wenn ich alles sagen wollte, wer könnte mir glauben«, murmelte sie vor sich hin, und ihr Körper schrumpfte zusammen wie unter der Gewalt eines physischen Schmerzes. »Gehen wir ein wenig ins Freie«, schlug sie vor. Wir gingen in den Garten. Dort erzählte sie mir alles; während wir über die dunklen Wege schritten, schilderte sie mir ihre Ehe. Sie schilderte mir diese Ehe als ein Martyrium, das ohne Beispiel war. Sie schilderte den Major als einen argwöhnischen, neidischen, boshaften, ohnmächtigen, lügenhaften, und gewalttätigen Greis. Sie sagte mir, daß er sie schlüge. (O Gott, der Speichel im Munde wurde mir bitter wie Galle.) An ihr räche er die Unbill und Zurücksetzung, die er überall zu erleiden wähne. Wo er ihre Wünsche erfülle, sei es zum Schein; wenn er sich freundlich stelle, sei es zum Schein. Er behandle sie schlimmer als einen Hund. Seit sechzehn Monaten lebe sie wie in einem Starrkrampf, und was sie lache und rede, wisse sie nicht. Zuerst habe sie geschwiegen aus Furcht vor ihm, dann aus Furcht vor der Welt, denn noch einmal als geschiedene Frau bodenlos und heimatlos dastehn, das zu ertragen, sei sie nicht fähig, lieber wähle sie den langsamen Tod aus Kummer, Zorn und Angst.
Ich glaubte. Man denke nach, ob es für mich eine andere Möglichkeit gab, als zu glauben. Es gibt im Ungeheuerlichen einen Punkt, wo der Zweifel erstickt, anstatt genährt wird. Man kann der Raserei mißtrauen, man kann der Wut oder dem Haß mißtrauen, aber der sanften, schwermütigen und verzweifelten Ruhe, mit der mich Aurora zum Mitwisser ihres Geheimnisses machte, ist schwer zu mißtrauen. Ich wußte zu wenig von Leidenschaft, zu wenig von dieser schrecklichen Narkose des Gemüts. Die Gewohnheit kalter Sinnenlust und bezahlter Vergnügungen hatte mich einem Sträfling ähnlich gemacht, der die Kette nicht mehr spürt, aber vor Freude verrückt wird, wenn man ihm die Freiheit schenkt.
Wie hätte ich ahnen sollen, was in diesem Weibergehirn vor sich ging? ahnen sollen, daß Neugier sie zur Verderberin und Verbrecherin machen konnte? Neugier, wie weit sie mich zu treiben imstande war! Sie glaubte nicht an Männer, sie glaubte nicht an mich. Daß ich in der Schlacht gewesen, daß ich Feindesblut und eigenes Blut vergossen hatte, das verlockte sie, und sie wollte mich erproben. Sie wollte ihre Macht an mir erproben. Sie hatte die unbestimmte Sehnsucht, Urheberin einer Tat zu werden, aber sie glaubte nicht an diese Tat, so wenig wie sie an Worte, Schwüre, Vorsätze und Empfindungen glaubte. Die unergründliche, unermeßliche Leere ihrer Brust verzerrte ihr alles ernste Bestreben, Wissen, Wollen, Denken und Vollbringen zu spottwürdigen Schemen. Und so wurde meine Ergebenheit zu einem Piedestal für ihren lasterhaften Willen, und es war eine unheimliche Begierde in ihr, mich zu entfalten, mich gleichsam auseinanderzureißen, um zu sehen, – was in mir drinnen sei. Dieses und sonst nichts.
Das weiß ich jetzt; ich habe es erfahren müssen in einer Stunde, die mich aus dem Himmel in die Hölle stürzte, einer Stunde, wie sie vielleicht nur wenige Menschen je erlebt haben, und die ich auch um keinen Preis noch einmal erleben möchte. Aber wie hätte ich es damals spüren oder nur denken sollen? frage ich. Vor mir stand eine Frau, jung und unvergleichlich schön, den Sammet rührender Duldung in den Augen, und so hingeschmolzen vor meinem Wort und schlechten Trost, daß ein Tier weich geworden wäre. Kann man das noch Verstellung oder Heuchelei nennen? Ist dies nicht vielmehr eine böse zauberische Kraft, für die es noch keinen Namen gibt?
