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Der Roman eines geborenen Verbrechers / Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M... cover

Der Roman eines geborenen Verbrechers / Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M...

Chapter 33: Schluß.
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About This Book

The narrator, a convicted offender, delivers a candid first-person account of a life shaped by repeated crimes and multiple terms of imprisonment, combining personal memories, motives, and descriptions of confinement. The narrative is presented alongside a psychiatric report and editorial preface that examine the subject through contemporary theories of degeneration and criminal typology. The text alternates between self-justification, intimate detail, and clinical observation, aiming to serve both as a personal confession and as material for scientific study and social reflection.

Schluß.

Nach sovielen Jahren der Leiden und nachdem ich so lange titanisch gekämpft hatte, wurde ich verabschiedet, und an dem Tage, wo ich für immer die elende Behausung verlassen sollte, die mich gefangen hielt, da weitete sich mein Herz; an dem Tage, da ich die eiserne Disziplin abstreifte und das elende Leben ein Ende hatte, wo ich in stiller Ergebung die Bedrückung der Vorgesetzten hatte ertragen müssen – in jener Stunde des Jubels, in jenem Augenblick, wo ich die Unglücklichen, die Kranken und Schmachtenden verlassen mußte, da wieder schnürte sich meine Brust zusammen, ein Schluchzen entrang sich meinem Munde, ich umarmte meine Leidensgefährten zum letzten Mal und ging von dannen, ohne den heißen Strom meiner Thränen zurückhalten zu können.

Zwei Empfindungen kämpften in mir; der Schmerz, die Unglücklichen verlassen zu müssen und die Sehnsucht, meine Angehörigen wieder zu umarmen.

Ich sollte die Scholle wieder sehen, wo ich als Kind mit meinen Altersgenossen gespielt hatte, und ein leuchtender Stern ging mir auf, die Erfüllung lang gehegter Hoffnungen verkündend. Lebe wohl, Lido! Lebewohl, du fruchtbare Küste der Königin der Meere. Du allein kennst all die Unthaten, die uns heimgesucht, dir allein, dem Pandämonium der Schande und Schmach sende ich meinen letzten Gruß, der deinen Opfern Trost bringen möge!

O Serraglio (die Kaserne der ersten Strafkompagnie), wo ich meinen Namen in Blut niedergeschrieben habe, ich grüße Dich! Möge in deine düstern Höhlen, wo das Eisen des Despotismus die Fäden des Lebens im Frühling der Jahre und in der Blüte jugendlicher Hoffnungen zerschneidet, eines Tages auch der Ruf der Freiheit denen ertönen, die unter der Schändlichkeit dulden!

Lebt wohl, ihr belaubten Haine, die ihr gegrünt habt und verwelkt seid wie meine Schmerzen, lebt wohl ihr Felder, die ich mit meinen Thränen betaute.

Leb' wohl, du trübe Woge der Adria; wie oft hast du im schäumenden Strudel deiner ewigen Fluten meine Thränen, das Echo meiner Leiden, hinabgezogen! Ich grüße dich, unseliges Gestade!… Und wenn mir eine Erinnerung in die Seele geprägt ist, so wird es die von der Qual sein, welche ich erlitt unter der drückenden Herrschaft der Tyrannen und der blutdürstigen Hyäne, des Hauptmanns Alessandro Ter… –

Er sei tausend Mal verflucht! –

Unter der Herrschaft eines Despoten, der Italiens Volk knechtet, daß die blumige Erde rot von Blut und feuchten Thränen wird, jene Erde, welche die Wiege der Künste und Wissenschaften sein sollte, die immer wieder unter dem Zepter der Gemeinen gebeugt und dem Gelüst nach feilem Ruhme geopfert wurde.

Vierter Teil.
Getäuschte Hoffnungen.[64]

Vorbemerkungen.

Der Mensch denkt, Gott lenkt.

Besser, den Teufel zur Seite haben, als ein schlechtes Weib.

Unselig der Gatte, der sich des Friedens willen dem Unterrock beugt.

Wer Pech angreift besudelt sich.

An mein liebes Söhnchen Francesco Antonio.

Mein einzig geliebter Junge![65]

Dies ist der dritte und vielleicht der letzte Brief, den ich Dir hinterlasse, und ich glaube, dies ist auch der letzte Teil meiner Erzählung, mit dem ich die traurigen und seltsamen Abenteuer meines Lebens abschließe.

Meine Angehörigen quälten mich furchtbar, fortwährend lebte ich in Aufregung, sie beleidigten mich durch rauhe Worte und reizten mich auf tausenderlei Weisen, würdig einer Vettel, würdig der Tochter Spilingas, die von dem berüchtigten Ruina und den Schweinehändlern von Monte Poro großgezogen ist.

Deine Landsleute werden einmal entscheiden zwischen mir und dem elenden Scheusal, der mein Bruder heißt, dem ehrlosen, ruchlosen, engherzigen, verräterischen Wicht; die Gesellschaft wird, wenn meine Erzählung das Licht erblicken wird, urteilen über meine Handlungen und die des niederträchtigen Michele M…, über das unsaubere Betragen seines würdigen Weibes, der Schülerin des berüchtigten Ruina, der berühmten Tochter des berühmten Schweinehändlers von Poro, des Weibes, das sittenlos, geschwätzig, schmutzig, unwürdig ist, den geheiligten Namen Mutter zu tragen, wie wir im Verlauf dieser Erzählung sehen werden.

Alles wirst Du hören, mein lieber Francesco, und Deine Landsleute werden es bestätigen.

Tötlichen Haß sollst Du hegen gegen diese gemeine Brut, ich befehle es Dir; bekämpfe sie, wenn Du kannst, bis ins zehnte Glied und Deinen Söhnen, Deinen Enkeln übermache mein Gebot; ein ewiger Vernichtungskrieg muß zwischen beiden Familien herrschen, das befehle ich Dir, bis von Deinem oder von ihrem Geschlecht kein Sproß mehr übrig ist – dann werde ich vom Höllenrand aus Dich segnen, werde Deine Kinder und Kindeskinder segnen und mein teuflisches Lachen wird die Kommenden erbeben lassen.

Dein Vater
Antonino M…

Mai, 1888.

Wieder daheim.

So bin ich denn erlöst von den schweren Ketten meines traurigen Unglücks, erlöst von dem grausamen Druck der Militärzeit, unter dem ich vierzehn lange Jahre geschmachtet habe.

Ich bin im Schoße meiner Familie, in meiner lieben Heimatstadt Parghelia, in der Umgebung meiner Wohlthäter, meiner lieben Landsleute, die alle freundlich, liebevoll und edelmütig gegen mich sind.

Wir stehen im Monat September 1882.

Ich umarmte meinen Bruder, seine Sprößlinge; ich sah seine würdige Gattin an, und ein neues Leben erschloß sich vor mir, ein Leben voll zärtlicher Familienbande, ein Leben des Jubels, des Friedens, der brüderlichen Liebe.

Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!

Gleich am ersten Tage sagte ich meinem Bruder, daß ich Liebe, Freundlichkeit und Wohlwollen gebrauche, da ich vierzehn Jahre alles hatte entbehren müssen, daß ich physischer und moralischer Hilfe bedürftig sei, und daß Mitleid mit notthue, bis ich mich an das neue Leben gewöhnt hatte; ich erklärte ihm rund heraus, daß er allein die Zügel der Familie halten solle, daß er das einzige Oberhaupt sein solle, um mit Sinn und Verstand alles zum Guten zu lenken; daß ich alles dazu beitragen wolle, für das Wohl seiner Kinder zu wirken, daß Harmonie und Friede zwischen uns herrschen, und eine weise Sparsamkeit im Haushalt walten müsse; nur um zwei Soldi für Tabak bat ich ihn, da dies das einzige Laster ist, dem ich ergeben bin.

Ich bin mäßig im Essen, und der Mensch, der lange im Unglück gelebt hat, muß es sein. Ein Bohnengericht, eine Suppe und ein Stück schwarzes Brot genügten mir, wenn ich das hatte, da dünkte ich mich ein Papst oder ein Prinz – mit einem Salat, oder einigen Tomaten war ich glücklich.

Nie bin ich ein Fresser gewesen, die Sparsamkeit hat meine Kehle und meinen Magen stets regiert, nie bin ich lecker gewesen – ob die Suppe zu viel oder zu wenig gesalzen war – stets habe ich sie mit gleichem Appetit verzehrt.

Ich muß immer noch daran denken, wie ich in Neapel im Gefängnis saß, und der Reis schlecht gekocht und schlecht gewürzt war; damals schüttete ich meine Portion in einen großen Napf, aus dem wir uns sonst zu waschen pflegten, belegte mir ein großes Stück Schwarzbrot damit und verzehrte es mit dem größten Appetit der Welt.

Meine schwache Feder möge ein Bild geben von den Familienmitgliedern, ihren Charakterzügen und inneren und äußeren Eigenschaften, damit man sich eine klare Vorstellung machen kann von den Personen, die in dieser schmutzigen Komödie auftreten.

Michele M…, Familienoberhaupt, Hauptperson meines Dramas.

Ein Mann in den Vierzigern, mit argwöhnischem, vorsichtigem, unruhigem Auge. Auf den ersten Blick sagt man: das ist ein Verräter, ein kleinlicher Sophist, eine niedrige Seele, ein Schwindler von Natur, ein Skeptiker, ein Haufen von Scheußlichkeit. Michela M…, aus Spilinga, die Gattin des erwähnten Michele, die Schülerin des berüchtigten Ruina, die Tochter des Schweinehändlers von Monte Poro, eine abgetakelte Fregatte, mit der Kraft eines hungrigen Riesen, regelmäßig gebaut, dick und fett; die Haare braun und struppig, die Stirn breit und flach, die Augen glanzlos; sie ist kurzsichtig und weitsichtig zu gleicher Zeit, sie blickt mit halbgeöffneten Augen und kneift sie zusammen, als ob sie den Blick in eine Ecke des Auges konzentrieren will; sie sieht über ihre ungeheure Nase nicht heraus, die Unterlippe verschwimmt mit dem Kinn zu einer Fettmasse. Die Ohren sind lang und breit, die Wangen fettig und rot gefleckt, die Backenknochen vorstehend; der Mund ist groß und krumm, die Oberlippe schmal, trocken, blutlos, die Zähne schwarz und schief, der Hals dick und stark und zwei starke Brüste hangen aus dem Schlitz des schmutzigen Hemdes und Kleides heraus, die immer offen stehen, denn sie sagt, sie ist zu fett; die Hand ist kurz und schmierig.

