Schwankend und mit unsicheren Schritten ging sie nach Hause, wo ihre Mutter sie erwartete, die noch nichts ahnte; und wie sie in das helle Kämmerchen trat, wo das dürftige Abendbrot auf dem Tische stand und die Mutter fleißig an einem Kleid für sie nähte, da konnte sie sich zuerst gar nicht verständlich machen, aber die Mutter erriet schon und jubelte, und eine Lustigkeit kam ihr über das verhärmte Gesicht, und sie wurde beweglich und geschwätzig als eine alte Schauspielerin, die freilich nie zum Höheren gekommen war, und indes die Tochter munter aß, erzählte sie alte Bühnengeschichten und die Legenden, wie diese entdeckt war und jener seinen ersten Erfolg gehabt hatte, fragte dazwischen und beantwortete selbst ihre Fragen, und hatte endlich in allem ein so wunderliches Wesen, daß die Tochter zuletzt in ein lautes und herzliches Lachen ausbrechen mußte.
Erst spät gingen die beiden schlafen unter vielen Plänen und Hoffnungen, und früher wie sonst wachten sie wieder auf, wie die helle Wintersonne auf die gefrorenen Fensterscheiben schien. Lachend vor Kälte sprang sie aus dem Bett, heizte schnell den kleinen Eisenofen an und kroch wieder in das warme Lager, um noch in behaglichen Gesprächen abzuwarten, bis das Stübchen sich erwärmte und das dicke Eis des Fensters abtaute. Dann erhoben sich die beiden, kleideten sich an und bereiteten sich das Frühstück; wie sie sich setzen wollten, klingelte der Briefträger; sie kam jubelnd zurück; da war ein Brief von Ivo, der war gewiß gestern im Theater gewesen und hatte gleich geschrieben.
Aber wie sie den Brief aufgerissen hatte, wurde sie totenblaß; hastig kleidete sie sich für die Straße an und eilte in Ivos Wohnung. Da standen schon Neugierige auf der Straße und Schutzleute bewachten den Eingang des Zimmers, damit nicht Unberufene eindringen sollten, aber durch ihren Anblick wurden sie bestürzt und ließen sie durch. Da lag Ivo auf dem Fußboden, unentstellt, denn seine Kugel hatte gut getroffen, und nur die Tischdecke war ein wenig verschoben. Der Pistolenkasten stand auf dem Schreibtisch; sie nahm die andre Waffe heraus, ehe den Schutzleuten ihre Bewegung klar wurde, und indem sie gegen sich abdrückte, fiel sie neben ihrem Geliebten zur Erde.
Wie die Unglücksfälle über die gräfliche Familie hereinbrachen, bemühten sich bereitwillige Verwandte um Hilfe. Ein Vetter erschien, ein älterer und unverheirateter Mann, der als ein Sonderling galt, der ordnete, was zunächst notwendig war, denn die junge Gräfin Maria war zu unerfahren, und die alten Herrschaften schienen beide ihrer Sinne nicht mehr ganz mächtig zu sein. Deren Schicksal war nun bestimmt und unabänderlich, und so bemühte sich der Vetter vornehmlich, für die junge Dame etwas auszudenken.
In der ersten Zeit erschien die recht verschlossen und ohne Teilnahme für irgend etwas, bis an einem Abend der Vetter im Ärger aus sich herausging und sie schalt, daß sie wohl auch nur so sei wie alle, die etwas musizieren, etwas malen, englische Romane lesen und Konversation machen. Auf die Vorwürfe erwiderte sie, daß sie gar keine besonderen Talente gehabt habe und wohl gern die Hauswirtschaft geleitet hätte, aber das habe sie nicht gedurft; aber wenn es möglich sei, daß sie etwas nach ihrem Willen tun dürfe, so möchte sie wohl Krankenpflegerin werden. Hierüber wurde der Verwandte recht erstaunt und fragte sie, ob sie denn fromm sei; das verneinte sie und sagte, sie habe vieles gelesen, und wenn sie sich auch kein Urteil anmaßen wolle, so müsse sie doch sagen, daß sie nicht kirchengläubig sei; und wie der Verwandte weiter forschte, stellte sich heraus, daß sie gänzlich atheistisch gesinnt war, und wollte aber Menschen nützlich sein und eine Beschäftigung haben, die sie befriedigte.
Da wurde der Verwandte gerührt und erzählte, daß er als junger Mann eine große Neigung zur Medizin gehabt, und weil das damals nicht als standesgemäß gegolten, ein solches Studium zu beginnen, so habe er sich von seiner Neigung abwenden lassen; dadurch aber habe er sein Leben eigentlich zugrunde gerichtet, denn indem er zu dem andern, das er nun wirklich getrieben, keine innere Neigung gehabt, sei er nie zu Befriedigung und rechter Arbeit gekommen. Deshalb, weil er selbst das durchgemacht habe, wolle er ihr helfen bei ihrem Vorhaben, und es freue ihn, daß sie ihrem jetzigen Leben entsagen wolle, denn das Leben der Vornehmen werde im Grunde doch nur durch die Furcht vor den Leuten bestimmt, die trotzdem nicht so schlimme Dinge verhüten könne, wie sie eben mit Vater und Brüdern durchgemacht. Nach solchen Worten schloß er sie in seine Arme und küßte sie auf die Stirn; und dann ermahnte er sie nochmals, sie solle bei ihrem Mute verharren, denn der komme aus einem guten Gewissen; und wenn Ängstliche ihr vorstellen würden, daß es ihre natürliche Pflicht sei, daß sie ihre Eltern pflege, so solle sie nicht darauf hören, sondern solle ruhig tun, was sie sich vorgenommen.
Weiland hatte sich bald nach dem letzten Zusammentreffen mit Hans und Karl verheiratet. Um wenigstens äußerlich zu zeigen, welche geringe Bedeutung sie der bürgerlichen Eheform beilegten, waren das Brautpaar mit den beiden Zeugen, welche Freunde von Weiland waren, in Alltagskleidung zum Standesbeamten gegangen; da hatten sie in einem staubigen und leeren Vorzimmer gewartet und waren dann zu dem Beamten eingetreten, der hinter einem gelbpolierten Tisch saß und einen Federhalter im Mund hielt und in der Rechten ein Lineal hatte. Der prüfte die Papiere der Zeugen, nahm die Aushangsbescheinigung zu seinen Akten, füllte das Formular in seinem dicken Buche aus, las dann seine Niederschrift laut vor und ließ die Anwesenden unterschreiben, indem er mit ärgerlichen Worten mahnte, daß sie keine Kleckse machen und nichts durchstreichen, auch ihre Vornamen nicht abkürzen sollten. Dann unterschrieb er selbst, und indem das Paar und die Zeugen noch in Erwartung weiterer Geschehnisse standen, winkte er ungeduldig mit der Hand, daß sie entlassen seien und gehen müßten. Im Vorzimmer wünschten die beiden Zeugen mit verlegenen Mienen Glück, und das Brautpaar lud sie der Verabredung gemäß zum Mittagessen ein. So gingen die vier mit leerem und verwirrtem Gemüt in eine Gastwirtschaft, da bestellte der junge Ehemann nach der Karte das Essen, und die üble Stimmung besserte sich ganz allmählich, indem alle zuerst die Speisen lobten und dann die Unfreundlichkeit des Standesbeamten tadelten; nur die junge Frau blieb fast stumm, und man sah, daß sie sich bezwang, um nicht zu stören. Nicht lange verharrte die Gesellschaft an dem unbehaglichen Ort, sondern nachdem sie gegessen hatten, standen sie auf und gingen, und auf der Straße verabschiedeten sich die Freunde mit Danksagungen und nochmaligem Glückwunsch, und dann faßten die Eheleute sich unter den Arm und gingen ihrem Heim zu, das sie sich schon vorher eingerichtet hatten.
Sie gingen durch die Haustür und über den Hof und sahen die neugierigen Gesichter der Mitbewohner an den Fenstern und erstiegen die schmalen Treppen und gingen an den verschlossenen und mit Namenschildern versehenen Türen der Wohnungen vorbei in die Höhe, und immer niedergedrückter wurden sie, wie sie so immer höher stiegen auf der schmutzigen und ungastlichen Treppe. Nur wie sie vor ihrer Tür ankamen, an der bereits das neue Namenschild befestigt war, hatten sie ein glücklicheres Gefühl, aber wie sie dann aufgeschlossen hatten und in dem engen und dunklen Korridor standen, fiel sie ihm um den Hals, schluchzte und weinte heiße Tränen aus dem tiefsten Herzen herauf, und die Erinnerung an die schmutzige Treppe, die sich eintönig an den gleichmäßigen Türen vorbei in die Höhe wand, bewirkte ihnen beiden eine heftige Vorstellung von dem einförmigen, freudeleeren und gedrückten Leben, das heute armen Leuten bevorsteht, wenn sie ihre Jugend verlassen und die Sorgen der Ehe auf sich nehmen. Und wiewohl sie ja jetzt noch jung waren und selbst die Sorgen noch nicht erlebt hatten, und ein fröhliches Stübchen hatten mit neuen Möbeln und frischen Gardinen, und die Sonne schien hier oben in ihre Fenster, so standen doch vor ihrem Sinn die vielen beladenen, mißmutigen, vergrämten und besorgten Menschen, die sie in ihrem Leben schon gesehen, und sie wußten, daß nicht lange mehr ihre Heiterkeit und roten Backen andauern würden.
Aber wie den armen Leuten gegeben ist, daß sie die Gegenwart zu genießen vermögen, so kamen auch die beiden bald über ihre Verstimmung hinweg, freuten sich ihres Stübchens und ihrer Küche, des neuen Sofas und des Salontisches, auf dem eine Visitenkartenschale stand, und des Vertiko; und wiewohl Sofa, Tisch und Schränkchen, neben dem Teppich und den Stühlen und allem anderen, ja neben den bunten Bildern von Marx und Lassalle an den Wänden, genau gleich waren tausend andern Sofas und Tischen, Schränkchen und Stühlen, die in tausend andern Wohnungen junger Leute standen, so schien ihnen ihr Stübchen doch etwas Besonderes und Schönes zu sein, das kein anderer Mensch hatte; und wenn sie zwar der festen Meinung lebten, daß die Zukunftsgesellschaft auch das häusliche Leben viel vernünftiger ordnen werde, wie es jetzt ist, so waren sie doch jetzt glücklich und zufrieden, wie sie ehrfurchtsvoll vor ihrem Salontisch saßen, auf dem die Visitenkartenschale aus bronziertem Zinkguß in der Sonne blitzte.
So führten sie ihre erste Zeit in harmloser Freude und genossen beide das Glück der jungen Ehe und die Vorstellung von einer besonderen Freiheit in ihr, die sie durch ihre Anschauungen und Gesinnungen hatten, daß nämlich die Frau nicht unterdrückt und ausgebeutet werde, und daß sie so in Wahrheit in freier Liebe lebten.
