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Der Schatz der Sierra Madre

Chapter 3: 2
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About This Book

The narrative follows a group of characters, primarily focusing on their desperate quest for wealth in the Sierra Madre mountains. The story explores themes of greed, survival, and the harsh realities of human nature as the characters navigate the challenges of mining for gold. It delves into the moral dilemmas faced by individuals driven by the desire for riches, highlighting the impact of wealth on relationships and personal integrity. The setting serves as a backdrop for the exploration of ambition and the consequences of pursuing material gain, ultimately reflecting on the futility and dangers of such pursuits.

2

s traf sich so, daß Dobbs in seinem Schlafraum einen Mann fand, der einem andern Schlafkameraden erzählte, daß er nach Tuxpam gehen wolle, aber keinen Weggenossen hätte. Kaum hatte Dobbs das gehört, als er auch gleich sagte: „Mensch, ich gehe mit nach Tuxpam.“

„Sind Sie Driller?“ fragte der Mann von dem Bett aus. „Nein, Pumpmann.“ „Gut,“ sagte der Mann darauf, „warum nicht, wir können ganz gut zusammengehen.“

Am nächsten Morgen machten sich die beiden auf, die zahlreichen Ölfelder auf der Strecke nach Tuxpam nach Arbeit abzusuchen. Sie frühstückten erst ihr Glas Kaffee und ihre beiden Brötchen in einem Kaffeestand, und dann zogen sie beide ab.

So direkt kann man ja nun nicht nach Tuxpam gehen. Da gibt es keine Bahn. Nur Flugzeuge. Und da kostet eine Fahrt fünfzig Pesos. Aber da fahren viele Lastautos hinunter zu den Feldern. Das eine oder andre nimmt einen vielleicht mit. Den ganzen Weg zu laufen, ist nicht so einfach. Es sind mehr als hundert Meilen, und immer in glühender Tropensonne und wenig Schatten.

„Das ist das allerwenigste,“ sagte Barber, „wenn wir nur erst rüber sind über den Fluß.“

Das Übersetzen über den Fluß kostete fünfundzwanzig Centavos, und diese fünfundzwanzig Centavos wollten sie nicht ausgeben.

„Ja, da bleibt uns nichts weiter übrig,“ sagte Barber, „da müssen wir auf die Huasteca-Frachtfähren warten. Die nehmen uns umsonst mit hinüber. Das kann aber bis um elf Uhr dauern, ehe wieder eine kommt, die fahren ja nicht nach der Zeit, sondern nach der Fracht, die sie haben.“

„Dann setzen wir uns nur hier in Geduld auf die Mauer“, erwiderte Dobbs. Er hatte sich von dem Überschuß des Frühstücksgeldes ein Päckchen mit vierzehn Zigaretten gekauft für zehn Centavos. Er hatte Glück. In dem Päckchen war ein Bon für fünfzig Centavos, den er gleich beim Zigarettenhändler gegen Bargeld eintauschte. Nun besaß er die große Summe von einem Peso und zehn Centavos in barer Münze.

Barber hatte auch etwa einen Peso und fünfzig Centavos als Reisekapital. Sie hätten das Fährgeld ja bezahlen können; aber da sie reichlich Zeit hatten und nichts versäumten, so konnten sie auch ganz gut auf die Frachtfähre warten und das Geld sparen.

Hier an der Fähre war ein reger Verkehr. Dutzende von großen und kleinen Motorbooten warteten auf Fahrgäste. Spezialboote, die über der Taxe fuhren, brachten die Kapitäne und die Manager der Ölkompagnien hinüber, die es zu eilig hatten, um auf die Taxboote zu warten, die immer erst ihre vier oder sechs Fahrgäste voll haben wollten, ehe sie losratterten. Und da hier immer Aufenthalt war und besonders die Arbeiter, die drüben arbeiteten und hier wohnten, in den Morgen- und in den Nachmittagsstunden hier zu Hunderten und oft zu Tausenden schwärmten, ging es an der Fähre zu wie auf einem Jahrmarkt. Da waren Tische, wo es Mittagessen gab, oder Kaffee, oder geröstete Bananen, oder Früchte, oder Enchiladas, oder heiße Tamales, oder Zigaretten, oder Süßigkeiten. Alles lebte von der Fähre und durch die Fähre. Autos und Straßenbahnen brachten die Fahrgäste aus dem Stadtinnern in ununterbrochener Folge. Das ging den ganzen Tag und die ganze Nacht ohne Aufhören. Drüben waren die Hände, hier auf dieser Seite, in der Stadt, war das Hirn, waren die Zentralbureaus, die Banken. Drüben auf der andern Seite des Flusses war die Arbeit, hier war die Erholung, die Rast, das Vergnügen. Drüben war der Reichtum, das Gold des Landes, das Öl. Drüben war es wertlos. Hier erst, auf dieser Seite, in der Stadt, in den steilen Bureauhäusern, in den Banken, in den Konferenzräumen, in der All America Cable Service bekam das Öl, das auf der andern Seite völlig wertlos war, seinen Wert. Denn Öl wie Gold sind wertlos an sich, ihr Wert wird erst durch viele andre Handlungen und Vorgänge bestimmt.