Was meint Ihr dazu? Und ich erzähle die Wahrheit, die reine Wahrheit, die mehr als einmal durch Zeugen erwiesen ist, und ich bin gewiß, ganz gewiß, daß wenn meine Erzählung nur einer der Bestien in die Hände fällt, die in diesem schmutzigen Drama eine Rolle spielen, sie trotz aller ihrer Bestialität nur sagen kann: Er erzählt nur die reine Wahrheit.

Fünf Kinder, zwei Knaben und drei Mädchen.

Francesco Antonio, der erste Sohn, ein verweichlichter Lümmel, der, wenn er geht, mit dem Kopf wackelt, als ob er einen Schlaganfall gehabt hat; er wiegt sich hin und her und wackelt mit den Hinterbacken, wie seine würdige Mutter Donna Michela: wie die Mutter, so der Sohn.

Das älteste Mädchen, jetzt siebenzehnjährig, mit denselben Grundsätzen wie ihre Mutter, die brave, würdige Donna Michela, geschwätzig und liederlich.

Die andern schmutzige und hungrige Murmeltiere.

Hierauf können wir den Faden unserer ekelhaften Geschichte wieder aufnehmen.

Zunächst begegnete mir mein Bruder und seine würdige Gattin, wie seine Söhne mit Liebe. Wir aßen zusammen, und ich schlief in einem mir gehörigen Zimmer, das seiner Wohnung benachbart war.

Mehrere Tage ging die Sache gut, ich liebte meinen Bruder und seine schmutzigen Kinder; täglich empfing ich zwei Soldi für Tabak.

Die starke Donna Michela lief den ganzen Tag mit den bloßen Brüsten herum, und es gefiel ihr, sie profanen Blicken zu zeigen, während sie mit den Hinterbacken schaukelte.

Mein Bruder sagte zu ihr:

»Michela, steck' die Klötze weg!«

»Das halte ich nicht aus,« sagte sie schamhaft, indem sie ihren Hintern liebkoste. Dann zog sie sich die Strümpfe aus, so daß der große, lange und breite Fuß in seinem ganzen Schmutz sichtbar wurde, setzte sich nieder, hob den Rock auf und fing an Flöhe zu fangen: der Sohn und die Tochter standen dabei und lachten und freuten sich über ihre Mama. Welch schönes Beispiel, welche Schamhaftigkeit!

Ich ärgerte mich. Ja ich, der ich an jede Art von Laster und Schmutz gewöhnt war, nahm Anstoß an der ekelhaften Scene.

Eines Tages begab sich meine Tante, die Nonne und ich nach Mandaradoni, einem kleinen Dorf, wo wir gemeinschaftlich einen Acker hatten; unterwegs fragte ich sie:

»Habt Ihr Euer Testament gemacht?«

»Ja«, sagte sie mit erloschener Stimme, »das haben wir gemacht.«

»In welcher Weise, wenn man fragen darf?«

»Wir haben Euch Beiden alles vermacht.«

»Aber in welcher Weise?«

»Wir haben Euch Beiden alles vermacht.«

Mehr konnte ich nicht herausbringen; aber als wir heim gingen, fragte ich sie noch einmal und drohte ihr, wenn sie es mir nicht sagte, sie auf der Straße zu lassen und allein nach Hause zu gehen.

Da erfuhr ich, daß sie alles meinem Neffen Francesco Antonio, dem Sohn des Michele M… vermacht hatten; auf Anraten des Kanonikus Scord…, ihres Beichtvaters, den Michele M… dazu gebraucht hatte, war das erste Testament umgestoßen worden.

Eines Tages saßen wir bei Tisch, die eine Tante nahm das Essen wie gewöhnlich mit den Fingern aus der Schüssel.

»Scher' Dich vom Tisch, geh und friß' mit den Schweinen!« rief Donna Michela.

Diese Unverschämtheit empörte mich nicht wenig, und der elende Schwachkopf Michele stimmte ihr zu; das durfte die dreckige widerliche Tochter des Schweinehändlers von Monte Poro wagen, die arme alte Nonne so anzureden, die Tochter des verstorbenen Antonino M…, genannt der Baronetto! Ich war still aus Klugheit, aber ich stand im Begriff, ihr einen Faustschlag auf ihre dicke Nase zu versetzen.

Jeden Tag, jeden Augenblick herrschte Zank zwischen Donna Michela und dem alten Schwachkopf, sie schimpfte ihren Mann mit unflätigen Worten, und er schluckte das alles in stillem Ärger hinunter. Diese häßlichen Szenen mißfielen mir und als ich dem Schwachkopf das sagte und ihn zur Rede stellte, antwortete er:

»Was willst Du? Sie ist aus Spilinga und in dem Schmutz des Schweinehändlers von Spilinga aufgewachsen, und vollgepfropft und vollgestopft mit den Ansichten ihres vieledlen Onkels Ruina, der auch so ein Schwein ist! Sie hat mir gedroht, mich von ihren Brüdern umbringen zu lassen.«

»Was, und das glaubst Du? Du fürchtest, daß die halbblinden Spilingoten Dich umbringen? Aber Mensch, Du bist ein Weib oder ein Hornvieh, Du fürchtest Dich, daß Deine Michela Dich könnte ermorden lassen! Und von wem? Von den Spilingoten? Eher glaube ich, daß Donna Michela Dich selbst umbringt, mit ihren dicken, fetten Hinterbacken!«

»Ich fürchte mich vor ihren Brüdern.«

»Elender Wicht, feiger Bruder! Was nützt Dir das Leben, wenn Du nicht einmal soviel Mut hast!«

Die elende Bestie erzählte mir, in welcher Weise er von den Brüdern der Michela gequält, geärgert und geschunden wurde.

Eines Tages gingen der Schwachkopf und ich nach Spilinga, um meine Schwestern zu besuchen; die eine hatte den Antonio M… zum Mann, über diese kann ich mich nicht beklagen, sonst fehlte es ja nicht an Gelegenheit, aber er kümmerte sich nie um meine Angelegenheiten.

Ich mußte vor Lachen bersten, als ich den Giuseppe, den großen, dicken Giuseppe sah, den Mann meiner anderen Schwester. Nach seinem riesenhaften, kolossalen Aussehen machte er zuerst den Eindruck wie ein großes Tier beim Gericht, ein Koloß von Knochen, Fleisch und Nerven, eine lebende Maschine; eine große Nase hatte er, mit mächtiger Brille, die er sich mit wichtiger Miene aufklemmte, als ob er Wunder was wäre, aber es war nur Albernheit, denn ein dicker Mann, ein dummer Mann, wie das Volk sagt; selbst in meinen langen Unglückszeiten sah ich nicht ein so dummes Vieh, wie meinen stumpfsinnigen Schwager, den großen Giuseppe.

Für gewöhnlich ritt er seinen Maulesel, als fahrender Ritter; das arme Tier! alle Halbjahr wurde es gepfändet und von den Karabinieri nach Tropea gebracht, gepfändet wegen rückständiger Steuern, das unglückliche nichtsahnende Vieh, das aber weniger dumm und unwissend ist als sein Herr, dies Erzvieh!

Er hatte struppiges Haar, eine Stirn, Augen wie ein hungriger Wolf, einen nußfarbenen Bart, dicke Lippen, einen großen, krummen Mund, häßliche Zähne, einen Hals wie ein Stier und ein Gesicht wie ein verunglückter Hanswurst; damit ist seine physische Beschaffenheit geschildert, was die moralische betrifft, so war er ein ausgemachter Esel, ein liederlicher Schreier, ein gemeiner Verräter, ein schmutziger Filz, auf dem Mist geboren und bestimmt, dereinst auf dem Mist zu verenden.

Meine Schwestern kamen mir freundlich entgegen, sie sprechen nur von Schweinereien, Keilereien, Prügeln, Faustschlägen, Ohrfeigen, Fußtritten u. s. w.: »Sage mir, mit wem Du umgehst und ich werde Dir sagen, wer Du bist.«

Nach zwei Tagen war ich müde, ihre Renommistereien, Donquixoterien anzuhören, ich kehrte zurück, und lachte über ihre Albernheiten und beklagte den armen Schwachkopf, der soviel Angst vor ihnen hatte.

Ganze Tage lang lief Donna Michela herum mit ihren bloßen Brüsten, die aus dem Schlitz des Kleides heraushingen, und lag im Fenster, um sich zu zeigen, immer hatte sie die Hände im Schoß oder streichelte ihre wackelnden Hinterbacken. Nie nahm sie eine Nadel in die Hand und sie that wohl daran, denn sie konnte doch den Faden nicht einfädeln. Auch kochen konnte sie nicht, wo hätte sie in Spilinga kochen lernen sollen; ich muß noch lachen, wie sie mir einmal ein Hemd geflickt hatte, es war ein Meisterwerk, das nach Paris oder New-York auf die Ausstellung gehört hätte; nie sah man sie spinnen oder stricken oder ein Möbel abwischen, wie es einer guten, fleißigen Hausfrau zukommt; sie wusch weder sich noch ihre Kinder, die voll Dreck und Läusen und Schmutz herumliefen.

Sie war gewohnt, ihren lieben Mann mit Ohrfeigen, Fußtritten und Schimpfworten zu behandeln, sie beherrschte alle im Hause, die Einnahmen und Ausgaben gingen durch ihre Hand, und wenn der schwachköpfige Affe sich für zwei Soldi Tabak kaufen wollte, mußte er sein liebes Weibchen erst bitten, ehe sie es ihm unter einer Flut von Schimpfworten gewährte.

