Sie saßen da auf dem Fels und starrten hinunter, um die Reiter aus der Schleife hervorkommen zu sehen.
„Wieviel hast du denn gezählt?“ fragte Howard.
„Zehn oder zwölf“, sagte Curtin.
„So viel können doch von den Banditen gar nicht mehr übrig sein nach deiner Erzählung“, sagte Howard nun zu Lacaud.
„Sicher nicht. Die haben den größten Teil abgefangen. Aber die vier oder fünf, die noch übrig sind, können sich ja mit andern getroffen und zu einer neuen Bande vereinigt haben, die etwas Neues planen.“
„Ich glaube, Bob hat recht. Und wenn das so ist, und die kommen herauf, dann geht es uns schlecht. Die brauchen Revolver und Munition.“
„Du kennst doch das Dorf und die Leute da unten“, wandte sich Howard an Curtin. „Vielleicht haben die Burschen da unten im Dorf nach Revolvern gesucht, und die Indianer haben in ihrer Angst gesagt, daß du hier oben seist und ein Gewehr hättest, weil du da auf der Jagd bist.“
„Verteufelt noch mal, du hast recht, Alter. So wird es sein. Dann kommen sie auf jeden Fall hier herauf, um sich das Gewehr zu holen.“
„Dann tun wir besser, keine Zeit weiter zu verlieren und gleich an Vorbereitungen zu denken“, sagte Dobbs. „Curtin, du magst hier sitzen bleiben, weil du scharf sehen kannst, und beobachten, ob sie kommen. Wir werden alles dicht machen.“
Sie fingen nun gleich die Esel ein, brachten sie in ein Dickicht an der andern Seite des Felsens und banden sie fest. Dann brachten sie ihre Waffen, zwei Eimer mit Wasser und die Pakete mit Biskuit in eine tiefe Erdrinne, die sich dicht an der Felswand befand. Diese Rinne war gut zur Verteidigung geeignet, denn sie konnten weder von hinten angegriffen noch umgangen werden und hatten den freien ausgerodeten Platz vor sich, wo sie jede Bewegung der Angreifer verfolgen und jeden Mann gut aufs Korn nehmen konnten.
„Wir hätten aber genügend Zeit,“ sagte Curtin während dieser Vorbereitungen, „auf den Fels zu klettern, dort in eine Spalte zu kriechen und abzuwarten, bis sie wieder fort sind.“
„Ach, du Rind,“ sagte Dobbs, „dann kommen sie doch an die Mine, und wir können nicht mehr heran, um unsern Teil, den wir dort versteckt haben, auszuheben.“
„Ich habe hier keine Mine gesehen“, sagte Lacaud.
„Freilich nicht“, erwiderte Dobbs. „Wir müssen dir ja nun doch wohl die offnen Handflächen zeigen. Natürlich haben wir hier eine Mine. Solange wir den Platz halten, kommen sie nicht dran. Aber wenn wir uns verkriechen, dann suchen sie nach Curtin und nach seinem Gewehr, und dann kommen sie natürlich auf die Mine, heute oder morgen. Das alles rauszubuddeln haben wir nicht Zeit genug, und wir können auch hier nicht mehr weg, wenn jemand an der Mine ist, können also unsre Sache nicht heimbringen. Wir müssen immer über den Platz hier und können ihnen auf dem Wege nicht ausweichen. Wir müssen schon auf den Knochen beißen. Auch wenn die gar nichts wissen, daß wir hier feine Sache haben, Gewicht, verstehst du, die ziehen uns aus, völlig, lassen uns nicht mal die Stiefel. Können wir dann hier verrecken.“
„Das ist so“, bestätigte Howard. „Wenn wir einen andern Ausweg hätten, ich würde es auch nicht auf Ernst ankommen lassen. Wir müssen, das ist alles.“
„Sie sind eingebogen. Sie kommen rauf“, schrie Curtin und sprang von der Felskante herunter. „Nun aber rasch und alles klar gemacht.“
„Was denkst du denn, wie lange es noch dauert, bis sie hier sein können?“ fragte Howard: „Du kennst doch den Weg am besten.“
„Das dauert jetzt genau fünfzig Minuten. Dann sind sie hier. Wenn sie ohne Pferde kommen und die Abschneider wüßten, dann könnten sie zehn Minuten früher hier sein.“
„Du bist sicher, ganz sicher, daß sie heraufkommen?“ fragte Dobbs.
„Nachdem sie hier eingebogen sind, können sie gar nicht anders gehen. Sie müssen rauf. Da geht kein Weg nach einer andern Seite ab.“
„Aber sie könnten doch vielleicht auch wieder umkehren?“
„Natürlich können sie das. Aber darauf warten wir besser nicht.“
„Wir werden das Zelt niederlegen“, riet Dobbs. „Dann sehen sie nicht gleich, daß hier mehr als eine Person sein kann. Sieht auch so aus, als ob wir wer weiß wie reich seien.“
Das Zelt wurde eingeholt und in die Rinne gebracht. Dann stachen sie Schußlöcher aus, damit sie mit dem Kopfe nicht hoch brauchten und doch alles übersehen konnten. Sie berieten noch einen Kriegsplan, und endlich schlug allen das Herz, denn sie hörten die Stimmen der Männer, die an der letzten Wegkrümmung waren.
Einige Minuten später traten die Männer aus dem Busch heraus und kamen an den Rand des offenen Platzes. Die Pferde hatten sie offenbar an der letzten Wegbiegung zurückgelassen, denn gerade das letzte Stück des Weges war für Pferde sehr schwer zu nehmen. Aber sie hatten vielleicht noch einen andern Grund, warum sie die Pferde hinter sich ließen. Sie waren sieben Mann, die übrigen drei waren sicher bei den Pferden oder standen an günstigen Stellen auf Beobachtung. Alle waren sie bewaffnet. Jeder hatte einen Revolver, einige hatten außerdem auch noch Gewehre. Alle hatten sie ihre großen Hüte auf und bunte Tücher um den Nacken gebunden, aber sonst waren sie sehr abgerissen. Zwei besaßen nur Sandalen, zwei waren barfuß, einer hatte an dem einen Bein eine Ledergamasche, das andre Bein war ohne Gamasche; und während das Bein mit der Gamasche einen gelben Schnürstiefel am Fuße hatte, trug der Mann am andern Fuße einen schwarzen Gummistiefel. Keiner hatte ein völlig ganzes Hemd an; dafür aber besaßen einige Lederjacken, und drei hatten lange, bis zum Knöchel reichende, enganliegende braune Lederhosen. Alle aber trugen einen oder gar mehrere Patronengürtel. Einige trugen Decken über die Schultern geworfen. Wahrscheinlich waren die Decken der andern sowie die Taschen mit den Lebensmitteln bei den Pferden.
