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Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman cover

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman

Chapter 17: XIV. DER EHEMANN
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About This Book

A pilgrim travels through sacred towns, groves, and shrines while pursuing spiritual understanding, meeting teachers, holy personages, and mythic figures who present parables and ethical tests. The journey interweaves episodes of intimate attachment, loss, and temptation with contemplative instruction drawn from Buddhist and Hindu lore, examining the tension between love and renunciation. Scenes alternate between lyrical landscape description, moral dilemma, and ritual, and the narrative moves toward a resolution that considers compassion, detachment, and the possibility of release from cyclic existence.

Der Erhabene, auf den der Pilger, vom Glanze angezogen und dennoch ohne zu ahnen, wen er sah, unwillkürlich seinen Blick richtete, gab durch ein langsames Kopfnicken seine Teilnahme zu erkennen und sagte:

"Noch seh' ich dich, Pilger, vielmehr der Häuslichkeit als der Hauslosigkeit zuschreiten, obwohl der Weg in die letztere sich dir wahrlich deutlich genug eröffnet hatte."

"So ist es, Ehrwürdiger! Blöden Auges sah ich diesen Ausweg nicht, sondern schritt eben, wie du sagtest, der Häuslichkeit zu."

Und nach einem tiefen Seufzer fuhr der Pilger mit frischer und heiterer Stimme in dem Bericht seiner Erlebnisse fort.

XIII. DER LEBEMANN

o lebte ich denn im Elternhause zu Ujjeni.--Diese meine Vaterstadt, o Fremder, ist ja aber nicht weniger durch ihre Lustbarkeit und rauschende Lebensfreude als wegen ihrer glänzenden Paläste, und prächtigen Tempel in ganz Indien berühmt. Ihre breiten Straßen hallen bei Tage vom Wiehern der Pferde und Trompeten der Elefanten wider, und bei Nacht vom Lautenspiele der Verliebten und von den Liedern fröhlicher Zecher.

Besonders aber erfreuen sich die Hetären Ujjenis eines außerordentlichen Rufes. Von den großen Kurtisanen, die in Palästen wohnen, Tempel den Göttern und öffentliche Gärten dem Volke stiften und in deren Empfangssälen man Dichter und Künstler, Schauspieler, vornehme Fremde, ja manchmal sogar Prinzen trifft--bis zu den gewöhnlichen Dirnen herab sind sie alle von schwellgliedriger Schönheit und unbeschreiblicher Anmut. Bei den großen Festlichkeiten, bei Aufzügen und Schaustellungen bilden sie den Hauptschmuck der blumenprangenden, wimpelumflatterten Straßen. In cochenilleroten Kleidern, duftende Kränze in den Händen, von Wohlgerüchen umwallt, von Diamanten funkelnd, siehst du sie dann, o Bruder, auf ihren besonderen Prachttribünen sitzen oder die Straßen dahinziehen, mit liebevollen Blicken, aufreizenden Gebärden und lachenden Scherzworten allerwärts die Sinnenglut der Lustverlangenden zu hellen Flammen schürend.

Vom König verehrt, vom Volke angebetet, von den Dichtern besungen, heißen sie ja "die bunte Blumenkrone des felsenragenden Ujjeni" und ziehen uns den Neid der weniger begünstigten Nachbarstädte zu. Öfters gastieren auch dort die hervorragendsten unserer Schönheiten, ja es kommt sogar vor, daß eine solche durch eine königliche Verordnung zurückgerufen werden muß.

Mir, der ich nun meinen lebenverzehrenden Kummer ertränken wollte, wurde von den Händen dieser fröhlichen Schwesterschaft der goldige Lustkelch des berauschenden Vergessenheitstrankes willig und reichlich an die Lippen geführt. Durch meine vielen Fähigkeiten und großen Kenntnisse der schönen Künste aller Art und nicht weniger aller geselligen Spiele wurde ich ein gern gesehener Gast der großen Kurtisanen, von denen eine sogar, deren Gunst mit Geld kaum aufzuwiegen war, sich zuletzt so leidenschaftlich in mich verliebte, daß sie sich meinetwegen mit einem Prinzen überwarf. Andererseits wurde ich durch meine völlige Beherrschung der Gaunersprache leicht vertraut mit den Dirnen der Gäßchen, deren Gesellschaft ich auf dem Wege derben Lebensgenusses keineswegs verschmähte, und von denen mehrere mir von Herzen ergeben waren.

So tauchte ich denn tief in den rauschenden Strudel der Vergnügungen meiner Vaterstadt, und es wurde, o Fremder, eine sprichwörtliche Redensart in Ujjeni: "Ein Lebemann wie der junge Kamanita."

Nun zeigte es sich aber, daß schlechte Gewohnheiten, ja selbst Laster manchmal dem Menschen einen Glücksfall bringen, so daß der weltlich Gesinnte nicht leicht entscheiden kann, ob er am meisten seinen guten oder seinen schlechten Eigenschaften sein Gedeihen zu verdanken hat.

Jene Vertrautheit mit den niedrigeren Dirnen kam mir nämlich sehr zustatten. Im Hause meines Vaters wurde ein Einbruch verübt, und Juwelen, die ihm zum großen Teil zur Schätzung anvertraut waren, gestohlen, und zwar in einem Betrage, der kaum mehr zu ersetzen war. Ich war außer mir, denn völliger Ruin drohte uns. Vergebens bot ich alle die Kenntnisse auf, die ich im Walde mir erworben hatte. Nach der Weise, wie der unterirdische Gang angelegt war, konnte ich wohl sagen, was für einer Art von Dieben die Täterschaft zuzuschreiben sei. Aber selbst dieser so nützliche Wink war zwecklos für die Polizei--die allerdings in Ujjeni nicht auf ähnlicher Höhe steht wie die Hetärenwirtschaft, was vielleicht nicht ganz ohne inneren Zusammenhang sein mag. Habe ich doch in einem sehr gelehrten Vortrag über das Liebesleben der verschiedenen Stände folgenden Satz gehört: "Die Liebesabenteuer des Polizeimeisters haben während der nächtlichen Inspizierung stattzufinden und zwar mit den Stadtdirnen;"--was in Verbindung mit jener Vorlesung Vajaçravas' "Über die Nützlichkeit der Dirnen zum Hineinlegen der Polizei" in jener Zeit des ängstlichen Wartens mir manches zu denken gab.

Nun scheint es ja aber in dieser unserer sonderbaren Welt so eingerichtet zu sein, daß die linke Seite für das aufkommen muß, was die rechte versäumt. Und so geschah es denn auch hier, daß jene üppige Blüte Ujjenis mir die Frucht trug, welche der, vielleicht wegen dieser Üppigkeit etwas kümmerlich geratene Dornenhag des Polizeiwesens zu zeitigen nicht vermochte. Denn die guten Mädchen, als sie mich wegen der mir und den Meinigen drohenden Not untröstlich sahen, ermittelten die Täter und zwangen sie, durch Androhung völliger Entziehung ihrer Gunst, die Beute wieder herauszugeben, so daß wir glimpflich davon kamen, mit Verlust des Wenigen, das schon verpraßt gewesen, und mit einem Schrecken, der für mich nicht ohne gute Wirkung blieb.

Durch ihn wurde ich nämlich aus meinem Zeit und Jugendkraft unnütz vergeudenden Wüstlingsleben aufgerüttelt. Dieses war ohnehin zu einem Punkt gelangt, wo es mich entweder unter dem Joch der Gewohnheit völlig knechten und versumpfen lassen, oder aber mich anzuwidern anfangen mußte. Die letztere Wirkung wurde nun eben durch jenes Erlebnis gefördert. Ich hatte die Armut mir ins Gesicht starren sehen--die Armut, der mich jenes Leben wehrlos überliefert hätte, um mich dann treulos mit allen seinen kostspieligen Freuden zu verlassen. Nun besann ich mich auf jenes Wort des Kaufmannes am Grabe Vajaçravas: "Wenn ich so hoch in Gunst bei Vajaçravas stände wie du, dann würde ich in wenigen Jahren der reichste Mann in Kosambi sein." Und ich beschloß, der reichste Mann in Ujjeni zu werden, und zu diesem Zwecke mich mit aller Kraft auf den Karawanenhandel zu verlegen.

Ob nun mein im Jenseits weilender Freund und Meister, Vajaçravas, mir bei meinen Unternehmungen in eigener Person beistand, wage ich nicht zu entscheiden, wiewohl ich es manchmal glaubte; sicher aber ist, daß seine Worte es jetzt nachträglich taten. Denn daß ich durch seine Belehrung mit allen Gewohnheiten und Gebräuchen der verschiedenen Räuberarten vertraut, ja selbst in ihre geheimen Regeln eingeweiht war, das setzte mich jetzt in den Stand, ohne törichte Waghalsigkeit Unternehmungen durchzuführen, die ein anderer nimmermehr hätte wagen dürfen. Gerade solche aber suchte ich mir jetzt aus und gab mich mit gewöhnlichen Reisen gar nicht mehr ab.

