„Ja, mit dem Fortkommen“ –, Howard nahm den Gedanken da wieder auf, wo er ihn bei dem kurzen Gespräch am Nachmittag verlassen hatte. Statt Fortkommen sagte er „Kippen“, aber man muß die Reden schon in eine Form bringen, daß auch diejenigen sie verstehen, die nicht zur Bruderschaft gehören.
„Ja, mit dem Fortkommen, das ist so eine verteufelte Sache. Fortkommen und weiterkommen werden wir schon. Warum nicht. Aber wenn man auch alles schön in Sicherheit zu glauben hat, so hat man es noch lange nicht auf sein Bankguthaben eingeschrieben. Habt ihr jemals die Geschichte der Donja Catalina Maria de Rodriguez gehört? Sicher nicht. Bei ihr handelte es sich auch nicht um das Gold und das Silber, sondern um das Fortkommen und um das Abliefern an die sichere Stelle.“
„In Guadalupe ist das Gnadenbild unsrer lieben Frau von Guadalupe, der Schutzpatronin von Mexiko. Kannst von Mexico City mit der Straßenbahn hinfahren. Zu diesem Gnadenbilde pilgern alle Mexikaner und Indianer, die etwas auf dem Herzen haben, in der sicheren Hoffnung, daß das Gnadenbild ihr Verlangen erfüllen werde, sei es nun, daß sie ihrem Nachbar einen Acker abnehmen wollen, sei es, daß dem Mädel der Liebhaber fortgelaufen ist, oder sei es, daß die Frau in Ängsten ist, es könne herauskommen, daß sie ihren Mann mit einem Kräutchen unter die Erde und sich dadurch zu einem andern Manne geholfen hat.“
„So was ist doch alles Schwindel und Aberglaube“, warf Dobbs ein.
„Durchaus nicht“, erwiderte der Alte. „Du mußt nur daran glauben, dann ist es kein Schwindel. Wer an einen Gott glaubt, für den gibt es einen, und wer nicht an einen obersten Lenker und Verwalter der Gestirne glaubt, für den gibt es keinen. Aber darum wollen wir uns nicht lange streiten. Ich sage ja nicht einmal, was ich selbst davon halte. Ich berichte eben nur die ungeschminkte und nüchterne Tatsache.
Das sind nun mehr als hundertfünfzig Jahre her, so ungefähr in der Zeit der amerikanischen Revolution. Da lebte in der Nähe von Huacal ein wohlsituierter Indianer, der zu den Häuptlingen der Chiricahuas gehörte. Er hatte eine schöne Farm und beteiligte sich nicht an den Mord- und Raubzügen der benachbarten Sippen. Die Sippe seines Stammes war hier seßhaft geworden und fand in der Landwirtschaft mehr Freuden und Wohlstand als in den Streifzügen und in den ewigen Kämpfen mit den Spaniern. Der Häuptling hatte nur ein Leid auf der Welt: sein einziger Sohn, Erbe und Erhalter seines Adelsranges, war blind. In früheren Zeiten wäre der Sohn ja getötet worden; seitdem der Stamm aber seßhaft geworden war und die Sippen sich zum Christentum bekannt hatten, war man weitherziger geworden. In diesem Falle sprach auch noch die Tatsache mit, daß der Junge sonst wohlgebaut und kräftig war, und daß er ein selten schöner Knabe genannt werden durfte.
Ein Mönch, der herumzog und die Freigebigkeit des Häuptlings bis zur letzten Nagelprobe auszunützen verstand, riet dem Vater, er möge mit seiner Frau und dem Jungen eine Pilgerreise zur gnadenreichen Gottesmutter von Guadalupe unternehmen und mit der Opferung ja nicht sparen, denn dafür sei die Gottesmutter sehr empfänglich, und sie wisse den Wert der Gabe wohl zu schätzen.
Der Häuptling ließ sein Gut unter der Aufsicht seines Onkels zurück und machte sich auf die Pilgerfahrt. Er durfte weder Pferd noch Esel, noch Wagen gebrauchen und mußte diese gewaltige Strecke von beinahe zweitausend Kilometer mit Frau und Kind zu Fuß machen, mußte in jeder Kirche, an der er vorüberkam, dreihundert Ave Marias beten und eine Anzahl Kerzen und silberne Augen opfern.