Als sie den Platz, der an der hinteren Seite von dem steilen Fels und an den übrigen Seiten von dichtem, undurchdringlich erscheinendem Buschwerk und dornigem Gesträuch, untermischt mit Bäumen, eingezäunt war, betreten hatten, sahen sie sich neugierig um. Sie erweckten den Eindruck, als hätten sie etwas andres erwartet, als was sie nun sahen. Daß hier ein Lagerplatz war, der noch vor kurzer Zeit als Camp gedient hatte, mußten sie ja erkennen. Da lag noch das Holz herum, die Feuerstellen sahen noch frisch und unverweht aus, leere Konservenbüchsen, Scherben zerbrochenen Tongeschirrs, Papier- und Zeitungsfetzen lagen verstreut, und dann war noch da die lichte Stelle, wo das Zelt gestanden hatte, ganz scharf abgegrenzt. Der Platz war ein unregelmäßiges Viereck von etwa sechzig Schritt Seitenlänge, der dadurch immer größer geworden war, weil von den Seiten täglich das Holz fortgenommen wurde, das für das Feuer gebraucht wurde. Auch an den frisch abgeschlagenen Bäumen ließ sich erkennen, daß der Platz noch ganz kürzlich bewohnt gewesen sein mußte.
Die Männer standen in einer Gruppe und begannen zu rauchen. Einige hockten sich nieder, und die übrigen redeten. Der Mann mit dem goldbronzierten Strohhut schien der Führer zu sein, denn alle sahen sie auf ihn, wenn er etwas sagte.
Sie kamen einige Schritte näher in den Platz. Dort standen sie wieder und besprachen sich. Es war deutlich zu sehen, daß sie nicht wußten, was sie tun oder was sie unternehmen sollten. Einzelne schienen zu der Überzeugung zu kommen, daß der Gringo, der Amerikaner, ausgezogen war, und daß man zu spät komme. Das schien endlich auch der Führer, den sie Ramirez nannten, anzunehmen.
Das Gespräch wurde lauter, weil die Leute anfingen, sich weiter zu zerstreuen und sich in größerer Entfernung voneinander zu unterhalten. So konnten die Männer in der Erdrinne beinahe alles verstehen, was dort geplant war, und sich danach richten. Vielleicht zogen die Banditen nach einer längeren Rast wieder ab, und sie bekamen hier endgültig Ruhe.
Obgleich einzelne der Banditen bei ihrem Herumstreifen bis an die seitlichen Grenzen des Platzes kamen, so war doch kaum zu befürchten, daß sie so leicht den Weg zur Mine finden würden; denn Dobbs und Curtin hatten ihn in der letzten Stunde noch besonders gut verkleidet, und solange das eingesteckte Dornengestrüpp nicht dürr und welk wurde, war der Weg zur Mine durchaus sicher.
Endlich, nach langem Hin- und Herreden, schienen die Banditen zu einem Entschluß gekommen zu sein. Sie sprachen so laut und sie gestikulierten dabei so heftig, daß die Belagerten nun schnell lernten, was die Banditen zu tun gedachten. Sie hatten beschlossen, hier für einige Zeit ihr Hauptquartier aufzuschlagen, bis die Sache mit dem Zugraub etwas verblaßt war und die Soldaten in weiter abliegenden Distrikten auf der Verfolgung waren. Der Platz schien ihnen außerordentlich günstig zu sein. Etwas tiefer unten fanden sie Wasser, Gras für die Pferde würde auch wohl in der Nähe sein, und die Lebensmittel konnte man irgendwo von den Feldern unten im Tale stehlen, wenn man Wild nicht mehr essen könne. Weiter unten auf dem Wege hatten sie eine offene Stelle gefunden, von wo aus man die Wege im Tal beobachten könne, und wenn man die Soldaten wirklich kommen sähe, so könne man rechtzeitig noch entwischen, wenn man in der Zwischenzeit einen andern Rückweg ausfindig mache; denn herunter von diesem Platz müßten sie, wenn Soldaten auf den Weg kämen, weil man hier in einer Falle sitze.
In der kurzen Zeit hatten sie wirklich gut die Gegend beobachtet. Sie brauchten nur einen andern Rückweg zu finden, und das würde ihnen schon glücken, wenn nicht gerade von hier oben, dann weiter unten auf dem Wege, vielleicht in der Nähe der Quelle.
„Gerade hatte ich gedacht,“ sagte Howard leise zu Curtin, „daß wir doch rechte Esel gewesen seien, daß wir nicht zur Mine gekrochen sind. Aber jetzt sehe ich, daß dies das Dümmste gewesen wäre, was wir hätten tun können. Denn wenn die sich hier einnisten, würden sie uns an der Mine doch sehr bald aufspüren. Es ist schon das beste, was wir getan haben.“
„Was wir aber nun machen sollen, wenn die hier ihr Hauptquartier aufschlagen, das weiß ich wirklich nicht“, flüsterte Dobbs. „Daran hat keiner von uns gedacht. Ich wenigstens habe angenommen, daß sie kommen und wieder gehen.“
„Warten wir einmal eine Weile,“ sagte nun Lacaud, „vielleicht ändern sie ihren Plan wieder und gehen.“
„Ich schlage vor,“ riet Howard, „wir verteilen uns auf die Länge der Rinne. Wenn sie hier herumstreifen sollten, brauchen sie uns nicht alle auf einem Klumpen zu finden und uns abzuschießen wie die Kaninchen. Die glauben ja, daß nur einer hier oben ist, und wenn wir sie dann von mehreren Seiten packen, bringen wir sie vielleicht so in Verwirrung, daß sie losziehen.“
Howard und Lacaud nahmen nun die beiden fernen Ecken der Rinne. Jeder der beiden hatte eine gute Jagdbüchse. Curtin und Dobbs verteilten sich so in der Mitte der Rinne, daß beide nicht gleichzeitig von einer Person gesehen werden konnten, die etwa in der Nähe der Rinne herumstreifen sollte.
