Es kann schwerlich jemand lange in jenen Distrikten reisen, ohne daß er gesehen wird. Auch wenn er versucht, allen Ortschaften und allen Leuten aus dem Wege zu gehen, immer sind Augen da, die ihn sehen, die seinen Weg verfolgen und sein Tun beobachten. Er selbst weiß es meist nicht, daß er beobachtet wird. Die ihm entgegenkommen, weichen lange, ehe er sie sieht, vom Wege ab und kriechen in den Busch, wo sie ihn vorüberziehen lassen und nicht eher wieder hervorkommen, bis er außer Sicht ist. Sie haben ihn genau gesehen, er hat nicht einmal geahnt, daß er vom Kopf bis zu den Füßen so eingehend betrachtet wurde, daß wenige Stunden später das ganze Dorf weiß, wie der Mann ausgesehen hat, und was er mit sich führte. In Bewässerungsgräben, hinter Hügeln, hinter Felsblöcken, hinter Sträuchern sehen die Augen jede Bewegung und jeden Schritt, den der Fremde tut.
Die Leute auf den Pferden verfolgten den Weg, den Dobbs gegangen war, und nicht den, den die Wegelagerer gekommen waren. Da sie auf Pferden saßen und kein Gepäck hatten, waren sie schon am Nachmittag an dem Platze, wo Dobbs haltgemacht hatte. Der Platz war leicht zu finden.
Zwei der Männer verfolgten die Spuren weiter vom Platze aus zur Stadt. Aber sie fanden bald, daß die Esel nur gestreut hatten und dann zurückgetrieben worden waren.
Nun war es ein leichtes Spiel für den Alkalden, selbst ein Vollblutindianer, die ganze Begebenheit zu erzählen. Die Esel hatten gestreut, also hatte niemand Zeit gehabt, sich um sie zu bekümmern. Infolgedessen mußte an dem Platze etwas vorgegangen sein, was alle Anwesenden, deren Fußspuren zu erkennen waren, so in Anspruch genommen hatte, daß sie nicht gesehen hatten, wann die Esel zu streuen begannen. Und der Vorgang mußte ein schwerwichtiger gewesen sein, denn sonst hätten die Esel nicht so weit streuen können.
Weder von dem Platze aus, wo die Bäume standen, zu der Stelle, wo die Esel wieder eingeholt worden waren, noch von dieser Stelle aus weiter zur Stadt waren Fußspuren des Amerikaners zu sehen. Auch wenn er barfuß gegangen wäre, seine Spuren hätte man leicht erkannt. Die Form seines Fußes ist nicht so schön wie die eines Indianers, weil er immer Stiefel trägt und häufig solche, die die Zehen verkrüppeln. Außerdem sind die Füße der Weißen viel größer als die der Indianer, die allgemein zierliche und kleine Füße haben.
Da von dem Platze keine Spuren des Amerikaners weiterführten, so mußte er noch auf dem Platze sein. Und da er nicht tief und nicht sorgfältig genug eingegraben war, auch kein Regen gefallen war, so hatten die Männer sein Grab in wenigen Minuten gefunden.
„Wegen Mord kann man nur angeklagt werden, wenn der Leichnam gezeigt werden kann“, hatte Miguel gesagt. Damit hatte er recht gehabt. Das ist das Gesetz, und das darf man ein gutes Gesetz nennen, denn in so großen Ländern können Menschen sich so unsichtbar machen, daß ein Leichnam leichter gefunden werden kann als der Mensch, der freiwillig verschwand.
Der Leichnam war gefunden, und da die drei Wegelagerer das Eigentum jenes Leichnams besaßen, ohne das Besitzrecht beweisen zu können, so war diese Angelegenheit im Grunde abgetan.
Der Alkalde betrachtete sich den Leichnam nur eine Sekunde, dann sagte er: „Machete.“
Dann zogen die Männer dem Körper das Hemd aus, das der Alkalde an sich nahm, und hierauf gruben die Indianer den Leichnam wieder ein. Sie taten es entblößten Hauptes, und als sie die Grube, die sie tiefer gemacht hatten, obgleich sie es nur mit ihren Machetes tun konnten, wieder zugeschüttet hatten, standen sie eine Weile ohne Hüte um den Hügel. Sie beteten nicht, aber sie sahen alle mit gebeugtem Kopfe auf den Hügel hinab.
Während die Männer noch vor dem Hügel standen, ging der Alkalde zum nächsten Baume. Er hieb mit dem Machete einen dünnen Ast ab und hieb den Ast dann in zwei Stücke. Er band sie mit einem Stück Faden zu einem Kreuz zusammen und steckte es in den Hügel, wo der Kopf lag.
Am nächsten Morgen waren die Männer wieder zurück in ihrem Dorfe. Der Alkalde zeigte den Burschen das Hemd. Sie sahen es an und zuckten mit den Schultern.
Zwei Männer waren inzwischen zur nächsten Station der berittenen Landpolizei geritten. Im Laufe des Vormittags kamen die Soldaten. Der Inspektor, nachdem er die Leute gesehen hatte, sagte zu dem Alkalden: „Auf dem da“, er deutete auf Miguel, „ist eine Belohnung. Ich glaube dreihundert Pesos oder zweihundertfünfzig. Genau weiß ich es nicht. Bandit. Hat vordem schon zwei umgebracht. Die beiden andern Vögel werden wohl von derselben Art sein. Ich kenne sie nicht. Die Belohnung wird auf Sie fallen, Senjor, auf Porfirio und auf die übrigen Männer hier. Was tun Sie denn nun mit den Eseln und dem Gepäck?“
„Das bringen wir morgen zu den Eigentümern“, sagte der Alkalde. „Ich weiß, wo sie sind. Der eine ist ein Doktor, den wollen sie drüben auf der andern Seite nicht fortlassen. Wir wollen ihn auch noch für eine Woche haben. Er bekommt ja nun seine Sachen und wird es nicht so eilig haben, fortzugehen.“
Dann wurden die drei Strauchdiebe von der Polizei übernommen. Sie kamen nicht an Lassos. Sie trotteten in der Mitte der berittenen Soldaten. Da ist das Hemd, da ist die Hose, da sind die Stiefel, da sind die Esel, da sind die Packen, und da ist das Kreuzlein auf dem Hügel. Also wird die Gerichtsverhandlung wohl schwerlich länger als zwei Stunden dauern. Ein kostspieliges Gerüst wird nicht gebaut, weiße Handschuhe werden auch nicht angezogen. Für diese Dinge hat der Staat nicht viel Geld übrig. Das Geld muß für wichtigere Sachen gespart werden.