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Der Schatz der Sierra Madre

Chapter 21: 20
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About This Book

The narrative follows a group of characters, primarily focusing on their desperate quest for wealth in the Sierra Madre mountains. The story explores themes of greed, survival, and the harsh realities of human nature as the characters navigate the challenges of mining for gold. It delves into the moral dilemmas faced by individuals driven by the desire for riches, highlighting the impact of wealth on relationships and personal integrity. The setting serves as a backdrop for the exploration of ambition and the consequences of pursuing material gain, ultimately reflecting on the futility and dangers of such pursuits.

20

ie Esel waren aufgepackt. Sie standen geduldig da, trotteten einen Schritt oder zwei umher und standen wieder still. Ab und zu drehten sie sich um. Sie warteten auf den Zuruf und verstanden nicht recht, warum es denn nicht voranging. Sie waren an ihre Zeit gewöhnt, und es war schon spät am Vormittag. Das Laden hatte Dobbs viel mehr Mühe gemacht, als er erwartet hatte. Es war nicht so leicht, die Tiere ganz allein ohne die Hilfe einer zweiten Person so zu laden, daß die Packen nicht zu rutschen begannen; denn er konnte nicht an beiden Seiten des Tieres zu gleicher Zeit stehen. Beide Seitenpacken zugleich auf den Tragsattel zu bringen, ging nicht, weil die Packen zu schwer waren und er sie nicht so hoch heben konnte, daß sie gleichzeitig aufkamen und das Gleichgewicht hielten. Wenn sich die Esel wenigstens zum Laden niederlegen wollten wie die Kamele. Aber das tun die Esel nicht, weil sie eben keine Kamele sind. Sie können auch mit einer solchen Last sich nicht erheben, obgleich sie mit der Last Stunden und Stunden hoch die Berge hinauf und wieder hinunter trotten können, ohne eine Spur von Ermüdung zu zeigen. Endlich war es Dobbs aber doch gelungen, mit dem Laden zu Ende zu kommen.

Er wollte gerade den Eseln zurufen und ihnen einen Hieb versetzen, als er an Curtin dachte. Er hatte zwar während des ganzen Morgens und besonders während des Ladens ununterbrochen an Curtin gedacht, aber mehr als an einen Abwesenden oder Vorausgegangenen denn an einen Toten. Daß Curtin tot war, tot für immer, war noch nicht mit dem Bewußtsein so völlig verschmolzen, daß er nur an einen toten Curtin hätte denken können.

Jetzt aber, als der Zug losmarschieren sollte, dachte er an den toten Curtin. Und da fiel ihm ein, daß er ihn ja vor dem Abmarsch hatte begraben wollen, der größeren Sicherheit wegen. Einen kurzen Augenblick zögerte er, ob er ihn nicht einfach liegenlassen solle, wie er lag. Die Coyoten, Berglöwen, Geier, Ameisen und Fliegen würden ihn schon schnell genug verschwinden lassen. Aber dann blieben immer noch einige Knochen und Lumpen zurück. Das war nicht gerade nötig, daß die Knochen Reklame machten und erzählten, was geschehen sei, oder was geschehen sein könnte.

Diese Gedanken mischten sich aber mit einem andern Gedanken, der ihm bis jetzt ganz fremd gewesen war und ihn unschlüssig machte. Er dachte, daß er vielleicht den Leichnam nicht sehen könne, ohne eine Dummheit zu machen. Alles um ihn herum war so unnatürlich einsam und still. Der Wald war so mager, die Bäume schienen nicht ganz ausgewachsen zu sein. Sie schienen sich nicht entscheiden zu können, ob sie noch ein wenig größer wachsen sollten, oder ob sie besser bleiben möchten, wie sie sind. Die Trockenheit ist gar zu lang und kann ans Leben gehen, wenn man zuviel Wasser braucht. Und weil manche aus Klugheit nicht größer werden wollten, die Erde unter ihnen aber nicht mit ihnen übereinstimmen wollte, so wuchsen sie krumm, krüpplig, schief und grotesk.

Kaum daß ein Vogel sang oder ein Wild durch das Unterholz huschte. Es war Wind in der Luft. Dobbs fühlte ihn und sah es an den ziehenden Wolken. Aber die Bäume bewegten sich nicht. Sie standen wie versteinert. Sie schienen nicht grün zu sein, sondern graubläulich wie spröde Lavamasse. Die Luft um ihn herum schien eine ebenso graue Lavafarbe anzunehmen, und es war ihm, als sei sie versteinert und kaum zu atmen.

