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Der Schatz der Sierra Madre cover

Der Schatz der Sierra Madre

Chapter 22: 21
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About This Book

The narrative follows a group of characters, primarily focusing on their desperate quest for wealth in the Sierra Madre mountains. The story explores themes of greed, survival, and the harsh realities of human nature as the characters navigate the challenges of mining for gold. It delves into the moral dilemmas faced by individuals driven by the desire for riches, highlighting the impact of wealth on relationships and personal integrity. The setting serves as a backdrop for the exploration of ambition and the consequences of pursuing material gain, ultimately reflecting on the futility and dangers of such pursuits.

21

rühzeitig war Dobbs auf dem Marsche. Der Zug marschierte leidlich gut, nachdem er in Gang gekommen war. Die Tiere waren williger als am Tage zuvor, weil sie nicht solange hatten zu stehen brauchen und weil sie den ersten Teil des Weges schon kannten. Immerhin, ein Esel brach aus und Dobbs konnte ihn nicht einbringen. Er mußte ihn aufgeben, weil er sonst zuviel Zeit verloren hätte. Bei dem Hinterherjagen war das Gepäck heftig gegen Bäume gestoßen, die Gurten waren gerissen, und der Esel trabte ohne das Gepäck weiter. Dobbs nahm sich aber die Mühe, das Gepäck aufzuteilen. Der Esel würde ja folgen und am Abend am Lager freiwillig eintreffen.

Nun konnte Dobbs beinahe ununterbrochen die Bahnlinie in der Ferne sehen. Der Weg führte den ganzen Tag hindurch immer abwärts, hinunter ins Tal. Er hätte leicht am selben Nachmittag die Stationen Chinacates oder Guatimape erreichen können. Aber in diesen winzigen Dörfchen wäre er zu sehr aufgefallen mit seinem Zuge, jetzt um so mehr als vorher, weil er ganz allein war. Das hätte Verdacht erregt. Außerdem kaufte ihm in diesen kleinen Örtchen niemand seine Esel, Werkzeuge oder andre Gegenstände ab, die er verkaufen mußte, um die Fahrkarte und die Expreßfracht zu bezahlen.

Es blieb ihm darum keine andre Wahl, als noch die Strecke bis Durango zu machen, wo er seine Geschäfte unauffälliger abwickeln konnte. Das waren noch zwei kräftige Marschtage. Vielleicht gar drei. Wenn er nur wüßte, ob Curtin tot ist oder nicht. Aber schließlich soll man ja seinem guten Glück auch etwas zu tun übriglassen.

Als Dobbs an dem Abend das Lager aufschlug, fühlte er sich ruhiger als die beiden Tage vorher. Es war in der Tat nicht das Gewissen gewesen, das ihn beunruhigt hatte. Es war vielmehr nur das trübe Gefühl gewesen, das man bekommt, wenn man eine Arbeit nur halb oder unzulänglich getan hat. Und er hatte seine Arbeit mehr als unzulänglich getan. Das rächte sich. Das machte ihn unsicher. Er hätte dem Curtin den Schädel vollständig zertrümmern, ihm das Messer in das Herz stoßen und ihn noch im selben Augenblick eingraben sollen. Das wäre eine vollkommene Arbeit gewesen, die ihm wahre Zufriedenheit und Ruhe gebracht hätte. „Tu deine Arbeit vollkommen und tu sie sofort“, war ihm schon als Kind gelehrt worden. Wo es endlich einmal darauf ankam, hatte er sie weder vollkommen noch sofort getan.

Aber da kam der Esel angetrottet, der am Tage ausgebrochen war und jetzt zu seinen Genossen zurückkehrte. Zwei der grasenden Esel steckten den Kopf weit vor und brüllten. Sie waren gewiß seine intimeren Freunde. Der Heimgekehrte aber ging zu einem andern Esel, schnüffelte an seinem Halse herum, kratzte ihn dort mit den Zähnen und begann dann neben ihm zu grasen, so gleichgültig, als sei er gerade nur einmal für fünf Minuten beiseitegetreten und nicht einen ganzen vollen Tag lang einige Meilen hinter dem Zuge hergetrottet.