Ich, der ich sie kannte und richtig schätzte, hütete mich vor ihr und war entschlossen, wenn sie mir zu nahe käme, ihr einen Schlag ins Gesicht oder einen Tritt in den Hintern zu geben. Ich bat den armen Schwachkopf wiederholt, sich als Mann zu zeigen, und den dreckigen Unterrock, den er sich hatte über den Kopf stülpen lassen, abzuwerfen. Meine Ermahnungen waren fruchtlos, er konnte nicht los, er saß fest drin und ließ sich Leib und Seele fesseln, der Ärmste!

Jeden Augenblick schrie, zankte, fluchte und schimpfte sie; einmal, als gerade die kräftige Faust der Donna Michela dem armen Schwachkopf auf die Nase sauste, warf sich meine Tante, die alte kindische Nonne dazwischen: ein mächtiger Fußtritt schleuderte sie auf das Pflaster, daß sie die Beine in die Luft streckte; aber schnellfüßig erhob sie sich wieder und sprang wieder zwischen die kämpfenden Gatten, ein neuer Fußtritt, ein Schlag ins Gesicht brachte sie wieder aus der Schußlinie; ich stand dabei und wartete gespannt auf das Ende dieser liebevollen Eheszene, und lachte, lachte aus vollem Halse.

Ein edles Weib!

Nie habe ich in Stadt und Land ein so niederträchtiges Weibsstück gesehen, wie Donna Michela, einen solchen Haufen von Gemeinheit und Schmutz.

O Mastriani, Du hättest die Scheußlichkeit dieses verkommenen Geschöpfes schildern müssen, und Du hättest ein Meisterwerk geschaffen, das Deine »Bettlerin«, Deine »Geheimnisse«, tausendfach übertroffen hätte; ich weiß nichts und kann nichts, meine Feder vermag meinen Gedanken nicht zu folgen; aber andererseits, eine einfache Schilderung wird auch vom einfachen Menschen verstanden, der die Schriften eines Dante, eines di Vico, eines Manzoni und anderer Genies nicht fassen würde.

Und noch eines! Ich glaube, daß der Schriftsteller sich dem Thema anpassen muß, das er darzustellen hat; wenn man über Philosophie schreibt, braucht man Verstand, über Geschäfte, Gedächtnis, und über Litteratur, Kunst und Industrie, so braucht man Nachdenken und Kenntnisse – aber ich schreibe die Abenteuer der säuischen Donna Michela und des schmutzigen Schwachkopfes, deshalb muß ich säuisch und schmutzig schreiben.

Habe ich recht, Francesco Mastriani?

Täglich sagte ich dem Schwachkopf, daß es so nicht weiter gehe, daß ich Ruhe und Frieden brauchte und nicht Zank und Streit sehen möchte, er war betrübt, trostlos und sagte:

»Was soll ich machen, ich habe das Unglück, einen Satan zum Weib zu haben.«

Ich wurde krank; allein, von allen verlassen, mußte ich meine Schmerzen dulden.

Der Doktor di V… kam, niemand war da, ihm einen Stuhl anzubieten; er sagte:

»Wie, Nino, Du bist allein hier? Deine Tante, die kräftige Donna Michela kümmert sich nicht um Dich?«

»Nein, ich bin allein, von allen verlassen, wie Sie sehen.«

Er untersuchte mich, verordnete mir Umschläge von Lattich und ging betrübt von dannen.

Ich mußte aufstehen, mich in die Küche schleppen, und selbst die Lattichblätter kochen, ein Tuch zurecht machen und die Umschläge anlegen.

Und während dieser drei Tage, die ich krank war, wollten sie mich verhungern lassen, ja verhungern!

Ich wurde wieder gesund und ging meinem gewöhnlichen Leben und häuslichen Gewohnheiten nach, ich kam zum Essen; oben am Tisch saß die brave Donna Michela, die Brüste hingen heraus, das Haar baumelte ihr bis auf die Nase, die Hände waren dreckig und schwarz, das Kleid schmierig und zwei Rotzlichter flossen ihr aus der Nase; ihre halbverhungerten Kinder waren auch da, mit ihren Köpfen voller Patz und Läuse, ihren Rotznasen und Triefaugen; gierig schmatzend schlangen sie den elenden Fraß hinunter.

Täglich beklagte sich der Schwachkopf bei dem üppigen Mahl, daß er etwas im Essen fand, lange Haare, Stücke Stroh oder Holz, Fliegen oder Mistkäfer; dann wieder schimpfte er, daß das Essen nicht gar oder versalzen war, und seine Klagen waren gerechtfertigt, wie ich bezeugen kann, aber Donna Michela sagte:

»Wenn Dir das Essen schmeckt, so iß; wenn nicht, geh in's Wirtshaus.«

Eine alte schiele Vettel mit eitertriefenden Augen, schmierig und schmutzig zum Übermaß trug das Essen auf, das sie und die säuische Donna Michela gekocht hatte.

Ich konnte nicht über meine zwei Soldi für Tabak verfügen, ich durfte kein Stück Brot annehmen; alles ging durch die Hände der Donna Michela, ich war immer zurückhaltend gegen das bösartige Weibstück und ließ mich nicht mit ihr ein. In meinem Bruder Michele fand ich die ganze Erbärmlichkeit des Mannes, in der Donna Michela die ganze Schlechtigkeit des Weibes.

Ich überlegte, was mir von einem Tag zum andern bei diesen beiden Dummköpfen begegnen konnte, hauptsächlich von der Verworfenheit und Bosheit der Spilingotin, und ich beschloß, mich von ihnen zu trennen.

Als rücksichtsvoller Mensch teilte ich meinem Bruder mit, daß ich mich von ihnen trennen und für mich allein leben wollte. Mein Bruder willigte ein, und so gingen wir auseinander.

Ich dachte ernstlich über meine Lage nach und fand sie höchst traurig; in allem mußte ich mich allein bedienen, – that ich das nicht, so war ich in vierzehn Tagen voller Läuse.

Mein Bruder liebte in mir nicht den Bruder, sondern seinen Vorteil, er wäre froh gewesen, wenn ich mir den Hals gebrochen hätte, damit er noch das Wenige nehmen könnte, das mir mein verstorbener Vater hinterlassen hatte; um seines Vorteils willen hätte der hinterlistige Mensch, mit seinem Herzen so schwarz wie die Nacht, seine Söhne verraten oder umgebracht, um seines Vorteils willen hätte er sein Weib zur Hure gemacht, um seines Vorteils willen hätte er seine Ehre dahingegeben, wenn er eine besessen hätte, ja sein Leben.

Und verdient dieses Vieh den Namen Mensch?

Du unersättliche Bestie, Du Vieh unter dem Vieh, Du würdest Deine Ehre um Deines Vorteils willen verraten, Deine Kinder verschachern, Dein schmutziges Weib verkaufen, Du Erbärmlicher, Du boshafte Bestie unter den Bestien, Du würdest Gott, Vaterland und Familie verraten um Deines Vorteils willen, feile Bestie!

Und Du bist Schullehrer in dieser Stadt, und stiehlst der Gemeinde und den armen Familienvätern das Geld; Du bist Lehrer! Was verstehst Du denn, Du, der von Dummheit, Gemeinheit und Bosheit strotzest, was weißt Du, was kannst Du? Deiner Frau den Unterrock tragen, das kannst Du!

Dieses dreckige Schwein ist Lehrer! Meine armen Landsleute!

Ich wollte das Gemüt meines Bruders auf die Probe stellen und stellte mich verrückt, ich fing an mit den Armen umherzufuchteln, das Gesicht zu verzerren und mit stieren, gläsernen Augen in eine Ecke zu blicken; ich aß wenig und auf Fragen antwortete ich gar nicht oder unsinnig.

Eines Tages war ich allein in meinem Zimmer, ich ging hin und her, gestikulierte und zog Grimassen; mein Bruder und sein niedriges Weib guckten durch die Thürspalte, sahen was ich machte und lachten vergnügt; mein Bruder sagte zu seiner Ehehälfte: »Er ist verrückt, total verrückt;« und Donna Michela antwortete lachend.

Nun war ich entschlossen, für immer mit diesen schändlichen Bestien zu brechen und nur an mich und meine Zukunft zu denken.

Ich sprach mit Herrn Francesco Antonio Z… und bat ihn, meinem Bruder mitzuteilen, daß ich die Absicht hätte, mich von ihm zu trennen.

Mein Bruder war traurig über die Trennung, denn er sah seine Hoffnungen getäuscht, aber ich blieb fest und wir gingen auseinander. Nun ich allein war, dachte ich an Gegenwart und Zukunft: allein konnte ich nicht wie ein Mensch leben; ich brauchte Liebe, Beistand, Gesellschaft; ich entschloß mich, ein Weib zu nehmen und auf des Himmels Fügung droben zu bauen. – Der arme Diego P… teilte meinem Bruder mit, daß ich sein liebes Töchterchen zur Frau verlangt hätte und daß er nach sorgfältiger Erkundigung über mich eingewilligt habe.

Mein Bruder war anfänglich vernichtet; als er wieder zu sich kam, versuchte er, den P… umzustimmen, indem er ihm sagte, daß ich verrückt, ein Sträfling, ein Schuft, ein Mordgeselle, ein Trunkenbold und ich weiß nicht was sonst noch, sei.

Aber trotz meines lieben Bruders und seines Weibes, trotz der Spilingoten heiratete ich meine liebe Vincenzina und machte sie zur Herrin meines Herzens und meiner Hoffnungen.

Meine Schwester schrieb an Herrn Diego P… und nannte seine Tochter eine Dirne; die Spilingoten, mein Bruder, sein Weib, meine Verwandten fielen über mich her und Monate lang wurde ich von den Verfolgungen dieser verfluchten Brut gequält.

Da ich mich nicht mehr halten und in meinem niedergeschlagenen Geist keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, so ging ich alle Abend nach der Droguerie Cal…, wo sich die Honoratioren von Parghelia zusammen fanden; ihnen stellte ich mein Unglück vor und bat sie:

»Meine Herren, ich kehre zur Gesellschaft zurück, geben Sie mir einen Rat; meine Verwandten beleidigen mich schwer,« und ich erzähle ihnen, was ich zu erdulden hatte; die braven, ehrenwerten Herren rieten mir zur Klugheit und ich folgte ihren vorzüglichen Ratschlägen wörtlich.