An dieser Fähre wanderten Milliarden an Dollars vorüber. Nicht in Banknoten, nicht in gemünztem Golde, ja nicht einmal in Schecks. Diese Milliarden wanderten hier vorüber in kurzen Notizen, die jene Leute, die meist, aber nicht immer in Spezialbooten außer Taxe fuhren, in ihren kleinen Taschenbüchern, manchmal nur auf einem Stückchen Papier, trugen. Reichtümer und Werte in unserm Jahrhundert lassen sich in Notizen ausdrücken und in Notizen herumtragen.

Um halb elf kam dann endlich die Frachtfähre, angefüllt mit Fässern, Kisten und Säcken. Dutzende von indianischen Männern und Frauen kamen herüber, schwer bepackt mit Körben, in denen sie Feldfrüchte zur Stadt brachten, oder Matten, Taschen aus Bast, Hühner, Fische, Eier, Käse, Blumen und kleine Ziegen.

Barber und Dobbs stiegen ein, aber es dauerte doch noch eine Stunde, ehe die Fähre wieder hinüberfuhr. Die Fahrt war lang, ging den Fluß weit hinunter, ehe die Anlegestelle erreicht wurde. Weit den Fluß hinauf lag ein Tankschiff neben dem andern, um das Öl aufzunehmen und über den Ozean zu tragen.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses war der Verkehr ebenso rege, und es war ein ebensolcher Jahrmarktsverkehr wie auf der Stadtseite. Nicht nur den Fluß hinauf, sondern noch viel weiter den Fluß hinunter, bald bis zur Mündung, lagen die großen Tankschiffe.

Weiter zurück vom Ufer, auf den Höhen, lagen die Riesentanks, vollgefüllt mit dem wertvollen Öl. Zahlreiche Rohre führten das Öl aus den Tanks hinunter zum Flußufer. Hier wurde es durch Metalldrahtschläuche in die gewaltigen Tanks der Schiffe gepumpt. Wenn das Öl einkam oder das Schiff voll gefüllt war, hißte es die rote Gefahrflagge. Denn das Rohöl gaste, und eine unvorsichtige Behandlung mit offenem Feuer konnte das Schiff ausbrennen bis auf das Wasser.

Scharen von Händlern mit Früchten, Papageien, Tigerkatzen, Tiger- und Löwenfellen, Affen, Büffelhörnern, mit kleinen Palästen und Kathedralen, aus Muscheln kunstvoll gebaut, trieben sich hier herum und boten den Seeleuten ihre Waren an. Wenn sie kein Geld kriegen konnten, nahmen sie auch andre Dinge, Anzüge, Regenmäntel, Lederkoffer oder was sie sonst an wertvollen Sachen eintauschen konnten.

Die Raffinerien bliesen Wolken von Rauch und Gas aus. Das abgeblasene Gas setzte sich in den Lungen und Luftröhren fest, wo es wie dünne Nadeln stach. Dann hüstelten die Leute, und wenn der Wind diese Gase gar hinübertrieb in die große Stadt, dann fühlte sich die ganze Bevölkerung wie in einem Giftofen. Die Ungewohnten, die Neuankömmlinge, bekamen ein unsicheres, ängstliches Gefühl. Sie faßten sich immerwährend an die Kehle oder versuchten zu niesen oder zu schnauben und wußten meist nicht, was los war. Viele der Neuen hatten ein Empfinden, als müßten sie sterben, so giftig war das stechende Gefühl in der Kehle und in der Lunge.

Aber die Altgewohnten nahmen es leicht. Solange dieses stechende giftige Gas durch die Stadt schwelte, rann das Gold durch die Gassen, und das Leben sah rosig aus, von welcher Seite aus man es auch betrachtete.