Derart hatten sie ausgemacht, daß sie des Morgens abwechselnd früher aufstehen wollten, denn beide mußten um sechs Uhr auf ihrer Arbeitsstelle sein, und nun sollte den einen Tag der Mann und den andern Tag die Frau zuerst das Bett verlassen, um für beide den Morgenkaffee herzurichten. Nach dieser Verabredung begann den ersten Tag die junge Frau, und mit sonderbarem Behagen erwachte der Mann von einem leisen Huschen auf den Dielen, da sah er durch die halboffene Tür, wie sie den neuen Petroleumapparat instand setzte und Wasser in das Blechgeschirr mit prasselndem Geräusch aus der Wasserleitung ließ, und während das heiß wurde, maß sie den Kaffee ab in die Mühle, nahm die zwischen die Knie und begann zu mahlen. Dann wischte sie den sauberen Küchentisch noch einmal ab und rückte die Stühle davor, holte den Frühstücksbeutel herein und setzte den Topf mit der Milch zurecht. Und wiewohl das alles nur ganz einfache Dinge waren, die nun von jetzt an jeden Tag geschehen sollten, so kam ihm doch ein sonderbares Glücksgefühl ins Herz, indem er zufrieden in seinem Bette lag.
Am andern Tag war die Reihe an ihm; da stand er vorsichtig auf, um seine Frau nicht zu wecken, die indessen mit verbissenem Lachen sich nur so stellte, als schlafe sie noch; mit ungeschickten Händen brachte er die Kochmaschine in Ordnung, wie er es gestern gesehen; aber schon als der das Wasser in die Kasserolle ließ, war er irr, und wie er die Bohnen mahlen sollte, wußte er nicht, wie viel er nehmen durfte. Da mußte er zu ihr gehen und sie fragen, sie aber antwortete, daß er ganz ungeschickt sei und nie die Handgriffe lernen werde, und daß die Männer überhaupt solche Sachen nicht verstünden, und dann sprang sie geschwind aus dem Bett, nahm alles in ihre flinken Hände und besorgte mit Schnelligkeit das Frühstück, indessen der Mann gehorsam zuschaute.
In solcher Weise geschah es, daß nach einiger Zeit die rasche Frau doch alle frauenhafte Arbeit in ihre Hände nahm, indem sie freilich ihren Mann häufig ausschalt; dieser aber, der sich schnell zu großer Geduld entwickelt hatte, nahm solches Schelten nicht übel, da es ja nicht böse gemeint war und eigentlich eine Zärtlichkeit ausdrücken sollte.
Wenn am Abend die Arbeit beendet war und das Abendbrot verzehrt und das Geschirr aufgeräumt, so begann für die beiden der schönste Teil des Tages, denn der Mann nahm vom Büchergestell an der Wand ein aufklärendes Buch, etwa Bebels „Frau“ oder Zimmermanns „Wunder der Urwelt“, las vor und erklärte; die Frau aber, die fleißig stopfte und flickte, hörte eifrig zu, fragte und widersprach, und recht oft kam zwischen beiden eine lehrreiche Diskussion zustande. In den meisten Fällen drehte sich der Streit darum, was die Arbeiter unter den gegenwärtigen Verhältnissen tun könnten, indem der Mann meinte, daß sie sich aufklären müßten und Bildung erwerben, die lebendige Frau aber schalt, daß die Männer träge und mutlos seien und zu Taten vorgehen müßten, und wenn sie selbst ein Mann wäre, so würde sie gewiß suchen, die Arbeiterklasse durch ein Attentat von einem besonders schlimmen Bedränger zu befreien, damit die andern Furcht kriegten. Hierauf erwiderte der Mann, daß sie durch solche Handlungen ja Ausnahmegesetze rechtfertigen würde und den ruhigen Fortgang der Entwicklung stören, von dem man alles erwarten müsse.
Indem die beiden dergestalt für sich lebten, geschah es ganz natürlich, daß sie weniger in Versammlungen gingen und der Mann auch geringeren Anteil nahm an der geheimen Tätigkeit seiner Freunde in Verbreitung verbotener Schriften oder im Sammeln von Geld; er sagte ihnen aber, daß er seinen Mann stehen werde, wenn es nötig sei; und wenn etwa die zunehmende Macht der Arbeiter die Regierung zu weiteren Unterdrückungsmaßregeln treibe und diese dann in einer bewaffneten Erhebung antworteten, um die soziale Republik zu begründen, das etwa in zwei oder drei Jahren geschehen könne, so wolle er selbstverständlich sogleich mit in die Reihen der Kämpfenden treten.
Inzwischen zeigte es sich zu ihrer großen Freude, daß die Frau ein Kind erwartete, und nun machten sie neue Pläne und Hoffnungen, wie sie das nicht wollten taufen lassen und als ein freies Wesen auferziehen ohne den Glauben an alle die Erfindungen, welche die herrschenden Klassen benutzten, um das Volk niederzuhalten, und dazwischen erzählte die Frau von einem schönen Kinderwagen, auf den sie jetzt schon sparte, denn er sollte Gummiräder haben, und auch von Jäckchen und Mützchen sprach sie; diese Gedanken schienen zwar dem Mann töricht, allein er mochte doch nicht recht etwas gegen sie vorbringen, denn sie konnte viel schneller sprechen wie er und auch viel mehr. Er selber trug sich indessen mit noch andern Absichten; denn es war damals zuerst die Sitte aufgekommen, daß die Spekulanten ihre unbenutzten Grundstücke, die zu Bauplätzen bestimmt waren, in kleinen Abteilungen an Arbeiter verpachten, die allerhand Gemüse und Blumen auf dem sandigen Boden zogen, und sich eine Laube bauten, und am Feierabend mit Weib und Kind sich hier in ländlicher Arbeit erfreuten. Einige Arbeitsgenossen von Weiland hatten sich zusammengetan zu einer solchen Ansiedelung, die sie „Klein-Kamerun“ nannten; diesen dachte er sich anzuschließen, wenn er seine Frau von der Vortrefflichkeit des Planes überzeugte, und die Frau sollte das Abendbrot in der Laube zurichten, und da würden sie dann im Freien essen, und das Kind sollte auch im Wagen anwesend sein und die frische Luft mit genießen, und nach dem Essen wollte er dann immer graben, pflanzen und jäten. Derart lebten die beiden als zielbewußte und ganz umstürzlerisch gesinnte Arbeiter doch in allerhand Wünschen, wie sie wohl kleine Bürger haben mögen, und es zeigte sich auch an ihnen, daß die Gedanken der Menschen immer viel weiter greifen, wie ihr eigentliches Streben ist, das für einen Arbeiter in Wahrheit ja doch immer nur auf ein größeres Behagen gehen kann und auf die Art von Freiheit und Sittlichkeit, welche er versteht, nämlich des kleinen Bürgers, weil er den gerade über sich sieht.
So nahte sich die Zeit, wo die Frau entbunden werden sollte. Als eine fleißige und rische Person ging sie noch bis in die letzten Tage auf ihre Arbeit, und weil sie jung und gesund war, so geschah alles ohne besondere Unfälle und in richtiger Weise. Und nun war das Leben und das Glück, das sich jedesmal wiederholt, wo eine Familie wenigstens nicht mit allzu großem Leichtsinn gegründet ist, wenn das Erstgeborene kommt; zwar hatten sie nur ein Mädchen, aber doch war der Vater so stolz, daß er meinte, er sei fast allen seinen Arbeitsgenossen überlegen, und die Mutter dachte, ein so kräftiges, gesundes und kluges Kind sei doch eine sehr große Ausnahme; den Namen gaben sie ihm nach den drei von ihnen am meisten verehrten Männern, nämlich Marx, Lassalle und Bebel, als Karoline Ferdinande Auguste. Es stellte sich naturgemäß heraus, daß die Frau zunächst ihre Arbeit lassen mußte, und so hatten die Ehegatten jetzt wieder viele Gelegenheit, über die bessere Organisation solcher Dinge in der künftigen Gesellschaft zu reden, wo eine gelernte und geübte Pflegerin eine Menge Kinder versorgen kann, indes die Mütter ihrer Arbeit nachgehen, die wegen ihrer geringen Kenntnis und Übung, auch wegen des bekannten Nachteils jeden Kleinbetriebes, doch gewiß ungeeignetere Pflegerinnen wären wie jene, und meinte die Frau, sie würde sich sehr gern von der Gesellschaft an solche Stelle als Pflegerin setzen lassen, denn dabei hätte sie ihr Kind doch immer bei sich, das sie auch nicht bevorzugen wolle. Inzwischen erwies sich das Kind als kräftig wachsend und froher Gemütsart und bekam einen sehr schönen Wagen mit Gummirädern, um den vorher die Frau eines Amtsrichters vergeblich gefeilscht hatte, er war der aber zu teuer gewesen, und auch alle seine Wäsche war sehr schön.
Hans und Karl hatten die Freundschaft mit den beiden aufrecht gehalten, und obschon sie zwar kein rechtes Verständnis für kleine Kinder hatten, so freuten sie sich doch des Glückes der Eltern mit. Zuweilen kamen sie am Sonntagnachmittag in die kleine Wohnung mit den ängstlich geschonten Möbeln, brachten allerhand Zugebröte in Papier gewickelt, wie Wurst und Käse, und aßen dann mit der Familie unter fröhlichen Gesprächen zu Abend; und erzeugte die Annäherung der Klassen in dem Schuhmacher und den Studenten auf beiden Seiten ein besonderes Hochgefühl und eine gewollte Freude, als kämen sie alle in eine neue Freiheit, indem es ihnen freilich oft mit Schwere auffiel, daß es eigentlich wenig war, was sie einander sagen konnten, und daß sie fast sich gegenüberstanden wie Menschen verschiedener Sprachen, die durch einige allgemeinverständliche Laute und Zeichen einander ihre Freundschaft versichern.
