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Der Schatz der Sierra Madre cover

Der Schatz der Sierra Madre

Chapter 9: 8
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About This Book

The narrative follows a group of characters, primarily focusing on their desperate quest for wealth in the Sierra Madre mountains. The story explores themes of greed, survival, and the harsh realities of human nature as the characters navigate the challenges of mining for gold. It delves into the moral dilemmas faced by individuals driven by the desire for riches, highlighting the impact of wealth on relationships and personal integrity. The setting serves as a backdrop for the exploration of ambition and the consequences of pursuing material gain, ultimately reflecting on the futility and dangers of such pursuits.

8

ie drei Männer, die sich hier zusammengefunden hatten, waren niemals Freunde gewesen. Sie hatten auch kaum je daran gedacht, irgendwann einmal Freunde zu werden. Sie waren, um das Beste in dieser Hinsicht zu sagen, Geschäftsfreunde. Aus reinen Nützlichkeitsgründen hatten sie sich zusammengetan. Sobald dieser Grund verschwand, hörte auch ihre Gemeinschaft auf. Sie kamen in Streitigkeiten, und sie zankten sich, wie das immer geschieht, wenn Menschen eine Weile beieinander sind. Dieses Zanken hätte sie mit der Zeit zu Freunden machen können. Das wäre nicht so verwunderlich gewesen. Wenn Menschen, die nicht Freunde sind, zu streiten anfangen und sich zanken, so ist das meistens der Beginn einer langen Freundschaft.

Die gemeinsamen Mühen, die gemeinsamen Sorgen, die gemeinsamen Hoffnungen, die gemeinsamen Enttäuschungen, die jene drei Männer in den Monaten, die sie nun schon beieinander waren, durchgemacht hatten, mußten nach allen Weisheiten der Soziologie zur Freundschaft führen. Sie waren doch Kriegskameraden, bessere Kriegskameraden, als je ein Krieg hervorbringen konnte. Da war mehr als ein Fall vorgekommen, daß Howard dem Dobbs, Curtin dem Howard, Dobbs dem Curtin das Leben gerettet hatte; dann wieder, daß Dobbs den Howard, ein andermal den Curtin vor dem Verlust des letzten Atems bewahrt hatte. Alle möglichen Kombinationen waren vorgekommen. Jeder war immer sofort bereit gewesen, dem andern zu helfen und seine eignen Knochen oder gar das eigne Leben dran zu wagen, den Abgestürzten in Sicherheit zu bringen. Was war da alles schon vorgekommen. Da brach ein angefällter Baum zu früh, und Dobbs fing ihn mit der Schulter auf und gab ihm dadurch eine andre Richtung, sonst hätte der Baum Curtin zerschmettert. Wie die Schulter nachher aussah!

„Fein war das, Dobbs“, sagte Curtin. Und das war alles. Was sollte er mehr sagen.

Zwei Wochen später brach ein Erdstollen durch, als Dobbs drin war, und Curtin wühlte ihn heraus, obgleich eine dicke schwere Schwarte kieseliger Erde über ihm hing und jeden Augenblick herunterbrechen konnte, um Curtin so sicher zu vergraben, daß Howard, der an der andern Seite den Stollen durchzustechen versuchte, auf alle Fälle zu spät gekommen wäre, um auch nur zu ahnen, wo die beiden hingekommen seien.

Als Dobbs dann herausgezerrt war, sein Bewußtsein wieder hatte und zu atmen anfing, sagte er: „Wenn ihr einmal mehr in die Hände gespuckt hättet, dann hätte ich auf diesen Sandhaufen nicht mehr spucken können.“ Dabei spie er ein Maul voll Erde aus.

Da wurden nie viel Worte gewechselt in solchen Fällen. Es war ganz nüchterner Dienst, den einer dem andern erwies. Aber diese Dienste, diese Hilfeleistungen brachten sie nicht näher zueinander. Sie wurden nicht Freunde. Sie würden nicht Freunde geworden sein, auch wenn sie noch zehn Jahre lang sich gegenseitig das Leben gerettet hätten.

Sie selbst konnten sich nicht beobachten, sie waren beteiligte Partei. Wer sie aber zuweilen hätte vor dem Feuer sitzen sehen, kurz vor dem Schlafengehen, der würde den Eindruck gewonnen haben, daß jeder von ihnen auf eine gute Gelegenheit warte, um den beiden andern an den Hals zu springen. Dennoch war es nicht Mord, was in ihren Augen glimmerte. Vielleicht war es Neid? Doch wenn jeder einzelne von ihnen gefragt worden wäre, was er gegenüber den andern empfinde, er würde nicht gesagt haben, „Neid“ oder „Habgier“. Das war es ganz bestimmt nicht. Jeder besaß gleich viel, jeder wußte, daß der andre so ziemlich alles Vermögen in das gemeinsame Unternehmen gesteckt hatte, daß jeder hart gearbeitet, jeder bitter gedarbt, jeder unmöglich Erscheinendes erduldet hatte, um zu etwas zu kommen. Wie konnte man da Neid empfinden? Oder Habgier? So widernatürlich fühlt ein gesunder Mensch nicht.

Jeden Abend, noch bei hellem Tageslicht, wurde der Ertrag des Tages sorgfältig abgeschätzt, dann in drei Teile geteilt, und jeder nahm seinen Teil an sich. Das hatte sich gleich von Anfang an wie von selbst gegeben.

„Am besten, wir teilen jeden Abend, und jeder nimmt seinen Anteil an sich.“ Diesen Vorschlag machte Curtin am zweiten Abend der Woche, in der die Arbeit anfing, die ersten Gewinne abzuwerfen.

„Dann brauche ich wenigstens nicht euer Schatzhüter zu sein“, sagte Howard.

