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Der Schatz der Sierra Madre

Chapter 6: 5
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About This Book

The narrative follows a group of characters, primarily focusing on their desperate quest for wealth in the Sierra Madre mountains. The story explores themes of greed, survival, and the harsh realities of human nature as the characters navigate the challenges of mining for gold. It delves into the moral dilemmas faced by individuals driven by the desire for riches, highlighting the impact of wealth on relationships and personal integrity. The setting serves as a backdrop for the exploration of ambition and the consequences of pursuing material gain, ultimately reflecting on the futility and dangers of such pursuits.

5

arum wohnen Sie denn im Cleveland, Mensch?“ fragte Dobbs den Curtin, als sie auf die Straße traten und am Southern Hotel vorüberschlenderten. „Da zahlen Sie doch wenigstens drei Pesos für die Nacht.“ „Vier“, gab Curtin zur Antwort. „Kommen Sie doch mit in den Oso Negro, fünfzig Centavos“, riet Dobbs. „Ist mir zu dreckig da und nichts als Beachcombers und solche Strolche“, sagte Curtin.

„Wie Sie wollen. Wenn das Geld alle ist, landen Sie auch im Oso Negro wie wir alle. Ich hätte es ja selbst nicht nötig. Aber ich will die paar Böckchen zusammenhalten. Wer weiß, wann wieder etwas aufblüht. Ich gehe auch zum Chink essen für fünfzig, genau wie vorher.“

Sie waren zur Ecke der Plaza gekommen, wo das große Juwelengeschäft La Perla war. Sie blieben dort stehen und sahen sich die Herrlichkeiten an. Das funkelte von Gold und Diamanten. Ein Diadem lag da für achtzehntausend Pesos. Sie sagten nichts, betrachteten nur die aufgespeicherten Schätze, dachten an den Wert, der hier lag, und dachten an das viele Geld, das manche Leute hier in der Stadt besitzen müssen, um solche Dinge kaufen zu können.

Vielleicht war es das, was sie hier aufgehäuft sahen, das ihre Gedanken einmal vom Öl ablenkte. Denn wer hier lebte, dachte nur an Öl, dachte nur in Öl und dachte nur an Lebensmöglichkeiten, die mit Öl irgendwie verknüpft waren. Ob man arbeitete oder spekulierte, immer war es Öl. Sie lehnten mit dem Rücken gegen die großen Glasscheiben und sahen gelangweilt über die Plaza, hinter der die Schiffsmasten sichtbar waren. Das erinnerte sie beide an Reisen und auch daran, daß es noch andre Länder gäbe und andre Erwerbsquellen als die, die hier in dieser Stadt in Frage kamen.

„Was haben Sie nun eigentlich vor, Curtin?“ fragte Dobbs nach einer Weile. „Immer hier herumstehen und herumwarten, bis man rein zufällig etwas bekommt, das wird man endlich leid. Es ist immer nur Warten und Warten. Das Geld wird immer weniger, bis man eines Tages gar nichts mehr hat. Dann geht die alte Flöte wieder los, die anbetteln, die aus den Camps für einen Tag oder für eine Nacht hereinkommen. Ich habe ganz ernsthaft im Sinn, nun einmal etwas andres zu tun. Gerade jetzt ist Zeit, solange man noch Geld hat. Ist es erst wieder fort, dann steht man da und kann sich nicht rühren.“

„Dieselbe Frage beschäftigt mich nun zum dritten Male“, erwiderte Curtin. „Ich weiß, wie das ist und wie das geht. Aber ich habe keine einzige Idee. Goldgraben, das ist das einzige.“

„Da haben Sie es gesagt“, fiel Dobbs ein. „Daran dachte ich auch gerade. Es ist schließlich keine gewagtere Spekulation, als auf Arbeit in den Ölfeldern zu warten. Es gibt ja kaum noch ein Land, wo soviel Gold und soviel Silber darauf wartet, daß man es ausbuddelt, wie dieses Land hier.“