Die Esel standen nun ganz ruhig, als warteten sie darauf, versteinert zu werden, wie alles andre umher. Sie drehten zuweilen den Kopf unheimlich langsam zu Dobbs herum und sahen ihn mit den großen schwarzen Augen lange an. Er bekam einen Augenblick Furcht vor den Eseln. Und um die Furcht abzuschütteln, ging er zu einem Esel und zog die Leinen fester an. Dann ging er zu einem andern und rüttelte an den Packen, als ob er prüfen wolle, ob sie fest genug sitzen und beim Abstieg von der Höhe nicht etwa rutschen würden. Sie saßen aber fest genug. Das Puffen gegen die Körper der Tiere und das Betasten ihres Felles beruhigten ihn, und er vergaß den Blick der großen gläsernen, leuchtenden Kohlebrocken.

Ob er die Augen auf hat, gläsern, leer und matt? dachte Dobbs. Das ist nur natürlich, sagte er sich, jeder Tote hat die Augen auf, und die Augen sind immer gläsern und matt. Nein, dachte er wieder, sie sind nicht gläsern und leuchten auch nicht wie die Eselaugen, sie sind eingeschrumpeltes mattes, trübes Glas. Sie sind überhaupt nicht gläsern, sie sind glasig. Es ist doch besser, ich grabe ihn ein. An die Augen könnte ich vielleicht denken. Aber ich muß ihn eingraben.

Er zog einen Spaten aus dem Gepäck. Aber als er ihn in der Hand hatte, dachte er wieder, daß das Eingraben überflüssig sei und nur einen Zeitverlust bedeute. Er könne dadurch vielleicht gerade den Zug nicht bekommen, und je eher er aus der Gegend fort sei, desto besser sei es.

Während er den Spaten wieder zwischen die Gurten schieben wollte, packte ihn aber die Neugierde, zu wissen, ob Curtin vielleicht schon von den Geiern angefallen sei. Das genau zu wissen, würde ihm eine große Sicherheit geben, dachte er. Er zog den Spaten wieder heraus und ging hinüber in das Gehölz.

Er ging geradeswegs auf die Stelle zu, wo Curtin lag. Er hätte die Richtung, vielleicht gar die Stelle mit geschlossenen Augen finden können. Als er aber zu dem Platz kam, war dieser leer. Er hatte sich geirrt. Die Dunkelheit des vergangenen Abends und das unsichere Licht des brennenden Astes hatten die Richtung verschieden erscheinen lassen. Er begann zu suchen, kroch durch das Unterholz und schob sich durch das Geäst der Gebüsche. Er fühlte sich plötzlich nicht wohl dabei. Er fürchtete, auf den Leichnam zu stoßen, wenn er es am wenigsten erwarte. Das wollte er vermeiden. Er dachte, es könne sogar geschehen, daß er unversehens dem Leichnam ins Gesicht fasse. Der Gedanke bereitet ihm ein unbehagliches Gefühl. Er gedachte nun, das Suchen sein zu lassen.

Als er jedoch den halben Weg zurückgegangen war, sagte er sich, daß er niemals Ruhe finden würde, wenn er nicht jetzt den Leichnam vor sich noch einmal liegen gesehen habe und überzeugt sein könne, daß Curtin wirklich tot ist und keine Dummheiten bereiten würde.

Abermals begann er zu suchen. Kreuz und quer lief er durch den Busch. Dann rannte er zurück zu dem Lagerplatz, um von dort aus die Richtung aufzunehmen. Er konnte sich plötzlich nicht mehr genau erinnern, in welche Richtung er am vergangenen Abend Curtin getrieben hatte. Zehnmal, fünfzehnmal, zwanzigmal jagte er in jene Richtung. Es war vergebens. Er fand den Leichnam nicht. Sollte er sich derartig in der Richtung getäuscht haben?

Seine Aufregung steigerte sich immer mehr. Die Sonne stand jetzt steil hoch und glühte unerbittlich. Er keuchte und geriet in Schweiß. Er bekam fürchterlichen Durst. Aber er trank nicht, sondern goß das Wasser gedankenlos in großer Menge in sich hinein.

