„Rudlöffchen,“ rief Giesbert am andern Mittag von seinem Tisch aus zu Mette hinüber, „was hatte denn Ihre Freundin gestern? Sie hat Sie gesucht wie – wie – eine Stecknadel ist kein passender Vergleich für Sie – also wie das verlorene Paradies!“
„Ich weiß nicht,“ sagte Mette gleichgültig – sie mußte sich zu einem ruhig-freundlichen Ton zwingen, weil schon dieses Angerufenwerden ihr entsetzlich war – „meinen Sie Fräulein Werkenthin? Sie wollte mich wohl besuchen. Sie haben sie getroffen, nicht wahr?“
„Ja, ich dachte wunder was los wär’. Sie war so schrecklich aufgeregt.“
„Ach Gott,“ meinte die kleine Luigi spöttisch, „die gute Gisela ist immer aufgeregt. Da braucht doch weiter gar nichts los zu sein!“
In Mette kämpften Scham und Empörung. Sie hätte nun wohl die Frau, die man ihre Freundin nannte, gegen eine abfällige Bemerkung verteidigen müssen. Aber es war gerade schlimm genug, daß man Gisela Werkenthin so allgemein als ihre Freundin bezeichnete. Sie – Mette – hatte niemals durch ihr Benehmen irgend jemand das Recht dazu gegeben.
Außerdem hatte Mara Luigi recht. Und einen Menschen, über den diese kleine freche Person so zu urteilen sich erlaubte, einen solchen Menschen mußte Mette „Ihre Freundin“ nennen lassen.
Sie schwieg. Aber sie war unzufrieden mit sich selbst.
„Sie saßen bei Sophus?“ fragte Giesbert weiter, „eine wundervolle Alliteration! Sie saßen bei Sophus zur Sitzung – sie haute, den Hammer in Händen, Ihr Haupt – Kramer, ich schenke Ihnen diesen Anfang für ein Epos!“
Eccarius, der Mette zunächst saß, fragte jetzt – da das Gespräch nach der andern Seite weitergeführt wurde:
„Gehen Sie heute wieder hin?“
„Ja, diese Woche alle Tage – weil Sophie jetzt gerade Zeit hat – oder wenigstens nicht viel dringende Arbeiten.“
„Sie gehen gleich nach dem Essen?“
„Ja, weil Nora dann schläft – sonst läßt Sophie sie nicht gern allein, um ‚zu ihrem Vergnügen‘ zu arbeiten.“
„Sie müssen verzeihen, wenn es so klingt, als ob ich Sie ausfrage! Aber es geschieht nicht aus müßiger Neugier ... ich wollte fragen, ob es Ihnen recht wäre, wenn ich Sie heute hinausbegleite – ich hatte schon längst die Absicht, meine Freundinnen einmal wieder aufzusuchen.“ – – –
Mette und Eccarius schritten durch die vor Kälte hallenden Straßen, die mit einem dünnen Reif überflogen waren.
„Haben Sie sich gewundert,“ sagte Eccarius, „daß ich bei Tisch so ostentativ von meinen Freundinnen sprach? Ich hatte nämlich einen kleinen Disput mit Fräulein Peters. Fräulein Peters ist eine ganz prachtvolle Person, aber ein bißchen streng in ihrem Urteil. Oder vielleicht noch besser gesagt: ein bißchen beschränkt in ihrer Auffassung. Was sie nicht versteht, das wirft sie alles zusammen in einen Topf und verdammt es. Und zu dem, was ihr unverständlich ist, gehört natürlich auch eine Freundschaft wie die zwischen Fräulein Degebrodt und Frau von Hersfeld. Sie warf da gleich mit Worten wie ‚anormal‘ und ‚pervers‘ und ‚widernatürlich‘ um sich und meinte, es wäre kein Verkehr für Sie!“
„Für mich?“ fragte Mette sehr erstaunt, „wie sind Sie denn auf mich gekommen?“
„Offen gestanden – von Ihnen sind wir ausgegangen,“ erklärte Eccarius mit einem um Verzeihung bittenden Lächeln. „Ja, ja, man weiß selber nie, wie wichtig man andern ist, und was man für ‚interessanten Gesprächsstoff‘ liefert. Ernstlich – man kennt seine Feinde nicht und weiß nicht, wer einem was am Zeuge zu flicken trachtet – aber man kennt auch seine Freunde nicht und weiß nicht, wer um sein Wohl und Wehe besorgt ist.