Die Banditen hockten im Haufen auf dem Platze, nicht weit von dem schmalen Eingang. Sie rauchten, redeten und lachten; zwei lagen lang ausgestreckt und schliefen oder dösten. Einer war zu den Pferden gegangen, um den Posten dort zu erzählen, daß man hierbleiben würde, und daß sie dort weiter unten nach einem Futterplatz für die Pferde suchen sollten. Ein andrer war zu dem Beobachtungsposten geschickt worden, um mit ihm gemeinsam das Tal zu überblicken. Allen, die in der Rinne saßen, kam jetzt der Gedanke, daß es die beste Gelegenheit für sie wäre, die fünf Kerle, die noch auf dem Platze waren, gut aufs Korn zu setzen und abzuknallen. Wenn dann die übrigen fünf zur Hilfe kämen, könnte man sie aus der sicheren Deckung heraus erfolgreich empfangen, und man wäre dann die ganze Sippschaft los. Und jeder ärgerte sich, daß man einen solchen Plan nicht rechtzeitig beraten habe. Mord war es ja kaum zu nennen, dachten sie, denn das waren ja keine Menschen, das waren Bestien.
Dobbs dachte sich immer mehr in diesen Plan hinein, und dann konnte er ihn nicht mehr für sich behalten. Er kroch zu Howard, der ihm am nächsten war.
„Dasselbe habe ich gerade auch gedacht“, erwiderte der Alte. „Aber dann haben wir die toten Kerle alle hier herumliegen.“
„Die graben wir doch ein“, flüsterte Dobbs.
„Natürlich. Aber ich will hier keinen Kirchhof haben, wo wir vielleicht noch ein paar Wochen hausen müssen. Kirchhof ist ja notwendig, aber man muß ihn doch nicht gerade Tag und Nacht vor dem Fenster haben. Sonst wäre ich ganz damit einverstanden; einer, der mit dem blatternarbigen Gesicht, sieht so niederträchtig aus, daß man sich als ausgewachsener Mann vor ihm fürchten muß, wenn man mit ihm zusammen in der Kirche sitzt.“
„Dem wirst du in der Kirche nicht begegnen.“
„Aber gerade. Gerade dem und gerade dieser Mörderbande. Ich schwöre dir, gerade diese sind es, die der heiligen Jungfrau von Guadalupe oder dem San Antonio die meisten silbernen Beinchen und Ärmchen unter die Füße hängen. Die rutschen auf den Knien von der Kirchtür bis zum Altar und dreimal um die vier Wände herum. Geh mal hin und untersuche sie mal, die haben alle ihr Bildchen oder ihre Münze um den Hals hängen. Hier die Regierung in Mexiko, die weiß schon recht gut, warum sie mit der Kirche so handfest umspringt. Die Leute sind ja zehnmal abergläubischer als die schwärzesten Heiden in Zentralafrika. Die sind – aber Mensch, was will denn der da? Der kommt ja geradeswegs hier herüber. Rasch auf deinen Posten.“
Geschwind wie eine Katze kroch Dobbs davon.
Da kam in der Tat einer der Männer auf die Rinne zugeschlendert, gerade auf die Stelle zu, wo Curtin saß. Er sah nicht vor sich hin oder in Richtung der Rinne, er hielt vielmehr den Kopf hoch und betrachtete sich die Felsenwand in ihrer ganzen Länge. Es schien, daß er dort nach einem Rückwege suche. Vielleicht war ihm die Idee gekommen, daß der gesuchte Gringo dort irgendwo stecken könne, oder daß er dort seinen Weg ins Tal habe, weil man ihn ja nicht auf dem andern Wege getroffen habe.
Er sah aber, daß dort kein gangbarer Weg sei, es war alles wie vermauert. Er pfiff vor sich hin und drehte sich, um wieder zurückzugehen. Dabei sah er nach unten und bemerkte die Erdrinne. Sicher dachte er, das sei der Weg, den sie gebrauchen könnten. Er kam näher, beinahe bis zum Rand der Rinne, und da erblickte er Curtin.
Curtin hatte ihn den ganzen Weg lang beobachtet; er war deshalb nicht überrascht, als er ihn dicht über sich sah.
„Caramba!“ rief der Bandit, drehte sich zurück und rief laut hinüber zu seinen Genossen: „Kommt hierher. Hier sitzt das Vögelchen in seinem Nest und brütet seine Eier aus.“ Er lachte laut auf.
Die übrigen Männer waren sofort aufgesprungen und kamen überrascht näher. Als sie aber auf halbem Wege waren, schrie Curtin: „Halt, ihr Banditen, ich schieße.“
Die Banditen blieben sofort stehen. Sie wagten nicht, nach ihren Revolvern zu greifen. Sie wußten ja nicht recht, was los sei.
Der Mann, der Curtin entdeckt hatte, hielt sofort beide Hände hoch und ging, immer die Hände hoch haltend, zurück zu der Mitte des Platzes, wo die übrigen standen.
Eine Weile war alles ruhig, und dann begannen die Männer eilig und aufgeregt miteinander zu reden.
Endlich trat der Führer etwas in den Vordergrund und sagte: „Wir sind keine Banditen. Wir sind von der Polizei. Wir suchen die Banditen.“
Curtin steckte den Kopf ein wenig hoch. „Wo habt ihr denn die Schilder? Wenn ihr von der Polizei seid, so müssen Sie doch wenigstens ein Schild haben. Zeigen Sie es einmal offen her.“
„Ein Schild?“ erwiderte der Mann. „Ich habe kein Schild. Ich brauche auch keins. Brauche auch gar keins zu zeigen. Kommen Sie da mal heraus. Wir wollen mit Ihnen sprechen.“
„Sie können auch von dort aus mit mir sprechen. Ich verstehe ganz gut, was sie sagen.“
„Wir werden Sie in Arrest nehmen. Sie jagen hier und haben keine Lizenz zum Jagen. Wir werden Sie verhaften und Ihnen den Revolver abnehmen und Ihr Gewehr.“
Curtin lachte hinüber. „Wo ist Ihr Schild? Dürfen Sie denn Waffen tragen? Sie haben doch kein Schild, und Sie sind nicht von der Federalpolizei, auch nicht von der Staatspolizei. Sie können mich gar nicht in Haft nehmen.“
„Hören Sie, Senjor,“ sagte der Wortführer und kam einen Schritt näher, „wir werden Sie nicht in Arrest nehmen. Geben Sie uns nur Ihren Revolver. Das Jagdgewehr dürfen Sie behalten. Wir brauchen den Revolver und auch die Munition.“
Er kam noch einen Schritt näher, und die übrigen Männer folgten ihm. „Nicht einen Schritt näher,“ rief Curtin, „sonst wird gefeuert, damit Sie es wissen.“
„Seien Sie doch ein wenig mehr höflich, Senjor. Wir wollen Ihnen doch gar nichts tun, wir brauchen nur den Revolver.“
„Den benötige ich selbst.“
„Werfen Sie das Eisen hier herüber, dann belästigen wir Sie nicht mehr und gehen unsrer Wege“, rief einer der übrigen Männer.