Hier waren die Saloons, einer neben dem andern. Alle lebten sie von den Seeleuten. Die besten Kunden waren die amerikanischen Seeleute. Denn die bekamen in ihrer Heimat weder Bier noch Wein noch Branntwein. Die holten hier alles nach, was sie daheim versäumten, und tranken soviel Vorrat, daß sie es gut eine Weile in ihrem trocknen, stumpfen Lande wieder aushalten konnten. Sie waren an hohe Preise für geschmuggelten Branntwein gewöhnt. Und hier, wo die Preise normal waren, erschien es ihnen, als ob der Whisky und das Bier überhaupt nichts kosteten, als ob sie alles geschenkt erhielten. So wanderte ein Dollar nach dem andern in die Cantinas und in die Bars. Und wenige Häuser weiter waren die schönen Damen, die ihnen den Rest ihres Geldes abnahmen. Aber die Seeleute fühlten sich nie übervorteilt. Sie waren glücklich, und sie würden den, der ihnen durch Verbote und Gesetze das Trinken und die schönen Damen genommen hätte, mit tausend Flüchen belastet haben. Sie brauchten keinen Vormund. Und die Seemannsmission, die sich nur darum bekümmert, daß die Seeleute ein sauberes Bett bekommen und einen trocknen warmen Raum, wo sie Zeitungen lesen können, wird von den Seeleuten am höchsten geachtet. Wer Sehnsucht hat, in die Kirche zu gehen, findet immer eine Kirche; man braucht sie dem Seemann nicht an den Mittagstisch oder in den Schlafsaal zu tragen und das wenige an Religion, das ihm die Schule noch gelassen hat, hier auch noch zu verekeln. Seeleute und Gefängnisgäste sind die beiden Volksklassen, die man als die wehrloseste Beute ansieht, die man mit Religion bis zum Überdruß des Erbrechens vollpacken darf. Aber Überfütterung hat noch nie gut getan. Und weil sie nie gut tut und das Gegenteil erzeugt von dem, was beabsichtigt ist, wird dem Verbrecher und wird dem Seemann immer noch mehr Religion aufgepackt. Der Verbrecher im Gefängnis und der Seemann an Land, nachdem er sein ganzes Geld ausgegeben hat, bilden die beste Betgemeinde. Sie würden beide eine kräftige Kinovorführung vorziehen, aber die können sie nicht umsonst haben.

Barber sagte: „Es ist gerade Mittag, wir könnten eigentlich zu einem Tanker raufklettern. Vielleicht fällt ein Mittagessen ab.“

„Das ist nicht so übel“, erwiderte Dobbs. „Wir können nur wieder runtergepfeffert werden, das ist alles.“

Sie sahen zwei Männer mit nackten Armen bei einem Fruchthändler stehen. Barber ging gleich drauflos und sagte: „Von welchem seid ihr denn?“

„Von der Norman Bridge. Warum?“

„Habt ihr schon gegessen?“ fragte Barber.

„Nein, wir sind gerade auf dem Wege dazu.“

„Wie ist es denn mit einem Mittagessen für uns beide?“ fragte Barber.

„Kommt nur gleich mit rauf. Die sind alle rübergegangen in die Stadt. Masse übrig.“

Als Dobbs und Barber eine Stunde später das Schiff verließen, konnten sie kaum gehen, so voll hatten sie sich gegessen. Sie setzten sich an eine Wand, um erst eine Weile zu verdauen. Aber dann wurden sie unruhig, weil sie ja weiter wollten und für die Nacht ein Unterkommen haben mußten.

„Wir können auf zwei Wegen gehen“, sagte Barber. „Wir können hier auf dem Hauptwege gehen, immer in der Nähe der Lagune bleibend. Aber ich denke, der Weg ist nicht gut. Der wird von allen abgelaufen. Da gibt es nichts in den Camps, die sind alle überlaufen von den Strolchen. Arbeit gibt es hier auch nicht, weil da genug Leute kommen.“

„Dann brauchten wir doch überhaupt gar nicht erst rüber, wenn das aussichtslos ist“, sagte Dobbs unwillig.

„Aussichtslos? Das habe ich nicht gesagt“, verteidigte sich Barber. „Nur hier auf diesem Hauptverkehrswege da ist nicht viel los, weil zu viele da laufen. Ich denke, wir gehen besser auf dem inneren Wege. Da treffen wir mehr Felder, die ganz unbekannt sind, die mehr abseits der großen Wege liegen. Da stoßen wir auch auf Camps, die gerade anfangen zu bauen. Da gibt es immer etwas zu tun. Wir gehen jetzt mal hier den Fluß rauf und gehen dann links ab, und in einer halben Stunde sind wir schon in Villa Cuauhtemoc.“

„Dann los, wenn Sie glauben, daß jener Weg besser ist“, sagte Dobbs.