Endlich erreichte er Mexiko, und nachdem er viele Stunden in der Kathedrale gebetet und gefleht hatte, begann der letzte Teil seiner harten Aufgabe. Von der Kathedrale bis zum Gnadenbilde in Guadalupe sind fünf Kilometer. Diese fünf Kilometer hatten er, seine Frau und der kleine Junge auf den Knien zu rutschen, und jeder hatte dabei eine brennende Kerze in den Händen zu tragen, die trotz Wind und Regen nicht ausgehen durfte. Wenn eine Kerze zu Ende ging, dann mußte rechtzeitig eine neue, die geweiht war und darum mehr Geld kostete als andre, gewöhnliche Kerzen, an der ausbrennenden angezündet werden. Die ganze Nacht hindurch ging die mühselige Reise. Der Junge schlief ein, und noch im Schlaf wimmerte er um ein Stückchen Maiskuchen und um Wasser. Aber sie durften weder essen noch trinken. Sie warteten, bis der Junge sich wieder ein wenig erholt hatte, und dann ging die Prozession weiter. Alle Leute, Spanier und Indianer, die ihnen begegneten, wichen ihnen scheu aus und bekreuzigten sich; denn was für eine unerhörte, nichtswürdige Sünde mußte diese Familie begangen haben, daß sie eine so furchtbare Pilgerfahrt abzubüßen hatte.
Völlig erschöpft kamen sie an den Fuß des Cerrito de Tepeyacac, des Hügels, auf dem die Gottesmutter im Jahre 1531 dem Quauhtlatohua-Indianer Juan Diego persönlich dreimal erschienen war und ihr Bild in seinem Ayate, seinem Überwurf zurückgelassen hatte. Hier lagen sie drei Tage und drei Nächte auf den Knien, betend und flehend. Der Häuptling hatte sein Vieh und seine ganze Ernte der Kirche versprochen, wenn ihm die Gottesmutter in seiner Not hülfe. Doch kein Wunder ereignete sich. Da versprach er endlich, dem Rate des Mönches folgend, seine ganze Farm und alles, was er habe, zu opfern, wenn die Gottesmutter seinem Kinde das Augenlicht gäbe.
Aber das erwartete und ihm so sicher versprochene Wunder vollzog sich auch jetzt nicht. Der Knabe wurde so erschöpft von dem langen Fasten und der anstrengenden Reise, daß sich seine Mutter endlich ganz seiner Pflege widmen mußte, um ihn am Leben zu erhalten. Der Häuptling, nicht mehr wissend, was er noch mehr tun könnte, begann an der Macht der Gottesmutter im besonderen und an der Macht der christlichen Religion im allgemeinen zu zweifeln, und er sagte, daß er nun zu den Medizinmännern seines Stammes gehen wolle, die seinen Vätern oft genug Beweise von der Macht und der Wunderkraft der alten indianischen Götter gegeben hätten. Die Mönche verboten ihm, so gotteslästerliche Reden zu führen, und drohten ihm an, daß seine Familie noch bösere Gebrechen zu erwarten habe, wenn er nicht aufhöre, seine Zweifel zu äußern. Und sie sagten ihm, daß er allein die Schuld trüge, die Gnadenmutter wisse wohl, was sonst kein Mensch wisse, daß er auf der Reise Fehler gemacht habe, eine Kirche überschlagen habe, sich bei dem Beten der Ave Marias absichtlich verzählt habe, um schneller fertig zu sein, daß er gegessen habe, wenn er nicht sollte, und daß er verschiedene Male des Morgens Wasser getrunken habe, ohne vorher niederzuknien und zu beten. Der Häuptling mußte schließlich zugeben, daß er wohl einmal nicht dreihundert, sondern nur zweihundert und achtzig Aves gebetet habe, weil es ihm schwerfalle, so hohe Zahlen zu behalten. Und gewiß, sagte ein andrer Mönch, habe er verschiedene Sünden anzugeben unterlassen, als er in der Kathedrale gebeichtet habe, denn noch jedem, der es verdient habe, hat die Gnadenmutter aus der Bedrängnis geholfen. Darum möge er die Pilgerfahrt nach sechs Monaten wiederholen.