„Nichts kriegen Sie, und nun machen Sie, daß Sie fortkommen.“
Curtin war ein wenig höher gestiegen, um den Platz besser übersehen zu können.
Die Männer berieten nun wieder, was zu tun sei. Sie sahen, daß der Gringo in der Erdrinne augenblicklich im Vorteil war; er lag gut gedeckt. Sobald sie zogen, ließ er sich fallen, und ehe sie den Durchgang zum Busch erreichen konnten, hatte er sechsmal gefeuert, und wenn er gut geschossen hatte, lagen sie alle flach. Sie gingen deshalb wieder zurück und setzten sich auf den Erdboden. Es war inzwischen zehn Uhr geworden, und sie dachten daran, sich ihre Tortillas und Tamales oder was sie sonst mit sich führten, zu wärmen. Sie zündeten ein kleines Feuer an und hockten sich herum, um ihre dünne Mahlzeit zu bereiten.
Sicher waren sie zu der Überzeugung gekommen, daß der Gringo ihnen ja auf alle Fälle in die Hände schlüpfen müsse. Er konnte dort nicht weg, und da sie hier auf dem Platze ihr Feldlager hielten, so handelte es sich gewiß nur um zwei Tage, und der Belagerte mußte aufgeben. Er würde ja auch einmal schlafen, und dann könne man ihn leicht überraschen.
Sie aßen, dann legten sie sich hin und hielten ihren Mittagsschlaf. Das dauerte zwei Stunden, dann wurden die Leute wieder lebendig und redeten aufeinander ein. Sie suchten sich zu beschäftigen. Und aus diesem Betätigungsdrange heraus kamen sie auf den Gedanken, Curtin zu überlisten, ihn gefangenzunehmen und sich dann mit ihm den Nachmittag angenehm zu vertreiben. Das Opfer findet gewöhnlich einen solchen Zeitvertreib weniger angenehm. Den Höhepunkt jenes lieblichen Gesellschaftsspiels mit Pfändern überlebt es oftmals nicht. Die Leute sehen ja alle in der Kirche so viele Bilder und Gemälde mit den blutigsten Greueln, sehen die aufgestellten Figuren der Heiligen und Märtyrer mit zerfetzten Körpern, Leiber, die mit Speeren und Pfeilen vollgespickt sind, offene Mäuler, aus denen der abgeschnittene Stumpf der Zunge herausgrinst, herausgerissene Menschenherzen, an denen das Blut heruntertropft und aus denen rote Flammen schlagen, zernagelte und blutüberströmte Hände und Füße, aufgebrochene Knie und zermalmte Kniescheiben, Rücken, die mit Angelhaken gepeitscht werden, und Häupter, auf die Dornenkränze mit einem dicken Holzhammer getrieben werden. Und vor diesen Bildern und hölzernen Figuren, die so realistisch sind, daß man von unsagbarem Grauen geschüttelt wird, wenn man sie sieht, und im Schlafe aufgerissen wird, wenn sie einem im Traum erscheinen, liegen die Gläubigen und Frommen stundenlang auf den Knien mit weit ausgestreckten Armen und ausgebreiteten Händen und wimmern und stöhnen und beten und murmeln und singen mit leiser Stimme hundert, zweihundert, fünfhundert Ave Marias. Und diese Männer, wenn sie ihren Zeitvertreib mit ihren Opfern suchen, brauchen keine Erfindungsgabe zu besitzen, sie brauchen nur nachzuahmen, was sie von Kindheit an in der Kirche gesehen haben. Und sie ahmen es nach, geschickt und treu nach den Mustern, denn ihre ganze geistige Vorstellung, die sie haben, wurzelt in der Religion, aber in einer Religion, die auf sie nur durch das Äußerliche, durch die realistische Darstellung, durch die mysteriösen Zeremonien wirkt. Und hier ist es, unter diesen Menschen, wo in der Karwoche die ganze grausame Folterungsgeschichte in allen ihren minutiösen Einzelheiten an lebensgroßen Figuren in erschütternder Naturwahrheit den gläubigen Mengen vorgeführt wird. Das ist kein Passionsspiel; die Vorführungen werden buchstäblich und unmittelbar von diesen Menschen aufgenommen, von diesen bedauernswerten Menschen, die durch unheilvolle Mächte seit Jahrhunderten und bis auf den heutigen Tag in Aberglauben und Unwissenheit gehalten werden, im nackten egoistischen Interesse jener Mächte. Und eine Regierung, die in wahrhaft modernem Geiste zum Segen dieser gequälten, unglücklichen Menschen zu arbeiten trachtet und den Kampf gegen jene Mächte zu führen gezwungen ist, muß Kavallerieregimenter ausschicken, um diejenigen, die nichts weiter tun, als das nachzuahmen, was sie sehen, einzufangen und als Verbrecher zu behandeln. Kann ein derartiger Zugüberfall mit so unerhörten Grausamkeiten ausgeführt werden von normalen Menschen? Die heidnischen Indianer in der Sierra Madre, in Oaxaca, in Chiapas und in Yucatea sind solcher Bestialitäten nicht fähig. Die Mestizen und Mexikaner aber, die vor der Begehung des Verbrechens zur Mutter Gottes beten und vor San Antonio eine Stunde lang knien und darum flehen, daß er ihnen helfen möge, damit die Tat auch gelinge, die nach dem Verbrechen wieder auf den Knien liegen und die Mutter Gottes anflehen und ihr zehn Stearinkerzen versprechen, damit sie nicht von den Truppen erwischt werden mögen, die kennen kein Verbrechen und keine Grausamkeit, die auszuüben sie sich nicht für fähig hielten. Ihr Gewissen ist stets unbelastet, sie legen die Bürde ihrer Schuld auf die Rücken der Figuren, die nach ihrer Meinung für diesen Zweck geschaffen sind.
Und an eine angenehme Nachmittagsunterhaltung, die ganz unschuldig damit beginnt, daß man dem Opfer glühende Holzstückchen in den Mund schiebt, schienen die Männer jetzt zu denken. Und davon sprachen sie auch ganz offen und so klar und nüchtern, daß Curtin verstehen konnte, was ihn erwartete.
