WeRead Powered by ReaderPub
Der Schatz der Sierra Madre cover

Der Schatz der Sierra Madre

Chapter 24: 23
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The narrative follows a group of characters, primarily focusing on their desperate quest for wealth in the Sierra Madre mountains. The story explores themes of greed, survival, and the harsh realities of human nature as the characters navigate the challenges of mining for gold. It delves into the moral dilemmas faced by individuals driven by the desire for riches, highlighting the impact of wealth on relationships and personal integrity. The setting serves as a backdrop for the exploration of ambition and the consequences of pursuing material gain, ultimately reflecting on the futility and dangers of such pursuits.

23

och in der Nacht packten sie auf und zogen weiter. Am Nachmittag kamen sie in ein Dorf, und sie fragten einen Indianer, den sie vor seinem Hause trafen, ob er niemand wüßte, der Esel kaufen würde, sie hätten die Absicht, einige der Esel zu verkaufen, weil sie keine Verwendung für sie hätten. Der Indianer sah sich die Esel an, ging um sie herum, sah nach den Brandzeichen, dann sah er sich die Packen an, dann sah er unauffällig auf die Stiefel des Miguel und auf die Hosen des Angel, als ob er willens sei, das alles zu kaufen. Endlich sagte er: „Ich kann keine Esel kaufen, ich habe jetzt kein Geld. Aber mein Onkel, der kauft vielleicht die Esel. Der hat auch Geld genug dazu, ich habe keins. Ich will euch zu meinem Onkel führen, und mit dem könnt ihr verhandeln.“

Das ging ja leicht, dachten die drei Halunken, denn für gewöhnlich kann man in ein halbes Dutzend Indianerdörfer gehen, ehe man jemand findet, der einen Esel kauft. Meist haben die Leute ja kein Geld, und ein Peso bedeutet schon eine große Summe für sie.

Nach einigen hundert Schritten kamen sie zu dem Hause des Onkels. Das Haus war, gleich den meisten der übrigen Häuser, aus getrockneten Lehmziegeln gebaut und mit Gras gedeckt. Es befand sich an dem großen Dorfplatze, wo der Markt, die Unabhängigkeitsfestlichkeiten, die Revolutionserinnerungsfeiern und die politischen Versammlungen abgehalten werden. In der Mitte des Platzes war ein bescheidener Pavillon errichtet, wo die Musik zu spielen pflegte, wenn eine öffentliche Festlichkeit war, und wo sich auch die Redner hinzustellen hatten, wenn sie eine Ansprache halten wollten. Von diesem Pavillon aus sprachen auch die Führer der Gesundheitskommissionen, wenn sie aufs Land kamen, um die indianische Bevölkerung über Gesundheitspflege und Kinderfürsorge zu unterrichten. Die Arbeiterregierung leistet auf diesen Gebieten mehr als alle Regierungen seit der Ankunft der ersten Spanier zusammengenommen.

Der Indianer ging in das Haus seines Onkels, um mit ihm über den Ankauf der Esel zu sprechen. Es dauerte nicht lange, da kam der Onkel heraus und ging auf die drei Wegelagerer zu, die sich im Schatten der paar Bäume, die in der Nähe des Hauses standen, niedergehockt hatten.

Der Onkel war ein älterer Mann, grauhaarig schon, aber fest und sehnig. Sein kupferbraunes Gesicht war straff, und seine schwarzen Augen glänzten wie die eines Knaben. Das strähnige Haar trug er ziemlich lang und seitlich nach hinten gestrichen. Er kam sehr aufrecht und langsam auf die Männer zu. Er grüßte und trat dann sofort zu den Eseln, um sie zu prüfen. „Sehr gute Esel, Senjor,“ sagte Miguel, „sehr gute, verdad, die können sie nicht besser auf dem Markt in Durango kaufen.“

„Das ist wahr,“ sagte der Onkel, „es sind gute Esel. Freilich, ein wenig abgearbeitet und ein wenig hungrig. Ihr habt wohl eine weite Reise gemacht?“

„Oh, nicht so weit, kaum zwei Tage“, mischte sich Ignacio ein.