Vielleicht ging dem Häuptling das doch zu weit, oder aber – und das ist wohl das, was am wahrscheinlichsten sein mag – er hatte den Glauben an die Wundermacht des Bildes verloren. Jedenfalls ging er zurück nach Mexiko, aß tüchtig und gut und nahm auch seine junge Frau wieder in seine Arme, was er, getreu der Aufgabe folgend, während der ganzen Reise nicht getan hatte. Dann hörte er herum in der Stadt, und man nannte ihm das Haus eines Don Manuel Rodriguez. Don Manuel war ein berühmter spanischer Arzt, aber er war sehr habgierig und machthungrig. Er untersuchte den Jungen und erklärte dem Häuptling, daß er wahrscheinlich fähig sein würde, dem Kinde das Augenlicht zu geben. Was denn der Indianer zahlen könne?
Der Häuptling sagte, daß er eine Farm habe und viel Vieh. Das ist aber kein Geld, antwortete ihm Don Manuel, ich brauche Geld, viel Geld. Darauf sagte ihm der Häuptling, daß er den Arzt zum reichsten Manne in ganz Neu-Spanien machen wolle, wenn er seinem Sohne das Augenlicht gäbe. Wie er denn das machen wolle mit seiner Farm, fragte Don Manuel. Ich weiß eine reiche Gold- und Silbermine, sagte ihm der Häuptling, und die will ich Ihnen zeigen, wenn mein Sohn sehen kann. Und sie machten den grausamen Kontrakt, daß Don Manuel das Recht haben solle, dem Kinde das Licht der Augen wieder auszulöschen, wenn die Mine nicht existiere oder schon jemand anders gehöre.
Don Manuel arbeitete und operierte mit dem Jungen zwei volle Monate und vernachlässigte alle seine andern Patienten, darunter sogar den Geheimsekretär des Vizekönigs. Und nach zwei Monaten konnte der Knabe sehen wie ein Adler, und Don Manuel erklärte dem Häuptling, daß nun das Augenlicht dauernd sei. Und das war richtig.
Die Freude des Häuptlings war grenzenlos, und seine Dankbarkeit kam aus treuem Herzen. ‚Nun will ich dir sagen, Don Manuel, daß ich dich nicht belogen habe‘, war seine Antwort, als der Arzt wegen der Bezahlung fragte. ‚Die Mine gehört meiner Familie. Als die Spanier kamen, wurde sie von meinem Urvater verschüttet, weil wir keine Spanier in unserm Distrikte haben wollten, weil wir die Spanier haßten, und weil wir wußten, daß die Weißen das Gold und das Silber mehr liebten als ihren Gottessohn. Die Mine war verraten worden, und die Spanier kamen und rissen meinem Urvater und seinem Weibe lebendig die Zungen aus, um zu erfahren, wo die Mine sei. Aber obgleich sein Mund voll Blut war und die Schmerzen ihn wahnsinnig machen wollten, lachte mein Vater ihnen ins Gesicht, und sie bekamen die Mine nicht. Und mein Urvater zeichnete die Worte nieder, und nach seinem Tode gingen sie von dem Mund des Sohnes zu dessen Sohne und so fort bis zu meinem Munde: Wenn dir oder deiner Familie oder deinem Stamme von einem Menschen ein großer Dienst erwiesen wird, den dir weder der federgekrönte Gott unsres Volkes noch der blutgekrönte Gott des weißen Volkes erweisen wollte oder nicht erweisen konnte, so gib den Schatz jenem Menschen, und ihm soll er gehören. Du, Don Manuel, hast in meinem Sohne mir, meiner Familie und meinem Stamme jenen Dienst erwiesen, den zu erweisen trotz aller meiner Mühen und Gebete und Opfer der Gott des weißen Volkes zu schwach war, und dir gehört darum die Mine. Folge auf meinem Wege, den ich dir sagen will, nach drei Monaten und sprich zu niemand, was du weißt, und ich will dich zum reichsten Manne machen in ganz Neu-Spanien.“