Dann begab ich mich nach der Pharmacie des V… und auch hier bat ich die Herren um Rat.

Die Donna Michela kam mir öfter mit den Fäusten ins Gesicht, ich litt es geduldig und noch viel, viel mehr, so daß ich tagelang erzählen könnte. – Mein unglücklicher Onkel starb und hinterließ mir zwei Zimmer, die mit denen meines Bruders gemeinschaftlichen Eingang hatten. Und wollt Ihr es glauben? Eines Abends, als ich nach Hause kam, verschlossen sie mir die Thür, ich klopfte mehrere Male; aber von innen hörte ich mehrere Stimmen rufen: »Fort, Du Mörder! Dies ist nicht Dein Haus!« Und sie brüllten, so laut sie konnten. Und meint Ihr, daß ich mich erregte? Nein, ruhig zog ich zur Droguerie Cal… und erzählte dort den Vorfall und bat die Herren um Rat, und sie rieten mir, zum Bürgermeister zu gehen und im Namen des Gesetzes Einlaß zu fordern; das that ich, und so konnte ich unter meinem Dach schlafen.

Als ich im Gefängnis war und zu fünf Jahren verurteilt war, heiratete meine Schwester, mein Bruder heiratete auch, und das väterliche Erbteil gelangte zur Verteilung.[66]

An eine Seele.

Du bist im Jenseits, entweder im Reiche der Glücklichen oder im tiefen Abgrund der Sünde; glaube es, meine Seele, mein Gedanke, meine Erinnerungen an ehemals sind mir ein furchtbarer Traum; denkst du noch an den unheilvollen Tag? An jenen Augenblick, wo unsere Sünden sich vereinten, um gegen die Natur zu kämpfen, trotz der schwachen, irdischen Materie; – sprich, o meine Seele, hast du mich denn damals verflucht? Hast du den Hauch eines leuchtenden Augenblicks empfunden? Kannten sich unsere Seelen in der unermeßlichen Leere des Äthers? Und du weissagtest, daß unsere Seelen mit einander kämpfen werden? Und wer weiß es? Du sicherlich nicht, und wenn ein Funke des Bewußtseins im Spiegel deiner Seele erschienen ist, so ist er nicht von mir ausgegangen – nein, schön und häßlich kann nicht eins sein, nicht der Traum und das Wachen, der Geist der Hölle und des Lichtes; die Finsternis kann nicht das Gestirn des Tages erzeugen.

Es ist die Wahrheit. Und du, o meine Seele, siehst du mich von dort, schauen deine Augen das geheimnisvolle Drama des nichtigen Daseins? Siehst du es, das Ich des ewigen Lebens? Kannst du durch den ungeheuren Raum schweifen, durch die Unendlichkeit fliegen und meiner Seele dich nahen?

Wer weiß? Es ist ein Geheimnis.

In dem Traum meiner Träume hast du mir die Arbeit meines Lebens gezeigt: du hast befohlen und ich habe gehorcht.

Das sind diese Blätter, die ich ohne deinen Hauch nicht hätte verfassen können. Du forderst sie, du hast sie verlangt, und ich glaube mich einer alten Schuld entledigen zu müssen, wie ich sie dir darbiete, sie sind dein, dir gehören sie nach Recht und deinem Wunsch.

Weißt du, wie ich dieses mein Werk eingeteilt habe? In vier Teile.

Im ersten Teil sind schmerzensreiche Erlebnisse und ich widme sie dir unter dem Namen: Mein erstes Unglück.

Den zweiten und dritten Teil, der meine Leiden als Soldat darstellt, betitelte ich: Meine Dienstzeit.

Den vierten Teil, der Familienerlebnisse schildert, betitelte ich: Getäuschte Hoffnungen.

Du meine Seele hast mich begeistert im Unglück und in der Trübsal, du hast mir große und edle Gefühle eingehaucht. Ich bin dir dankbar. Nimm diese ärmlichen Blätter an als Pfand meiner Dankbarkeit und deines gütigen Verzeihens, und sei nachsichtig und mild, wenn du mich liebst, wie du es immer warst.

Wenn ich ein gutes Werk vollbracht hatte, so stände es mir nicht zu, es zu beurteilen, aber glaube mir, ich habe nur danach gestrebt, ein gutes Werk zu vollbringen.

Verzeihe mir, meine Seele, in meinem Eifer und verzeihe in deinem Edelmut dem Unglücklichen, der dir so viel Leid zugefügt hat.

Parghelia, 20. Februar 1889.

Stets der Deine
Antonino M…

Erlauchte und gnädige Richter![67]

Widerwillig habe ich auf der Anklagebank Platz nehmen müssen, um mich gegen eine Anklage zu verteidigen, welche in schwarzen und tragischen Farben mein geliebter Bruder, Michele M…, gegen mich vorgebracht hat. Ich verteidige mich mit klaren Beweismitteln, um die Schändlichkeit und Dummheit einiger Spilingoten zu entlarven, und die Feigherzigkeit, Unwissenheit und den schlechten Charakter meines vorbesagten Bruders an das Licht der Gerechtigkeit zu bringen, ich nehme die Aufgabe auf mich, die häufigen Leiden, die Qualen und Heimsuchungen klarzulegen, die ich acht lange Jahre von diesem elenden Spilingoten habe erdulden müssen.

Ich bitte Sie flehentlich, meine Herren Richter, mir das Wort zu gestatten, bis ich meine Aufgabe erfüllt habe, da ich diese Aufgabe keinem Anwalt anvertrauen wollte und zwar aus den folgenden Gründen.

  1. um mir keine Kosten zu machen; da ich ein armer Familienvater bin, habe ich es für besser gehalten, meinen armen Kindern ein Stück Brot zu geben, als es in den gierigen Rachen eines Advokaten zu werfen.
  2. niemand vermag besser als ich die Kraft und die Wärme der Verteidigung zu empfinden, und niemand kennt besser als mein gequältes Herz die Leiden und die Schmähungen, die Drohungen und die Kränkungen, die mein lieber Bruder und seine würdige Gattin Donna Michela mir zugefügt haben.

Am Mittag des 17. September 1868 gab mir mein Bruder eine große Pistole in die Hand und sagte:

»Geh', töte ihn!«

Ich war damals ein Jüngling, von erregbarem Temperament, ich ergriff die tötliche Waffe und habe auf öffentlichem Platze einen armen Menschen getötet.

Die gnädigen Richter zu Monteleone verurteilten mich zu fünf Jahren Gefängnis, während der Anstifter nur meinetwillen frei ausging, da ich leugnete, daß er mich zu der unseligen That angeregt hatte.

Ob mittelbar oder unmittelbar, mein lieber Bruder war die Ursache, daß ich einen armen Menschen ermordet habe und einer langen Zeit zwischen düsteren Kerkermauern entgegenging.

Aber die Hand Gottes wacht über unseren Geschicken. Die fünf Jahre verstrichen, ich wurde Soldat im königlichen Heer; dort habe ich mich nicht so geführt, wie ich sollte (ich möchte nicht, daß die ehrenwerten Spilingoten nebst meinem engherzigen Bruder erst ihr Urteil darüber abgeben; das hieße mich feige zeigen; nein, meine mündliche Erklärung möge Ihnen genügen). Wie gesagt, beim Militär habe ich mich nicht brav geführt, zweimal wurde ich verurteilt und ein Jahr war ich bei der Strafkompagnie. Das ist das, was die Spilingoten Ihnen vorstellen wollen, in dem Glauben, daß sie auf diese Weise Ihre leuchtende Urteilskraft blenden, wie sie es mit so viel anderen gethan haben.

Nachdem ich wieder zu Hause war, war es mein fester Entschluß, bei meinem Bruder zu bleiben.

Es war im September des Jahres 1882, ich umarmte meinen Bruder, seine Zöglinge, ich sah seine Gattin an, und ein neues Leben erschloß sich vor mir, ein Leben voll zärtlicher Familienbande, ein Leben des Jubels, des Friedens, der brüderlichen Liebe.

Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!…[68]

Und nun, meine gnädigen Herren Richter, bitte ich um Gerechtigkeit, ich erkläre mich für nichtschuldig, ich fürchte die Anklage meines Bruders und den Einfluß seiner Verwandten nicht.

Er behauptet, daß ich ihn in die Hand gebissen habe, das ist falsch, eine schwarze Verleumdung, fragen Sie, meine Herren, ob er nicht gern lügt, fragen Sie seine Landsleute.

Einen Menschen für schuldig halten, ist das wirklich ein Urteil?

Mir erübrigt nur, dem Michele M… eine letzte Antwort zu geben, und ich will mich eines Dichterworts bedienen –

Den grimmen Wogen sucht er zu entfliehen …

Anhang.

No. 307.
Strafanstalt zu Lucca. Brief des Gefangenen Antonino M…[69]

Den 18. September 1892.

Teurer, edelmütiger Bruder!

Gern hätte ich Dir schon früher geschrieben, wenn es erlaubt gewesen wäre. Wir haben einen neuen Direktor bekommen, eine große edle Seele, und auf meine Bitte hat er mir gern gestattet, Dir zu schreiben. Seit mehreren Tagen liege ich zu Bett wegen Nervenschwäche; meine Beine wollen mich nicht mehr tragen; und was ich für Schmerzen habe, weiß nur Gott im Himmel, aber größer und schlimmer sind meine moralischen Schmerzen. Seit einem Jahre bin ich in dieser Zelle und verbringe meine traurigen Tage damit, Gott den Herrn anzuflehen um Vergebung für meine großen Verbrechen, für meine Thorheiten, meine schlechten Handlungen, meine Verworfenheit. Wenn Du mich sehen könntest, würde Dein gerechter Zorn dahin schwinden, und Du würdest weinen, daß Du mir nicht verziehen hast – denn Du würdest nur einen Schatten Deines Bruders sehen, in einem Jahr ist mein Haar und mein Bart grau geworden bei dem Gedanken an meine Verworfenheit; zu sehr haben mir die angedrohten Strafen des Herrn das Herz zerrissen und nur zu gerecht ist seine Rache. Mein Leib ist krank und hinfällig unter seiner Geißel geworden; ich finde keinen Frieden in mir, wenn ich an meine schwere Sündenschuld denke. Zu groß ist meine Verworfenheit, und alle meine Kraft reicht nicht aus, um Gott zu versöhnen; Tag und Nacht lastet der Druck meiner Sünden auf meiner Seele.