Wenn ich nun eine große Karawane nach einer Stadt führte, zu der monatelang keine andere hatte vordringen können, weil gerade zu der Zeit starke Räuberbanden die Gegend gleichsam abgesperrt hatten, so fand ich die Einwohner dermaßen auf meine Waren erpicht, daß ich diese manchmal mit dem zehnfachen Gewinn absetzen konnte. Aber damit nicht genug: einen unschätzbaren Vorteil zog ich aus jener Belehrung "über die Kennzeichen der für Bestechung zugänglichen Beamten höheren und niederen Ranges nebst Anweisung über die dabei in Frage kommenden Geldbeträge"; und was ich im Verlauf weniger Jahre durch geschickte Benutzung dieser Winke gewonnen habe, kommt für sich allein einem mäßigen Vermögen gleich.--

So vergingen denn einige Jahre in gesundem Wechsel zwischen allerlei Lebensgenüssen meiner freudigen Vaterstadt und gefahrreichen Geschäftsreisen, die übrigens bei allem Ernst auch nicht die Lust ausschlossen; denn ich stieg in den fremden Städten immer bei einer Hetäre ab, an die ich gewöhnlich von einer gemeinsamen Ujjenier Freundin empfohlen war, und die meine Kaufmannsgeschäfte oft gar schlau für mich einfädelte.

Eines Tages trat nun mein Vater vormittags in mein Zimmer, als ich gerade damit beschäftigt war, auf meine Lippen Lackfarbe aufzutragen, während ich gleichzeitig meinem Diener Anweisungen gab, der im Hofe vor meinem Fenster mein Lieblingspferd sattelte. Das mußte diesmal mit besonderer Sorgfalt geschehen, und es sollten durch eine eigenartige Vorrichtung Kissen angeschnallt werden, denn ich mußte unterwegs eine Gazellenäugige vor mir im Sattel halten. Ich hatte nämlich mit mehreren Freunden und Freundinnen einen Besuch in einem öffentlichen Garten verabredet.

Ich wollte sofort meinem Vater Erfrischungen bringen lassen; er lehnte es aber ab, und als ich ihm aus meiner goldenen Dose wohlriechende Mundkügelchen anbot, schlug er auch diese aus und nahm nur etwas Betel. Ich schloß daraus sofort, nicht ohne einige Beklemmung, daß er wohl etwas Ernstes vorhaben mochte.

"Ich sehe, daß du dich zu einem Vergnügungsausflug bereit machst, mein Sohn," sagte er, nachdem er auf dem ihm von mir gebotenen Sitze Platz genommen hatte; "auch kann ich dies keineswegs tadeln, da du erst kürzlich von einer anstrengenden Geschäftsreise zurückgekehrt bist. Wo willst du heute hin, mein Sohn?"

"Ich will, Vater, mit einigen Freunden und Freundinnen nach dem Garten der hundert Lotusteiche reiten, wo wir uns mit Spielen belustigen wollen."

"Gut, sehr gut, mein Sohn! Reizend, entzückend ist ja der Aufenthalt im Garten der hundert Lotusteiche--tiefer Schatten der Bäume und kühlender Hauch des Wassers laden da zum Verweilen ein. Auch sind artige und sinnige Spiele zu loben, denn sie beschäftigen Körper und Geist ohne sie anzustrengen. Ob wohl jetzt noch dieselben Spiele gebräuchlich sind, die wir in meiner Jugend spielten? Was meinst du, Kamanita, wird wohl heute dort gespielt werden?"

"Es kommt darauf an, Vater, wer von uns mit seinem Vorschlage durchdringt. Ich weiß, daß Nimi das Wasserspritzspiel vorschlagen will."

"Das kenne ich nicht," sagte mein Vater.

"Nein, Nimi hat es im Süden gelernt, wo es sehr Mode ist. Man füllt dabei Bambusrohre mit Wasser und bespritzt sich gegenseitig, und wer am nassesten wird, hat verloren. Das ist sehr drollig.--Kolliya aber will den Kadambakampf in Vorschlag bringen."

Mein Vater schüttelte den Kopf:

"Das kenn' ich auch nicht."

"O, das ist jetzt sehr beliebt. Die Spielenden teilen sich in zwei Parteien, die einander bekämpfen, und dabei dienen eben die Zweige des Kadambastrauches mit ihren großen, goldigen Blüten als gar prächtige Schlagwaffen. Durch den Blütenstaub sind die Wunden kenntlich, so daß die Kampfrichter danach entscheiden können, welche Partei gewonnen hat. Das Ganze ist recht spannend und hat etwas Zierliches. Ich aber beabsichtige, das Hochzeitsspiel vorzuschlagen."

"Das ist ein gutes altes Spiel," sagte mein Vater mit einem auffallenden Schmunzeln, "und es freut mich recht, daß du dafür eintreten willst, denn das zeugt von deiner Gesinnung. Vom Spiel zum Ernst ist der Schritt nicht gar zu groß."

Dabei schmunzelte er wieder selbstgefällig, und mir wurde recht gruselig zumute.

"Ja, mein Sohn," fuhr er fort, "ich komme dabei gerade auf das, was mich heute zu dir geführt hat. Du hast bei deinen vielen Kaufmannsreisen durch Geschicklichkeit und Glück unser Vermögen vervielfacht, so daß das Gedeihen unserer Geschäfte in Ujjeni sprichwörtlich geworden ist. Andererseits hast du aber auch in vollen Zügen deine Jugendfreiheit genossen. Aus dem ersteren folgt, daß du wohl imstande bist, deinen eigenen Haushalt zu gründen. Aus dem zweiten, daß es jetzt auch für dich an der Zeit ist, dies zu tun und daran zu denken, den Faden des Geschlechts weiterzuspinnen. Um dir, meinem lieben Sohn, alles recht leicht zu machen, habe ich schon im Voraus eine Braut für dich ausgesucht. Es ist die älteste Tochter unseres Nachbars Sanjaya, des großen Kaufmannes, die erst kürzlich das heiratsfähige Alter erreicht hat. Sie stammt also, wie du siehst, aus einer ebenbürtigen, achtbaren und sehr begüterten Familie und hat großen Verwandtenanhang, sowohl von väterlicher wie von mütterlicher Seite. Ihr Körper ist makellos; sie hat Haare von der Schwärze der Biene, ein Gesicht wie der Mond, die Augen eines Gazellenlammes, eine der Sesamblüte ähnelnde Nase, Zähne wie Perlen und Bimbalippen, von denen eine Stimme so süß wie die der Kokila ertönt. Ihr Schenkelpaar ist herzerfreuend wie ein Pisangstamm, und durch die Fülle der Hüften beschwert, hat ihr Gang die lässige Majestät des Ilfen. Du wirst also unmöglich etwas gegen sie einwenden können."

Ich hatte in der Tat nichts gegen sie einzuwenden, außer etwa, daß ihre vielen mir so poetisch angepriesenen Reize mich völlig kalt ließen. Und ich gestehe, daß von allen Hochzeitszeremonien mir diejenige der drei Nächte der Enthaltsamkeit, in denen ich der Satzung gemäß mit meiner jungen Gattin, nichts Scharfgewürztes essend, auf dem Boden schlafend und das Hausfeuer unterhaltend, die Keuschheit zu bewahren hatte, die am wenigsten lästige war.

Eine ungeliebte Frau, o Bruder, macht das Heim nicht lieb und das Haus nicht fesselnd, und so begab ich mich von jetzt ab fast noch williger als zuvor auf Reisen und kümmerte mich in der Zwischenzeit nur um meine Geschäfte. Und da ich--um der Wahrheit die Ehre zu geben--bei diesen nicht gar zu skrupelhaft zu Werke ging, sondern ohne viel Bedenken meinen Vorteil nahm, wo ich ihn sah, so wuchs mein Reichtum dermaßen, daß ich mich nach wenigen Jahren dem Ziel meines Ehrgeizes nahe fand und einer der reichsten Bürger meiner Vaterstadt war.

Nun wollte ich aber auch als Hausherr und Familienvater--denn meine Gattin hatte mir zwei Töchter geboren--meines Reichtums recht genießen und besonders auch vor meinen Mitbürgern damit prunken. Ich erwarb mir deshalb ein großes Grundstück in der Vorstadt, wo ich einen gar prächtigen Lustgarten anlegte und in seiner Mitte ein geräumiges, mit marmornen Säulenhallen versehenes Haus errichten ließ. Dies Besitztum wurde zu den Wundern Ujjenis gerechnet, und selbst der König kam, um es zu besichtigen.

Hier veranstaltete ich nun märchenhafte Gartenfeste und gab die üppigsten Gastmähler. Denn ich hatte mich mehr und mehr auf die Freuden der Tafel geworfen. Die leckersten Speisen, die zur betreffenden Jahreszeit überhaupt für Geld zu haben waren, mußten auf meinem Tische sein, selbst zu den täglichen Mahlzeiten. Damals war ich nicht, wie du mich jetzt siehst, durch lange Wanderungen, durch Waldaufenthalt und Askese hager und abgezehrt, sondern von blühender Körperfülle; ja ein Bäuchlein hatte schon angefangen sich zu runden.

Und es wurde, o Fremder, eine sprichwörtliche Redensart in Ujjeni: "Man ißt bei ihm, wie beim Kaufmann Kamanita."