Einer der Männer zog seinen Revolver und schob ihn so unter seine offene Lederjacke, daß man es nicht bemerken konnte, daß die Waffe schußbereit war. Curtin konnte die Bewegung nicht sehen, weil sie ihm gegenüber verdeckt war; aber Lacaud hatte sie beobachtet.
Die Männer standen einer nach dem andern auf, reckten sich und kamen wieder zur Mitte des Platzes.
„Hören Sie, Senjor,“ rief der Mann mit dem goldbronzierten Strohhut, „wir wollen miteinander verhandeln. Wir wollen jetzt gehen, weil wir nichts mehr hier zu essen haben, und wir wollen auch noch nach dem Markt morgen früh. Da müssen wir uns jetzt aufmachen. Geben Sie uns den Revolver. Ich habe hier eine goldene Uhr mit guter Kette. Die gebe ich Ihnen für den Revolver. Die Uhr ist hundertfünfzig Pesos wert. Das ist ein gutes Geschäft für Sie.“
Er zog die Uhr aus der Hosentasche und schwenkte sie an der Kette in der Luft herum.
Curtin war wieder hochgekommen. Er rief hinüber: „Behalten Sie Ihre Uhr, ich behalte meinen Revolver. Ob Sie zu Markte gehen oder nicht, ist mir gleich. Aber den Revolver kriegen Sie nicht, und damit ist jetzt Schluß.“
Er stützte die Arme auf und wollte wieder hinunterspringen. Und jetzt hatte der Mann, der den Revolver unter der Jacke bereitgehalten hatte, die Waffe gerichtet. Er stand hinter einem andern gedeckt, und selbst wenn Curtin den Mann sah, so konnte er doch nicht sehen, daß die Waffe in Anschlag lag.
Ehe jedoch der Bandit abdrücken konnte, krachte ein Schuß, und der Revolver fiel dem Manne aus der Hand, während er den Arm hoch in die Luft warf und schrie: „Ich habe eins gekriegt.“
Als der Schuß gefallen war, wandten sich die Männer alle überrascht der Rinne zu. Sie sahen ein schwaches Wölkchen hochsteigen. Aber das Wölkchen kam aus der linken Ecke und nicht von da, wo Curtin gesessen hatte. Sehen konnten sie aber weder den Schützen noch die Waffe.
Sie waren so erstaunt, daß sie kein Wort herausbrachten. Vorsichtig rückwärtsgehend kamen sie an den Rand des Gehölzes. Dort setzten sie sich auf den Erdboden und begannen wieder zu reden. Was sie redeten, konnten die Belagerten in der Rinne nicht verstehen, aber sie sahen doch so viel, daß die Banditen sich in höchster Verwirrung befanden. Das war doch nicht etwa Polizei, die hier versteckt war?
Nun kamen auch noch drei andre, die im Busch auf Posten waren, heraufgeeilt, weil sie den Schuß gehört hatten und glaubten, sie hätten hier einzugreifen. Aber der Führer schickte sie wieder fort, weil er es offenbar in diesem Augenblick für wichtig hielt, daß die Pferde bereit seien.
Nachdem sie eine Zeit gesprochen hatten, lachten sie mit einem Male laut auf. Sie erhoben sich, und unausgesetzt lachend kamen sie wieder mehr zur Mitte des Platzes.
„Sie, Senjor, mit uns können Sie solche Tricks nicht spielen“, rief der Führer. „Wir haben es gesehen. Sie haben da in der Ecke das Gewehr angebunden und mit einer Leine abgezogen. Aber wir fallen auf solche Späße nicht rein.“
Die Männer lachten belustigt auf. Und mit einem Ruck hatten sie jetzt alle die Revolver in der Hand.
„Kommen Sie hervor, Bürschchen, sonst holen wir Sie“, rief der Führer. „Wird es bald. Eins, zwei, drei. Na, raus nun.“
Curtin schrie: „Ich denke gar nicht daran. Wenn Sie einen Schritt machen, wird geschossen.“
„Wollen wir schon sehen, Hombre.“
Plötzlich ließen sich die Männer alle auf den Erdboden fallen und begannen, den Revolver in der Faust, von verschiedenen Seiten auf die Stelle zuzukriechen, wo Curtin saß. Sie kamen aber nicht weit. Vier Schüsse krachten aus vier verschiedenen Stellen der Rinne, und zwei der Männer schrien, daß sie getroffen seien. Sicher hatten sie nur Streifschüsse, denn sie alle wendeten sich und krochen zurück zum Gebüsch.
Hier berieten sie nun, was zu tun sei. Es war ihnen klargeworden, daß die Rinne von mehr als einem, vielleicht gar von vier oder fünf Mann besetzt sei. Und diese Leute konnten keine andern sein, als Leute von der Polizei. War das wirklich Polizei, dann waren sie geliefert, denn die Polizei würde nicht hier oben nur sein, die würde inzwischen auch den Weg besetzt halten und ihnen den Rückzug absperren. Es blieb also nur eins übrig. Der Kampf mußte nun aufgenommen werden. Aber es erweckte den Anschein, als ob sie nicht beginnen wollten, und als ob sie abwarten möchten, was die Leute in der Rinne tun würden. Sie erwarteten von dort den Angriff. Als aber kein Angriff erfolgte und sie keinen Laut von der Rinne her hörten, wurden sie wieder unbestimmt und glaubten aufs neue, daß der Gringo da nur Tricks spiele. Denn wären es Soldaten, die würden nicht warten, die würden angreifen und sie in die Arme der Soldaten treiben, die auf dem Wege stehen.
Aber die Posten hatten nichts gemeldet, und als einer von ihnen heraufkam, schüttelte er mit dem Kopfe und ließ erkennen, daß da unten keine Soldaten seien, daß die Straße frei wäre.
Es schien dann einer den Vorschlag zu machen, daß man die Leute hier in der Rinne, ob sie nun Soldaten oder Jäger seien, regelrecht belagern solle, denn nun lohne es sich erst recht. Seien da mehrere Leute, dann hätten sie auch mehrere Waffen, Lebensmittel und auch sonst noch Dinge, die man gebrauchen könne, in der Mehrzahl können sie nicht sein, weil sie sonst ihren Vorteil zur rechten Zeit wahrgenommen und einen direkten Angriff gemacht haben würden in dem Augenblick, als die Schüsse die Leute in Verwirrung gesetzt hatten.
