Wenn ich ehrlich sein soll – daß ich durchaus Melitta Rudloffs Bekanntschaft machen wollte, geschah ihres schlechten Rufes wegen. Die geraden, gesunden und reinlichen Durchschnittsmenschen hatten für mich keine Bedeutung. Ich suchte die Kranken, die Verlorenen, die Ausgestoßenen. – Ich suchte sie mit geteiltem Gefühl, und – seltsam, wie wir Menschen nun einmal sind – ich bin stolz darauf, daß ich sie suchte mit der klaren und kalten Freude des Forschers, daß ich sie suchte, um sie zu vivisezieren, zu analysieren, sie in Systeme einzuschachteln – und ich schäme mich ein bißchen, zu gestehen, daß ich sie suchte in dem überheblichen Wahn, helfen zu können, bessern zu können – sie mit reinen und gütigen Händen hellere Wege zu führen.
Es geschah durch Tante Antonie, daß ich zuerst von Melitta Rudloff erzählen hörte. Tante Antonie war eine sehr fromme und ehrenwerte Frau, und Lüge und Verleumdung lagen ihr fern. Sie sah die Dinge mit scharfen Augen, aber sie sah sie von ihrem unverrückbaren Standpunkt aus.
Nach diesen Erzählungen hatte Melitta – oder Mette, wie sie genannt wurde – als Kind schon einen sonderbaren Hang zum Lügen und Stehlen gezeigt. Auf der Schule galt sie als dumm und faul. Als junges Mädchen lief sie einer merkwürdigen Frau nach, einer Hochstaplerin mit ausgesprochen männlichem Gebaren. Vielleicht verführt von dieser Freundin, von der sie nebenbei späterhin hinausgeworfen wurde – stahl sie im väterlichen Hause das Silberzeug und trug es aufs Leihamt. Nach einem Tobsuchtsanfall, bei dem sie ihre Tante, die treue Pflegerin ihrer mutterlosen Kindheit, erwürgen wollte, wurde sie zu ihrem Onkel nach einer kleinen Stadt gebracht. Dort stahl sie, was im Hause nicht niet- und nagelfest war, erbrach schließlich auf raffinierteste Weise den Schreibtisch, entwendete eine größere Summe Geldes und entfloh.
Ihr Vater, eine feinsinnige Gelehrtennatur, überlebte die Nachricht von diesen Geschehnissen nicht lange – er wurde vom Schlage getroffen.
Mettens Mutter war bei ihrer Geburt gestorben. Wie Jürgen von Seyblitz stets bitter zu sagen pflegte: „Zum Glück“.
Mette war nicht dieser Meinung. Sie hatte eine phantastische Vorstellung von der Wesenheit einer Mutter und glaubte immer, daß der frühe Tod der ihren alles Unheil ihres Lebens verursacht hätte.
Ich meinesteils weiß nicht, welcher Ansicht ich mich anschließen soll. Ganz sicher hätte Mette nicht eine so trübe und freudlose Kindheit gehabt, wie unter Tante Emiliens knochigen Fingern – aber selbst die weichste Mutterhand hätte die schwersten Kämpfe ihres Lebens nicht von ihr fernhalten können. Und wenn ich an diese Zeiten denke, begreife ich Onkel Jürgens „Zum Glück“ recht wohl. Vielleicht hatte er ein besseres Bild von seiner Schwester, als Mette es von ihrer Mutter haben konnte.
Wenn ich nun versuchen will, zu erzählen, was ich von Mette Rudloff und von ihren Beziehungen zu Olga Radó weiß, so muß ich fürchten, falsch gedeutet zu werden. Ich habe keinerlei Ähnlichkeit mit Peterchen, unserem gemeinsamen kleinen Freund, den Olga Metten gegenüber in herzlichem Spott „Unser Baudelairechen“ zu nennen pflegte. Peterchen war bei allem, was seine Freunde betraf, mit überschwenglichem Gefühl beteiligt. Ich sehe ihn noch immer mit seinen aufgeregten Schrittchen durch sein Zimmer hin und her laufen und flammende Reden führen. Er machte Welt und Vorwelt verantwortlich für Olgas Tod und Mettens Leben. Wenn es nach ihm gegangen wäre – er hätte ein Gemälde entworfen, auf dem er Olga und Mette mit schimmernder Gloriole umgeben und Jürgen von Seyblitz und Tante Emilie und Frau Flesch und noch einige andere, die er nicht leiden konnte, an den Pranger gestellt hätte. Er hätte sich mit dem Stock des Ausrufers auf den Markt begeben und auf seine Heiligen gedeutet und geschrien: Seht her, so sind sie, die Verfemten, die Verworfenen, die ihr haßt und verachtet und fürchtet – und nicht kennt!
Nach allem, was ich von Olga Radó weiß, hätte er ihr damit einen schlechten Dienst erwiesen. Was ihr die meiste und glühendste Feindschaft eingetragen hat, war nicht ihr lasterhaftes Leben, ihre Verschwendungssucht, ihre unnatürlichen Leidenschaften – nicht einmal ihr Geist oder ihre Schönheit – nein, es war ihr grenzenloser Hochmut.
Sie haßte es, verallgemeinert zu werden. Und wir alle, die wir sie kannten, haben hundertmal aus ihrem Munde das Wort gehört – so oft, daß es zur scherzhaften Redensart bei uns wurde:
„Bitte! Nix ihr, nix euch!“
Ich habe keine Ähnlichkeit mit Peterchen. Ich bin nicht dazu geschaffen, zu verteidigen oder anzuklagen. Ich verfolge keinen Zweck, wenn ich etwas erzähle. Ich habe keine Ziele und keine Absichten, nicht einmal eine Meinung oder ein Urteil, und kaum ein Gefühl. Keine andere Absicht, als Bilder und Worte, die unendlich flüchtig vorüberrauschen, mit allen Sinnen festzuhalten, und sie in Form zu bannen, und kein ander Gefühl, als die weltabgewandte, weltaufsaugende Hingabe, mit der der Zeichner den Silberstift über das Papier führt.