The Project Gutenberg eBook of Der schmale Weg zum Glück
Title: Der schmale Weg zum Glück
Author: Paul Ernst
Release date: June 12, 2015 [eBook #49199]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
Credits: Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
Paul Ernst / Der schmale Weg zum Glück
Der schmale Weg
zum Glück
Roman
von
Paul Ernst
Einmalige Ausgabe für die
Deutsche Hausbücherei
Hamburg
Der Roman ist einzeln nur in der Originalausgabe des Verlages Georg Müller Aktiengesellschaft München zu haben / Die Hausbüchereiausgabe wurde gedruckt bei der Hanseatischen Verlagsanstalt A.-G., Hamburg 30 und Wandsbek / Printed in Germany / Copyright 1921 by Georg Müller Verlag A.-G., München
Erstes Buch
Es war in den ersten Wintertagen, wo um sieben Uhr schon Dunkelheit in den Stuben ist. Die Großmutter saß still in ihrem Lehnstuhl am Ofen und träumte im Halbschlummer von ganz alten Zeiten, als sie ein junges Mädchen war und einen ungeschickten Freier auslachte. Pollux lag auf der Seite vor dem warmen Ofen und schnarchte plötzlich, wachte davon auf, klopfte mit dem Schwanz auf die Dielen und legte sich wieder um. Ganz laut tickte die Wanduhr, wie sie es am Tage nicht wagt. Der kleine Hans saß mäuschenstill unter dem Tisch und stellte sich vor, dieser Tisch sei eine Stube, die von allen Seiten verschlossen wäre, und da säße er in der Mitte, und dann müßte nichts weiter auf der Welt sein wie diese Stube.
Dorrel ging in den Stall, und die Laterne warf schnell einen Schein über die Decke und dann die Wand entlang über die Spitzen der Rehgeweihe und über die Gewehrläufe. Dann hörte man, wie der Melkeimer klirrte und wie sie mit der Kuh zankte, die Elsbeth hieß, und zuletzt hörte man das Melken.
Die Tür ging auf, und die Mutter trat mit der Lampe herein. Die Großmutter nahm schnell ihr Strickzeug in die Höhe und sagte, daß sie gar nichts mehr habe sehen können, denn sie wollte es nicht Wort haben, daß sie geschlafen. Dann deckte die Mutter mit dem leinenen Tischtuch, das aus selbstgesponnenem Flachs gewebt war und in der Mitte eine Naht hatte, und der kleine Hans unter dem Tisch saß jetzt viel heimlicher, sah auf die raschen Füße der Mutter und betrachtete, wie der Rock sich bewegte. Und so klapperten die Teller, braune, irdene Teller, und die Schüssel mit dem Haferbrei wurde auf den Tisch gesetzt; sie war auch ein irdenes Geschirr und war inwendig das Vaterunser mit Grün und Rot hineingeschrieben, dann kamen die blanken zinnernen Löffel und die Messer und Gabeln mit Hirschhorngriff, und ein Stück Schinken und ein Schinkenbrett für jeden, nur nicht für den kleinen Hans, denn dem wurde sein Teil zugeschnitten, und er kriegte es in ganz kleinen Würfeln, aber die Großen aßen ihren Teil in Streifen.
Die Uhr hob aus zum Schlagen, und der kleine Hans kroch unterm Tisch hervor, um die Zeiger zu betrachten, wie sie zitterten während des Schlagens. Da waren mit einem Male laute und schnelle Schritte des Vaters vor dem Haus; Pollux sprang auf und stellte sich winselnd vor die Tür, der Vater kam eilig herein und langte nach der Schrotflinte; Pollux sprang an ihm hoch; die Mutter warf sich ihm entgegen und rief: „Bleib, bleib, ich habe eine Ahnung, sie bringen dich tot nach Hause!“ Er aber schob sie von sich, pfiff dem Hund und ging wieder eilig hinaus; seine Wange blutete stark von einem langen Riß. Die Mutter warf sich laut weinend auf einen Stuhl, der kleine Hans trat vor sie, legte ihr die Händchen in den Schoß und blickte zu ihr auf. Die Großmutter aber in der Ecke mit ihrer alten Stimme sprach tadelnde Worte und erzählte, wie ihr selbst vor vierzig Jahren die Arbeiter ihren Mann auf zwei jungen Tannen tot nach Hause gebracht, mitten durch die Brust geschossen, aber sie habe nicht geweint, obwohl sie ein junges Weib gewesen damals und erst ein halbes Jahr verheiratet, und Hansens Vater sei nach ihres Mannes Tode geboren; denn wer in seiner Pflicht stirbt, der hat einen guten Tod, und Gott verläßt nicht seine Hinterbliebenen; und wenn ein Förster sein richtiges Geld kriege, so müsse er auch sein Leben einsetzen gegen die Wilddiebe. Da weinte die Mutter noch stärker, der kleine Hans aber faßte ihren Arm und versuchte ihr ins Gesicht zu sehen, denn er wollte sie trösten.
Zuletzt wischte sie sich die Tränen von den Backen, damit die Magd nichts merken sollte von ihren Sorgen, und ging in die Milchkammer, die Milch in Satten zu tun, indessen Dorrel der Kuh Futter aufsteckte. Und wie beide ihre Arbeit beendet, kamen sie zurück in die Stube, und alle setzten sich an den Tisch zum Abendbrot; nur des Vaters Platz blieb leer, und die Mutter sah nicht hin nach der Stelle, denn sie hatte Furcht, die Tränen möchten ihr wieder in die Augen steigen. Jedem tat sie auf seinen Teller von dem Haferbrei und auf sein Brettchen ein Stück Schinken; dann betete sie mit lauter Stimme das Tischgebet.
Der Mond war draußen aufgegangen über den schwarzen Tannen, und es schien heller durch die Spitzen der dick beschlagenen Fensterscheiben. Dorrel sprach davon, daß in der Nacht ein scharfer Frost kommen werde; die andern schwiegen; plötzlich sagte Hans mit seiner hellen Stimme: „Die Großmutter hat doch recht, wenn ich das Geld nehme, so muß ich auch alles dafür tun, sonst darf ich das Geld nicht nehmen.“ Aber niemand antwortete auf seine Rede, bloß die Magd verwies ihm, er solle nicht sprechen, wenn die Erwachsenen unter sich Dinge zu ordnen hätten. Dann beredete sie mit der Mutter, was am andern Tag getan werden mußte.
Nach dem Essen räumte die Mutter das gebrauchte Geschirr ab; nur das Gedeck für den Vater ließ sie liegen, hob ihm auch in der Ofenröhre seinen Haferbrei auf. Dann war Hans wieder allein mit der Großmutter in der Stube.
Da hatte sich die Katze hereingeschlichen, ging leise vor den Ofen, putzte sich mit Sorgfalt, und dann setzte sie sich mit rechter Behaglichkeit, schloß die Augen halb und spann; Hans lag vor ihr auf der Erde und sah ihr ins Gesicht, so daß sie verlegen wurde; er hätte gern gewußt, wie sie das Spinnen machte. Dann betrachtete er die beiden großen Bilder über dem Sofa; das waren der Beerdigungszug des Jägers und der Beerdigungszug des Fischers. Dem Sarg des Jägers folgten alle Tiere auf der Erde, der Hirsch, das Reh, die Sau, der Fuchs, und alle Vögel, und ein kleines Eichhörnchen; und bei dem Fischer folgten die Fische, denn es floß da ein Wasser. Er dachte sich immer, wie das sein müßte, wenn er auch ein Tier wäre und folgte da mit in dem Bilde; man sah recht tief in einen schönen und saubern Wald hinein, in dem mußte es sich ganz gut lustwandeln lassen, und die Bäume waren ganz andrer Art, wie man sie sonst sah. Allgemach kam der Sandmann, und er rieb sich die Augen. Da ging er zur Großmutter, die sich die Lampe ganz nahe gerückt hatte und ihr Strickzeug ganz dicht vors Gesicht hielt, und bettelte, daß sie ihm die Geschichte von der weißen Schlange erzählen sollte.
Da erzählte die Großmutter, wie ein Vorfahr der Grafen, denen die Wälder hier gehörten, ein Prasser und Schlemmer gewesen sei und ein böser Mann; der habe einen guten und frommen Diener gehabt, der ihn oftmals zum Bessern ermahnt, aber niemals zur Umkehr habe bewegen können. Eines Tages habe der Diener dem Grafen eine verdeckte Schüssel müssen auf sein verschlossenes Zimmer bringen, und wie er, von besonderer Neugierde bewegt (das zwar nicht ehrbar von ihm gewesen), die Schüssel aufgedeckt habe, sei eine gekochte weiße Schlange darin gelegen, in viele Stücke zerschnitten. Da habe er sich nicht mehr bezwingen können und sei ihm gewesen, als werde ihm befohlen, daß er eins der Stückchen heimlich habe nehmen müssen. Der Graf aber habe alles andere gegessen und nichts gemerkt. Wie nun der Diener am Fenster steht und in den Schloßgraben hinuntersieht, schwimmen da zwei weiße Enten, und er merkt, daß er ihre Sprache versteht, und sie erzählen sich, daß das Schloß noch diese Nacht untergehen soll; der Herr aber stand auch am Fenster und lachte. Daraus merkte der treue Diener, daß der Graf etwas Falsches verstanden hatte für seine Sünden, verfiel rasch auf eine List und sprach, er habe sich eine lustige Jagd ausgedacht für diesen Abend; nämlich alles Schloßgesinde solle mit Fackeln kommen, und der Herr mit seinem einzigen Töchterchen, denn seine Gemahlin war schon seit langem verstorben, solle auch kommen, und dann wollten sie Krebse fangen in einem Waldbach, den er wisse, weil es jetzt Zeit sei zum Krebsen. Dies gefiel dem Grafen und wurde so gemacht. Und wie alle aus dem Schloß gezogen waren und sich erlustigten und fröhlich waren, kamen Blitze und Donnerschläge und ein Erdbeben, und das Schloß versank, und an der Stelle ist jetzt die Elsgrube. Da wurde der Graf ganz blaß und ging in sich und ging in ein Kloster; vorher aber verheiratete er seine Tochter mit dem frommen Diener und gab dem sein ganzes Gut, und von dem stammen in männlicher Reihenfolge die jetzigen Grafen ab, wiewohl der Name nicht gewechselt und noch der alte ist.