„Da habe ich ja schon Glück“, rief Dobbs lachend aus, als er den Esel antrotten sah. „Das wären fünfzehn Pesos gerettet. Noch zwei Tage, dann kann ich dem Alten ruhig einen Brief schreiben und dem andern Burschen einen Doktor schicken. Die können mich dann nicht mehr unter dem Fingernagel kratzen.“

Er wurde so guter Laune, daß er zu pfeifen und schließlich zu singen begann. Auch schlief er in dieser Nacht viel ruhiger als die vorhergehende Nacht, wo er mehrere Male aufgescheucht worden war von Geräuschen, die ihn erschreckten, obgleich sie ganz natürlich waren.

Gegen Mittag des nächsten Tages konnte er schon, als der Pfad über einen Hügel ging, Durango in der Ferne liegen sehen. Durango, das liebliche Juwel der Sierra Madre, das, immer gebadet im goldenen Licht und leise gefächelt von weichen lauen Winden, die es umschmeicheln wie zarte Frauenhände, kosig eingebettet ist zwischen den schützenden Bergen. „Die Stadt des Sonnenscheins“ wird es genannt von denen, die es sahen und die sich zurücksehnen nach seiner trauten Lieblichkeit. Ein Wunderwerk hat Mutter Erde ihm zur Seite gestellt, wie es kaum ein zweites gibt, den „Cerro del Mercado“, einen Berg aus purem Eisen, 600 Millionen Tonnen reines Eisen. Mutter Erde ist nicht knickerig, wenn sie einmal die Laune zeigt, Geschenke zu machen.

An diesem Abend schlug er das letzte Lager auf. Morgen abend wird er in Durango sein und am darauffolgenden Morgen im Zuge nach Canitas sitzen. Der Verkauf der Esel und der übrigen Sachen wird schnell vor sich gehen, er wird so viel verlangen, wie er ungefähr benötigt.

Er frohlockte. Er fühlte sich auf der sicheren Seite. Wenn der Wind günstig herüberwehte, konnte er das Bellen der Güterzüge durch die Stille der Nacht hören. Und dieses merkwürdig heulende Bellen der Lokomotiven, das so unheimlich und geisterhaft klingen kann, flößte ihm Empfindungen ein, als wäre er schon in einem Hotel nahe der Eisenbahn. Es war der Schrei der Zivilisation. In diesem Schrei fühlte er sich geborgen. Er sehnte sich nach den Gesetzen, nach der Rechtlichkeit, nach den festen Mauern der Stadt, nach allen den Dingen, die sein Gut beschützen sollten. Innerhalb jenes Bereiches, wo Gesetze das Eigentum bestätigten und wo starke Mächte dem Gesetz Achtung verschafften, war er sicher. Dort mußte jede Sache, jede Anschuldigung bewiesen werden. Und konnte nichts bewiesen werden, dann war der Inhaber der rechtmäßige Besitzer, dessen Eigentum mit Gewehren und Gefängnissen geschützt wurde. Aber er würde es überhaupt vermeiden, sich in Beweisführungen einzulassen. Er geht vorsichtig aus dem Wege, allen den Steinen und Steinchen, über die man so leicht stolpern kann, wenn man seine Augen nach allen Seiten offen halten muß. Was kann Howard machen? Nichts. Versucht er, mit der Polizei oder dem Gericht etwas zu erreichen, dann sitzt er selber drin. Er hat ja eine Mine gegraben und ausgebeutet, ohne die Erlaubnis der Regierung einzuholen. Er hat den Staat und die Nation bestohlen. Wird sich also schön hüten und etwas gegen ihn unternehmen. Und Curtin? Wenn er wirklich leben sollte, was kann er gegen ihn tun? Ebensowenig. Auch er, Curtin, hat den Staat bestohlen, er muß es ja eingestehen, wenn er eine Anzeige machen will. Dobbs hat den Staat nicht beraubt. Es kann ihm niemand beweisen. Mordversuch? Auch das kann Curtin nicht beweisen. Es hat niemand gesehen. Die Schußnarben? Wer weiß, in welcher Schlägerei oder gar in welchem Straßenraub, den er verübt hat, er die Wunden bekommen haben mag. Dobbs ist jetzt ein feiner, eleganter, wohlhabender Herr, der sich einen teuren Anwalt mieten kann. Ihm glaubt man, wenn er mit vornehmer wegwerfender Geste erklärt, die beiden andern seien Straßenräuber. Man braucht sie ja nur anzusehen und außerdem haben sie ja den Staat bestohlen. Er wird das schon drehen. An ihn können sie nicht heran, nicht wenn er unter dem Schutz des Gesetzes steht. Es ist doch gut, daß es Gesetze gibt.