Fräulein Peters ist eine Seele von einem Menschen, und sie macht sich Gedanken um Sie – sie hat mir heute auseinandergesetzt, daß es meine Pflicht wäre, Ihnen die Augen zu öffnen. Aber wenn ich Ihnen über Sophie und Nora die Augen öffnen soll, kann ich nach bestem Wissen und Gewissen nur sagen, daß es prachtvolle Menschen sind.“
„Frau von Hersfeld sagte mir neulich, daß Sie sich schon sehr lange kennen,“ sagte Mette in einem leise drängenden Bestreben, das Gespräch von sich selbst abzuwenden.
„Schon sehr lange“ – sie atmete erleichtert auf, als Eccarius das Thema annahm – „ich kannte sie schon, als sie noch die schöne Nora von Zeyern war, die gefeiertste Tänzerin, die kühnste Reiterin. Sie hatte hundert Bewerber, und unter den hundert mußte sie gerade Herrn von Hersfeld aussuchen!“
Er schwieg einen Augenblick mit bitterem Lächeln.
„Er war krank, nicht wahr?“ fragte Mette zaghaft.
„Oh, wenn Sie das wissen, dann ist es auch keine Indiskretion, wenn ich Ihnen mehr erzähle. Er war sogenannt ausgeheilt, wie er selbst voll Stolz jedem erzählte, der es hören wollte und nicht hören wollte. Nur seiner Frau und seinen Schwiegereltern nicht.
Hersfelde war Majorat, und er wollte einen Sohn haben. Es kam auch ein Junge zur Welt – er war schon ganz mit Ausschlag bedeckt, als er geboren wurde. Was diese mütterlichste aller Frauen an diesem Kinde gelitten hat, das ist unbeschreiblich! Und wir alle – seine sogenannten Freunde – wir sahen das Kind an und sahen uns an und wußten: das wird nichts mehr. Aber keiner traute sich, der jungen Mutter ein Wort zu sagen. Und sie hoffte und hoffte und pflegte an diesem unseligen Würmchen herum und freute sich über den kleinsten Fortschritt. Viel Fortschritte waren allerdings nicht zu verzeichnen.
In einem Alter, wo andere Kinder herumlaufen und den ganzen Tag plappern und krähen, lag er in seinen Kissen und drehte kaum den Kopf, wenn man ihm etwas Blankes vortanzen ließ. ‚Er wird ein Denker,‘ sagte Frau Nora dann und lächelte ein herzzerreißendes Lächeln. Aber als er mit vier Jahren noch immer kein Wort sprach, sondern nur ein blödes Gelalle von sich gab, da versteckte sie sich und ihn vor aller Welt. Sie ging nicht mehr von ihrem Grund und Boden fort, sie empfing keinen Menschen. Sie verschloß sich mit ihrem kranken Kinde in undurchdringlichste Einsamkeit, sie pflegte es, sie spielte mit ihm, sie versuchte unermüdlich und vergebens, ihm etwas beizubringen. Mit ungefähr fünf Jahren starb das arme Kind. Aber Herr von Hersfeld brauchte einen Erben. Nach einem halben Jahr war die unglückliche Frau wieder in der Hoffnung – ach Gott, sie war wirklich in der Hoffnung.
Da nahm ein befreundeter Mediziner die Sache in die Hand – das heißt, er sprach wohl nur ein leichtsinniges, aber ehrlich entrüstetes Wort von der Unverantwortlichkeit, Kinder in die Welt zu setzen. Und als sie ihn zur Rede stellte und nicht locker ließ, fragte er sehr erstaunt, ob sie nicht wisse, was ihrem Kinde gefehlt hätte. Und da sie keine Ahnung hatte, sagte er ihr’s. Das war ja schließlich auch sein gutes Recht. Aber er hat sich doch sehr schwere Vorwürfe gemacht. Denn am selben Tage verunglückte Frau Nora durch einen Sturz vom Heuboden und holte sich so schwere innere Verletzungen, daß sie nie wieder gesund wurde. Daraufhin ließ dann Herr von Hersfeld sich von ihr scheiden!“
„Lebt er noch?“ fragte Mette.