Unter dem Erzählen war Hans fast eingeschlafen. Jetzt kam die Mutter, um ihn zu Bett zu bringen. In der schrägen Dachkammer, unter den kalkverputzten Ziegeln zog er sich aus, dann faltete er die Hände und betete mit der Mutter zusammen sein Kindergebet:
Abends, wenn ich schlafen geh,
Vierzehn Engel bei mir stehn,
Zwei zu meiner Rechten,
Zwei zu meiner Linken,
Zwei zu meinen Häupten,
Zwei zu meinen Füßen,
Zwei, die mich decken,
Zwei, die mich wecken,
Zwei, die mich weisen
In das himmlische Paradeischen.
Dann schlief er ein, und der Mond zog langsam weiter hinauf über den stillen Wald; die Kuh klirrte einmal mit ihrer Kette und brüllte leise und behaglich, und dann legte sie sich schwer nieder zum Wiederkäuen; kein Geräusch war im Haus wie zuweilen ein Klappern mit dem Geschirr aus der Küche, wo Dorrel abwusch.
Wie die Mutter wieder in die Stube trat, hatte die Großmutter den Kopf auf den Tisch gelegt und schluchzte, daß das Licht der Lampe sich bewegte durch die Erschütterung. Die Mutter setzte sich still ans Fenster; und so warteten die beiden Frauen in der Nacht, ob sie vielleicht einen Schuß hörten. Lange warteten sie so allein; denn Dorrel kam nicht in die Stube, wie sonst immer nach der Abendarbeit, sondern sie tat, als habe sie heute mehr in der Küche zu verrichten wie gewöhnlich; sie wußte, daß die beiden Frauen in Sorge saßen und wollte sie schonen; sie selbst aber dachte immer hin und her: ‚Was soll mit dem Kind werden, die Mutter kann den Jungen nicht erziehen, der braucht einen Vater‘; und über ihrer nassen Planenschürze faltete sie ihre schwieligen Hände zu einem wortlosen Gebet für ihren Herrn. Es mochte gegen Mitternacht sein, da hörte man den schweren Tritt des Vaters vor dem Hause. Die Mutter eilte, die Haustür aufzuschließen. Er trat ein, bot die Zeit, hängte die Flinte an die Wand und setzte sich an den Tisch. Sie brachte ihm das Essen; der Hund ging still zu seinem Lager, denn nur in Abwesenheit seines Herrn wagte er vor dem Ofen zu liegen, drehte sich im Kreis, legte sich und schlief scheinbar ein, indem er doch aufmerksam das Gespräch verfolgte.
Es war ein Schreiben von der gräflichen Güterverwaltung gekommen, in dem ihm mitgeteilt wurde, daß der Bocksklee abgetrieben werden solle. Der Förster wurde tief erregt und sprang auf. Er hatte immer verlangt, daß der Bocksklee ungestört bliebe, weil er den Westwind abfing und dadurch ein großes Gebiet vor Windbruch schützte. Aber der Herr hatte Geld nötig, und da war es ihm gleichgültig, was geschehen mochte.
Der Graf war ein sehr freundlicher und liebenswürdiger Herr; er gab dem Förster die Hand und sagte zu ihm: „Guten Tag, mein lieber Werther“; er fragte nach seiner Frau und dem Jungen und lobte ihn wegen seines Eifers. Aber der Förster hatte keine Achtung vor ihm, weil er leichtfertig war in Worten und Werken und sein Gut vertat, anstatt zu sparen und zu wirtschaften. Deshalb wollte er den kleinen Hans später auch nicht in Herrendienst geben, wiewohl ihm das Herz blutete, wenn er dachte, daß sein Junge einmal nicht das grüne Tuch tragen sollte, in dem Großvater und Urgroßvater stolz gewesen waren; aber er sollte einmal ein freier Mann werden, daß er seinem Gewissen folgen durfte und nicht gehorsamen mußte, wenn ihm unkluge Befehle gegeben wurden; deshalb wollte er ihn studieren lassen, denn er dachte, ein Studierter brauche niemandem zu dienen und könne immer tun, was recht ist. Abends, wenn er einmal ein Halbstündchen Zeit hatte, nahm er das Kind zuweilen auf den Schoß und sprach mit ihm, daß er fleißig sein müsse und lernen, dann müsse er einmal nicht mit krummem Rücken dastehen in der Welt, sondern könne seinen geraden Weg gehen als ein aufrechter Mann. Der Graf war nicht böse, aber er hatte keine langen Gedanken. Auf der Jagd war er so einfach wie einer von seinen Leuten; aber wenn er in der Stadt lebte, so hätte er sich geschämt, wenn er es nicht andern hätte gleich tun sollen, die reicher waren wie er. Einmal hatte er im Försterhause eingesprochen und mit der Frau Werther geredet über Haushalt, Wirtschaft und Kindererziehung; da schienen seine Meinungen so verständig und ordentlich, daß die Frau sich immer noch wunderte, wie so ein Herr solche Einsichten haben konnte in Dinge, die ihm doch ganz fern lagen; aber in seinem Hause bekümmerte er sich nicht um Einteilung, Ordnung und Einrichtung. Er nahm nur aus den Kassen das Geld, das er brauchte, ohne sich zu überlegen, ob er Einnahmen verzehrte oder Vermögen. Seine Kinder wuchsen auf, ohne daß er sich klar machte, zu welchem Ende und unter welchen Einflüssen, denn auch seine Frau hatte keine Hausgedanken. Deshalb trieben sich die beiden Söhne am liebsten in den Ställen und Küchen herum und lernten wenig trotz teurer Hofmeister; und die Tochter, die einen besonderen Trieb zum Lernen hatte und ganz unpassende Lehrer bekam, wie sie eben für ein ganz gewöhnliches Mädchen geeignet gewesen wären, suchte verstohlen in der vernachlässigten Bibliothek Bücher für sich und bat den alten Pfarrer, bis er sie im Lateinischen unterrichtete. Einmal nahmen ihr die Brüder heimlich ihre lateinischen Bücher fort und bauten sie auf ihrem Platz am Kaffeetisch auf; da hörte der Vater zuerst von ihren Studien, schüttelte den Kopf und sagte, daß ihm ihre Wege nicht gefielen. Sie preßte die Lippen zusammen und fuhr fort in ihrer Weise, und bekümmerte sich niemand darum. Es ging dem Grafen, wie es heute vielen reichen und vornehmen Leuten geht; er hatte weder Amt noch Dienst, sorgte nicht für seine Angelegenheiten, noch für seine Familie, fand kaum einmal ein wirkliches Vergnügen, und doch hatte er nie Zeit; sein Leben zerfloß ihm zwischen den Fingern, wie wenn ein Kind eine Handvoll Sand vom Boden hebt.
Die Söhne kamen schon frühzeitig auf schlimme Wege. Da war ein Bursche im Stall, an den hingen sich die Jungen, der war ein tüchtiger Knecht; machte seine Arbeit sauber und ordentlich und hielt sein Geschirr gut, aber war ein Schürzenjäger; durch den lernten sie frühzeitig viel, und weil ihnen das Gegengewicht der harten Arbeit wie sauren und einfachen Pflicht fehlte, so wurde das Unkraut in ihrer Seele üppiger, wie es bei dem Verführer gewesen, der später ein ordentliches Weib kriegte, das ihn gehörig in die Kandare nahm und zu einem braven Manne machte. Noch ärger war es, daß die Knechte zum Scherz ihnen von ihrem Branntwein gaben und lachten, wenn sich die Jungen schüttelten nach dem Trunk und doch wieder von neuem begehrten; und wie sich einmal die Leute untereinander rühmten, welcher den schärfsten Schnaps getrunken habe, und allerhand beizende Mittel erzählten, gestoßenen Pfeffer, Schwefelsäure, die den Branntwein perlen macht, und Tabaksbrühe, krähten die Jungen auch dazwischen und verredeten sich, daß ihnen das Schärfste das Wohlschmeckendste sei, tranken auch von dem gepfefferten Branntwein. Endlich fand sich ein uralter Mann, der früher Taglöhner gewesen war und nun aus Gnaden auf dem Hofe erhalten wurde, wofür er die Gänse hüten mußte, der war schon in jungen Jahren ein schlechter und liederlicher Bursche, und nun, in seinem Hochalter, verwirrten sich ihm vollständig alle Begriffe von gut und böse, daß er in seinen Begierden schlimmer wurde wie das Vieh, nämlich nicht bloß schamlos, sondern rühmerisch und frech. Wohl suchten die ehrbaren und ordentlichen Leute unter dem Gesinde dem Übel Einhalt zu tun, indem sie den Böswilligen verboten und die Jungen zu sich ziehen wollten; aber wo keine Zucht ist, da gewinnen die Schlechten und Liederlichen die Oberhand, auch wenn sie in der Minderzahl sind, und ungezogene Jugend geht lieber zu der übeln Seite, wo geprahlt und geschmeichelt wird, wie zu ruhigen und sittsamen Menschen und bescheidenen und strengen Worten; denn nicht das Laster ist verführend, das ja meistens mehr mit Unbehagen und Schmerz verbunden ist wie mit Freude und Wollust, sondern die lasterhafte Gesellschaft verführt durch freche und unbotmäßige Reden, übertreibende und lügnerische Erzählungen und falsche Scham.