XIV. DER EHEMANN

ines Morgens ging ich in den Anlagen mit meinem Obergärtner, um zu erwägen welche neue Verbesserungen anzubringen wären, als mein Vater auf seinem alten Esel in den Hof ritt. Ich eilte hin, um ihm beim Absteigen behilflich zu sein, und wollte ihn in den Garten führen, da ich glaubte, er käme, um dessen Blumenpracht zu genießen. Er zog es aber vor, ins erste beste Zimmer zu treten, und als ich dem Diener befahl, Erfrischungen zu bringen, schlug er auch diese aus--er wolle ungestört mit mir sprechen.

Etwas unheimlich berührt, eine drohende Gefahr witternd, nahm ich neben ihm auf einem niedrigen Sitze Platz.

"Mein Sohn," fing er nun sehr ernst an, "deine Frau hat dir nur zwei Töchter geboren, und es ist keine Aussicht, daß sie dir einen Sohn schenken wird. Nun heißt es ja aber sehr richtig, daß der Mann erbärmlich stirbt, für den kein Sohn das Totenopfer vollziehen kann. Ich tadle dich nicht, mein Sohn," fügte er hinzu, als er bemerken mochte, daß ich etwas unruhig wurde; und obwohl ich nicht wußte, wodurch ich mir in diesem Handel hätte Tadel verdienen können, dankte ich ihm mit geziemender Demut für seine Milde und küßte seine Hand.

"Nein, ich muß mich selber tadeln, weil ich bei der Wahl deiner Frau mich durch weltliche Rücksichten auf Familie und Güter zu sehr habe blenden lassen und nicht genügend auf die Zeichen achtete. Das Mädchen, das ich jetzt für dich im Auge habe, ist zwar aus einer wenig hervorragenden und keineswegs begüterten Familie; auch kann man ihr das, was der oberflächliche Betrachter 'Schönheit' nennt, nicht nachrühmen. Dafür aber hat sie einen tief sitzenden und nach rechts gedrehten Nabel; sowohl Hände wie Füße weisen Lotus-, Krug- und Radmal auf; ihr Haar ist ganz glatt, nur im Nacken hat sie zwei nach rechts gewundene Locken. Von einem Mädchen, das solche Zeichen besitzt, sagen ja die Weisen, daß es fünf Heldensöhne gebären wird."

Ich erklärte mich mit dieser Aussicht vollkommen befriedigt, dankte meinem Vater für die Güte, mit der er für mich sorgte, und sagte, ich sei bereit, das Mädchen sofort heimzuführen. Denn ich dachte: wenn es doch sein muß!...

"Sofort?" rief mein Vater erschrocken aus. "Aber, mein Sohn! Dämpfe dein Ungestüm! Wir sind ja jetzt im südlichen Laufe der Sonne. Wenn diese Gottheit in ihren nördlichen Lauf eintritt, und wir dann die Monatshälfte, in welcher der Mond zunimmt, erreichen, dann wollen wir einen günstigen Tag zur Handergreifung erwählen--aber eher nicht--eher nicht, mein Sohn! Was würden uns sonst alle guten Eigenschaften der Braut nützen?"

Ich bat meinen Vater, unbesorgt zu sein. Ich würde mich so lange gedulden und mich in allen Punkten von seiner Weisheit leiten lassen; worauf er meinen Gehorsam lobte, mir seinen Segen erteilte und mir gestattete, daß ich Erfrischungen kommen ließ.

Endlich nahte der von mir nicht sehr ersehnte Tag, auf den sich alle glückverheißenden Zeichen vereinten. Die Zeremonien waren diesmal noch viel umständlicher; ich hatte vorher volle vierzehn Tage gebraucht, um alle notwendigen Sprüche genau einzustudieren. Welche Angst ich während der Handergreifung im Hause meines Schwiegervaters ausgestanden habe, läßt sich mit Worten kaum beschreiben, Ich zitterte fortwährend vor Furcht, daß ich irgend einen Vers nicht ganz richtig oder genau bei der Bewegung, zu der er gehörte, hersagen möchte; denn mein Vater hätte mir das ja nie vergeben. Und darüber hätte ich beinahe die Hauptsache vergessen, denn anstatt ihren Daumen zu ergreifen, faßte ich nach ihren vier Fingern, als ob ich wünschte, daß sie mir Töchter gebären sollte--aber glücklicherweise hatte die Braut Geistesgegenwart genug, um mir den Daumen in die Hand zu schieben.

Ich war ganz in Schweiß gebadet, als ich endlich zur Abfahrt die Stiere einspannen konnte, während meine Braut in die Kummetlöcher der Geschirre je einen Zweig von einem fruchttragenden Baume steckte. Ich sprach aber den betreffenden Halbvers mit dem Bewußtsein, daß jetzt das Schlimmste vorüber sei. Die Gefahren waren jedoch keineswegs überstanden.

Zwar erreichten wir mein Haus, ohne daß irgend einer von den vielen kleinen Unfällen, die bei einer solchen Gelegenheit wie auf der Lauer liegen, unterwegs sich ereignet hätte. Vor der Tür angekommen, wurde die Braut von drei Brahmanenfrauen unbescholtenen Wandels, die alle nur Knaben geboren hatten, und deren Männer noch lebten, vom Wagen gehoben. So weit ging Alles gut. Nun aber kannst du dir, Bruder, meinen Schrecken denken, als beim Eintreten ins Haus der Fuß meiner Frau beinahe die Schwelle berührt hätte. Ich weiß noch heute nicht, woher ich die Entschlossenheit nahm, sie in meinen Armen hoch empor zu heben und dadurch zu verhüten, daß eine Berührung wirklich stattfände. Immerhin war eine solche Unregelmäßigkeit beim Hineingehen schlimm genug, und dazu kam, daß ich nun selber vergaß, mit dem rechten Fuß zuerst einzutreten. Glücklicherweise waren Alle, und besonders mein Vater, über die drohende Berührung der Schwelle dermaßen entsetzt, daß mein Fehltritt fast gänzlich unbeachtet blieb.

In der Mitte des Hauses nahm ich zur Linken meiner Frau auf einem roten Stierfell Platz, das mit der Nackenseite nach Osten und mit der Haarseite nach oben lag. Nun hatte mein Vater nach langem Suchen und mit unendlicher Mühe ein männliches Wunderkind ausfindig gemacht, das selber nur Brüder und keine Schwester--auch keine gestorbene--hatte und von einem Vater stammte, der sich in demselben Fall befand, nur Brüder zu haben, was sogar auch noch von dessen Vater galt--alles gerichtlich bescheinigt. Dies Knäblein sollte nun meiner Braut auf den Schoß gesetzt werden. Schon stand an ihrer Seite die kupferne Schüssel bereit mit den im Schlamme gewachsenen Lotusblumen, die sie dem Kinde in die zusammengelegten Hände geben sollte;--da war das Unglücksmenschlein nirgends zu finden. Erst nachher, als es schon zu spät war, entdeckte ein Diener, daß der Kleine das Opferbett zwischen den Feuern gar zu verlockend gefunden und sich in dem weichen Grase gewälzt hatte, bis er fast gänzlich darin begraben war. Nun mußte natürlich das Opferbett neu geschichtet und dazu frisches Kugagras geschnitten werden--was schon an sich verkehrt war, weil ja das Gras bei Sonnenaufgang geschnitten sein muß.

Diese Krone des ganzen Werkes fahren lassend, mußten wir uns mit einem in aller Hast herbeigeschafften Knäblein begnügen, dessen Mutter nur Söhne geboren hatte. Mein Vater war aber über das Mißlingen dieser Maßregel, auf die er so große Hoffnung gesetzt hatte, dermaßen erregt, daß ich fürchtete, der Schlag könne plötzlich seinem teuren Leben ein Ende machen. Freilich wäre er unter keinen Umständen jetzt gestorben, um nur nicht dadurch den Zeremonien den allerverderblichsten Abbruch zu tun. Diese tröstliche Betrachtung stellte ich aber damals nicht an. Während ich von entsetzlicher Furcht gequält wurde, mußte ich die Wartezeit bis zur Ankunft des Ersatzknaben damit ausfüllen, daß ich ununterbrochen geeignete Sprüche hersagte, damit ja nicht eine leere Pause entstände.

In dieser Stunde aber gelobte ich mir fest, daß ich, was auch kommen möchte, nie wieder heiraten würde.

Nachdem endlich Alles erledigt war, mußte ich mit meiner Gemahlin--die gar nicht ein solcher Ausbund von Häßlichkeit war, wie ich nach der Empfehlung meines Vaters erwartet hatte--zwölf Nächte in gänzlicher Enthaltsamkeit und unter strengem Fasten, auf dem Fußboden schlafend, zubringen. Diesmal waren es nämlich zwölf Nächte, weil mein Vater meinte, wir müßten lieber zuviel, denn zuwenig des Guten tun. Dabei empfand ich nun freilich recht schmerzlich, daß ich während der ganzen Zeit alle meine gewürzten Lieblingsgerichte entbehren mußte.