Der ganze Weg war Öl und nichts als Öl. Links auf den Höhen standen die Tanks wie Soldaten aufmarschiert. Rechts war der Fluß. Bald hörten die Schiffe auf, und das Flußufer wurde frei. Aber das Wasser war dick mit Öl überzogen, die Ufer waren dick mit Öl bedeckt, und alle Gegenstände, die der Fluß oder die einkommende Flut auf das Ufer geworfen hatten, waren mit zähem schwarzem Öl überzogen. Der Weg, auf dem die beiden gingen, war an vielen Stellen sumpfig von dickem Öl, das aus geborstenen Röhren quoll oder aus der Erde sickerte. Öl und nichts als Öl, wohin auch immer man sah. Selbst der Himmel war mit Öl bedeckt. Dicke schwarze Wolken, die von den Raffinerien herüberwehten, trugen Ölgase mit sich davon.

Es kamen dann Anhöhen, die freundlicher aussahen. Dort waren die hölzernen Wohnhäuser der Ingenieure und der Bureaubeamten. Sie wohnten hier schön und luftig, und was sie am Stadtleben einbüßten, das mußten sie hier durch Grammophone und Radioapparate ersetzen. Denn abends aus der Stadt hierher zurückzukommen, war ziemlich umständlich und auch nicht sicher. Es trieb sich genug Gesindel herum, das auf leichte Gelegenheiten wartete und das Leben eines andern nicht hoch einschätzte.

Villa Cuauhtemoc ist die eigentliche alte Stadt, eine uralte Indianerstadt, die schon hier war, ehe die Spanier kamen. Sie liegt gesünder als die neue Stadt, und sie liegt am Ufer eines großen Sees, der Fische, Enten und Gänse in unübersehbarer Menge spendet. Das natürliche Trinkwasser in der alten Stadt ist besser als das in der neuen Stadt. Aber die neue Stadt wußte die alte weit und schnell zu überholen. Denn die neue Stadt liegt dicht am Ozean und an einem Flusse, auf dem die größten Ozeanriesen bis zum Hauptbahnhof fahren können und hier so sicher gegen die wildesten Orkane ruhen, als ob sie in einer Badewanne lägen. Von der alten Stadt wird in der neuen kaum noch gesprochen. Tausende, Zehntausende von Bewohnern der neuen Stadt wissen gar nichts davon, daß auf der andern Seite des Flusses und eine halbe Stunde weiter ins Land hinein die eigentliche ursprüngliche Stadt liegt. Aber diese beiden Städte, Mutter und Tochter, entfernen sich immer mehr. Die neue Stadt, gerade hundert Jahre alt, die zweihunderttausend Einwohner hat, mit ständiger Wohnungsnot, liegt im Staate Tamaulipas, während die alte Stadt im State Vera Cruz liegt. Die alte Stadt wird immer bäuerlicher, die neue Stadt wird immer mehr und mehr Weltstadt, die ihren Namen in die fernsten Winkel der Erde sendet.

Kaum hatten die beiden Wanderer, die nun sehr eilig waren, um voranzukommen, am Ende der Stadt, gegenüber der Lagune, den Höhenweg erreicht, als sie einen Indianer am Wege hocken sahen. Der Indianer hatte gute Hosen an, ein sauberes blaues Hemd, einen hohen spitzen Strohhut und Sandalen. Eine große Basttasche, gefüllt mit einigen Habseligkeiten, lag vor ihm auf dem Boden.

Sie beachteten den Mann nicht und gingen rasch weiter. Nach einer Weile drehte sich Dobbs um und sagte: „Sie, was will denn der Indianer, der kommt immer hinter uns her.“

Barber wandte sich um und sagte: „Es scheint so. Jetzt bleibt er stehen und tut, als ob er etwas da im Busch sucht.“

Zu beiden Seiten war der dicke undurchdringliche Busch.

Sie gingen weiter, aber als sie sich umdrehten, sahen sie, daß der Indianer ihnen folgte. Er schien sogar rascher zu gehen, um näher heranzukommen.

Barber fragte: „Hatte der Bursche einen Revolver?“

„Ich habe keinen gesehen“, meinte Dobbs.