„Lassen Sie uns da hinübergehen und auf die Bank setzen“, sagte Curtin. „Ich will Ihnen sagen, ich bin hier runter gekommen nicht wegen Öl, sondern wegen Gold“, erzählte nun Curtin, nachdem sie sich niedergesetzt hatten. „Ich habe hier in den Öldistrikten nur einige Zeit arbeiten wollen, bis ich genügend Geld in den Fingern haben würde, um auf die Goldsuche loszugehen. Es kostet eine gute Summe. Da ist die Reise, da sind die Schaufeln, Hacken, Pfannen und sonstigen Werkzeuge. Dann muß man auch vier bis acht Monate leben können, ehe man was verdient. Kommt es endlich zum Rechnunglegen, kann es sein, daß man alles verloren hat, Geld und Mühe, weil man nichts gefunden hat.“

Dobbs wartete darauf, daß Curtin noch weitersprechen sollte, aber Curtin schwieg, er schien nichts mehr zu sagen zu haben.

Da sagte nun Dobbs: „Das Risiko ist nicht so groß. Hier herumzulungern und auf Arbeit zu warten, ist ein ebensolches Risiko. Hat man Glück, kann man monatlich dreihundert Dollars verdienen, vielleicht noch mehr, sechs, zehn, achtzehn Monate lang. Hat man kein Glück, findet man keine Arbeit, hat man genau so gut alles verloren. So glatt liegt das Gold ja nicht auf dem Haufen, daß man es nur abzuschaben und einzusacken braucht. Das weiß ich auch. Aber ist es nicht Gold, dann ist es vielleicht Silber, und ist es kein Silber, so ist es vielleicht Kupfer oder Blei oder gute Steine. Wenn man das auch nicht selbst ausbeuten kann, so findet man immer eine Kompanie, die einem die Mutung abkauft oder die einen mit guten Anteilen als Teilhaber aufnimmt. Jedenfalls werde ich mir das einmal gut überlegen.“

Sie sprachen nun von etwas anderm. So schwer gewichtig werden solche Gespräche über Goldsuchen hier nie genommen. Jeder sagt es, jeder plant es, und von zehntausend geht dann einer los und tut es, weil das eben nicht so schlicht zugeht, als ob man auf Kaninchenjagd zu gehen beabsichtigt. Es lebt nicht ein Mann hier, der nicht einmal wenigstens daran gedacht hat, auf die Goldsuche zu gehen. Die vielen Hunderte von Minen für andre Metalle, die hier im Lande sind, wurden alle gefunden und gegründet von Leuten, die auf Gold suchten und dann das nahmen, was sie fanden. Manche Mine, die weder Silber noch Gold hervorbringt, trägt ihren Besitzern größere Reichtümer zu, als zahlreiche Goldminen es können. Je mehr die elektrische Industrie sich ausbreitet, desto wertvoller wird Kupfer. Es kann die Zeit kommen, daß man Gold für durchaus entbehrlich ansieht; von Kupfer, Blei und vielen andern Metallen kann man das nicht so leicht sagen.

Kein Mensch hat einen Gedanken ganz für sich allein, und es hat noch nie jemand ganz für sich allein eine originelle Idee gehabt. Jede neue Idee ist das Kristallisationsprodukt tausend verschiedener Ideen, die andre Menschen haben. Einer findet dann plötzlich das rechte Wort und den richtigen Ausdruck für die neue Idee. Und sobald das Wort da ist, erinnern sich Hunderte von Menschen, daß sie diese Idee schon lange vorher gehabt haben.

Wenn in einem Menschen ein Plan auftaucht, der Gedanke, etwas Bestimmtes zu unternehmen, heranreift, darf man sicher sein, daß zahlreiche Menschen in seiner Nähe den gleichen oder einen ähnlichen Plan haben. Darum verbreiten sich Massenstimmungen so rasch wie ein fegender Feuerbrand.

Etwas Ähnliches geschah hier.

