Die Esel, die sich ja im allgemeinen nicht so in die Angelegenheiten der Menschen zu mischen pflegen, wie die Hunde es so gern tun, waren lässig abmarschiert. Da sie viel klüger sind, als Menschen, die nie etwas mit Eseln zu tun haben, gemeinhin glauben, so marschierten sie auf dem richtigen Wege immer auf Durango zu.
Die Männer hatten in ihrer Erregung die Esel ganz vergessen. Sie nahmen dem Leichnam die Hosen und die Stiefel ab und zogen die Sachen gleich an. Viel Wert hatten weder die Hosen noch die Stiefel; denn sie hatten die letzten zehn Monate mehr getan, als man von solchen Dingen erwartet. Dennoch waren sie, verglichen mit den Fetzen, die jene Männer trugen, wahre Prachtstücke.
Das Hemd aber wollte niemand haben und niemand wollte es anziehen, obgleich alle drei an Stelle der Hemden etwas trugen, von dem man schwer hätte sagen können, welches die kompaktere Masse war, die Löcher oder die darumhängenden Fetzen.
„Warum willst du denn das Hemd nicht nehmen und anziehen, Ignacio?“ fragte Miguel, während er mit dem Fuße gegen den Leichnam stieß, der jetzt nichts weiter anhatte als das mürbe getragene Khakihemd.
„Ist nicht viel wert“, erwiderte Ignacio.
„Du hast Grund, so etwas zu sagen, du Hund, du dreckiger“, sagte Miguel darauf. „Gegen das deine betrachtet ist es besser als neu.“
„Ich mag es nicht“, meinte nun Ignacio und wandte sich ab. „Es ist zu nahe am Halse. Warum nimmst du es denn nicht?“
„Ich?“ fragte Miguel und zog wütend die Stirne hoch, „ich ziehe nicht das Hemd an, das so ein Hund von einem Gringo warm am Leibe gehabt hat.“
Die Wahrheit aber war, daß das Hemd auch für Miguel zu nahe am Halse des Leichnams war. Es hatte zwar keine Blutflecken, aber trotzdem wollte es keiner anziehen. Sie hatten das Vorgefühl, daß sie sich in dem Hemde nicht wohlfühlen könnten. Sie vermochten das Gefühl nicht zu erklären und gaben sich alle damit zufrieden, daß das Hemd eben zu nahe am Halse sei, und daß es darum als Wertgegenstand nicht mehr in Betracht kommen könne.
„Der Schurke wird ja wohl in seinem Packen noch ein paar andre Hemden haben“, sagte Ignacio.
Miguel fuhr ihn sofort an. „Da wartest du erst einmal, bis ich nachgesehen habe, und was dann übrigbleibt, da können wir darüber sprechen.“
„Bist du hier vielleicht der Hauptmann?“ schrie nun der dritte, der die letzten Minuten scheinbar uninteressiert, gegen einen Baum gelehnt dagestanden hatte. Er hatte guten Grund, uninteressiert zu scheinen, denn er hatte sich die Hosen angeeignet, während Miguel die Stiefel genommen hatte. Nur Ignacio war leer bei dieser Teilung ausgegangen, weil er das Hemd nicht gemocht hatte.
„Hauptmann?“ brüllte Miguel erbost. „Hauptmann oder kein Hauptmann, was hast du denn bis jetzt getan?“
„Habe ich ihm denn nicht den Stein an den Schädel gefeuert?“ prahlte der dritte. „Du hättest dich ja sonst nicht an ihn gewagt, du Cobarde.“
„Du mit deinem Stein,“ höhnte Miguel, „das war gerade wie ein Zahnstocher. Wer von euch beiden räudigen Katzen hätte sich denn herbeigemacht und ihm den Rest gegeben? Ihr Jammerfetzen, die ihr seid. Und damit ihr es wißt, gleich jetzt, den Machete kann ich auch noch ein zweites Mal gebrauchen und auch noch ein drittes Mal, für euch beide. Ich werde euch nicht um eure Erlaubnis fragen.“
Er wendete sich um und wollte zu den Packen gehen.
„Wo sind denn die Esel hin, verflucht noch mal?“ rief er erstaunt.
Erst jetzt kam es allen ins Bewußtsein, daß die Esel abmarschiert waren.
„Nun aber nach und die Biester eingeholt, sonst kommen sie in die Stadt, und wir haben gleich darauf die Schwärme von Gendarmen hier herumsausen“, rief Miguel.
Die Männer machten sich auf und rannten dem Zuge nach. Sie hatten gut zu laufen, denn die Esel, die hier kaum ein trockenes Hälmchen am Wege fanden, das sie aufgehalten hätte, waren munter vorangetrottet. Es dauerte mehr als eine Stunde, ehe die Männer mit den Tieren wieder zurück bei den Bäumen waren.