Viele Leute sehen auf ein Haus wie des Grafen; und kaum eine geringe Kleinigkeit kann in ihm geschehen, die nicht in einem großen Kreise besprochen würde und weite Wirkung ausübte; das Wesen der Vornehmen wird genau erkannt und beurteilt, und mancher Taglöhner wußte von Art und Schlag des Grafen, seiner Gemahlin und seiner Söhne mehr wie er selbst. In unserer Zeit ist die Gesellschaft bis in ihre letzten Tiefen aufgerüttelt, und alle alten Bande sind gesprengt, die bewirkten, daß es ein Unten und Oben gibt. Manche Menschen meinen, daß dieser Zustände Ende eine völlige Gleichheit aller Menschen sein werde; wer aber genau zusieht, der wird merken, daß diese allgemeine Ungebundenheit im Gegenteil eine neue und tiefere Scheidung der Gesellschaft bewirkt, indem die Tüchtigen sich zu den Tüchtigen scharen und die Schlechten zu den Schlechten; viele sinken so und viele steigen; viele der Gestiegenen sinken wieder, denn sie können sich nicht oben halten; manche aber bleiben oben, und auch einer gesunkenen Familie gelingt es wieder, zu steigen, wenn sie sich doch als tüchtig erweist. In solchem Vorgang übt der Anblick einer Familie wie des Grafen eine außerordentliche Wirkung, denn die Schlechten werden bestärkt im Leichtsinn oder in aufrührerischer Gesinnung, die Guten aber werden desto trotziger und stolzer; und bei beiden wird der Freiheitssinn gemehrt, bei den einen der Sinn für die Freiheit der Zuchtlosigkeit, die sie und ihre Kinder in das wohlverdiente und notwendige Verderben treibt; bei den andern der Sinn für die Freiheit der Zucht und Ehre, die sie tüchtig machen, sich zuoberst zu setzen in die verlassenen Stühle; denn nachdem sie gelernt, in Ehre zu gehorchen, vermögen sie auch in Ehre zu befehlen.
Der Förster hatte seinen Abscheu vor der Wirtschaft auf dem Schlosse immer mehr vertieft. Zwar durfte er seinem Herrn nichts sagen von seiner Meinung; aber wenn die beiden zusammenkamen, so äußerte sich in ihrem Wesen dennoch deutlich ihre wahre Beziehung, die seelische, die wichtiger ist wie die äußerliche der zufälligen Verhältnisse. Der Förster war ehrerbietig, aber wortkarg, und schritt als ein großer, magerer Mann in weiter und fester Gangart, der Graf, der klein und durch sein fröhliches Leben fett war, ging flüchtiger und schneller, indem er ein wenig zurückblieb, und sprach oft Sätze, mit denen er seinen Förster zum Lächeln bringen wollte. Der Förster behielt wohl, was sein Herr sagte, aber er bezog sich später nie wieder auf seine Worte, wenn sie nichts Dienstliches betrafen; der Graf aber erinnerte den Förster oft an frühere Aussprüche. Doch je liebenswürdiger der Graf war, desto bitterer wurden des Försters Gedanken, denn er gedachte des alten Herrn, der ein rauher und fester Mann gewesen war, der von jedem seine gebührende Ehrenbezeigung verlangte; der hatte ihm einmal ein Trinkgeld gegeben, als er noch Jägerbursche war, und dazu gesagt: „Bleib ein ordentlicher Kerl“; wie er tot war und aufgebahrt lag, war er in Uniform und hatte den Helm auf dem Kopf; aber wie sie ihn einsargten, mußten sie ihm den Helm unter den Arm geben, das hatte er so angeordnet vor seinem Ende. Dann mußte er auch immer den Bocksklee bedenken; das war ein Vorwerk gewesen mit schlechtem Boden, das sein Urgroßvater aufgeforstet hatte, und von seiner Hand war noch der Plan da, wie es mit dem Umtrieb gehalten werden sollte, des Windbruches wegen; und wenn er sich die viele Mühe und Sorge, die durchwachten Nächte und arbeitsreichen Tage vorstellte, die seine Vorfahren verbracht hatten, bis der Wald so stolz und wertvoll war, so kam ihm der Groll bis an die Kehle und hinderte ihn zu sprechen. Keinen Stand gibt es, der so mit der Arbeit der Vergangenheit zusammenhängt und so mit der Hoffnung auf die Zukunft verwachsen ist wie der Försterstand; denn was ein Förster erntet, das haben die Toten gepflanzt, deren Gräber längst eingesunken sind auf dem Kirchhof; und was er pflanzt, das wird man ernten, wenn die Söhne seiner Urenkel als Männer im grünen Rock durch den Wald gehen. Deshalb ist etwas Adeliges in einem rechten Förster, denn er weiß, daß der Mensch nicht ein haltloses Gesindlein ist, das morgen lebt mit dem Taglohn von heute und sich dick tut mit seinem Elend und lumpigen Verdienst, sondern der Mensch lebt durch die Liebe der Vorfahren in Pflicht für die Nachkommen, nicht von seinem Verdienst, sondern nach seinem Gewissen.
Ein Kind, das in solchen Lebensumständen aufwächst, bekommt etwas Besonderes mit. Es lernt früh die Beziehung seines eignen Lebens als eines fast zufälligen zu Vergangenheit und Zukunft seines Geschlechtes; aber doch nicht in der Form des harten Erwerbsinns und des Stolzes auf den Besitz, wie im Bauernstand, sondern in der Form des Gefühls für reine Ehre und strenge Pflicht; denn nicht für sich und seine Kinder pflegt der Förster sein Gut, sondern für andere.
Kein Mensch weiß, wie sich das Wesen eines Kindes bildet und wie Erbschaft und Einfluß einander bestimmen. Ganz kleine Kinder haben in viel höherem Maße wie Erwachsene die Fähigkeit, aus Miene und Haltung zu erfahren, was in einem andern ist; und in viel höherem Maße haben sie auch den Trieb, nachzuahmen, Äußerliches wie Innerliches. Kaum hatte der kleine Hans gehen können, da legte er schon die Hände über den Rücken und ging ernsthaft in der Stube auf und ab mit steifen Schultern, wie sein Vater tat am Sonntagnachmittag, sagte er sein Nein oder sein Ja mit derselben Betonung wie der Vater; und da seine gesamte Umgebung dieselbe war, in der sein Vater und Großvater aufgewachsen waren, so nahmen alle seine angeborenen Triebe dieselbe Richtung, wie sie bei Vater und Großvater genommen hatten, und seine Art wurde noch stärker, wie die seiner Vorfahren gewesen.
Und was erzog ihn alles. Da erwachte er des Morgens, und sein Hauch war sichtbar in der kalten Luft unter dem kalkverputzten Ziegeldach, und die kleinen Fensterscheiben waren dick gefroren. Und unten in der Stube saß er dann am Fenster, sah, wie die Schneeflocken niedertanzten und sich sanft auf Zweige legten und auf Bretter und auf den Erdboden, der mit kleinen Steinchen bedeckt gewesen; aber wenn die großen Flocken ans Fenster wehten, so vergingen sie schnell, indem sie niederglitten. An manchen Tagen, wenn es nicht schneite und sehr kalt war, taute auch in der Stube das Fenster nicht ab; dann hauchte er an die Scheibe und schmolz sich ein rundes Loch zum Ausschauen; im Augenblick war es wieder mit einer dünnen Eishaut bedeckt, die war aber nicht weiß. Im Walde war ein Krachen, Tönen und Donnern; und der Wald stand doch ruhig und unbewegt mit seinen schneebedeckten Zweigen in der hellen Sonne. Wenn die Kälte so groß war, so wurde das Herz leicht und lustig und verlangte nach Gefahren; dann dachte er an den letzten Luchs, den sein Großvater hier geschossen, und seine Fäuste ballten sich; und an die Franzosenzeit dachte er, wie da das ganze Dorf in den Wald gezogen war, und er schämte sich, daß alle solche Furcht gehabt hatten. Denn wer recht hat und Gott fürchtet, der muß ausharren, wie im Buch der Makkabäer erzählt ist von den sieben Brüdern und ihrer Mutter; wie die Mörder sechs zu Tode gemartert hatten, da sprach der letzte, der noch ein Kind war: „Worauf harrt ihr? Gedenket nur nicht, daß ich dem Tyrannen hierin gehorsam sein will“, und ließ sich auch martern, trotzdem er noch klein war.
Abends las die Großmutter oft lange vor aus der alten Bibel, deren Blätter braun geworden waren durch die Finger so vieler Vorfahren, die jetzt lange vergessen lagen in ihren rasenbedeckten Gräbern; aus den Geschichtsbüchern im Alten Testament las sie und aus den Evangelien und der Offenbarung Johannis, von dem himmlischen Jerusalem und von der Schale des Zorns, von den vier Reitern und von dem Tier, das über den Gewässern sitzt. Wenn Hans dann mit ihr sprach über das Gelesene, so wunderten sich beide über die Verstocktheit der Juden und freuten sich, daß wir die Offenbarung haben, und daß unser Herr Jesus für uns gestorben ist, an den wir glauben müssen, und können nicht irren. Und wir sehen alle Tage, daß der Gerechte siegt und der Ungerechte vergeht; denn wenn auch ein schlechter Mensch scheinbares Glück hat, so verrinnt das doch bald, wie es Klaus Hörgen geschah, der aus der Fremde heimkam mit einem großen Vermögen, sich ein Haus kaufte und nichts mehr tat; was geschieht? Nach ein paar Jahren wurde ihm sein Haus wieder verkauft, und kam in Schimpf und Schande. Daß es aber einem guten Menschen schlecht ginge, das ist noch nie geschehen; es müßte denn sein wie bei der frommen Genoveva, weil der Herr sie prüfen wollte und ein Beispiel geben für andre.
Im Sommer streifte der kleine Hans viele Stunden lang allein im Wald. Da lagen die Tannennadeln glatt und ungestört auf dem Boden, und die hohen Stämme standen regungslos; nur wenn er zuweilen auf dem Rücken lag und in die Wipfel schaute in der tiefen Stille, spürte er ein leises Wiegen der Stämme und wie die spitzenbehangenen Äste sich kreuzten, hoch oben. Das war eine andre Welt, hoch oben; wenn man ein andres Wesen wäre, ein Vogel oder ein Eichhörnchen, so lebte man da, hüpfte von Ast zu Ast, und alles, was unten ist, sähe ganz klein aus und ginge einen nichts an. In die Stille kam plötzlich das Klopfen oder das Hämmern eines Spechtes, ganz von weitem, oder ein unmerklich leises Geräusch von einer kleinen Meise mit blitzenden Augen. Und Moos war da, das drängte sich dicht, und eine Art sah aus wie ein Tannenwald im kleinen, der Berg und Tal überzieht und alles rund macht. Ameisen auf einem solchen Moosberge kamen sich wohl vor wie wir im Hochwald; vor Gott aber waren wir gleich den Ameisen und ein Wald von vielen Meilen wie ein Häufchen Moos. Das war wunderbar, wenn man auf der anderen Seite die Würdigkeit der Menschen bedachte, denn alle unsre Gedanken kannte ja Gott; dieses war auch der Grund, weshalb wir um ein reines Herz beten, weil wir uns nicht gern schämen, wenn Gott in uns hineinsieht. Einmal hatte Hans gemerkt, wie Gott in ihn hineinsah, aber da hatte er gerade ein reines Herz, und das machte ihn sehr froh, und es war ihm, als müßte es sich innerlich ganz ausbreiten vor Gott, wie ein Buch mit der ersten Seite aufgeschlagen hingelegt wird; er war im Walde und in einer sehr großen Stille.