Nur hier, ehe er die Station erreicht, ehe er in die schützenden Arme des Gesetzes sich bergen kann, können die beiden etwas gegen ihn unternehmen. Aber die sind weit und morgen ist er in Sicherheit. Vielleicht finden sie ihn rein zufällig später einmal irgendwo, in den States oder in Kuba oder in Mexiko oder gar in Europa. Sie können ihm natürlich dreist ins Gesicht hinein schreien, daß er ein Raubmörder, ein Straßenräuber, ein ganz infamer Schuft sei. Das können sie tun. Dagegen ist man wehrlos. Er wird sich nichts daraus machen. Oder wenn sie es zu bunt treiben, dann bringt er eine Anklage gegen sie ein wegen Verleumdung und Beschimpfung. Denn das ist eine Verleumdung, weil kein Richter in einem zivilisierten Lande glauben wird, daß solche Dinge geschehen könnten irgendwo auf der Erde. Jetzt nicht mehr, heute nicht mehr. Das war vor hundert Jahren, vor fünfzig vielleicht noch möglich. Heute nicht mehr. Nirgends auf der Erde. So abgelegene und ungeschützte Gegenden gibt es nicht mehr. Das weiß jeder Richter. Er lacht darüber. Und dann muß der Verleumder tüchtig Strafe zahlen oder ins Gefängnis gehen, denn Dobbs ist ein ehrenwerter und vermögender Mann, der sich sein Geld durch gesetzliche Spekulationen erworben hat.

Der Alte oder Curtin können ihn natürlich meuchlerisch umbringen. Das können sie, dagegen ist man trotz aller Gesetze wehrlos. Aber dann werden sie gehenkt oder kommen in den elektrischen Stuhl. Das wissen sie vorher, und darum werden sie es schön bleiben lassen.

Da bellt wieder eine Lokomotive durch die Nacht. Es ist für Dobbs, als höre er Musik. Die Musik des Geborgenseins.

Merkwürdig, daß Curtin gar nicht schrie, als er ihn niederschoß, daß er nicht stöhnte, nicht wimmerte, nicht röchelte, nicht seufzte. Nichts, nichts. Er brach zusammen wie ein gefällter Baum. Schlug lang hin und war tot. Nur das Blut quoll und preßte sich dick und zähe durch das Hemd. Das war die einzige Bewegung. Und als Dobbs mit dem brennenden Ast ihn beleuchtete und erwartete, daß er ein Grauen empfinden würde, sah er nur das weiße starre Gesicht. Er hätte sich auch gar nicht grauen können, denn Curtin lag so komisch verrenkt da, daß Dobbs beinahe gelacht hätte über die groteske Verrenkung des Körpers.

Und Dobbs lachte nun vor sich hin. Er fand es so komisch, alles, wie Curtin hingeschlagen war, wie er da so stumm lag, und wie ein ganzes Leben so mit einem leisen Bewegen des Abzuges eines Revolvers für immer ausgelöscht ist.

Wo kann nur der Leichnam sein? Verschleppt? Gefunden und in Sicherheit gebracht? Von einem Löwen oder einem Jaguar fortgezerrt? Das hätte er aber sehen müssen. Vielleicht war er nicht tot?