Auch Jordan war oft zu Besuch bei den jungen Leuten, jener ruhige Mann, der damals in der Versammlung ihnen die Spuren der Ketten an seinen Knöcheln gezeigt hatte. Einmal, als er mit den beiden Studenten zusammen von dem Ehepaar wegging, war er in sehr trüber Stimmung und in jener Verfassung, die zu Klagen und Erzählungen treibt. So sprach er von seiner Heimat, wo er bei einem alten Meister gelernt, der ihn lieb gewonnen hatte, weil er Sonntags nicht zum Tanzen ging und zu Biere, sondern zu Hause blieb und Bücher las; der hatte ihm gesagt, wenn er seine Wanderschaft beendet habe, so solle er wiederkommen, dann sei er selbst so weit, daß er nicht mehr arbeiten könne, dann solle er seine Werkstätte übernehmen und seine Kundschaft bekommen. Nun hatte er aber gesehen, wie überall das Handwerk durch die Fabriken verdrängt wurde, und auch die Schuhmacher konnten sich nicht lange mehr halten, und wenn jetzt ein junger Mensch sich in einem kleinen Ort als Meister niederließ, so mochte er ja wohl noch ein paar Jahre lang sein Auskommen haben, aber dann ging das Handwerk doch zugrunde, und da war es besser, gleich in jungen Jahren in die fabrikmäßige Produktion zu gehen, solange man sich noch gewöhnen konnte, und vielleicht bekam er eine bessere Stellung. Weshalb Jordan das erzählte, wurde nicht klar; aber der Grund war, daß er Heimweh hatte und sich aus dem großen Fabriksaal mit den schnurrenden Maschinen und der hastigen Arbeit wegsehnte in die kleine Schusterwerkstätte mit dem Schemel, dem Knieriemen und der Glaskugel vor dem Licht. Weiterhin erzählte er, daß er versprochen gewesen sei, kurz vor seiner Verhaftung, und das Mädchen habe er auch von Jugend auf gekannt, denn was man so in Berlin sehe von Mädchen, da wisse man bei keiner, was der schon alles passiert sei, und das sei ja wohl nicht richtig, wenn man als junger Kerl sein Herz an ein Mädchen hängt, denn man könne ja tausend haben für eine, aber weil er sie so lange gekannt und auch ihre Eltern, so sei er doch der Meinung gewesen, er habe etwas Gutes. Wie er aber wieder aus dem Gefängnis herausgekommen sei, da habe er sie mit einem andern verlobt gefunden, und sie habe ihm nur gesagt, die Jugend gehe schnell vorbei, und nachher kommen die Sorgen, darum sei man dumm, wenn man seine Jugend mit Warten hinbringen wolle. Damals sei er an allem verzweifelt, und wenn er nicht aus der Schrift von Engels gegen Dühring gelernt hätte, daß die Handlungen der Menschen durch die Verhältnisse bestimmt werden, so hätte er vielleicht dem Mädchen etwas angetan; nun aber sei das lange her, und er sehne sich nach Weib und Kind, und besonders wenn er bei Weiland gewesen sei, der zwar sehr leichtfertig gehandelt habe, daß er sich außer der Küche noch Stube und Schlafzimmer gemietet; wenn er sich jedoch die Mädchen ansehe, so habe er zu keiner Lust, daß er sie heiraten möchte, denn mit den Jahren werde man immer bedenklicher, wiewohl ja alles Überlegen doch nicht vor einem falschen Schritte bewahren könne, denn Heiraten sei immer ein Glücksspiel.
Aus diesen Reden ging hervor, daß der treuherzige Mann wohl schon seine Augen auf ein bestimmtes Mädchen gerichtet hatte, aber er scheute sich vor dem letzten Schritt aus Furcht, wie denn ja auch Personen seines Schlages, wenn sie nicht ein ganz besonderes Glück haben, übel anzulaufen pflegen in der Ehe.
Als die Weihnachtszeit heranrückte, beschlossen Hans und Karl, nicht nach Hause zu reisen, sondern sie wollten das Fest bei ihren Freunden verleben, die ihrer Meinung nach ihrem Herzen jetzt am nächsten standen. So besorgten sie in Fröhlichkeit die kleinen Geschenke, die sie für einander und für die andern Freunde ausgesucht hatten, pilgerten hinaus zu der entfernten Straße und erstiegen die vielen Treppen der hohen Wohnung.
Hier zeigte es sich, daß die Frau den Baum herrichtete, und daß der Mann mit den Gästen in der Küche warten mußte, und war außer den beiden Studenten noch Jordan anwesend und jenes Mädchen, mit dem Karl sein Liebeserlebnis gehabt; über dieses unerwartete Wiedersehen schien Karl verlegener wie sie, denn sie reichte ihm unbefangen die Hand und schüttelte sie kräftig; Jordan lachte, wie er Karls linkische Gebärde sah, und die andern merkten wohl, daß zwischen ihr und Jordan Einvernehmen war. Da wurde die Tür geöffnet und alle traten ins Zimmer, wo auf dem deckengeschützten Salontisch ein niedlicher Weihnachtsbaum brannte, und die Frau stand zur Seite und hatte das Kind auf den Armen, das zwar noch ziemlich teilnahmslos war, und hielt in einem Händchen seine Kinderklapper und sah mit etwas hängendem Kopf auf den Boden, ungeachtet aller Aufmunterung der Mutter, es sollte den Weihnachtsbaum betrachten. Die andern legten verstohlen die mitgebrachten Geschenke an die passenden Plätze und zeigten dann ihre Bewunderung der Anordnung durch Ausrufe und Lobpreisungen, welche die Frau mit bescheidenem Stolze annahm. Der kleine Weihnachtsbaum mit seinen Kerzen zeigte sich noch einmal im Spiegel, neben dem die Bilder von Marx und Lassalle friedlich herabsahen. Aus vielen Wohnungen des viereckigen Hofes glänzten durch das Fenster andre Bäume, und das Bewußtsein, daß hier überall sich Menschen freuten, machte noch froher und glücklicher. Da stimmte Weiland mit heller Stimme die Arbeitermarseillaise an:
Wohlan wer Recht und Wahrheit achtet,
Zu unsrer Fahne steht zuhauf.
Wenn auch die Lüg’ uns noch umnachtet,
Bald steigt der Morgen hell herauf!
Ein schwerer Kampf ist’s, den wir wagen,
Zahllos ist unsrer Feinde Schar,
Doch ob wie Flammen die Gefahr
Mög’ über uns zusammenschlagen,
Nicht zählen wir den Feind, nicht die Gefahren all!
Der kühnen Bahn nur folgen wir,
Die uns geführt Lassall’.
Den Feind, den wir am tiefsten hassen,
Der uns umlagert schwarz und dicht,
Das ist der Unverstand der Massen,
Den nur des Geistes Schwert durchbricht.
Ist erst dies Bollwerk überstiegen,
Wer will uns dann noch widerstehn?
Dann werden bald auf allen Höhn
Der wahren Freiheit Banner fliegen!
Das freie Wahlrecht ist das Zeichen,
In dem wir siegen; nun wohlan!
Nicht predigen wir Haß den Reichen,
Nur gleiches Recht für jedermann.
Die Lieb’ soll uns zusammenkitten,
Wir strecken aus die Bruderhand,
Aus geist’ger Schmach das Vaterland,
Das Volk vom Elend zu erretten.
Alle fielen ein, und die mächtigen und jubelnden Töne des Liedes erfüllten den engen Raum und klangen hinaus über den viereckigen Hof mit den gleichförmigen Lichterreihen der Fenster; und bald öffneten sich hier und da Fenster, und neue Stimmen aus den andern Wohnungen fielen ein, und am Ende sangen alle die armen Leute, die rings um diesen Hof in dürftigen und engen Stuben wohnten, und ihr Lied stieg in die Höhe aus der Stätte ihrer täglichen Hoffnungslosigkeit und Sorge zu dem klaren und sternenfunkelnden Himmel; und unser lieber Vater im Himmel hat es gewiß gern gehört, wenn es auch nicht fromm war und die großen Kinder nicht an ihn glauben wollten, und hat sich seines lieben deutschen Volkes gefreut, daß auch solche Leute, denen so wenig Gutes geschieht, doch so rechtlich und brav denken. Wie der Gesang beendet, waren alle tief ergriffen; das waren einfache Arbeiter, die täglich in ihre Fabrik gehen und Schuhe machen für den gemeinen Bedarf, die ganzen langen Stunden des Tages hindurch; und Studenten, die eben den ersten Schritt hinaus taten in die Freiheit des Geistes; die armen Leute, die an die knechtische Arbeit für die Notdurft gefesselt sind, stehen gewiß auf der tiefsten Staffel der Leiter, und diejenigen, die zu geistiger Freiheit zu dringen vermögen, auch wenn sie äußerlich nur bescheidene Stellen erringen, stehen doch gewiß auf der höchsten Staffel; aber wiewohl die größte Entfernung zwischen ihnen war, die unter Menschen möglich ist, so fühlten sie sich doch als wahre Brüder, die sich lieb hatten und sich nicht einer über den andern erhoben dachten; und wurde so wieder einmal lebendige Tat, was unsre Vorfahren meinten, wenn sie sagten, daß vor Gott alle gleich sind, welches Wort heute für die meisten eine sinnlose Rede ist. In dieser neuen und wunderlichen Stimmung erhielten die armen Geschenke, die sie einander machten, und ihre Gefühle, die sie hatten, einen ganz andern und ernsteren Sinn wie vorher, denn es war ihnen wie frommen Leuten in der Kirche, und nachdem erst ein Schweigen auf den Gesang erfolgt war, wagten sie eine kurze Weile nicht laut zu sprechen. Hier begann nun Jordan, ergriff die Hand des Mädchens und sagte, daß er sich diesen Abend ausgesucht, um ihnen als seinen Freunden mitzuteilen, daß sie beide sich verlobt hätten. „Zwar weiß ich,“ fuhr er fort, und das Mädchen erglühte rot, „was vorher mit ihr geschehen ist; aber ich habe bedacht, daß ich selbst sogar mehrere Liebschaften früher gehabt habe, und deshalb wäre es ungerecht von mir, sie zu tadeln, vielmehr wollen wir doch alle, daß auch die Liebe frei und ohne Zwang sein soll; denn freilich wäre jede solche Verbindung unsittlich, die nicht frei wäre, und wahrscheinlich werden in der künftigen Gesellschaft, wo die Not und die Gewalt fehlen, die heute alles Böse erzeugen, die Menschen in Bälde so veredelt sein, daß sie gleich zuerst und ohne einen Irrtum erkennen, für welchen Gatten ein jeder bestimmt ist, dem sie dann angehören ohne Wanken, in Freiheit, aber in Treue.“ Nach diesen Worten schwieg er; die andern aber freuten sich und wünschten ihnen beiden Glück, und als erster gab Karl der Braut die Hand mit frohem Gesicht.
Hierauf mußte zuerst die Kleine zu Bette gebracht werden, und die Braut, die aus Verschämtheit nicht in der Gesellschaft der Männer ausharren mochte, ging in die Küche, den Tisch für alle zu decken und das Mitgebrachte auszupacken, das jeder für das gemeinsame Abendbrot hier niedergelegt hatte. Und während sie das glänzende Tischtuch ausbreitete und in die Mitte die Lampe stellte, und das wenige Geschirr verteilte, das nicht ausreichte für so viel Gäste, besprachen die vier Männer unter dem brennenden Baum ernste Dinge des Parteilebens, denn bei einer Haussuchung war eine Abrechnung gefunden, aus der auf die Einzelheiten der Organisation geschlossen werden konnte, und gleichzeitig mutmaßte man, daß die Polizei einen Angeber gefunden hatte, der vieles wußte, weil sie in der letzten Zeit ganz sonderbares Glück gehabt bei ihren Verhaftungen. Das erfüllte alle mit banger Sorge, und es wurde viel geraten und gedacht, wo wohl der Verräter zu suchen sei, und Weiland sagte, er habe jetzt immer ein schlechtes Gewissen, daß er in solchen Zeiten der Gefahr sich vom Leben der Partei so fern halte, aber die andern hielten ihm vor, daß es doch besser sei, wenn die Unverheirateten sich den Gefahren aussetzen, weil diese durch Gefängnis und Ausweisung ja nicht in ihrer Lebenshaltung bedroht würden wie ein Familienvater, denn ein solcher könne vielleicht ganz zugrunde gehen durch eine Verfolgung.
