Mette hatte das Fenster weit aufgemacht, einen Stuhl dicht daran gestellt und saß nun, beide Arme auf die Brüstung gestützt, das Gesicht in die Hände gelegt und starrte zu dem Stückchen Nachthimmel auf, das die Häuser freigaben. Sie suchte den Antares – „ihren Stern“. Aber die Mauern verbargen ihn.
Die Luft war weich und warm, fast schwül. Manchmal wehte von irgendwoher ein Duft wie von Akazien oder Tuberosen. Irgendwo war Musik. Man hörte mancherlei Geräusch aus dem Schacht des Hofes heraufdringen. Geschirrklappern, Lachen, Sprechen, Singen – das kam, weil alle Fenster offen standen.
Mette fühlte sich an irgend etwas erinnert, an eine sehr glückliche Zeit, die begleitet war von diesen noch ungewohnten Geräuschen des jungen Sommers. Aber sie konnte sich nicht besinnen, wann und wo das gewesen war. Vielleicht in ihrer Kindheit, wenn sie abends am Fenster ihres weißen Mädchenstübchens saß, zu den Sternen hinaufstarrte und in den Garten hinunter und ganz erfüllt war von der ahnenden Erwartung des Lebens, das kommen sollte – des großen, starken, brausenden Lebens, dessen Widerhall an Sommerabenden das von Häusern umschlossene Viereck zu durchzittern schien – so wie das Brausen des Meeres sich in einer Muschel fängt und weitersummt.
Oh – wie schön müßte es sein, auf irgend etwas zu warten. Auf das Namenlose, das Unbegreifliche ... vielleicht kam es doch noch! Was wußte menschlicher Verstand! Vielleicht waren da oben keine Welten, wo unselige Lebewesen von Qual zerfressen wurden und sich gegenseitig zerfleischten. Vielleicht waren es Löcher im dunklen Vorhang, der den goldenen Thronsaal verhüllt, oder Blumen auf dem Wiesenteppich, über den die Seligen wandeln ...
Vielleicht war Sterben schön ...
Vielleicht war es ein Moment unbeschreiblichen Jubels, mit dem die Seele sich aus dem zerfallenden Kadaver aufschwang ... vielleicht, sie schloß die Augen – eine Welle der Erregung überflutete sie, daß ihr schwindlig wurde – vielleicht würde sie im Augenblick des Sterbens Olga sehen ... sehen? wenn der Mechanismus von Linsen und Sehpurpur und Nerven zerstört war? ... aber fühlen ... ahnen.
Es gab nur zwei Möglichkeiten – entweder das Bewußtsein blieb erhalten, oder es verflüchtigte sich. Im ersteren Fall war es kein größeres Risiko, eine andere Daseinsform anzunehmen, als etwa die Wohnung zu wechseln – im letzteren gab es keinen Schmerz, keine Reue, keine Trauer über das vertane Leben ...
Mette starrte nach den Sternen. Sie dachte daran, daß Olga ihr einmal erzählt hatte, wie sie durch die Kraft ihrer sehnsüchtigen Wünsche fast die Seele vom Körper gelöst hätte und auf die Wanderschaft geschickt. Mette fühlte, daß sie diese suggestive Macht über sich selbst nicht hatte. Aber vielleicht konnte sie nachhelfen, der gefangenen Seele ein kleines Tor aufsprengen – in der Brust oder in der Schläfe.
Ob sie wohl abdrücken würde, wenn sie jetzt den Revolver in Händen hielte? – – –
Aber der Weg durch das Zimmer war weit. Eh’ sie den dritten Schritt getan hätte, würde die feige Angst wieder da sein, und der brennende Wunsch nach den ganz kleinen, dummen, niedrigen Freuden des Lebens ... es müßte so nett sein, jetzt auf einer der Terrassen der hellerleuchteten Kaffeehäuser zu sitzen, Eis zu essen und Musik zu hören – nicht allein natürlich – in einem Kreis ruhiger, harmloser, bürgerlicher Menschen.
Es müßte sehr nett sein ...
... schöne und elegante Frauen an sich vorübergehen zu lassen – die auf- und abwogenden Leute zu bewundern oder zu bespötteln – sich von süßen und sentimentalen Geigenmelodien streicheln zu lassen ...
Und Eis mit Früchten! ...
Freilich, Sterben war vielleicht schöner ...
Und es war eigentlich leichter –
Der Revolver lag so nah!
Sie wandte den Kopf nach ihm. Es war fast, als riefe er nach ihr. Aber ihr Körper war schwer und wie festgekettet an dem Stuhl. Sie wußte: ‚Wenn ich jetzt aufsteh’, dann tu ich’s!‘
Aber sie stand nicht auf.
Draußen wurden lachende Stimmen hörbar, wurden lauter, kamen näher.
Man rief ihren Namen, klopfte an ihre Tür.
Sie brachen wie eine Horde in das stille Zimmer ein: Gisela, Kramer, Giesbert, die Luigi, Willi Krafft und Johannes.
