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Der Schatz der Sierra Madre

Chapter 7: 6
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About This Book

The narrative follows a group of characters, primarily focusing on their desperate quest for wealth in the Sierra Madre mountains. The story explores themes of greed, survival, and the harsh realities of human nature as the characters navigate the challenges of mining for gold. It delves into the moral dilemmas faced by individuals driven by the desire for riches, highlighting the impact of wealth on relationships and personal integrity. The setting serves as a backdrop for the exploration of ambition and the consequences of pursuing material gain, ultimately reflecting on the futility and dangers of such pursuits.

6

s war am nächsten Morgen, als Dobbs die Geschichte, die er von Howard gehört hatte, an Curtin weitererzählte. Curtin hörte andächtig zu. Endlich sagte er: „Ich glaube, das ist eine wahre Geschichte.“

„Aber natürlich ist es eine wahre Geschichte. Warum sollte sie denn erlogen sein?“ Dobbs war höchst verwundert, daß jemand die Richtigkeit der Geschichte bezweifeln könnte. Aber dieser Zweifel, den Curtin geäußert hatte, hatte eine Einwirkung auf ihn. Ihm war die Geschichte so natürlich erschienen wie die Tatsache, daß es Morgen sei, wenn die Sonne aufgeht, und Abend, wenn sie untergeht. Es war nichts in der Geschichte enthalten gewesen, was erdichtet hätte sein können. Der Zweifel jedoch, den Curtin in seine Frage gelegt hatte, machte die Geschichte abenteuerlich. Und während Dobbs bisher das Suchen von Gold mit ebenso nüchternen Augen angesehen hatte wie das Suchen von passenden Stiefeln in den verschiedenen Schuhgeschäften einer Stadt oder wie das Suchen nach Arbeit, sah er plötzlich ein, daß Goldsuche unbedingt mit etwas Unheimlichem umgeben sein müsse. Nur darum war ihm jetzt so sonderbar zumute, weil er dieses Unheimliche, Mystische, Fremdartige niemals vorher empfunden hatte, wenn von Goldsuchern die Rede war. Als Howard ihm die Geschichte so trocken erzählt hatte, hatte er keine andre Empfindung gehabt als die, daß Gold und Steinkohle im Grunde ganz dasselbe seien, daß Steinkohle einen Menschen, der sich mit ihr befaßt, genau so reich machen kann, als wenn es sich um Gold handelt.

„Erlogen?“ sagte Curtin. „Davon habe ich nichts gesagt. Die Geschichte in sich ist nicht erlogen. Da gibt es Hunderte solcher Geschichten. Ganze Berge solcher Geschichten habe ich in den Zeitschriften gelesen, die solches Zeug drucken. Aber ich glaube, die Geschichte ist, auch wenn alles andre unwahrscheinlich sein sollte, sicher wahr in jenem Teil, wo diese drei Burschen versuchen, die übrigen von der Kompanie übers Ohr zu hauen und kalt abfahren zu lassen.“

„Richtig!“ Dobbs nickte. „Das ist der Fluch, der auf dem Golde lastet.“ Als er das sagte, kam ihm klar zum Bewußtsein, daß er einen solchen Satz eine Stunde vorher nicht gesprochen haben würde, weil ihm gar nicht der Gedanke gekommen wäre, daß Fluch am Golde haften müsse.

Curtin hatte eine derartige Wandlung in seiner Anschauung nicht mitgemacht. Vielleicht nur darum nicht, weil ihm ein so unerwarteter Zweifel nicht gegenübergetreten war, wie ihn soeben Dobbs erlebt hatte.

Dieses innere Erlebnis, das Dobbs in dieser Minute gehabt hatte, trennte diese beiden Männer, ohne daß es ihnen zum Bewußtsein kam. Es war eine Trennung innerhalb ihrer Gefühlswelt. Von nun an gingen beide einem andern Ziel ihres Lebens entgegen. Ihre verschiedene Schicksalsbestimmung begann sich zu formen.