Inzwischen hatte die Frau das Kind besorgt und war dann in die Küche gegangen, der andern zu helfen, und nun rief sie mit heiterem Gesicht die Männer in den engen und reinlichen Raum, wo durch die Küchenbank und den Holzstuhl und umgekehrte Kisten allerhand Sitzgelegenheiten geschaffen waren um den sauberen Tisch. Aber als sie eben sich unter allerhand Scherzen setzen wollten, ertönte plötzlich die Klingel im Flur; die Frau rief noch fröhlich aus, das seien ihre Eltern, die sie überraschen wollten, trotzdem sie erst für den Feiertag einen Besuch verabredet hätten, und sprang glücklich zur Tür; doch wie sie ungestüm öffnete und eben die Draußenstehenden umarmen wollte, prallte sie erstaunt zurück, denn ein feiner Herr im Zylinder, ein andrer Herr im gewöhnlichen Anzug, ein Polizeioffizier und zwei Schutzleute traten ein und gingen in die Stube, wo noch der Weihnachtsbaum brannte; die andern kamen ihnen aus der Küche entgegen, und so war der enge Raum plötzlich ganz mit Menschen angefüllt. Da gab sich der Herr mit dem Zylinder als der Staatsanwalt zu erkennen, der andre Herr war sein Sekretär. Er teilte Weiland mit, daß er genötigt sei, bei ihm eine Haussuchung vorzunehmen, und drückte sein Bedauern aus, daß er gerade am heutigen Abend kommen müsse; Weiland lachte über diese letzte Rede und deutete ihm an, er solle tun, was sein Amt verlange. Nun wurden zuerst die Anwesenden nach Namen, Wohnung und Grund ihres Hierseins befragt und ihre Antworten von dem Sekretär aufgeschrieben, dann begann das Nachsuchen, währenddessen die Schutzleute die Freunde genau beobachten mußten, wiewohl sie eine Art freundlichere Stimmung gegen die Überfallenen zu haben schienen, die freilich durch den Ernst der Amtspflicht verborgen wurde.
Mit umständlicher Gründlichkeit wurde erst das Schränkchen untersucht nach etwaigen Schriftstücken; zornbebend mußte die arme Frau zusehen, wie ihre geringe Wäsche von den Männern hin und her gewendet wurde, und mit Mühe hielt Jordan sie zurück, daß sie nicht schalt. Endlich fand der Polizeioffizier ein dünnes Paket Briefe auf, das er dem Staatsanwalt reichte, aber plötzlich stürzte sich die Frau auf ihn zu, entriß ihm das Paket und hielt es unter ihrer Schürze. Ein Lärmen und eine heftige Bewegung entstand, sie rief, das seien ihre Briefe, die sie ihrem Manne in der Verlobungszeit geschrieben; der Staatsanwalt suchte die Peinlichkeit durch Beschwichtigungen zu heben, die Freunde redeten ihr zu, daß sie nicht durch unnützen Widerstand noch etwas Schlimmes anrichten möge; da gab sie die Briefe zurück, das feurige Rot der Scham im Gesicht, warf die Schürze vor die Augen und setzte sich weinend in die Sofaecke, wo die Freundin sie mit unterdrückter Stimme zu trösten suchte. Unterdessen fuhren die andern mit ihren Nachforschungen fort in der wunderlichsten Weise, indem sie selbst die Bilder von der Wand nahmen und hinter ihnen versteckte Schriftstücke suchten, den Teppich aufhoben und sich an den Dielen bemühten. Mit einem Eifer und einer Ernsthaftigkeit verfuhren sie, als seien die wichtigsten Dinge hier aufzufinden, durch welche das Bestehen des Staates in Frage gestellt werde, und das glaubten sie auch wohl wirklich. Weiland hatte der Gesellschaft den Rücken gekehrt und sah schweigend durch die Fensterscheiben, weil er vermutete, daß er einen Ausweisungsbefehl bekommen werde, wenn auch die Haussuchung fruchtlos verlaufen mußte, und er wußte nicht, was dann mit seiner jungen Frau und dem Kinde werden sollte, bis er an anderm Ort wieder Arbeit gefunden hatte; denn durch die Natur seiner Arbeit war er auf die wenigen großen Städte angewiesen, wo es Fabriken gab, in denen er arbeiten konnte; die standen aber meistens unter dem Belagerungszustand. Und wenn er wirklich anderswo eine Stelle für sich ausfindig machte, wo er vor neuer Ausweisung sicher war, so dauerte es doch erst eine Weile, bis er wieder zu seinem gegenwärtigen Lohn kam, denn als ein tüchtiger und erprobter Arbeiter wurde er besonders gut bezahlt; und dann machte der Umzug noch große Kosten, die er gar nicht aufzubringen vermochte, weil sie beide ihre Ersparnisse für die Einrichtung ausgegeben hatten. In Gedanken sagte er halblaut zu sich: „Das ist doch unrecht, das ist doch unrecht.“ Hans, der neben ihm stand, drückte ihm still in einem überquellenden Gefühl die Hand. Auf dem Tisch unter dem Weihnachtsbaum lag der erste Band des „Kapital“ von Marx, als ein Geschenk von Hans. Der Sekretär schlug das Buch auf, wies dem Staatsanwalt eine Seite mit vielen Formeln, die sehr gelehrt und schwer verständlich schien, und zuckte dabei als ein hochmütiger Subalterner die Schulter, indem er dabei doch die schuldige Demut gegen den Vorgesetzten zur Schau trug. Hierauf wurde sehr genau das kleine Bücherbrett durchsucht und die Bände einzeln herausgenommen und nach Schriftlichem durchblättert, und weil sich in der kleinen Sammlung mehrere Bücher und Hefte fanden, die verboten waren, so wurden die dem einen Schutzmann zum Mitnehmen übergeben. So gedrückt und unfrei allen zu Mute war, so mußte sich doch Hans fast des Lachens erwehren bei dem verängstigten Gesicht, das dieser machte, wie er die gefährlichen Drucksachen in seine braven, dicken Hände nahm. Wie die Nachforschungen im Schlafzimmer fortgesetzt wurden, erwachte die Kleine und begann jämmerlich zu schreien; die Mutter trocknete sich das Gesicht ab, ging zu dem Wagen und nahm das Kind heraus; aber die vielen Menschen und die ungewohnte Stunde mochten es wohl so erschreckt haben, daß es sich gar nicht beruhigen wollte. Der Schutzmann, dem die Bücher anvertraut waren, holte eine Uhr aus der Tasche und suchte die Kleine zufrieden zu stellen, indem er die vor ihr bewegte, und zuletzt wurde sie auch auf dieses Spielzeug abgelenkt, versuchte nach ihr zu greifen, fing endlich an zu lachen, und am Ende packte sie den Mann mit beiden Händen in seinen dichten, blonden Vollbart, und erst wie er mit ganz tiefer Stimme zu lachen begann, zog sie erstaunt die Händchen wieder zu sich. Dadurch aber war die Mutter so aufgeräumt geworden, daß sie gleichfalls lachte, zu erzählen begann und zu dem Kinde sprach. Plötzlich zwar hielt sie erschreckt inne, denn es kam ihr alles wieder zum Bewußtsein; aber es war doch, als sei eine leichtere Stimmung über alle gekommen. Wie als eine Entschuldigung sagte der Mann: „Wir müssen doch unsre Pflicht tun.“
Drittes Buch
Einige Tage nach der Haussuchung bekamen Hans und Karl eine Vorladung vor den Universitätsrichter, denn die Polizei hatte der Universitätsbehörde Mitteilung davon gemacht, daß sie die beiden in Weilands Wohnung angetroffen, auch weitere Angaben über ihren sonstigen Umgang zugefügt, den sie bereits seit einiger Zeit mit Sorgfältigkeit beobachtet hatte.
Ein alter Herr empfing sie in seinem Amtszimmer mit ernsten und bekümmerten Mienen, legte ihnen erst die Anzeige vor und fragte, ob sie die Nachrichten für richtig anerkannten; da waren allerhand wunderliche Dinge berichtet, daß die beiden einmal in einer Wirtschaft an einem Tische mit bekannten Sozialdemokraten gesessen, und daß sie ein andermal auf der Straße beim Abschiednehmen gerufen: „Auf Wiedersehen am Wahltage!“ Die beiden waren durch die Feierlichkeit der Umstände befangen und gestanden mit stockender Stimme zu, daß die Nachrichten alle richtig seien; da begann der alte Herr ihnen herzlich ins Gewissen zu reden, daß sie doch noch so jung seien und sich mit solchen Menschen zusammentun wollten, welche die Fürsten ermorden und alles umstürzen möchten, was uns heilig sei. Über diese Rede kam Hans in einen heftigen Ärger, daß er die jugendliche Schüchternheit gegen den weißhaarigen und würdigen Mann überwand und entgegnete, solche Meinungen über ihre Absichten seien unrichtig und wollte eine lange Auseinandersetzung beginnen. Diese schnitt der Richter aber kurz ab, indem er mit verächtlicher Gebärde fragte, ob er sich denn zu der Partei zähle; und wie Hans mit einem Ja antwortete und in seiner Erklärung fortfahren wollte, unterbrach er ihn wieder und sagte, es sei gut so. Hierdurch stieg noch die Empörung Hansens, und er sagte schnell, alle ehrlichen Leute müßten zu der Partei halten. Wie der Richter diese kecken Worte hörte, verfinsterte sich sein Gesicht sehr, und er neigte bedenklich den Kopf.
Auf dem Flur draußen, nachdem sie entlassen waren, machte Karl Hansen Vorwürfe über seine Heftigkeit und unbedachtsame Rede; aber er antwortete, er habe nicht anders gekonnt, und ihm sei gewesen, als sitze plötzlich ein andrer Mensch in ihm, der sich auf den Richter losstürzen wolle, und er habe den noch zurückgehalten, und nur einmal als Kind habe er ein ähnliches Gefühl gehabt, wie er mit den Kindern des Grafen habe spielen sollen; und selbst noch jetzt, wo er vor der Tür stehe und alles abgetan sei, geschehe ihm innerlich, als treibe ihn der andre, zurückzukehren und den Richter totzuschlagen. Das erschrecke ihn selber, denn er sei doch sonst ein sehr ruhiger Mensch.