Curtin wollte noch eine Nacht im Cleveland bleiben und erst am folgenden Tage umziehen zum Oso Negro. Als Dobbs heimkam, waren außer ihm nur noch drei Amerikaner in dem Raum. Die übrigen Betten schienen heute nicht besetzt zu sein. Einer der Neuangekommenen war ein älterer Mann, dessen Haar weiß zu werden begann.

Als Dobbs den Raum betrat, unterbrachen die drei ihr Gespräch. Aber nach einer Weile nahmen sie es wieder auf. Der Alte lag im Bett, der eine der beiden andern lag angekleidet auf dem Bett, und der dritte saß auf dem Bett. Dobbs begann sich auszukleiden.

Zuerst verstand er nicht, wovon die Rede war. Dann aber wußte er mit einemmal, daß der Alte seine Erfahrungen als Goldsucher den Jüngeren mitteilte. Die beiden Jüngeren waren hierher gekommen, um auf Gold zu suchen; denn man hatte ihnen in den Staaten unerhörte Dinge von dem Goldreichtum des Landes erzählt.

„Gold ist eine verteufelte Sache“, sagte Howard der Alte. „Es ändert den Charakter. Man kann noch soviel haben, noch soviel finden, soviel aufzupacken haben, daß man es allein gar nicht wegschleppen kann, immer denkt man daran, noch etwas hinzuzubekommen. Und um noch etwas hinzuzubekommen, hört man auf, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Wenn man rausgeht, nimmt man sich vor, mit dreißigtausend Dollars zufrieden zu sein. Wenn man nichts findet, setzt man seine Erwartungen herab auf zwanzigtausend, dann auf zehntausend, und man erklärt, daß man sich mit fünftausend völlig begnügen würde, wenn man sie nur finden möchte, auch wenn man hart darum arbeiten muß. Findet man dann aber etwas, dann ist man mit den ursprünglich erhofften dreißigtausend nicht satt zu kriegen, dann geht man immer höher und höher, möchte fünfzig-, hundert-, zweihunderttausend Dollars haben. Dann kommen die Verwicklungen, die einen hin und her schmeißen und nicht mehr zur Ruhe kommen lassen.“

„Bei mir nicht,“ sagte einer der beiden, „bei mir nicht, das kann ich beschwören. Zehntausend und Schluß. Schluß, und wenn da noch für eine halbe Million läge. Das ist gerade die Summe, die ich brauche.“

„Wer nicht selber draußen war,“ meinte Howard in seiner langsamen Redeweise, „der glaubt es nicht. Von einer Spielbank kann man leicht weg, von einem Haufen Gold, den man nur zu nehmen braucht, um ihn zu besitzen, kann keiner weg. Ich habe in Alaska gegraben und gefunden, ich habe in Britisch-Columbia gegraben, in Australien, in Montana, in Colorado. Habe ganz schön etwas zusammengebracht. Na, und nun bin ich hier im Oso Negro und fertig. Meine letzten fünfzigtausend im Öl verloren. Jetzt muß ich alte Freunde anbetteln, auf der Straße. Vielleicht gehe ich noch mal los mit meinen alten Knochen. Habe aber nicht das Betriebskapital. Das ist nun überhaupt auch so: Geht man allein, ist es am besten. Man muß aber die Einsamkeit vertragen können. Geht man zu zweien oder zu dreien, lauert immer Mord herum. Geht man zu einem Dutzend, dann kommt nicht viel auf den einzelnen Mann, und Zank und Mord ist erst recht herum. Solange nichts da ist, hält die Bruderschaft. Wenn aber die Häufchen wachsen und wachsen, dann wird die Bruderschaft eine Luderschaft.“

Und so begann der Alte Goldgeschichten zu erzählen, Geschichten, die unter den fahrenden Gästen des Oso Negro und verwandter Häuser mit mehr Eifer gehört werden als die schamlosesten Liebesgeschichten.