Wir haben seltene Augenblicke im Leben, wo uns unser inneres Wesen symbolisch gezeigt wird, wie wir ja auch im Traum, statt Begriffe zu denken, Symbole sehen. In einem solchen Augenblick, da er zudem auf der äußersten Spitze seines Lebens stand und sich in solcher Schicksalsstunde für immer nach links wenden mußte oder nach rechts, hatte er in seinem späteren Leben einmal ein schnell vorüberhuschendes Schattenbild eines hohen und ernsten Tannenwaldes, und sein Gefühl war wie Glockenklang. Da entschied er sich nach der rechten Seite; und dann wurde ihm klar, daß der Wald ein treuer Lehrer seiner Jugend gewesen war; und er wußte genau, daß er ein andrer Mensch geworden wäre, wenn er unter Buchen oder Eichen aufgewachsen, statt unter Tannen.
Ein treuer Lehrer war ihm auch Dorrel, das Dienstmädchen. Er war bei ihr im Stall, wo das trübe Licht in der großen alten Laterne brannte, und Dorrel melkte, gleichmäßig und in langen Zügen, indes die Kuh behaglich ihr Kleeheu aus der Krippe zupfte; ein ganz besonderer Ton war in dem Melken, der nach Ordnung, Ehrbarkeit und Fleiß klang; auch die Kuh steht bei einer faulen und hochmütigen Melkerin nicht so ruhig und behaglich, denn das liebe Vieh merkt wohl den Unterschied im Wesen der Menschen und benimmt sich danach.
Dorrel hatte eine besondere Kunst; sie konnte Schutzkrausen aus buntem Papier für Talglichter machen; die schnitt sie zuerst mit der Schere zurecht, und dann drehte sie mit der Schürze sie so, daß sie schöne Falten bekamen. Wenn sie dem kleinen Hans etwas ganz besonders Gutes antun wollte, so versprach sie ihm, daß sie ihm eine solche Krause machen wolle, und dann freute er sich sehr. Sehr oft nahm sie ihn mit, wenn sie aufs Feld ging, und besonders wenn sie im Herbst aus der Elsgrube Kartoffeln holte. Da zog sie den Schubkarren aus der Scheune, legte den Sack auf und ließ dann den kleinen Hans sich setzen; der saß da mit geknickten Beinen und sah glücklich in Dorrels rotes, strahlendes Gesicht, die den Sielen über die Schulter geworfen hatte und rüstig den Karren vor sich hinschob. Denn auch für sie war es eine große Freude, wenn sie Kartoffeln herausholte. Während sie schob, gab sie ihm Rätsel auf, alte Rätsel, die sie selbst als Kind von ihrer Großmutter gelernt:
Es ging ein Männchen über die Brücke,
Es hatt’ ein Körbchen auf dem Rücken;
Hatte drinne Sich sich,
Hatte drinne Stich stich,
Hatte drinne Weißgewaschen,
Ohne Seif’ und ohne Wasser.
Das wußte Hans natürlich nicht, was das war, nämlich: Spiegel, Nadeln und Eier. Sehr merkwürdig war das. Auch das war ein schweres Rätsel:
Das war nämlich seine Zunge.
Und in der Elsgrube war in der Mitte ein rundes Wasser, das war ohne Grund. Vor vielen Jahren hatten die Leute einmal drei Heuseile aneinandergeknüpft und unten einen schweren Stein angebunden und den hinabgelassen, aber sie konnten keinen Boden finden. Hier hatte früher das Schloß des Grafen gestanden, das untergegangen war, als der treue Diener von der weißen Schlange gegessen; jetzt aber lagen hier die Äcker, die zum Forsthaus gehörten.
Dorrel machte dem kleinen Hans eine Schleuder, indem sie eine schwibbe Rute von einer Weide abschnitt und die vorn zuspitzte. Auf die Spitze steckte Hans die Kartoffeläpfel und schleuderte sie in die Luft; so hoch flogen sie, daß er sie beinahe nicht mehr sehen konnte. Ein anderer hätte gedacht, sie flögen in den Himmel, aber Hans wußte aus seinem Lesebuch, daß der Himmel unendlich hoch über uns ist, denn es gab Sterne, deren Licht brauchte viele tausend Jahre, ehe es zu uns kam, so hoch standen die; und der Himmel mußte doch natürlich noch höher sein; aber das glaubte Dorrel ihm nicht, denn die meinte, es würde viel Unsinn gedruckt, und man müßte nicht alles glauben, was in den Büchern steht.
Während er spielte, machte Dorrel Kartoffeln aus; und fast über jeden Busch freute sie sich, daß er so viele Knollen hatte, und meinte immer, das sei doch ein sichtbares Zeichen von Gottes Güte, daß man eine einzige Kartoffel steckt, und nachher sind so viele da; wenn sie einen besonders großen Busch fand, so rief sie den kleinen Hans, und dann suchten sie zusammen die Knollen aus der Erde und zählten sie. Bei jedem Busch war sie immer von neuem gespannt, und Hans stand dann wohl neben ihr, und sie rieten vorher, wieviel Knollen der wohl hätte; dabei behauptete Hans dann etwa, er müsse hundert haben oder zweihundert, und wollte nicht glauben, daß das gar nicht möglich war; wenn er dann ärgerlich wurde, so gab sie ihm ein neues Rätsel auf:
Ule, Ule,
Er saß bei mir auf dem Stuhle,
Er winkte mir, ich wehrte mich,
Er winkte mir so süße,
Daß ich vergaß die Augen und die Füße.
Da mußte Hans wieder betteln, denn er wußte nicht, was das war und war doch recht neugierig. Dorrel aber ließ ihn lange zappeln, bis sie ihm zuletzt sagte: das ist der Schlaf.
Die fromme und treue Magd sprach nur aus ihrem braven und rechten Gemüt. Sie wußte, daß es nicht gut ist für ein Kind, wenn man ihm Zeit läßt, ärgerlich und ungezogen zu werden, auch wenn man es alsdann straft, sondern es ist besser, wenn man seine Gedanken ablenkt durch etwas Neues, daß es seinen Ärger vergißt; denn leicht hinterläßt ein häßliches Benehmen Spuren in der Seele eines jungen Kindes.
Der kleine Hans wachte an einem Morgen auf, weil die Vögel auf den Ziegeln gerade über seinem Bett ein großes Klabastern und Schreien anstellten. Ein Stückchen Kalk vom Verputz war ihm auf die Bettdecke gefallen. Die Morgensonne schien durch das Fenster, und die Blüten des Spalierapfels waren aufgebrochen. Ein vollbesetzter Zweig zog sich schräg vor den Scheiben hin. Hans dachte, wenn die alle ansetzten, dann würde es eine Menge Äpfel geben, und sehr bequem waren sie vom Fenster aus zu pflücken. Indessen aber lag er in seinem warmen Bett und hielt die Augen behaglich geschlossen. Auf dem Dach waren jetzt auch Tauben, das hörte man am Gurren und an dem Trippeln. Die warteten, daß Hans in die Haustür trat und ihnen das Futter streute; sie kannten ihn ganz genau und ließen sich nicht irre machen, wenn ein andrer kam und sie anführen wollte. Von den Äpfeln konnte er übrigens im Herbst, wenn sie reif waren, immer jeden Abend einen mit ins Bett nehmen; dann zog er die Decke über die Ohren und aß ihn heimlich für sich. Die Sorte war auch gut.
Jetzt hörte er Schritte auf der Treppe: ganz geschwind kniff er die Augen zu, aber sein Gesicht lachte. Die Mutter trat ein, warf ihm ein Kissen aufs Gesicht, faßte ihn darunter und hielt ihn fest; dazu sang sie:
Hab’ ein Vögelchen gefangen
Im Federbett,
Hab’s in’n Arm ’nein genommen,
Hab’s lieb gehätt!
Hans strampelte und lachte, die Mutter aber hob ihn aus dem Bett, schwenkte ihn und sang:
Quibus, quabus,
Die Enten gehen barfuß,
Die Gäns’ haben keine Schuh,
Was sagen denn die lieben Hühner dazu?
Dann küßte sie ihn recht herzlich, und er wischte sich den Mund ab und rutschte aus ihrem Arme auf die Erde. Ob er heute den Tauben wohl Erbsen streuen durfte? Aber es war ein ganz besonderer Tag. Die Mutter kriegte ihn vor und wusch ihn außergewöhnlich gründlich, daß er mit den Zähnen klapperte über das nasse Wasser und ganz blankgescheuerte Backen bekam. Dann kämmte sie ihm das Haar glatt, das ihm sonst borstig und hell in die Höhe stand; erst bearbeitete sie es mit Wasser, nachher mit Pomade.
Hans fragte mit großer Neugierde, was denn heute geschehen werde; aber die Mutter lachte nur und antwortete ihm nicht. Sie holte den guten Anzug aus dem Schrank, und auch seinen Kragen und die Manschetten kriegte er; die waren zwar recht ausgewaschen, und einem verwöhnten Stadtkind wären sie nicht mehr ganz anständig erschienen, für Hans aber waren sie eitel Prunk und Herrlichkeit. Und wie er nun so fein angezogen war, ermahnte ihn die Mutter, daß er sich fromm in die Stube setzen sollte und ein Buch vornehmen, damit er den guten Anzug schonte und sich nicht unordentlich machte. Da holte er seine Lesebücher zusammen: den Preußischen Kinderfreund, drei Bände Spinnstube und die Bibel, und begann für sich zu lesen; denn eigentlich war ihm das Lesen doch das Liebste, und vollends, wenn der Vater nicht da war, der immer wollte, daß er etwas Nützliches studierte; die Mutter aber meinte, es sei alles nützlich und gut, was in seinen Büchern stand. So las er im Kinderfreund seine Lieblingsgeschichten von der gnädigen Frau von Paretz, und das Gedicht: Als Kaiser Friedrich lobesam ins heil’ge Land gezogen kam (bei dem er immer meinte, lobesam müsse mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben werden, weil es doch der Nachname Kaiser Friedrichs sei); und in der Spinnstube las er die Geschichte von Wittington und seiner Katze, der dreimal Bürgermeister von London wurde, welche Stadt anderthalb Meilen lang und fast eine Meile breit ist, achttausendeinhundertundeinundneunzig Straßen hat, hundert freie Plätze von großer Ausdehnung, zweimalhundertundfünfzigtausend Häuser, und zwei Millionen Einwohner. Das war einmal eine Stadt!