Nun nahm die Angelegenheit der beiden ihren weiteren behördlichen Gang mit Vernehmungen, Verhandlungen und Beschlüssen, und am Ende wurde ihnen „wegen unzulässiger Begünstigung der sozialdemokratischen Bestrebungen“ das Consilium abeundi erteilt. Für Karl hatte der Schlag eine geringe Bedeutung, denn der hatte sich in der letzten Zeit gänzlich in die Literatur begeben und war ohnehin nicht willens, seine Universitätsstudien fortzusetzen; Hans aber arbeitete an einer Doktorarbeit und hatte den Gedanken, später durch die Empfehlung seines Lehrers eine Beschäftigung bei einem großen gelehrten Unternehmen zu finden; und so war für ihn dem Anschein nach eine große Gefahr vorhanden, daß sein Leben scheiterte; denn es war wohl schwer, eine Universität zu finden, wo er nunmehr zur Promotion zugelassen wurde, und wenn ihm das wirklich gelang, so hatte es gewiß große Schwierigkeiten, nachher die gewünschte Beschäftigung zu bekommen.
Weiland war aus Berlin ausgewiesen und hatte zunächst seine Familie zurückgelassen und sich auf die Suche nach einer neuen Stelle in einem andern Orte begeben; aber mehrmals war es schon geschehen, wenn er bei seiner Arbeit war, daß Polizeibeamte in die Fabrik kamen und ihn durchsuchten. Anfänglich schrieb er mit Lustigkeit, wenn er alsdann von seinem erschreckten Herrn verabschiedet wurde und wieder weiterreisen mußte; aber zuletzt lauteten seine Briefe ganz verzweifelt; denn er schämte sich, daß er kein Geld nach Hause schicken konnte. Die junge Frau hatte das Glück gehabt, daß sie die beiden Zimmer vermietete, und so schlug sie sich denn ärmlich mit dem Kinde durch, indem sie in der Küche wohnte; aber sie verbrachte ihre Tage mit manchen heimlichen Tränen, wenn der eine Mieter ihre geliebten Möbelstücke rücksichtslos behandelte, etwa mit den Stiefeln auf dem Sofa lag oder mit der Zigarre ein Loch in die Tischdecke brannte. Sie klagte auch zuweilen dem andern Mieter, dem, welcher in der früheren Schlafstube wohnte; derselbe war Aufseher in einer Fabrik, ein ruhiger und ordentlicher Mann von etwa dreißig Jahren, der verheiratet gewesen und von seiner liederlichen Frau verlassen war. Dieses Unglück Weilands drückte Hans noch besonders nieder, und wie er auch für sich so nirgends einen rechten Weg sah, den er gehen konnte, so erschien ihm sein ganzes Leben in trüber Zwecklosigkeit. Da bekam er unerwartet einen Brief von seinem Lehrer, daß er ihn aufsuchen möge; denn wiewohl er dem durch sein Arbeiten nähergetreten war, hatte er doch nicht gewagt, jetzt zu ihm zu gehen, weil er sich schämte, wie denn Unglück argwöhnisch macht und die Menschen zu einem unsinnigen Stolz verhärten kann. Hansens Lehrer war ein alter Mann mit schneeweißen Haaren und blitzenden blauen Augen, den die Jahre nicht versteinert hatten wie die einen, daß er bei seinen vormaligen Meinungen stehen geblieben wäre, noch hatten sie ihn schwach gemacht wie die andern, daß er sich zu Gesinnungslosigkeit entwickelt hätte, sondern als eine nicht auf das Handeln angelegte Natur hatte er sich zu einer milden Skepsis entwickelt, die in verständigem Zuschauen ihr Genüge fand, und die Wärme seines Herzens hob er für die einzelnen Menschen auf, die ihm irgendwie nahetraten, wie unser Hans. So begrüßte er den mit dem Troste, er wolle dafür sorgen, daß er an einer schweizerischen Universität promoviere, und alsdann werde er auch eine Stelle für ihn finden, wo er zuerst in untergeordneter gelehrter Arbeit tätig sein könne und aber doch Zeit habe, eigenes zu leisten, wenn er es vermöge. Dann fuhr er fort: „Ich meine, daß für jeden jungen Menschen, wenn er anders Kraft in sich hat, eine Zeit kommen muß, wo ihm alle bestehenden Einrichtungen unsinnig erscheinen; denn die haben ihren Grund ja nicht in den sittlichen Idealen, sondern in der menschlichen Gebrechlichkeit. Ein junger Mann aber kennt nur die sittlichen Ideale, weil er die in sich trägt; von der menschlichen Gebrechlichkeit aber weiß er nichts, die lernt er erst durch das Leben kennen, an sich wie an andern. So erneuert sich, um nur ein Beispiel zu nehmen, für jede Generation immer wieder der Zweifel an der bestehenden Eheform, und wie der junge Mensch an die Stelle der Ehe die Liebe setzen möchte, so soll auch in allen andern Verhältnissen an den Platz des Rechtes die Sittlichkeit treten. Bei tüchtigen Personen kommt mit der Zeit die Erfahrung, die ihnen die relative Vernünftigkeit alles Bestehenden zeigt und sie bewegt, daß sie von ihrer Schwärmerei ablassen und vielmehr das Bestehende durch Liebe und Geistigkeit verklären, weil sie anders keinen Ausweg für ihren guten Willen haben; untüchtige Personen aber lernen nicht durch die Erfahrung; und indem sie bei der Schwärmerei verharren, werden sie am Ende aus ursprünglich guten und edeln Menschen zu Narren und Verbrechern, denn weil sie darin beharren, das Gesetz für unrechtmäßig zu halten und allein ihrer Sittlichkeit folgen wollen, verwechseln sie mit der Zeit die Sittlichkeit mit ihren Trieben, weil ja die Menschen bei zunehmenden Jahren immer selbstsüchtiger werden; außerdem aber gibt es schon von Anfang an unter euch Verbesserern der Welt schlechte Menschen, nämlich solche, bei denen nicht das sittliche Ideal und der Mangel an Erfahrung der Grund ihres Abscheus gegen das Bestehende ist, sondern ein Mangel an Zucht und leerer Hochmut. In deinem Falle, mein lieber Hans, kommt noch dazu, daß wir heute in einer Zeit leben, wo ein jugendlicher Stand, nämlich die Klasse der industriellen Arbeiter, die erst vor kurzem durch die gesellschaftliche Entwicklung geschaffen ist, die ihm historisch gebührende Stelle erstrebt, welche um einiges wenige höher ist wie die, welche er gegenwärtig inne hat. So vereinigt er mit diesem Streben alle die jugendlichen Anschauungen von Gleichheit der Menschen, von erhöhter Sittlichkeit in allen Beziehungen und noch viele andere, die du ja kennst. Und wende mir nicht eure merkwürdige geschichtliche Auffassung und eure Entwicklungsvorstellungen ein: denn auch die sind nur eine jugendliche Illusion neben andern, besonders bezeichnend für unser braves, nachdenkendes und vielstudierendes deutsches Volk. Wenn erst die Verfolgung aufhört, so wird mit der Zeit auch die Illusion schwinden, wenn auch die Terminologie noch beibehalten werden mag.“
Inzwischen bereiteten sich für Karl neue Liebesbande vor. Unvergessen war noch in seiner Seele die Leidenschaft für Johanna, die ihm die Jahre seiner angehenden Jünglingszeit verzehrt hatte, und es war nicht selten, daß ihm ihr eindringliches Gesicht des Nachts in verwirrten Träumen erschien, die wohl keine Erinnerung zurückließen, aber eine dunkle Sehnsucht und ein unbestimmtes Fühlen in der Helle des Tages erzeugten. Nun kam Johanna in diesen Zeiten nach Berlin und hatte bald, wie denn die Welt ja so klein ist, Beziehungen zu dem Kreise Karls gefunden, so daß sie ihm unerwartet entgegentrat. Das geschah aber so.
In ihre kleine Stadt war ein Fremder gezogen, ein etwa fünfzigjähriger Herr, der ein berühmter Geigenkünstler gewesen; der hatte sich ein altertümliches Haus am Bergabhang gekauft, dessen großer Garten mit weitschattenden hohen Bäumen sich den Berg hinaufzog. Die alte Mauer um den Garten wurde durch ein eisernes Staket erhöht, an dem sich im zweiten Jahre Ranken des wilden Weins zeigten, die in Bälde so dicht und hoch wuchsen, daß niemand von irgend einem Punkte draußen in den weiten und schattigen Garten blicken konnte, und das Haus wurde fest verschlossen und nur auf langes Pochen mit dem alten Türklopfer den Boten und Geschäftsleuten geöffnet; denn ein Besuch kam niemals an diese hohe und finstere Tür; und als einzige Bedienung hatte der Herr ein altes Weib nebst deren gleichfalls nicht mehr jungen Tochter, die beide abenteuerliche Gerüchte über ihn in dem neugierigen Städtchen verbreiteten.
Der Künstler hatte ein langjähriges Virtuosenleben geführt, war an Höfen und in Großstädten herumgereist, zuerst mit Übermut und Stolz, nachher in Langeweile und Ekel, und wie er alle Künstlereitelkeit bis auf das letzte befriedigt hatte und der Geschmack auf der Zunge ihm immer bitterer wurde, war ihm der Gedanke gekommen, sich an diesen stillen Ort zurückzuziehen und ganz nur sich selbst zu leben, denn in seinen zerstreuten und verwirrten Umständen zwischen vielen Menschen, die alle leer waren und ihm schmeichelten, war er auf den Gedanken gekommen, er sei ein Selbst, und es sei wichtig und sogar nötig, daß er dieses Selbst in Sammlung und Ruhe rein und groß aus sich herausstelle.
Indessen vergingen ihm in dem alten Hause und stillen Garten die Tage und Wochen; und zuerst hatte er gedacht, dieses müßige Dahingleiten der Zeit sei für das Nächste nötig, damit sich sein Geist erhole von dem zerreißenden Leben, das er geführt. Aber auch späterhin wartete er vergeblich auf eine Sammlung und Zunehmen der Kraft, vielmehr glitten die Tage und Wochen wie vorher dahin, wie in einem tiefen Flusse, schnell und ohne Halt, und auch seine Unruhe vermochte dieses Unheimliche nicht zu hemmen. Und während er vorher gedacht hatte, er könne keine Liebe zur Kunst in sich bilden, weil er nach der Willkür des Zufalls fremden Leuten an verschiedenen und gleichgültigen Orten äußerliche Musik vorspielen müsse, so zeigte es sich nun, daß er in der Einsamkeit gar nicht den Bogen anrühren mochte und es ihm ein heftiges Unbehagen bereitete, wenn er seinen kostbar eingelegten Geigenkasten ansah.