Miguel stieß ihn in die Rippen und sagte: „Da hat mein Freund hier nicht ganz die Wahrheit gesagt. Wir sind jetzt allerdings nur zwei Tage marschiert, seit dem letzten Ruhetag. Aber in Wirklichkeit sind wir doch schon seit einigen Wochen auf der Reise.“

„Dann ist es ja auch kein Wunder, daß die Esel etwas herunter sind. Die werden wir aber schon wieder auffüttern.“ Als er das sagte, sah er sich die Leute genauer an, ihre Kleidung und ihre verkommenen Gesichter. Er ließ es sich aber nicht anmerken, daß er sie beobachtete, er erweckte vielmehr den Anschein, als ob er sie nur ganz gedankenlos betrachte, während sich sein Geist mit dem Kauf und mit den Zahlen beschäftigte.

„Was sollen sie denn kosten?“ fragte er nun, die Leute immer weiter betrachtend.

„Oh, ich denke,“ sagte Miguel lächelnd und den Kopf vertraulich neigend, „ich denke, daß zwölf Pesos kein zu hoher Preis ist.“

„Für alle?“ fragte der Onkel ganz unschuldig.

Miguel lachte laut auf, als habe er einen guten Witz gehört: „Aber natürlich nicht für alle, ich meine, zwölf Pesos für jeden einzelnen.“

„Das ist ein sehr hoher Preis,“ sagte nun der Onkel geschäftsmäßig, „dafür kann ich sie auch auf dem Markt in Durango kaufen.“

„Wer weiß?“ gab Miguel zur Antwort. „Da sind sie viel teurer, fünfzehn oder gar zwanzig Pesos. Dann müssen Sie sie aber noch heimtreiben.“

„Richtig,“ nickte der Onkel, „aber dann verdienen sie auch schon auf der Reise ihr Geld. Da kann ich Ware mit heimbringen und den Eseln aufpacken.“

Miguel lachte breit aus: „Ich sehe, ich habe es mit einem klugen Geschäftsmann zu tun, und da wollen wir auch nicht so hartnäckig auf unserm Preis bestehen. Mein letztes, mein allerletztes Wort – da schlagen Sie zu, mein allerletztes Wort ist neun Pesos für jeden einzelnen. Ich weiß, Sie haben es auch nicht so dick, und wir haben dieses Jahr eine lange Trockenzeit.“

„Neun Pesos,“ sagte der Onkel ruhig, „das kann ich nicht zahlen. Vier Pesos und nicht einen Centavito mehr.“

„Machen Sie es fünf, und die Esel sind alle Ihr Eigentum“, sagte Miguel und schob die Hände in die Hosentaschen, als ob er das Geld schon im Sack habe.

„Vier Pesos ist mein Gebot“, sagte der Onkel ruhig.

„Sie ziehen mir die Haut über die Ohren, Senjor; aber gut, ich will gewiß nicht selig werden, und blind will ich morgen früh sein, wenn ich Ihnen die Esel nicht in Wahrheit geschenkt habe für einen solchen Preis.“ Das sagte Miguel und sah dabei der Reihe nach vom Onkel zu dem Neffen und dann zu seinen beiden andern Strauchdieben. Die nickten und machten eine traurig sein sollende Miene, um anzudeuten, daß sie soeben ihr letztes Hemd für nichts weggegeben hätten.

Der Onkel nickte nun ebenfalls, aber mit einer Gebärde, als hätte er schon gestern nachmittag gewußt, daß er heute Esel für vier Pesos das Stück kaufen würde.

Er ging wieder zu den Eseln und sagte dann: „Wollt ihr denn die Packen auf euren Rücken weiterschleppen?“

„Ja, richtig, die Packen“, sagte Miguel verblüfft und sah nach seinen beiden Kumpanen; diesmal aber nicht so protzend, wie er es gewöhnlich tat, sondern so, als ob er sie um eine gute Antwort oder einen Rat anflehen wollte.

Ignacio verstand den Blick und sagte: „Die Packen wollen wir auch verkaufen, wir wollen mit der Bahn weiterfahren.“

„Das ist wahr,“ gab Miguel nun geläufig zu, „die verkaufen wir auch. Das war unsre Absicht.“

In Wahrheit hatten sie die Packen ganz vergessen über dem Eselverkauf.

