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Der Roman eines geborenen Verbrechers / Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M... cover

Der Roman eines geborenen Verbrechers / Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M...

Chapter 7: V.
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About This Book

The narrator, a convicted offender, delivers a candid first-person account of a life shaped by repeated crimes and multiple terms of imprisonment, combining personal memories, motives, and descriptions of confinement. The narrative is presented alongside a psychiatric report and editorial preface that examine the subject through contemporary theories of degeneration and criminal typology. The text alternates between self-justification, intimate detail, and clinical observation, aiming to serve both as a personal confession and as material for scientific study and social reflection.

The Project Gutenberg eBook of Der Roman eines geborenen Verbrechers

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Title: Der Roman eines geborenen Verbrechers

Author: Antonino M.

Editor: Augusto Guido Bianchi

Translator: Friedrich Wilhelm Ramhorst

Release date: September 16, 2007 [eBook #22630]
Most recently updated: September 30, 2007

Language: German

Credits: Produced by Jana Srna and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROMAN EINES GEBORENEN VERBRECHERS ***

Anmerkungen zur Transkription:

Der Text der zur Transkription herangezogenen Ausgabe wurde in Hinblick auf Unregelmäßigkeiten in der Zeichensetzung und Rechtschreibung dem Original getreu übertragen. Lediglich einige offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

Portrait des Antonino M…
Strafgefangener.
Verurteilt: 5 Jahre Gefängnis wegen Mord. – 3 Jahre Gefängnis wegen versuchten Mord. – 1 Jahr Gefängnis wegen Bedrohung. – 4 Jahre Strafcompagnie. – 2 Monate Eisen wegen Fälschung. – 16 Jahre und 6 Monate wegen versuchten Brudermord.

Der Roman
eines
geborenen Verbrechers.

Selbstbiographie
des
Strafgefangenen Antonino M…

von
A. G. Bianchi.
(Mitglied des Corriere della Serra in Mailand)

Zu wissenschaftlichen Zwecken herausgegeben
mit einem psychiatrischen Gutachten
von Professor
Silvio Venturi
Direktor der Provinzial-Irrenanstalt in Catanzaro.

Autorisierte deutsche Übersetzung von Dr. Friedrich Ramhorst.

Berlin und Leipzig
Alfred H. Fried & Cie.
1894.

Vorrede.

I.

Dieses Buch kann und soll nicht nach gewöhnlichen Gesichtspunkten beurteilt werden: Der Titel Roman ist subjektiv gerechtfertigt, insofern die Empfindung, welche den Helden dieser Blätter veranlaßte, sie zu schreiben, sicher nicht von der verschieden ist, welche viele zeitgenössische Autoren veranlaßte, ihre Gedanken und Gefühle in einer oft selbstbiographischen Form herauszugeben. Dostojewski's »Schuld und Sühne«, Zola's »Bête humaine« und Gabriele d'Annunzio's »Giovanni Episcopo« und »l'Innocente« sind die letzten Proben dieser pathologischen Litteratur, wo die Genialität der Verfasser zu einer tiefen Intuition krankhafter Bewußtseinsphasen sich erhebt und die Kunst das Ansehen der Wahrheit erreicht.

In diesem Fall ist die Kunst arm, aber die Aufrichtigkeit ist vielleicht größer, und die Unerfahrenheit des Verfassers dient dazu, ihr Relief zu geben; denn wenn das Wahre sich hervorhebt und einen unverkennbaren stilistischen Ausdruck annimmt, so kann das Unwahre nicht, wie bei den berufsmäßigen Schriftstellern, den Firnis stilistischen Schmuckes oder der angenehmen Täuschung erlangen.

So kommt es, daß das, was nach der Absicht des Verfassers ein Kunstwerk sein sollte, in der That ein wissenschaftliches Dokument geworden ist.

Der Verbrecher, diese antisoziale Individualität kann sich mit Recht als die great attraction der zeitgenössischen Litteratur bezeichnen: Feuilletonromane und Gerichtsberichterstattung, um nicht vom wirklichen Kunstwerk zu reden – alles dreht sich um den Verbrecher und die verschiedenartigsten Gefühle werden wachgerufen; das gewöhnliche Interesse, das sich am Unwahrscheinlichen entzündet, das Mitleid mit dem Unglück, die Hoffnung auf die Rehabilitation, der Fatalismus.

Auch die Wissenschaft ist der Frage näher getreten, und wenn die Kunst das Interesse des Abenteuers dem des psychologischen Einzelfalls hintanstellt, so tritt für die Wissenschaft das Studium des Verbrechens hinter dem Studium des Individuums zurück. Zwischen der Darstellung des Verbrechers, wie sie von den alten und wie sie von den neuen Schriftstellern geübt werden, ist genau derselbe Unterschied wie zwischen dem althergebrachten Studium des Verbrechens, das durch die Macht der Tradition noch in den Gesetzen herrscht, und der neuen Wissenschaft, welche das Studium des Verbrechers fordert.

Aber die Wissenschaft hat notwendiger Weise vorerst in der Allgemeinheit stehen bleiben müssen, sie mußte Hunderte und aber Hunderte von Verbrechern beobachten, um das mehr oder weniger häufige Wiederkehren eines physischen oder psychischen Charakters zu erkennen, und aus diesen Beobachtungen sind Theorien hergeleitet, welche nicht immer auf jeden einzelnen Fall passen. Ebenso wie die Bewohner eines Landes nicht völlig dem Nationaltypus entsprechen, ebenso wenig entsprechen die Insassen der Gefängnisse dem Verbrechertypus.

Diese Mannigfaltigkeit der kriminellen Elemente, die nur eine Folge der Mannigfaltigkeit der Ursachen ist, von denen die Menschengeschicke abhängen, ließ den Typus in der Vorstellung der Gelehrten unbestimmt und unsicher erscheinen.

Lombroso, der eine graphische Reproduktion des typischen Verbrecherschädels erlangen wollte, nahm seine Zuflucht zur zusammengesetzten Photographie, indem er die zu einer Aufnahme nötige Zeit in sechs Abschnitte teilte, und in jedem dieser Abschnitte einen anderen Schädel vor das Objekt brachte. Auf diese Weise wiederholten sich die jedem Schädel gemeinsamen Züge und kamen schärfer zum Ausdruck, und während die Photographie nicht als die Reproduktion eines einzelnen bezeichnet werden konnte, ähnelte sie allen in ihren typischen Elementen.