Wenn so ein alter Goldgräber erzählte, dann konnte er die ganze Nacht erzählen, und keiner schlief ein, und keiner rief: „Nun will ich Ruhe haben.“ Ein solches Rufen nach Ruhe wäre ja in jedem Falle, ob es sich um Goldgeschichten, um Diebesgeschichten oder um Liebesgeschichten handelte, immer vergeblich gewesen. Ruhe durfte einer ja verlangen. Tat er es aber zu oft und vielleicht gar zu energisch, dann gab es Senge, weil die Erzähler darauf bestanden, ebensoviel Rechte hier zu besitzen wie die, die Ruhe haben wollten. Es ist das gute Recht eines jeden Menschen, seine Nächte mit Erzählen zu verbringen, wenn er das Bedürfnis dazu fühlt. Wenn einem andern das nicht gefällt, so hat er das Recht, sich einen ruhigeren Platz zu suchen. Wer nicht unter dem Donner von Geschützen, unter dem Gerassel von Wagen, unter dem Gefauche von Autos, unter dem Gewirr kommender und gehender, lachender, singender, schwätzender, schimpfender Menschen sanft und ruhig schlafen kann, soll nicht auf Reisen gehen und soll nicht in Hotels wohnen.

„Kennt ihr die Geschichte von der Grünwassermine in New Mexico?“ fragte Howard. „Die kennt ihr sicher nicht. Aber ich kenne Harry Tilton, der dabei war, und von dem ich die Geschichte weiß. Da ging eine Bande von fünfzehn Mann los auf die Suche. Sie gingen nicht so ganz blind. Da war ein altes Gerücht, daß in einem Tale eine reiche Goldmine sei, die von den alten Mexikanern gefunden und ausgebeutet wurde, und die ihnen später die Spanier wegnahmen, nachdem sie durch gräßliche Folterungen, durch Ausreißen der Zungen, durch Anbohren des Schädels und mehr solcher christlichen Liebesbezeigungen die Indianer gezwungen hatten, ihnen den Ort der Mine zu verraten.

Dicht bei der Mine war ein ganz kleiner See, der in einem Felsenbette lag. Und das Wasser dieses kleinen Sees war grün wie ein Smaragd. Darum hieß die Mine die Grünwassermine, La Mina del Agua Verde. Es war eine ungemein reiche Mine. Das Gold lag rein in dicken Adern da. Man brauchte es nur so fortzunehmen.

Die Indianer aber hatten die Mine mit einem Fluche belegt, so wurde von den Spaniern behauptet, weil alle Spanier, die mit der Mine zu tun hatten, weggerafft wurden. Manche durch Schlangenbisse, andre durch Fieber, wieder andre durch entsetzliche Hautkrankheiten oder durch Krankheiten, deren Ursache niemand erklären konnte. Und eines Tages war die Mine verschwunden. Kein Mensch wurde mehr gesehen, der zu der Zeit bei der Mine gewesen war.

Als die Sendungen ausblieben und auch keine Berichte einliefen, sandten die Spanier eine Expedition zu der Mine. Trotzdem die Mine genau in den Karten eingezeichnet war, trotzdem man weit genug den Weg verfolgen konnte, die Mine war nicht mehr zu finden. Und es war so leicht, ihre Lage zu bestimmen. Da waren drei steile Berggipfel, die mußten alle drei in einer Linie liegen, dann war man auf dem richtigen Wege, und wenn eine vierte Bergspitze, deren Form sehr auffallend war, in Sicht trat und in einem bestimmten Winkel zu der Linie stand, dann war man so dicht bei der Mine, daß man sie nicht verfehlen konnte. Aber obgleich monatelang gesucht wurde, es wurde weder die Mine noch der Felsensee gefunden. Das war im Jahre 1762.

Diese reiche Mine ist nie aus dem Gedächtnis aller derjenigen entschwunden, die sich für Goldminen interessieren.

Als New Mexico von den Amerikanern annektiert wurde, machten sich gleich wieder Leute auf, um diese Mine zu suchen. Viele kamen nicht wieder. Und die wiederkamen, waren halb idiotisch von dem vergeblichen Suchen und von Halluzinationen, die sie in dem Herumirren in jenem Felsental gehabt hatten.