„Was habt ihr denn in den Packen?“ Der Onkel ging wieder näher heran und stieß mit der Faust in einen Packen.

„Felle,“ sagte Miguel, „gute Felle. Auch unser Kochgeschirr und dann noch Werkzeuge. Das Gewehr können Sie uns ja wohl kaum bezahlen, das ist zu teuer.“

„Was sind denn das für Werkzeuge?“ fragte der Onkel.

„Das ist so allerlei,“ erwiderte Miguel, „das sind Spaten und Pickhacken und Brecheisen und alles so etwas.“

„Wie kommt ihr denn zu solchen Werkzeugen?“ fragte der Onkel scheinbar ganz nebensächlich, so als wolle er nur das Gespräch weiterführen.

„Oh – die Werkzeuge – das ist –“ Miguel wurde plötzlich unsicher. Er fühlte ein Unbehagen und mußte ein paarmal schlucken. Auf eine solche Frage war er nicht vorbereitet gewesen.

Dann platzte Ignacio hinein: „Wir haben doch bei einer amerikanischen Minengesellschaft gearbeitet, da kommen wir doch nun gerade her.“

„Jawohl, so ist es“, sagte nun Miguel rasch und warf einen dankbaren Blick zu Ignacio hinüber. Er nahm sich vor, diese Hilfeleistung dem Ignacio nie zu vergessen.

„Dann habt ihr bei der Minengesellschaft diese Werkzeuge also gestohlen?“ sagte der Onkel trocken.

Miguel lachte vertraulich und blinzelte den Onkel an, als ob er mit ihm im Bunde sei. „Nicht gerade gestohlen, Senjor,“ sagte er, „stehlen ist nicht unsre Sache. Wir haben die Werkzeuge nur nicht abgeliefert, als wir unsre letzte Schicht gemacht hatten. Das kann doch niemand stehlen nennen. Wir wollen ja nicht viel dafür haben, vielleicht zwei Pesos für die ganzen Werkzeuge. Nur damit wir sie nicht zur Bahn zu schleppen brauchen.“

„Ich kann die Esel natürlich nicht alle kaufen“, sagte nun der Onkel langsam. „So viele Esel brauche ich gar nicht. Aber ich werde die übrigen Einwohner zusammenrufen lassen. Jeder hat etwas Geld, und dann kann ich euch versprechen, ihr werdet die Esel und auch das übrige Zeug alles leicht los. Ich werde mein Bestes tun. Setzt euch nieder. Wollt ihr Wasser haben oder ein Paket Zigaretten?“

Dann ging Angel ins Haus und kam mit einem Krug Wasser und mit einem Päckchen Supremos heraus.

Der Onkel redete mit seinem Neffen, und der Neffe machte sich auf, die Männer des Dorfes zusammenzurufen.

Die Männer kamen. Alte und Junge. Sie kamen einzeln oder zu zweien. Manche trugen ihren Machete im Gürtel, andre trugen ihn offen in der Hand, wieder andre trugen gar nichts. Sie alle gingen zuerst in das Haus des Onkels und sprachen mit ihm. Dann kamen sie heraus, sahen sich die Esel sehr sorgfältig an und betrachteten darauf die drei Fremden ebenfalls. Sie betrachteten die Verkäufer vielleicht noch sorgfältiger als die Esel, aber sie taten es bei weitem unauffälliger als bei den Eseln. Die Fremden merkten nicht, daß sie so genau besehen wurden, sie hielten es für die übliche Neugier der indianischen Landbevölkerung.

Nach einer Weile kamen auch die Frauen der Männer langsam und ein wenig scheu herangeschlichen. Sie alle brachten ihre Kinder mit. Einige Frauen trugen sie im Tuch über den Rücken geknotet, andre trugen sie auf dem Arm. Die Kinder, die laufen konnten, liefen um ihre Mütter herum wie die Küchlein um die Henne.