„Wir werden ihn besser einscharren,“ sagte Miguel, „sonst schwärmen die Geier herum, und jemand, der nichts Besseres zu tun weiß, könnte nachsehen kommen, was die Geier hier gefunden haben.“
„Ja, willst du denn vielleicht einen Zettel mit deinem Namen bei ihm zurücklassen?“ fragte Ignacio höhnisch. „Es kann uns doch gleichgültig sein, ob man das Aas findet oder nicht. Er wird es nicht mehr erzählen, wen er zuletzt getroffen hat.“
„Du bist aber schlau, mein Hühnchen“, sagte Miguel. „Wenn man den Hund findet und bei uns seine Esel, dann kannst du nichts mehr abstreiten. Aber wenn man bei uns die Esel findet und nirgends den Kadaver, da soll dir erst mal einer beweisen, daß du dem Gringo in die Hölle verholfen hast. Wir haben die Esel von dem Gringo gekauft. Aber wenn man das findet, was noch von ihm übrig ist, glaubt dir niemand, daß du die Esel gekauft hast. Also los an die Arbeit.“
Und mit demselben Spaten, mit dem Dobbs den Curtin einzugraben gedacht hatte, wurde er nun selbst eingescharrt. Es ging sehr rasch. Die Männer machten sich nicht viel Mühe. Sie taten gerade das Allernotwendigste und überließen die Arbeit den Ameisen und den Würmern.
Dann machten sie sich auf und trieben den Zug wieder ins Gebirge zurück, weil sie sich zur Stadt nicht wagten, einmal aus persönlichen Gründen, dann aber auch, weil sie dachten, sie möchten dort jemand begegnen, der den Zug kannte und erwartete. Es war auch recht gut möglich, daß Dobbs die Wahrheit gesagt hatte und wirklich noch zwei Männer mit Pferden auf seinem Wege folgten. Denn es schien ihnen in der Tat sehr unwahrscheinlich zu sein, daß Dobbs den ganzen Zug allein geführt haben sollte. Und um zu vermeiden, jenen Männern, die vielleicht existierten, zu begegnen, bogen sie von dem Wege, den Dobbs ihrer Rechnung nach gekommen war, ab und zogen auf einem andern Maultierpfade hinauf ins Gebirge.
Als sie wieder im Busch waren, konnten sie ihre Neugier nicht länger zurückhalten. Sie wollten wissen, wie groß die Beute sei und welche guten Dinge in den Packen waren.
Es war dunkel geworden, und der Busch machte den Platz, wo sie nun hielten, um hier zu übernachten, noch dunkler. Um ihren Aufenthalt nicht zu verraten, solange sie noch in dieser Gegend waren, unterließen sie es, Feuer anzuzünden.
Sie wurden geschäftig. Sie luden die Tiere ab und begannen die Packen aufzuschnüren. Da war noch eine Hose und noch zwei Paar leichte Schuhe. Da war auch Kochgeschirr, aber nur noch eine Handvoll Bohnen und eine Faustvoll Reis.
„Scheint wirklich nicht so ein reicher Bursche gewesen zu sein“, sagte Ignacio. „Hatte es sehr nötig, zur Stadt zu kommen.“
„Geld hat er auch nicht gehabt“, knurrte Miguel, während er den Packen, den er aufgeschnürt hatte, durchsuchte. „Hatte gerade noch siebzig Centavos in der Hosentasche, der Schurke. Vom Besten sind die Felle auch nicht, die er hier hat. Werden kaum ein paar arme Pesos bringen.“
Dann kam er zu den Säckchen.
„Was hat er denn hier? Sand, wahrhaftig Sand. Möchte wissen, wozu er den Sand hier mit sich herumschleppt, in lauter kleinen Säckchen?“
„Das ist ganz klar“, sagte Ignacio, der nun ebenfalls die Säckchen in seinem Packen fand. „Ist durchaus klar. Der Bursche war ein Ingenieur von einer Mining Company. Der hat hier im Gebirge herumgesucht und bringt nun die Sandproben mit zur Stadt, damit sie dort im Bureau von den andern Ingenieuren und Chemikern untersucht werden. Dann wissen die amerikanischen Kompanien gleich, wo sie Land abstecken können.“
Er schüttete die Säckchen alle aus. Auch Miguel schüttete den Inhalt der Säckchen, die in seinen Packen waren, aus, und als er sah, daß die Säckchen nur wertlose abgerissene Fetzen waren, verfluchte er Götter, Teufel und alle Gringos. Es war so dunkel geworden, daß sie den Charakter des Sandes selbst dann nicht hätten erkennen können, wenn sie mehr darüber gewußt hätten.
Auch Angel, der dritte, fand die Säckchen in seinem Packen. Er gab ihnen eine andre Deutung. Er sagte: „Der Bursche war ein echter amerikanischer Schwindler und Betrüger, das kann ich euch sagen. Die Säckchen hat er alle so schön zwischen den Fellen versteckt gehabt und dann die Felle dicht verschnürt. Wißt ihr warum? Der hat die Felle in Durango nach Gewicht verkaufen wollen, und damit sie mehr wiegen sollten, hat er den Sand dazwischengesteckt, und damit der Sand nicht herauskommen sollte, darum hat er ihn in kleine Säckchen gesteckt. Der hätte die Felle am Abend verkauft, und am nächsten Morgen, ehe der Käufer den Schwindel gemerkt hätte, war der Vogel fortgeflogen mit der Bahn. Dem haben wir den Schwindel schön verdorben, diesem Hund.“
Und Miguel und Ignacio fanden, daß dies die beste Erklärung für den Sand sei, und sie beeilten sich, ihn loszuwerden.