»Der Typus ist eine synthetische Impression«, hat Gratiolet gesagt. Und Goethe definierte ihn als ein »abstraktes und allgemeines Bild«.

Geoffroy St.-Hilaire schrieb: »Der Typus einer Art zeigt sich niemals unseren Augen, er erscheint nur unserm Geist. Er ist eine Art festen und gemeinsamen Mittelpunktes, um den sich die verschiedenen Differenzierungen als Abweichungen und Schwankungen gruppieren.«

Anderseits schien das Studium des Typus notwendiger als das des Einzelfalls, da ja die synthetische Impression immer dem analytischen Studium voraufgeht.

Heutzutage glaubt man diese synthetische Impression erreicht zu haben, und der Verbrecher wird physisch und psychisch als ein Typus beschrieben, der zwischen dem Wilden, dem Epileptiker und dem moralisch Irrsinnigen rangiert.

Gegen diesen Glauben lehnt sich das analytische Studium auf. Nachdem die typischen Verbrechercharaktere abstrakt beschrieben sind, läßt sich feststellen, wer als Verbrecher angesehen werden kann, und man kann zum Studium des Individuums fortschreiten.

Das hat zuerst Lombroso erkannt, der in seinem »Archiv« zahlreiche Einzelfälle beschreibt und in seinem »Palimsesti del carcere« verschiedene Selbstbiographien von Verbrechern veröffentlicht hat. Aber vielleicht ist das Studium immer ein hastiges gewesen, da es mehr dem Zweck dienen mußte, dem allgemeingiltigen Gesetz die Grundlage zu liefern, als die Untersuchung der Einzelfälle zu vertiefen und zu beleben. Und daraus kann man keinen Vorwurf herleiten, die Wissenschaft war dazu noch nicht reif und hatte anderes und dringlicheres zu thun.

Diese Veröffentlichung soll einen Beitrag bilden zu dem Studium der Verbrecherpersönlichkeit, einerseits durch den Bericht der Erlebnisse, die der Verbrecher mit eigener Hand niedergeschrieben hat, andererseits durch das Gutachten des berühmten Gelehrten Silvio Venturi, Professors an der Universität Neapel und Direktors des Irrenhauses zu Girifalco, der Gelegenheit hatte, den Verbrecher zu beobachten und zu studieren.

II.

Der Held dieses Buches lebt und befindet sich zur Zeit in einem der zahlreichen Gefängnisse des Königreichs Italiens. Mit Rücksicht auf seine Familie und seine Kinder habe ich seinen Namen nicht vollständig gegeben und die Namen vieler Persönlichkeiten verschwiegen. Wenn er von dieser Veröffentlichung wüßte, würde er wahrscheinlich gegen diese Unterdrückung protestieren, die doch nichts weiter ist als ein Akt der Rücksicht gegen sein Unglück. Es ist unzweifelhaft, daß er von der Publikation seines Buches seine Rehabilitation erwarten würde, denn er nennt sich stets einen Unglücklichen, nie einen Schuldigen, und widmet seine Denkwürdigkeiten, die so voll Schmutzigkeiten sind, dem Liebling unter seinen Söhnen.

Indessen sein Name existiert heute nicht mehr, statt dessen trägt er eine Nummer, denn das Gesetz hat ihn jeder Persönlichkeit entkleidet, und sein Name gehört nur seinen armen Kindern. Die elementarste Menschlichkeit mußte mich veranlassen, den Namen eines Mannes zu verschweigen, den das Gesetz der bürgerlichen Rechte beraubt und die Wissenschaft der moralischen Verantwortlichkeit bar erklärt hat.

Besser als sein Name wird seine Erzählung und die im vorigen Jahre aufgenommene Photographie wirken,[1] und das Zeugnis des Prof. Venturi dürfte jeden Zweifel über die Authentizität zerstreuen.

Ich habe M… nicht gesehen und kann mir ein Urteil über ihn nur aus dem Kontrast bilden, welcher zwischen seiner Selbstbiographie und seinem wirklichen Lebenslauf besteht.

Venturi, der berühmte Verfasser der Degenerazioni psicosessuali, der bei dem letzten Prozeß gegen M… als Sachverständiger hinzugezogen wurde, hat sich lebhaft zum Studium des Helden hingezogen gefühlt; ihm übergab M… das Manuskript seiner Denkwürdigkeiten, und auf diesem Wege ist es an mich gelangt. Ich würde es nicht veröffentlicht haben, wenn mir der wissenschaftliche Beistand des Psychiaters gefehlt hätte, und wenn dieser mich nicht in den Stand gesetzt hätte, die objektive Wahrheit gegenüber der subjektiven Darstellung des M… festzustellen.

Nach den Ermittelungen Venturi's gebe ich im Folgenden eine Biographie des M…, welche in vielen Fällen den Schlüssel zum Verständnis der Selbstbiographie abgeben, deren Lücken ausfüllen und die Fälschungen aufdecken wird, die entweder von einer ihm oft selbst unbewußten irrtümlichen Auslegung der Dinge oder von der Verbrechereitelkeit diktiert sind.

III.

Antonino M… wurde in Parghelia, Provinz Catanzaro, im Jahre 1850 geboren. Er ist heute 42 Jahre alt. Er war einer jener kleinen Grundbesitzer, die für die südlichen Provinzen charakteristisch sind. Seine Eltern sind tot; sein Vater starb im Alter von 45 Jahren an Bauchfelltuberkulose (tabes mesenterica), die Mutter mit 37 Jahren in der Entbindung. Der Vatersbruder starb als Verrückter, er hatte eine bescheidene Bildung, aber glaubte, daß er an Gelehrsamkeit und Weisheit unerreicht dastehe, er litt an gelegentlichem Verfolgungswahn, so daß er mehrere Male in große Erregung geriet, weil er meinte, daß unter seinem Bette Soldaten verborgen seien, die ihm nach dem Leben trachteten, und daß er sich von den Leuten, die nur in seiner Phantasie lebten, dadurch befreien wollte, daß er sein Haus ansteckte.

Eine Vaterschwester, die noch lebt, wird in der ganzen Stadt die »Verrückte« genannt, sie führt ein einsiedlerisches Leben, flucht unaufhörlich und läuft aus dem Hause.