„Die Indianer wissen nicht viel mehr Minen, als wir wissen“, sagte Howard, als er seine Erzählung weiterspann. „Sie haben einmal alle verborgenen Minen, die nach der Eroberung Mexikos die Indianer, aus Vergeltung für die Greuel, die man an ihnen verübte, verschüttet und unauffindbar gemacht hatten, sehr genau gewußt. Aber die Indianer sind ja nicht wohnen geblieben, wo sie zur Zeit der Eroberung lebten. Tausende wurden von den Spaniern als Arbeiter und Sklaven nach andern Distrikten verschleppt, andre wurden in Rebellionen und Kämpfen von ihren Wohnplätzen in die Gebirge und Dschungel verjagt, andre wurden durch Blattern und durch Epidemien, die ihnen die weißen Kulturträger ins Land brachten, ausgerottet, Häuptlingsfamilien starben weg oder wurden getötet, ehe sie ihr Wissen auf ihre Nachkommen weitergeben konnten. Darum wird es immer seltener, daß ein Indianer eine verschüttete Mine kennt. Häufig glaubt er sie nur zu kennen, weil das, was in seiner Familie über diese oder jene Mine bekannt ist, so legendenhaft geworden ist, so sehr mit gefundenen und bekannten Minen verknüpft wurde, daß der wahre Ort unauffindbar ist, um so mehr, als oft der Ort mit Worten und Merkmalen und Richtungen bezeichnet wurde, die sich im Laufe der Zeit im Sprachgebrauch geändert haben und auf falsche Wege führen müssen. Diese Geschichte aber liegt ja weit zurück in einer Zeit, wo das Erinnerungsvermögen der Indianer noch frischer war, weil es nicht so sehr durch den Verkehr beeinflußt wurde, wie das der Fall ist, seit die Eisenbahnen laufen und die Indianer sich viel mehr und rascher zerstreuen als früher, weil auch sie dahin ziehen, wo sie ihren Lebensunterhalt leichter finden als an ihrem Geburtsplatz.
Nachdem Don Manuel seine Geschäfte in Mexiko abgewickelt hatte, machte er sich mit seiner Frau Maria auf die lange und beschwerliche Reise nach Huacal. Er fand den Häuptling und wurde von ihm aufgenommen besser als ein Bruder. ‚Mir ist auf der Reise eingefallen,‘ sagte Don Manuel zu seinem Gastgeber, ‚daß es recht merkwürdig ist, warum du selbst nicht die Mine ausbeutest, Aguila? Du hättest mir doch hunderttausend Goldgulden geben können, und ich hätte getan, was du von mir verlangtest.‘ Der Häuptling lachte: ‚Ich brauche kein Gold, und ich brauche kein Silber. Ich habe zu essen, habe eine schöne und gute Frau und einen Sohn, den ich liebe und der stark ist und wohlgebaut. Was wäre mir Gold? Die Erde bringt Segen, reichen Segen, die Früchte bringen Segen, reichen Segen, meine Viehherde bringt Segen, reichen Segen. Gold bringt keinen Segen, und Silber bringt keinen Segen. Bringt es euch, den weißen Spaniern, Segen? Ihr mordet euch um das Gold. Ihr haßt euch um das Gold. Ihr verderbt die Schönheit eures Lebens um das Gold. Wir haben nie das Gold zu unserm Herrn gemacht, wir waren nie seine Sklaven. Wir sagten, Gold ist schön, und darum machten wir Ringe daraus und andre Schmucksachen, und wir schmückten uns, unsre Frauen und unsre Götter damit, weil es schön ist. Aber wir machten es nicht zu Geld. Wir konnten es ansehen und uns daran erfreuen, aber wir konnten es nicht essen. Unser Volk und auch die Völker im Tal haben nie um Gold gekämpft oder um Gold Kriege geführt. Aber wir haben viel gekämpft um Land, um Äcker, um Flüsse und Seen, um Städte, um Salz, um Herden. Aber um Gold oder um Silber? Es ist doch nur schön anzusehen. Doch wenn ich Hunger habe, kann ich es nicht in meinen Magen stecken, und also hat es doch keinen Wert. Es ist nur schön wie eine Blume, die blüht, oder schön wie ein Vogel, der singt. Aber wenn du die Blume in den Magen steckst, ist sie nicht mehr schön, und wenn du den Vogel kochst, singt er nicht mehr.‘ Da lachte Don Manuel und sagte: ‚Ich werde mir das Gold nicht in den Magen stecken, Aguila, das glaube nur.‘ Und der Häuptling lachte auch und sagte: ‚Das glaube ich dir wohl. Ich kann wohl für die Erde dienen, aber ich kann nicht für Gold dienen, weil ich sonst nichts zu essen habe, keine Tortillas und keine Camotes. Du verstehst nicht, was ich sage, und ich verstehe nicht, was du sagst. Du hast ein andres Herz. Aber ich bin dennoch dein Freund.‘