Indessen auch diese Probe wurde überstanden, und das Leben ging in dem alten Geleise weiter--jedoch mit einem sehr wesentlichen Unterschied. Es sollte sich mir nämlich nun bald zeigen, wie berechtigt meine Scheu vor dem neuen Heiratsvorschlag meines Vaters gewesen war. Wohl hatte ich mich sofort damit getröstet, daß man, wenn man eine Frau hatte, auch zwei haben konnte. Aber, ach! wie hatte ich mich darin getäuscht!

Meine erste Frau hatte immer einen sanftmütigen Charakter gezeigt, der eher zum Stumpfsinn als zu auffahrender Heftigkeit neigte; und auch meiner zweiten Frau rühmte man eine echt weibliche Milde nach. So sind ja auch, o Bruder, das Wasser und das Hausfeuer alle beide gar wohltätige Dinge; wenn sie aber auf dem Kochherd zusammentreffen, dann zischt's. Und so hat es denn von jenem Unglückstage an in meinem Hause gezischt. Aber wie wurde es erst, als meine zweite Frau mir nun wirklich den ersten jener fünf verheißenen Heldensöhne gebar! Nun beschuldigte mich meine erste Frau, ich hätte mit ihr keine Söhne haben wollen und nicht die rechten Opfer gebracht, um so einen Vorwand zu haben, eine andere zu heiraten; während meine zweite Frau, wenn sie von der ersten gereizt wurde, es an bitterem Hohn ihr gegenüber nicht fehlen ließ. Auch herrschte ein fortwährender Rangstreit; meine erste Frau forderte als solche den Vorrang, während meine zweite als Mutter meines Sohnes dieselbe Forderung erhob.

Aber bald sollte es noch schlimmer kommen. Eines Tages stürzte meine zweite Frau ganz zitternd vor Erregung zu mir herein und verlangte, ich sollte die erste fortschicken, da diese meinen Sohn vergiften wolle--der Knabe hatte nämlich Leibschneiden bekommen, weil er genascht hatte. Ich wies sie streng zurecht, kaum aber war ich sie los geworden, als die erste hereinstürzte und rief, ihre beiden Lämmchen wären ihres Lebens nicht mehr sicher, solange jenes niederträchtige Weib im Hause bliebe--ihre Nebenbuhlerin wolle meine Töchterchen aus dem Wege räumen, damit deren Mitgift nicht das Erbe ihres Sohnes vermindern sollte.

So war denn unter meinem Dach kein Frieden mehr zu finden. Wenn du, o Bruder, vorhin vielleicht am Gehöfte des reichen Brahmanen unweit von hier stehen geblieben bist und gehört hast, wie drinnen die beiden Frauen des Brahmanen keiften, mit lauten, schreienden Stimmen sich zankten und sich gegenseitig mit groben Schimpfworten bewarfen--dann bist du sozusagen auch an meinem Hause vorübergekommen.

Und es wurde nun leider auch eine sprichwörtliche Redensart in Ujjeni; "Die beiden vertragen sich wie die Frauen Kamanitas."

XV. DER KAHLE PFAFF

o waren die Verhältnisse in meinem Hausstande, als ich mich eines Vormittags in dem geräumigen, auf der Schattenseite gelegenen Zimmer befand, das ich zum Besorgen aller geschäftlichen Angelegenheiten benutzte, und das deswegen dem Hofe zugekehrt war; denn es war mir bequem, von dort aus die wirtschaftlichen Vorgänge im Auge behalten zu können. Vor mir stand ein bewährter Diener, der alle meine Fahrten während einer Reihe von Jahren mitgemacht hatte, und ich gab ihm genaue Anweisungen über die Führung einer Karawane nach einem ziemlich entfernten Orte, sowie über die Art und Weise, wie er dort am besten die Waren würde absetzen können, welche Produkte er von dort aus zurückbringen müsse, welche Geschäftsverbindungen er dort anzuknüpfen habe und was dergleichen mehr war--denn ich wollte ihm die ganze Sache anvertrauen.

Allerdings war meine Häuslichkeit weniger anheimelnd als je, und man könnte glauben, daß ich mit Freuden jede Gelegenheit ergriffen hätte, um in der Fremde umherzuschweifen. Aber ich fing jetzt an, etwas bequem und verwöhnt zu werden und scheute eine längere Reise, nicht nur wegen der Strapazen der Fahrt, sondern vor allem wegen der kargen Kost, mit der man, wenigstens unterwegs, vorlieb nehmen mußte. Ja, wenn man auch an Ort und Stelle angekommen, das Verlorene nachholen und sich recht gütlich tun wollte, so erlitt man doch oft Enttäuschungen, und jedenfalls, so gut wie am eigenen Tische aß ich dort nirgends.

So hatte ich denn angefangen, meine Karawanen unter zuverlässigen Führern auszusenden, während ich selber zu Hause sitzen blieb.

Als ich nun mitten in meinen sehr umständlichen und gar wohlüberlegten Anweisungen war, erschallten vom Hofe her die zänkischen Stimmen meiner beiden Frauen, und zwar ungewöhnlich laut und mit einem Redefluß, der nicht aufhören zu wollen schien. Ärgerlich über diese lästige Störung sprang ich schließlich auf, und nachdem ich vergebens durchs Fenster geblickt hatte, trat ich in den Hof hinaus.

Ich sah meine beiden Frauen am Eingangstor stehen. Aber weit davon entfernt, sie in gegenseitigem Zank zu finden--wie ich es erwartet hatte--, traf ich sie zum ersten Male einig, indem sie sich einen gemeinsamen Gegner ausgesucht hatten, über den sich ihr vereinigter Zorn ergoß. Dieser Unglückliche war ein wandernder Asket, der an den Torpfosten gelehnt dastand, und ruhig diesen Strom von Beschimpfungen über sich ergehen ließ. Was der eigentliche Grund ihres Angriffes war, habe ich nie erfahren, vermute aber, daß der bei beiden stark entwickelte mütterliche Instinkt in diesem Entsager einen Verräter gegen die heilige Sache der menschlichen Vermehrung und einen Feind ihres Geschlechts gewittert hatte, und daß sie sich so unwillkürlich über ihn geworfen hatten wie zwei Ichneumons über eine Cobra.

"Pfui über ihn, den kahlen Pfaffen, den schamlosen Bettler!--Sieh nur, wie er dasteht, mit gebeugten Schultern und gesenktem Blick--Frömmigkeit, Beschaulichkeit atmet er aus, der Heuchler, der Gleißner! Nach dem Kochtopf späht er hin, schaut nach und schnüffelt und schnuppert--wie der Esel, vom Karren losgeschnallt, im Hofe zum Kehrichthaufen geht und hinspäht, und nachschaut, und schnüffelt und schnuppert.... Pfui über ihn, den faulen Tagedieb, den schamlosen Bettler, den kahlen Pfaffen!"

Der Gegenstand dieser und ähnlicher Schmähreden, jener wandernde Asket, ein Mann von auffallend hohem Wuchse, stand unterdessen immer noch an den Türpfosten gelehnt, in gelassener Haltung da. Sein Mantel, von der gelben Farbe der Kanikarablume und dem deinigen nicht unähnlich, fiel in malerischen Falten über seine linke Schulter bis zu den Füßen hinab und ließ einen kräftigen Körperbau erraten. Der schlaff herabhängende rechte Arm war unbedeckt, und ich konnte nicht umhin, das gewaltige Geflecht der Muskeln zu bewundern, das eher der wohlerworbene Besitz eines Kriegers als das müßige Erbteil eines Asketen zu sein schien; auch die tönerne Almosenschale mutete mich in seiner nervigen Hand ebenso sonderbar und unangemessen an, wie eine eiserne Keule mir dort an rechter Stelle erschienen wäre. Sein Kopf war geneigt, der Blick zu Boden gesenkt, keine Miene verzog sich um den Mundwinkel, und so stand er regungslos da, als ob ein tüchtiger Künstler das Bild eines wandernden Asketen in Stein gehauen und fein bemalt und bekleidet hätte, und ich nun dieses Bildwerk an meinem Tor hätte aufstellen lassen--etwa als Wahrzeichen meiner Freigebigkeit.

Diese seine Ungestörtheit, die ich für Sanftmut hielt, meine beiden Frauen aber als Verachtung auffaßten, spornte natürlich diese zu immer größeren Anstrengungen an, und so wäre es wohl schließlich zu Tätlichkeiten gekommen, wenn ich nicht dazwischen getreten wäre, meinen bösen Frauen ihr schändliches Betragen verwiesen und sie ins Haus gejagt hätte.

Dann trat ich zum Asketen hin, verneigte mich ehrerbietig und sprach:

"Wolle, Ehrwürdigster, dir nicht zu Herzen nehmen, was diese Frauen, deren Verstand ja kaum zwei Finger breit ist, an Ungebührlichem, Unziemlichem gesagt haben mögen! Wolle, Ehrwürdigster, nicht deshalb mit deinem Asketenzorn dies mein Haus vernichtend treffen! Ich will ja, Ehrwürdigster, selber deine Almosenschale mit dem Besten füllen, was das Haus vermag--welch ein Glück, daß sie noch leer ist! Ich will sie füllen, daß kein Bissen mehr hineingeht, und kein Nachbar sich heute dadurch, daß er dich ernährt, Verdienst erwerben kann. Du bist auch wahrlich nicht vor die unrechte Schmiede gekommen, Ehrwürdigster, und ich denke, das Essen wird dir munden, denn es ist sogar eine sprichwörtliche Redensart hier in Ujjeni: 'Man ißt bei ihm, wie beim Kaufmann Kamanita'--und der bin ich. Wolle also, Ehrwürdiger, nicht über das Vorgefallene zürnen und meinem Hause fluchen."