M… hat einen Bruder und eine Schwester, die gesund sind.

Im Alter von 10 Jahren wurde M… mehrere Monate krank, man hielt ihn für schwindsüchtig, aber er genas vollständig. Er genoß keinen anderen Unterricht, als in der Elementarschule seiner Vaterstadt, einer Schule, die vor dreißig Jahren als ein legalisierter Analphabetismus bezeichnet werden kann. Das ist bemerkenswert, denn es macht die Proben von Genie, die sich in der Selbstbiographie fanden, noch auffälliger.

Mit siebzehn Jahren begannen die Verhängnisse seines – wie er es nennt – bejammernswerten Lebens. Eines Tages schoß er auf öffentlichem Platz, ohne ersichtlichen Grund, nur um eine seinem Bruder zugefügte Kränkung zu rächen – auf einen Landsmann, der sofort eine Leiche war. Der Gerichtshof in Monteleone verurteilte ihn zu fünf Jahren Gefängnis.

Hier schloß er Freundschaft mit den berühmtesten Camorristen jener Zeit; die berüchtigsten kalabrischen Briganten, die in den Gefängnissen Catanzaros saßen, waren, wie er sagt, seine treuesten Freunde.

Er nahm an einem Aufstand im Gefängnis teil, der durch das Eingreifen der Zivilbehörden von Catanzaro beigelegt wurde. Von hier aus kam er nach Pizzo, dann nach Lucera di Puglia.

In Pizzo blieb er nur einen Monat, aber das genügte schon für ihn, die Strafgefangenen zu einem Fluchtversuch zu verleiten, der nur durch Zufall mißlang.

Von Pizzo kam er nach Neapel in das Gefängnis del Carmine, wo er von dem Haupt der Camorristen herzlich aufgenommen wurde. Fortan hatte er seinen Genossen Liebe und Achtung und dem Masto blinden Gehorsam geschworen; er war Mitglied der Camorra. Mit lebhaftem Verstand begabt, begriff er rasch die Regeln der Gesellschaft, sein Name war bekannt und gefürchtet wie der eines alten Genossen. Von Neapel kam er nach Foggia und dann nach Lucera mit einigen Gefährten, die ihn als Haupt der Camorra anerkannten.

So fand er, ein Jüngling noch, ehe er noch den Einfluß der ersten Strafe richtig gefühlt hatte, welche Verbrecher von nicht verdorbenen Anlagen demütigt, im Gefängnis einen Ort, welcher der Entwickelung einer verbrecherischen Persönlichkeit Vorschub leistet, die nur schlechter und raffinierter aus dem Gefängnis heraus kommt: der impulsive und blutdürstige Charakter hat dort oft Gelegenheit, hervorzubrechen und nicht immer in richtiger Beziehung zu den Thatsachen, die entweder falsch interpretiert werden oder sich als kleine Funken erweisen, welche einen ganzen Brand entfachen, der von dem immer brennenden Herd ausgeht. Wenig fehlte und er hätte eines Tages den Krankenwärter erschlagen, der nach seiner Darstellung in das Chinin Kalkstaub mischte.

Von Lucera, wo ihn das Sumpffieber heimsuchte, kam er nach der Strafanstalt zu Neapel. Hier setzte er sich sofort mit den Camorristen in Beziehung und nahm Teil an einem heftigen Kampf zwischen kalabrischen und neapolitanischen Camorristen, einer wahren Schlacht, bei der sechzehn tötlich verwundet, einem Wächter die Eingeweide ausgerissen, zwei getötet und einer leicht verwundet wurde. Von Natur blutdürstig, fand er im Kampf seine eigentliche Atmosphäre. Als Camorrist tätowierte er sich, indem er sich auf die Brust ein Losungswort der Camorra schrieb: Tod der Schmach!

IV.

Nach verbüßter Strafzeit kehrte er nach Parghelia zurück, blieb hier einen Monat und wurde dann Soldat. Auch als solcher setzte er sein schlimmes Leben fort. Er duldete keine Vorwürfe, keine Tadel, verachtete die Vorgesetzten, verlor ihre Achtung und zettelte Intriguen gegen sie an. Seine gewaltthätige, blutdürstige, bösartige Natur wurde durch ein übertriebenes Selbstgefühl angestachelt: überall witterte er Nachstellung, Mangel an Respekt, Verrat; überall sah er Kränkungen und Aufreizungen.

Zeitweilig war er ruhig und friedlich; während solcher immer kurzen Periode war er freundlich gegen die Kameraden, die Vorgesetzten und seine fern weilende Familie. Aber plötzlich war das vorbei, die Luft nahm in seinen Augen eine andere Farbe an, und Zorn- und Wutausbrüche, Flüche, Blut- und Rachedurst waren die Folgen, ohne einen anderen Grund, als daß ein Wort oder eine Handlung mißgedeutet wurde, die für jeden anderen ohne Belang gewesen wären.

Eines Tages gebot ein Vorgesetzter ihm Ruhe – er ohrfeigte ihn und versuchte ihn zu töten. Er wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt; nachdem diese verbüßt waren, kam er wieder zum Regiment. Er änderte sich nicht. Die Perversität seiner Empfindungen machte ihn zum Päderasten, er knüpfte mit einem Kameraden ein Verhältnis an. Er schrieb einen anonymen Brief gegen seinen Sergeanten und verwundete seinen Kameraden im Gesicht, und wurde zu einem weiteren Jahre verurteilt. Im Kerker versuchte er mit einer halben Scheere, aus der er sich einen Dolch gemacht hatte, einen Kameraden umzubringen, um sich wegen einer alten Kränkung zu rächen, obschon der Gegenstand seines Hasses schon an sich in einem Zustand war, der Mitleid hätte einflößen können. Von da kam er zur zweiten und dann zur ersten Strafkompagnie in Venedig, wo er sich durch sein tückisches und unverbesserliches Benehmen auszeichnete. Strenger Arrest, langes Fasten nützten nichts; für ihn waren die Strafen immer ungerecht; jeder mißhandelte, mißachtete ihn.