Sie brauchten drei Tage, in denen sie in den Bergen herumkrochen und im Dickicht suchten, kratzten und gruben. Don Manuel war geneigt, das lange Suchen zu mißdeuten und zu glauben, daß der Indianer ihn um seinen Lohn gebracht habe. Aber wenn er dann wieder sah, wie geschickt und wie planmäßig der Häuptling die Gegend durchforschte, wie genau er auf den Stand der Sonne achtete und auf die Schatten, die von den Berggipfeln geworfen wurden, mußte er doch erkennen, daß ein bestimmter Weg verfolgt wurde. ‚So ganz leicht, wie du es dachtest, ist das nicht‘, sagte der Häuptling. ‚Da sind Erdbeben gewesen, und da waren ein paar hundert Jahre lang Regenzeiten und Wolkenbrüche und Erdrutsche, da haben Flüsse ihren Lauf geändert, da sind Bäche versiegt und andre sind neu entstanden. Da sind kleine Bäume groß geworden, und große Bäume, die einmal Ziele waren, sind gestorben. Es kann auch noch eine Woche dauern, Don Manuel, du mußt Geduld haben.‘
Es dauerte auch noch mehr als eine Woche. Und der Häuptling sagte am Abend: ‚Morgen kann ich dir die Mine geben; denn morgen habe ich sie in meinen Augen.‘ Don Manuel wollte wissen, warum er nicht gleich mit dem Häuptling hatte reisen können, als jener heimging. ‚Dann hätten wir trotzdem bis morgen warten müssen, weil die Sonne nicht im Ziel stand. Jetzt steht sie im Ziel. Ich weiß auch seit ein paar Tagen, wo der Platz ist, aber morgen habe ich die Mine und kann sie dir geben.‘
Wirklich, am folgenden Tage fanden sie die Mine in einer Schlucht. ‚Da ist einmal der Berg abgebrochen. Das kannst du auch sehen. Darum war es so schwer, den Platz zu finden. Da liegt die Mine, und sie ist nun dein. Mein Haus mußt du aber heute verlassen‘, sagte der Häuptling. ‚Warum? Ich würde es auch so verlassen, denn ich will in der Nähe der Mine mein Haus bauen.‘ ‚Ja, mein Haus ist nun nicht mehr gut. Du hast die reiche Mine und bringst keinen Segen.‘ Der Häuptling wollte ihm die Hand reichen, aber Don Manuel sagte: ‚Warte, Aguila. Ich möchte dich noch etwas fragen. Wenn ich von dir hunderttausend Goldgulden verlangt hätte, damit ich deinen Sohn heilen soll, hättest du dann nicht die Mine selbst aufgemacht?‘ ‚Gewiß hätte ich das getan,‘ sagt der Gefragte, ‚ich wollte doch mein Kind geheilt sehen. Aber wenn ich die Summe gehabt hätte, würde ich die Mine wieder verschüttet haben, weil Gold nicht gut ist. Was hätte ich auch tun können? Die Spanier würden es erfahren, und sie hätten mich, meine Frau und meinen Sohn ermordet, um die Mine zu bekommen. Nach euren Sitten wird ja wegen Gold immer gemordet. Sei vorsichtig, Don Manuel, daß nicht auch du gemordet wirst, wenn deine Leute wissen, daß du eine Goldmine hast. Wenn sie wissen, daß du nichts weiter hast als Brot und Tortillas, wirst du niemals gemordet. Ich will immer dein Freund bleiben, aber wir müssen uns nun trennen.‘
Don Manuel begann hier sein Lager aufzubauen, und Aguila zog zurück zu seinem Hause, das eine Tagereise weit von der Mine entfernt lag. Vor seiner Abreise hatte sich Don Manuel die Certificados von der Regierung verschafft, die ihn berechtigten, nach Edelmetallen zu suchen und die Plätze, wo er welche fände, mit seinem Bergungsrecht zu belegen. Er reiste zurück in die nächste Stadt, wo er seine Frau zurückgelassen hatte, brachte seine Frau mit sich, und zu gleicher Zeit warb er Arbeiter an und kaufte die notwendigen Maschinen, Werkzeuge und Sprengmittel. Nun ging er an die Arbeit, die Mine freizulegen. Seine kühnsten Erwartungen wurden übertroffen. Die Mine war so reich an Silber, daß sie alle andern bekannten Minen überbot. Sie gab als Hauptprodukt Silber, aber als Nebenprodukt kam auch Gold mit vor.