„Fluch auf dem Golde?“ sagte Curtin widersprechend. „Sehe ich nicht. Wo ist denn der Fluch? Es liegt ebensoviel Segen darauf. Es hängt nur davon ab, wer es in Händen hat. Die bestimmten Charaktereigenschaften seines Besitzers schaffen den Fluch oder den Segen. Gib einem Schurken Kieselsteine in die Hand oder trockne Schwämme, er wird sie gebrauchen, um einen Schurkenstreich damit zu verüben.“

„Habgier ist die einzige Charaktereigenschaft, die Gold in seinem Besitzer auslöst.“ Dobbs wunderte sich, wie er zu dieser Meinung kam. Sie erschien ihm fremd. Aber er redete sich ein, daß er diese Meinung nur geäußert habe, um Curtin zu widersprechen.

„Das ist nun blanker Unsinn, was du da sprichst“, erwiderte Curtin. Unbeabsichtigt hatte er mehr eine vertrauliche Form der Anrede gewählt, auf die Dobbs ebenso gedankenlos einging, als hätte er den Wechsel gar nicht gefühlt.

„Es kommt doch ganz und gar darauf an,“ setzte Curtin seine Rede fort, „ob der Besitzer das Gold an sich liebt, oder ob er es nur als Mittel betrachtet, um bestimmte Ziele zu erreichen. Es gibt ja auch in der Armee Offiziere, die mehr darauf sehen, daß das Lederzeug peinlich sauber geputzt ist, als daß sie darauf achten, daß das Lederzeug sich in einem brauchbaren Zustande befindet. Das Gold selbst ist nicht notwendig. Wenn ich jemand glauben machen kann, daß ich viel Gold besitze, kann ich dasselbe erreichen, als wenn ich es wirklich hätte. Es ist nicht das Gold, das die Menschen verwandelt, als vielmehr die Macht, die sie mit Hilfe des Goldes ausüben können, das die Menschen so aufregt, sobald sie Gold sehen oder von Gold auch nur hören.“

Dobbs lehnte sich zurück auf der Bank, wo die beiden saßen. Er sah hoch und bemerkte auf einem Dache eines der gegenüberliegenden Häuser zwei Arbeiter, die Telephondrähte legten. Sie standen so unsicher, daß man jeden Augenblick erwarten konnte, daß sie abstürzen würden. „Für vier Pesos oder vier Pesos fünfzig den Tag,“ dachte Dobbs, „und immer die Aussicht, sich das Genick zu brechen oder die Knochen zu zerschlagen; beim Derrickbauen ist es ebenso, nur daß man die Aussicht etwas besser bezahlt bekommt.“

Dann dachte er, es ist doch ein rechtes Luderleben, das man als Arbeiter führt. Und diesen Gedanken weiterführend, fragte er: „Würdest du denn deine Freunde verraten, um alles Gold für dich allein zu haben, so wie es die drei versuchten?“

„Das kann ich jetzt nicht sagen“, gab Curtin zur Antwort. „Ich glaube nicht, daß es einen einzigen Menschen gibt, der genau sagen kann, was er tun würde, wenn er eine große Menge Gold für sich allein erwerben kann, und wenn er eine Gelegenheit hat, andre Teilnehmer auszuschalten. Ich glaube bestimmt, daß noch jeder Mensch anders gehandelt hat, als er selbst erwartete in dem Augenblick, wo er plötzlich viel Geld bekam oder die Möglichkeit sah, durch eine Handbewegung einen Haufen Gold einzusacken.“

Dobbs sah noch immer hinauf zu den Telephonarbeitern. Obgleich er es den Arbeitern nicht gönnte, hoffte er dennoch leise, daß einer herunterfallen möchte, weil das ein wenig Abwechselung in das eintönige Leben gebracht haben würde.

Weil nun keiner von den Arbeitern herunterfiel, kam ihm zum Bewußtsein, daß er unbequem sitze, und daß ihm die Schultern weh täten. Er setzte sich wieder gerade auf die Bank und zündete sich eine Zigarette an. Er sah dem Rauch nach und sagte dann: „Ich würde es machen wie Tilton. Das ist das Sichere, und man braucht nicht mehr so zu schuften und nicht mehr so hungrig herumzulungern. Ich würde mich mit einer kleinen Menge begnügen und meiner Wege ziehen. Die andern mögen sich meinetwegen herumschlagen.“

Curtin wußte nichts darauf zu antworten. Das Thema war erschöpfend von ihnen behandelt, und sie sprachen von etwas anderm, von etwas ganz Gleichgültigem, nur um zu sprechen und nicht so blöde dazusitzen.