„Warum? Sie machen ein Gesicht zu der Frage, als ob Sie ihn sonst umbringen möchten. Aber Sie können ganz ruhig sein; er ist tot – er hat sogar ein recht dramatisches Ende gefunden, oder vielmehr sein Ende hatte einen dramatischen Anfang. Denken Sie, dieser Mensch hatte die Absicht, ein zweitesmal zu heiraten, nachdem er von Nora geschieden war. Ein schönes, unschuldiges junges Mädchen aus bester Familie. Sie machen sich keinen Begriff, was die arme Frau Nora da an Gewissensqualen gelitten hat – sie kannte die Braut – sie kannte die Eltern – und sie kannte da auch endlich Herrn von Hersfeld, ihren geschiedenen Gatten. Aber trotzdem sie ihn so gut kannte, liebte sie ihn wohl immer noch – irgendwo in einem letzten Seelenwinkel waren noch die Trümmer des starken Gefühls. Und es erschien ihr als ein Verbrechen, den Mann anzuklagen. Man hätte es ihr ja auch so leicht als kleinlichen Racheakt auslegen können. Und andererseits war es ein viel größeres Verbrechen, das arme Mädchen unwissend in eine solche Ehe gehen zu lassen.“
„Um Gottes willen,“ sagte Mette mit angstvollen Augen, „hat sie das getan?“
„Sie war so hilflos – sie konnte sich kaum rühren – die Lage wurde erschwert dadurch, daß das Mädchen schon zu Zeiten seiner Ehe in Hersfeld verliebt war und der Frau, wenn nicht feindlich, doch mißtrauisch gegenüberstand. Sie hat mir oft gesagt, daß sie in ihrer verzweifelten Lage um ein Wunder gebetet hat.
Und das Wunder geschah. Die Trauung war anberaumt, der Bräutigam erschien nicht. Als er geholt werden sollte, versteckte er sich im Stall und schoß mit dem Revolver um sich. Schließlich wurde er überwältigt und nach einer Anstalt gebracht. Ein paar Monate lebte er noch unter Anfällen von Verfolgungswahn und Tobsucht. Dann ging er ein. Gehirnerweichung. Einer von seinen früheren Kameraden machte die treffende Bemerkung, als die Todesursache bekannt wurde: „Das erstemal, daß man erfährt, daß Hersfeld Gehirn gehabt hat!“
Sie gingen wieder eine Weile schweigend, jeder in seine Gedanken versponnen.
Eccarius hob den Kopf mit einem plötzlichen Entschluß. Sein Gesicht war wieder wie aufgehellt von dem flüchtig darübergleitenden liebenswürdigen Lächeln.