Die vier Mann in der Rinne fanden jetzt ein wenig Zeit, um sich zu besprechen, denn sie sahen, daß die Banditen vorläufig nichts unternehmen würden. Sie krochen alle zu jener Ecke, wo Howard saß, und berieten, was man tun könne. Sie aßen etwas, tranken einen Becher Wasser und leisteten sich dieselbe Freude, die die Banditen nun schon viele Stunden lang gehabt hatten, und rauchten.
„Wenn man nur wüßte, was sie jetzt vorhaben!“ sagte Curtin.
„Ob wir das wissen oder nicht, kommt auf dasselbe heraus“, sagte Howard. „Wir können immer nur handeln, wenn die beginnen.“
„Wir können doch raus und drauflosgehen“, riet Dobbs.
„Dann hätten sie uns.“ Howard schüttelte den Kopf und stopfte seine Pfeife. „Jetzt wissen sie nicht, wieviel wir sind. Aber dann können sie sich verteilen. Den Platz können wir halten, aber auf den Weg kommen wir nicht, da liegen sie im Hinterhalt. Und den Platz können wir besser halten, wenn wir ruhig in der Rinne bleiben. Wir wissen ja auch nicht einmal, ob nicht noch ein andrer Trupp unterwegs ist.“
„Ich denke auch, es ist besser, wenn wir ruhig in der Rinne bleiben“, sagte Lacaud. „Für immer werden sie dort nicht sitzenbleiben.“
„Wie reichen wir denn mit dem Wasser und mit dem Speck und den Crackers?“ fragte Curtin.
„Sparsam müssen wir damit sein, dann geht es für drei Tage.“
Nun begannen die Esel zu schreien. Die Männer horchten auf, kümmerten sich aber weiter nicht darum. Vielleicht gab ihnen das auch die Sicherheit, daß doch keine Soldaten hier seien, denn die würden nicht auf Eseln kommen. Zu den Eseln, wenn sie überhaupt daran dachten, sie mitzunehmen, konnten sie nicht gelangen, ehe sie nicht den Platz beherrschten.
Howard sagte nun: „Wir müssen uns auf die Nacht einrichten. Da können sie einen Schleichanfall machen.“
„Nicht in dieser Nacht und nicht in der nächsten“, sagte Lacaud. „Es ist Vollmond, und der Platz ist beleuchtet, als ob es am Tage wäre, ich weiß es von der vergangenen Nacht.“
„Das ist wahr“, bestätigte Howard. „Da haben wir Glück. Für die Nacht gehen wir besser zwei und zwei Mann zusammen und halten beide Ecken. Einer kann dann immer schlafen, und der andre hält die Sicht. Freilich, das brauche ich ja nicht zu sagen, wenn beide schlafen, wachen wir alle nicht mehr auf.“
Von den Banditen ließ sich keiner mehr auf dem Platze sehen. Sie blieben im Busch, wo man sie reden hörte und zwischen dem Gestrüpp zuweilen hin und her laufen sah.
„Das wäre jetzt gut Zeit, daß zwei einen Vorschlaf halten“, sagte Howard eine halbe Stunde später. „Die kommen uns während des Tages nicht mehr, da können wir ganz sicher sein. Ich glaube aber bestimmt, die kommen kurz vor Morgengrauen. Darauf wette ich mit euch.“
Sie teilten sich nun den Schlaf ein, und die Nacht ging ganz ruhig vorüber, bis auf eine behutsame Annäherung, die bei Anbruch der Dunkelheit erfolgte. Als aber ein Schuß krachte, während erst zwei aus dem Busch heraus waren, gaben sie es auf. Ein wenig später war auch der Mond so hell, daß man eine Katze hätte über den Platz huschen sehen.
Aber um drei Uhr morgens stieß Lacaud Curtin an, und Howard gab Dobbs einen Puff.
„Bist du wach?“ fragte Howard.
„Ja, vollständig.“
„Drüben rührt sich’s. Die kommen. Von vier Seiten krabbeln sie raus.“
„Das scheinen alle zehn Mann zu sein“, sagte Dobbs, nachdem er eine Weile hinübergesehen hatte.
„Ja, die gehen jetzt aufs Ganze. Hoffentlich sind die beiden drüben in der Ecke auch auf dem Posten. Ich will dir etwas sagen, Dobbs, sobald sie in der Mitte sind, feuern wir. Nimm sie gut aufs Korn, damit sie gleich einen guten Empfang haben. Wenn die in der Ecke, Curtin ist ja eine verschlafene Ratte, dösen sollten, dann werden sie durch unser Schießen munter werden. Sie haben dann noch immer Zeit.“
Aber ehe die Angreifer die Mitte des Platzes erreicht hatten, krachten schon aus der Ecke, wo Curtin und Lacaud saßen, zwei Schüsse. Denn auch sie hatten gedacht, es sei vielleicht notwendig, Dobbs und den Alten aufzuwecken, ehe die Banditen zu nahe waren.
Die Angreifer ließen sich aber nicht abschrecken. Sie krochen weiter. Es schien keiner von ihnen getroffen zu sein, jedenfalls nicht erheblich. Weder ein Fluch noch ein Schrei war zu hören gewesen.
Nun schossen auch Dobbs und der Alte, und einer der Banditen fluchte, hatte also offenbar einen zu sitzen.
Wahrscheinlich glaubten die Männer, jetzt sei alles verschossen, und es sei nur ein Trick mit angebundenen Gewehren gewesen, oder wer weiß, was sie sonst glauben mochten, jedenfalls wollten sie nun der Sache ein rasches Ende bereiten. Eine kleine Strecke krochen sie noch, dann sprangen sie auf und liefen halbgebückt auf die Rinne zu, breit über ihre ganze Länge verteilt.
Dadurch boten sie natürlich ein viel besseres Ziel. Drei wurden sofort getroffen. Zwei von ihnen hielten sich den Arm, der verwundet war, und der dritte schleppte sich schwer hinkend zurück zum Busch, weil er einen Treffer ins Bein erhalten hatte. Von der Rinne wurde unausgesetzt weitergeschossen, während die Angreifer von ihren Waffen keinen Gebrauch machen konnten, denn sie sahen niemand, auf den sie hätten halten können. Sie wußten ja auch nicht, wie es in der Rinne aussehe, wo sie vielleicht in Fallen gehen konnten.
Sie ließen sich wieder auf den Boden fallen, riefen sich etwas zu und begannen, zum Busch zurückzukriechen.
Dann kam der Morgen rasch herauf, und während des Tages war an einen Angriff, wie sie nun endgültig wußten, viel weniger zu denken als in der Nacht.