Schon um diese Zeit (1879) brach sein heftiger und wilder Haß gegen seinen Bruder Michele los, der, wie er meinte, ihn vernachlässigte und seinen Tod wünschte, um sich die väterliche Erbschaft anzueignen, die schon zum größten Teil sich angeeignet zu haben er ihn beschuldigte. Die ersten Zeichen dieses Hasses traten hervor, als er im Lazarett zu Cava dei Tirreni war, wo er einen Brief seines Bruders, der Nachricht von ihm verlangte, mit häßlichen Worten und Hohngelächter empfing. Der einzige Grund für diese Zwietracht konnte in dem Temperament des M… gefunden werden.

Bei der Strafkompagnie versuchte er eines Tages einen Lieutenant zu ermorden, weil dieser ihn bestraft hatte. Er wartete, bis der unglückliche Lieutenant Nachts die Ronde machte, und mit dem Dolch in der Hand, den er sowohl als Gefangener wie als Soldat immer bei sich zu tragen oder im Strohsack oder im Futter der Kleidung zu verbergen pflegte, lauerte er Stunden lang; und nur dem Umstand, daß der Lieutenant von einem Kameraden gewarnt wurde, ist es zu danken, daß der Anschlag mißglückte.

Der Mangel an moralischem Gefühl zeigt sich auch darin, daß er eines Tages einen Kameraden, einen Schreiber im Militärbureau, dazu verführte, ihm eine Änderung in dem Register zu gestatten, indem er das Datum seiner Aushebung um ein Jahr zurückschrieb, um auf diese Weise ein Jahr früher vom Militär loszukommen.

Durch diese Fälschung gelang es ihm, ein Jahr früher verabschiedet zu werden; auf der Heimreise bekam er Händel mit den Eisenbahnbeamten und um ein Haar wäre es zur Schlägerei gekommen.

Die Fälschung wurde entdeckt, und er wurde von der Militärverwaltung reklamiert, darüber entrüstete er sich heftig, bewaffnete sich wie ein richtiger Brigant und begab sich in die Wälder. Aber er sah ein, daß er auf diese Weise doch nicht durchkommen würde und stellte sich der Militärbehörde in Catanzaro, die ihn wieder nach Venedig zur Strafkompagnie schickte. Durch eine günstige Beurteilung des Thatbestandes wurde er von der Anklage der Desertion freigesprochen.

Kaum wieder bei der Kompagnie, wurde er zu zwei Monaten Wasser und Brot und zur Kettenstrafe verurteilt. Er hatte den Skorbut; nachdem er geheilt war, kam er wieder in strengen Arrest bei Wasser und Brot und so verbrachte er das ganze Jahr fast immer in Arrest und in Ketten.

V.

Im September 1882 kehrte er zu seiner Familie zurück, nachdem er vierzehn Jahre lang im Gefängnisse und in der Strafkompagnie gewesen war.

Zuerst empfindet M… selbst, daß ihm Bruder und Schwägerin freundlich entgegenkamen. Und in der That nahmen sie ihn liebevoll auf, ließen ihn an ihrem Tische essen und gewährten ihm, was ihre finanzielle Lage gestattete. Nichts in der Selbstbiographie deutet an, woraus der Haß gegen den Bruder entsprungen sein kann, er häuft nur Schmähungen und wüste Schimpfreden gegen ihn. Aber wenn man die Antecedentien und den Charakter des Antonino M… in Erwägung zieht, so begreift man, daß zwischen den Brüdern keine Eintracht herrschen konnte. Antonino lebte im Hause seines Bruders in unhaltbarem Zustande, er konnte nicht zeitlebens wie ein Sohn von seiner Schwägerin zwei Soldi täglich für Tabak entgegen nehmen. Da er von sich eine übertriebene Meinung hatte und den Bruder mißachtete und ihn als Haupt der Familie haßte, so mußte Antonino notwendiger Weise eines Tages das Bedürfnis fühlen, fortzuziehen und für sich allein zu leben und mit der Familie des Bruders vollständig zu brechen. Er that es, und um die Position zu befestigen, nahm er sich eine Frau in der Person eines Mädchens aus Tropea, eines sanften, zärtlichen Wesens, einer kleinen Madonna, die sich ihm zum Weibe gab, besiegt von seiner Ueberredungskunst und von Mitleid mit seinem Unglück.

Neues Unheil hatte diese Verbindung im Gefolge.

Das knappe ererbte Vermögen konnte nicht ausreichen, außerdem hatte er keinen Hang zur Arbeit, war liederlich, rauchte, trank und gefiel sich darin, sich vor den andern beim Kaufen hervorzuthun. Sein Bruder stand ihm immer als derjenige vor Augen, der den größeren Teil des väterlichen Vermögens geerbt hatte, daher sein Haß, sein unbändiger Neid, seine Rachgier gegen ihn. Er erzählt selbst einen weiteren Grund und dieser bestand darin, daß seine beiden Tanten zu Gunsten des Sohnes des Michele testiert und so Antonino des zu erwartenden Erbteiles beraubt hatten.

So waren genug psychologische und thatsächliche Motive vorhanden, um zu begreifen, in welcher Gemütsverfassung Antonino gegen seinen Bruder war, und früher oder später mußte der angesammelte Haß zum Ausbruch kommen. Es war eine Lawine, die sich losgelöst hatte, und immer wachsend, dem Abgrund zurollte, die Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellten, zerstörend. Antonino, der sich mehr und mehr in seinen Zorn verbiß, machte kein Hehl aus seinem Haß, er sprach öffentlich davon und von seinen Rachegedanken, und schürte dadurch noch mehr den Brand in seinem Innern; vielleicht dienten auch die Ermahnungen der Vorsichtigen und die Vorhaltungen der Ruhigen dazu, seine Lust am Schrecklichen und seine Neigung zur Rache noch zu verstärken.