Dobbs wurde unruhig. Er begann zu frieren. Er schürte im Feuer herum. Dann drehte er sich um und sah über die kahlen Flächen, dann hinüber in das Gesträuch. Endlich mußte er aufstehen. Er ging umher. Er redete sich ein, daß er es tun müsse, um sich zu erwärmen. Aber in Wahrheit tat er es, weil er so leichter nach allen Seiten beinahe zugleich sehen konnte. Zuweilen glaubte er, daß er jemand heranschleichen sehe. Dann wieder meinte er zu hören, wie jemand sich dem Feuer nähere. Und dann plötzlich hatte er das Gefühl, daß jemand ganz dicht hinter ihm stände, daß er eben dessen Atem an seinem Ohr verspürt habe, und daß die Spitze eines langen Messers in seinen Rücken ziele. Mit einem kurzen Ruck sprang Dobbs vorwärts und drehte sich um, den Revolver gezogen. Aber er sah nichts. Er sah nichts weiter als die dunklen Schatten der Esel, die gelangweilt grasten oder sich gelegt hatten.

Dobbs entschuldigte sich gegenüber, daß man immer auf seiner Hut sein müsse, und daß ein solches Gebaren durchaus nicht lächerlich sei und mit Furcht oder gar Gewissen nichts zu tun habe. Wer so allein in der Wildnis ist und wertvolles Gut mit sich führt, ist immer etwas nervös. Das ist ganz natürlich. Und wer das nicht eingesteht, der betrügt sich nur selbst. Er schlief in dieser Nacht nicht ganz so gut wie in der vorhergegangenen. Aber er wußte auch gleich die Ursache. Es war nur darum, weil er zu sehr übermüdet war. Der Abmarsch am Morgen verzögerte sich, weil einige Esel weit abgestrichen waren und eingeholt werden mußten. Dobbs war zu nachlässig gewesen, als er die Knebel festlegte. Er verlor volle zwei Stunden.

Der Weg wurde besser, und gegen zwölf Uhr konnte Dobbs ausrechnen, daß er in drei Stunden in Durango sein würde. Es war nicht seine Absicht, gleich mitten in die Stadt zu gehen, sondern er wollte an der ersten Fonda, die er am Rande der Stadt traf, halten und abladen. Dort wollte er mit dem Besitzer der Fonda verhandeln, daß er ihm Käufer für die Tiere besorgen möge, falls er sie nicht vielleicht gleich selbst zu einem billigen Preise übernehme, um ein gutes Geschäft zu machen. Dann würde er alles übrige Gepäck, also die Säcke mit dem allein wichtigen Gut, auf einen Wagen verladen und zur Expreßgutstelle fahren lassen. Das würde dann in keiner Weise auffallen. Deklarieren könne er leicht als trockne Felle. Er bezahlt die Höchstrate für Handelsware, dann kümmert sich niemand mehr darum.

Der Weg wurde ungemein sandig und staubig. Die eine Seite des Weges war offen. An der andern Seite aber erhob sich eine Wand von trocknem, brüchigem Lehm und bröckelndem, zerfasertem und ausgewettertem Stein. Dorniges Gesträuch und Magueypflanzen standen müde, durstig und mit dickem Staub bedeckt an einigen Stellen am Wege.

Wenn sich der Wind erhob, oder wenn eine Bö gezogen kam, so standen dicke Wolken erstickenden Staubes in der Luft. Sie erschwerten das Atmen. Und der Sand spreute in die Augen, daß sie schmerzten und für einige Minuten zu erblinden schienen. War die Bö vorübergefegt, so stand die Luft still, schwer, eisern und lastend über dem Lande. Dann kochte und glühte die Luft, und der Staub sengte und röstete die Haut. Die Erde, seit Monaten wartend auf den Regen, konnte die auf ihr lastende Gewalt der Sonne nicht ertragen, und sie warf das Leuchten zurück zur Höhe in quälender Brunst. Das glastende Flimmern des wuchtenden Sonnenlichtes hieb Menschen und Tieren in die Augen und in das Hirn, daß sie sich taumelnd dahinschleppten, die Augen schlossen und nichts mehr denken konnten als das Ende dieser Pein.