Endlich schienen die Männer alle versammelt zu sein; denn es kam keiner mehr. Nur vereinzelte Frauen näherten sich noch langsam dem Hause. Der Onkel trat nun aus dem Hause. Alle die Männer, die noch bis zuletzt mit ihm im Hause gewesen waren, folgten ihm. Sie bildeten eine dichte Gruppe. Aber andre, die schon vorher herausgekommen waren und sich die Esel angesehen hatten, blieben zwischen den Eseln stehen. Dadurch waren die Straßenräuber, ohne es zu bemerken, unauffällig eingeschlossen. Wohin auch immer sie sich wenden mochten, der Rückweg war ihnen abgeschnitten. Und dennoch sah es ganz natürlich aus, denn die Männer waren doch hier, um sich die Esel auszusuchen.

„Der Preis wäre nicht zu hoch,“ sagte der Onkel, „wir wundern uns nur alle sehr darüber, daß ihr so gute Esel so billig verkaufen könnt.“

Miguel zog ein breites Lachen und sagte: „Sehen Sie, Senjor, wir brauchen eben Geld, das ist es, und darum müssen wir verkaufen.“

„Haben die Esel einen Brand?“ fragte nun der Onkel so beiläufig.

„Natürlich,“ sagte Miguel, „alle haben einen Brand.“ Er sah sich um nach den Eseln, um den Brand zu erkennen. Aber die Männer verdeckten die Esel so, daß keiner der Strauchdiebe den Brand sehen konnte.

„Was für einen Brand haben denn die Esel?“ fragte nun der Onkel.

Miguel fing an, sich sehr unbequem zu fühlen, und seine Freunde begannen sich zu drehen und zu wenden, um den Brand zu sehen. Aber die Indianer drängten sie scheinbar unabsichtlich immer weiter ab von den Eseln.

Der Onkel sah Miguel unverwandt an. Und Miguel wurde immer unsicherer. Er fühlte, daß sich ihm etwas näherte, was für sein ferneres Dasein entscheidend werden konnte. Als der Onkel, ohne seine Frage zu wiederholen, ihm weiter so merkwürdig scharf ins Gesicht sah, wußte Miguel, daß er die Frage zu beantworten hatte.

Er druckste ein wenig und würgte, und dann sagte er: „Der Brand – ja, der Brand, das ist ein Ring mit einem Strich darunter.“

Der Onkel rief hinüber zu den Männern, die bei den Eseln standen, und fragte: „Ist das der Brand, Hombres?“

„Nein“, riefen die zurück.

„Ich habe mich geirrt,“ sagte darauf Miguel, „der Brand ist ein Ring mit einem Kreuz darüber.“

Die Männer sagten: „Das ist nicht der Brand.“

„Ich bin ganz verwirrt,“ sagte nun Miguel, beinahe zusammenklappend, „der Brand ist natürlich ein Kreuz und ein Ring herum um das Kreuz.“

„Ist das richtig?“ fragte der Onkel.

„Nein,“ sagten die Männer, „das ist falsch.“

„Ihr habt mir doch erzählt,“ sagte nun der Onkel ruhig, „daß dies eure Esel seien.“

„Sind sie auch“, platzte Ignacio dreist heraus.

„Aber keiner von euch weiß den Brand, das ist merkwürdig.“

„Da haben wir nicht darauf geachtet“, sagte Miguel und versuchte, eine wegwerfende Miene aufzusetzen.

„Habt ihr“, wandte sich nun der Onkel zu allen Männern, die anwesend waren, „jemals einen Menschen gesehen, der Esel oder sonst irgendwelches Vieh besaß und nicht jeden einzelnen Brand wußte, selbst wenn die Brände verschieden waren und das Vieh aus verschiedenen Zuchten kam?“

Die Männer lachten alle und sagten nichts.

„Ich weiß,“ sagte der Onkel, „wo die Esel her sind.“

Miguel sah sich um nach seinen Kumpanen, und die blickten nach allen Seiten, um zu sehen, ob sich nicht ein Loch fände, wo sie entwischen könnten, sobald der nächste Satz kam.

„Die Esel sind von der Senjora Rafaela Motilina in Avino, der Witwe des Senjor Pedro Leon. Ich kenne seinen Brand. Es ist ein L und ein P rückwärts am Strich des L. Ist das richtig, Hombres?“ rief der Onkel.