Wenn er wieder durch das Gestrüpp kroch, drehte er sich jeden Augenblick nervös um. Eine Sekunde lang glaubte er, das müsse Furcht sein. Aber er redete sich ein, daß es nur Nervosität sei. Gewissen war es ganz bestimmt nicht, dessen war er sicher. Es war nur die Aufregung.

Die Esel waren ungeduldig geworden. Die vordersten hatten begonnen abzumarschieren. Und bald folgte der übrige Zug nach. Gleichgültig trottend. Mit einem Fluch sprang er ihnen nach. Das machte die Esel scheu und verwirrt. Sie begannen zu rennen. Er mußte die vordersten überholen, um sie aufzuhalten. Das brachte ihn ganz außer Atem. Er jagte die Esel wieder zurück zum Lagerplatz. Nun standen sie ruhig und nagten an dem mageren Gras. Der eine oder der andre drehte sich um nach ihm und sah ihn groß und verwundert an. Das erschreckte Dobbs, und er nahm sich vor, ihnen die Augen zu verbinden.

Aber er begann wieder zu suchen. Und als er nun zum hundertsten Male überzeugt war, auf der Stelle zu sein, wo er Curtin niedergeschossen hatte, sah er das Stück eines verkohlten Astes liegen. Und nun wußte er, daß er auf dem richtigen Platze war. Das Stück war in der vergangenen Nacht von dem Ast abgebrochen, den er zum Leuchten gebraucht hatte.

Der Boden sah unruhig aus. Aber das konnte ebensogut von seinem eigenen Herumwühlen und Herumlaufen sein. Blut konnte er nicht sehen. Auf diesem Boden hätte man es auch kaum sehen können. War Curtin von einem Tier verschleppt worden? Oder hatte ihn jemand gefunden und aufgehoben? Selbst konnte er nicht fortgekrochen sein, denn er war tot. Davon hatte sich Dobbs doch überzeugt. Er war sicher von einem Tier verschleppt worden.

Um so besser, dachte Dobbs. Dann wird bald nichts mehr von dem Leichnam übrig sein. Etwas ruhiger geworden, begann er nun, an den Abmarsch zu denken. Aber er drehte sich immer wieder um. Bald glaubte er, daß er Curtin zwischen den Bäumen gesehen habe, bald schreckte er zusammen, weil er meinte, einen andern Menschen bemerkt zu haben. Dann wieder fuhr er auf, weil er überzeugt war, er hätte Stimmen gehört. Und wenn irgendwo ein Ast brach oder ein Stein rollte, so glaubte er, ein Berglöwe schliche um ihn herum, derselbe, der Curtin verschleppt hatte, sei nun auf den Geschmack gekommen und wolle ihn hinterrücks anfallen.

Er rief den Eseln zu, und sie begannen zu marschieren. Aber der Marsch war viel schwieriger als Dobbs geglaubt hatte. Ging er vorn an der Spitze, dann blieben die hinteren Esel zurück und fingen an zu streuen und auf Seitenpfaden und im Gebüsch nach Gras zu suchen. Verschiedene Male mußte er den Zug anhalten, weil er zurückgebliebene Esel einzubringen hatte.

Dann ging er am Ende des Zuges. Nun streuten die vorderen Esel, und der ganze Zug kam auseinander. Dann nahm er Leinen und band jeden Esel an den Tragsattel des vorangehenden, um sie zusammenzuhalten.

Wieder nahm er die Spitze. Aber sobald einer der folgenden Esel nicht nachkam und am Sattel des vorderen zog, blieb der vordere stehen, und der ganze Zug kam zum Halten.

Er begann nun, sich nur mit dem führenden Esel zu beschäftigen, ihn anzupeitschen und so zu zwingen, die andern nachzuziehen. Das ging einige fünfzig Schritte. Dann wurde es dem Esel zu dumm. Er blieb stehen, stemmte die Vorderbeine fest nach vorn, warf die langen Ohren zurück und stand fest wie ein Fels. Dobbs mochte ihn peitschen oder ihm die Stiefel in die Weichen schlagen, der Esel rührte sich nicht. Er wußte ja nicht, was los war. Er sollte vorwärtsmarschieren und wurde gleichzeitig nach hinten gezogen. Dobbs änderte abermals seine Taktik und stellte sich selbst an die Spitze des Zuges und zog den vorderen Esel. Das ging eine Weile sehr gut. Die Esel kamen alle nach. Aber als der führende Esel gelernt hatte, daß es für ihn leichter und bequemer sei, gezogen zu werden, als freiwillig zu laufen, ließ er sich immer mehr ziehen und schleppen, bis Dobbs schließlich eine solche Last zu ziehen hatte, als hänge ein ganzer Eisenbahnzug an der Leine, die er über der Schulter nach sich zog. Er mußte es aufgeben und versuchte es wieder, von hinten anzutreiben und am Zug immer auf- und abzurennen, um die streuenden Esel zusammenzuhalten.