Ich will es nicht versuchen, meinen jammervollen Zustand zu schildern. Ich wandelte herum wie ein Vergifteter, auch schmeckte mir kein Bissen mehr. Daß ich liebte, war kein Glück mehr für mich, daß ich geliebt wurde, spürte ich nur wie im Traum. Wie ich es fertigbrachte, mich täglich anzukleiden, zu waschen, zu frühstücken und den Obliegenheiten meines Berufs zu genügen, ist mir heute noch ein Rätsel. Offenbar gibt es irgendeine Maschine in unserm Innern, welche die alltäglichen Pflichten gewohnheitsmäßig erfüllt. Eines Tages war ich bei meiner Mutter zu Tisch, und da ich alle Speisen unberührt ließ, stellte sie mich plötzlich in ernstem Ton zur Rede. Sie sagte, sie wisse alles; sie beschwor mich, von Aurora zu lassen und nannte sie eine gefährliche Kokette. Ich packte ihre Hände, wie man die Fäuste eines Gegners packt, der zum Schlag ausholt. »Auch du,« rief ich, außer mir vor Wut und Enttäuschung, »auch du gehst zu den Verleumdern. Du weißt ja nichts von ihr. Ach, wenn du wüßtest, wenn du wüßtest, es soll sich mir nur einer stellen! nur einmal Aug’ in Auge! Mich dürstet ja danach, sie vor die Pistole zu bekommen, die feigen Hunde!« Meine Mutter war erschrocken, sie umarmte mich schluchzend und sagte: »Daß du den Appetit verloren hast, mein Junge, ist für mich das beste Zeichen, daß deine Leidenschaft verderblich und unnatürlich ist.«
So zeigt sich einem jeden die Welt anders; dem einen von der Herzensseite, dem andern von der Magenseite. Aber meine Mutter hatte Recht. Dennoch vermied ich es in der Folge, sie zu besuchen, und vom November bis zum Februar sah ich sie nur zweimal. Auch mit andern Menschen sprach ich nicht mehr als das Notdürftigste; ich gab jeden Verkehr auf und stellte Aurora meine freie Zeit völlig zur Verfügung. Nachdem ich mich lange in einem Zustand der Zerschmetterung befunden hatte, begann ich die Unhaltbarkeit der Lage zu spüren, um so mehr, als meine finstere Apathie in Aurora sichtlich eine gewisse Ungeduld erweckte. Ich sagte zu ihr, ich müsse mich mit dem Major schlagen. Sie erwiderte mit der ihr eigenen brennenden und faszinierenden Ruhe: »Wie? Du willst dein Leben gegen das seine in die Wagschale werfen? Ein Zufall, und er bleibt Sieger, und ich, verlassener als je, bin nicht nur auf seine Gnade angewiesen, sondern habe auch noch dich verloren. Bevor du mir das antust, schieß’ ich mir selber eine Kugel in den Kopf, das sollst du wissen.«
Ihre Beredsamkeit war groß. Es ist von jeher meine Schwäche gewesen, daß ich gegen beredsame Naturen schnell unterlag. Ich faßte den Plan einer Flucht. »Fliehen wir!« schlug ich ihr vor, »ich bin reich, laß uns übers Meer fahren und ein neues Leben anfangen.«
Sie schüttelte den Kopf. »Fliehen heißt, mich in den Augen der Welt für schuldig und ungetreu bekennen,« sagte sie. »Heutzutage ist die Welt zu klein für solche Wagnisse. Wer kann mich zwingen oder mir es als nützlich einreden, daß ich wie ein Dieb in der Nacht ein Haus verlassen soll, in dem man mit Füßen auf mich getreten ist, in dem man mich bespien und besudelt hat? Nein, Treunitz, das kann ein stolzer Mann nicht von mir wollen.«
Da stand ich wie ein Schüler. »Was wollen wir also tun?« fragte ich.
»So geben wir uns doch auf!« rief sie trotzig und wie ermüdet. Ich schwieg, muß jedoch sehr blaß geworden sein, denn sie sah mich an, erst besorgt, dann nachdenklich, düster und kalt. An jenem Tag verstand ich den Blick noch nicht. Der nächste Tag war Allerseelen. Ich war gegen Abend gekommen, und Aurora bat mich dringend, zu Tisch zu bleiben. Ich konnte es ihr nicht verweigern, obwohl mir vor dem Beisammensein mit dem Major graute. Ich hatte dienstlich mit ihm nichts zu schaffen; in der Stadt sah ich ihn fast nie, von den Veranstaltungen der Offiziere hielt ich mich fern; daß ich dennoch sein Haus betrat, dennoch an seiner Tafel speiste, fähig war, ihn zu begrüßen, ihm zuzuhören und zu antworten, dies alles müßte mich als einen hinterhältigen und niedrigen Charakter denunzieren, wenn es nicht durch die Macht, die Aurora über mich ausübte, einigermaßen erklärt würde. Ihre Worte hatten eine solche Gewalt über mich, daß in meinem Kopf gar keine Überlegung mehr war, wenn sie einmal gesprochen hatte. Da ich sie selber dulden sah, glaubte ich es unserer Liebe schuldig zu sein, mich ebenfalls zu beherrschen und alles zu versuchen, um ihr Los zu erleichtern. Was für Kämpfe und Leiden mich dies kostete, davon will ich nicht reden.
Mit dem Augenblick, wo der Major das Zimmer betrat, pochte mir das Herz vor Haß, Ingrimm und Verachtung bis in den Schlund hinauf. Ich gewahrte ihn nur wie durch Schleier, jede seiner Bewegungen erregte mir Ekel, bei jedem seiner Worte zuckte ich zusammen; meine Stimme klang heiser, und wer weiß, wozu es gekommen wäre, wenn ich nicht Auroras Blick wie einen geisterhaften Bann beständig auf mir ruhen gefühlt hätte. Mitten in einem belanglosen Gespräch unterbrach sich der Major, stocherte mit der Gabel im Salat, führte ein Blättchen an die Lippen, indem er daran leckte, und warf dann Besteck und Serviette mit einem Fluch auf den Tisch. »Kreuzmillionenschwerenot,« schrie er, »wie oft soll ich denn noch sagen, daß ich den Salat mit Zitrone und nicht mit Essig angemacht will! Was haben denn die gottverdammten Frauenzimmer sonst zu denken? Bin ich denn der Niemand im Hause, daß man Schindluder mit mir treibt? Wahrhaftig, eine Lammsgeduld gehört dazu.«
In diesem rüden Feldwebelton ging’s noch eine Weile weiter, bis er aufsprang, die Tür hinter sich zudonnerte und hinausstürzte.