Es war dann Mitte der achtziger Jahre, ich glaube, es war 1886, da zogen wieder einmal Leute auf die Suche, eben jene fünfzehn Mann. Sie hatten Abschriften von den alten Berichten und Kopien von den alten spanischen Karten. Das mit den vier Bergspitzen war ja so einfach. Aber sie mochten noch so sehr und noch so genau die Bergspitzen zur Zielrichtung nehmen, von der Mine war nichts zu sehen. Sie gruben und sprengten da und dort, und nicht eine Spur kam auf. Sie arbeiteten in Kolonnen, jede Kolonne zu drei Mann, um große Umkreise abzusuchen. Ihre Lebensmittel wurden immer knapper, aber die Männer gaben nicht auf.

Eines Spätnachmittags bereitete eine Kolonne ihr Abendessen. Das Feuer brannte, aber der Kaffee wollte nicht kochen, weil der Wind zu stark war, der die Kanne kühlte. Deshalb begann einer das Feuer tiefer zu legen. Und als er grub und auf etwa einen und einen halben Fuß war, fand er einen Knochen. Er warf den Knochen beiseite, ohne ihn näher anzusehen, und schob nun das Feuer in das Loch, nachdem er Züge gemacht hatte.

Als die Kolonne dann beim Abendessen saß, nahm einer so beiläufig jenen Knochen in die Hand und malte damit in den Sand.

Da sagte plötzlich sein Nachbar zu ihm: ‚Lassen Sie mal den Knochen sehen.‘ Und nach einer Weile sagte er: ‚Das ist der Armknochen eines Menschen. Wo ist denn der Knochen her?‘

Der Mann, der das Loch gegraben hatte, sagte nun, daß er beim Graben darauf gestoßen sei und den Knochen aus dem Sand gezogen habe.

‚Dann muß da das ganze Skelett liegen, denn wie sollte nur ein einzelner Armknochen gerade hierher kommen?‘ sagt der Mann nachdenklich.

Es war nun dunkel geworden. Sie hüllten sich in ihre Decken und legten sich schlafen.

Am nächsten Morgen sagte der, der den Armknochen entdeckt hatte, ich will ihn Bill nennen, weil ich seinen Namen nicht weiß, also da sagt Bill: ‚Da, wo der Armknochen war, muß das Skelett sein. Nun ist mir in der Nacht ein Gedanke gekommen. Ich habe mich gefragt, wie das Skelett hierherkommt.‘

‚Einfach. Jemand erschlagen worden oder verhungert‘, sagte einer.

‚Das ist natürlich möglich, sagte Bill darauf. ‚Es sind ja viele hier herumgelaufen. Aber ich glaube nicht, daß sie gerade hier erschlagen wurden oder gerade hier verhungerten. Mir ist nun der Gedanke gekommen, daß die Mine durch einen Sandsturm oder durch ein Erdbeben oder durch einen Bergsturz oder so etwas Ähnliches verschüttet worden ist. Und weil von den Spaniern keiner wiederkam, so sind die dabei mit verschüttet worden. Sie sind in der Nähe der Mine verschüttet worden. Wenngleich dieser Armknochen auch ganz gut jemand gehören kann, der vor uns hier gesucht hat und hier umgekommen ist, so kann es ebensogut möglich sein, daß dieser Armknochen einem der verschütteten Spanier gehörte. Und wenn hier sein Armknochen liegt, dann liegt auch hier dicht dabei sein Skelett. Und wenn wir diesem Skelett nachgehen, kommen wir vielleicht auf die Mine. Ich denke, wir graben einmal hier bei dem Feuerloch.“

Sie gruben und fanden auch wirklich die übrigen Teile des Skeletts, Stück bei Stück. Sie gruben im Kreise weiter und fanden ein zweites Skelett. Sie gruben in der Richtung des zweiten Skeletts weiter und kamen auf ein drittes. Und so fanden sie die Richtung, die der Bergsturz oder das Erdbeben genommen hatte. Sie folgten dem Wege und gruben Werkzeuge aus, und endlich stießen sie auf Goldbrocken, die offenbar verstreut worden waren.

‚Wir haben die Mine. Was nun?‘ sagte Bill.