Der Asket aber antwortete darauf, mit nicht eben unfreundlicher Miene:

"Wie könnte ich wohl, o Hausvater, über solche Schimpfereien zürnen, da es mir doch zusteht, wegen viel gröberer Behandlung sogar dankbar zu sein. Denn einst, o Hausvater, begab ich mich, zeitig gerüstet, mit Mantel und Schale versehen, in eine Stadt, um Almosenspeisen zu sammeln. In dieser Stadt aber hatte Mara, der Teufel, gerade damals die Brahmanen und Hausväter gegen den Orden der Heiligen aufgehetzt. 'Geht mir mit euren tugendhaften, edelgearteten Asketen! Beschimpft sie, beleidigt sie, verjagt sie, verfolgt sie.' Und so geschah es, Hausvater, als ich nun die Straßen daherging, daß bald ein Stein mir an den Kopf flog, bald ein Scherben mich im Gesicht traf, bald ein Stock meinen Arm halb zerquetschte. Als ich nun mit zerschnittenem, von Blut überströmtem Kopfe, mit zerbrochener Schale und zerrissenem Mantel zum Meister zurückkam, sagte dieser: 'Dulde nur, Asket, dulde nur! Um welcher Tat Vergeltung du viele Jahre Höllenqual erlitten hättest, dieser Tat Vergeltung findest du noch bei Lebzeiten.'

Bei den ersten Lauten seiner Stimme zuckte mir ein jäher Schreck durch den Leib vom Scheitel bis zur Sohle, und mit jedem Wort durchdrang ein eisiges Erstarren tiefer mein ganzes Wesen. Denn das war ja, o Bruder, die Stimme Angulimalas, des Räubers--wie konnte ich daran zweifeln? Und als mein krampfhafter Blick sich an sein Gesicht heftete, erkannte ich auch dieses wieder, obschon ihm früher der Bart fast bis an die Augen gegangen und das Haar ihm tief in die Stirn gewachsen war, während er jetzt kahl und rasiert vor mir stand. Nur zu gut erkannte ich die Augen unter den buschigen, zusammengewachsenen Brauen wieder, obwohl sie mir nicht wie damals Zornesblitze entgegensprühten, sondern mit tiefer Verstellungskunst mich vielmehr freundlich anblickten; und die sehnigen Finger, die die Almosenschale umspannten--gewiß waren es dieselben, die einst wie Teufelskrallen meine Kehle umklammert hatten.

"Wie sollte ich wohl, o Hausvater"--fuhr mein unheimlicher Gast fort,--"wie sollte ich wohl über Schimpfreden in Zorn geraten? Denn der Meister hat ja gesagt: 'Wenn auch, ihr Jünger, Räuber und Mörder euch mit einer Baumsäge Gelenke und Glieder abtrennten, so würde, wer da in Wut geriete, nicht meine Weisung erfüllen.'"

Als ich aber, o Bruder, diese Worte mit ihrer so teuflisch versteckten und mir so deutlichen Drohung vernahm, zitterten mir die Beine dermaßen, daß ich mich an der Wand festhalten mußte, um nicht umzusinken. Nur mit Mühe vermochte ich mich so weit zusammenzunehmen, daß ich, mehr noch durch Gebärden als mit einigen hergestammelten Worten, dem als Asketen verkleideten Räuber bedeuten konnte, er möchte sich gedulden, bis ich die Speisen beschafft hätte.

Dann eilte ich, so schnell wie meine wackeligen Beine mich tragen wollten, quer über den Hof in die große Küche, wo gerade das Mittagsmahl für meine Familie und die ganze Haushaltung zubereitet wurde, und es in allen Pfannen und Töpfen briet und brodelte. Hier wählte ich nun ebenso schnell wie sorgfältig das Beste und Schmackhafteste aus. Mit einer goldenen Kelle bewaffnet und von einer ganzen Schar schüsseltragender Diener gefolgt, stürzte ich wieder in den Hof, um meinen furchtbaren Gast zu bedienen und womöglich zu versöhnen.

Angulimala aber war verschwunden.

XVI. KAMPFBEREIT

alb ohnmächtig sank ich auf eine Bank nieder. Doch fingen meine Gedanken sofort wieder zu arbeiten an. Angulimala war dagewesen, dessen war kein Zweifel; und auch der Grund seines Kommens war mir nur zu klar. Wie viele Geschichten hatte ich nicht über seine Unversöhnlichkeit und Rachsucht gehört! Nun hatte ich ja aber das Unglück gehabt, seinen besten Freund zu erschlagen, und von meinem Aufenthalt unter den Räubern wußte ich wohl, daß die Freundschaft bei ihnen nicht weniger gilt als bei einer ehrsamen Bürgerschaft, wenn nicht sogar weit mehr. Als ich aber sein Gefangener war, konnte Angulimala mich nicht töten, ohne sich gegen die Regeln der "Absender" zu versündigen; und trotzdem hätte er es zweimal beinahe getan und damit einen unauslöschlichen Fleck auf seine Räuberehre gesetzt. Nun aber hatte er endlich dieses, von dem sonstigen Gebiete seiner Tätigkeit weit abseits gelegene Land aufsuchen können und wollte jetzt das Versäumte nachholen. In der Verkleidung eines Asketen hatte er die Örtlichkeiten bequem in Augenschein nehmen können und ohne Zweifel wollte er noch in derselben Nacht handeln. Wenn er auch bemerkt haben mochte, daß ich ihn wieder erkannte, durfte er doch nicht zögern, denn diese Nacht war die letzte der dunklen Hälfte des Monats, und ein Unternehmen wie dieses in der lichten Hälfte auszuführen, wäre ein Verstoß gegen die heiligen Räubergesetze gewesen, der ihm den strafenden Zorn der schrecklichen Göttin Kali hätte zuziehen müssen.

Sofort ließ ich mein bestes Pferd satteln und ritt in die Stadt nach dem Palast des Königs. Leicht hätte ich bei ihm Zutritt erhalten, aber zu meiner Enttäuschung erfuhr ich, daß er sich gerade in einem seiner fernen Jagdschlösser aufhielt. Ich mußte mich also damit begnügen, den Minister aufzusuchen. Dieser war gerade derselbe Mann, der einst jene Gesandtschaft nach Kosambi geführt hatte und in dessen Obhut, wie du dich erinnern wirst, ich wohl hin--aber nicht zurückgereist war. Seit jenem Tage nun, an dem ich mich geweigert hatte, ihm zu folgen, war er mir nicht sehr gewogen, was ich bei verschiedenen Begegnungen gespürt hatte, wie ich denn auch wußte, daß er sich des öfteren über meinen Lebenswandel aufgehalten hatte. Bei ihm meine Sache vorbringen zu müssen, war mir nicht gerade angenehm; indessen ihre Berechtigung, ja sogar Verdienstlichkeit war so augenscheinlich, daß hier, wie mir schien, für persönliche Ab- oder Zuneigung wenig Spielraum war.

Ich erzählte ihm also so kurz und klar wie möglich, was sich in meinem Hofe zugetragen hatte, und fügte die fast selbstverständliche Bitte hinzu, eine Truppenabteilung möge für die Nacht in meinem Haus und Garten aufgestellt werden, um mein Besitztum gegen den sicher zu erwartenden Angriff der Räuber zu verteidigen und so viele wie möglich von diesen gefangenzunehmen.

Der Minister hörte mich schweigend und mit einem unergründlichen Lächeln an. Dann sagte er:

"Mein guter Kamanita! Ich weiß nicht, ob du heute schon einen recht kräftigen Frühtrunk zu dir genommen hast, oder noch unter dem Einfluß einer deiner in Ujjeni sprichwörtlich berühmten nächtlichen Gelage stehst, oder ob du dir gar überhaupt durch deine ebenfalls sprichwörtlich berühmten scharf gewürzten Leckereien dermaßen den Magen verdorben hast, daß du nicht nur bei Nacht, sondern auch am hellen Tag böse Träume hast. Denn nur als einen solchen kann ich diese hübsche Geschichte betrachten, zumal wir wissen, daß Angulimala längst nicht mehr unter den Lebenden weilt."

"Das war aber ein falsches Gerücht, wie wir jetzt sehen," rief ich ungeduldig.

"Ich sehe das keineswegs," versetzte er in scharfem Ton. "Von falschem Gerücht kann hier keine Rede sein, denn kurze Zeit nach der Begebenheit hat Satagira selber mir in Kosambi erzählt, daß Angulimala in den unterirdischen Gewölben des Ministerpalastes unter den Folterwerkzeugen gestorben sei, und ich habe noch seinen Kopf über dem östlichen Stadttor aufgespießt gesehen."