Dann kam eine Zeit, wo der Zug ganz willig und mühelos ging. Die Esel waren in Gang gekommen und hielten sich schön auf dem Pfade. Das ging nun so ruhig und angenehm, daß Dobbs gemütlich hinterhertrotten und sich eine Pfeife anzünden konnte. Und da er nichts weiter zu tun hatte, als ruhig seines Weges zu schlendern, begannen die Gedanken wieder in ihm zu arbeiten.

Ich habe nicht sorgfältig genug nachgesehen, dachte er. Der war vielleicht nicht tot, sondern nur schwer verwundet. Jetzt kriecht er durch das Holz und kommt schließlich in ein Indianerdorf. Dann ist alles aus. Er drehte sich mit einem Ruck um, denn er glaubte die Indianer, die ihn verfolgten, um ihn der Polizei zu übergeben, schon hinter sich zu hören.

Er kann aber noch nicht in einem Dorfe sein. Die Dörfer sind weit. Und wenn er auch nicht tot sein sollte, so ist er doch so schwer getroffen, daß er nur ganz langsam vorwärtskommen kann. Ich muß ihn finden und ihm den Rest geben, dachte Dobbs weiter. Nun ist es doch schon auf alle Fälle Mordversuch und Straßenraub. Das kostete zwanzig Jahre Heilige-Maria-Insel.

Endlich sah er keinen andern Ausweg, als wieder umzukehren und aufs neue nach dem Leichnam oder dem verwundeten Curtin zu suchen. Es fiel ihm ein, daß er nach einer Richtung nicht ein einziges Mal gesucht hatte. Das war die entgegengesetzte Richtung, von der Stelle aus, wo er Curtin hatte liegenlassen, über das Lagerfeuer in die andre Seite des Busches. Da hatte er nie nachgeforscht. Und es war ganz klar, daß Curtin weitergekrochen war, weil diese Richtung zurückführte in die Nähe jenes Dorfes, das sie gestern nachmittag gesehen hatten. Dobbs hatte ruhig geschlafen und nichts gesehen und nichts gehört. Vielleicht war Curtin auch gar nicht ganz dicht an das Lager gekommen, um Dobbs nicht aufzuwecken und den Rest zu bekommen. Wehren konnte er sich ja nicht. Da war kein Zweifel, in jene Richtung war Curtin gekrochen, und dort mußte er gesucht werden.

Es war kurz vor Abend, als Dobbs wieder zum alten Lagerplatz zurückkam. Er nahm sich keine Zeit, die Esel abzuladen, sondern begann sofort zu suchen. Nun suchte er in jener Richtung mit der gleichen Hast und dem gleichen Eifer, mit denen er am Vormittag in der entgegengesetzten Richtung gesucht hatte.

Die Nacht aber kam rasch, und Dobbs mußte das Suchen aufgeben.

Nun blieb nur noch ein Ausweg für ihn übrig. Er durfte keine einzige Stunde mehr auf das Suchen verschwenden. Morgen früh mußte er sofort aufbrechen und mit der größten Schnelligkeit die Station in Durango erreichen, sofort die Esel und Werkzeuge verkaufen und sich in den nächsten Zug setzen, um in einer größeren Stadt zu verschwinden. Nach Laredo, Eagle Pas, Brownsville oder einer andern Grenzstation durfte er vorläufig nicht. Denn wenn wirklich Curtin ein Dorf erreicht hatte, oder Howard auf dem Wege war, dann wurde die Grenze ganz sicher zuerst nach ihm abgesucht.

Am vergangenen Nachmittag hatte Dobbs, von der kahlen Stelle eines hohen Berges aus, schon in der Ferne die Rauchschwaden eines fahrenden Zuges gesehen. Es konnte demnach nicht mehr allzu weit sein.