‚Wollen die andern herbeirufen‘, sagte einer.

‚Daß du ein Esel bist, habe ich immer gewußt,‘ sagte der Dritte, ‚aber daß du so ein großes Rind bist, das habe ich nicht gewußt. Wir werden schön brav das Maul halten und nichts sagen. Wir gehen mit den andern zurück in ein paar Tagen. Und nach ein paar Wochen kommen wir drei allein wieder hierher und legen die Mine aus.‘

Damit waren die drei auch einverstanden. Sie sammelten die paar Goldbrocken zusammen und steckten sie ein, damit sie dafür eine gute Ausrüstung kaufen konnten. Dann schütteten sie alles wieder sorgsam zu. Ehe sie aber alles zu hatten, kam eine andre Kolonne herbei. Die Männer der andern Kolonne betrachteten sich das Gegrabe mißtrauisch, und dann sagte der eine von ihnen: ‚He, ihr Burschen, was spielt ihr denn hier? Wollt uns wohl raushalten aus der heiligen Messe.‘

Die drei bestritten, daß sie etwas gefunden hätten, und daß sie faules Spiel treiben wollten. Es kam zum Zanken. Und als ob die Luft die Reden der ersten Kolonne davongetragen hätte, fanden sich hier in derselben Stunde zwei weitere Kolonnen ein. Die erste Kolonne und die zweite, die die erste überrascht hatte, waren gerade dicht vor dem Augenblick, wo sie bereit waren, sich zu einigen, einen Pakt zu schließen, bei dem die übrigen drei Kolonnen ausgeschaltet werden sollten, als die beiden andern Kolonnen hier ziemlich gleichzeitig eintrafen.

Jetzt natürlich kehrte die zweite Kolonne sofort von dem halben Pakte ab und beschuldigte die erste Kolonne des Verrats. Ein Mann wurde abgeschickt, um auch die letzte Kolonne herbeizuholen, und als sie angelangt war, wurde Rat gehalten. Es wurde beschlossen, die drei Mitglieder der ersten Kolonne wegen der beabsichtigten Unterschlagung des Fundes zu hängen.

Die drei wurden gehängt. Es erfolgte kein Widerspruch, denn es fielen drei Anteile weg, die nun unter die übrigbleibenden zwölf mit verteilt werden konnten.

Dann wurde an die Arbeit gegangen, und die Mine wurde bloßgelegt. Es war in der Tat eine unerschöpflich reiche Mine. Aber nach einiger Zeit wurden die Lebensmittel so knapp, daß fünf Mann abgeschickt wurden, um Lebensmittel heranzuholen.

Harry Tilton, der mir selber die Geschichte erzählte, sagte, daß er mit dem, was bis jetzt auf seinen Anteil falle, zufrieden sei, und daß er mit den fünf Männern, die Lebensmittel holen gehen, abwandern wolle. Er nahm seinen Anteil und zog ab. Es wurden ihm dafür in der Bank achtundzwanzigtausend Dollars ausbezahlt. Für das Geld kaufte er sich eine Farm, wo er sich dauernd niederließ.

Die fünf Mann, die um Lebensmittel gegangen waren, kauften Packpferde ein, bessere Werkzeuge, reichlich Lebensmittel und ließen ihr Mutungsrecht registrieren. Dann kehrten sie zurück.

Als sie bei der Mine ankamen, fanden sie das Camp niedergebrannt und die zurückgelassenen Männer ermordet, oder richtiger, von den Indianern erschlagen. Das Gold war nicht angetastet. Nach den Spuren zu urteilen, hatte ein fürchterlicher Kampf stattgefunden in der Zeit, während die Leute fort waren, um Lebensmittel zu besorgen. Die zurückgekehrten Männer begruben die getöteten Kameraden und begannen, weiter in der Mine zu arbeiten.