Ich war vollkommen perplex. Das Blut stieg mir langsam zu Kopf, und ich blickte Aurora schweigend an. Sie saß da und lächelte wie eine Frau, die es endlich zur Augenscheinlichkeit gebracht hat, was sie sonst nur insgeheim erleidet. »Dies ist ein Affront,« murmelte ich, »ich werde ihn zur Rechenschaft ziehen.« Aurora lachte. »Zur Rechenschaft ziehen? Einen Unzurechnungsfähigen? Was fällt dir ein!« erwiderte sie herrisch. »Abrechnen mit einem Vieh!«
Ich zitterte vor innerem Frost an allen Gliedern. Und wie mich nun Aurora so anschaute, mit blitzendem Blick, mit geschlossenen Lidern und mit einer unbeweglichen Stirn, da war es mir, als ob mein Herz in siedendes Wasser getaucht würde, und, Gott möge mir verzeihen, ich fing an, jenen Blick zu verstehen, er ging auf in meiner Brust wie das Saatkorn in gedüngtem Boden. Es war mir klar, es war ein unabwendbarer Beschluß, daß der Major von meiner Hand sterben müsse. Aurora zu retten, war mein einziger wütender Drang, ich fühlte meine Liebe zu ihr so ungeheuer, daß ich die wenigen Worte, die alles entschieden, trotz des Flüsterns mit einer Festigkeit hervorbrachte, als ob dieses Fürchterliche eine alltägliche Angelegenheit sei. Aurora, der aus weitoffenen Augen die Tränen über das Gesicht liefen, hörte plötzlich zu weinen auf, ihre linke Hand bebte mir entgegen, ich ergriff die Hand und bedeckte mein Gesicht damit.
Der Major kam nach einer Viertelstunde zurück und bat, anscheinend sehr betreten, um Entschuldigung, die ich meinerseits kalt quittierte. »Aurora,« rief er gezwungen scherzend, »komm einmal zu mir.« Sie erhob sich sogleich und trat eilig vor ihn hin. Diese Bewegung sklavischer Unterwürfigkeit und Angst rührte mich tief. Daß sie wahrscheinlich nur für mich berechnet war, ahnte ich ja nicht. Wie Napoleon, wenn er einen seiner Günstlinge wieder versöhnen wollte, zupfte der Major seine Gattin am Ohrläppchen und lachte. Unter irgendeinem Vorwand verabschiedete ich mich alsbald.
Ich war jetzt bei ziemlich kaltem Blut, und während der ganzen Nacht überlegte ich meinen Plan. Am nächsten Vormittag um elf Uhr traf ich Aurora, wie oft bei schönem Wetter, im Stadtpark. Ich vermochte, mit ihr davon zu sprechen. Es fiel mir auf, daß sie dabei fortwährend mit niedergeschlagenen Augen lächelte. Dies dünkte mich sehr kurios. Ich wußte nicht, war es Unglaube, Befriedigung, Gedankenlosigkeit oder irgendeine Träumerei. Der Ausdruck ihrer Züge rief eine dunkle Erinnerung in mir hervor. Erst viel später entsann ich mich, daß vor Jahren, als ich in Basel war, das Bild der Herzogin vom sogenannten Basler Totentanz eine lange nicht verwischbare, fast unheimliche Wirkung auf mich ausgeübt hatte. Es war genau dieses süß-friedsame Gesicht, in dem etwas Wildes und Kindisches war, eine zerstreute und lustige Grausamkeit und ein Lächeln, als ob der Tod nur ein Schreckmittel für Schwachköpfe sei.
Nun, was half’s; ich war darum nicht weniger verstrickt, der Gedanke wurde uns vertraut. Er erweckte kein Schaudern mehr in mir. Er nahm Gestalt an, und ich war von ihm besessen. Gleichwohl quälte mich Auroras Verhalten. Wenn wir eine Zeitlang ernst über das Vorhaben gesprochen hatten, klatschte sie plötzlich in die Hände und lachte, als ob es sich um ein Märchen handle, an dem zu sinnen angenehm war, das aber niemals in Erfüllung gehen könne. Dergleichen regte mich ungemein auf. Wenn sie mir die Perfidien und zahllosen tyrannischen Handlungen ihres Gatten klagte, beobachtete sie mit Angst, bisweilen mit einem Gemisch von Freude und hungriger Erwartung die geringste meiner Gebärden. Mein Geständnis, daß mich ihre Berichte unsinnig folterten, schien sie oft beinahe fröhlich zu stimmen, und es bestürzte mich, wenn sie unmittelbar nach einem der unheilvollen Gespräche mit dem Vergnügen eines kleinen Mädchens einen Hut probieren konnte und sich selber in den Spiegel hinein entzückt anlächelte. Ich habe während der ganzen Monate Dezember und Januar in keiner Nacht mehr als zwei Stunden Schlaf genossen, und am Ende sah ich aus wie ein Schwindsüchtiger.
Dazu die gestohlenen Liebesstunden, in denen meine Leidenschaft nur durch versprechungsvolle Küsse Genüge fand. Was Genüge! Ein verzweifeltes Aufflackern war es immer wieder, das den Körper ruinierte und mir alle Klarheit des Gemüts und Geistes raubte. Aurora gab sich mir nicht hin; sie erklärte, das schände sie, sie wolle sich nicht noch mit Lug und Trug beladen, sie wolle ihr Gewissen fleckenlos bewahren. Ich ehrte diese Gründe, ich konnte nicht wissen, daß es ihr bloß darum zu tun war, mein Gefühl ins Maßlose zu steigern. Denn sie, sie hatte ja genossen! Sie wollte sich einnisten in der Anbetung eines vertrauensseligen Mannes, das verlieh ihr einen Halt, eine letzte Würde und weckte vielleicht ihr abgestumpftes Herz zu einer Regung von Zärtlichkeit. Das war es, das war das Ganze, und ich Tropf lief in die überdeckte Falle und stürzte so tief, daß keine Faser an meinem Leibe heil blieb.