„Nun haben Sie mich mit ganz heimtückischer Eleganz von meinem Thema weggelockt. Ich habe Ihnen lange Geschichten erzählt und nichts von dem gesagt, was ich beauftragt war, Ihnen zu sagen – und nicht nur beauftragt – was ich auch aus eigenem Antrieb sagen wollte ...“
„Muß es denn sein?“ fragte Mette mit flehenden Augen, „glauben Sie im Ernst, daß ich nicht alles weiß, was Sie mir sagen können? Ich weiß, daß Sie es gut mit mir meinen, und ich bin Ihnen auch so dankbar dafür. Aber ich habe – vielleicht gerade weil ich so jung und eben erst mündig geworden bin – so sehr das Gefühl, daß nur ich selber mir helfen kann und daß ich mir selber helfen muß. Ich weiß, daß ich nicht immer den kürzesten und den geradesten Weg finden werde – aber ich habe ja auch kein Ziel – nur das eine Ziel, das Leben kennenzulernen, ganz, soweit das einer Frau möglich ist, mit Licht- und Schattenseiten, mit Fehlern und Vorzügen – wie man einen Menschen kennenlernen will – den man liebt!“
„Wenn Sie das Leben so lieben,“ sagte Eccarius mit einer nachgiebigen Beharrlichkeit, „so müssen Sie sehr behutsam damit umgehen. Und wenn Sie auf Ihrer Wanderung kein Ziel haben, oder nur das Ziel, möglichst viel zu sehen auf Ihren selbstgesuchten Wegen, so dürfen Sie sich nicht in eine Sackgasse verrennen, aus der Sie nicht wieder herausfinden. Seien Sie mir nicht böse – aber ich habe die Frechheit gehabt, Sie im stillen zu beobachten – ich sehe Sie doch seit Monaten zweimal täglich mindestens – und ich habe mir im Laufe der Jahre ein wenig Menschenkenntnis erworben – Sie machen, wenn man es so in zwei Sätzen bezeichnen darf, nicht den Eindruck eines Menschen, der das Leben liebt, sondern eher eines Menschen, der – den Tod nicht fürchtet.“
Mette hatte schon auf die Klingel an der Haustür gedrückt und wandte sich um:
„Ist das ein Widerspruch? Kann man nicht beides – das Lebens lieben und den Tod nicht fürchten?! Vielleicht gehört es zusammen. Ich will es zu meinem Wahlspruch machen und groß über alle meine Tage schreiben: Das Leben lieben und den Tod nicht fürchten!“
„Ich weiß kein noch besseres Wort,“ sagte Eccarius mit nach innen gekehrten Blicken, „man kann diesen Satz auch anders stellen – dann will ich ihn zu meinem Wahlspruch machen.“
Das Mädchen öffnete die Tür. Auf Mettes fragenden Blick schüttelte Eccarius leicht den Kopf:
„Ein andermal ...“ – – –
Sie saßen in der frühen Dämmerung des Wintertages zusammen, Nora, Sophie, Eccarius und Mette. Es war schon so dunkel im Zimmer, daß man kaum mehr deutlich die Gesichtszüge der Zunächstsitzenden unterscheiden konnte. Aber keiner hatte das Verlangen nach Helligkeit.
Mette hatte nach Johannes gefragt – und Sophie hatte ihr in Aufregung und Empörung mitgeteilt, daß er sehr unter häßlichen Klatschgeschichten zu leiden habe. Man hatte seinem alten Freund, dem dicken Drencker, in gehässiger Weise hinterbracht, daß sein Geld dem jungen Krafft das Studium ermögliche – oder vielmehr, daß Willi Krafft sein – Drenckers Geld – im Bac verspiele und mit Frauenzimmern verprasse.
Nora hatte Johannes verteidigt. Wenn sie ihn auch nicht in verklärendem Licht sah, und sein Verhältnis zu Drencker ihr unbegreiflich und peinlich war – sie hatte immer geglaubt, daß seine Freundschaft für Willi Krafft von einer ganz idealen schwärmerischen Art wäre.
„Und wenn nicht!“ sagte Sophie eigensinnig. „Wo immer ein Menschenhandel abgeschlossen wird, liegt die Schuld auf seiten des Käufers. Der Gekaufte ist immer in Notlage. Und es ist gerade schlimm genug, wenn so ein reiches Schwein einen Anteil an einem Menschen kaufen kann. Daß er ihn dann noch ganz und restlos haben will, ist eine Frechheit.“
„Jeder Handel sollte ehrlich sein!“ warf Eccarius in seiner leisen, nachdenklichen Art ein.
„Nein,“ ereiferte sich Sophie, „wer sich für sein schmieriges Geld einen Menschen kaufen will zur Befriedigung seiner kleinen niedrigen Lüstlein, der soll betrogen werden. Es soll Dinge geben, die nicht zu kaufen sind, für kein Geld der Welt. Und glauben Sie mir, Eccarius – in all diesen schmutzigen Handeln, wo es sich um eigentlich Unverkäufliches dreht – ob es nun Liebe ist oder Ehre oder Ruhm oder Begabung oder Adel – immer war zuerst der Käufer da, immer zuerst der, der auf seinen Geldsack schlug und sagte: das will ich haben, schafft es mir, ich kann es zahlen. Und dann wurde erst die Ware gesucht. Glauben Sie, daß ein armer Musiker auf den Gedanken kommt, seine Gedanken, seine Melodien, das liebste, was er hat, einem reichen Krämer anzubieten, damit der sie unter seinem Namen erscheinen läßt? Nein, so ein Gedanke kann nur in einem Krämergehirn aufkeimen!