„Ich auch nicht. Ich fragte Sie nur, um zu erfahren, ob Sie vielleicht etwas gesehen haben. Scheint also kein Bandit zu sein.“

„So sicher ist das nicht“, sagte Dobbs nach einer Weile, nachdem er sich wieder umgedreht hatte und den Indianer folgen sah. „Er kann ja ein Spion der Banditen sein, der uns im Auge zu behalten hat. Wenn wir dann Lager machen, überfällt er uns, oder seine Spießgesellen kommen.“

„Unangenehm“, erwiderte Barber. „Am besten wäre es, wenn wir umkehrten. Man weiß nie, was diese Burschen im Sinne haben.“

„Was will man uns denn nehmen?“ Dobbs suchte nach Sicherheiten.

„Nehmen?“ wiederholte Barber. „Aber wir tragen doch kein Schild an uns, daß wir nur jeder etwa einen Peso haben. Und wenn wir ein solches Schild trügen, würden sie es nicht glauben, sondern uns erst recht überfallen, weil sie denken, wir haben eine Menge Geld. Zwei Pesos sind für diese Leute überhaupt eine Masse Geld. Wir haben ja auch Schuhe, Hosen und jeder ein Hemd und einen Hut. Das alles sind Wertsachen.“

Sie gingen aber weiter. Immer, wenn sie sich umdrehten, sahen sie, daß der Indianer hinter ihnen war, jetzt kaum noch fünfzehn Schritte entfernt. Wenn sie stehenblieben, blieb der Indianer auch stehen. Sie fingen an nervös zu werden. Der Schweiß brach ihnen aus.

Dobbs atmete schwer. Endlich sagte er: „Wenn ich jetzt einen Revolver hätte oder ein Gewehr, ich würde den Burschen ohne weiteres erschießen. Dann hätte man Ruhe. Das halte ich nicht mehr aus. Wie wäre es, Barber, wenn wir ihn fangen und irgendwo festbinden an einen Baum oder ihm eins über den Kopf hauen, daß er nicht mehr hinter uns herlaufen kann?“

„Ich weiß nicht,“ gab Barber zur Antwort, „ob das gut wäre. Vielleicht ist er ganz unschuldig. Aber wenn man ihn los würde, es wäre ganz gut.“

„Ich bleibe jetzt stehen und lasse ihn herankommen“, sagte Dobbs plötzlich. „Ich kann so nicht mehr laufen. Das macht mich verrückt.“

Sie blieben stehen, taten aber so, als ob sie von einem Baum irgend etwas herunterholen wollten, eine Frucht oder einen Vogel.

Auch der Indianer blieb stehen.

Dobbs kam nun auf eine Idee. Er wurde immer eifriger um den Baum beschäftigt, als ob dort irgendein Wunder in den Ästen sei. Wie vermutet, fiel der Indianer darauf herein. Er kam langsam, Schritt für Schritt, näher, die Augen stierend auf den Baum gerichtet. Als er endlich ganz dicht neben den beiden Männern stand, machte Dobbs eine aufgeregte Geste und schrie: „Da, da rennt er davon!“ Und dabei zeigte er mit ausgestrecktem Arm in den Dschungel hinein, Barber heranzerrend und ihm den Davonrennenden genau zeigend.

Gleich darauf aber drehte er sich um und sagte zu dem Indianer: „Wo wollen Sie denn hin? Warum laufen Sie denn immer hinter uns her?“

„Ich will dorthin“, sagte der Indianer und zeigte in die Wegrichtung, in die Barber und Dobbs ebenfalls zu gehen gewillt waren.

„Wohin?“ fragte Dobbs wieder.

„Dorthin. Da, wo Sie hingehen wollen.“

„Sie wissen doch nicht, wo wir hin wollen“, sagte Dobbs.

„Doch, das weiß ich“, erwiderte der Indianer ruhig. „Sie wollen nach den Ölcamps. Da möchte ich auch hin, vielleicht kriege ich Arbeit.“

Barber und Dobbs atmeten erleichtert auf. Das war die Wahrheit. Der Mann wollte nur Arbeit suchen gehen, genau so wie sie. Er sah auch gar nicht so aus, als ob er ein Bandit wäre.