Unterdessen hatten sich aus den Erzählungen der beiden Weiber in dem Städtchen viele Legenden um ihn gebildet, von denen er nichts ahnte; denn er war als ein hochgewachsener und schlanker Mann von künstlermäßigem Aussehen ganz zu einem Helden phantastischer Bilder geschaffen. Auf Johanna, die damals gegen ihr neunzehntes Jahr ging, hatten diese Geschichten und der Anblick seiner Gestalt einen sehr tiefen Eindruck gemacht, so daß sie eine heftige Liebe zu ihm faßte und auf Mittel sann, wie sie sich mit ihm bekannt machen könne. Und am Ende fand sie eines, das freilich sehr gefährlicher Art war, aber dadurch gerade ihrem erregten Gemüt besonders zusagte. Der Fremde hielt sich nämlich zwar von aller Gesellschaft des Städtchens zurück, aber im Winter, wo auf dem großen See eine prächtige Schlittschuhbahn war, verschmähte er es nicht, sich auf dem Eise zu zeigen, denn er war von Jugend an ein eifriger Läufer gewesen; und zwar ging er immer des Morgens auf die Eisbahn, wenn die andern Bewohner der Stadt durch ihre Tätigkeit verhindert waren, so daß er seine kunstvollen Zirkel fast allein und ohne lästige Gesellschaft zeichnen konnte. Hierauf baute Johanna ihren Plan; denn an einer Stelle war das Eis dünn durch einen Quell, der vom Boden aus das Wasser bewegte, und wiewohl der gefährliche Punkt durch Tannhecke immer genügend gekennzeichnet war, so hatten sich an ihm doch schon zwei Unglücksfälle ereignet; die Vorfahren erzählten, daß durch diesen Quell der See mit dem großen Netz der unterirdischen Wasseradern in Verbindung stehe, welche den Wassergeistern als Wege dienen zwischen ihren Städten und Schlössern. Johanna beschloß nun, an einem Morgen, wenn sie den Fremden auf dem See wußte, gleichfalls zum Schlittschuhlaufen zu kommen, und wenn er in der Nähe war, mit scheinbarer Ungeschicklichkeit an die dünne Stelle zu geraten, damit sie einbreche und von ihm gerettet werde, denn daß er vielleicht nicht so mutig sein könne, wie sie annahm, das kam ihr gar nicht in den Sinn.
Nach diesem Plane ging sie nun vor, und es geschah alles, wie sie gewollt hatte, wenn schon ihr zuletzt schien, als handle sie gar nicht absichtlich, und das Eis gab an der Stelle nach, und sie sank ein, mit einem wunderlichen Gefühl darüber, daß das Wasser doch nicht so kalt war, wie sie sich gedacht, und obwohl sie hatte standhaft sein wollen, schrie sie doch laut nach Hilfe, aber es schien ihr, als habe sie dabei gar keine Angst. Der Musiker kam eilfertig auf sie zu, und wie sie seine Figur so von unten sah, erschien er ihr komisch; ohne daß ihr der Grund recht klar wurde, rief sie dem ratlos Ängstlichen zu, er solle sich flach auf das Eis legen und ihr von weitem die Hand reichen; unterdessen hielt sie sich aufrecht im Wasser, indem sie sich an das Eis festklammerte und die Beine nicht in die Höhe ziehen ließ. Er tat nach ihrer Vorschrift, und sie sah vor sich eine vornehme und schmale Hand in feinem Handschuh, die ergriff sie, und so kam sie aus dem Wasser. Wie sie beide aufrecht auf dem Eis standen und sie sein entsetztes Gesicht sah, in dem unter grauem Haar sich schon tiefe Runzeln zogen, da wurde sie so aufgeregt, daß sie ihm um den Hals fiel und ihn mehrmals auf den Mund küßte. Er brachte sie schnell nach Hause, und indem ihre erschreckten Leute sie empfingen, ging er mit dem Versprechen, daß er sich morgen nach ihrem Befinden erkundigen wolle.
Wie er am nächsten Tage kam, war sie gesund und fröhlich, denn der Unfall hatte ihr nicht im geringsten geschadet, und empfing ihn mit heiterm Lachen, er aber stand mit einer fremden Verlegenheit vor ihr, die indessen ihr den schlanken und nicht jugendlichen Mann noch liebenswerter erscheinen ließ. Und indem an die ersten Fäden sich bald weitere anspannen, schien es ihm, daß er eine unwiderstehliche Liebe zu dem jungen Mädchen gefaßt habe, denn in seinem unsteten Leben hatte er zwar manches verliebte Abenteuer bestanden, aber es hatte noch nicht ein Weib wirklichen Einfluß auf ihn gewinnen können. So geschah es am Ende, daß die beiden sich heirateten, wider den Willen des Vaters und zur großen Verwunderung der kleinen Stadt.
Schon am Hochzeitstage wurde sie ungeduldig über ihn und sprach verletzende Worte; er schwieg, aber seine Lippen zitterten und sein Gesicht sah alt aus; da hängte sie sich um seinen Hals und sagte ihm, daß sie ihn lieb habe. Nun geschahen geheimnisvolle Dinge in dem stillen, alten Hause. Einmal wurde bekannt, daß der Mann ein junges Dienstmädchen, das sie angenommen hatten, in ihrer Gegenwart mit einer Feuerzange geschlagen hatte, und war nachher zu dem Mädchen auf ihre Kammer gegangen, hatte ihr Geld gegeben und gesagt, seine Frau sei schuld, er habe nicht anders gedurft, und sie solle heimlich aus dem Hause gehen. Noch viele andre sonderbare Geschichten wurden verbreitet, und am Ende, nachdem die beiden noch nicht ein Jahr verheiratet waren, wurde eines Morgens in der Stadt erzählt, daß der Mann sie heimlich verlassen habe. Es folgte dann nach einiger Zeit eine Ehescheidungsklage, in welcher die Frau einen Eid schwor, der mit der Aussage des Mannes nicht übereinstimmte, aber da dieser seine Aussage nicht auf seinen Eid nehmen wollte, so wurde ihr von den Richtern geglaubt, wenn schon die ganze Stadt der Meinung war, daß sie im Unrecht sei. Nach dieser Scheidung mochte sie nicht mehr zu Hause bleiben, weil niemand mit ihr verkehren wollte, und deshalb kam sie nach Berlin, wo sie bei einem Meister Malunterricht zu nehmen gedachte. Hier gewann sie bald eine gewisse Stellung; denn wenn früher und auch noch jetzt in der ruhigeren Gesellschaft eine instinktive Abneigung gegen die geschiedene Frau herrschte, weil in ihr sich eine Verneinung dessen verkörperte, was der allgemeine Wille der Gesellschaft war, so wird jetzt in den unruhigeren Kreisen umgekehrt eine Geschiedene mit besonderer Freude empfangen als eine Verkörperung der neuen Bestrebungen, und auch ohne daß Johanna selbst Erfindungen zu machen brauchte, wurde von ihren Mitkämpferinnen gleich angenommen, daß sie eines der Opfer der bekannten männlichen Untugenden sei und beklagt werden müsse, und auch Männer schlossen sich der Meinung an.
Inzwischen war jene Luise, welche die kindliche Entführungsreise mit dem Dichter Peter gemacht hatte, zu weiteren Jahren gekommen, und durch jenes unklare Streben und den Drang, eine Kraft zu betätigen, welche damals die Flucht veranlaßt hatten, war sie zu einer Beschäftigung mit dem getrieben, was man die Frauenfrage nannte, und hatte für sich selbst einen Ausgang gefunden, denn sie lernte fleißig bei Lehrern, weil sie das Abiturientenexamen machen wollte und dann in der Schweiz Medizin studieren; und indem auch hier noch keine Scheidung eingetreten ist zwischen den tüchtigen Menschen, auf denen die Zukunft ruht, die ja irgendwie anders sein wird als die Gegenwart, und den zerfaserten und untüchtigen, die nur aus Schlechtigkeit und Ohnmacht mit allem Neuen gehen, so kam sie in ihren Kreisen mit Johanna zusammen und gewann eine Zuneigung zu ihr, wie ja solche innerlich gänzlich zerstörten Personen von Johannas Art oft die Liebe gerade der Besten gewinnen.
Karl hatte durch seine Natur die Gewohnheit, daß er gern mit Frauen sprach, und nachdem seine wunderliche und unpassende Liebschaft ein Ende genommen, besuchte er wieder häufiger eine solche Gesellschaft, wo er Frauen und Mädchen antraf, die zu seiner Klasse gehörten. So kam er jetzt auch oft wieder zu Luisen, die ihn in ihrem jungfräulichen Stübchen empfing, mit ihrem Bruder zusammen, der sich immer mehr zu einem wortkargen und scheuen jungen Gelehrten entwickelt hatte, und saßen die drei dann behaglich um den runden Tisch, wo Luise mit Freundlichkeit als Wirtin waltete, und eine besondere Wärme, die von den friedlichen Wänden, der reinen Luft des Zimmers und der Stille ihrer Bewegungen ausging, bewirkte in seinem Herzen ein besonderes Wohlgefühl; dann wurde nicht gestritten und disputiert, nur Kleinigkeiten wurden erzählt, oft in Andeutungen, die bloß den drei verständlich waren, und zuweilen brachte Karl eine Blume mit, und wenn Luise die in einem zarten Glase auf den Tisch setzte, so freute er sich.
Schon länger hatte er von der neuen Freundschaft gehört, aber wegen des veränderten Namens war ihm keine Ahnung gekommen. So fand er unvorbereitet an einem Tage Johanna beim Eintritt in das Zimmer vor, wie sie an dem Platz gegen das einzige Fenster saß, den er selbst sonst innehatte, und so kam es, daß er sie bei der Vorstellung nicht erkannte, sich gleichmütig verbeugte und unbekümmert setzte. Da sprach Johanna zu ihm: „Ich denke, wir müssen uns kennen.“ Dieser Worte Klang trieb ihm plötzlich das Blut zum Herzen, er sprang auf und zitterte, und war ihm, als müsse er ohnmächtig werden; sie aber brach in ein silberhelles Gelächter aus, das von einer wunderbaren Lieblichkeit anzuhören war. Da schien es ihm, als geschehe das alles meilenweit entfernt von ihm.