Eines Abends um sieben Uhr kam Aurora in meine Wohnung, dicht verschleiert. Sie war still und finster, wie ich sie nie gesehen. Sie entblößte ihre Brust und zeigte mir einen blutigen Striemen. Ich stotterte eine Frage. »Dies ist von ihm«, sagte sie dumpf. Da schlug ich besinnungslos mit der Faust um mich und zertrümmerte das Fenster. Mit meiner von Glassplittern verwundeten Hand wollte ich sie an mich ziehen, aber sie, auf das Blut starrend, wich sehr erschrocken zurück. »Du weißt, ich kann kein Blut sehen«, hauchte sie. »Und doch sollst du bald Blut sehen«, antwortete ich. »Nein sehen nicht«, versetzte sie abermals hauchend. »Ach, wenn das wäre«, fügte sie hinzu und schaute mich glühend an, »wenn du das vollbringen könntest, dann könnte ich sterben aus Liebe zu dir.«
Daß sie gewagt hatte, zu mir zu kommen, erschütterte mich, da ich in dieser Verwegenheit nur eine Handlung des Vertrauens und der Zuneigung erblickte. Besorgt um ihren Ruf, holte ich selber einen Wagen; ich begleitete sie, und während der Fahrt setzten wir Tag und Stunde der Tat fest. Ich sagte »morgen«. Aurora antwortete, morgen sei der große Ball im Kasino, da wolle sie noch einmal tanzen. Dieses »noch einmal« zerstreute eine unangenehme Verwunderung, die mir der Einwand zunächst erregt hatte. Ich sagte also: übermorgen. Sie wünschte auch dieses nicht. Sie sagte, am Sonntag sei in Weidenberg Jahrmarkt, ihre Mädchen und der Bursche des Majors hätten für den Nachmittag und die Nacht Urlaub erbeten, und so könne ich ins Haus kommen ohne Gefahr, einen Unberufenen zu wecken. Ich fügte mich, obwohl mir jeder Tag und besonders jede Nacht bis dahin zur Ewigkeit werden mußte. An das, was nachher kam, dachte ich nicht im geringsten. Vermutlich spürte ich schon, daß ich auf eine Zukunft nicht mehr zu rechnen hatte.
Als ich am nächsten Mittag in Gesellschaft des Regimentsadjutanten über den Domplatz ging, gewahrten wir einen sehr fetten und auffallend elegant gekleideten jungen Menschen, der offenbar fremd in der Stadt war. In der Provinz wird der Fremdling, und gar der Großstädter durch ein Etwas in Miene und Schritt sofort erkennbar. Ich hatte nur einen Blick auf ihn geworfen und fühlte gleich den äußersten Widerwillen gegen dies abgelebte, hochmütige und bornierte Gesicht. Der Regimentsadjutant zwinkerte mit den Augen und bemerkte spöttisch: »Aha, da ist ja der Fabrikant Dotterwachs aus Berlin.«
Mich durchfuhr eine unklare Erinnerung von nicht sympathischer Art, aber erst hernach fiel mir ein, daß das vielleicht jene Person sein könne, von der mein Freund, der Ingenieur, gesprochen. Als ich am Nachmittag in die Westermarksche Villa kam, wurde mir gesagt, die gnädige Frau sei nicht zu Hause. In meiner Wohnung angelangt, übergab mir mein Bursche einen Brief. Es war ein anonymes Schreiben folgenden Inhalts: »Wenn Sie das geheime Absteigequartier der Majorin Westermark kennen lernen wollen, so verfügen Sie sich in den dritten Stock des Hauses Nummer 15, Schönlandstraße. Eine frühere Kammerjungfer und jetzige Vertraute der Majorin ist Kupplerin und Mieterin dortselbst.«
Ich zerriß den Fetzen und heftete nicht zwei Gedanken daran, schon, weil mir die Sache zu albern erschien. Leider hatte ich Aurora versprochen, auf den Kasinoball zu kommen, wenn auch nur, um sie zu sehen. Ich überwand meine Abneigung, die mir in der jetzigen Stimmung derlei Festlichkeiten hassenswert machte, schob aber die Stunde möglichst hinaus, und so war es bereits recht spät, als ich den Saal betrat. Aurora war von einem Kreis junger Leutnants umgeben. Sie war hinreißend schön; die Haut von Busen, Hals und Antlitz glänzte wie Silber, darunter floß fischhaft das dunkelgrüne Spitzenkleid; sie war heiter, allzu heiter; und ich, ich war finster. Ich war einer Ohnmacht nahe, so schrecklich empfand ich in diesem Augenblick meine leidenschaftliche Liebe. Frau von Rütten, an der ich nicht grußlos vorübergehen konnte, saß mit einigen andern Leuten in einer Säulennische. Alle diese Leute sahen mich mit seltsamen Blicken an, wenigstens schien es mir so. Ich bemerkte darunter auch das siebzehnjährige Kind, mit dem man mich hatte verheiraten wollen. Ich glaubte die Augen dieses Mädchens mit einem rührenden Gefühl auf mich gerichtet. Ich wandte mich hastig ab und hatte gerade noch Zeit, dem Major Westermark aus dem Weg zu gehen, der auf mich zukam, lachend und winkend, als ob ich sein bester Freund wäre. Es überrieselte mich eiskalt.
Ich stellte mich nun an das untere Ende des Saales und starrte in das lichtübergossene Geflimmer der Uniformen und Roben. Die Walzermusik stimmte mich traurig, und ich weiß nicht, wie es zuging, aber ich mußte beständig an den Mann denken, den ich mittags gesehen, und dessen fleischige und gemeine Züge nicht aus meiner Vorstellung schwinden wollten. Ich sah ihn essen, ich sah ihn Bier trinken, ich sah ihn widerlich lachen und prahlen, und voll Bitterkeit dachte ich mir: das ist also der jetzige Deutsche, ein solcher Mann darf den Namen eines Deutschen führen; Emporkömmling; dickfelliger, ohrenloser, aufgeblasener, herzloser Geselle, dem alles gehört und der nichts respektiert; und so sind sie alle, sie haben das Zittern verlernt und brauchen wieder einmal die Peitsche des Schicksals. Dabei kannte ich den Mann doch gar nicht und verband nur einen Eindruck mit dem Groll über eine allgemeine Kalamität, denn ich war in diesen Dingen schon zum Schwarzseher geworden und war deshalb auch nicht mehr mit innerer Freude Soldat.