Als die vier sich wieder in der Ecke trafen, um zu frühstücken, sagte Howard: „In der nächsten Nacht kommen sie wieder. Da werden sie wohl mit einem andern Plan kommen. Aufgeben tun sie nicht, jetzt nicht mehr. Sie haben inzwischen gelernt, ein wie guter Verteidigungsposten diese Rinne ist. Ein besseres Hauptquartier können sie gar nicht finden. Dann noch unsre Schießeisen, und was wir sonst haben. Wir müssen gut nachdenken, was wir tun können.“
Aber vier gegen zehn, die einen Rückweg haben, vier, deren Trinkwasser in Bechern abgezählt werden muß, gegen zehn, die sich über den offnen Rückweg mit Wasser und Lebensmitteln und sogar mit Hilfskräften versehen können, da gibt es nicht viel Pläne zu machen. Und weil auch immer der Angreifer bestimmt, wann geschlafen werden darf, und wann gewacht werden muß, so hat er noch einen weiteren Vorteil.
Curtin, der, während die übrigen frühstückten, auf Wache stand, rief plötzlich aus: „Mal her. Was machen die da? Das wird nun ernst.“
Die drei kamen sofort zu den Schußlöchern und erkannten alle gleichzeitig, daß es nunmehr um Kopf und Kragen gehe.
Die Banditen waren sehr tätig. Sie hieben Äste und Stämmchen ab und begannen Schiebeschanzen zu bauen nach der Art der Indianer. Dahinter verborgen konnten sie in aller Ruhe bis an die Rinne rutschen und die Belagerten bequem ausheben. Ein paar Schüsse würden ja in der Rinne gewechselt werden, aber das Endresultat war entschieden.
Gegenüber diesem Plan wußte auch Howard keinen Rat mehr. Es konnte sich nur noch darum zu handeln, im letzten Nahkampfe sich so kostspielig wie möglich zu machen. Wer lebend in deren Hände fiel, der hatte gewiß keine Freudentränen zu vergießen.
„Mich wundert es ja eigentlich nur, warum sie nicht schon vorher darauf gekommen sind“, sagte Curtin. „Es ist doch ein alter Indianertrick.“
„Es macht zuviel Arbeit“, erwiderte Howard.
Sie berieten hin und her, kamen aber auf keinen Gedanken, der sie aus der verteufelten Lage, in der sie sich jetzt befanden, hätte befreien können. Es war vielleicht doch möglich, sich durch das Dickicht einen Weg zu hauen. Aber das hätten die Männer drüben sofort gesehen. Sie dachten auch an die Mine. Jedoch das war nur ein unbedeutender Zeitgewinn. Schließlich kamen sie doch wieder darauf, daß es mit einem Angriff versucht werden sollte, trotzdem es hoffnungslos war, denn dann standen sie auf dem freien Platze, während die andern im Dickicht saßen und den Weg hielten. Und endlich kamen sie auch davon wieder ab, weil zuletzt selbst Dobbs, der diesen Plan am eifrigsten verfochten hatte, einsah, daß es eine bodenlose Dummheit sei.
Hätte sich nur die Felswand erklettern lassen! Aber die war zu steil, und wenn sie es auch versuchten, in der Hoffnung, vielleicht weiter oben, über der vorspringenden Ecke, einen Halt zu finden, es war dennoch aussichtslos. In der Nacht ging es nicht, und am Tage konnten sie ohne Mühe abgeschossen werden, ohne sich auch nur wehren zu können.
Sie konnten nichts weiter tun, als denen da drüben ruhig zuzusehen, wie sie arbeiteten. Um vier Uhr nachmittags konnte alles fertig sein, und dann würde wohl der Angriff zu erwarten sein, wenn sie nicht den Einbruch der Dunkelheit als den besseren Zeitpunkt ansahen.
Es war gegen elf Uhr. Die Männer saßen am Eingang zu dem Platz und hielten ihr Mittagsmahl. Sie waren guter Dinge und lachten. Die vier in der Rinne waren offensichtlich der Hauptgegenstand ihrer Scherze, denn immer, wenn sie einen guten Witz gemacht zu haben glaubten, den sie belachten, dann sahen sie hinüber zu der Rinne.
Da hörte man ganz plötzlich einen Ruf: „Ramirez, Ramirez, pronto muy pronto, nun aber rasch.“
Einer der Posten kam den Weg heraufgelaufen und stürzte auf den Führer los. Die Männer sprangen alle auf und gingen in den Weg hinein. Man hörte sie reden und reden, aber das Reden entfernte sich immer weiter.
Dann wurde es still, und die Belagerten wußten nicht, was sie daraus machen sollten.
„Das ist ein Trick“, sagte Dobbs. „Sie tun jetzt so, als ob sie fortgegangen seien, damit wir herauskommen sollen auf den Weg. Dort liegen sie im Hinterhalt und warten auf uns.“
„Unwahrscheinlich ganz unwahrscheinlich“, meinte Howard. „Hast du nicht gesehen, daß da einer der Posten aufgeregt angelaufen kam?“
„Das gehört mit zu dem Trick, damit wir glauben sollen, sie seien eilig auf und davon gegangen.“
Howard aber schüttelte den Kopf. „Die brauchen keinen Trick auszuspielen, seit sie auf die Indianeridee gekommen sind.“
Dobbs ließ sich aber nicht überzeugen. „Die Indianeridee ist schon ganz gut. Sie kann aber immerhin einigen Leuten das Leben oder einige Verwundungen kosten. Vielleicht sind sie auch knapp an Munition. Wenn sie uns fangen können, ohne daß sie Munition zu verschießen brauchen, und ohne daß wir unsre Munition verschießen, die sie ja schon als ihr Eigentum betrachten, wären sie doch dumm, wenn sie es nicht wenigstens versuchen sollten. Glückt es nicht, dann kommen die Schiebeschanzen noch immer zurecht.“
„Du scheinst recht zu haben“, gab jetzt Howard zu. „Es ist unsre Munition, die sie sparen wollen; denn wenn sie auf uns losrücken, verschießen wir natürlich alles, was wir haben.“
Curtin hatte sich nicht in das Gespräch gemischt. Er war in der Rinne vorsichtig weitergekrochen und dann auf den Felsvorsprung geklettert. Da die Banditen nicht zu sehen waren und sich ihre Stimmen weit genug entfernt hatten, konnte er es einmal wagen, Ausschau zu halten.