Zuletzt sagte die Mutter dem Hans, was bevorstand, denn der Herr Graf mit seiner Gemahlin und den Kindern wollten eine Lustfahrt durch den Wald machen und dabei im Forsthause einsprechen. Denn es waren noch nicht die Zeiten, die im vorigen Kapitel geschildert sind, und die bösen Zustände im gräflichen Hause wurden noch nicht äußerlich bemerkt.
Da kam der erste Wagen, der von stolzen Pferden gezogen wurde, welche die Beine tänzelnd hoben und den Kopf hochhielten; nachher, wie sie standen, spielten sie mutwillig mit dem Gebiß; man sah es ihnen wohl an, daß sie in Herrendienst waren und in Wohlleben. Der Kutscher trug eine sehr stolze Livree und saß hochmütig auf dem Bock, als gehe ihn die ganze Welt nichts an; und die Frau Gräfin mit der kleinen Komtesse lehnten im Wagen und sahen gar nicht so stolz aus wie der Kutscher und lächelten beide freundlich, indem die Mutter den Schlag aufmachte. Hans hörte, wie die Frau Gräfin immer lobte und sagte: „Schön, sehr schön, ausgezeichnet, liebe Frau Werther.“ Er mußte eine Verbeugung machen, die ihm die Mutter vorher eingeübt hatte, und war sehr verlegen; am liebsten wäre er ganz weit weg gewesen.
Da die Frau Gräfin ihm auftrug, daß er der kleinen Komtesse alles zeigen sollte, was zu sehen wäre, so faßte er die bei der Hand und ging mit ihr aus der Stube; sie war wohl ein Jahr jünger wie er, aber er war fest entschlossen, sie mit „Sie“ anzureden; solange es ging, wollte er sich indessen um die Anrede drücken, weil er doch nicht wußte, ob es nicht komisch war, wenn er „Sie“ sagte. Sie sprach zuerst und erzählte, daß sie ihr weißes Kleid nicht schmutzig machen dürfe. Sie hatte ein weißes Kleid, das war ganz aus Spitzen, wie aus Luft, und in der Mitte war ein blauseidenes Band. Er wußte nicht recht, was er antworten sollte, da fielen ihm seine Manschetten ein, die zog er von den Händen und zeigte sie ihr; das war ihr sehr merkwürdig, und sie sagte, daß bei ihren Brüdern die Manschetten aus einem Stück seien mit den Hemden, aber so, wie er es habe, sei es gewiß viel vernünftiger, weil man sich dann nicht so schrecklich viel umzuziehen brauche.
Nun führte er sie in den Stall, die Treppe hinauf, zum Heuboden. Hier hatte er im Heu sich einen langen Gang gegraben, und am Ende hatte er eine Höhle, deren Decke war mit Brettern gestützt, daß sie nicht einstürzte. Eigentlich war das eine Höhle der alten Deutschen, aber man konnte hier auch Mann und Frau spielen, dann war die Höhle der Raum, wo die Frau blieb und Mittagessen kochte, oder flickte, und der Mann kam nach Hause aus dem Wald. Die Komtesse war einverstanden, daß sie so spielen wollten. Deshalb kroch er erst in den Gang hinein, und wie er hinten in der Höhle saß, rief er ihr, daß sie nachkommen sollte, damit er ihr das Innere zeigte, das war freilich ganz dunkel. Sie kroch auch ganz tapfer nach, wie sie aber in der Mitte des Ganges steckte, hielt sie plötzlich still und fing ganz jämmerlich an zu weinen, weil sie mit einem Male Angst kriegte. Er tröstete sie und sagte, die Mädchen hätten immer Angst, und sie solle nur weiter kriechen, dann käme sie zu ihm; aber sie weinte immer lauter und rief nach ihrer Mama. Da kroch er zurück, und sie schob sich auch rückwärts aus dem Gange, und wie sie draußen standen, sahen sie recht unordentlich aus und waren voller Heu. Dann wurde beschlossen, sie sollte den Mann vor dem Hause erwarten, denn es müßte Sommer sein, und in der Stube müßte es heiß sein. Deshalb ging er fort, die Treppe hinunter, aber mit dem Kopf durfte er nicht verschwinden, sonst wollte sie wieder weinen, dann kam er wieder, trampelte laut mit den Füßen, rief: „Kusch, Pollux!“ und sagte: „Guten Tag Frau, was macht der Junge?“ Sie antwortete: „Er ist artig gewesen, darum muß er auch einen Kuß kriegen.“ Diese Antwort brachte ihn aus dem Konzept, weil sie ihm ungewohnt war, deshalb fragte er weiter: „Hast du auch was Gutes gekocht?“ — „Nein,“ sagte sie, „ich habe in der ‚Semaine des Enfants‘ gelesen.“ Nun wußte er wieder nicht weiter, deshalb sagte er: „Ach, das ist ein dummes Spiel, wenn du nicht so eine Heulliese wärst, so könnten wir jetzt durch die Heuluke durchklettern in die Kuhkrippe.“ Da versprach sie ihm, daß sie auch ganz gewiß nicht wieder weinen wollte, und dann machte er die Heuluke auf, sie legten sich auf den Boden und sahen, wie unten die Kuh in die Höhe guckte, mit den Lippen bettelte und durch die Nasenlöcher pustete. Das war so komisch, daß sie lachen mußte. Hans zeigte ihr, wie man sich durch die Luke in die Krippe niederlassen konnte; die Kuh pustete neugierig und leckte mit der Zunge ihn an, weil sie dachte, er sei ein Heubündel; das war noch komischer wie das andre; aber mit in die Krippe steigen mochte die Komtesse doch nicht.
Unten bei der Kuh waren Hansens Kaninchen. Die wollte die kleine Komtesse gern sehen. Sie gingen hinunter, und die Komtesse bewunderte den langen, kleinen Gang an der Wand, der aus Brettern gezimmert war, und das Schlupfloch, das ein Arbeiter schön blau und rot bemalt hatte. Hans fing ein ganz weißes Kaninchen und reichte es ihr an den Ohren hin; es hielt ganz still, wie sie streichelte, und plötzlich fing es stark an zu zappeln, daß sie zuerst erschrak; nachher mußte sie aber selber lachen über ihre Furcht, wie sie die niedlichen roten Augen sah. Dann nahm Hans das Brett am Ende des Laufganges weg, wo das Nest war; da lagen sechs kleine Kaninchen bei ihrer Mutter, die waren ganz zahm und ließen sich auf die Hand nehmen, und ihre Mutter machte ein Männchen und schnupperte nach oben. Über das alles war sie so entzückt, daß Hans zuletzt strahlte vor Stolz und Freude; und nachdem er sich lange überlegt, ob er wohl nicht Zanke bekäme von der Mutter, wenn er ihr ein Geschenk anböte, fragte er, ob sie ein Pärchen haben wolle. Da war sie ganz glücklich, und mit immer neuem Vergnügen suchte sie sich zwei von den kleinen Tieren aus, nahm sie in ihr Kleid und sprang zu ihrer Mutter in der Stube. Die sagte mehrmals, die Tiere seien sehr schön, aber als das Kind sie bat, ob es sie mitnehmen dürfe, antwortete sie, daß es doch zu Hause keinen Raum hätte, wo es sie lassen könne; und die Kleine, die schon wußte, daß auch noch eine leichtere Ablehnung endgültig war, gab dem Hans mit Tränen in den Augen und ohne Worte die Tierchen wieder zurück und setzte sich dann still ans Fenster. Die Frau Gräfin sagte dann, sie sei wohl recht wild gewesen, und sie müsse jetzt artig sein, ihre Brüder würden bald kommen. Hans stand da mit den beiden kleinen Kaninchen, eins in jeder Hand, und wußte nicht, wo er hingehen sollte; in seiner Verlegenheit bot er sie der Komtesse noch einmal stumm an; die schüttelte das Köpfchen und sah durchs Fenster. Seine Mutter stand auf, öffnete die Tür, schob ihn hinaus und sagte ihm, er solle die Kaninchen wieder in den Stall bringen; das tat er auch; und weil er nicht recht wußte, wie er wieder in die Stube gehen solle, so blieb er draußen unter der Toreinfahrt, steckte die Hand in die Hosentaschen und pfiff mit erkünsteltem Gleichmut ein Lied. Ganz wohl war ihm nicht, denn er hatte wohl gesehen, wie die Frau Gräfin böse geworden war, nur daß sie es nicht so zeigte, wie seine Mutter es pflegte.
Nach einer Weile aber kam die kleine Komtesse wieder heraus, trat neben ihn hin und sagte: „Ich danke dir auch schön, und du mußt nicht böse sein; wenn wir einen Raum hätten für die Kaninchen, so hätte ich sie nehmen dürfen.“ Dann zog sie ein Albumbildchen hervor, das stellte Dornröschen dar, wie der Prinz es gerade wachküßt, das schenkte sie ihm. Er steckte das Bild gleichmütig in die Tasche. Sie sagte dazu: „Ich hätte es gerne selber behalten, unser Küchenmädchen hat es mir geschenkt, aber dir will ich es geben.“
Indem sie noch so sprachen, fuhr ein andrer Wagen vor, in dem saß der Graf und die beiden Jungen, die ungefähr in dem Alter waren wie Hans; und auch der Förster saß im Wagen. Der Vater sprang schnell heraus und war der Herrschaft behilflich beim Aussteigen. Der Herr Graf faßte die kleine Komtesse beim Zöpfchen, sie warf sich ihm in die Arme und hätte wohl gern noch einmal gebeten wegen der Kaninchen, wenn sie gewagt hätte.