Nach dem Kotillon gelang es mir, Aurora für ein kurzes Alleinsein zu erobern. In ihrem Wesen war etwas Schmachtendes, das ich nicht lediglich der Wirkung des Tanzes zuschreiben mochte. Die Luft zitterte zwischen unsern Mündern und unsre Blicke bohrten sich fest ineinander. Trotzdem Leute um uns herumstanden, hatte sie die Verwegenheit, mich zu fragen, ob es beim Sonntag abend verbleibe, und als ich schweigend und bestürzt nickte, lächelte sie mit entblößten Zähnen. Noch lange nachher, als sie sich schon von mir entfernt hatte, beobachtete ich, daß ihre Augen bisweilen forschend, ja ängstlich auf mir ruhten. Plötzlich ging sie zu ihrem Mann, sagte ihm ein paar Worte und verließ den Saal. Der Major, der bei Frau von Rütten saß, erhob sich, um ihr zu folgen. Sie kehrte noch einmal um, und sie redeten wieder eine Weile miteinander, dann ging Aurora. Der Major schien unschlüssig und zeigte ein nachdenkliches Gesicht. Da Aurora nicht zurückkam, entschloß ich mich, Frau von Rütten zu fragen, ob sie wisse, was geschehen sei. Sie antwortete mir kalt, die Majorin habe sich nicht wohl gefühlt und sei nach Hause gefahren; sie habe nicht gewünscht, daß der Major sie begleite, weil sie bestimmt wiederkommen wollte. Ich wunderte mich und wurde besorgt. Ehe eine Viertelstunde verflossen war, hatte ich mich in aller Stille aus dem Saal entfernt, nahm außen meinen Mantel und eilte nach der Westermarkschen Villa. Daß meine Abwesenheit unter der Ballgesellschaft bemerkt und auffällig gefunden werden könne, darüber machte ich mir keine Gedanken. Da ich im Souterrain der Villa noch Licht sah, läutete ich am Gartentor. Eine Mädchenstimme fragte vom Fenster aus, wer da sei. Ich erkundigte mich, ob sich die gnädige Frau noch oben befinde; weil der Wagen nicht da war, mußte ich annehmen, daß sie schon zurückgekehrt wäre. Das Mädchen erwiderte mir, die gnädige Frau sei auf dem Ball. Sie sei aber doch vor kurzem nach Hause gefahren, versetzte ich. Dies wurde verneint.
Ich spazierte auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf und ab und wartete, bis die Glocke zwölf schlug. Darauf machte ich mich wieder auf den Weg und dachte, sie habe am Ende das Kasino gar nicht verlassen. Als ich in die Wilhelmstraße einbog, rasselte eine Droschke an mir vorüber und blieb etwa zweihundert Schritte weiter stehn, ungefähr in der Mitte des Wegs zwischen mir und dem Kasino. Es stieg ein Herr aus, und der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. Der Herr kam mir auf demselben Trottoir entgegen, und ich erkannte den Fabrikanten aus Berlin. Er trug einen Zylinder und rote Handschuhe. Sein fettes Gesicht hatte einen angestrengt überlegenden Ausdruck, und seine Lippen waren wie zum Pfeifen gespitzt. Niedergeschlagen, ohne recht zu wissen, weshalb, wandelte ich noch ziemlich lange Zeit auf den Straßen herum. Als ich dann wieder den Ballsaal betrat, erfuhr ich, daß Westermarks schon nach Hause gefahren seien. Dies beschwichtigte mich einigermaßen.
Als ich am folgenden Nachmittag zu Aurora kam, fand ich sie lesend. Sie hatte unter alten Sachen gekramt und ein Stammbuch aus ihrer Mädchenzeit entdeckt. Ich beugte mich über sie und sah, daß ihre Blicke auf einen Vers gerichtet waren, der in großväterischen Schriftzügen ein vergilbtes Blatt bedeckte. Er lautete:
und sie zu pflücken.
Mit einem Herzen, das du geraubt,
sollst du nicht tücken.
Vergiß nicht, o Mann, o Weib,
Herz, das sich schenkt, ist Gottes Leib.
»Ein hübscher Spruch«, sagte ich. Aurora schaute mich geistesabwesend an. Sie ergriff meine Hand und hielt sie fest. Ihre Finger waren heiß. Ihr Wesen war so gemsenhaft scheu und so bedrängt, daß ich den Augenblick sehnlich herbeiwünschte, wo ich ihr zurufen konnte: du bist erlöst. Sie hatte viel Gesichter und jeden Tag zeigte sich mir ein neues. Hätte sie nur ein einziges Gesicht besessen, so hätte ich vielleicht ergründen können, was in ihr vorging; aber von der hinschmelzenden Schwermut bis zur Trunkenheit des Vergnügens alle Verwandlungen mitzuerleben, hatte ich kein Talent. Ich hätte lernen müssen zu sehen, bevor ich sie liebte.