Ich habe Gott von mir gewiesen und mir mein Elend selbst geschaffen, deshalb leide ich gerecht.

Ich weiß, daß Gott mir diese schwere Züchtigung zufügt, und daß Du lieber Bruder, und alle meine Angehörigen, die ihr so gut und so edelmütig seid, von Gott als Werkzeug seines Willens ausersehen seid, um einen Verderbten, einen Verbrecher, einen Verworfenen zu strafen. Ich denke an die alten Zeiten, wo der Herrgott die ganze Welt wegen eines meinem ähnlichen Verbrechen gestraft hat[70] und ich erkenne, daß in allen seinen Werken die furchtbare Gerechtigkeit herrscht. Diese Gerechtigkeit hat mich getroffen und Tag und Nacht liege ich mit der Stirn im Staube und flehe um Mitleid, um Verzeihung.

Bald wird meine arme Seele vor ihrem Richter stehen – und deshalb fühle ich die Pflicht in mir, Dich von ganzem Herzen demütig um Verzeihung zu bitten, für alles Übel und alle Undankbarkeit, die ich Dir neun Jahre lang erwiesen habe, auch Dein liebes Weib, Deine Söhne, unsere lieben Schwestern, alle unsere Landsleute bitte ich um Verzeihung, und bereue alles Üble, das ich gethan, allen Kummer, den ich verursacht habe. Ich würde leichter sterben, wenn ich Dir die Hand küssen könnte, die Hand, die mir so lange Jahre hindurch nur Gutes erwiesen hat. Ich erkläre, daß bei allen unsern Streitigkeiten stets ich die Ursache, der Missethäter gewesen bin. Deinen Edelmut habe ich stets mit Undankbarkeit und Schlechtigkeit vergolten. Verzeih' mir, um der bitteren Schmerzen willen, die ich leide. Ich verzeihe allen und insbesondere auch den Zeugen, die falsch geschworen haben.

Mein lieber Bruder, um unserer lieben Eltern willen verzeihe mir!! Ich umarme und küsse Dich und alle die Unseren, verzeiht mir von Herzen.

Dein unglücklicher Bruder
Antonino M…

Gesehen. Der Direktor der Strafanstalt zu Lucca.

Druck von A. Seydel & Cie., Berlin C., Neue Friedrichstr. 48.

[1] Dem Original ist das Bild des M… beigefügt.

[2] Der Bericht entspricht fast vollständig der Darstellung im vierten Teil der Selbstbiographie, und wird hier daher nicht wiederholt.

[3] Vergl. mein Buch: Degenerazioni psicosessuali, das Kapitel »Immoralität«.

[4] Die Thatsache hat ihm Recht gegeben. Augenblicklich hat Venturi eine Tochter des Bruders des Antonino M… in Behandlung, die an sensoriellem Irrsinn leidet.

[5] Vgl. Lombroso: L'uomo delinquente I, S. 600.

[6] Vgl. Lombroso: Le più recenti scoperte ed applicazioni dell' antropologia criminale, Turin 1893.

[7] Vgl. Archives d'Antropologie und Revue Scientifique.

[8] Biologie et sociologie. Réponse à M. A. G. Bianchi. S. 3–19 der Archives d'Antropologie criminelle, Januar 1893.

[9] Die gesperrt gesetzten Stellen sind im Manuskript unterstrichen.

[10] Die fett gedruckten Stellen erscheinen im Manuskript größer und auffälliger geschrieben, als ob M… durch dieses Mittel den Worten mehr Nachdruck verleihen wollte.

[11] Bemerkenswert ist der Zweifel über die psychologische Beschaffenheit, in der der Totschlag vollbracht wurde. Dies ist lehrreich für die Unterscheidungen in unserer Rechtsprechung.

[12] Beachtenswert ist der Abscheu, den M… vor denjenigen zeigt, die nicht mehr und nicht weniger thaten, als er. Und bemerkenswert ist auch, wie er sein Vergehen vergessen hat, als ob es gar nicht geschehen wäre.

[13] Um die Strafe exemplarischer und sittenbessernd zu machen.

[14] Dieser asketische Fatalismus begegnet sich mit dem abergläubischen Fatalismus, von dem M… eine Probe in den Vorbemerkungen zum ersten Teil giebt, wie z. B.: »Der Stern, der Dir im Mutterleibe strahlte, wird Dir ins Grab folgen.«

Beide kontrastieren dann mit dem nicht seltenen Hinweise auf die Möglichkeit einer Entwicklung des Intellekts, durch Arbeit und Anstrengung des Verstandes, in welche M…, man möchte sagen durch unbewußte Intuition, verfällt. In denselben Vorbemerkungen sagt er: Wer den Verstand nicht zu beherrschen weiß, kommt gar rasch ins Gefängnis, und in dem Brief an seinen Sohn fügt er hinzu: Bilde Dir aus der Erziehung eine zweite Natur.

[15] Hieraus geht hervor, daß der Mord, wegen dessen M… unter Berücksichtigung aller mildernden Umstände verurteilt war, nicht seine einzige Unthat war, so gerne er auch seine Beziehungen zur Camorra übergeht.

[16] Was für moralische Widersprüche in diesem Manne! Erst sagte er, daß er sich anständig halten wolle, um ruhig nach seinem Hause zurückzukehren, dann ißt und trinkt er vergnügt und spricht von den Schandthaten der Camorra. Er enthüllt unter Namensnennung camorristische Beschlüsse und verschanzt sich dann hinter seiner Pflicht als Camorrist und hinter der Ehrfurcht vor Gott, um nicht von weiterem zu erzählen.

Vielleicht ist seine Ascetik nur eine Folge der Camorra. Die alte Camorra war in der That sehr abergläubisch und religiös; ihre Mitglieder trugen Medaillen und Rosenkränze und eine der camorristischen Zeremonien, nämlich die, um sich unsichtbar zu machen, vollzog sich in der Weise, daß man sich eine Wunde am Arm beibrachte und die geweihte Hostie darüber legte.

[17] Diese Thatsache ist von großem diagnostischen Wert und läßt in M… einen Epileptiker vermuten. Man muß beachten, daß er nicht empört ist, weil er sich der Camorra beugen muß, sondern weil es sich um eine falsche Camorra handelt.

[18] Man ersieht daraus, wie stark die Verbrechereitelkeit bei M… war, trotz seiner Beteuerungen gegenüber dem Camorristen Sansosti.

[19] Es ist merkwürdig, wie M… sich hier als Rächer der verletzten Moral aufspielt, man möchte sagen, daß er die Rolle des Uninteressierten hervorkehren will, während er vielleicht nur seinem Spitzbubeninstinkt gehorcht, um nicht als der Urheber dieser Camorraszene entdeckt zu werden. Man thut gut, nicht zu vergessen, daß der ganze Zorn gegen Pescari nicht davon herrührt, daß er die Camorra herausgefordert hatte, sondern sich für einen Camorristen ausgegeben hatte, ohne es zu sein. Man möchte glauben, daß M…, obgleich er es nicht bekennen will, ein Haupt der Camorra gewesen ist. Seine Handlungsweise ist dieselbe, wie sie Pucci (Archivio di Psichiatria, V. Jahrgang 1884) und Alongi (La camorra Studio di Sociologia criminale, Torino, Bocca 1890) bei den Häuptern der Camorra beschreiben.

[20] Man sieht, wieviel dem System eines Spezialkorps für die Gefängniswache widerspricht. Es existiert militärische Disziplin, aber der Soldat wird von den Gefangenen unterhalten, und sucht aus seinem traurigen Geschäft soviel wie möglich herauszuschlagen.

[21] Das ist das große Verbrechen. M…, der dem Sansosti erklärte, daß er auf den rechten Lebenspfad zurückkehren und von der Camorra nichts mehr wissen wolle, obgleich er sie wer weiß wie oft zu seinen Gunsten in Anspruch genommen hat, kehrt aus bloßem Wunsch nach Rache zu ihr zurück. Das Unrecht des Pescari, das ersieht man aus dem folgenden, war, sich als »Guappo« aufgespielt zu haben, ohne es wirklich zu sein. Daraus ersieht man, wie die verbrecherische Assoziation, wovon die Camorra ein Beispiel bildet, ein Versuch der antisozialen Elemente ist, um andere soziale Kriterien aufzustellen, die ihrem Temperament mehr entsprechen.

[22] Auch dies ist eine charakteristische Bemerkung. Man möchte sagen, daß M… die ganze Gemeinheit der Verleumdung kennt, gerade in dem Augenblick, wo er eine schlimme Intrigue anzettelt.

[23] Diese wohlwollende, fast furchtsame Redensart ist keine Übertreibung. Die Camorra behauptet sich noch heute in den südlichen Gefängnissen, dank dieser Höflichkeit der Gefängnisdirektoren. Diese armen Büreaukraten wissen, daß in einer Epoche politischer Wandlungen das beste, was sie thun können, ist, ihren Vorgesetzten keinen Ärger zu machen.

Wenn sie durch die Energie ihrer Maßregeln üble Laune erregt und sich der Gefahr eines Aufstandes ausgesetzt hätten, so hätten sie den Schaden einer Versetzung gehabt. Wenn sie dagegen ihren Gefangenen gegenüber ruhig blieben, konnten sie ihr Leben unbemerkt verbringen. Es ist übrigens nicht lange her, daß infolge eines Aufstandes in einem Bagno das Ministerium eine Untersuchung angeordnet hatte. Es handelte sich um eine durch das Essen veranlaßte Unzufriedenheit. Wenn es sich um einen Bauernaufstand gehandelt hätte, hätte man die Leute eingesperrt und die einzige Untersuchung, die angestellt worden wäre, wäre die durch die Gerichtsbehörde gewesen, welche ihr Urteil ausgesprochen hätte, ohne daß das Essen besser geworden wäre.