"Ich weiß nicht, wessen Kopf du dort gesehen hast," sagte ich--"das aber weiß ich genau, daß ich noch vor einer Stunde den Kopf Angulimalas wohlbehalten auf seinen Schultern gesehen habe, und daß ich so wenig deinen Spott verdiene, daß du mir vielmehr danken solltest, weil du durch mich Gelegenheit bekommst--

"Einen toten Mann totzuschlagen und aus mir selbst einen Narren zu machen," unterbrach mich der Minister--"ich danke!"

"Dann bitte ich wenigstens zu bedenken, daß es sich hier nicht um den ersten besten Besitz handelt, sondern um ein Haus und um Gartenanlagen, die zu den Wundern Ujjenis gerechnet werden, und die unser gnädiger König selber mit großer Bewunderung besichtigt hat. Er wird dir's nicht danken, wenn Angulimala diese Herrlichkeiten seiner Hauptstadt einäschert."

"O, das kümmert mich wenig," antwortete dieser Unmensch lachend. "Folge meinem Rat, gehe nach Hause, beruhige dich durch ein Schläfchen und laß die Sache dich nicht weiter kümmern. Das Ganze kommt übrigens daher, daß du dich damals in Kosambi in ein galantes Abenteuer gestürzt hast und töricht genug warst, meine Worte in den Wind zu schlagen und nicht mit mir abzureisen. Hättest du das getan, dann wärest du nie in Angulimalas Hände gefallen und würdest jetzt nicht von einer grundlosen und leeren Angst geplagt. Auch ist dein monatelanges Zusammenleben mit dem Räubergesindel für deine Sitten nicht günstig gewesen, wie wir ja alle hier in Ujjeni gesehen haben."

Er erging sich noch in einigen moralisierenden Gemeinplätzen und entließ mich dann.

Schon unterwegs überlegte ich mir, was nun, da ich auf mich selber angewiesen war, zu tun sei. In meinem Hause angekommen, ließ ich sofort alle beweglichen Schätze, die sich da fanden, vornehmlich solche Dinge wie kostbare Teppiche, eingelegte Tische und ähnliches in den Hof bringen und dort auf Karren verladen, um diesen Teil meiner Güter in der inneren Stadt in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig ließ ich an alle meine Leute Waffen verteilen--sowohl Karren wie Waffen waren ja reichlich wegen der beabsichtigten Karawanenfahrt vorhanden. Aber dabei ließ ich es nicht bewenden. Das Allererste, was ich zu tun hatte, war, einige vertraute Diener in die Stadt zu schicken, um dort gegen Versprechen eines ansehnlichen Lohnes mutige und waffentüchtige Kerle für die Nacht zu werben. Für jeden anderen wäre dies nun freilich ein gar gefährliches Wagestück gewesen; denn wie leicht konnten solche Leute im entscheidenden Augenblick mit den Angreifern gemeinsame Sache machen! Ich vertraute aber gewissen Freundinnen, die meinen Dienern nur zuverlässige Spitzbuben empfahlen--nämlich solche, die zwar sonst zu Allem fähig sind, denen aber doch ihr feierlich gegebenes Wort und das genommene Handgeld heilig sind. Da ich dies Gesindel und seine sonderbaren Gewohnheiten kannte, wußte ich wohl, was ich tat.

Während dieser Vorbereitungen schickte ich, da ich selber nicht Zeit hatte, zu meinen Frauen zu gehen, einen Diener zu einer jeden von ihnen und ließ ihnen sagen, sie müßten sich bereit halten--die erste mit ihren beiden Töchterchen, die zweite mit ihrem Söhnlein--noch heute nach der Stadt ins Vaterhaus zu ziehen. Daß es nur für die eine Nacht sein sollte, ließ ich sie nicht wissen, weil ich wohlweislich bedacht hatte, wenn sie erst einmal dort wären, könnten sie auch eine Woche oder länger dort bleiben, und ich würde unterdessen zu Hause einen ungeahnten Frieden genießen--vorausgesetzt natürlich, daß es mir gelänge, den Angriff abzuschlagen. Ebensowenig ließ ich sie den Grund zu dieser Maßregel erfahren, weil man ja überhaupt Weibern gegenüber sich nicht auf Gründe berufen soll.

Ich war nun gerade im Begriff, meiner bewaffneten Dienerschaft eine anfeuernde Rede zu halten, wie ich das bei gefahrdrohenden Gelegenheiten während einer Karawanenreise immer und mit großem Erfolg getan hatte. Da stürzten gleichzeitig, wie auf Verabredung, aus zwei verschiedenen Türen meine beiden Frauen in den Hof, mit verstörten Mienen und lautem Schreien, so daß Alle sich nach ihnen umsahen, und ich meine kaum angefangene Rede unterbrechen mußte. Die erste schleppte die beiden Töchterlein, die zweite mein Söhnchen mit sich.

Vor mir angelangt, zeigte die eine auf die andere und beide schrien:

"So ist es denn endlich diesem schlechten Weib gelungen, dein Herz gegen mich zu wenden, daß du mich verstoßen willst, und mir, deiner getreuen Ehefrau, die Schande antust, mich ins Vaterhaus zurückzuschicken mit deinen unschuldigen Töchterlein--(mit deinem armen Söhnlein)--."

Die überschäumende Wut, unterstützt von ihrem angeborenen kurzen Verstande, verursachte, daß keine von ihnen merkte, wie die andere sie genau derselben Sache beschuldigte, die sie selbst dieser zur Last legte, und sich genau über das gleiche Schicksal beklagte, das sie selbst als das ihrige beweinte, und daß also jedenfalls ein Irrtum vorliegen mußte. Aber weit entfernt davon, so etwas zu ahnen, schrien und heulten sie immer weiter, wobei sie sich die Haare rauften und ihre Brüste mit den Fäusten schlugen, bis sie dann, wie zur Erholung, sich gegen die vermeintliche siegreiche Gegnerin in Schimpfreden ergingen, die an Grobheit Alles, was ich je in der Gesellschaft übelberufener Weiber gehört hatte, weit übertrafen.

Endlich gelang es mir doch, zu Wort zu kommen und ihnen, wenn auch mit großer Mühe, klar zu machen, daß sie meine Diener gänzlich mißverstanden hätten, daß keine von ihnen zu ihren eigenen Eltern zurückgeschickt werden sollte, sondern daß sie beide in das Haus meiner Eltern gebracht würden, und zwar nicht zur Strafe oder als Zeichen meiner Ungnade, sondern lediglich um ihrer und der Kinder Sicherheit willen. Als ich nun aber sah, daß sie dies vollkommen begriffen hatten, ließ ich mich hinreißen und rief:

"Das habt ihr von eurer Unart, nun lernet endlich euch anständig zu betragen! Da habt ihr euren "kahlen Pfaffen"! Wer, glaubt ihr wohl, daß das war? Angulimala war es, der Räuber, der Schreckliche, der die Menschen tötet und sich ihre Daumen um den Hals hängt! Den habt ihr beschimpft, den habt ihr gereizt! Ein Wunder, daß er euch nicht mit der Almosenschale totgeschlagen hat. Wir anderen, wenn jemand von uns in seine Hände fällt, wir werden es ausbaden müssen, und wer weiß, ob ihr noch im Hause meines Vaters vor ihm sicher seid."

Als meinen Frauen der Sinn dieser Rede völlig aufging, fingen sie alsbald an zu schreien, als ob sie schon die Messerschneide an der Kehle spürten, und wollten mit den Kindern zum Tor hinausstürzen. Ich ließ sie jedoch zurückhalten und setzte ihnen umständlich auseinander, daß vorläufig noch gar keine Gefahr zu befürchten sei, da Angulimala, wie ich wohl wußte, uns auf keinen Fall vor Mitternacht angreifen würde. Dann hieß ich sie in die Wohnung zurückkehren und Alles zusammenpacken, was sie und die Kinder während der Zeit, die sie, der Räubergefahr wegen, in der Stadt bleiben mußten, nötig haben könnten. Das taten sie denn auch sofort.

Dabei hatte ich nun allerdings die Wirkung nicht bedacht, die meine Worte auf meine Leute haben könnten. Und diese erwies sich bald als wenig günstig. Denn als sie erfuhren, daß es der schreckliche, für tot gehaltene Angulimala war, der mein Haus ausgekundschaftet hatte und es sicher in der Nacht angreifen wollte, schlich erst der eine und andere still davon, dann aber warfen sie zu Dutzenden die Waffen von sich und erklärten, mit einem solchen Teufel nicht anbinden zu wollen: das könne man keineswegs von ihnen verlangen. Auch die in der Stadt Angeworbenen, von denen gerade jetzt die ersten ankamen und hörten, wie die Dinge standen, meinten, so hätten sie nicht gewettet und zogen wieder ab. Nur etwa zwanzig meiner eigenen Leute, an ihrer Spitze mein braver Hausmeier, erklärten, sie wollten mich nicht verlassen, sondern bis zum letzten Blutstropfen das Haus verteidigen, denn sie sahen wohl, daß ich entschlossen war, diesen herrlichen Besitz, an dem mein Herz hing, nicht preiszugeben, sondern, wenn es sein müßte, mit ihm unterzugehen.