Sein argwöhnisches Temperament war eine natürliche Folge seiner Eitelkeit. Der übermäßigen Anmaßung entsprach immer der Argwohn, daß ihm von seiten der andern nicht mit der nötigen Achtung begegnet werde und daher die fortwährende Tendenz, sich verfolgt zu glauben. Daher auch die übertriebene falsche Auslegung der Worte, der Absichten, der Thaten anderer, besonders der Personen, denen er stärkere Aufmerksamkeit schenkte und von denen er für seinen Haß und seine Drohungen Kränkungen, Beleidigungen, Verachtung und Unbill zu empfangen glaubte. Zuerst mußte die Schwägerin den Ausbruch des Sturmes spüren. Eines Tages begab er sich in das Haus seines Bruders, und man weiß nicht aus welchem Grunde, genug, er bedrohte sie mit einem Revolver, der Bruder kam dazu, und es gelang ihm das Blutvergießen zu verhindern, aber Antonino brachte ihm eine Bißwunde in die Hand bei, mit welcher er ihm den Revolver entriß. Es erfolgte die Klage und trotz der heuchlerischen Verteidigung, der demütigen Erklärungen und der wortreichen Beredsamkeit wurde Antonino zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Es würde dieses Vorkommnisses nicht bedurft haben, um Antonino zu allen Frevelthaten gegen seinen Bruder fähig zu machen, aber es diente ihm in der Öffentlichkeit als Rechtfertigung für seine schon offen ausgesprochenen Blut- und Rachegedanken.

Von diesem Augenblick ab war das Leben des armen Michele eine fortwährende Angst und Aufregung; er traute sich nicht die Nase aus dem Fenster zu stecken oder die Füße vor die Thür zu setzen, ohne die Überzeugung zu haben, daß er von seinem Bruder getötet würde, der ihm coram publico unaufhörlich nachstellte und den Augenblick nicht erwarten konnte, wo er seinem Bruder den Rest geben würde.

Antonino erklärte öffentlich: Was mache ich mir aus dem Gefängnis!? Ein halber Tag oder zwanzig Jahre sind mir einerlei; ich werde Mann und Frau umbringen und dann bin ich zufrieden.

Er wußte, daß die Freunde seines Bruders ihn durch einen Pfiff herauszurufen pflegten, und so versuchte er eines Abends, ihn auf dieselbe Weise an das Fenster zu locken. Aber der Bruder merkte, woher der Pfiff kam, und antwortete nicht. Ein anderes Mal lauerte er ihm auf und trat endlich mit einer Flinte bewaffnet in das Haus seines Bruders.

Öfter sah man ihn mit der Flinte am Fenster der Küche stehen und warten, daß der Bruder sich am Fenster seiner gegenüber liegenden Küche zeige. So fest stand bei ihm der Plan, daß er Frau und Kinder fortschickte und allein blieb, um sich ganz der Überwachung seines Bruders und der Ausführung des Mordes zu widmen. Und so trat denn endlich am 29. September 1889 das ein, was notwendig eintreten mußte.

Es war ein Sonntag, und Antonino M… pflegte alle Sonntag seine Familie, die er leidenschaftlich liebte, in Tropea zu besuchen. Diesen Sonntag blieb er in Parghelia; er wollte ein Ende machen. Er nahm eine Doppelflinte, lud sie mit Schrot und mit einer Kugel und stellte sich auf die Lauer. Aber der Bruder kam nicht, er war drüben in der Küche mit seiner Frau und einer Tante und zerkleinerte Holz. Antonino lief hinzu, um in die Küche zu eilen, aber das Fenster war sehr hoch. Er nahm eine Leiter, stellte sie ans Fenster, stieg hinauf, sah den Bruder bei der Arbeit, nahm die Flinte und schoß zweimal auf seinen Bruder, den er am Kopfe verwundete.

Kaum war das Verbrechen verübt, so lud er von neuem und entfloh. Um freien Durchgang zu haben, rief er: »Platz da, Platz da!« Niemand hielt ihn an, denn alle kannten seinen blutdürstigen Charakter sowie seine Geneigtheit zu Gewaltthätigkeiten, und wer ihn sah, floh entsetzt beiseite.

Einen Monat lang hielt er sich verborgen, endlich am 27. Oktober 1889 wurde er in Monteleone auf offener Straße verhaftet, nicht ohne daß er vorher einen Verteidigungsversuch gemacht hatte, indem er an den Staatsanwalt ein Schreiben gerichtet hatte, in welchem er die That als das Werk eines Zufalls darstellte, in der Hoffnung, daß diese plumpe Verdrehung der Thatsache ihm irgendwie dienlich sein könnte.

Nachdem er dem Gefängnis zu Monteleone übergeben war, zweifelte man, ob M… im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sei, und er wurde daher der Irrenanstalt zu Girifalco zur Beobachtung überwiesen. Bei dieser Gelegenheit hatte Venturi ihn zu studieren, und das Resultat dieser seiner Studien wird weiter unten abgedruckt.

Vor dem Gerichtshof zu Monteleone im April 1891 definierte Venturi ihn als einen geborenen Verbrecher, einen Menschen, der sich der Strafbarkeit seiner Handlungen nicht so voll bewußt ist, wie es das Gesetz erfordert, um eine Verurteilung aussprechen zu können. Er schloß sein Gutachten folgendermaßen:

»M… würde also nach dem geschriebenen Gesetz für das begangene Verbrechen nicht verantwortlich oder nur halbverantwortlich sein, da er es nicht bei vollem Bewußtsein und in voller Freiheit seines Willens ausgeführt hat.

»Quid faciendum!

»Wenn er als unverantwortlich erkannt wird, wird man ihn dann in Freiheit lassen?

»Er würde versuchen, seinen Bruder wiederum zu ermorden, und ohne Zweifel mit größerer Ruhe, da er seine Straflosigkeit kennt und sich daher für berechtigt hält, mit der ganzen menschlichen Gesellschaft aufzuräumen. Soll man ihn in die Irrenstrafanstalt bringen, wie es das Gesetz für diejenigen vorschreibt, welche in einem krankhaften Hang zum Verbrechen leben, und denen die Gelegenheit genommen werden soll, ein Verbrechen zu wiederholen? Er würde zeitlebens darin verbleiben müssen, denn es ist nicht vorauszusehen, daß M… mit der Zeit seine Natur ändert, noch giebt es Heilmittel, die das bewirken können. Wie soll das Ziel erreicht werden, welches das Gesetz im Auge hat, um einen sicheren Schutz gegen das Verbrechen zu schaffen, ohne daß deshalb die Gesellschaft sich zu dem erlittenen Schaden noch mit der Sorge für den lebenslänglichen Unterhalt des Verbrechers belasten müßte?

»Die Antwort liegt mir auf den Lippen, aber ich will sie nicht aussprechen, weil unsere Mondscheinromantik vorschreibt, auch die zu lieben, die uns Böses thun, also gerade das Gegenteil von dem, was die Natur thut, welche durch ihre ewigen Kämpfe eine reinigende Zuchtwahl vornimmt.