Am Nachmittag aber, als sie vom Baden am Flusse zurückgekommen waren und sich den ganzen Weg über geärgert hatten, daß sie die lange staubige Avenida hatten laufen müssen, weil sie die fünfzehn Centavos für die Straßenbahn sparen mußten, kam das Goldthema wieder zur Sprache. Immer nur halbsatt, immer durstig nach einem Glase Eiswasser, immer schlecht geschlafen in den harten und unbequemen Bettgestellen, arbeitete der Gedanke an Gold in ihnen ununterbrochen. Woran sie wirklich dachten, das war eine Veränderung ihrer gegenwärtigen Lage. Diese Lage ließ sich nur ändern durch Geld. Und Geld war so nahe verwandt mit Gold. So wurde der Gedanke an Gold immer stärker in ihnen und löschte alle andern Gedanken aus. Sie sahen schließlich ein, daß Geld ihnen nicht helfen könnte, daß nur Gold, ein großer Berg Gold sie aus diesem Leben, aus diesem Herumhängen zwischen Verhungern und Niemalssattwerden befreien könnte. Sie waren in einem Lande, wo unerhörte Schätze an Gold zu finden waren. Sie sahen das Gold funkelnd vor sich liegen, selbst dann, wenn sie die Augen schlossen, weil die Sonne so unbarmherzig blendend auf der weißen staubigen Plaza lag. Vielleicht war es nicht das Gold, vielleicht war es das heiße Asphaltpflaster, der weiße Staub, die weißen Häuser, das sie so ungeduldig machte. Aber sie mochten hin und her denken, sie kamen immer wieder auf Gold zurück. Gold war Eiswasser, Gold war ein zufriedener Magen, Gold war eine kühle Wohnung in dem hohen eleganten Riviera-Hotel. Gold, nur Gold, und dann hörte das Stehen vor der amerikanischen Bank, wo man hoffte, die Manager von den Ölfeldern um einen lockeren Peso oder um Arbeit anzufleddern, auf. Es war entwürdigend, und es war ein schäbiges Leben. Das kann so nicht in alle Ewigkeit fortgehen. Man muß ein Ende machen. Nachdem drei Tage vergangen waren, sich keine Aussicht auf Arbeit zeigte und es durchaus so aussah, als ob auch in den nächsten drei Monaten sich keine Aussicht auf Arbeit zeigen würde, sagte Dobbs zu Curtin: „Ich gehe jetzt los auf Gold. Und wenn ich auch ganz allein gehen muß, ich gehe. Ob ich hier verrecke oder in der Sierra zwischen den Indianern, das ist mir nun wahrhaftig Schmalzkuchen wie Sirupfaß. Ich gehe los.“

„Denselben Vorschlag wollte ich dir soeben machen,“ sagte Curtin, „ich bin zu jedem Pferdediebstahl bereit.“

„Es bleibt dir ja auch nichts andres mehr übrig als die Wahl zwischen Taschendiebstahl und Santa Maria?“

„Santa Maria?“ fragte Curtin. „Ich bin nicht katholisch.“

„Ob du katholisch bist oder nicht, das fragen sie dich nicht. Aber wenn du Pech hast beim Taschendiebstahl, dann wirst du schon lernen, wer Santa Maria ist. Das ist die Strafinsel an der Westküste, wo man dich nicht nach der Religion fragt, sondern nur wissen will, wieviel Jahre du abzumachen hast. Wenn du diese Santa Maria kennengelernt hast, weißt du, warum die Heilige Maria immer ein aufgeklapptes Taschenmesser in ihrem Herzen hat. Das hat ihr nämlich einer hineingetrieben, der von jener Insel lebendig zurückgekommen ist.“

„Wir könnten dann ja gleich morgen losgehen.“

Dobbs überlegte eine Weile, dann sagte er: „Ich habe gedacht, daß wir den alten Howard mitnehmen könnten. Wir wollen ihn heute abend fragen, wie er darüber denkt.“

„Howard? Warum? Der ist ja so alt. Vielleicht können wir ihn auf dem Rücken schleppen.“

„Alt ist er“, bestätigte Dobbs. „Aber er ist zähe wie eine gekochte alte Stiefelsohle. Wenn es darauf ankommt, hält der mehr aus als wir beide zusammengenommen. Ich muß nur gleich gestehen, ich habe nicht viel Ahnung von Goldgraben und weiß nicht einmal recht, wie es aussieht, wenn man es vor sich im Dreck liegen sieht. Howard hat Erfahrung, er hat selber gegraben und hat auch fein Geld gemacht. Im Öl ist alles wieder draufgegangen. So einen alten erfahrenen Burschen mitzuhaben, ist schon halb eingesackt. Wer weiß, ob er überhaupt mitgeht.“

„Fragen wir ihn einfach“, riet Curtin.