Nun trat die Frau Gräfin aus dem Haus und gab der Försterin freundlich die Hand. Die kleine Komtesse umfaßte ihren Rock und bat: der kleine Hans soll mitfahren. Sie bat so herzlich, daß die Frau Gräfin fragte, ob die Eltern das erlaubten; die sagten natürlich ja, die Mutter zupfte Hans noch einmal zurechte, und dann stiegen alle ein. Die Kinder durften in dem einen Wagen für sich bleiben, nachdem sie dem Kutscher auf die Seele gebunden waren, der Graf war mit seiner Gemahlin in dem andern, und nun ging die Fahrt fort in den Wald.
Dem Hans war sehr befangen zumute, denn er hatte das Gefühl, daß er ganz anders saß und sich bewegte und sprach wie die jungen Grafen; die sahen so aus, als dachten sie gar nicht an ihre Bewegungen, und er meinte, daß sie wohl heimlich über ihn lachen möchten. Das Mädchen erzählte von den Kaninchen, und wie reizend die gewesen seien; da sprachen die beiden Brüder geringschätzig und meinten, Kaninchen seien gar nichts Besonderes, und wenn sie nur wollten, so könnten sie Hunderte haben; und wie die Kleine erzählte, daß sie die beiden geschenkten Jungen nicht hatte mitnehmen dürfen, da lachten sie und sagten, sie verstehe das nicht, wie man seinen Willen erreiche; da müsse man so lange heulen, bis einem erlaubt werde, was man wolle. Hans kriegte runde Augen über diese Ansichten und sagte zwar nichts; die Brüder aber merkten wohl, daß ihm ihre Reden unrecht vorkamen, deshalb machten sie sich gefaßt, ihren Spaß mit ihm zu treiben, denn sie hielten ihn für einen Duckmäuser.
Sie sagten nicht „Vater“ und „Mutter“, sondern „der Alte“ und „die Alte“, und rühmten, welche Taten sie mit ihrer Schnappschleuder begingen, wie sie da den Bauern die Fensterscheiben entzweischossen, ohne daß jemand merkte, von wem der Schuß kam. Noch nahmen sie scheinbar keine Notiz von Hans, weil sie keine rechte Anknüpfung hatten, aber sie knufften sich heimlich, um sich auf ihn aufmerksam zu machen, wie er dasaß mit seinen hellen Augen in dem blankgescheuerten Gesicht. Wie ihre Schwester von den Manschetten erzählte, prusteten sie los mit Lachen und sagten, das seien Sparröllchen, wie sie Herr Müller trägt, der Hofmeister; gestern hatten sie gehört, wie ihre Mutter zum Vater gesagt hatte, Herr Müller mit seinen Sparröllchen sei doch zu unterirdisch.
Hans wurde feuerrot und schämte sich sehr und hätte fast angefangen zu weinen; aber er bezwang sich noch. Der älteste von den Brüdern fragte ihn: „Kannst du auch schon reiten? Wir haben jeder einen Pony, auf dem lernen wir reiten, ich darf schon allein.“ Hans schüttelte den Kopf; dann erzählte er, daß ihre Elsbeth einmal wochenlang jeden Tag zweiundzwanzig Liter Milch gegeben habe. Da prusteten die Brüder wieder los, das kleine Mädchen aber sagte zu ihm: „Du mußt dich nicht ärgern über sie, das sind dumme Jungen.“ Ihm aber war, als ob sie im Einverständnis sei mit den beiden, die ihn auslachten, und das kränkte ihn am meisten; aber er wußte nicht, was er antworten sollte.
Indessen erzählten die andern weiter, wie sie schon geraucht hatten und sich Geld borgten von den Leuten; und wie den einen der Vater einmal zur Rede gestellt, hätte er einfach alles abgestritten, und der Vater hätte gelacht und gesagt, er könne sich gut herauslügen, aber er, der Vater, merke doch die Wahrheit; aber getan hätte er ihm nichts. Dann fragten sie Hans, ob sein Vater seiner Mutter auch zuweilen etwas vorlog. Er schüttelte mit dem Kopf. Sie antworteten, er sei noch zu dumm, da merke er das nicht. Da kam ihm plötzlich ein neues Gefühl in die Bewunderung der Ruhmredigkeit der andern, die Stimmung von Zuhause und der Stolz, den er gegenüber den Tagelöhnerkindern hatte, und er sagte: „So einen Vater wie ich hat auch keiner.“ Der älteste von den beiden antwortete überlegen: „Das denkt man immer, solange man noch klein ist.“ Dann fragten sie, ob sein Vater ihn schlug, und Hans erzählte, daß er eine Peitsche hatte mit neun Riemen, das war die neunschwänzige Katze, mit der kriegte er, wenn er ungezogen gewesen war. Da kam ihm wieder vor, als sei bei ihm zu Hause alles dumm, und er selbst sei ganz dumm, und die beiden erschienen ihm wieder hoffnungslos überlegen. Die Wagen fuhren zu einer Waldblöße, die war von allen Seiten eingeschlossen durch die hohen Tannen, und war der Boden etwas abhängig und mit braunem Gras bedeckt von vorigem Jahr; schon kamen die ersten grünen Grasspitzen aber hervor, und die Primeln blühten. Auf dem untern Teil hatten sich einige Birken angesiedelt, die etwa mannshoch waren; über denen schwebte eben ein hellgrüner Hauch. Aber an der trockensten und sonnigsten Stelle lag ein großer flacher Stein. Auf diesem deckten die Leute, denn die Herrschaften wollten im Freien vespern. Die Kinder durften im Walde spielen. Hans war aus Schüchternheit ungeschickt; weil er bei dem kleinen Mädchen die einzige Zuneigung verspürte, so hielt er sich immer zu dieser, wiewohl er dadurch das Spiel oft störte. So versteckten sie sich hinter den Bäumen, und es war in seiner Nähe kein starker Baum, und er blieb hinter einem ganz dünnen stehen, obwohl er selbst wußte, daß ihn die andern gleich sehen mußten. Wie er selbst suchen sollte, war er zu schüchtern, die Jungen zu fangen, die er fand, und ließ sie entkommen, wiewohl er sich heftig ärgerte über diese Schüchternheit; hinter dem kleinen Mädchen dagegen lief er sehr eifrig her. Über alles dieses wurden die Jungen ärgerlich und zankten mit ihm; er aber lächelte bloß entschuldigend und konnte sich nicht verteidigen, und die beiden kamen zu dem Schluß, er sei dumm. Daß er sich immer an ihre Schwester heftete, merkten sie bald, und da verspotteten sie diese, sie habe einen Verehrer bekommen, der Dumme sei in sie verliebt. Darüber wurde die ärgerlich und war kurz gegen Hans; und wie der, obgleich er das merkte, doch nicht abließ von seiner Art, sagte sie ihm endlich ganz grob, er solle sie in Ruhe lassen, er sei dumm. Da stand er traurig für sich allein da und sah zu, wie die andern spielten, und mußte mit aller Gewalt die Tränen zurückhalten. Mit einem Male aber kam es über ihn, nämlich plötzlich, bei einer ganz geringen Gelegenheit, als es ihm schien, der ältere Bruder sehe spöttisch nach ihm hin, da lief er wütend auf den zu, packte ihn bei den Haaren und schlug kräftig auf ihn ein; der jüngere Bruder eilte herbei und griff Hans an, aber der ließ sich nicht irre machen: fühlte wohl gar nichts von seinem Angreifer. Endlich kamen die Kutscher und trennten die drei.
Wie sie vor die Herrschaften gebracht waren, klagten die Brüder mit geläufigen Worten über Hans, der habe das Spiel schon von Anfang an gestört, dann sei er brummig zur Seite geblieben, und endlich habe er ohne Grund sie überfallen. Hans stand niedergeschlagen da, denn das war alles richtig, was die sagten, und er wußte selbst nicht, weshalb er plötzlich so wütend geworden war. Der Herr Graf sagte zu seinen Söhnen, sie würden gewiß schuld haben, aber wenn sie denn nun einmal keinen Frieden untereinander halten könnten, so solle der Försterjunge nach Hause gehen. Nun dachte Hans, daß er sich wohl erst bedanken müsse; aber das konnte er nicht; deshalb drehte er sich um und ging langsam einige Schritte; und wie er dachte, daß er weit genug sei, lief er aus Leibeskräften, bis er atemlos nach Hause kam.
Hier fand er nur die Großmutter vor; er ging zu ihr in die Stube und weinte in ihren Schoß.
Wie der Vater nach Hause zurückkehrte, wußte er schon von dem Geschehenen, rief den kleinen Hans zu sich und fragte ihn. Der antwortete, daß alle sehr artig gewesen seien und besonders die kleine Komtesse, aber ihn habe plötzlich eine Wut gepackt, er wußte nicht woher, daß er habe den einen schlagen müssen. Mehr konnte er nicht sagen, und keine weitere Vorhaltung nutzte etwas. Endlich fragte ihn der Vater, ob er wisse, daß er sehr ungezogen gewesen sei und Hiebe verdient habe. Da sagte er ja, holte auch die neunschwänzige Katze herbei. Wie ihn der Vater schlug, bezwang er sich zuerst und muckste nicht, nachher aber weinte er doch, denn die Katze tat sehr weh.