»Meine Herren Geschworenen, die Strafirrenanstalt in Italien ist ein Unding. Thatsache ist, daß die gefährlichen Narren, die nicht für strafbar erkannt werden, wieder frei herumlaufen, oder wenn sie ins Irrenhaus gebracht werden, mit Hilfe ihrer Advokaten bald wieder herauskommen. Und das Gesetz begünstigt ihre Entlassung. Wenn M… zu zehn Jahren verurteilt wird, so ist es so gut wie sicher, daß er während dieser Zeit die Gesellschaft nicht belästigen kann.

»Bedenken Sie: der Bruder hofft, daß er weder begnadigt wird, noch vor der Zeit wegen guter Führung entlassen wird. Alles kann daraus folgen!«

Ehe die Verhandlung geschlossen wurde, hielt M… eine Verteidigungsrede, die zwei Stunden dauerte. Er sprach mit unerhörter Emphase, er ließ sich in seinem Gedankengang und in der Erregung so sehr hinreißen, daß er in einen förmlichen Zustand der Raserei geriet, so daß man ihn beruhigen und die Sitzung unterbrechen mußte. Das Publikum war der Ueberzeugung, daß er für unzurechnungsfähig erklärt werden würde; der Bruder, der ihn von draußen hörte, flehte Gott, die Sachverständigen, die Geschworenen an, daß er verurteilt werden möchte. Wehe ihm, wenn er freigesprochen wurde. Er traute dem Panacee der Strafirrenanstalt nicht.

Während der ganzen Verhandlung gegen M… war seine Familie, ein Engel von Weib, und seine hübschen Kinder zugegen, und erschütterten durch ihr unaufhörliches Weinen das Publikum. Er wurde unter der üblichen Annahme mildernder Umstände zu sechzehneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt.

VI.

Das ist der Mann, dessen Biographie ich veröffentliche; das ist sein Leben inmitten der Hilfsmittelchen, mit denen die Gesellschaft sich einbildet, sich selbst verteidigen und verbrecherische Neigungen unterdrücken und sogar bessern zu können.

Aber anstatt Betrachtungen anzustellen, will ich eine andere Seite seiner Individualität aufschlagen, ich meine die physische und psychische Darstellung seiner Person. Und dazu gebe ich einem Manne das Wort, der dazu besser berufen ist als ich, dem Professor Silvio Venturi, welcher mit wissenschaftlicher Genauigkeit die besonderen Charakteristika des M… darlegen wird.

Physische Untersuchung.

Wenige Tage nach der Einlieferung des M… in die Irrenanstalt zu Girifalco schritt ich zu einer eingehenden Untersuchung, die folgendes Resultat ergab.

Allgemeiner Befund: Kräftiger Knochenbau, starkes Fettpolster, Dolicocephale, Haar etwas spärlich, dunkelbraun, ab und zu mit weißen Fäden durchzogen; ziemlich hohe Stirn mit Längs- und Querfurchen. Die Ohren gut gewachsen, aber leicht henkelförmig, Gegenleisten kaum vorhanden, mit Spuren des Darwin'schen Höckers. Die Augen in gleicher Höhe, im linken Auge eine Nickhaut, Conjunktiva normal. Augenbrauen normal, rechts stärker geschwungen als links. Das Wangenjochbein tritt wenig hervor, weil mit Fettpolster bedeckt, der Gesichtsausdruck ist schlaff und welk. Die Zähne sind unterbrochen. Am Daumen der linken Hand eine Narbe, die von einem schneidenden Werkzeug herrührt, ebenso eine in der Leistendrüsengegend. Mehrfache Tätowierungen, auf dem rechten Arm: ors fuduli, auf der Brust: a morte l'infame (Tod der Schmach), auf dem linken Arm V und K, auf dem Rücken der rechten Hand O und F.

Craniometrie:
Diameter ant. post. maximus mm 191
Diameter transversalis " 153
Kopfindex " 80
Horizontaler Umfang " 550
Vorderer (halber) Umfang " 275
Hinterer (halber) Umfang " 275
Curva longitudinalis " 300
Curva transversalis " 220
Diameter bifrontalis minimus " 95
Stirnhöhe " 60
Prosopometrie:
Gesichtshöhe mm 127
Diameter bizigomaticus " 115
Gesichtsindex " 30
Anthropometrie:
Größe m 1,56
Weite der ausgestreckten Arme " 1,58
Brustumfang cm 85
Linea jugulo-xifoidea " 16
Linea xifo-umbilicalis " 25
Linea umbilico-pubica " 15,05
Linea biiliaca " 29
Länge des Oberschenkels " 68,05
Länge des Unterschenkels " 30
Körpergewicht kg 75,00

Kurzer dicker Hals – die fossae ober- und unterhalb des Schlüsselbeins mit Fettpolster bedeckt – breite Brust, die interkostalen Zwischenräume wenig sichtbar. – Ausatmung auf beiden Seiten der Brust gleichmäßig – Anzahl der Atmungen siebzehn in der Minute. Bei Perkussion und Auskultation der Brust ist weder vor noch nach der Atmung etwas Abnormales zu bemerken.

Blutumlauf: Herzdämpfung von normaler Größe – Herztöne rein – regelmäßiger und kräftiger Pulsschlag – normale Funktion der Arterien.

Verdauungsapparat: Zunge rein und feucht. – Ab und zu leidet er an Schmerzen in den Eingeweiden. – Stuhlgang regelmäßig. – Bauch weich und unempfindlich gegen Druck.

Geschlechtsapparat: Geschlechtsorgane normal – große Hoden. Die Untersuchung des Urins ergiebt folgendes Resultat: strohgelbe Farbe – saure Reaktion – Eiweiß und Zucker nicht vorhanden – kohlensaure Salze in geringer Menge – alkalische und erdige Phosphate in normaler Menge – Chloride ziemlich selten. – Bei mikroskopischer Untersuchung erscheinen keine organischen Gebilde.

Leberdämpfung von normalem Umfang, indolent.

Milzdämpfung normal.

Vasomotorische Erscheinungen: Die hyperhämischen Linien des Trousseau'schen Phänomens zeigen sich rasch und dauernd auf der Brust wie auf dem Unterleib.

Wärmeerzeugung normal.