Die Esel torkelten mit halbgeschlossenen Augen weiter. Keiner streute, keiner brach aus. Sie gingen wie Apparate. Sie bewegten kaum den Kopf. Auch Dobbs hatte die Augen zu. Wenn er sie nur ganz schmal öffnete, hieb die sengende Flut des grellen Lichts in sie hinein, daß er glaubte, die Augäpfel müßten ihm verbrennen mit einem Husch.

Durch einen schmalen Ritz in den Augen sah er dann einige Bäume am Wege stehen. Er dachte, daß er hier ein wenig halten wolle, fünf Minuten oder zehn, um sich eine Weile gegen den Baumstamm lehnen zu können, den Schatten zu fühlen und die Augen aufzumachen, um sie zu erholen. Die Esel werden ja leicht stehenbleiben und zufrieden sein, einen Augenblick rasten zu können im Schatten.

Er kam zu den Bäumen, lief nach vorn, wendete den führenden Esel, und der Zug stand. Die Esel drängten sich von selbst in den Schatten und blieben ruhig. Dobbs ging zum Wassersack, spülte sich den Staub aus dem Munde und trank.

„Keine Zigarette, Mensch?“ hörte er da jemand sprechen.

Er zuckte zusammen. Seit Tagen die erste menschliche Stimme, die an sein Ohr klang.

Im ersten Augenblick, als er sprechen hörte, dachte er an Curtin, dann sofort an Howard. Aber dann begriff er, noch in derselben Sekunde, daß es spanisch war, und daß es also keiner seiner beiden Genossen sein könne. Er wendete den Kopf und sah unter einem der nächsten Bäume drei Männer liegen. Sie waren völlig zerlumpte und heruntergekommene Mestizen. Leute, die vielleicht vor langer Zeit bei irgendeiner Minengesellschaft gearbeitet hatten und nun seit vielen Monaten ohne Arbeit waren. Sie trieben sich hier draußen in der Nähe der Stadt herum, schliefen, faulenzten, bettelten, und wenn sie irgendwo einen kleinen Diebstahl verüben konnten, betrachteten sie das als eine Fügung Gottes, der keinen Spatz verhungern läßt, auch wenn er weder pflügt noch sät.

Vielleicht auch waren sie ausgebrochene Sträflinge, oder sie wurden einer verunglückten Sache wegen gesucht und verbargen sich hier, bis ihnen ein Bart gewachsen war und sie hoffen durften, zurück in die Stadt zu gehen, ohne erkannt zu werden. Was die Stadt nicht einmal auf ihrem Kehrichthaufen duldet, das treibt sich draußen an den Wegen, die zur Stadt führen, herum. Eine gute Strecke weiter draußen als da, wo die verrosteten Konservenbüchsen, die zerbrochenen Flaschen, die durchlöcherten Emailletöpfe, die zerbeulten Eimer, die vergilbten Zeitungsfetzen und all der übrige Speichel beginnt, den eine zivilisierte Stadt täglich auswirft. Es ist in den Tropen nicht besser denn anderswo. Kein Tier erzeugt soviel Unrat und Kot wie der zivilisierte Mensch; und den Unrat, den er täglich erzeugt, zu beseitigen, kostet ihn ebensoviel Mühe, Arbeit und Nachdenken wie die Anfertigung und der Verbrauch der Dinge, die er nötig zu haben glaubt.

Dobbs war ja lange genug im Lande, um zu wissen, daß er sich nun in einer der verteufeltsten Lagen befand, die er je erwartet hatte. Diesen Auswurf der Städte kannte er. Das waren die Leute, die nichts zu verlieren hatten, hier in einem Sinne, der sich auf keine andre Menschenschicht anwenden läßt.

Er dachte jetzt, daß er einen bösen Fehler begangen hatte, vom Wege abzuweichen, um hier eine Viertelstunde im Schatten zu rasten. Sicherer war er auf dem Wege auch nicht, aber er war nicht ganz so in der Falle wie augenblicklich.

„Eine Zigarette habe ich nicht. Habe selber seit zehn Monaten keine mehr gekostet.“

Das klang sehr gut. Er sagte damit gleichzeitig, daß er selbst ein armer Teufel sei, der sich nicht einmal eine Zigarette kaufen könne.