Ich kenne solche Fälle – sehr genau! Von den harmlosesten Anfängen, wo ein wohlgenährter Bürgerssohn von einem armen begabten Mitschüler sich die ersten Liebesbriefe schreiben läßt – für eine Handvoll Zigaretten – bis zu Opernpremieren, wo sich als Komponist ein Herr verbeugt, der nie einen Ton von der aufgeführten Musik geschrieben hat – hätte schreiben können. Ach, die Welt ist schon ziemlich ekelhaft. Man kann nur froh sein, wenn man möglichst wenig mit ihr zu tun hat. Wir sitzen hier auf unserer Insel – gelt Norina? Und soviel Schiffe auch anlegen – sie fahren alle wieder weiter – ansiedeln darf sich keiner in unserm Bereich. Im übrigen kann ich nur sagen: Drencker soll froh sein, daß es ihm nicht ergangen ist wie dem armen Keller, der sich vor acht Tagen erschossen hat, weil ihn eine Erpresserbande langsam erdrosselt hat und weil der unglückliche Mensch lieber tot sein wollte, als immer vor dem Gefängnis zittern.“
Eccarius schüttelte den Kopf:
„Daß die mittelalterliche Institution dieser Strafen immer noch besteht!“
Nora legte sich dafür ein: „Es muß doch einen Schutz für Kinder und Unmündige geben – auch wenn die Unmündigen zufällig über einundzwanzig Jahre sind. Es gibt ein sehr wahres Wort: wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Wie zwei reife Menschen miteinander leben, geht keinen Staatsanwalt etwas an. Genau so, wie kein Staatsanwalt sich in das hineinmischt, was in einer Ehe vorgeht. Ich muß sagen, in manchen Fällen: leider! Wenn gestraft wird, so wird geklagt, und wenn jemand klagt, so fühlt er, daß ihm Unrecht geschehen ist.“
„Der Paragraph hundertfünfundsiebzig ist eine Einnahmequelle für Gauner und Erpresser,“ widersprach Eccarius heftiger, als es seine Art war – „aber kein Schutz für Kinder irgendwelchen Alters. Kinder dulden stumm und klagen nicht. Wenn einmal ein Fall ans Licht kommt, dann schreit die Welt vor Empörung – aber in tausend Fällen kommt von solchen an Kindern begangenen Verbrechen nicht ein Schimmer zutage.“
„Das ist nicht möglich,“ sagte Sophie mit vor Erregung bebender Stimme, „es kann auf der ganzen Welt nicht tausend Unmenschen geben, denen ein Kind nicht heilig wäre.“
Eccarius lachte, ein heiseres, tonloses Lachen:
„Ich will Ihnen einen Fall erzählen – einen Fall von tausend. Ein Verbrechen von tausend, bei welchem der Verbrecher straflos ausging ... ich kannte eine Familie – eine wohlhabende, angesehene Familie, kluge gütige Eltern, die vier gesunde, begabte, gut veranlagte Kinder hatten ... vier Knaben. Die Mutter konnte nicht ganz allein die Sorge für vier heranwachsende Jungen haben – es wäre auch gegen das Herkommen gewesen – man nahm ein Kinderfräulein ins Haus – eine halbgebildete Person, wie es üblich war, eine von sympathischem Äußern mit guten Zeugnissen und allen möglichen Empfehlungen. Dies Kinderfräulein hatte nichts besseres zu tun, als den Knaben beizubringen ... wovor man sie sonst sorglich behütet. Die unglücklichen Kinder gerieten dadurch ganz in den Bann dieser Person. Sie wußten, daß sie etwas Verbotenes taten. Sie schlugen sich mit dem schweren Begriff ‚Sünde‘ herum, und baten Gott um Beistand. Das infame Weib erfand mit unerschöpflicher Phantasie immer neue Listen, um die widerstrebenden und ermüdeten Kinder aufzustacheln. Sie wurden immer elender – sie wurden auf alles mögliche behandelt, in teure Bäder geschickt – natürlich in Begleitung des Fräuleins. Manchmal faßte eines der Kinder den Entschluß, der Mutter alles zu beichten – aber es blieb bei dem Entschluß. Diese Dinge waren zu furchtbar, als daß man sie der gütigsten Mutter hätte anvertrauen können. Vielleicht können Sie sich eine Vorstellung davon machen, was solche Kinder für eine ‚Kindheit‘ gehabt haben. An Leib und Seele erschöpft, unlustig zu Spiel und Arbeit, bei aller Begabung kaum fähig, in der Schule mitzukommen, in ewiger Angst vor Entdeckung, vor Strafe, vor Krankheit, vor der Hölle – und immer widerstandsloser dem Laster hingegeben, immer mehr wie Schatten durch die Tage schleichend, und lebend nur in dem gefährlichen Spiel der Nächte.