Um aber auch den letzten Rest von Mißtrauen in sich zu verscheuchen, fragte Dobbs: „Warum gehen Sie denn nicht allein? Warum rennen Sie denn hinter uns her?“

„Ich sitze da schon drei Tage von frühmorgens bis zum Abend, da am Ende der Stadt und warte auf Weiße, die zu den Camps gehen wollen.“

„Sie finden den Weg doch auch allein?“

„Das schon“, sagte der Mann. „Aber ich fürchte mich vor den Tigern und Löwen. Es gibt hier so viele. Da mag ich nicht allein gehen. Die könnten mich auffressen.“

„Ich glaube nicht, daß wir selbst so sicher vor den Tigern sind“, meinte Dobbs.

„Doch“, erwiderte der Indianer. „Die mögen Weiße nicht. Die gehen lieber auf Indianer. Aber wenn ich in Gesellschaft gehe, dann kommen sie nicht und fressen mich auch nicht.“

Nun lachten Barber und Dobbs über ihre eigne Angst, die sie gehabt hatten, als sie so erfahren mußten, daß der Indianer, vor dem sie sich gefürchtet hatten, mehr Furcht hatte als sie.

Der Indianer lief jetzt mit ihnen. Er redete kaum und trottete nebenher oder hinterdrein, gerade wie es der Weg zuließ.

Kurz vor Sonnenuntergang kamen sie an ein Indianerdorf, und sie gedachten hier in einer der Hütten zu übernachten. Die Indianer sind sehr gastfreundlich, aber jeder wies die drei zu dem Nachbar, immer mit der Entschuldigung, daß sie keinen Platz hätten. Das Dorf hatte nur ein paar Hütten. Und auch der letzte der Dorfbewohner, den sie aufsuchten, konnte sie nicht aufnehmen.

Er machte ein besorgtes und ängstliches Gesicht und sagte: „Es ist besser, Sie gehen zum nächsten Dorf. Das ist ein großer Ort mit mehr als dreißig Hütten. Da werden Sie alle gut aufgenommen.“

„Wie weit ist denn das?“ fragte Dobbs mißtrauisch.

„Weit?“ sagte der Indianer. „Das ist gar nicht weit. Das sind nur eben zwei Kilometer. Da sind Sie dort lange vor der Nacht. Die Sonne ist ja noch nicht ganz unter.“

Es blieb nichts andres übrig, sie mußten auf das nächste Dorf losgehen. Sie wanderten zwei Kilometer, aber von einem Dorfe war nichts zu sehen. Sie liefen zwei Kilometer mehr, und immer noch nicht war ein Dorf in Sicht.

„Der hat uns schön angeschwindelt“, sagte Barber ärgerlich. „Ich möchte nur wissen, warum die uns nicht dabehalten wollten und uns hier in die Wildnis hinausgeschickt haben?“

Dobbs, nicht weniger ärgerlich, sagte: „Ich kenne ja die Indianer auch ein wenig. Und ich hätte es besser wissen sollen. Die machen es sonst nie, daß sie jemand fortweisen. Aber die haben Furcht vor uns gehabt. Das ist der ganze Grund. Wir sind drei Mann und können die Familien nachts in der Hütte leicht erschlagen.“

„So ein Unsinn“, erwiderte Barber. „Warum sollten wir denn die armen Teufel erschlagen. Die haben ja selber nichts, vielleicht noch weniger als wir.“

„Die haben aber Furcht. Da ist nichts dagegen zu machen. Die beurteilen ihre Werte, die sie haben, ja ganz anders als wir. Da ist ein Pferd oder zwei oder eine Kuh oder ein paar Ziegen. Das ist alles hoher Wert. Wir können doch Banditen sein. Wer sagt ihnen denn, daß wir keine sind. Und vor Banditen haben sie eine Höllenangst.“

Barber nickte und sagte dann: „Das ist alles gut. Aber was nun? Wir sitzen jetzt hier mitten im Busch, und in zehn Minuten ist stockdunkle Nacht.“

„Bleibt uns eben nichts andres übrig, als hier haltzumachen.“ Dobbs sah keinen andern Ausweg. „Ein Dorf ist hier sicher nicht allzu weit. Der Weg ist befahren, und Kuhdreck liegt auch herum und Pferdeäppel. Aber das Dorf kann noch eine Stunde weit sein. In der Nacht können wir nicht gehen. Da kommen wir vom Wege ab und landen vielleicht in irgendeinem Sumpf oder in einem Dickicht, wo wir nicht mehr rausfinden. Und wenn wir auch in das Dorf kommen, die hetzen uns die Hunde auf den Hals. Um diese Zeit ist es ganz und gar verdächtig, wenn da drei Mann in das Dorf kommen und Unterkunft haben wollen.“

Mit einigen Zündhölzern suchten sie den Boden ab, um einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Aber da waren nur dicke Kakteen und andre Stachelgestrüppe. Auf dem Boden selbst kroch alles mögliche Getier herum, das ein Ruhen oder gar Schlafen verhindert hätte. Nun hatte der Indianer auch noch von Tigern und Löwen gesprochen, die hier in dieser Gegend frei herumliefen. Der Indianer mußte es ja wohl wissen, denn er war ja aus dieser Gegend.