Und die Männer, die bei den Eseln standen, riefen: „Das ist richtig. Das ist der Brand.“

Der Onkel sah sich um in der Gruppe und rief: „Porfirio, komm her.“

Ein Indianer kam nahe heran und stellte sich ihm zur Seite.

Nun sagte der Onkel: „Mein Name ist Alberto Escalona. Ich bin der Alkalde des Ortes hier, ordnungsmäßig gewählt und vom Gouverneur bestätigt. Dieser Mann hier, Porfirio, ist der Polizeimann des Ortes.“

Es ist die Verschiedenheit der Länder und des Klimas, die Verschiedenheit der Menschen, ihrer Erziehung und des Einflusses, dem sie unterliegen, und noch vieles andre. Jedenfalls ist es so: Wenn in Mitteleuropa jemand sich mit einem Titel vorstellt, so hat er die Absicht, in seinem Gegenüber ein schauerndes Gefühl, das der Ehrfurcht, zu erwecken, und er erwartet, daß sein Gegenüber, erschüttert von der Erhabenheit der Begebenheit und des Ereignisses, sich respektvoll verbeugt und von diesem Augenblicke an dem Titelträger den schuldigen Respekt nicht versagt. Hier, auf diesem Kontinent, gilt ein Titel gar nichts, ein Name nicht viel und die Persönlichkeit selbst alles. Es verbeugt sich niemand, vielleicht in Ausnahmefällen vor einer Dame, und es würde der, der zu dem Präsidenten Exzellenz sagt, ebenso lächerlich wirken wie der Präsident, der sich mit Exzellenz anreden ließe. Der Präsident ist viel seltener der Mr. Präsident oder der Senjor Präsident, als viel häufiger und eigentlich in der Regel immer der Mr. Coolidge oder der Senjor Calles, und wer mit ihm etwas zu tun hat, der schüttelt ihm die Hand, wenn er kommt, und wenn er geht, und redet mit ihm ebenso, als wenn er sein ganzes Leben lang mit ihm aus derselben Schüssel gelöffelt hätte. Das müssen die neugebügelten Zylinderhutpräsidenten der frischgekochten europäischen Republiken erst noch lernen. Denn die europäischen Präsidenten nehmen sich noch immer die absoluten Könige zum Vorbild, während die Präsidenten hier sich keine Vorbilder nehmen, sondern, wenn sie ein Vorbild brauchen, sich selbst als Vorbild wählen und dadurch eben als solche Menschen erscheinen, wie jeder andre des Landes auch. Und wenn hier jemand sagt: „Unser Präsident ist ein großes Rindvieh!“, so läßt ihn der Präsident nicht für einige Monate ins Gefängnis sperren, sondern wenn er davon hört, so sagt er zu sich oder zu seinen Freunden: „Dieser Mann weiß mehr über mich als ich selbst, er scheint ein kluger Mann zu sein.“

Wenn aber hier jemand sich mit seinem Titel vorstellt und sagt: „Ich bin der Bürgermeister des Ortes, und der da ist der Polizeipräsident“, dann hat es etwas ganz andres zu bedeuten als in Europa.

Die drei Wegelagerer wußten sofort, was es zu bedeuten hatte, und daß nun, nachdem die Titel genannt waren, das Händeschütteln ein Ende hatte. Sie setzten sofort auf und versuchten abzuziehen, ohne ihre Esel mitzunehmen. Sie hätten alle Esel jetzt für einen Peso verkauft, sie hätten sie willig verschenkt, wenn sie nur hätten das Dorf verlassen können. Aber sie wurden nun deutlich festgehalten.

Miguel versuchte, seinen Revolver zu ziehen. Aber er fand die Tasche leer. Er hatte es in seiner Aufregung gar nicht bemerkt, daß Porfirio ihm diese Mühe schon abgenommen hatte. Der Revolver hätte freilich nicht viel genutzt, denn er war ja noch immer nicht geladen. Aber die Leute konnten das nicht wissen, und sie hätten ihn vielleicht gehen lassen, wenn er die Waffe auf sie gerichtet hätte.