Am Abend setzte er sich in der Dunkelheit ans Fenster; der Vater saß still in der Sofaecke. Da stand er leise auf, ging zu seinem Vater, stieg dem auf den Schoß und weinte an seiner Brust. Der Vater dachte, er müsse ihn trösten der Schläge wegen und sagte, er sei doch ungezogen gewesen, und einem Vater tue das selbst weh, wenn er seinen Jungen schlagen müsse, und das wisse er doch selbst, daß er die Schläge verdient habe. Da nickte Hans und sagte: „Das ist es nicht, das hat manchmal schon weher getan.“ Wie ihn der Vater nun weiter fragte, faßte er sich zuletzt ein Herz und sprach: „Nicht wahr, du lügst doch nicht?“ Hierüber wurde der Vater ganz erstaunt, antwortete, daß er allerdings nicht lüge und fragte dann, wie Hans auf solche Gedanken komme. Hans schluchzte von neuem und erzählte endlich, was die beiden Jungen auf der Fahrt und nachher gesprochen hatten. Der Vater wurde recht nachdenklich und begütigte ihn, indem er ihm sagte, daß die jungen Grafen vorlaute Jungen seien, die überall zuhörten, auch wo es ihnen verboten sei, und nun in ihrer Dummheit allerhand falsche Meinungen ausheckten. Damit gab sich Hans am Ende zufrieden, hörte allmählich auf zu weinen und schlief zuletzt auf seines Vaters Schoße ein. —
Der Großmutter war es den Winter hindurch schlecht gegangen; sie klagte über ihre Beine, daß die sie nicht mehr recht tragen wollten und fürchtete sich vor Zug; abends ging sie früher zu Bett wie sonst, und am andern Morgen erzählte sie, daß sie nicht habe schlafen können. Dafür geschah es, daß sie am Tage unversehens einschlief, wenn sie in ihrem Lehnstuhl am Ofen saß und strickte; das Strickzeug sank ihr in den Schoß, und sie wachte auch durch lautes Geräusch nicht auf. Man mußte aber tun, als ob keiner etwas merkte hiervon, sonst wurde sie böse; wenn sie die Augen wieder aufschlug, so sah sie sich um, ob jemand sie beobachtete, und dann nahm sie ihr Strickzeug vor das Gesicht.
Gegen den Frühling kam der Tischler, der die Fenster in Ordnung bringen sollte, denn deren unterer Riegel war faul geworden, und das Wasser lief auf die Fensterbank. Mit dem sprach die Großmutter über Särge, fragte, was die verschiedenen Arten kosteten, und wunderte sich, daß alles so teuer geworden war, und erkundigte sich genau nach der Haltbarkeit. Es zeigte sich, daß bei Särgen sehr viel Betrug unterlief, denn die Handwerker hatten keine Furcht vor Gott und keine Scham und glaubten, bei einem Begräbnis müßten sie mehr verdienen wie bei andern Arbeiten.
Als die Kraft der Sonne zunahm, stand sie oft am Fenster und sah, wie der Schnee in sich zusammensank, und dann kam Tauwind und Regenwetter, und in den Schlittenspuren auf der Landstraße schoß das Wasser bergab. Jetzt sagte die Großmutter oft: „Nun schlagen die Bäume bald aus“; sie dachte aber bei sich, wenn die Bäume ausschlügen, so würde sie sterben; auch sagte sie: „Die Schneeglöckchen erlebe ich noch.“ Das sprach sie alles für sich hin, wenn sie allein in der Stube war oder nur der kleine Hans auf seinem Fußbänkchen still saß. Einmal faltete sie die Hände und sagte: „Des Menschen Leben währet siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“
Wie sie noch Kind war, hatten ihre Eltern sie in eine Sterbekasse eingekauft, und achtzig Jahre lang hatte sie ihre Pfennige gesteuert. Jetzt las sie viel in dem alten, abgegriffenen Quittungsbuch, in dem vorn die Satzungen der Kasse abgedruckt standen und hinten auf leeren Blättern so viele Jahre hindurch der Empfang des Beitrags bescheinigt wurde; sie las und rechnete für sich alle Kosten und Ausgaben zusammen.
Ein schöner Frühlingstag kam. Das Stubenfenster stand lange auf, und eine Frühlingsluft drang herein, eine frische und sonnenscheindurchtränkte. Draußen war es schon ganz trocken, und die kleinen Vögel machten allerhand Zwitschern, Pfeifen und Tirilieren; die Großmutter saß lange am Fenster und hatte diesmal gar keine Furcht vor der Erkältung. Dann sprach sie mit der Mutter wegen des Grabes ihres toten Mannes, das um diese Jahreszeit besorgt werden mußte, und endlich sagte sie, daß sie sich jetzt zu schwach fühle, um noch aufzubleiben; sie wolle sich legen; aber auf ihrer Kammer sei es ihr zu einsam; ihr Bett solle hier in der Stube aufgeschlagen werden, in der Ecke, wo ihr Lehnstuhl gestanden.
Die Mutter verspürte wohl, was sie meinte, und daß sie wußte, sie werde von diesem Lager nicht wieder aufstehen; so antwortete sie, daß heute abend, wenn der Mann zu Hause sei, alles so gemacht werden solle, wie die Großmutter es wünsche.
Das geschah auch, und nun war die Großmutter unten in der Stube im Bett; sie hatte viele Kopfkissen im Rücken, so daß sie halb saß; deshalb vermochte sie auch noch zu stricken wie früher. Wenn der Vater abends nach Hause kam, ging er erst zu ihr, gab ihr die Hand und sprach ein paar Worte. Es war, als sei sie jetzt viel wichtiger geworden wie vorher; die Mutter fragte sie um manches, davon sie ihr sonst nichts mitgeteilt, und recht oft erhielt sie ein besonderes Leckerbißlein, das die andern nicht bekamen.
Einmal rief die Großmutter die Mutter zu sich ans Bett. Die kam und fragte, was sei. Da sagte die Großmutter nach einer Pause: „Ich wollte dir nur sagen, daß du immer gut zu mir gewesen bist, so sind nicht alle jungen Frauen. Ich bin gewiß manchmal wunderlich gewesen, aber ich habe es immer gut gemeint.“ Da sah Hans, wie seiner Mutter die Tränen kamen, daß sie die Schürze vor die Augen nahm und schnell fortging.
Dem kleinen Hans erzählte die Großmutter jetzt viel; und wiewohl er gern draußen war und mit dem schmelzenden Schnee spielte, Flüsse leiten und Dämme bauen, daß sich große Teiche bilden, und dann wieder Kanäle graben und Wasserfälle machen, so blieb er doch viel lieber in der Stube bei der Großmutter und hörte ihre Erzählungen aus der alten Zeit.
Sie sprach aber von ihrem Vaterhaus, das schilderte sie ganz genau von außen und innen und zählte die Stuben und Fenster und Türen, und die Öfen beschrieb sie, und die Treppe und die Haustür; und alles wurde prächtig und märchenhaft in ihrer Erinnerung. Dann sprach sie von der Wiese, und wie sie alle ins Heu gingen mit großen Hauben aus Kattun, und vom Garten erzählte sie und von den Obstbäumen; da war ein Apfelbaum, der trug Borsdorfer, solche Äpfel gab es nicht mehr; und von Kirschen hatten ihre Eltern alle Sorten, und im Herbst, wenn die Abende länger wurden, dann holten sie immer eine große Schüssel Pflaumen vom Boden, die wurde auf den Tisch gesetzt. Der Urgroßvater war Silberbote gewesen, das war ein Bergmann, auf den man besondere Stücke hielt, der mußte zweimal in der Woche das ausgebrachte Barrensilber zur Münze bringen. Da ging er denn abends zum Herrn Bergrat, der packte die Barren in einen Tornister, den versiegelte er; dann kam er wieder nach Hause und verschloß den Tornister in seinem Koffer und nahm den Schlüssel in die Tasche; denn früh am andren Morgen um drei Uhr mußte er sich auf den Weg machen und acht Stunden weit gehen durch den dicken Wald: zur Winterzeit war oftmals der Weg verschneit und keine Trappe Bahn; dazu war damals der Wald noch gefährlich wegen der Wölfe, und in der Franzosenzeit gab es auch Räuber. Deshalb holte der Vater die Bibel und das Gesangbuch aus dem Schapp und las vor, ein Stück aus den Evangelien, von dem Mann, der unter die Räuber fiel, oder ein andres, dann knieten alle nieder und beteten zum lieben Gott, daß er ihn beschützen möge, und am Ende sangen sie ein frommes Lied. Wenn die Kinder dann am andern Morgen aufwachten, so war der Vater schon lange auf dem Wege; und erst am Abend um neun kam er wieder mit dem leeren Felleisen und der Quittung, das mußte ein Kind beides gleich zum Herrn Bergrat bringen. Wenn es aber um die Zeit war, daß der Vater heimkehren mußte, so harrten alle in Angst, und oftmals gingen sie ihm entgegen, weil sie Furcht hatten, es möchte ihm etwas geschehen sein. Aber Gott hat ihn immer behütet, und er hat ein hohes Alter erreicht.