Viele Vorkommnisse hatten ihn gelehrt, daß es am besten sei, wenn man nicht zu sehr von seiner Mine spreche, sie nicht zu sehr preise. Nicht nur Privatpersonen, sondern selbst die königlichen Beamten und die hohen Würdenträger der Kirche verstanden es nur zu gut, einem Manne, der nicht genügend Macht im Rücken hatte, die Mine aus den Händen zu spielen. Der Besitzer verschwand plötzlich, niemand wußte, wo er geblieben war, und die Mine wurde als herrenloses Gut entweder der Krone oder der Kirche überwiesen. Die Inquisition, die in Mexiko viel länger ihre unheilvolle Macht ausübte als irgendwo sonst auf der Erde, die erst endgültig hier verschwand, als die Revolution siegte und das Land eine freie und unabhängige Republik wurde, wirkte zu jener Zeit noch immer mit ungeschwächten Kräften. Es genügte, daß ein Bischof Kenntnis einer reichen Mine erlangte, und der Finder und Besitzer jener Mine wurde wegen Gotteslästerung, Ketzerei, Zauberei, mangelnden Respekts gegen die Wunderkraft eines Gnadenbildes vor das Tribunal der Inquisition geschleppt. Vor diesem Tribunal zitterte selbst der mächtigste Mann im Lande, der Vizekönig. Wenn er geladen war, trat er diesem Tribunal nur in Begleitung einer schwerbewaffneten Leibwache gegenüber mit der Ankündigung, daß seine Truppen und die Artillerie den Befehl haben, auf das Gebäude der Hohen Inquisition rücksichtslos zu feuern, falls er innerhalb einer kurz bemessenen Frist nicht wieder in seinem Palaste sei und sich seinen Soldaten gezeigt habe. Was konnte dann so ein einfacher Privatmann tun? Es traten zehn oder zwanzig Zeugen auf, die beschworen, gesehen zu haben, daß der Mann vor der Monstranz nicht gekniet habe, oder die gehört hätten, daß er gesagt habe, es falle ihm schwer, zu glauben, daß der Sohn gleichzeitig sein eigener Vater sein könne, oder daß der Papst keine Irrtümer begehen könnte. Und wurde das beschworen, so wurde der Missetäter verbrannt, und er durfte es als besondere Gnade ansehen, wenn er nicht lebendig verbrannt, sondern vor der Verbrennung erdrosselt wurde. Wie immer aber auch die Strafe ausfiel, war beschworen worden, daß er schuldig sei, so verfiel sein ganzer Besitz der Kirche. Darum war es durchaus nicht so merkwürdig, daß hier diejenigen Leute, die reichen Besitz hatten oder die sich weigerten, der Kirche und den Klöstern das Land oder die Minen, die sie begehrten, freiwillig abzutreten, oft viel rascher der Ketzerei angeklagt und schuldig gesprochen wurden als arme Indianer, die von der Inquisition viel glimpflicher behandelt zu werden pflegten; denn wer sollte für den armen Indianer die hohen Kosten der komplizierten Untersuchung zahlen? Denn hoch waren die Kosten für das Tribunal. Es tat niemand etwas umsonst, wie die Akten beweisen, und die Zeugen waren die allerletzten, die es billig machten aus Rücksicht für den heiligen Zweck. Die Macht einer jeden Religion ist begrenzt. Keine Religion kann diese Grenzen berühren oder gar zu überschreiten versuchen, ohne abzusterben. Eine Religion, die zu starr geworden ist, eine Religion, die ihre Elastizität so sehr verloren hat, daß sie sich in die Entwicklung und in die Zeit nicht mehr einfügen kann, stirbt ab. Es können nicht ewig ungestraft Kriege geführt werden von Völkern, deren Religion ihnen verbietet, das Schwert zu ziehen, und deren Religion ihnen gebietet, nicht zu töten.