[24] Dies ist ein sehr wichtiges Argument, ein neuer Beweis dafür, was die positive Schule immer behauptet hat, daß das Gefängnis so, wie es in der klassischen Schule hergerichtet ist, die voll Sentimentalität war, nicht bleiben kann. Man halte diese Worte des M… mit den andern zusammen, die Lombroso gesammelt hat (Palimsesti del Carcere): »Ich bin glücklicher als St. Petrus. Hier werden wir von Lakaien bedient. Welches Wohlleben! Hier ist es besser wie auf dem Lande.« – »Triumph! Ich bin wegen Diebstahls verhaftet, an dem ich unschuldig bin. Lebt wohl Freunde. Thut mir um der Barmherzigkeit willen den Gefallen, flieht nicht aus diesem Gefängnis, hier ißt, trinkt und schläft man und braucht nicht zu arbeiten« – und man wird folgenden Ausruf eines Gefangenen nicht ganz ungerechtfertigt finden: »Hier behandelt man uns zu gut und übt zu viel Rücksicht.« Und den Schluß aus diesen Prämissen hat der berühmte Dieb Leblanc sehr gut zu ziehen gewußt, der dem Polizeipräfekten Gisquet sagen mußte:

»Wenn ich nicht Dieb aus Beruf wäre, würde ich es aus Neigung sein. Ich habe alle Vorteile und Nachteile der anderen Berufszweige gegen einander abgewogen und gefunden, daß das Stehlen immer noch das beste ist … Ich weiß wohl, daß wir im Gefängnis enden können, aber von 18000 Dieben, die in Paris sind, ist nicht ein Zehntel im Gefängnis, folglich genießen wir neun Jahre in Freiheit gegen eines im Gefängnis. Und wo ist der Arbeiter, der nicht eine arbeitslose Periode hat?… Und wenn wir schließlich eingekerkert werden, so leben wir auf Kosten der andern, man kleidet, speist und wärmt uns, und alles zu Lasten derer, die wir bestohlen haben. Und ich gehe noch weiter: Während unseres Aufenthaltes auf der Galeere oder im Gefängnis vervollkommnen wir uns und bereiten neue Mittel, die uns Erfolg verbürgen, vor.«

[25] Viele der Stellen, die im Manuskript unterstrichen waren und in gesperrtem Druck erscheinen, waren es augenscheinlich in der Absicht, sie als den Schreiber nicht befriedigend und darum einer Korrectur bedürftig zu kennzeichnen. Vielleicht rührt das Unterstreichen auch von Personen her, denen das Manuskript zum Lesen gegeben wurde.

[26] Dies bestätigt die Vermutung, daß M… ein Haupt der Camorra war. Die Halbbildung einzelner Gefangener war eine derartige, daß sie sie gegenüber dem Analphabetismus der Menge stark und mächtig machte. Es genügt, über diesen Gegenstand das Kapitel bei Alongi zu lesen: Camorristi letterati e causidici (a. a. O.). Der Titel »Meister«, der M… gegeben wurde, ist gerade der, den man den Häuptern der Camorra gab.

[27] Und dann sagt man, daß die Gefängnisse Strafanstalten sind, bei diesen übermäßigen Lobsprüchen!

[28] Die moralische Unempfindlichkeit des M… wird durch seine Ausdrucksweise bestätigt. Für ihn ist nur das schändlich, was zu seinem Nachteil geschieht. Hingegen bezeichnet er als »gut« die Wunden, die er einem andern beibringt, die Hiebe mit einer Eisenstange, die er auf den Kopf eines Krankenwärters niedersausen ließ.

[29] Die »Erkennungsrechte« sind die Handlungen, durch welche der neuangekommene Camorrist zeigt, daß er die Autorität des Vorgesetzten und die camorristische Hierarchie anerkennt.

[30] Diese Dinge, so unwahrscheinlich sie sind, bestehen noch von einem Gefängnis zum andern, die Camorra unterhält noch ihre Verbindungen, indem sie sich der Auswechslung von Gefangenen und sogar der Versetzung von Wärtern bedient.

»Das Haupt der Camorra«, schreibt Pucci (Archivio di Psichiatria; a. a. O.), »muß von allen Neuigkeiten, die in den verschiedenen Zimmern vorkommen, unterrichtet sein; diese Informationen werden durch Billets ermittelt, und wenn das nicht möglich ist, wird eine Krankheit fingiert und man begiebt sich in das Zimmer, wo das Haupt sich befindet.« Die Weise, in der M… von diesen Dingen spricht, als ob sie die natürlichsten von der Welt wären, ist der beste Beweis, wie sie eingewurzelt waren. Auch dem Zellengefängnis ist es nicht möglich gewesen, das Übel zu beseitigen. »Ich habe in dieser Hinsicht Gefangene, Wachtbeamte und gut unterrichtete Personen gefragt«, schreibt Alongi (La Camorra, Turin, Bocca 1890), »und alle versicherten mich übereinstimmend, daß die Camorra in den süditalienischen und sizilianischen Gefängnissen noch existiert und mächtig ist.« Die neuerlichen Prozesse in Bari gegen die Mano fraterna beweisen es.

Die Erzählung des M… ist ferner ein neuer Beweis für das, was Lombroso in seinen Palimsesti del Carcere (Turin, Bocca 1891) zu beweisen versucht hat, daß gerade die Ziele der Zellengefängnisse diejenigen sind, die am wenigsten erreicht werden. Die vollständige Abgeschlossenheit wird sich nimmer erreichen lassen: was für Mittel man auch anwenden mag, man wird immer gegen die instinktive Schlauheit der Verbrecher ankämpfen müssen, gegen den Scharfsinn, den die Einsamkeit entwickelt, indem sie ihm das erste und nötigste Element, die Geduld, verleiht. “Le génie c'est de la patience”, hat Buffon geschrieben, und obgleich diese Maxime bekämpft worden ist, so ist doch unleugbar, daß die erzwungene Einsamkeit zum Nachdenken und Sinnen anregt. Und so gelangt der Verbrecher dahin, den besten Anordnungen, der strengsten Überwachung nur raffiniertere Mittel entgegenzustellen. Und es verlohnt sich hier, eine Stelle aus Alongi zu citieren, über den heutigen Stand der Mittel, durch welche von einer Zelle zur andern korrespondiert wird. »Der Post- und Telegraphendienst von einer Zelle zur andern, vom Gefängnis nach außerhalb, ist mit einer Genauigkeit eingerichtet, die bewunderungswürdig wäre, wenn sie nicht entsetzlich wäre. Lange Gespräche und lange Mitteilungen gelangen von einem Saal zum andern; es giebt ein Alphabet mit den Fingern, eines mittelst Schlagens an die Mauern. Jeder Saal hat seine Telegraphenbeamten. Man wird einwerfen, daß dies System nur bei zwei aneinanderstoßenden Sälen bequem ist. Aber man vergißt, daß jeder Saal seine Telegraphenbeamten hat, so daß ein von einem Saal zum andern befördertes Telegramm bequem bis zum entferntesten gelangen kann. Aber das erfordert Zeit! Und fehlt die vielleicht dem Gefangenen? Wie kann er die Stunden der Muße besser anwenden? Und was liegt an einer oder zwei Stunden, wenn man sich auf diese Weise mit einem Mitangeklagten unterhalten kann, den die Justiz in ihrem unendlichen Scharfsinn geschickt isoliert zu haben glaubt. Man glaubt kaum, wie sehr der Kerker und die Müssigkeit, die dort herrscht, den Geist der Geduld, List und scharfsinnige Verschlagenheit entwickeln. Die konventionellen Mittel, Chiffern und Zeichen, welche die Verliebtheit zweier Liebenden ersonnen hat, um sich trotz der vieläugigsten und eifersüchtigsten Wachsamkeit zu verständigen, sind ein Kinderspiel im Vergleich zu den Erfindungen der Gefängnisse. Die Säume und Nähte der Wäsche sind wahre Postkisten, die lange Papierstreifen enthalten, vermittelst deren die Korrespondenz der Gefangenen mit einer Präzision und Heimlichkeit hin und hergeht, die man im amtlichen Postdienst nicht findet. Und wenn Ihr sie gefunden habt, so könnt Ihr nichts lesen, denn die Tinte wird durch Citronensäure ersetzt, die blos an der Wärme erscheint, und wenn Ihr auch das wißt, so nützt es Euch nichts, denn die Worte haben eine näher vereinbarte Bedeutung, auch sie sind Chiffern, zu denen Euch der Schlüssel fehlt.«

Und dies ist keine Übertreibung; es ist bekannt, was für vorzügliche Kommunikationsmittel für Mitteilungen sowohl im Zellengefängnis zu Mailand, wie in der Generala zu Turin die Leitungsröhren der Heizung und die Latrinen waren.

Und um diese schon etwas lange Anmerkung zu schließen, will ich hier eine Probe des seltsamen telegraphischen Alphabets geben, das in den Gefängnissen im Gebrauch ist. Die Zahlen geben die Schläge an.

1–1=a; 1–2=b; 1–3=c; 2–1=g; 2–3=h; 3–1=m; 3–2=n; 4–1=r; 4–2=s; 4–3=t u. s. w.

[31] Charakteristisch für den geborenen Verbrecher ist seine geringe Zuneigung. M…, der erst nur begeisterte Worte und Segenswünsche für den Direktor des Gefängnisses in Lucera hatte, verflucht ihn jetzt wiederholt. Wahrscheinlich machte dieser den M… glauben, daß er nach Kalabrien gebracht werden solle, um ihn gutwillig zur Abreise zu bestimmen, da M… in seiner Eigenschaft als einflußreicher und gefürchteter Camorrist irgend welchen Aufstand hätte hervorrufen können.

[32] Ein echt verbrecherischer Zug, der sich durch nichts rechtfertigen läßt.

[33] Dies ist das Facsimile des Stempels, der sich im Manuskript des M… fand. Es ist unverständlich. Man erblickt zwei Degen, ein Auge und andere Zeichen, die ich vergebens mit den camorristischen Tätowierungen und den Verbrecherhieroglyphen in Einklang zu bringen versucht habe.

[34] Ein neuer Beweis für das, was ich von der Schwäche der Beamten der Camorra gegenüber gesagt habe.