In diese Erzählungen mischte die Großmutter Mahnworte und fromme Reden, indem sie begann: „Und wenn ich tot bin, so vergiß nicht, was ich dir jetzt sage.“ Sie erzählte aber, sie habe gefunden, daß in heutiger Zeit die Menschen mehr Angst hätten um ihr tägliches Brot wie früher und sich viele Sorge machten um Irdisches. Als sie ein Kind gewesen, haben die Menschen andre Gedanken gehabt; indessen sei es möglich, daß die Ursache der Sorgen in dem beschlossen sei, daß die Menschen heute nicht mehr so ordentlich und gut seien wie früher. Es sagt aber der Psalmist: „Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch nie gesehen den Gerechten verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen.“ Diesen Satz gab sie dem kleinen Hans ganz besonders und schärfte ihn dem Kinde vielmals ein und fügte hinzu: „Strebet zuerst nach dem Reiche Gottes, so wird euch dieses alles zufallen“, und sagte nochmals: „Hieran denke, wenn ich tot bin, und vergiß nicht meine Worte.“
Weiter erzählte sie von ihrem Großvater, den sie noch gekannt als einen eisgrauen kleinen Mann, der schon ganz in die Erde gewachsen war. Der war weit in der Fremde herumgekommen als ein Bergmann, in Ungarn und Böhmen, aber dann wieder in die Heimat gekehrt mit seinem Ersparten und hatte das Haus gekauft und die Wiesen. Der las viel in einem alten Buche, das hieß die „Insel Felsenburg“, darin waren Lebensbeschreibungen von allerhand Menschen und merkwürdige Schicksale, Reisen und Schiffbrüche, bis alle endlich zusammenwohnten auf einer einsamen Insel im Meer, wo sie in Ehrbarkeit und Sitte lebten, sich freiten und Kinder kriegten und die Insel bevölkerten. Sie, die Großmutter, hatte er am liebsten, die damals noch ein kleines Mädchen war und zu seinen Füßen saß auf dem Fußbänklein, „gerade wie du, mein lieber Hans. So vergehen die Jahre, und die Menschen werden groß, und die Alten sterben, und junge kommen auf, und ist mir, als sei es gestern gewesen, daß ich aufhorchte, wie er mir erzählte von den Silbergruben in Ungarn und von den großen Meerschiffen. Und ist zu denken, daß auch mein Großvater dereinst als kleines Kind aufgeschaut hat zu seinem Ahn, und geht die Reihe der Geschlechter fort durch die Jahrhunderte, und auch du, mein liebes Kind, wirst einst Kinder haben, und Enkel werden zu deinen Füßen sitzen und du wirst denken: ‚War es nicht gestern, daß ich hörte, wie die Großmutter mir erzählte?‘ Aber dann werde ich schon lange in der Erde liegen neben deinem Großvater, der so jung hat sterben müssen, daß er deinen Vater nicht mehr gesehen hat, und habe ich an fünfzig Jahre die Stelle betrachtet, wo ich einstens neben ihm liegen werde.“
Der kleine Hans saß still und horchte auf der Großmutter Worte. Noch verstand er nicht, was sie meinte, denn ein Kind kennt nur den Tag und ist wie ein Schmetterling in der Sonne, der nichts weiß von gestern und morgen; aber er verschloß ihre Reden treu in seiner Seele, und später haben die ihn getröstet und beschützt, als er keinen Trost von Menschen hatte und keinen Schutz. Auch sagte die Großmutter: „Du bist zwar noch ein Kind, aber du sollst doch schon jetzt wissen, was du sonst später erfahren hättest, denn du bist ja mein Blut und meines lieben Mannes. Deshalb will ich dir erzählen, wie ich und dein Großvater uns lieb gewonnen haben; denn auch du wirst einmal ein Mädchen lieb gewinnen und heiraten.“
Die alte Großmutter, die jetzt mit ihren achtzig Jahren strack in ihrem Bette saß, mit schneeweißem und glattem Scheitel, die Augen nach vorwärts gerichtet in ein neues Land, war einst ein junges Mädchen gewesen, hochgewachsen und schlank wie ein Tannenbaum, mit gelbem Ringelhaar und lustigen blauen Augen. Da sie so schön war und ihre Eltern eingesessene Leute, die ein Stück vor sich gebracht hatten, so fehlte es ihr nicht an Bewerbern. Nach der Art der jungen und unerfahrenen Dinger, die nicht wissen, wie das Leben ein gar schweres Wesen ist, erschien ihr das als ein Scherz und Spiel und vermeinte, sie dürfe stolz sein auf solche Menge der Freier, und äußerte den Stolz in allerhand Mutwillen, den sie mit ihnen trieb aus Gedankenlosigkeit; denn sie hatte noch nicht erfahren, was Liebe ist. Ganz besonders war ihr aber zugetan der junge Jägerbursche, der später ihr Mann werden sollte, der war ihr indessen zu ernsthaft, wiewohl ihre Eltern es gern sahen, daß er sich um sie bewarb. An einem Abend ging er mit ihr zusammen einen Weg nach dem Dorfe zu, und wie sie auf der Anhöhe standen und unter sich die Lichter blinken sahen, sprach er zu ihr, daß er sie lieb habe, und wenn sie wolle, so werde er sie heimführen als seine Frau und sie lieben und ehren, wenn sie ihn lieben und ihm gehorsamen wolle; aber er sei noch nicht angestellt, und es sei recht möglich, daß sie ein paar Jahre warten müßte, bis sie heiraten könnten.
Auf dieses erwiderte sie schnippig, denn sein ernster Ton hatte sie verdrossen, und daß er sprach von Gehorsamen. Sie sagte aber, daß sie einen Mann nicht nehmen möge, der schwarzhaarig sei, sondern sie wolle einen Blonden; und zudem begehrten sie so viele zur Frau, daß sie nicht nötig habe, zehn Jahre zu warten als Braut, sondern wenn sie wolle, so könne sie schon übers Jahr heiraten. Da sagte er, sie spreche wie ein unverständiges Kind, und vielleicht sei sie auch noch zu jung, um schon eine rechte Meinung in solcher ernsten Sache zu haben. Aber ihre leichte Art habe ihn sehr gekränkt, und deshalb bitte er, sie wolle denken, seine Worte seien ungesprochen. Aber wenn er sie nicht zur Frau bekommen könne, weil sie ja nicht wolle und auch er ein so gedankenloses Wesen nicht in sein Haus führen möge, so solle sie doch immer auf ihn rechnen, weil er sie trotz allem lieb habe, denn die Liebe kehrt sich nicht an die Vernunft, ja sie streitet mit ihr. Es sei aber sehr möglich, daß sie später einmal seine Hilfe irgendwie gebrauchen könne; und auch einen Groll wollten sie nicht auf einander behalten. Dieses stieß ihr wieder an die Krone, so daß sie noch törichter antwortete und ihn gänzlich von sich abwies.
„Aber merke dir, mein liebes Kind,“ sprach sie von ihrem Bett zu dem kleinen Hans, der vor ihr saß, „wir Frauen sind andern Wesens wie die Männer; und wenn du nicht vergißt, was ich dir jetzt erzähle, so sparst du dir später viel Herzeleid und Kummer. Vorher habe ich deinen Großvater nicht lieb gehabt, aber wie ich ihm so leichtfertig antwortete, und er war ernst und streng, aber zugleich doch gut zu mir, da kam plötzlich die Liebe zu ihm in mein Herz. Nur daß mich die Schamhaftigkeit hinderte, ihm davon zu sagen; ja es war, als triebe es mich, ihn jetzt gerade zu kränken. Das merke dir, denn wir Frauen sind ein schwaches Geschlecht, und die Männer sind stärker als wir, und gerader.“
So geschah es, daß sie einen andern Bewerber offenkundig bevorzugte, einen Bergmann, der lustig die Zither zu schlagen verstand und Lieder dazu sang und fröhliche Streiche anzustellen wußte. Mit dem lachte sie viel, und es war ihr lieb, wie sie sah, daß der andre finster wurde, wenn er sie mit ihm erblickte. Und einmal ging sie denselben Weg mit diesem, den sie vorher mit dem andern gegangen, und sprachen ähnliche Gespräche zusammen, und kamen an dieselbe Stelle auf der Höhe, wo das Dorf unter ihnen lag mit seinen hellen Fenstern. Da fragte er sie, ob sie ihn lieb haben wollte, und zugleich umfaßte er sie und wollte sie küssen. Wie sie aber seinen Arm verspürte, tat sie einen Schrei und lief fort, hinab ins Dorf und kam unten an in großer Angst, wiewohl sie nicht kindisch war und schon einmal sich mit einem andern herzhaft abgeküßt hatte, welches jedoch gewesen war, ehe der Jägerbursche mit ihr gesprochen.
Von der Zeit an war sie verändert und wurde ernster, tanzte nicht und lachte nicht mehr mit den jungen Leuten, und kamen wohl mehrere Freier, aber sie wies alle ab. So ging es drei oder vier Jahre. Da begann sich Hansens Großvater wieder langsam an sie zu machen; er besuchte ihre Eltern am Sonntagnachmittag, spielte mit ihren jüngeren Geschwistern und sprach mit ihr selbst viel. Von seinen damaligen Worten redeten sie nicht wieder, aber sie wußten beide, auch ohne daß sie es sich sagten, daß sie jetzt verlobt seien, und daß sie warten wollten mit dem Heiraten, bis er eine Anstellung habe. „Und siehst du,“ sprach die Großmutter zu dem Enkel, „das danke ich deinem Großvater noch heute, daß er nie wieder von dem Früheren gesprochen hat, obwohl er hätte über mich triumphieren können, denn ich hätte schweigen müssen, wenn er gespottet. Aber dein Großvater war ein Mann, wie er sein muß, er war hart und ernst, aber er war auch mild und gut. Dein Vater ist auch so geworden, und du mußt dir Mühe geben, daß du ihnen nachschlägst.“ Da sagte Hans: „Ja, Großmutter, das will ich.“
Und die Großmutter mit ihren Augen, die schon über das Grab hinaus suchten, schwieg eine lange Weile; sie dachte an ihren Mann, den sie nur wenige Wochen gehabt und über ein halb Jahrhundert betrauert hatte, und daß sie ihn bald wiedersehen werde; das machte ihr eine sonderbare Freude und heftiges Heimweh.
In Hans war eine wunderliche Ernsthaftigkeit, und in sein Wesen kam eine größere Reife durch diese Gespräche, wie seinem Alter gewöhnlich ist; in aller sonstigen Erfahrung aber blieb er kindlich und unwissend, und wurde seine Erziehung gerade entgegengesetzt, wie die Erziehung heute gewöhnlich ist, da die Kinder viel Fremdes sehen und manches Neue erfahren, früh Furcht und Achtung verlieren und gewitzt werden; dabei aber in ihr Wesen keinen Ernst bekommen und oft noch im wesentlichen kindisch bleiben, wenn sie schon Männer sein sollten.
In der Küche saß Dorrel, Kartoffeln schälend, mit einem bekümmerten Antlitz. Hans setzte sich ihr gegenüber. Wie sie ihn ansah, stand sie auf, stellte ihre Schüssel ab und rumorte mit den Herdringen. Sie wollte aber verbergen, daß sie weinte. Hans fragte: „Weshalb weinst du?“ Da antwortete Dorrel nach langem Zögern und vielem Drängen, sie weine um die Großmutter, daß die nun im Sterben liege.
Hans wiegte den Kopf, dann sagte er: „Darüber muß man nicht weinen. Wir müssen alle sterben, und das wissen wir. Die Großmutter aber ist eine alte Frau, die in ihre Jahre gekommen ist; sie hat keine Sorge hinter sich, sondern weiß, daß sie meine Eltern in guter Ordnung verläßt; dazu leidet sie keinerlei Schmerzen, sondern ihr Leben lischt aus wie ein Licht. Deshalb hat sie selbst auch nicht Kummer über ihren Tod, vielmehr freut sie sich, weil sie jetzt wieder mit dem Großvater zusammenkommt.“ Dorrel hörte diesen Worten mit großer Verwunderung zu und bekam eine sonderliche neue Achtung vor Hans, die sie bis dahin noch nicht gespürt. Deshalb sagte sie nach einer Weile: „Wenn du es so nimmst, so hast du recht, aber ich weine um meinetwillen, denn sie ist mir immer eine gute Frau gewesen, und ich habe sie lieb.“