Sensibilität:

Tastgefühl: Er fühlte die beiden Punkte des Aethesiometers als zwei

auf der Stirn rechts in der Entfernung von 42 mm
" " " links " " " " 37 "
" " Schulter rechts " " " " 86 "
" " " links " " " " 72 "
" " Brust rechts " " " " 89 "
" " " links " " " " 82 "
" dem Unterleib rechts " " " " 77 "
" " " links " " " " 63 "
" " Schenkel rechts " " " " 73 "
" " " links " " " " 69 "
" der Zunge rechts " " " " 39 "
" " " links " " " " 50 "

Ortssinn: Wenn man ihn an verschiedenen Punkten des Kopfes und der Brust berührt, so vermag er den Punkt anzugeben; auf dem Unterleib ist eine Differenz von 4–5 cm vorhanden.

Schmerzempfindung: Einen einfachen Stich empfindet er in verschiedenen Körpergegenden gleich gut.

Wärmeempfindung: Er faßt rasch und sicher die Wärmeunterschiede verschiedener Gegenstände.

Sehvermögen: Auf dem rechten Auge normal, auf dem linken vermindert. – Farbensinn normal.

Gehör: Auf dem rechten Ohr hört er das Ticken der Uhr nicht, selbst wenn sie ihm direkt an das Ohr gelegt wird, auf dem linken nur in einer Entfernung von 15–20 cm.

Geruch: Scheint nicht beeinträchtigt.

Geschmack: Bei Experimenten mit Chinin und Chlornatron konnte er den Geschmack nicht angeben. – Bei Chinin sagte er nach verschiedenen Versuchen: Diese Substanz scheint mir einen bitteren Geschmack zu haben.

Von Zeit zu Zeit leidet er an Bauchschmerzen.

Abnormale subjektive Sensationen: Er klagt oft über Schwindel und heftigen Kopfschmerz – in der linken Schläfe empfindet er auf einem Raum von der Größe einer Hand oft ein Kribbeln, und es scheint ihm, als ob die Haare sich daselbst sträuben.

Bewegungen.

Der Gang ist im Ganzen regelmäßig. Jede willkürliche Bewegung geschieht leicht und vollständig.

Die Pupillen sind zentral und rund, reagieren gut, aber nicht gleichmäßig auf Licht- und Schmerzreiz; die linke rascher als die rechte. Zunge und Lippen ruhig, starkes Zittern der Hände.

Reflexivbewegungen: Unterleibreflex normal; Hodenmuskelreflex rechts stärker als links, Kniescheibenreflex lebhaft.

Dynamometer: r. H. 35; l. H. 35; beide Hände 45.

Psychische Funktionen.

Psychosensorielle Erscheinungen: Die Wahrnehmung ist in der Periode der Ruhe normal. Im Augenblick der Erregung scheint er Sinnesstörungen unterworfen, er sieht seine Feinde, die ihn bedrohen und beleidigen.

Gedankengang: Wenn er ruhig ist, regelmäßig; in der Erregung zeigt er fieberhafte und verworrene Verfolgungswahngedanken. Er spricht allein gegen die vermeintliche Ursache seiner Leiden, schimpft, schreit und flucht; lebhafte Einbildungskraft, gutes Gedächtnis. Er erinnert sich an alle Einzelheiten seines Lebens, nur wenn man ihn nach seinen Verbrechen fragt, will er sich nicht erinnern oder sie in einem Augenblick begangen haben, wo er sich selbst nicht kannte. Aufmerksamkeit rasch und lebhaft.

Stimmung: Gewöhnlich trübe, nachdenklich; fragt man ihn nach seinen Verbrechen, so wird er zerknirscht, stützt den Kopf und weint. Er denkt liebevoll seiner Familie und sagt, daß um seinetwillen Weib und Kinder werden betteln gehen müssen.

Willen und Instinkt: Er ist gelehrig, höflich, fleißig. Er verkehrt mit den ruhigeren seiner Gefährten und verträgt sich mit den andern. Wenn ihn die gewöhnlichen Anfälle überkommen, ist er heftig, sonst ruhig. Der Fortpflanzungstrieb ist normal; er ist ein starker Onanist.

Bewußtsein: Er weiß, daß er im Irrenhaus ist, und auch, daß er beobachtet wird, um zu ermitteln, ob er irrsinnig ist. Er empfiehlt sich der Gnade seiner Vorgesetzten und versucht sie auf alle Weise zu überzeugen, daß er sein Verbrechen in einem Augenblick des Wahnsinns vollbrachte.

Sprache und Schrift: Er spricht rasch, gut und ziemlich formvoll, ebenso wie er leicht und eindringlich schreibt, abgesehen von den Fehlern, die von seinem geringen Bildungsgrad herrühren. Er macht Gedichte von derbem und oft hochfliegendem Inhalt in sorgfältiger Form. Die Stimme hat tiefe und kräftige Färbung.

Gesichtsausdruck: Rundes volles Gesicht wie ein Fettkrämer. Die Augen hält er immer niedergeschlagen; wenn er erregt wird, bewegt er alle Gesichtsmuskeln und begleitet seine Worte durch Gesten.

Schlaf und Traum: Er schläft gut und spricht nie im Traum.


M… wurde von Venturi einer mehrmonatigen Beobachtung unterworfen; ich reproduziere seine Beobachtungen während dieses Zeitraums.

Februar 1890. Die ersten vier Tage nach seiner Einlieferung war er erregt. Er sprach mit sich selbst, hauptsächlich nachts, und fluchte auf ein Frauenzimmer, das er die Ursache seines Unglücks nannte. Gefragt, weshalb er im Irrenhause sei, antwortete er: wegen einer verfluchten Sau, die mich verfolgt. Daß ich verrückt bin, sagten in Parghelia alle, aber diese Hure, meine Schwägerin, hat die Schuld. Er behauptet, sich an sein Verbrechen nicht zu erinnern. Wenn er spricht, so schüttelt er den Kopf und alle Gesichtsmuskeln geraten in Bewegung. Nach einem Tage wurde er ruhig, bat, daß man die Zwangsjacke ihm abnehmen möchte und versprach, sich gut zu führen. Er möchte in der Schneiderstube beschäftigt werden. Wurde bewilligt. Er scheint das Handwerk im Gefängnis etwas gelernt zu haben.