„Aber ich habe etwas Tabak noch übrig“, fügte er hinzu.

„Papier zum Rollen?“ fragte einer der Männer.

Die Männer lagen noch ruhig und faul am Boden. Alle hatten sich ihm zugewendet, einer halb sitzend, einer auf einen Arm gestützt, und der andre lang auf dem Bauche liegend und den Kopf träge zur Seite geneigt, um Dobbs anzusehen.

„Ein Stück Zeitungspapier habe ich“, sagte Dobbs.

Er zog den Tabaksbeutel, brachte ein Stück Papier aus der Tasche und reichte es dem, der ihm am nächsten lag, hinunter; denn der bemühte sich nicht, aufzustehen, um den Tabak anständig in Empfang zu nehmen.

Alle rissen ein Stück Papier ab und schütteten den Tabak auf. Dann rollten sie die Zigaretten, und der vorderste gab den Tabakbeutel zurück.

„Cerillos? Zündhölzer?“ fragte der eine, der den Beutel zurückgab.

Dobbs griff in die Tasche und brachte die Zündhölzer hervor. Auch die Schachtel mit den Zündhölzern gaben die Leute wieder zurück.

„Nach Durango?“ fragte einer.

„Ja, ich will die Esel verkaufen. Ich brauche Geld. Ich habe nichts.“

Das war eine kluge Antwort, dachte Dobbs, jetzt wissen sie schon, daß ich nichts in der Tasche habe.

Alle drei lachten auf. „Geld. Das ist es gerade, was wir auch brauchen, was, Miguel? Da warten wir drauf, auf das Geld.“

Dobbs lehnte gegen einen Baum so, daß er die drei im Auge behalten konnte. Er stopfte sich jetzt seine Pfeife und zündete sie an. Jede Müdigkeit war vergangen. Er suchte nach einem Auswege. Ich könnte sie vielleicht als Treiber mieten, dachte er, dann fällt es gar nicht auf, wenn ich in die Stadt komme; es ist besser, als wenn ich ganz allein mit der Karawane ankomme. Dann sind sie sicher, sie haben Arbeit, erwarten jeder einen Peso, und da vergessen sie andre Absichten. Sie fühlen dann schon das Essen im Magen und ein paar Gläser Tequila.

„Ich könnte zwei oder drei Treiber gebrauchen“, sagte er.

„Könntest du?“ lachte einer.

„Ja, die Esel machen mir zu schaffen. Sie halten nicht zusammen.“ „Was willst du denn zahlen?“ fragte ein andrer.

„Einen Peso.“

„Allen drei oder jedem?“

„Jedem. Freilich erst, wenn wir in der Stadt sind und ich dort Geld einkassiert habe, jetzt habe ich keinen Centavo in der Tasche.“

Wieder dachte Dobbs, wie klug und deutlich die Antwort sei.

„Bist du denn ganz allein?“ fragte nun der, der sich auf den Arm gestützt hatte.

Was soll ich antworten, dachte Dobbs. Um aber nicht zu lange auf eine Antwort warten zu lassen und dadurch Verdacht zu erregen, sagte er: „Nein, ich bin nicht allein. Es kommen zwei andre meiner Freunde hinter mir auf dem Wege, mit den Pferden.“

„Das ist merkwürdig, Miguel, meinst du nicht auch?“ sagte der, der lang ausgestreckt auf dem Bauche lag.

„Ja,“ gab Miguel zu, „das ist wirklich merkwürdig. Geht hier ganz allein mit seiner großen Karawane und läßt seine Freunde auf Pferden hinterherkommen.“

„Siehst du die Freunde kommen, auf den Pferden?“ fragte der, der den Kopf aufgestützt hatte.

„Will mal zusehen“, erwiderte der Ausgestreckte. Er erhob sich langsam, trat aus den Bäumen heraus und sah den Weg hinauf, den man in der Ferne besser übersehen konnte als gerade in der letzten Strecke.