[35] Man beachte, daß er selbst ein Sodomit ist, wie sich in der Folge zeigen wird.

[36] Der Abschnitt, mit dem dieses Kapitel schließt, trägt unzweifelhaft den Stempel der Verrücktheit an sich; aber man sieht ein, daß der erste Entwurf alles andere als vulgär ist – es ist derselbe, den Shakespeare durch den Mund einer seiner Persönlichkeiten ausgesprochen hat, welche an die Unendlichkeit der Welt denkt und sie mit der unendlichen Kleinheit des Menschen, mit der Relativität aller seiner Abstraktionen in Gegensatz stellt. Auch die Shakespeare'sche Persönlichkeit versinnbildlicht die menschliche Thätigkeit in einer Reihe von Träumen.

Aus einer Sammlung von poetischen Manuskripten des M… nimmt der Herausgeber hier zwei heraus, welche rein philosophische Themen behandeln und welche von der seltsamen Verbrecherphantasie eine Vorstellung geben.

[37] Derselbe, den er vorher als einen »gelehrten und geistreichen Mann« bezeichnete.

[38] Ein weiterer Beweis, daß M… ein einflußreiches Haupt der Camorra war.

[39] Hier folgt ein italienisches Wiegenlied.

[40] Dieser Teil der Selbstbiographie des M… ist ein Beweis zu Gunsten derer, welche behaupten, daß Verbrecher nicht in die Armee aufgenommen werden sollten.

Die Frage ist als Gefühls- und als Nützlichkeitsfrage behandelt worden. Ich übergehe den ersten Gesichtspunkt, weil sich darüber nicht verhandeln läßt: ein Heer braucht namentlich in Friedenszeiten einen hohen Grad sittlicher Reife in seinen Bestandteilen, um in Ermangelung eines unmittelbaren Nutzens eine Existenzberechtigung zu haben.

In Kriegszeiten kommt es auf solche Moralität weniger an und niemand würde sich darum kümmern; Sergi hat in seinem Eroismo e criminalità gezeigt, wie ein Verbrecher bisweilen zu heroischen Thaten sich erheben kann. Der Mangel an Voraussehung schwächt bei ihm das Gefühl der Gefahr ab.

Ich will mich auf den zweiten Punkt beschränken: daß es nutzlos und unthunlich sei, Verbrecher in die Armee aufzunehmen, und zwar auf der Basis elementarer Gründe des Positivismus.

Wenn man zugiebt, daß der Verbrecher ein pathologischer und anormaler Typus ist, weshalb wird diese moralische Abnormität nicht ebenso in Betracht gezogen, wie so viele andere, die physischer Natur sind? Individuen, die eine Mißbildung der Füße zeigen, werden ausgeschlossen, und man sollte die nicht zurückweisen, welche eine tiefgehende Abnormität der Seele zeigen?

Man wird sagen: Es ist schwer, diese Abnormität festzustellen. Und ich antworte: Zugegeben; aber so schwer es auch sein mag, in der großen Mehrzahl der Fälle ist ein unfehlbares Kennzeichen gegeben – die Strafen, welche die zur Aushebung sich vorstellenden Leute erlitten haben – oder wenn sie schon Soldaten sind, die Vergehen, welche sie sich zu Schulden kommen lassen. Der Verbrecher wird als ein antisoziales Element definiert, d. h., er wendet sich gegen die Ordnungsgrundsätze, die zur Existenz einer gegebenen Gesellschaft notwendig sind: er will sich deren Zwang nicht unterwerfen und findet sie für sein eigenes Temperament und seine eigenen Neigungen zu eng. Ist es nun nicht widersinnig, einen solchen Widerstrebenden in die Schranken eines Organismus wie die Armee einzustellen, die durch eine noch viel straffere Disziplin als die, welche in der gewöhnlichen Gesellschaft herrscht, regiert wird? Heißt das nicht, aus einem Narren einen Philosophen machen wollen? Sowohl der Narr wie der Verbrecher sind individualistische Übertreibungen, Wesen, deren Verstand oder moralisches Empfinden sich den Bedingungen des sozialen Leben, den Vorschriften, die der Egoismus auf Gegenseitigkeit diktiert, nicht anpassen können.

Man wirft ein: Auch das Gefängnis und das Irrenhaus sind Institute, die von eiserner Disziplin regiert werden, aber jeder sieht ein, daß die Zusammenstellung mit dem Heer nicht möglich ist. Dieses hat im Staat eine opportunistische, jenes eine, im wesentlichen utilitarische Funktion. Die Armee wird verschwinden können und müssen; die Gefängnisse werden ihr Aussehen ändern, wenn der Begriff der Strafe durch den der Abwehr abgelöst worden ist; die Irrenhäuser werden in Stätten der Pflege und der Hut umgewandelt werden, da die Gesellschaft nur stets, auch in ihren fortgeschrittensten Formen, den Begriff der Selbstverteidigung aufrecht halten und erweitern muß, weil dies zur Entwickelung der gesunderen und normaleren Kräfte beiträgt. Die soziale Disziplin ist ein absolutes Bedürfnis, die militärische Disziplin ein relatives Bedürfnis.

Nun kann die Ausbildung derer, welche Strafen von einer gewissen Schwere erlitten, helfen, das Heer sicher zu stellen. Ich lege nicht viel Wert darauf, weil es eine Wahrheit ist, von der wir uns in diesen letzten Jahren überzeugt haben. Misdea, Serghetti, Scaranari, Marino, Missivoli und endlich Pasquala Torres haben dem Heer noch mehr geschadet als zwanzig Friedensjahre. Andererseits ist bekannt, daß das Kriegsministerium das Aushebungsgesetz in dem Sinne reformieren will, daß diejenigen ausgeschlossen bleiben und dem königlichen Heer nicht angehören können, welche zu Kerkerstrafe und zu Gefängnis nicht unter fünf Jahren verurteilt sind, während das zur Zeit in Kraft befindliche Gesetz nur die wegen irgend eines Verbrechens zu Zwangsarbeit Verurteilten und die zu Zuchthaus und Gefängnis wegen Verbrechen schwerer Art Verurteilten ausschließt.

Doch sollten auch die zu geringen Strafen Verurteilten besonders behandelt werden, indem sie während des Dienstes mit der Waffe einer besonderen Abteilung zugewiesen werden, wie es in Frankreich und Deutschland üblich ist.

Dazu wird nun noch ein Reglement treten, welches gleichzeitig die Überweisung derjenigen Personen in eine besondere Abteilung verfügt, die sich während der Dienstzeit schwerer Vergehen schuldig machten. Dasselbe Ministerium anerkennt in dem der Kammer schon vorgelegten Bericht die Nützlichkeit solcher Verfügungen, indem es hervorhebt, daß man nicht erst jetzt darauf verfallen sei, sondern schon in einem dem Senat am 10. Juni 1884 vorgelegten Gesetzentwurf des Ministers General Ferrero, in dem von einem Spezialkorps die Rede war.

Damit, das wird jeder einsehen, wird die Frage verschoben, aber nicht gelöst. Es schließt zwar die schlimmsten Verbrecher aus, aber zu viele umfaßt es gar nicht, oder umfaßt sie mit einer Verschärfung der Disziplin. Wenn heute der Verbrecher seine Strafe verbüßt hat, wird er veranlaßt sein, die besondere Behandlung, die er erfährt, als eine Ungerechtigkeit zu betrachten und den Fatalismus der Schuld zu verstärken, von dem die Seiten M…'s voll sind. Er wird als Soldat eine strengere Disziplin und daher mit größter Wahrscheinlichkeit die Bestrafung finden. Ist das gerecht und logisch?

Ist im sozialen Leben die moralische oder intellektuelle Inferiorität einer Person nicht eine Entschuldigung für uns? Von einem Bauern verlangen wir gewisse Äußerungen des Zartgefühls nicht, die wir bei einer gebildeten Person fordern; von jenem dulden wir, was bei dieser eine Beleidigung wäre.

Wenn man bei einer Spezialdisziplin annimmt, daß diese Individuen Verbrecher sind und wenn man sie nur deshalb als Soldaten betrachtet, weil sie sich dem Recht, welches das Land über sie hat, nicht entziehen können, so müßte man sie wenigstens dem gewöhnlichen Gesellschaftscodex unterstellen, anstatt sie unter den militärischen Codex zu bringen.

Der Grundsatz der Ausschließung, nach der vorher erlittenen Strafe beurteilt, hat für mich keinen Wert. Der Soldat kommt immer im jugendlichen Alter zur Aushebung; wenn er ein Verbrecher war, so war es in seinen Jugendjahren, wo einerseits das Strafgesetzbuch und andererseits das Mitleid der Geschworenen ihm alle möglichen mildernden Umstände zubilligen.

Das sieht man aus der ersten Strafe des M… wegen Mordes, wo die Überlegung und die Nachstellung nicht hinderten, daß die Strafe auf fünf Jahre beschränkt wurde, und man sieht es aus den Antecedentien aller Soldaten, die in diesen letzten Jahren erschossen oder dem Kerker übergeben wurden. Alle hatten Strafen erlitten und keiner hatte vom Dienst befreit werden können. Die angeblichen fünf Jahre würden in der That zwanzig bis dreißig Jahren Gefängnis gleichkommen. Vier Körperverletzungen und drei Widersetzlichkeiten gegen die Polizeiorgane würden weniger gelten als ein versuchter Mord, und zwar für einen Soldaten, für den das Spezialgesetzbuch des Heeres die Erschießung von hinten sanktioniert, wenn er nur mit bewaffneter Hand seinen Vorgesetzten bedroht.

Die Blätter des M… können dazu ermahnen, eine offene und wirkliche Lösung zu finden, die einerseits dem Heere nützt und andererseits den Postulaten des gesellschaftlichen Positivismus entspricht.

In dieser Anmerkung, das begreift jeder, habe ich eine solche Lösung nur andeuten können.

[41] Ein Beweis für das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das Familiengefühl, das unter den Verbrechern existiert.

[42] Kurz vorher hat er ihn einen »Autokraten«, einen »gesetzlich sanktionirten Vatermörder« genannt.