Er saß auf dem Felsvorsprung und sah hinunter in das Tal. Eine gute Weile lang. Dann plötzlich rief er aus: „Hallo, raus mit euch. Da unten kommt eine Schwadron Kavallerie. Die sind hinter unsern Freunden her.“
Die drei kamen nun auch hervorgekrochen, und alle stiegen sie auf den Aussichtspunkt. Von dort aus betrachteten sie ein recht bunt bewegtes Bild. Die Soldaten hatten sich in sechs Gruppen verteilt und schwärmten in der Ebene umher. Sie hatten zweifellos erfahren, daß die Banditen hier irgendwo sein müßten. An diese Felsenwildnis dachten sie vorläufig noch nicht, weil sie ja wußten, daß die Banditen Pferde hatten, und sie wahrscheinlich nicht glaubten, daß man mit Pferden heraufkommen könne.
Lacaud war aber andrer Ansicht. Er sagte: „Es sieht so aus, als ob die schon wissen, wo die Räuber stecken. Aber die sind nicht so ungeschickt, sich hier in einen Hinterhalt zu begeben. Auf dem steilen Wege, der von dichtem Gebüsch und von Felsenwänden eingeschlossen ist, können sie nichts ausrichten oder nur unter großen Verlusten. Entweder die belagern den Berg, oder sie spielen einen Plan aus. Und ich glaube, das tun sie.“
Die Soldaten zogen weiter, fünf oder sechs Kilometer weiter hinaus in das Tal. Die Banditen hatten bisher sicher gedacht, daß ihr Versteck den Soldaten bekannt sei. Nun aber, als sie die Soldaten weiterreiten sahen, begannen sie sich hier geborgen zu fühlen. Ein Stück des Weges konnte von dem Felsen aus übersehen werden, und Curtin bemerkte, daß die Banditen wieder zurückgeritten kamen, um ihr Hauptquartier hier wieder aufzuschlagen. Aber die Offiziere der Federaltruppen waren ihnen an Schlauheit weit überlegen.
Als die Truppen weit genug entfernt waren, begannen sie, deutlich weithin sichtbar, nach Spuren zu suchen. Mit großen Bewegungen und mit auffälligem Hin- und Herreiten ließen sie erkennen, daß sie nun endlich herausgefunden hatten, daß die Banditen in der Felsenwildnis sein müßten. Ohne große Eile sammelten sie sich und zogen nun auf die Felsen los, um den Weg zur Höhe zu suchen. Das war ihr Trick. Sie wußten, daß die Banditen es mit allen Mitteln vermeiden würden, sich in der Felsenwildnis einschließen zu lassen, wenn sie eine Gelegenheit haben konnten, andres Gelände zu gewinnen. Aus den Felsen konnten sie nicht mehr heraus, wenn sie einmal eingeschlossen waren, und die Soldaten konnten in Ruhe die Zugangswege besetzt halten, ohne anzugreifen und ohne sich in den inneren Wegen den Kugeln der im Gebüsch und in Bergspalten lauernden Banditen auszusetzen.
Die Posten der Banditen hatten die Bewegungen der Soldaten gut beobachtet. Als sie nun erkannten, daß ihr Versteck entdeckt war, beschlossen sie, rasch den Vorsprung zu benutzen, und durch den Busch vortrefflich gedeckt, die andre Seite des Geländes zu gewinnen. Dort konnten sie entweichen, ohne gesehen zu werden oder erst so spät bemerkt zu werden, daß sie mit ihren ausgeruhten Pferden leicht den Vorsprung, den sie hatten, so zu erweitern vermochten, daß die Soldaten ihre Spur vielleicht wieder verloren.
Aber eine kleine Abteilung der Soldaten lag im Busch auf der Seite des Geländes, das die Banditen zu erreichen trachteten, versteckt. Diese Abteilung war in der vergangenen Nacht in diese Stellung gegangen, ohne daß die Banditen, die ja hier oben mit ihrem nächtlichen Angriff beschäftigt waren, etwas davon hätten erfahren können. Die Soldaten hatten das Schießen in der Nacht, das die Felsenwände weit in das Tal hinaushallten, wohl gehört, und es hatte sie davon überzeugt, daß sie auf richtigem Wege waren. Die Ursache des Schießens kannten sie zwar nicht, aber sie hatten geglaubt, daß die Banditen entweder betrunken seien oder unter sich einen Streit auszufechten hätten.
Die vier saßen hier oben auf dem Felsvorsprung und warteten auf das Gefecht, das sich nach ihrer Rechnung in einer Stunde abspielen würde. War das vorüber, dann konnten sie endlich wieder in Ruhe an ihre unterbrochene Arbeit gehen.
Die Schüsse begannen zu krachen, und die Abteilungen, die weit abgeschwenkt hatten, um die Banditen herauszulocken, kamen nun in vollem Galopp herangestürmt. Der Rückweg hinauf zu den Felsen schien den Banditen abgeschnitten zu sein, und sie jagten los, mit wildem Geschrei, Schwenken der Arme und brutalem Einschlagen der fingerlangen Sporen ihre Pferde zur höchsten Leistung aufraffend. Und die Pferde rasten auch in unbeschreiblicher Eile das Tal hinunter.
Hinterher folgten die Soldaten, die im Busch gelegen hatten. Sie hatten erst aufsitzen müssen, als die Banditen vorbeikamen, denn die Banditen waren nicht so nahe vorübergekommen, wie die Soldaten erwartet hatten; sie hatten infolgedessen nicht genügend gute Ziele abgegeben. So hatten die Banditen auch hier einen Vorsprung gewonnen. Sie ritten nicht nur, sie schossen auch während des Reitens auf ihre Verfolger.
„Das ist gut, wenn sie einen tüchtigen Vorsprung gewinnen“, sagte Howard.
„Warum?“ fragte Dobbs erstaunt.
„Dann kommen die Soldaten hier aus der Gegend weg. Die könnten ja denken, daß hier oben noch mehr Banditen versteckt seien, und kommen uns besuchen. Wir können sie nun durchaus nicht gebrauchen, wenn sie uns auch hier oben aus einer verteufelten Lage befreit haben. Ich möchte ihnen aber doch lieber auf unsrer Rückreise unsern Dank abstatten.“
Die reitenden Gruppen entfernten sich immer weiter, das Schießen klang immer leiser herauf, und bald konnten die Beobachter auf dem Felsen nicht mehr sehen, was unten vor sich ging, denn die Reiter wurden von dem flimmernden Horizont verschluckt.