Er kam zurück und sagte: „Die beiden Freunde mit den Pferden sind noch weit hinterher. Sicher eine Stunde weit. Das ist merkwürdig, Miguel, meinst du das nicht auch?“

„A decir verdad,“ sagte Miguel, „ich denke auch, das ist sehr merkwürdig. Was hast du denn da alles geladen?“ fragte er dann, stand auf und ging zu einem der Esel.

Mit der geballten Hand klopfte er die Packen ab.

„Felle, scheint es“, sagte er.

„Ja, auch Felle“, gab Dobbs zu. Er fühlte sich immer unbehaglicher und dachte an Aufbruch.

„Tiger?“

„Ja,“ sagte Dobbs leichthin, „es ist auch Tiger dabei.“

„Bringen schönes Geld“, meinte Miguel mit sachverständiger Miene und trat von dem Esel wieder zurück.

Um seine Unbehaglichkeit zu verbergen, ging Dobbs nun zu einem Esel und zog die Gurten fester, obgleich es gar nicht nötig war. Dann ging er zu einem andern und rüttelte an den Packen, als ob er sich davon überzeugen müsse, daß sie fest genug sitzen. Hierauf zog er seinen Gürtel an und zerrte die Hosen höher, als ob er sich zur Weiterreise fertigmache.

„Werde ich wohl – ja, da muß ich wohl nun wieder weiter, um noch vor Abend in der Stadt zu sein.“ Er klopfte dabei seine Pfeife an seinem hochgehobenen Stiefelabsatz aus, als er das sagte. „Wer will denn als Treiber mitgehen nach Durango?“ Er sah sich um, umkreiste aber gleichzeitig die Esel, um sie zusammenzuholen.

Keiner der Burschen gab eine Antwort. Sie sahen sich an und wechselten Blicke miteinander. Einen der Blicke fing Dobbs auf, und er stieß einen der Esel an, um ihn in Gang zu bringen. Der Esel trottete los, und ein andrer folgte ihm träge. Die übrigen aber blieben stehen und nagten an dem Gras. Dobbs ging zu einem andern Esel und rief ihm zu. Auch der begann abzutrotten.

Die Männer waren aufgestanden. Sie schlenderten zwischen die noch stehenden Esel und drängten sie, scheinbar unabsichtlich, zurück oder stellten sich so, daß die Esel nicht folgten, sondern wieder stehenblieben, wenn sie schon einen Schritt gemacht hatten.

Dann aber begannen sie unruhig zu werden, als sie sahen, daß die Spitze marschierte und schon auf dem Wege war, und sie drängten die Männer zur Seite, um Platz zu bekommen. Aber die Männer wurden nun lebhaft und griffen den Eseln dreist in die Leinen und hielten sie fest.

„Weg da von den Eseln!“ schrie Dobbs erbost.

„Was da?“ sagte Miguel frech mit vorgestrecktem Kopf. „Die können wir so gut verkaufen wie du, die werden nicht schlechter dadurch, daß wir sie verkaufen.“

Die beiden andern lachten und packten noch einen zweiten Esel.

„Weg da von den Eseln, sage ich noch einmal!“ schrie Dobbs mit erhöhter Stimme. Er sprang einen Schritt zurück und zog den Revolver.

„Mit deinem Eisen da kannst du uns nicht erschrecken,“ höhnte einer, „uns nicht. Du kannst nur einen schießen, und dem ist es ohnehin gleichgültig.“

„Zurück und die Esel los!“ schrie Dobbs.

Dann schoß er auf den nächsten. Es war Miguel. Aber der Revolver klickte nur kalt und hart. Dreimal, fünfmal, siebenmal klickte der Revolver. Kein Schuß krachte. Dobbs starrte, und die Männer starrten. Sie vergaßen vor Erstaunen zu lachen oder zu höhnen.

Aber einer bückte sich und ergriff einen schweren Stein.