Es vergingen nur drei oder vier Tage, da kehrten die Indianer zurück. Sie waren mehr als sechzig Mann stark. Sie griffen sofort an und töteten nun auch noch den Rest. Einer dieser Leute aber war nicht getötet worden, sondern nur schwer verwundet. Als sein Bewußtsein wiederkam, kroch er voran. Tagelang oder wochenlang. Er wußte es nicht. Endlich wurde er von einem Farmer gefunden und zu dessen Hause gebracht. Er erzählte seine Erlebnisse. Ehe er jedoch genau den Ort, wo sich das alles zugetragen hatte, bezeichnen konnte, starb er an seinen Wunden. Die Farmer der Gegend, wo der Mann gestorben war, machten sich auf, die Goldmine zu finden. Sie suchten viele Wochen, aber sie fanden sie nicht. Harry Tilton, der in einen der Nordstaaten gegangen war, erfuhr von den Dingen, die sich hier ereignet hatten, nichts. Er kümmerte sich nicht mehr darum, lebte zufrieden auf seiner Farm, und er glaubte alle seine Kameraden, die mit ihm ausgezogen waren, reiche oder wohlhabende Leute, die, nachdem sie genügend Gold erworben hatten, nach dem Osten gereist seien. Er war an sich ein schweigsamer Mensch. Er hatte davon gesprochen, daß er sein Geld durch Goldgraben erworben hätte. Aber das war nicht ungewöhnlich. Da er nicht übertrieb, sondern, wenn er schon von seiner Goldgräberzeit sprach, nur ganz schlicht und einfach erzählte, so kam diese reiche Mine ganz in Vergessenheit.

Mit der Zeit jedoch verdichtete sich das Gerücht immer mehr, daß Tilton sein Geld in wenigen Tagen erworben habe. Das bestritt er nicht. Und daraus schloß man, daß die Stelle, wo er das Gold gegraben habe, sehr reich an Schätzen sein müsse. Immer mehr Glücksjäger bedrängten ihn, doch einen Plan auszuarbeiten, so daß man die Mine wiederfinden könne. Er tat es schließlich auch. Aber inzwischen waren mehr als dreißig Jahre vergangen. Sein Gedächtnis war nicht mehr so gut. Ich war mit einer der Kolonnen ausgerückt, die dem Plane nachgingen.

Wir fanden die Orte alle, die Tilton angegeben hatte. Aber die Mine selbst fanden wir nicht. Sie war vielleicht damals durch einen Bergsturz oder durch ein Erdbeben verschüttet worden, oder die Indianer hatten alle Spuren verwischt, und sie hatten es so gut getan, daß nichts zu finden war. Sie wollten keine Leute in ihrem Gebiete haben; denn eine solche Mine hätte Hunderte von Menschen herangelockt und die Gegend in einen solchen Tumult geworfen, daß das Leben, das sie zu führen gewohnt waren, verdorben wäre.

Ja, wenn man so eine Mine finden könnte,“ beendigte Howard seine Erzählung, „wäre man gemacht. Aber da kann man vielleicht sein ganzes Leben lang suchen, und man findet nichts. Das ist wie mit jedem andern Geschäft. Wenn man das rechte Geschäft findet, und man hat Glück, dann hat man seine Goldmine. Jedenfalls, wenn ich auch ein alter Knabe schon bin, ich mache immer wieder mit, wenn es auf Gold losgeht. Aber man braucht Kapital wie für jedes andre Ding.“

Die Geschichte, die Howard hier erzählt hatte, enthielt nichts, das ermutigte, und nichts, das warnte. Es war eine übliche Goldsuchergeschichte, zweifellos wahr und doch wie ein Märchen klingend. Aber alle Geschichten, die von reichen Gewinnen erzählen, klingen märchenhaft. Um zu gewinnen, muß man wagen. Wer Gold haben will, muß es suchen gehen. Und Dobbs beschloß in dieser Nacht, auf die Goldsuche zu gehen, selbst wenn er nur mit einem Taschenmesser ausgerüstet sein sollte.

Nur eine Frage, eine einzige Frage war es, die sich in seinen Plan drängte. Sollte er allein gehen oder mit Curtin oder mit dem alten Howard oder mit Curtin und Howard?