März 1890. Der Angeklagte giebt keine Ursache zu Tadeln, er ist höflich und fleißig. Am 11. März erwachte er schlechter Laune, sprach mit sich selbst, behauptete Stimmen zu hören und jene Frau zu sehen, die er als sein Unglück bezeichnet. Er fluchte gegen diese Frau, knirschte mit den Zähnen und bedrohte sie. Er hatte es auch mit einem Hauptmann zu thun, den er nicht nennt, und der ihm zu drei Jahren Gefängnis verholfen hätte. Nach fünf Stunden der Erregung mit anscheinenden Hallucinationen beruhigte er sich. Später erklärte er auf Befragen, daß er starkes Kopfweh habe, und behauptet, sich an nichts zu erinnern. Nachher bat er um Entschuldigung, wenn er vielleicht jemand beleidigt haben sollte. Am 12. ging er wieder in die Werkstatt.

April 1890. Immer ruhig, höflich, antwortet verständig auf alle Fragen; hatte keinen Anfall mehr. Heimlich schrieb er einen Brief, den er durch einen anderen Kranken, der das Zutrauen der Vorgesetzten besitzt, einer Person seiner Heimatstadt, die seine Familie kennt, zustellen lassen wollte. Auch ein Brief an seine Frau war dabei, in dem er ihr empfahl, guten Mut zu haben, denn er sei zufrieden mit seinen Vorgesetzten. Er bat um etwas Geld, um sich Zigarren zu kaufen. Dann fügte er hinzu: »Sei unbesorgt und denke, daß ich bald komme. Du weißt, was ich Dir mitteilen will. Ich küsse Papa und Mama die Hand, und lasse die Verwandten grüßen. Ich küsse und segne meine Kinder, grüße Vetter S… Ich umarme Dich.«

Am 14. gegen Abend war er sehr schlechter Laune; er sprach mit sich selbst wie gewöhnlich, so daß man ihn nachts allein unterbringen mußte; er fluchte gegen die bekannte Frau, schlief sehr wenig. Am 15. war er niedergeschlagen, promenierte auf dem Hof, weinte, sagte, daß sein Nervensystem in Aufregung sei und daß er Ruhe brauche. Er schien innerliches Fieber zu haben. Das Schreien und Lärmen der Gefährten verletzte seine Nerven; gegen Mittag wurde er wieder ruhig und verlangte nach Arbeit.

Am 13. April wurde er aufgefordert, die Einzelheiten des versuchten Brudermordes niederzuschreiben; anfangs wollte er nicht, dann, nachdem man ihm gesagt hatte, daß es ihm von Nutzen sein könnte, ließ er sich dazu bereit finden.[2] – Mitten im Schreiben warf er die Feder weg, und fing an zu schreien und zu fluchen, und Bruder, Schwägerin und Verwandte zu bedrohen und zu verwünschen. Man mußte ihn unschädlich machen. Auf mehrmaliges Rufen antwortete er nicht; endlich kam er herein und sagte, daß er es mit den Spilingoten zu thun hätte, mit denen er sich schlagen wollte.

Später wurde er ruhiger, zu Mittag wies er das Essen zurück. Er sagte, daß er von den Schlägen, die er bekommen hatte, vollständig gebrochen sei und große Schmerzen leide.

Dem Arzt gegenüber beklagte er sich über die Behandlung. Sie, sagte er, lassen mich prügeln, daß es eine Art hat, während ich mich um meine Angelegenheiten kümmere; aber Sie werden es bereuen. Später wurde er ruhig wie gewöhnlich und behauptete auf Befragen, sich an nichts zu erinnern, bat auch um Entschuldigung, wenn er jemand beleidigt haben sollte.

7. Mai. Er wurde von neuem genau untersucht, aber keinerlei Veränderungen wahrgenommen.

Man sagte ihm, daß er den Kopf eines Poeten habe; er antwortete rasch: Was nützt die Poesie? Dante starb in der Verbannung, Tasso im Hospital. Er erinnerte sich an alle Einzelheiten seines Lebens, nur sagte er, daß ihm die Umstände nicht gegenwärtig seien, welche zu dem Mord, den er in seinem 17. Lebensjahr begangen hatte, führten.

17. Mai. Immer ruhig. Gestern beleidigte ihn ein Leidensgefährte, er prügelte ihn durch. Er wurde bestraft, aber war nicht empört darüber. Seit einigen Tagen sucht er einen Gefährten zur Flucht zu überreden. Auf Fragen antwortet er zusammenhängend, spricht gut von seinen Vorgesetzten, von denen er, wie er sagt, gut behandelt wird, erinnert sich genau an die Einzelheiten seines Lebens; wenn man ihm eine von ihm gehaßte Person nennt, stößt er Flüche und Verwünschungen aus. Er arbeitet in der Schneiderstube und führt sich gut.

Juni 1890. Betragen wie gewöhnlich; höflich, dienstfertig, gehorsam; er ist es zufrieden, im Irrenhaus zu bleiben, wenn seine Vorgesetzten es wollen. Er verlangt Lektüre, versucht zu dichten, aber klagt selbst, daß ihm die dichterische Ader und der Schwung fehlt. Er versucht, die Vorgesetzten sich geneigt zu machen und sie zu rühren, indem er sagt, daß seine Familie ohne ihn betteln gehen müsse. Er schrieb einen langen Brief an seine Frau, in dem er sich zufrieden und ergeben zeigt. Eines Tages verlangte er ein Blatt Papier und schrieb einen Vers aus Dante: und einen halb rhetorischen, halb wahnsinnigen Entwurf: »Der Gedanke«.

Juli 1890. Er arbeitet fleißig in der Schneiderstube, und sein Benehmen ist in jeder Beziehung untadelhaft. In Worten und Briefen lobt er die Vorgesetzten, daß sie Mitleid mit einem armen Unglücklichen haben. Seiner Frau schreibt er, unbesorgt zu sein und zu hoffen. »Sorge für das Wohl unserer Kinder und achte darauf, daß ihnen kein Schaden zustößt.« »Ich empfehle Dir,« sagt er ein anderes Mal, »immer heiter zu sein und Dich mit Mut und Ergebung zu wappnen,« und er prophezeit ihr eine glückliche Zukunft. Er ist mit Allem und mit Allen zufrieden und verlangt und wünscht nichts. –

Damit schließt die Beobachtungsperiode des M…