Endlich brachte ich es über mich, sie zu fragen, wo sie gestern während des Balles gewesen sei. Ihr Gesicht verfinsterte sich erschreckend. »Bedeutet dies Mißtrauen?« flüsterte sie langsam. Ich schüttelte den Kopf. »Hast du denn gar keine Geheimnisse?« fragte sie in derselben düstern Weise. »Gar keine«, antwortete ich. »Aber ich,« fuhr sie fort, »ich habe Geheimnisse, und auch die sollst du lieben. Bin ich nicht mit meinem ganzen Dasein so und soviel tausend Zuschauern offenbar? Wenn ich kein Geheimnis hätte, müßte ich sterben. Übrigens magst du wissen,« fügte sie hinzu, »daß gegenwärtig ein ehemaliger Freund von mir in der Stadt weilt, ein Mensch, dem ich einst viel zu verdanken hatte, der aber meine Dankbarkeit jetzt ausbeutet. An Bedrückern hat es mir nie gefehlt. Aber von alledem sprechen wir ein andermal.« »Ein andermal?« versetzte ich mit stockender Stimme. »Ja, ein andermal«, bekräftigte sie mutig oder auch gedankenlos. Sie näherte sich mir, legte ihre Hände auf meine Wangen und flüsterte: »Ach, wir werden viel beieinander sein müssen, damit ich dir alles, alles sagen kann.« So verstand sie es, mich zu beunruhigen und mich sicher zu machen mit ein und derselben Rede.
Als es zu dunkeln begann, gingen wir gegen den Fluß hinaus spazieren. Es war dies ein einsamer Weg, wo selten jemand zu sehen war. Da wir uns am folgenden Tag nicht sehen wollten, verabredeten wir alle Einzelheiten des mörderischen Vorhabens. Aurora gab mir den Schlüssel zur Gartenpforte. Der Hund, der während der Nacht im Garten frei war, brauchte keine Sorge für mich zu sein, denn das Tier kannte mich, die beiden Jagdhunde wurden nachts in den Verschlag neben den Keller gesperrt. Den Hausschlüssel könne sie mir nicht geben, sagte Aurora, es sei nur ein einziger vorhanden, und den habe ihr Mann. Sie wollte an der Rückseite der Villa das Flurfenster offen lassen, dort sollte ich einsteigen und mich der Stiefel entledigen, bevor ich ins Schlafzimmer des Majors ging, das er unversperrt zu lassen pflegte. Daß sie keinen Hausschlüssel besaß, war eine Lüge, davon konnte ich mich selbst überzeugen, ehe zweimal vierundzwanzig Stunden vergingen. Den Grund dieser Lüge vermag ich allerdings auch jetzt noch nicht einzusehen. Vielleicht wollte sie die Vorbereitungen abenteuerlicher machen, oder, was wahrscheinlicher ist, sich vor Überraschungen sicherstellen. Dies schlug fehl durch meine aufrichtige Entschlossenheit.
Ich gestehe, daß mich schauderte. Aber ich war ja schon verdammt durch den Willen. Die Ausübung war nur noch eine mechanische Folge für mich. Aurora verwunderte mich dann und wann durch eine Miene des Staunens und eine mir unerklärliche, neugierige Spannung. Während des Rückwegs jedoch blieb sie bei einer Weide stehn, strich mit ihren Händen den Schnee von einem Ast und warf sich plötzlich, erst lachend, dann weinend an meine Schulter.
In welcher Verfassung ich den nächsten und den übernächsten Tag verbrachte, ist zu beschreiben unmöglich. Wozu sollte ich auch dabei verweilen. Erst im Gefängnis habe ich erfahren, daß der Major gerade an jenem Sonntag sein Geburtsfest feierte und daß ihn Aurora mit einer neuen Jagdflinte, einem neuen Portefeuille und einem Paar von ihr selbst gestickter Pantoffeln beschenkte. Gleichfalls habe ich erfahren, daß sie ihm, wie das Stubenmädchen aussagte, schon am Morgen die Erlaubnis abschmeichelte, den Abend außer Haus verbringen zu dürfen, bei einer Freundin, die aus Stettin gekommen sei. Um zwei Uhr nachmittags schickte sie den Burschen des Majors mit einem Brief in meine Wohnung. In diesem Brief standen nur die Worte: »Aufschieben. Gründe mündlich.« Ich bekam aber den Brief nicht mehr in die Hand, und das war ein Unglück. Ich war um zwölf Uhr zum letztenmal in meinem Zimmer gewesen, hatte Zivilkleider angelegt, den Revolver zu mir gesteckt und war über Land gegangen. Ich hatte mir vorgenommen, nicht mehr nach Hause zurückzukehren, denn mir graute vor den vier Wänden. Dies war, wie gesagt, ein Unglück.