Don Manuel war gewitzigt dank der reichen Erfahrungen, die andre gemacht hatten. Er schickte kein Silber und kein Gold fort. Er speicherte es auf und wartete auf seinen Tag. Trotzdem ihm die Mine so reichen Gewinn abwarf, behandelte er doch seine indianischen Arbeiter recht erbärmlich, zahlte ihnen kaum so viel Lohn, daß sie satt wurden, ließ sie arbeiten, bis sie zusammenbrachen oder gar wegstarben, und wenn sie nicht genügend schafften, ließ er noch mit der Peitsche nachhelfen. Mit Negern läßt sich so für eine lange Zeit wirtschaften, mit Indianern nicht. In den dreihundert Jahren spanischer Herrschaft in Mexiko haben die Spanier nie und zu keiner Zeit das ganze Land in unbestrittenem Besitz gehabt. Irgendwo war immer Rebellion, Aufruhr und Empörung. Und war sie an einer Stelle brutal und menschenunwürdig unterdrückt, brach sie woanders wieder aus. Das war im großen so, und das war auch so im kleinen. Und eines Tages war Rebellion in der Mine des Don Manuel. Seine Frau, Donja Maria, konnte noch rechtzeitig fliehen, aber er wurde erschlagen. Seine Schätze wurden nicht geraubt, sondern, nachdem Don Manuel tot war, verließen die indianischen Arbeiter den Platz und kehrten in ihre Dörfer zurück.
Als Donja Maria durch Boten erfahren hatte, daß die Mine wieder sicher sei, kehrte sie zurück, um die Arbeit fortzusetzen. Sie fand die erbeuteten Schätze schön und sicher vergraben. Was sie besaß, hätte genügt, daß sie ihr Leben sorgenlos führen konnte bis an das Ende ihrer Tage.
Aber sie hatte sich in den Kopf gesetzt, nach Spanien zurückzugehen und dort als die reichste Frau zu erscheinen. Da sie noch jung war und auch Schönheit reichlich mit auf den Lebensweg bekommen hatte, so hegte sie die Hoffnung, in Spanien ein Schloß und ein adliges Gut zu kaufen und durch die Verheiratung mit einem Marquis dem Hofe nahezukommen. Es hatten ja spanische Granden Töchter aztekischer, tezkukischer und andrer indianischer Fürsten Mexikos und Perus geheiratet nur ihres Reichtums wegen. Warum sollte sie, die aus anständigem bürgerlichen Hause war, mit Hilfe ihres unermeßlichen Vermögens nicht viel leichter noch einen Marquis zum Gatten bekommen?
Sie verstand zu rechnen, vielleicht noch besser als ihr erschlagener Mann. Sie rechnete aus, wieviel ein Schloß und wieviel ein altadliges Gut in Spanien kosten würde, wieviel die Unterhaltung dieses Besitzes, Dienerschaft, Wagen, Pferde und Reisen kosten würden, wieviel der Marquis gebrauchen würde, und wieviel sie selbst noch täglich auszugeben hätte, um eine glänzende Rolle bei Hofe spielen zu können. Sie kam auf eine ansehnliche Summe. Aber immer fand sie, daß da noch vieles sei, was sie nicht bedacht habe, daß da noch Abgaben an die Regierung seien, daß sie eine Kirche zu bauen habe, um die hohen Herren der Inquisition günstig zu stimmen und sie nicht lüstern werden zu lassen. Und dann arbeitete sie noch so lange, bis der ausgerechnete Betrag verdoppelt werden konnte. Damit war sie gegen alle Fehlrechnungen gesichert. Es waren fürwahr harte Jahre, wo sie zu kämpfen hatte. Fern von der Zivilisation, fern jeder, auch der kleinsten Bequemlichkeit, Tag und Nacht auf dem Posten, geschickt mit den Arbeitern umgehend, daß ihr Lohn nicht zu hoch sei, daß er aber auch wieder gut genug sei, daß sie aushielten und sich nicht empörten. Da mußte auch an Überfälle gedacht werden, an Banditenhorden, die sich aus Verbrechern, aus desertierten Soldaten, aus entsprungenen Strafgefangenen, aus dem Auswurf der Städte gebildet hatten und die marodierend, unter Indianern und Weißen gleich Schrecken verbreitend, im Lande umherzogen.“