Sofort sahen die beiden andern auf: „Wir hatten nichts davon gesagt, daß du das Gut in Verwahrung haben solltest. Das wäre erst noch sehr die Frage gewesen, ob wir dir das alles anvertraut hätten.“

„Schaut ihr aus dem Fenster heraus?“ lachte Howard. Er fühlte sich nicht beleidigt. Er hatte solche Wandlungen zu oft erlebt, als daß er sich deswegen aufgeregt hätte. Gutmütig sagte er: „Ich habe nur gedacht, daß ich der Vertrauenswürdigste hier bin.“

„Du?“ rief Dobbs. „Wir wohl nicht? Wir sind wohl entlaufene Sträflinge?“

Und Curtin sagte: „Was wissen wir denn, wo du alt geworden bist.“

Howard ließ sich nicht aus der guten Laune bringen. „Freilich wißt ihr das nicht. Aber ich denke, hier draußen und zwischen uns, da zählt das alles nicht. Ich habe keinen von euch gefragt, wo er herkommt und wo er seine Jahre der Unschuld verbracht hat. Das wäre auch sehr unhöflich gewesen. Man soll niemand zum Lügen verführen. Hier draußen, wo kein Hahn kräht, da rettet kein Schwindel. Ob wir uns hier gegenseitig was vorlügen, oder ob wir uns einander die blutige Wahrheit erzählen, das ist keinen Nickel wert. Aber ich bin unter uns dreien der einzige, der hier draußen vertrauenswürdig ist.“

Die beiden andern grienten. Aber ehe sie Zeit fanden, eine saftige Antwort zu geben, fuhr Howard fort: „Braucht nicht aufzufahren. Es ist richtig, was ich sage. Hier gilt nur die nackte Tatsache. Wir könnten ja dir“, dabei nickte er zu Dobbs hinüber, „das Gut zur Aufbewahrung anvertrauen. Aber wenn ich im Busch sitze und Stützen zimmere und Curtin in den Laden hinuntergeritten ist, packst du auf und ziehst ab.“

„Das ist eine Gemeinheit, so etwas zu sagen“, brauste Dobbs auf.

„Mag sein,“ erwiderte Howard ruhig, „daß es eine Gemeinheit ist, es auszusprechen. Aber es ist dieselbe Gemeinheit, so etwas zu denken. Und du wärst der erste Mensch, dem ich je begegnet bin, der so etwas nicht denken würde. Mit dem Gute der andern durchzubrennen ist, da will ich euch gleich meine Meinung sagen, keine Gemeinheit, sondern hier draußen ist das nur eine ganz natürliche Sache. Ein Dummkopf, der es nicht tut. Ihr seid nur zu schäbig, es einzugestehen. Aber laßt uns mal zwanzig Kilo Fein im Schatze haben, dann will ich einmal sehen, was ihr denkt. Ihr seid nicht besser und nicht schlechter als irgendwelche andre Burschen. Ihr seid ganz natürliche Menschen. Und wenn ihr mich hier eines Tages an einen Baum bindet, alles aufpackt und dann abzieht und mich hier verrecken laßt, um mein Gut zu haben, so tut ihr nur das, was jeder tun würde, wenn er nicht im rechten Augenblick den Gedanken bekäme, daß es sich letzten Endes vielleicht nicht voll bezahlen ließe. Ich kann mit eurem Gut nicht abkneifen. Ich bin nicht mehr flink genug auf den Beinen. Mich hättet ihr innerhalb zwölf Stunden am Kragen und hängt mich ohne Gewissensbisse am nächsten Baum auf. Ich kann nicht ausrücken, ich bin auf euch angewiesen. Darum dachte ich, daß ich hier der einzige Vertrauensmann bin.“

„Wenn man das so überdenkt,“ sagte Curtin, „dann hast du recht. Aber auf alle Fälle ist es besser, wir machen jeden Abend Teil, und jeder bewacht sein Gut allein. Dann kann jeder gehen, wann er will.“

„Nichts dagegen“, sagte Howard. „Ist gar nicht so schlecht. Dann ist jeder besorgt, daß der andre sein Versteck belauschen könnte.“

„Was für einen bösen Charakter mußt du haben, Howard,“ meinte Dobbs, „daß du immer nur an Niederträchtigkeiten denkst!“

„Kannst mich nicht beleidigen, Junge“, gab Howard zur Antwort. „Ich kenne meine Leute und weiß, welch lieblicher Taten und Gedanken sie fähig sind, wenn Gold in Frage kommt. Im Grunde genommen sind die Leute alle gleich, wenn das Gold mitspielt. Alle gleich niederträchtig. Da, wo sie gepackt werden können, sind sie nur vorsichtiger, verlogener, verheuchelter. Hier draußen brauchen sie nicht zu heucheln, hier ist das Geschäft immer klar und durchsichtig. Einfach und schlicht. Drinnen in den Städten, da sind tausend verschiedene Widerstände und Hemmungen. Hier ist nur ein Widerstand, das Leben des andern. Und hier ist immer nur eine Frage.“

„Welche?“ fragte Dobbs.

„Die möchte ich wissen?“ fragte Curtin zur gleichen Zeit.

„Hier ist nur die eine Frage, ob einem nicht eines Tages die Erinnerung wird zu schwer zu schaffen machen. Taten belasten nicht. Es sind immer nur die Erinnerungen, die an der Seele fressen. Kommen wir schon zum Schluß. Es wird also jeden Abend geteilt, und jeder sucht sich ein gutes Versteck. Wenn es erst einmal fünf Kilo sind, dann können wir das Gut sowieso nicht mehr den ganzen Tag in einem baumelnden Beutelchen auf der Brust hängen haben.“