Die schrecklichste Unruhe trieb mich draußen über Landstraßen, durch Wiesen, Äcker und Wälder. Ich war todmüde, als ich spät abends in die Stadt zurückkam, aber mein Kopf war klar. Um dreiviertel zwölf stand ich vor dem Gartentor der Villa. Im Zimmer des Majors brannte kein Licht mehr. Ich wußte, daß er sich täglich um elf Uhr zur Ruhe begab, denn des Morgens war er der erste Offizier in der Kaserne. Ich sperrte die Gartentür auf, und als ich nach der Rückseite des Hauses ging, folgte mir der große Bernhardinerhund mit freundlichem Wedeln seines Schweifes. Als ich das bezeichnete Fenster, entgegen der mit Aurora getroffenen Verabredung, fest zugeschlossen fand, stutzte ich. Eine Weile war ich ratlos. Ich zog aus dem Umstand nicht den vernünftigen Schluß, den ich hätte ziehen sollen. Ich beschloß zu tun, was die Diebe und Einbrecher tun. Mit der pelzbehandschuhten Hand preßte ich so lange an das Glas, bis es sprang. Die Jagdhunde im Verschlag fingen an zu bellen, da sich aber sonst nichts regte, entfernte ich mit Bedachtsamkeit die Scherben, öffnete den Innenriegel und stieg ein. Ich hatte Gummisohlen an den Stiefeln und stieg unter dem fortwährenden Gekläff der Hunde die Treppe hinan bis zum Schlafzimmer des Majors, in das ich ohne zu zögern eintrat. Es war eine ziemlich stürmische Mondscheinnacht, und obgleich der Mond häufig durch Wolken verdeckt wurde, fiel doch durch das unverhängte Fenster Licht genug, daß ich den Major sehen konnte. Er hatte eine Mütze auf dem Kopf und schnarchte laut. Er erschien mir sehr dick. Dicke Menschen waren mir von jeher zuwider, und in diesem Augenblick empfand ich nur die rein tierische Abneigung gegen den Mann. Als ich neben das Bett trat, gewahrte ich auf dem Nachtkästchen ein Buch, und ich konnte im Mondlicht ohne Mühe den Titel auf dem bunten Umschlag lesen. Es waren »Lederstrumpfs Erzählungen«. Einfältig und lächerlich kam es mir vor, daß ein Soldat in den Jahren des Majors solches Zeug zur Abendlektüre wählte; aber diese Betrachtung ließ mich nur um so mehr spüren, wie schändlich es sei, einen Mann im Schlafe zu töten. Einer derartigen Regung fühlte ich mich nicht gewachsen, ich legte meine linke Hand auf die Schulter des Majors, in der rechten hielt ich den Revolver. Der Major wachte sofort auf und sah mich stier an. »Nehmen Sie einen Revolver,« sagte ich kalt, »wir müssen uns auf der Stelle schießen.« Seine Augen rollten furchtsam im Kreis, und es war, als verstehe er mich nicht. Ich wiederholte meine Worte. Er fing an zu murmeln; ich schnitt ihm die Rede ab und wiederholte meine Worte. Er schüttelte sich ein wenig und sprach jetzt deutlich, ich hörte nichts und wiederholte abermals meine Worte. Plötzlich sprang er auf, die andere Seite des Bettes war ebenfalls wandlos, er taumelte aus dem Bett und schrie mit heiserer Stimme um Hilfe.
Da schoß ich. Ich schoß zweimal. Er streckte gleich darauf die Arme in die Luft und stürzte zu Boden. Ich näherte mich ihm und sah, daß er tot war. Es rann mir eisig durch alle Glieder. Ich verließ das Zimmer und ging über den Korridor hinüber zu Auroras Schlafgemach. Sie mußte die Schüsse gehört haben. Was jetzt? fuhr es mir durch den Kopf; das beständige Geheul der Hunde machte mich rasend. Ich hatte mir das Nachher ganz und gar nicht vorgestellt, aber daß ich mich nun gemütsruhig entfernte, um zu warten, bis am Morgen die Untat, als von einem Unbekannten verübt, entdeckt wurde, das ging nicht an. Ich fühlte, daß ich sterben müsse, und es entstand in mir der Wunsch, daß Aurora mit mir sterben möge. Wie ward mir aber, als ich Auroras Zimmer leer fand und ihr Bett unberührt! Ich schritt der Reihe nach durch alle Zimmer des Stockwerks, und die wohlbekannten Möbel und Bilder blickten mich an, wie lebendige Dinge. Indes ich wie ein Gespenst dort herumirrte, vernahm ich das Rollen eines Wagens auf der Straße. Ich stand gerade wieder auf dem Korridor, welcher auf eine Tür zulief, die gegen einen kleinen Gassenbalkon oder Vorbau führte. Diese Tür öffnend, trat ich hinaus und kam eben recht, als der Wagen vor der Gartenpforte hielt. Durch die kahlen Baumzweige hindurch konnte ich sehen, daß Aurora ausstieg. Ich erblickte aber noch jemand im Wagen, ein Gesicht erschien am Fenster, das ich wohl erkannte. Aurora blickte flüchtig am Haus empor, aber nicht dorthin, wo ich stand, sondern gegen die Seite, wo des Majors Zimmer war. Darauf beugte sie sich noch einmal in den Wagen, ich sah einen roten Handschuh auf ihrem Arm und ich hörte sie flüstern und lachen. Gott! ich hatte kaum mehr die Kraft zu stehen, ich spürte, daß mich die Blässe überströmte wie Sand. Treunitz! Treunitz! schrie es in mir, du hast verspielt.