[43] Die Verlagshandlung der deutschen Ausgabe sah sich hier genötigt, eine auf den päderastischen Umgang bezügliche Stelle zu streichen.

[44] Vielleicht ist eine Gegenüberstellung dieses ungebildeten M… mit einem der begabtesten Dichter und Schriftsteller der Decadence, Paul Verlaine, der wegen Verletzung eines seiner sodomitischen Freunde verurteilt ist, nicht unangebracht. Auch M… wird poetisch, wie Verlaine, wenn er von seiner Verworfenheit erzählt.

Daß sie auf das freie Land gehen, um ihren Lastern zu fröhnen, ist auch ein charakteristischer Zug dieser Menschen. Sighele schreibt: Fast mehr noch als die Tribaden lieben es die Päderasten, ihre Laster mit der seltsamen und starken Wollust des Schmerzes zu vereinen. Sie empfinden es als ein Bedürfnis, ihrem widernatürlichen Instinkt die Empfindung der Gefahr hinzuzufügen, und wenn sie nicht soweit gehen, daß sie für ihr Leben fürchten möchten, so suchen sie wenigstens für ihre Ehre etwas zu riskieren.

[45] Ein weiterer Beweis für die Mischung von Liebe und Haß. Die natürliche Liebe stillt im Besitz der Stürme die Leidenschaften und gewinnt im Affekt ihr Gleichgewicht. Die widernatürliche Liebe kann naturgemäß keinen normalen Abschluß und kein Gleichgewicht haben.

[46] Man erkennt die weibische Natur der passiven Päderasten an ihrer Sprechweise.

[47] Auch die Feigheit ist, wie Sighele zeigt, ein Charakteristikum der passiven Päderasten und Tribaden. – Sie bedienen sich der neuen Eroberung fast stets, um sich für den Verrat der vorhergehenden zu rächen.

[48] Aus der cynischen Ausdrucksweise des M… geht hervor, wie wenig echt sein Abscheu gegen seinen Gefährten war.

[49] Die blutige Rache erscheint bei M… als die natürlichste Sache in der Welt.

[50] Das ist Wahnsinn; man beachte auch, daß die Tyrannei in diesem Fall darin besteht, ihn an der Ausübung der Päderastie zu behindern. Es ist sehr wohl möglich, daß M… diese Worte wirklich gesprochen hat; die Thatsache ist bekannt genug, daß der mörderische Impuls sich in einen selbstmörderischen verwandelt, besonders bei den Epileptikern.

[51] Klassische Verbrechereitelkeit.

[52] Wer ein Irrenhaus besucht hat, wird mehr als einen gefunden haben, der ihm so antwortete und durch seine geschwollene Ausdrucksweise sein Unglück zu adeln suchte. Diese Großsprecherei ist für die Wahnsinnigen charakteristisch.

[53] Diese wahnsinnigen Tiraden erinnern an die Verteidigungsrede, die der Soldat Francesco Torres vor dem Militärgericht zu Mailand hielt. Zwischen beiden ist eine große Familienähnlichkeit. Und das beweist, was Lombroso aufgezeichnet hat, daß nämlich der Begriff der sozialen Gerechtigkeit im Keime vorhanden ist; M… erklärt sich als einen »reinen, unschuldigen Mann«, als ob er nicht an dem päderastischen Verhältnisse beteiligt wäre, das M… dem S… in so glühenden Worten vorwirft, als ob er ihm nicht den anonymen Brief diktiert und noch schlimmeres angeraten hätte.

Es ist derselbe Fall wie bei dem Straßenräuber, den Lombroso (Palimsesti del carcere) beschrieben hat, der, um seine Unschuld zu erweisen, den Schauplatz der Straßenräuber zeichnete, wobei er den unmittelbaren Empfänger einer Uhrkette darstellte, die ein anderer gemeinschaftlich mit der Uhr eines Passanten aus der Tasche gerissen hatte. Und darüber war geschrieben: Ich bin unschuldig. – Das Kriterium der Unschuld bestand darin, daß er als Räuber beider Gegenstände angeklagt war, während er nur die Kette genommen hatte.

[54] Die Unterscheidung eines Wahnsinnigen, die nur gemacht wird, um einen verbrecherischen Impuls zu beschönigen.

[55] Das ist das Mitleid, das er für S… empfindet.

[56] Ein Beweis für die epileptische Natur des Verbrechers.

[57] Denselben Gedanken drückt Dostojewski in seinen »Erinnerungen aus dem Hause der Toten« aus. Er sagt, daß, wenn man jemand nötigen würde, dieselbe Arbeit immer zu verrichten und wieder zu zerstören, er wahnsinnig werden würde, weil die Nützlichkeit, sei sie auch im Verhältnis zur Arbeit nur gering, dasjenige sei, was die Arbeit rechtfertigt.

[58] Wie Venturi in seinem Gutachten bemerkt, begegnen sich bei M… die Übertreibung des Hasses mit der Übertreibung der Zuneigung, und so wird wahrscheinlich die Wirklichkeit der Erzählung des M… in nicht wenigen Punkten widersprechen.

[59] Der gewöhnliche Refrain, der immer zum Vorteil des Übelthäters ausschlägt. Ich kannte einen Verbrecher, der wegen Diebstahls angeklagt, antwortete: Die Verhältnisse sprechen freilich gegen mich, aber ich gebe den Diebstahl nicht eher zu, bis man mir die Sache zeigt, die ich gestohlen haben soll. – Und als er später eines Mordes angeklagt war, wollte er, daß man ihm die Person zeige, die ihn hatte morden sehen.

[60] Und dabei glaubt er ein gutes Werk zu thun, weil er den Liur… retten will, und weil dieser unter ähnlicher Anklage steht, wie M… selbst, als er unschuldig verurteilt wurde, erfindet er eine Reihe von Unwahrheiten und stellt andere als Verleumder hin. Eine merkwürdige Auffassung vom Guten!

[61] Diese Übertreibung in pejus bildet den logischen Gegensatz zu der vorherigen optimistischen Übertreibung. Jeder begreift, daß die Lebensbedingungen sich nicht so sehr ändern konnten. Dieser leidenschaftliche Gigantismus ist charakteristisch für die Epileptiker.

[62] Wiederum die gewöhnliche Übertreibung der Zuneigung, die der Übertreibung des Hasses entspricht.

[63] Sollte es nicht vielleicht die Furcht gewesen sein, daß die Beamten sein Treiben in den Bergen von Daffina verrieten?

[64] In diesem letzten Teil der Schrift des M… wird der Leser einen wahren Verfolgungswahn, eine wahnsinnige Erregung und einen Verfall des Intellekts beobachten. Ich veröffentliche ihn, weil er die Psychologie des Typus mit großer Treue zeigt, den leidenschaftlichen Gigantismus, welcher das Erbteil der Epileptiker ist, wiedergiebt, und gleichzeitig die Geschichte des M… abschließt, indem er sein letztes Verbrechen in gewisser Weise erklären hilft.

Dieser Teil entbehrt auch der sinngemäßen Anordnung; er besteht aus leidenschaftlichen Impressionen, die nicht von realen und augenfälligen Thatsachen, sondern von Hallucinationen hervorgerufen sind, wie sich aus dem Prozeß ergab und wie M… in einem Augenblick der Ruhe selbst zu erkennen scheint, wofür der Brief an den Bruder, der am Schlusse veröffentlicht ist, Beweis ablegt.

[65] Daß er die einzelnen Teile seiner Schriften mit einem Brief an den Sohn beginnt, ist ein Charakteristikum des Graphomanen.

[66] Hier bricht die Erzählung ab.

[67] Das folgende ist ein Teil der Verteidigungsrede des M…, als er wegen Mordversuches auf seine Schwägerin vor Gericht stand.

[68] Hier folgt die Wiederholung derselben Worte, die im Anfang dieses Kapitels sich befinden.

[69] Dieser Brief des Antonino M… bildet ein merkwürdiges und wichtiges psychologisches Dokument. Zwar giebt ihm der Bruder eine ziemlich einfache Deutung, daß er nämlich dazu dienen soll, sein Mitleid zu wecken, um die weitere Sendung der fünfzehn Lire monatlich zu erreichen, aber es ist unleugbar, daß im Stil eine gewisse Überzeugung sich bemerkbar macht. M… hat immer einen Hang zur Religiosität, zum Mystizismus gezeigt, das beweisen seine spekulativen Versuche, und auch sein zur Ascetik neigender Fatalismus. Die vollständige Einsamkeit und etwaige religiöse Lektüre müssen auf seinen – was Form und Abstraktion anbelangt – leicht suggestionierten Geist ein, man kann wohl sagen, psychologisches Wunder bewirkt haben. Die Tendenz seines leidenschaftlichen Gigantismus, die Venturi in seinem Gutachten so vorzüglich hervorgehoben hat, und welche Übergänge und halbe Maßregeln nicht zuläßt, und in Antithesen lebt, scheint ihn auch hier zum Exzeß geführt zu haben.

Vielleicht war der mächtigste Faktor die Unmöglichkeit, sich zu bewegen. Wenn der Teufel alt wird, so wird er Eremit, sagt das Sprichwort, und es ist bekannt, daß die Dirnen, wenn sie altern, unter die Betschwestern gehen: dasselbe scheint mit M… der Fall zu sein. Und da er ein Epileptiker ist, so ist dabei nichts zu lachen, es würde vielmehr eine besondere psychische Bildung vorliegen, wie bei dem Koch Berardi, der, nachdem er gemordet hat, mit Skapularen behängt, im Namen der Religion den König schmäht.

Bei der Psychologie der Heiligen, mit der Professor Lombroso sich beschäftigt, wird er sich sicher mit diesem seltsamen Zusammenhang auseinandersetzen müssen. Es genügt, an den Epileptiker Sankt Paulus und so viele andere Menschen zu erinnern, die in der Blüte ihrer Jahre einen verworfenen Lebenswandel führten, und im Alter heilig gesprochen wurden, um zu begreifen, daß das Phänomen nicht ungewöhnlich ist und in anderer Form auf dem Gebiet der Pathologie der Seele wiederkehrt.

[70] Er meint die Sündflut, welche den Mord Abels durch Kain rächte.