„Was wollen Sie von uns?“ schrie Miguel.

„Bis jetzt nichts“, sagte der Alkalde. „Wir wundern uns nur, warum Sie uns so schnell verlassen wollen, ohne Ihre Esel mitzunehmen.“

„Wir können unsre Esel mitnehmen oder nicht, wir können mit unsern Eseln machen, was wir wollen“, rief Miguel wütend.

„Mit Ihren Eseln, ja, aber das sind nicht Ihre Esel. Ich kenne die Geschichte dieser Esel. Senjora Motilina verkaufte diese Esel vor zehn oder elf Monaten an drei Amerikaner, die in die Sierra auf Jagd gehen wollten. Ich kenne die Amerikaner.“

Miguel grinste und sagte: „Das ist dann ganz richtig. Von diesen drei Amerikanern haben wir die Esel gekauft.“

„Zu welchem Preis?“

„Zwölf Pesos das Stück.“

„Und nun wollt ihr sie hier für vier Pesos das Stück verkaufen? Ihr seid schlechte Verkäufer.“

Die Indianer lachten.

„Ihr habt mir doch erzählt,“ sagte der Alkalde, „ihr hättet die Esel schon sehr lange. Wie lange denn?“

Miguel überlegte eine Weile und sagte dann: „Vier Monate.“ Es war ihm eingefallen, daß er gesagt hatte, sie hätten in einer Mine gearbeitet und hätten eine lange Reise gemacht.

Der Alkalde sagte trocken: „Vier Monate? Das ist eine seltsame Geschichte. Die Amerikaner sind vor wenigen Tagen da drüben vom Gebirge gekommen. In den Dörfern hat man sie gesehen. Da hatten sie noch alle die Esel, die ihr von ihnen vor vier Monaten gekauft habt.“

Miguel versuchte es wieder einmal mit seinem vertraulichen Lächeln: „Die Wahrheit zu sagen, Senjor, wir haben die Esel vor zwei Tagen gekauft, von den Amerikanern.“

„Das stimmt schon eher. Also von den drei Amerikanern habt ihr sie gekauft?“

„Ja.“

„Das können aber nicht drei Amerikaner gewesen sein, denn ich weiß, daß einer von den dreien auf der andern Seite der Sierra in einem Dorfe ist, er ist ein Doktor.“

„Es war nur ein Amerikaner, von dem wir gekauft haben.“ Miguel kratzte sich im Gesicht und im Haar.

„Wo habt ihr denn die Esel gekauft?“ fragte der Alkalde unerbittlich weiter.

„In Durango.“

„Das ist kaum möglich“, sagte der Alkalde. „Der Amerikaner konnte noch nicht in Durango sein, und wenn er es war, konntet ihr noch nicht hier sein.“

„Wir sind die Nacht durchmarschiert.“

„Das kann sein. Aber warum sollte denn der Amerikaner gerade euch die Esel verkaufen, wenn er schon in Durango war, wo er genug Käufer fand, andre Käufer.“

Nun mischte sich Ignacio ein: „Wie können wir denn wissen, warum er gerade uns die Esel verkaufen wollte und nicht andern? Das war eine Laune von ihm.“

„Da müßt ihr doch eine Quittung haben,“ sagte der Alkalde, „eine Quittung mit dem Preis und dem Brand, sonst kann ja die Senjora Motilina jederzeit die Esel reklamieren, weil ihr Brand eingetragen ist.“

„Eine Quittung hat er uns nicht gegeben“, erwiderte Miguel. „Er wollte die Stempelmarken nicht bezahlen.“

„Die paar Centavos hättet ihr doch dann selbst bezahlt, um einen Beweis für den Kauf zu haben“, sagte der Alkalde.