Sie gingen zum Oso Negro. Howard lag im Bett und las Banditengeschichten im Western Story Magazine.

„Ich?“ sagte er sofort. „Was für eine Frage? Natürlich bin ich dabei. Bin immer dabei, wenn es auf Gold geht. Ich habe noch dreihundert Dollars hier auf der Bank. Zweihundert lege ich an für die Sache. Ist mein letztes Geld. Wenn das zu Ende ist, bin ich fertig. Aber man muß etwas wagen.“

Nachdem sie alles Geld zusammengeworfen hatten, erinnerte sich Dobbs seines Lotterieloses. „Sei doch nicht so abergläubisch“, sagte Curtin lachend. „Ich habe noch nie jemand gesehen, der in der Lotterie gewonnen hätte.“

„Macht nichts“, sagte Dobbs darauf. „Ich gehe die Liste wenigstens einmal nachsehen. Das kann nichts schaden.“

„Da gehe ich mit. Das lange Gesicht, das du machst, möchte ich gern sehen.“

Überall hingen die Listen aus. In jedem kleinen Laden, wo man Lose verkaufte. Die Listen waren auf Leinwand gedruckt. Weil niemand eine Liste kaufte, die Lotterie auch nie ein Nebengeschäft aus dem Listenverkauf machte, so wurden die Listen von Hunderten von Leuten betastet. Sie mußten sehr dauerhaft sein, um den Angriffen derer zu widerstehen, die glaubten, diesmal ganz sicher gewonnen zu haben.

Da gleich an der Ecke der Madrid Bar hing so eine Liste, groß wie ein Handtuch.

Dobbs warf einen Blick darauf und sagte zu Curtin: „Dein Aberglaube ist lächerlicher als meiner. Da, siehst du die fettgedruckte Nummer? Das ist meine Nummer. Auf mein Zwanzigstel kriege ich jetzt hundert Pesos ausgezahlt.“

„Wo?“ fragte Curtin erstaunt.

„Gehen wir gleich zur Agentur kassieren.“

Dobbs legte sein Los auf den Tisch. Der Agent prüfte es, und ohne einen Abzug irgendwelcher Art zu machen, händigte er Dobbs zwei dicke goldne Fünfzigpesostücke aus.

Als sie wieder auf der Plaza standen, sagte Curtin: „Nun will ich noch hundert Dollars heranschaffen. Dann langt es. Ich habe da einen Freund in San Antonio, drüben in Texas. Der schickt mir das Geld.“

Er telegraphierte, und das Geld kam pünktlich an. Sie nahmen den Nachtzug nach San Luis. Von dort fuhren sie mit dem nächsten Zug hinauf nach Durango.

Hier saßen sie über Karten und studierten die Gegenden.

„Wo Eisenbahn läuft, da brauchen wir gar nicht erst hinzugehen“, sagte Howard sachlich. „Das lohnt sich nicht. Wo eine Bahn ist, wo nur eine gute Straße ist, da kennt man jeden Winkel, in dem etwas sein könnte. Die wilden Ecken sind es, wo was zu holen ist. Da, wo kein Steg ist, wo keine Geologen sich hintrauen, wo kein Mensch weiß, was ein Auto ist, da muß man herumkriechen. Und so eine Gegend müssen wir uns aussuchen.“ Er stöberte auf der Karte herum und sagte dann: „Ungefähr hier. So genau kommt es nicht darauf an. Ist man erst einmal da, dann muß man die Augen aufmachen. Das ist alles. Ich habe einmal einen gekannt, der konnte das Gold riechen, gerade so wie ein durstiger Esel Wasser riecht, wenn er Lust hat, hinzugehen.“

„Richtig,“ sagte Dobbs, „da fällt mir ein, wir wollen gleich einmal hier in einem Nachbardorfe Esel kaufen, die uns die Packen schleppen.“