Eine Sekunde nur folgte, eine kurze Sekunde. In dieser Sekunde jedoch kamen die Gedanken so schnell auf Dobbs ein, daß er, selbst in dieser kurzen Sekunde, wo es sich um sein Leben entschied, noch denken mußte, wie es nur möglich sei, daß man in einer Sekunde so viel denken könne. Sein erster Gedanke war, wie es geschehen konnte, daß der Revolver versagte. Aber da kam eine ganz lange Geschichte in sein Bewußtsein. In jener Nacht, wo er Curtin erschoß, hatte er sich an den schlafenden Curtin geschlichen, dessen geladenen Revolver gezogen und ihn später mit diesem Revolver niedergeschossen. Curtin hatte beide Revolver in den Taschen gehabt, seinen eignen und den des Dobbs. Da beide Revolver gezeichnet waren und Howard die Revolver hätte nennen können, warf Dobbs den Revolver Curtins, mit dem er die Schüsse getan hatte, zu dem Leichnam, als er ihn das zweite Mal aufsuchte und ihm den zweiten Schuß gab. Den eignen Revolver aber steckte er zu sich. So gewann es den Anschein, falls Curtin gefunden wurde, als sei er angegriffen worden und habe sich verteidigt. Der Revolver des Dobbs hatte ein andres Kaliber, aus seinem Revolver konnten die Schüsse nicht gefeuert worden sein. Dobbs hatte nur eins vergessen. Als er seinen eignen Revolver wieder an sich nahm, vergaß er, ihn zu laden. Er hatte es vergessen, daß in jener Nacht, als Curtin ihm den Revolver abnahm, Curtin den Revolver entladen hatte. Unter allen andern Gedanken, die ihn während der letzten Tage so viel beschäftigten, hatte er nicht einmal daran gedacht, daß der Revolver noch immer ungeladen sei.

Immer noch in derselben Sekunde dachte jetzt Dobbs an eine andre Waffe. Er stand dicht bei einem der Esel, an dessen Packen ein Machete gebunden war. Er griff zu, um den Machete zu ziehen und sich damit zu verteidigen. Das wäre ihm auch gelungen. Er hätte, den Machete in der Hand, vielleicht Zeit gefunden, den Revolver zu laden, denn er hatte einige Patronen lose in der Hemdtasche.

Aber da war die Sekunde zu Ende, und der Stein sauste an seinen Kopf. Er sah ihn kommen, konnte aber den Kopf nicht rasch genug abwenden, weil er seine letzten Gedanken ganz auf den Machete gerichtet hatte.

Der Stein streckte ihn nieder, mehr durch die Wucht und den Anprall als durch die Verletzung.

Ehe er jedoch Zeit gewann, wieder aufzuspringen, war Miguel schon am Machete, auf das er durch die Bewegung des Dobbs erst aufmerksam geworden war. Mit einem gewandten Griff zog er den Machete aus der langen Lederscheide, sprang zu dem liegenden Dobbs, und mit einem kräftigen, kurz und sicher ausgeholten Hieb schlug er Dobbs den Kopf glatt vom Nacken.

Nicht so sehr erschreckt als vielmehr verblüfft über diese rasche Tat starrten alle drei auf den Leichnam. Die Augen des Kopfes, der nur um die Breite des Machete vom Rumpfe entfernt lag, zuckten nervös und blieben dann im scharfen Ruck zu dreiviertel geschlossen stehen. Beide Hände spreizten sich lang aus und krampften sich fest zusammen. Das taten sie mehrere Male. Dann, nachdem sie das letztemal die Nägel in die eignen Handflächen gepreßt hatten, lösten sie sich sanft und starben, halb geöffnet.

„Das hast du getan, Miguel“, sagte einer der beiden andern halblaut und kam näher.

„Halt dein Maul“, rief Miguel wütend und drehte sich so rasch nach dem Sprecher um, als wolle er ihn auch erschlagen. „Das weiß ich selber, wer ihm eins draufgewichst hat, du Hänfling. Wenn es herauskommt, werdet ihr beide genau so gut erschossen wie ich. Das wißt ihr doch, oder soll ich es den Gendarmen erzählen. Bei mir macht es sowieso keinen Unterschied aus und ich bin eure Pflegemutter nicht.“

Er betrachtete den Machete. Es war nur ganz wenig Blut daran. Er rieb ihn ab an dem Baume und dann schob er ihn wieder in die Scheide.