„Verflucht noch mal,“ schrie nun Miguel und drohte mit beiden Fäusten, „was wollen Sie denn eigentlich von uns? Wir ziehen friedlich unsre Straße, und sie umzingeln uns hier. Wir werden uns beim Gouverneur über Sie beschweren, daß Sie abgesetzt werden, verstehen Sie das?“

„Das ist doch nun die Grenze.“ Der Alkalde lächelte. „Sie kommen hierher in unser Dorf und wollen uns Esel verkaufen. Wir wollen die Esel kaufen und sind auch über den Preis einig. Da haben wir doch wohl aber das Recht, nachzusehen, wo die Esel herkommen. Sonst kommen vielleicht morgen früh die Soldaten und sagen, wir seien Banditen und hätten die Esel von ihrem rechtmäßigen Besitzer fortgeführt und den Besitzer erschlagen, und wir werden erschossen.“

Miguel wandte sich zu seinen Freunden und warf ihnen einen Blick zu. Dann sagte er: „Wir wollen die Esel jetzt überhaupt nicht mehr verkaufen. Nicht einmal für zehn Pesos alle zusammen. Wir wollen jetzt weiter.“

„Aber die Werkzeuge und die Felle könntet ihr uns doch verkaufen?“ fragte der Alkalde.

Miguel dachte eine Weile nach, und als ihm einfiel, daß die Felle und die Werkzeuge ja keinen Brand hatten, sagte er: „Gut, wenn ihr die Felle und die Werkzeuge haben wollt –. Was meint ihr?“ wandte er sich seinen Freunden zu.

„Wir sind einverstanden“, sagten die. „Die Sachen können weg.“

„Das sind doch eure Sachen?“ fragte der Alkalde.

„Natürlich“, antwortete Miguel.

„Warum hat denn der Amerikaner die Felle nicht in Durango verkauft? Warum schleppt ihr denn die Felle wieder hier zurück? Ihr tragt doch auch kein Wasser auf Eselsrücken in den Fluß?“

„Die Preise waren nicht gut in Durango, und wir wollen eine bessere Zeit abwarten.“ Miguel begann ein wenig auf und ab zu gehen, soweit ihm die Männer Platz ließen.

„Ist der Amerikaner nackt zur Bahn gegangen?“ Der Alkalde warf die Frage unerwartet auf.

„Was meinen Sie?“ Miguel wurde blaß.

„Sie haben doch seine Stiefel an, und der da hat seine Hosen an. Warum hat denn keiner von euch sein Hemd an, das noch ganz gut war? Es war jedenfalls so gut wie ein neues, verglichen mit dem Fetzen, den Sie da tragen.“

Miguel schwieg.

„Warum hat es keiner von euch genommen?“ wiederholte der Alkalde. „Ich kann es euch sagen,“ fuhr er fort, „warum das Hemd niemand von euch anziehen wollte.“

Weder Miguel noch einer der beiden andern wartete ab, was der Alkalde weiter sagen würde. Mit einem Satz war jeder auf die Männer gesprungen, die jedem am nächsten standen. Das war den Männern so überraschend gekommen, daß sie nicht schnell genug zugriffen. Die Burschen entwischten ihnen und rannten die Straße des Dorfes hinunter, um ins Freie zu kommen.

Der Alkalde winkte einigen der Männer, und wenige Minuten später sausten fünf Leute auf ihren Pferden hinter den Flüchtlingen her. Sie hatten sich nicht einmal Zeit genommen, die Pferde zu satteln. Lediglich die Kopfleinen hatten sie den Tieren übergeworfen.

Die Strauchdiebe waren nicht weit gekommen. Die Indianer holten sie ein, ehe sie das letzte Haus des Dorfes erreicht hatten. Sie wurden an den Lasso genommen und wieder auf den Dorfplatz gebracht.

„Wir werden nun den Amerikaner suchen gehen und ihn fragen, zu welchem Preise er euch die Esel verkauft hat, und warum er sich nackt ausgezogen hat, um euch seine Stiefel und seine Hosen zu schenken. Wir werden sein Hemd mitbringen, das keiner von euch haben wollte.“ Der Alkalde sagte es in einem mitteilenden Tone, ohne daß er eine Antwort erwartete.

Die Burschen waren gebunden worden und wurden nun von drei Indianern, die sich ihnen gegenüberhockten und ihren Machete auf den Knien liegen hatten, bewacht.

Die Männer sattelten ihre Pferde, packten Tortillas in ihre Basttäschchen und machten sich dann auf den Weg. Der Alkalde und Porfirio ritten mit ihnen.