Als das Kinderfräulein ging, um in einer andern Familie ihr Werk fortzusetzen – da war es zu spät. Von den vieren hat sich keiner mehr erholen können. Der eine erschoß sich in der Nacht nach seiner Verlobung. Der zweite blieb ein unseliger Monomane und mußte schließlich mit völliger Nervenzerrüttung in eine Heilanstalt gebracht werden. Die beiden jüngsten haben allem, was Eros heißt, im tiefsten angewidert, den Rücken gekehrt. Der eine, schwärmerischen Geistes, hat sich in ein Kloster geflüchtet – der andere schlägt sich durch eine graue und freudlose Welt und schaudert zurück vor jeder Gemeinschaft mit Menschen. Das Weib ist wahrscheinlich heute noch eine würdige Kinderfrau, und die ihr anvertrauten Kinder werden elend unter ihrer umsichtigen Pflege.“
Niemand sprach. Die Dunkelheit war über das ganze Zimmer gekrochen und ließ kaum mehr von den Fenstern einen blassen grauen Fleck sehen.
„Oh!“ sagte Sophie – Mette glaubte zu hören, daß ihre Stimme von zornigen Tränen bebte und glaubte zu fühlen, wie sie die Fäuste ballte: „Man sollte sie hinrichten.“
„Dann müßte man viele hinrichten,“ sagte Eccarius ruhig.
Wieder lastete das Schweigen.
Es klopfte, jemand öffnete die Tür, heller Lichtschein stach in die Dunkelheit, Lärm zerriß die Stille.
„Ich bringe die Zeitung,“ sagte das Mädchen und blieb verwundert in der Tür stehen. „Soll ich Licht machen, gnädige Frau?“
„Ja, machen Sie Licht, Martha.“
Das Licht gellte auf wie ein Trompetenstoß. Sie neigten alle die Stirnen, um ihm zu entgehen und zogen die Brauen zusammen und blinzelten mit den Augen.
Keiner fand den Mut, den andern anzusehen. Sophie nahm dem Mädchen die Zeitung ab und fing an, daraus vorzulesen, die gleichgültigsten Dinge der Welt, die niemanden interessieren konnten. Aber alle heuchelten Anteilnahme und wußten irgend etwas dazu zu sagen, so daß ein lebhaftes Gespräch aus lauter belanglosen Phrasen zustande kam.
Eccarius ging, ehe die Unterhaltung wieder versickerte.
Sie sprachen noch über ein Dutzend anderer Dinge, als er fort war. Aber es war, als ob sie weder ein ernstes, noch ein erzwungen leichtes Gespräch mehr ertragen konnten. Sophie fand den erlösenden Gedanken. Sie machte den Vorschlag einer Skatpartie, um noch ein Weilchen gemütlich beieinander zu sitzen und Ablenkung für die Gedanken zu haben.
Aber plötzlich, mitten im Spiel, ließ sie die Hand mit den Karten auf den Tisch sinken:
„Er hat einen Bruder in der Irrenanstalt,“ sagte sie, als hätte sie die ganze Zeit nichts anderes gedacht.
„Ich weiß,“ sagte Nora ebenso ernsthaft. „Und einen im Kloster.“