Es geschah Karl, daß unter seinem gewöhnlichen Menschen, den er kannte, sich plötzlich ein andrer und neuer Mensch erhob, den er nicht kannte, denn der hatte bis dahin unbewegt geschlummert. Ganz plötzlich erhob sich der und zeigte sich als blind und ganz erfüllt von einer unsinnigen und leidenschaftlichen Liebe zu Johanna, und während er sonst alle andern Regungen durch genaue und kranke Selbstbeobachtung in klares Licht stellen konnte, war an diesem Treiben gar keine Beobachtung möglich, denn es schien, als sei es ebenso einfach und nicht zu untersuchen wie der Hunger oder Durst. Gleichzeitig mit diesem verspürte er einen neuen Wunsch, nämlich, daß er an Gott glauben könnte, und indem er meinte, daß es keinen lebendigen Gott gibt, betete er zu dem, daß er ihm Glauben geben möge an ihn. Aber es war ein tiefes Dunkel und Schweigen, und kein Trost kam herab in sein furchtsames Herz.
Ehe er Johanna wiedersah, hatte er oft an Luise gedacht und sie sich vorgestellt, und solches Bild hatte ihn dann getröstet. Etwa sie saß unter einem blühenden Kirschbaum, in welchem die Bienen summten, und ein Blütenblatt fiel langsam sich drehend in ihren Schoß, oder ihre großen und dunklen Augen hatten jenen wunderbaren, tiefinnerlichen Ausdruck, den viele durchweinte Nächte erzeugen, wenn es die Dinge unsrer Seele gewesen sind, um die wir geweint haben; und ihre kühle Hand lag auf seiner Hand, Ruhe in ihm verbreitend und den Frieden, den sie sich erkämpft hatte. Denn auch sie hatte schwere Zeiten in ihrem Innern gehabt, aber wenn es im Gespräch an diese kam, so glitten die Worte an ihr ab ohne Wirkung, und nur im Gefühl teilte sie mit von dem, was sie besaß. Und er wußte, das Leben entflieht, wie der Schatten einer Wolke dahinzieht über schweigende Wälder und Berge.
Nun waren zu dem noch die Gefühle und Triebe des andern und untenliegenden Menschen gekommen, die sich um Johanna bewegten.
Sehr merkwürdig war es, welche Übereinstimmung er mit ihr in scheinbar unbedeutenden Dingen hatte, die doch auf Tieferes in uns weisen; so liebten sie beide, wenn im Bücherbrett die Bände eng zusammenstanden, und wo eine Anzahl Werke von geringerer Höhe neben größeren aufgestellt waren, legten sie andre oben quer über, damit die Lücke ausgefüllt wurde. Eine eigne Rührung überfiel ihn, als er das bemerkte. Auch schien es, als seien sie in allem der gleichen Meinung, und eine Uneinigkeit entstehe nur scheinbar und durch Mißverständnisse. So gelangte er auch neben Johanna oft zu dem Gefühl der Beruhigung. Zuweilen, wenn seine Gedanken einander widerstritten, sagte sie ihm, welches seine richtige Meinung war, ehe er selbst Klarheit gewonnen hatte; bei solchen Gelegenheiten konnte sie ihm scherzend vorwerfen, er rede oft doppelsinnig.
Aber plötzlich wurde ihm dann klar, daß sein Kreis enger geworden, und daß er das frühere Gefühl verloren hatte, hinter seinem Bewußtsein breite sich noch ein großer und dunkler Raum aus, der ihm gehörte, wenn er nur seine Schritte in diese Pfadlosigkeit lenken wollte; dann überkam ihn eine heftige Angst vor ihr, die ihn körperlich peinigte.
Einmal spielte er Schach mit ihr; sie hatte einen Zug getan, der das Spiel gegen sie entschied, und als es schon zu spät war, wollte sie ihn zurücknehmen. Er antwortete, daß das gegen die Regel sei, da stand sie auf und sagte, nun wolle sie nicht zu Ende spielen. Wie er ihren Gesichtsausdruck sah, wurde ihm plötzlich bewußt: sie brauchte ihn nur; und wie sie in diese Klarheit hinein noch sprach, daß er ihrem früheren Mann sehr ähnlich sei, da spitzte sich in ihm plötzlich ein starker Haß zu, und er empfand fast körperlich, wie sie einen selbstsüchtigen Willen auf ihn wirken ließ und durch den vieles aus ihm herausholte, was ihm gehörte, um es sich anzueignen und sich in roher Weise damit zu schmücken. Unter solchen Umständen gelangten sie zum Einverständnis. Und zwar geschah das scheinbar unvorbereitet, aber er hatte es vorhergefühlt. Sie stand von ihrem Stuhl auf, legte die Hände auf den Rücken und ging im Zimmer auf und ab wie ein Mann. Vorher hatte sie geraucht, und von dem Ende ihrer Zigarette im Aschenbecher stieg noch eine dünne Rauchsäule in die Höhe, die jedesmal in Verwirrung geriet, wenn sie in die Nähe kam. Sie begann damit, daß es doch nötig sei für sie beide, zu Klarheit zu kommen, und weil für sie selbst die Peinlichkeit des Anfangens geringer sei, so wolle sie beginnen; denn in seiner Natur liege es, daß er endgültige Entschlüsse scheue. Und wie sie so sprach, arbeiteten in ihm Furcht und Scheu, und er sah unglückliche Zeiten voraus, und doch konnte er nicht aufspringen und ihr entgegentreten, denn sein Herz bebte in tiefer Sehnsucht zu ihr.
Dämmerung sammelte sich in den Winkeln des Zimmers. Sie ging auf und ab, sprach stockend und langsam. Es fiel ihm ein, daß er einen Vorwand haben mußte, um das Gespräch abzubrechen, aber seine Angst fand keinen Vorwand, und sein Herz schlug ihr entgegen.
Ihr Tonfall war fremdartig; und es wurde ihm plötzlich klar, daß sich hier für einen Augenblick in ihr der Vorhang lüftete, durch den ihr eignes Innere sich vor ihr verbarg, und daß sie erschrak vor sich selbst; hätte er ihr jetzt alles sagen können, was er wollte, seinen Haß, seine Liebe, seine Furcht und seine Verachtung, so hätte sie alles begriffen und hätte ihn ziehen lassen. Aber er brachte kein Wort über seine vertrockneten Lippen, und schämte sich für sie. Und weil sie im Staube lag und sich selbst verachtete in dieser Minute, so sagte er, wider seinen Willen und tonlos: „Du hast recht, ich liebe dich über alles.“ Wie diese Worte verhallt waren, sonderbar waren sie verhallt in dem dunkelnden Raume, und sein Herz krampfte sich zusammen, da war auch in ihr der Vorhang wieder zugezogen, und sie wußte nicht mehr, daß sie im Staube gelegen hatte. Karl aber fühlte sich vernichtet, daß er hätte mögen ohnmächtig werden.
Sie kam zu ihm und legte ihm die Arme um den Hals; und er mußte sie küssen; das war eine Heuchelei, daß er sie küßte, und eine Qual war es für ihn. Sie wich seinem Kuß aus, scheu und befangen; aber auch sie heuchelte ja, indem sie auswich, nur wußte er, daß ihr das keine Qual war. Sie hatte jetzt einen Menschen, der ihre Leiden tragen mußte, einen Feigling, der am Abgrund gestanden hatte und hinuntergesprungen war in die Tiefe, trotzdem er wußte, daß er unten zerschmettern würde, aber er sprang hinunter, weil etwas in ihm war, das ihn zwang, sich in dieses Verderben zu stürzen. Und siehe, jetzt lachte sie schon, mit jenem melodischen Lachen, das ihm so furchtbar war. Er hätte sie fassen mögen und weit von sich schleudern, aber er zog sie an sich und flüsterte Liebesworte. Und an Luise dachte er und ihren ruhigen Blick, und wußte jetzt mit Klarheit, daß es nur seine Schwäche war, die sie fern von ihm gehalten. Denn ihre Seele hatte sich zu ihm geneigt und wollte ihm ihre sanfte Blüte erschließen.
Es folgten die äußerlichen Dinge, Verlobung und Hochzeit, und die Aufmerksamkeit der Menschen, und inzwischen ging der seelische Kampf der beiden weiter, denn auf der einen Seite drang sie in ihn hinein als etwas Fremdes, suchte ihn auszufüllen und sich an Stelle seines Eigenen zu setzen, so daß er hätte mit ihren Augen sehen müssen und mit ihren Gedanken urteilen, und auf der andern Seite nahm sie räuberisch von ihm, paßte das Geraubte sich an, daß es ihr altes Eigentum schien und zeigte ihm das gelegentlich ganz unbefangen. Dann erkannte er mit Wut Stücke von sich in fremder Gefangenschaft, die er nicht befreien konnte.
Doch er kam am Ende dazu, daß er sich gegen das erste mit einem Erfolg verteidigte, und zuletzt wieder allein in sich war; aber gegen das zweite gab es für ihn keine Waffen. Indessen stellte sich da unerwartet eine Hilfe für ihn ein, denn je mehr er sich abschloß und sie aus sich entfernte, desto geringer schien ihre Kraft zum Rauben zu werden, wiewohl sie den Trieb dazu behielt. Dadurch kam sie in eine Enttäuschung, die sie jedoch nicht verstand, denn die Lage erschien ihr jetzt so, daß sie glaubte, sie habe die ganze Welt aufgefaßt, aber die sei ganz einfach und immer gleichmäßig und verursache ihr eine quälende Langeweile. Deshalb glaubte sie sich betrogen, weil man doch die Erwartung habe, daß das Leben mehr sei, und in Haß und Erbitterung über diesen vermeintlichen Betrug schloß auch sie sich nun immer mehr ab und wendete die wenigen und geringen Vorstellungen, die sie erobert hatte, mit Wut immer hin und her, ob sie nicht doch Neues an ihnen entdecke. Darauf gewöhnte sie sich an, zu klagen, und erzählte in allgemeinen Ausdrücken, daß sie vom Unglück verfolgt sei und alles fehlschlage, was sie beginne, und alle andern Menschen mehr Glück haben, und so fort; so wurde sie endlich auch in ihrer Ausdrucksweise pöbelhaft, denn nichts zieht Menschen so sehr ins Gemeine wie solches Klagen. Mehr und mehr wendete sie sich in diesen Reden mit einer Spitze gegen Karl; und am Ende, nachdem alles, was geschehen war, sich ihr ganz verkehrt hatte, sagte sie sogar, daß sie gegen ihre eigentliche Neigung und Absicht und nur aus Mitleid Karls Weib geworden sei, welches Mitleid ihr nunmehr übel vergolten werde.
Johanna hatte den Plan aufgegeben, eine bei ihr vorhandene geringe malerische Begabung auszubilden, weil ihr die Beharrlichkeit fehlte, sich das handwerksmäßige Können anzueignen, das für den Maler nötig ist, und wie so viele dachte sie, daß der Schriftsteller dieses Könnens entraten kann; und wie denn damals, als durch eine mißverstandene Rückkehr zur Natur die Meinung aufkam, durch die Wiedergabe einer zufälligen Beobachtung könnte man ein Dichterwerk schaffen, viele Frauen solche Fähigkeiten zeigten, so wendete sie sich nun der Schriftstellerei zu. Hierdurch entstanden auch äußere Gegensätze zu Karl, denn wenn auch bei ihm selbst die Begabung nicht zum Kunstwerk ausreichte, so wußte er doch um diesen Mangel schon bei sich genau, denn er beschränkte als Mann sein Wollen nicht auf sein Können, und noch deutlicher sah er den Mangel aber bei seiner Frau, deren Begabung zudem noch geringer war wie die seinige, da sie noch mehr lediglich Ausdruck einer problematischen Natur war und von jener Art, wie sittlich geringwertige Menschen sie oft haben durch ihre Minderkraft.