Sie standen eine Weile herum, dann wurden sie müde vom Stehen und legten sich doch hin. Dobbs lag neben Barber. Aber kaum lagen sie zwei Minuten, da drängte sich der Indianer zwischen sie wie ein Hund. Ganz vorsichtig und langsam, aber nachdrücklich. Er fühlte sich nur sicher, wenn er zwischen den beiden Weißen lag; denn der Tiger wird ja nicht gerade den mittelsten wählen, sondern den, der außen liegt. Und für die eine Nacht wird er an dem einen ja wohl genug haben.

Dobbs und Barber waren aber mit dieser Platzverteilung nicht einverstanden. Sie preßten und pufften an dem Indianer herum, daß er einen blauen Fleck neben dem andern haben mußte. Aber er ließ sich das ruhig und widerspruchslos gefallen. Hatten sie ihn endlich mit Fäusten und Füßen aus ihrer Mitte herausgeschoben, so wartete er eine Weile, bis er glaubte, sie seien am Einschlafen. Und es brauchte sich nur der eine oder der andre ein wenig mehr auf die Seite zu legen und so einen schmalen Spalt zwischen beiden zu öffnen, sofort schob er sich wieder dazwischen und würgte so lange, bis er der ganzen Länge nach wieder regelrecht zwischen beiden lag. Sie gaben schließlich den Kampf auf, weil es ganz vergebens war.

Barber wachte auf durch irgendein Kriechtier, das ihm über das Gesicht gelaufen war. Er setzte sich aufrecht und strich sich den Körper ab. Aber er fand nichts weiter. Während er nun so saß und in das Singen und Zirpen des nächtlichen Busches hineinlauschte, schreckte er plötzlich zusammen.

Er hörte ganz deutlich ein Heranschleichen von vorsichtigen Tritten. Es war kein Zweifel, es waren die Tritte eines großen Tieres. Sobald er die Tritte wieder gehört hatte und überzeugt war, daß er sich nicht täuschte, rüttelte er Dobbs auf.

„Was ist denn los?“ fragte Dobbs schläfrig.

„Da ist ein Löwe oder ein Tiger auf der Fährte. Gleich hinter uns.“

„Ich glaube, Sie träumen“, sagte Dobbs, langsam wach werdend. „Ich glaube nicht, daß ein Tiger herankommt und sich an uns wagt.“

Er lauschte nun ebenfalls. Als er das Geräusch hörte, sagte er, sich weiter aufrichtend: „Das scheint doch so, als ob Sie recht haben. Das ist ein großes Tier. Ein Mensch schleicht nicht zur Nachtzeit hier umher. Der hat mehr Angst als wir. Das ist ein Tier, die Tritte sind ziemlich schwer.“

Ob der Indianer schon die ganze Zeit wach gelegen hatte oder jetzt erst aufwachte, war nicht ganz klar. Jedenfalls dachte er, daß er am sichersten sei, wenn er sich nicht melde und ruhig hier zwischen den beiden liegenbleibe. Nun aber richtete er sich mit einem Ruck auf, und gleich stand er. Sein Gesicht konnte man nicht erkennen, denn es war stockfinster. Aber sicher war es von Furcht verzerrt. Aus dem Tonfall seiner Stimme konnten die beiden andern fühlen, wie sein Gesicht wohl jetzt aussehen müsse.

„Da ist ein Tiger, gleich da dicht bei uns“, sagte er mit bebender Stimme. „Nun sind wir alle verloren. Der wird gleich losspringen. Der steht da drüben im Gebüsch und lauert.“

Dobbs und Barber blieb der Atem stecken. Der Indianer kannte den Schritt und den Geruch eines Tigers, er gehörte ja zu diesem Lande.

„Was machen wir da nur?“ fragte Dobbs.

„Am besten, wir schreien und machen großen Lärm“, riet Barber.