Mehrere entschlossene Kerle aus der Stadt, die die Aussicht auf einen tüchtigen Kampf fast noch mehr als das Geld lockte und die sich nicht einmal vor dem Namen Angulimala fürchteten, ja sich wohl gar einredeten, daß sie, nachdem sie sich brav geschlagen und gefangengenommen worden, der Bande einverleibt werden würden--mehrere solche verzweifelte Gesellen schlossen sich an, und so gebot ich doch zuletzt über gegen vierzig wohlbewaffnete und tapfere Männer.

Unterdessen war es fast Abend geworden, und der Wagen für meine Frauen fuhr vor. Diese kamen mit den Kindern einigermaßen beruhigt heraus; aber ein neues Geheul erhob sich sofort, als sie merkten, daß ich nicht mitfahren wollte, ja überhaupt nicht beabsichtigte, das Haus zu verlassen. Sie warfen sich auf die Knie, ergriffen mein Gewand und beschworen mich unter strömenden Tränen, mich mit ihnen zu retten: "Unser Gebieter, unser Beschützer, verlaß uns nicht, stürze dich nicht in den Rachen des Todes!" Ich erklärte ihnen, daß, wenn ich meinen Posten verließe, dies Haus sicher ein Raub der Flammen und plündernder Hände werden, und mein Sohn den Hauptteil seines Erbes verlieren würde, während es jetzt noch vielleicht durch tapferes Ausharren zu retten sei, da man nicht wisse, ob Angulimala mit großer Stärke angreifen würde.

"Ach, weh uns!" riefen sie, "unser Herr und Beschützer verläßt uns! Und der schreckliche Angulimala wird ihn umbringen und seine Daumen an der Halskette tragen! Zu Tode martern wird er unseren Gemahl in seinem furchtbaren Grimm, und unsere Schuld wird es sein! Um unserer Schimpfreden willen muß unser Gatte leiden, und uns wird es deshalb in der Hölle übel ergehen!"

Ich versuchte sie zu beruhigen so gut es ging, und als sie sahen, daß ich unerschütterlich war, mußten sie sich dazu bequemen, den Wagen zu besteigen. Kaum aber hatten sie ihre Plätze eingenommen, so fingen sie an sich mit gegenseitigen Beschuldigungen anzufeinden.

"Du warst's, die anfing."--"Nein, du--du hast mich auf ihn aufmerksam gemacht, wie er dort am Torpfosten stand. Jawohl--gerade dort, du zeigtest mit Fingern auf ihn."

"Und du hast nach ihm ausgespuckt--roten Speichel--ich hatte noch keinen Betel gekaut, das tu ich morgens nie."--"Aber du nanntest ihn einen Landstreicher, einen faulen Bettler."--"Und du einen kahlen Pfaffen...."

Und so ging's weiter; aber das Knarren der Räder, als die Ochsen jetzt anzogen, übertäubte ihre Stimmen,

XVII. IN DIE HEIMATLOSIGKEITi

elch ungekannte Stille umfing mich jetzt, o Bruder, als ich, nachdem ich den Leuten ihre Posten angewiesen hatte, wieder ins Haus trat! Daß ich die Stimmen meiner Frauen nicht hörte--das war es nicht allein, sondern daß ich diese Stimmen sich zum Torweg hinaus hatte entfernen hören, daß keine Möglichkeit da war, aus irgend welchen Ecken plötzlich die keifenden Stimmen zu vernehmen, bis sie, gegenseitig sich steigernd, sich schließlich zu einem mißtönigen Zankduett vereinigten oder vielmehr entzweiten:--das war es, was meinem Hause eine für mich fast unbegreifliche und unsagbar wohltuende Ruhe verlieh.

So erschien mir nun mein von weiten Parkanlagen umfriedeter Palast herrlicher denn je, und ich zitterte bei dem Gedanken, daß diese Herrlichkeit in wenigen Stunden durch verruchte Räuberhände vernichtet werden sollte. Weit weniger kümmerte mich die Angst um mein eigenes Leben, als die beständige, lebhafte Vorstellung, wie diese wohlgepflegten Baumgänge verwüstet, diese kunstfertig ausgehauenen Marmorsäulen gestürzt werden würden, und daß all dies, dessen Herrichtung mir so viele Überlegung und so langwierige Mühe gekostet, dessen Vollendung mir so große Freude gemacht hatte, ein Trümmerhaufen sein würde, wenn die Sonne wieder aufging. Denn nur zu gut kannte ich ja die Spuren Angulimalas.

Indessen war nun für mich nichts anderes mehr zu tun als zu warten; und bis zur Mitternacht blieben noch mehrere Stunden.

Nun hatte ich aber stets in einer immerfort rollenden Kette von Vergnügungen und Geschäften gelebt, so daß ich nie zur Besinnung kam; und wie ich hier, ohne irgend etwas zu tun zu haben, allein in einem nach der Säulenhalle und dem Garten sich öffnenden Zimmer, mitten im totenstillen Palast, dasaß, erlebte ich gewissermaßen seit meiner frühesten Jugend die ersten Stunden, die gänzlich mir selbst gehörten. Da fingen nun auch meine freigelassenen Gedanken an, sich zum erstenmal auf mich selber zu richten; und mein ganzes Leben zog an mir vorüber. Und indem ich es so gleichsam als ein Fremder betrachtete, konnte ich keinerlei Gefallen daran finden.

Diese Betrachtungen unterbrach ich ein paarmal, um einen Gang durch Haus, Hof und Garten zu machen und mich so zu vergewissern, daß die Leute wachten. Als ich zum dritten- oder viertenmal zwischen die Säulen hinaustrat, bemerkte mein durch so viele Karawanenfahrten geübtes Auge am Stande der Sternbilder, daß es nur noch eine halbe Stunde bis Mitternacht war. Ich machte eilig die Runde und ermahnte meine Leute zur äußersten Wachsamkeit. Ich selbst fühlte mein Blut in allen Adern hämmern, und die Kehle wollte sich vor angstvoller Spannung zusammenschnüren. Nach dem Zimmer zurückgekehrt, setzte ich mich nieder wie zuvor. Aber kein Gedanke wollte sich regen; ich spürte einen starken Druck vor der Brust, und bald war es mir, als ob ich ersticken müßte.

Ich sprang auf und trat, um Luft zu schöpfen, zwischen die Säulen hinaus. Ein weichfächelnder Hauch strich mir plötzlich über die Wange und gleich danach ertönte das Geschrei einer Eule; in demselben Augenblick wehte mir von den Gartenteichen ein starker Duft von Nachtlotusblüten entgegen. Ich hatte den Blick erhoben, um wiederum nach den Sternen die Zeit zu bemessen: da sah ich quer über dem tiefblauen Ausschnitt des Himmels zwischen den schwarzen Baumwipfeln den mild leuchtenden Streifen der Milchstraße.

"Die himmlische Ganga," murmelte ich unwillkürlich. Da war es auf einmal, als ob jener Druck vor der Brust sich auflöste und in einer warmen Welle emporstiege, um sich schließlich in einem heißen Tränenstrom durch die Augen zu ergießen.

Wohl hatte ich vorher, als mein Leben an meinem inneren Blicke vorüberzog, auch an Vasitthi und an die Zeit meiner Liebe gedacht--aber wie an etwas Fernes und Fremdes, das mir fast wie ein törichter Traum erschien. Jetzt aber dachte ich nicht mehr daran, sondern erlebte es wieder; ich war auf einmal ich selber von damals und ich selber von jetzt, und mit wahrem Entsetzen wurde ich den ganzen Unterschied inne. Damals besaß ich nichts außer mir selbst und meiner Liebe; wie wären die zu trennen gewesen? Jetzt--o, was besaß ich jetzt nicht alles! Frauen und Kinder, Elefanten, Rosse und Rinder, Zugochsen, Diener und Sklaven, reich gefüllte Warenhäuser, Gold und Juwelen, einen Lustpark und einen Palast, um die mich meine Mitbürger beneideten--wo aber war ich selber geblieben? Wie in einer mißratenen Frucht war der Kern eingetrocknet, verschwunden, und Alles war zur Schale geworden!...

Wie erwachend sah ich mich um.

Der weitgedehnte Park, der seine schwarzen Baumkronen gegen den sternenbesäten, von der Milchstraße durchzogenen Nachthimmel erhob, und die stolze Halle, wo alabasterne Lampen zwischen den Säulen leuchteten: sie erschienen mir jetzt in einem ganz neuen Licht; feindselig und drohend umgaben sie mich, wie prächtig schimmernde Vampyre, die schon fast mein ganzes Herzblut ausgesogen hatten und begierig gähnten, um sich noch an den letzten Tropfen zu laben und nur den dürren Leichnam eines verfehlten Menschenlebens übrig zu lassen.