Aber auch diese Kämpfe der Ehegatten fanden keine rechte äußere und anschauliche Form, die eine eigentliche Erzählung möglich machen würde, und so muß es auch hier am bloßen Bericht genügen.
Inzwischen hatten auch Karls frühere Geliebte und ihr Verlobter Jordan geheiratet, nachdem sie ihren gebührlichen Brautstand gehabt, und hatte sie wohl große Sehnsucht, daß sie ihr Kind wollte zu sich nehmen, das sie von Karl bekommen, aber sie scheute sich; wie sie aber am Hochzeitstage von ihrem Mann in die Wohnung geführt wurde, die sie zusammen eingerichtet für sich, da fand sie in einem Kinderwagen liegen und ruhig schlafen das kleine Söhnchen, denn ihr Mann wollte ihr eine Freude machen. Da weinte sie vor großem Glück, küßte und herzte den guten Jordan, und weil das Kindchen eben aufwachte und nach einer Nahrung schrie, ging sie schnell in die Küche, woselbst schon alles bereit stand, und richtete ihm seine Flasche, und inzwischen spielte der Mann mit dem Kleinen, indem er ihm seine Uhr vorhielt und mit Schlüsseln klingelte. Sie aber bei ihrer Hantierung überlegte sich, was sie ihm sagen wolle, und wie sie wieder in die Stube kam und das Kind besorgt hatte, sprach sie zu ihm: „Ich bin sonst stolz gewesen und hätte von einem andern keine Gabe angenommen, auch wenn ich ihn lieb hatte, wie ich ja in Wahrheit Karl lieb gehabt habe. Von dir aber nehme ich alles an; und das nicht deshalb, weil ich weniger stolz geworden bin, sondern weil du ein solcher Mensch bist, daß sich einer nicht schämt, wenn du ihm gibst. Und nicht eine gewöhnliche Dankbarkeit habe ich gegen dich, sondern weil ich weiß, daß das Glück, das du andern schenkst, durch deine Güte wieder reicher zu dir zurückgeht, so liebe ich dich nur mehr in größerer Fröhlichkeit.“
Nun lebten die beiden in ruhigem Glück, das sie dadurch noch mehr wärmte, weil sie beide vorher durch schweres Unglück gegangen waren, und genossen das Glück mit klarem Bewußtsein, daß dieses Unglück notwendig für sie gewesen war.
Recht bald begann der Kleine aufrecht zu sitzen, und dann wurde er aus dem Wagen genommen und erhielt ein kurzes Kleidchen und versuchte zu gehen; und wiewohl er seinen Pflegevater nur eine kurze Zeit zu sehen bekam des Abends, wenn der von der Fabrik heimkehrte, hatte er ihn doch besonders in sein Herz geschlossen, sah ihn viel an und hielt sich zu ihm, denn auch ganz kleine Kinder wissen schon den Gesichtsausdruck der Erwachsenen zu deuten und haben nach dem ihre Gefühle. Schon in den ersten Tagen, wo er sich frei auf dem Fußboden bewegen durfte, hatte er gemerkt, daß der Vater, wenn er gekommen war, seine Schuhe wechselte, und so brachte er ihm, ohne daß es die Mutter ihm aufgetragen, seine Pantoffeln. Hierüber erhob sich bei den Eltern eine große Freude und ein besonderes Rühmen seiner Klugheit, das bewirkte, daß er auch fernerhin bei dieser Erfindung verharrte. Es bewunderten auch die andern Frauen im Hause den Kleinen sehr und erzählten ihren Männern von dem Kind, und der Kaufmann an der Ecke fragte jedesmal die Mutter nach ihm, wenn sie einholte. Über alles dieses wurde sie noch glücklicher, und ihr Gesicht war so, daß jeder froh werden mußte, der sie ansah.
Weil sie doch nun einen Mann hatte und sich nach ihrer Vorstellung nicht mehr des Kindes vor andern zu schämen brauchte, so bekam sie eine besondere Lust, einmal mit den beiden zu ihren Eltern zu reisen, die auf einem Dorfe und mit der Bahn nicht allzu entfernt wohnten. So beredete sie denn eine lange Zeit mit ihrem Mann diesen Plan, und wie die Witterung passend war und sie beide mit Kleidung wohl versehen, daß sie den Eltern gefallen mochten, da erbat er sich für einen Montag Urlaub, und sie fuhren auf zwei Tage nach dem Ort mit großer Freude; der Kleine war sehr artig unterwegs, und viele, die mitreisten, fragten die Eltern über ihn, ließen sich erzählen und freuten sich seiner.
Die Eltern der Frau waren Instleute, die zu einem großen Gute gehörten und ein Häuschen für sich hatten, eine Kuh und zwei Schweine, und ein Stück Acker bekamen sie von der Herrschaft. Sie verwunderten sich sehr über ihre Tochter, daß sie so schön gekleidet war, und über den Schwiegersohn, und über den Enkel, und waren über die Maßen stolz und fröhlich, und mußten die Kinder von allem erzählen, von der Arbeit des Mannes, und von seinem Lohn, und von ihrer Wohnung in einem so großen Hause, daß in dem einen Hause so viele Menschen wohnten, wie hier in dem ganzen Dorfe, und daß sie polierte Rohrstühle in ihrer Stube hätten. Über das alles schlug die Mutter die Hände überm Kopf zusammen, und der Vater sagte nur: „Ei, ei!“ Und bei dieser freudigen Verwunderung der Alten wurde es den beiden erst so recht klar, wie gut sie es hatten, und wie glücklich sie lebten.
Dann nahm die alte Mutter den Enkel auf den Arm, der ganz fein und vornehm aussah in seinem großen, weißen Hut neben ihrem verbrannten und verarbeiteten Gesicht, und ging mit ihm hinaus in den Hof, ließ ihn die Schweine im Stall sehen und erzählte ihm, daß die zu Martini geschlachtet würden, und daß dann Wurst gemacht würde, und er solle dann auch eine kleine Wurst haben, und dann zeigte sie ihm die Kuh, die vor der Krippe stehend zurücktrat und sich umsah nach den beiden mit ihren großen, sanften Augen. Und wie die Alte so allein mit dem Jungen war und keiner sie sehen konnte, herzte sie und küßte den Enkel fortwährend, denn vorhin hatte sie das nicht gewagt, und das Kind streichelte ihr die Backe und faßte lachend an ihre Nase. Der Alte aber führte den Schwiegersohn im Häuschen herum und zeigte ihm alle Einrichtungen, wie er die Wurst räucherte, und wo er sein Korn aufhob, denn er bekam Dreschanteil, auch das Dach zeigte er ihm und erzählte, daß es früher mit Stroh gedeckt gewesen sei, aber er habe jetzt ein Ziegeldach hergestellt, und zwar habe er Falzziegel genommen, was das Neueste sei und sehr viel besser als die Hohlziegel, die man früher gehabt, und so redete er noch vieles Wirtschaftliche und Verständige mit dem Schwiegersohn. Und weil ihm der so gut gefallen hatte, und er selbst hatte doch auch seinen kleinen Stolz, so nahm er ihn am Ende beim Ärmel und sprach zu ihm, er müsse nicht denken, daß die Eltern seiner Frau Habenichtse wären; und wenn sie einmal starben, so kamen doch auf jedes Kind etwa hundertundfünfzig Taler, die sie dann erbten.
Wie es gegen den Abend ging und die alte Frau daran dachte, das Essen zu bereiten, da taten sich die beiden Alten zu einer heimlichen Unterredung zusammen, und dann brachten sie eine Flasche Wein zum Vorschein, die hatte die Herrschaft vor Jahren einmal geschickt als eine Stärkung für die alte Frau, die damals recht krank gewesen war, aber sie hatte aus eigener Ehrfurcht nicht gewagt, das Geschenk anzurühren, sondern es aufgehoben, wenn einmal ein besonderer und festlicher Tag sein sollte. Sie lachten beide viel in Behaglichkeit und in Unruhe über das Ereignis, daß die Flasche nun entkorkt werden sollte, dann bereiteten die beiden Frauen am Herde das Essen, und die Mutter freute sich, wie flink ihre Tochter war, dachte auch seufzend früherer Zeiten, wo ihre Glieder noch nicht so steif geworden; ganz leichtfertig ging sie an den Speck und schnitt ein großes Stück ab, auch viele Eier nahm sie und ein großes Stück Butter stellte sie auf, und wenn sie auch eine heimliche Furcht hatte, ob nicht zu viel aufgehe, wenn sie den Tisch so üppig bereite, so freute sie sich doch wieder, daß es ihren Kindern gut schmecken sollte. Das gute Essen und der Wein machte alle Lebensgeister noch froher und munterer, und der alte Vater erzählte aus seiner Jugend und rühmte die heutige Zeit, daß es da jeder besser habe, und wer ordentlich und brav sei, der erreiche auch etwas, sei es nun in der Heimat oder in Amerika; und seine Bäcklein röteten sich unter den grauen Stoppeln, und er begann sogar die alte Mutter an die Zeit ihrer Verlobung zu erinnern, daß die erst sich schämte und ihm verbot und nachher gerührt wurde und sich mit dem Schürzenzipfel ein Tränlein aus dem Auge wischte; am meisten lag ihm jedoch das neue Dach aus Falzziegeln am Herzen, und er wurde nicht müde, dessen Vortrefflichkeit zu preisen. Die beiden Alten hätten in ihrem Stolz das Enkelkind gar zu gern ihrer Herrschaft gezeigt, nur wußten sie nicht recht, wie sie das beginnen sollten, denn sie hatten Furcht, daß sie aufdringlich erscheinen möchten, und die Herrschaft denke vielleicht, sie wollten etwas geschenkt haben für das Kind; da kamen sie am Ende überein, daß die Tochter mit dem Kleinen den alten Vater morgen auf dem Felde besuchen sollte zu einer Zeit, wo der Herr gewöhnlich geritten kam, dann würde der fragen, und er wollte ihm alles erzählen und ihm seine Tochter zeigen und das Enkelkind, und das sähe doch dann aus, als sei es bloßer Zufall gewesen. Und wie sie so sprachen, begannen sie allerhand Vergleiche mit diesem Nachbarskind und mit jenem; und keines, fanden sie, war so prächtig wie das ihre, denn an dem war alles zu bewundern.