„Das ist nicht gut. Daraus macht sich ein Tiger nichts. Das lockt ihn erst noch mehr und rascher an.“

Atemlos standen die drei da und lauschten auf die Schritte. Minutenlang hörten sie nichts, dann wieder vernahmen sie einen oder zwei Tritte.

„Ich weiß einen Ausweg“, sagte mit leiser Stimme Dobbs. „Wir klettern auf einen Baum. Da sind wir am sichersten.“

„Tiger klettern auch auf Bäume“, sagte darauf Barber ebenso leise. „Das sind doch Katzen, die klettern und springen wie nichts.“

„Das ist aber der sicherste Platz.“ Dobbs bestand auf seinem Plan.

Er tastete sich vorsichtig herum und kam auch nach zwei Schritten zu einem Mahagonibaum. Ohne noch lange zu überlegen, begann er hochzuklimmen.

Kaum hatte der Indianer gemerkt, was los sei, sofort war er auch an dem Baum, nur um nicht der Letzte und Unterste sein zu müssen. Er folgte Dobbs ziemlich rasch nach auf den Baum. Seine Basttasche hatte er aber mitgenommen.

Barber wollte nicht allein hier unten zurückbleiben, und so kletterte er endlich auch nach.

Hier oben, nachdem sie sich so eingenestelt hatten, wie das in der Dunkelheit nur möglich war, atmeten sie das erstemal wieder ein wenig auf und betrachteten ihre Lage ruhiger. Sie fühlten sich nun doch sicherer hier als auf dem Boden. Barber hatte ganz recht, als er sagte: „Unten kann der Tiger einen wegschleppen. Hier kann man sich festhalten.“

„Festhalten, ja“, meinte Dobbs. „Aber ein Bein oder einen Arm nimmt er mit.“

„Besser, als wenn man ganz mit muß“, sagte Barber.

Die Müdigkeit wurde größer und die Furcht geringer. Der Indianer war wieder in der Mitte, unter sich hatte er Barber, über sich Dobbs. Er fühlte sich am geborgensten. Sie hatten sich alle drei mit ihren Leibgürteln an einem Ast festgeschnallt, um zu verhüten, daß sie etwa im Schlaf hinunterfielen.

Es war eine lange Nacht, oft unterbrochen von schweren Träumen und von halbwachen Visionen. Endlich aber wurde es Morgen.

Beim hellen Licht der Sonne sah alles sehr natürlich aus, nichts von dem Grauen und den wilden Vorstellungen der Nacht war geblieben. Sogar der Erdboden sah viel einladender aus, als er in der Nacht erschienen war. Nur dreißig Schritte weiter lag eine Grasfläche, die traulich durch die Bäume leuchtete.

Die drei setzten sich nieder und frühstückten jeder eine Zigarette. Der Indianer brachte ein paar trockene Tortillas zum Vorschein, von denen er den beiden je eine abgab.

Während die drei nun dasaßen und rauchten und kauten, gerade einmal nicht redeten, hörten sie wieder die Tritte des Tigers. Alle drei schreckten gleichzeitig auf. Diese Art der Tritte kannten sie so genau, als ob sie die Tritte ihres nächsten Verwandten seien. Sie würden sie nach zehn Jahren noch genau so wiedererkannt haben wie heute; denn sie waren in jede Fiber ihres Körpers eingedrungen und hatten sich dort festgesetzt.

Am hellen lichten Tage ein Tiger. Warum nicht? Aber so dicht in der Nähe von drei Menschen? Das war denn doch zu ungewöhnlich.

Dobbs hatte sich umgedreht in der Richtung, von woher die Tritte in der Nacht gekommen waren und auch jetzt kamen. Er lugte durch die Bäume, sah rüber auf die Grasfläche, und dort war der Tiger.

Jetzt konnten ihn alle drei deutlich sehen. Der Tiger graste und war an einen Baumstumpf mit einer langen Leine angebunden, damit er nicht entlaufen solle. Es war ein harmloser Tiger, der froh war, wenn man ihm nichts tat und ihm sein Gras gönnte. Es war ein Esel.

Der Indianer sagte nichts darauf. Er wußte genau, daß er in der Nacht einen Tiger gehört hatte, und er kannte Tiger.

Dobbs und Barber sahen sich an. Sie sagten kein Wort, aber sie wurden beide rot im Gesicht. Dann lachten sie, als ob sie bersten wollten.

Endlich sagte Dobbs: „Um eins bitte ich Sie, Mensch, erzählen Sie das niemand. Wir können uns sonst nirgends wieder sehen lassen.“