Ein ferner undeutlicher Lärm--Murmeln oder Tritte, wie mir schien--schreckte mich auf. Das entblößte Schwert in der Hand, sprang ich ein paar Stufen hinunter, und blieb dann stehen, um zu lauschen. Die Räuber!--Doch nein! Alles war still, Alles blieb still; weit und breit rührte sich nichts. Es war nur einer jener unergründlichen Laute der Nachtstille, die mich so oft am Wachtfeuer der Karawane hatten aufspringen lassen.--Draußen war nichts! Aber was war das in mir? Das war nicht mehr Angst, was mir jetzt das Blut in den Schläfen pochen ließ; und auch der Mut der Verzweiflung war es nicht; nein, das war frohlockender Jubel:

"Willkommen, ihr Räuber! Nur her, Angulimala! Verwüstet, äschert ein! Das sind ja meine Todfeinde, die ihr vernichtet! Was mich erdrücken würde, nehmt ihr von mir! Her zu mir! Die Schwerter in mein Blut getaucht! Das ist ja mein ärgster Feind, den ihr durchbohrt, dieser Leib, der der Wollust ergebene, der Völlerei verfallene! Das ist ja mein schlimmster Besitz, dies Leben, das ihr mir nehmt.--Willkommen, Räuber, gute Freunde, alte Kameraden!"

Es konnte ja nicht lange dauern; Mitternacht war vorüber. Und wie freute ich mich jetzt auf den Kampf! Angulimala würde mich suchen: ich wollte doch sehen, ob er mir auch diesmal das Schwert aus der Hand schlagen könnte! O, wie süß würde das sein, zu sterben, nachdem ich ihn durchbohrt--ihn, der allein die Schuld an meinem ganzen Unglück trug.

"Es kann nicht mehr lange dauern"--wie oft mag ich mir in jenen Nachtstunden diesen Trost wiederholt haben!

Jetzt--endlich! Nein, es war ein Rauschen der Baumwipfel, das in der Ferne dahinstarb, um sich wieder zu erheben. Es klang als ob ein großes zottiges Tier sich schüttelte. Immer wieder geschah es, und einmal ertönte der kurze Schrei irgend eines Vogels.

Waren das nicht Zeichen des herannahenden Tages?

Mir wurde kalt vor Schrecken. War es möglich, daß ich enttäuscht werden sollte? Ja, ich zitterte jetzt bei dem Gedanken, daß die Räuber schließlich nicht kämen. Wie greifbar nahe war mir das Ende erschienen--ein kurzer, aufregender Kampf und dann der Tod, kaum gespürt. Nichts schien mir nun so trostlos, als die gemeine Aussicht, am Morgen hier angetroffen zu werden, in der alten Umgebung, selbst wieder der alte und dem alten Leben verschrieben. Sollte das wirklich geschehen?--Kämen sie nicht, die Befreier! Es mußte sicher die höchste Zeit sein--ich wagte nicht einmal nachzuforschen. Aber wie war das möglich? War ich am Ende doch das Opfer einer Sinnestäuschung geworden, als ich in jenem Asketen Angulimala erkannte? Wieder und wieder warf ich diese Frage auf, jedoch ich konnte das nicht glauben. Dann aber mußte er ja noch kommen--ohne Zweck hatte er sich doch gewiß nicht in dieser sehr geschickten Verkleidung bei mir eingefunden, um sofort wieder zu verschwinden, als ob ihn die Erde verschlungen hätte. Denn ich hatte Nachforschungen angestellt und wußte, daß er nirgends sonst um Almosenspeise vorgesprochen hatte.

Das schlaftrunkene Krähen eines jungen Hahnes im nahen Hofe weckte mich aus meinem Grübeln. Das Sternbild, das ich suchte, konnte ich kaum mehr finden; einige seiner Sterne waren schon hinter die Baumwipfel gesunken, und die Gestirne hatten, mit Ausnahme der am höchsten stehenden, ihr klares Funkeln eingebüßt. Es war kein Zweifel: das Tagesgrauen kündigte sich schon an, und ein Angriff Angulimalas war völlig ausgeschlossen.

Von allem Wunderlichen, was ich in dieser Nacht erlebte, kam aber jetzt das Wunderlichste.

Diese Erkenntnis war nämlich von keinem Gefühl der Enttäuschung begleitet, noch weniger freilich von einer Erleichterung durch das Verschwinden aller Gefahr. Sondern ein neuer Gedanke war da und erfüllte mich ganz:

"Was habe ich denn auch diese Räuber nötig?

Ihre Fackeln und Pechkränze wollte ich, um von der Last dieses prächtigen Besitztums befreit zu werden. Aber es gibt ja Männer, die freiwillig sich ihres Besitzes entäußern und als Pilger umherziehen. Wie ein Vogel, wohin er auch fliegt, nur mit seinen Fittichen versehen fliegt, ebenso ist auch der Pilger mit dem Gewande zufrieden, das seinen Leib deckt, mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Und ich habe sie ja preisend sagen hören: 'Ein Gefängnis, ein Schmutzwinkel ist die Häuslichkeit, der freie Himmelsraum ist die Pilgerschaft.'

Und die Schwerter der Räuber rief ich an, um diesen Leib zu töten. Wenn aber dieser Leib zerfällt, bildet sich ja ein neuer, und aus diesem Leben geht ein neues als seine Frucht hervor.--Was für eins würde wohl aber aus dem meinigen hervorgehen? Freilich haben wir ja, Vasitthi und ich, uns bei jener himmlischen Ganga, deren Silberwellen die Lotusteiche des westlichen Paradieses speisen, feierlich zugeschworen, uns in jenen seligen Gefilden zu finden--und mit jenem Schwur hat sich; wie sie sagte, dort im heiligen, kristallklaren See für jeden von uns eine Lebensknospe gebildet; durch jeden reinen Gedanken, jede gute Tat müsse sie wachsen, alles Böse und Nichtswürdige aber werde wie ein Wurm an ihr nagen. Ach, längst muß ja die meinige zernagt sein! Ich habe ja auf mein Leben zurück geblickt: nichtswürdig hat es sich gestaltet, Nichtswürdiges würde aus ihm hervorgehen. Was hätte ich denn durch einen solchen Tausch gewonnen?

Nun gibt es ja aber Männer, die schon in diesem Leben jede irdische Wiedergeburt vernichten und die unerschütterliche Gewißheit ewiger Seligkeit gewinnen. Und das sind eben dieselben Männer, die, Alles hinter sich lassend, frei umherpilgern.

Was sollen mir also die Brandfackeln der Räuber, was ihre Schwerter?"

Und ich, der ich zuerst vor den Räubern angstvoll gezittert und nachher mich ungeduldig nach ihnen gesehnt und meine Hoffnung auf sie gesetzt hatte--ich fürchtete mich weder vor ihnen, noch erhoffte ich von ihnen irgend etwas; von Furcht und Hoffnung frei, empfand ich eine große Ruhe. In dieser Ruhe kostete ich aber einen Vorgeschmack der Wonne, die denjenigen zu eigen ist, die das Ziel der Pilgerschaft erreicht haben; denn wie ich den Räubern gegenüberstand, so mögen sie wohl allen Mächten der Welt gegenüberstehen: weder fürchten sie solche, noch hoffen sie etwas von ihnen, sondern verharren in Frieden.

Und ich, der ich noch vor vierundzwanzig Stunden mich scheute, eine kurze Reise anzutreten wegen der Strapazen und der kargen Kost des Karawanenlebens, ich beschloß jetzt, ohne Zagen und Wanken, bis an das Ende meiner Tage obdachlos zu Fuß zu wandern, mein Leben fristend "so wie es eben kommt".

Ohne auch nur noch einmal in das Haus zurückzukehren, ging ich geradenwegs nach einer zwischen Garten und Hof gelegenen Scheune, wo allerlei Geräte aufbewahrt wurden. Dort nahm ich den Stock eines Ochsentreibers und schnitt die Spitze ab, um ihn als Wanderstab zu benutzen, und eine Kürbisflasche, wie die Gärtner und Feldarbeiter sie bei sich tragen, hängte ich um.

Am Brunnen im Hofe füllte ich die Flasche.

Da trat der Hausmeier an mich heran.

"Angulimala und seine Räuber kommen wohl jetzt nicht mehr, o Herr?"

"Nein, Kolita, sie kommen nicht mehr."

"Aber wie, o Herr? Gehst du schon aus?"

"So ist es, Kolita, ich gehe aus, und eben davon wollte ich mit dir sprechen. Denn ich gehe jetzt den Weg, den sie den Weg der höchsten Zugvögel nennen. Von diesem Weg, Kolita, gibt es aber für einen, der auf ihm ausharrt, keine Rückkehr. Keine Rückkehr nach dem Tode in diese Welt, wieviel weniger während des Lebens nach diesem Hause. Dies Haus aber gebe ich in deine Obhut, denn du hast dich treu bewährt bis in den Tod. Verwalte Haus und Vermögen, bis mein Sohn das Mannesalter erreicht. Grüße meinen Vater und meine Frauen, und gehab dich wohl!"

Nachdem ich also gesprochen, und meine Hand, die der gute Kolita mit Küssen und Tränen bedeckte, frei gemacht hatte, schritt ich dem Tore zu. Und beim Anblick des Pfostens, an dem die Gestalt des Asketen gelehnt hatte, dachte ich: wenn ihre Ähnlichkeit mit Angulimala nur eine Erscheinung war, so habe ich nun diese Erscheinung richtig gedeutet.

Schnell, ohne mich umzusehen, durchschritt ich den Vorort mit seinen Gärten; und vor mir erstreckte sich, wie in die Unendlichkeit fortlaufend, im ersten Schimmer des Tagesgrauens, die öde Landstraße.

So bin ich, Ehrwürdiger, in die Heimatlosigkeit gegangen.