Aurora war inzwischen ins Haus gegangen, den Schlüssel hatte ich in ihrer Hand blinken gesehen, ihre Schuhe schlürften auf den Steinfliesen im untern Flur, dann knarrte eine Tür, dann wieder eine. Ich ging in den Flur, blieb aber in der Ecke stehen. Aurora kam mit den beiden Jagdhunden die Stiege herauf. Sie hielt die Tiere, die sich wie toll gebärdeten, fest an der Leine. Wahrscheinlich hatte das unaufhörliche Gebell Furcht in ihr erweckt, und sie hatte den Verschlag geöffnet, um die Hunde mitzunehmen. Sie gewahrte mich nicht, sie ging in ihr Zimmer. Ich hörte, wie sie mit beinahe wilden Lauten die Hunde zu bändigen suchte, was ihr jedoch nicht gelang. Ich kehrte unterdes zum Zimmer des Majors zurück, blieb aber auf der Schwelle stehen. Jetzt trat Aurora mit der Kerze auf den Flur, sie hatte noch den Hut auf, der lange Schleier hing zu beiden Seiten herunter wie zwei blaue Fahnen. Die Hunde, der Leine entledigt, stürzten an mir vorüber in das Zimmer des Majors. Sie blieben an der Leiche stehen und verbellten den toten Mann wie ein im Feuer verendetes Stück. Aber auf einmal wurden sie alle beide still und winselten nur noch. Aurora schaute mit kaltem Blick in den Raum, dann mit demselben kalten Blick auf mich und fragte mit dem seltsamsten Gleichmut: »Was hast du denn da gemacht?« Und als ich schwieg, fuhr sie mit genau derselben matten und unbewegten Stimme fort: »Er ist wohl tot?« Und als ich abermals schwieg, begann sie wieder: »Warum hast du denn das getan?«
Im ersten Augenblick glaubte ich den Verstand verloren zu haben. Ich konnte kein Wort aus meiner Kehle pressen, meine Zähne rieben sich hörbar aufeinander, und ich mußte das unbegreifliche Weib nur immerfort anstarren. Sie blickte sich noch einmal um, etwa wie wenn man in einem Museum Bilder anschaut, dann pfiff sie den Hunden und ging. Die Hunde folgten nicht, sie hörten nicht auf zu winseln. Da entfernte sie sich allein. Sie ging in ihr Zimmer. Ich blieb wie versteinert auf meinem Platze, die beiden Tiere zu sehen und zu hören, war mir plötzlich das hellste Grauen. Ich fing an zu zittern und wußte nicht, woran ich denken sollte. Ich weiß nicht mehr, wieviel Zeit verflossen war, möglich eine halbe Stunde, möglich eine ganze, als ich mich entschloß, in Auroras Zimmer zu gehen. Die Türe war unversperrt. Aurora war im Bett, die brennende Kerze stand noch auf dem Nachttisch. Im Zimmer selbst war die größte Unordnung, Kleider und Wäschestücke lagen umher, eine kleine Reisetasche stand, wie zum Gepacktwerden, offen auf einem Stuhl. Ich blieb am untern Bettpfosten stehn und fragte Aurora, ob sie es denn nicht gewollt habe. Aus den Kissen heraus antwortete sie: »Laß mich jetzt schlafen.« »Um Gotteswillen!« flüsterte ich. Da erhob sie den Kopf und fragte kalt, ob ich das Billett nicht erhalten habe. »Was für ein Billett?« fragte ich. Sie sah mich unwillig an, lachte plötzlich und sagte fast verächtlich und als ob ich ihr völlig fremd sei: »Gehen Sie hinaus und lassen Sie mich schlafen. Es schickt sich nicht, daß Sie bei meinem Bette sind.« Mit diesen Worten blies sie die Kerze aus, und ich hörte sie wieder leise ins Kissen lachen.
Ich begriff es nicht. Ich hätte begriffen, wenn sie zornig, wenn sie wütend, wenn sie verzweifelt gewesen wäre, ich hätte alles begriffen, aber dies begriff ich nicht. Mir war es, als ob aus einer schönen Verkleidung ein Unhold hervorgetreten wäre, ein bestialisches Gebilde, ein grinsendes Affenwesen, wie es dermaßen furchtbar die Welt noch nicht erblickt. Ich tastete mich hinaus, das Entsetzen lag mir in allen Gliedern. Auf dieselbe Weise, wie ich gekommen war, mußte ich auch das Haus verlassen. Nachdem ich das Gartentor aufgesperrt und hinter mir zugeklappt hatte, warf ich den Schlüssel über den Zaun zurück. Es war ein Uhr, als ich nach Hause kam. Auf dem Tisch lag Auroras Brief. Ich öffnete ihn nicht. Es war mir alles zum Ekel und alles rätselhaft. Ich legte mich erschöpft aufs Bett und schlief bis sieben Uhr. Als mein Bursche kam, beauftragte ich ihn, eine Droschke zu holen, und zog unterdes die Uniform an. Ich fuhr in die Kaserne und wartete in der Kanzlei auf den Obersten. Er erschien erst gegen neun Uhr; er war bleich und fragte mich, ob ich schon wisse. Die Ermordung des Majors war bereits in der Stadt bekannt. Ich bat ihn um ein Wort unter vier Augen. Mein Geständnis machte seinem wohlwollenden und gegen mich stets vertraulichen Wesen ein schnelles Ende. Ich mußte den Degen abliefern und wurde sogleich inhaftiert. Dies alles war von keinem Belang mehr für mich. Ich wurde gefragt, ob ein Zweikampf beabsichtigt gewesen sei. Ich verneinte, weiß aber kaum, warum. Ich hätte meine Verteidigung darauf bauen können, ich tat es nicht. Ich hätte ja dem Major eine zweite Waffe in die Hand drücken können, bevor ich das Haus verließ. Ich tat es nicht, weil es mir gleichgültig war. Ich erfuhr von der Verhaftung Auroras, von dem Erstaunen und dem Schrecken, den meine Tat überall erregte, und auch dieses war mir gleichgültig. Am andern Morgen besuchte mich der Oberst, fragte, ob ich vor dem Transport ins Militärgefängnis noch etwas zu ordnen hätte, legte ein Terzerol auf den Tisch und stellte sich ans Fenster. Ich tat nicht, was er erwartete. Er entfernte sich ohne Gruß. Die Kameraden glaubten, daß ich aus Feigheit unterlassen habe, ein Ende zu machen, aber dem ist nicht so. Ich habe nichts vom Feigling in mir. Ich war bloß regungslos in meinem Innern. Ich war ganz wie aus Blei. Ich grübelte beständig ins Finstere hinein. Erst mit dem Verlauf vieler Tage kam ich wieder zur Besinnung. Ich fing an, meine Beichte dem Papier anzuvertrauen. Ich hinterlasse sie der geringen Zahl meiner Freunde. Es ist mir nun klar, daß mich die Menschen für schuldig halten und daß ich zu sterben die Pflicht habe. Ich selbst, ich kann nicht sagen, ob ich mich schuldig fühle oder nicht. Ich kann es nicht sagen. Aurora hat es ja gewollt. Um meiner Mutter willen bitte ich um ein anständiges Begräbnis.
Und nun geschehe, was geschehen muß.