„Weiß Gott, sie sitzt im Dunkeln!“ „Hast du gemunkelt?“ „Machst du astronomische Studien, oder willst du dich aus dem Fenster stürzen?“ „Mach hopp, dalli, komm mit, wir wollen noch ein bißchen bummeln! Es ist eine herrliche Frühlingsluft draußen!“ „Atmest du nicht mit mir ...?“
Sie hatte sich nicht nach diesen Menschen gesehnt – nach keinem von ihnen. Aber sie war fast gerührt, daß man sie nicht vergessen hatte. Sie dachten doch an sie – sie wollten sie mithaben – sie hatten sie vermißt – es war doch gut, nicht ganz allein zu sein auf der Welt.
„Gut,“ sagte sie heiter, „ich dachte gerade an Eis mit Früchten, als ihr kamt! Es ist nett, daß ihr mich holt – aber ihr müßt mir fünf Minuten Zeit lassen, daß ich mich anziehen kann – um eurer illustren Gesellschaft würdig zu erscheinen.“
Mette holte ihr hübschestes Sommerkleid aus dem Schrank, den kleidsamsten Hut – sie wußte selbst nicht warum. Aber sie hatte das unklare Gefühl, als liefen heute alle Bewohner der Stadt auf der Straße herum, um mit sehnsüchtigen Augen nach einem Menschen zu suchen. Vielleicht traf sie für eine Sekunde ein Blick, der an ihr Gefallen fand, aus irgendeinem Augenpaar, das ihr gefiel.
Es flog ihr durch den Kopf, während sie vorm Spiegel den Hut aufsetzte: Vielleicht ist es das, was die Menschen so ruhelos umhertreibt, immer von einer dieser sogenannten Vergnügungsstätten nach der andern – dies, daß sie hoffen, irgendwo für einen flüchtigen Augenblick dem Menschen zu begegnen, den sie suchen – den sie alle suchen, ihr Leben lang, weil sie alle allein sind. – – –
Sie saßen erst in den Korbsesseln einer Kaffeeterrasse, bei kleinen Lampen mit rosenbedruckten Seidenschirmen und Perlfransen, und aßen Eisfrüchte und Waffeln und tranken einen süßen Likör, um einer „Vergletscherung der Magenwände“ vorzubeugen, wie Giesbert sagte.
Aber die Luigi, die getanzt hatte, und Krafft und Johannes, die im Konzert gewesen waren, hatten noch nicht zu Abend gegessen und äußerten Sehnsucht nach einem reellen Beefsteak oder Schnitzel.
Man ging also zwei Häuser weiter in ein Weinrestaurant, wo die Musik dieselben Stücke in etwas veränderter Reihenfolge spielte.
Nach dem Essen ging man in die nächste Bar, trank ein Glas Schwedenpunsch und eine Flasche Sekt, und die Luigi tanzte mit Giesbert und mit Krafft, was alle andern Tanzenden zum Aufhören und interessierten Zuschauen veranlaßte. Mette fühlte sich ein wenig in ihrer Eitelkeit geschmeichelt, weil sie zu diesen gut tanzenden Leuten gehörte.
Als die Polizeistunde kam, machten die Kellner Rechnung, stellten eine gedämpftere Beleuchtung her und zogen die schweren violetten Vorhänge vor die Fenster. Niemand dachte daran, aufzustehen und zu gehen.
An einem Nebentisch saß eine schöne blonde Frau mit zwei Herren. Mette sah die ganze Zeit zu ihnen hinüber. Die blonde Frau beobachtete alles mit einer lachenden staunenden Neugier, als hätte man sie in einen zoologischen Garten geführt, und die beiden hochgewachsenen Männer saßen neben ihr, als hätten sie die Aufgabe, sie vor jedem frechen Blick und jedem giftigen Hauch zu schützen.
‚Vielleicht ist das eine ihr Mann und das andere ihr Bruder,‘ dachte Mette, ‚es ist ein Platz am Tisch frei – warum sitz’ ich nicht da? Gehör’ ich nicht zu diesen Leuten? Meiner Familie nach, meiner Erziehung, meiner Bildung, meinen Manieren? Der Glattrasierte ist sicher ihr Bruder – er hat eigentlich ganz ihr Gesicht. Würde es nicht viel besser zu mir passen, wenn ich mit ihm verlobt wäre und mit ihm und meiner Schwägerin und meinem Schwager einen kleinen Bummel machte – sehr hübsch wäre das. Warum wünsch’ ich mir das eigentlich? Wirklich nur, weil ich Sehnsucht nach ganz klaren, bürgerlichen, reinlichen Verhältnissen habe? ... oder weil die schöne Frau mir gefällt?‘
Als die drei Leute vom Nebentisch aufgebrochen waren, fing Mette an, es langweilig und öde zu finden. Sie war müde und hatte reichlich genug, aber ihr war doch, als müßte sie noch weiter, um irgend etwas zu erleben, als müsse sich noch irgend etwas ereignen, was dieser sinnlosen Vergeudung von Zeit und Geld einen Schein von Berechtigung gäbe. Sie hatte Angst, daß es wieder so würde wie immer, wenn sie sich zeitiger von der Gesellschaft trennte, weil sie die Langeweile nicht mehr ertragen konnte und es dann am anderen Tage hieß: „Schade, daß du so früh gegangen bist – es war noch so besonders nett nachher, wir haben den und den getroffen, und wir waren so ausgelassen!“
Gisela bestand darauf, in den Klub zu gehen. Die andern, bis auf Krafft, der keine Karte anrührte, nicht aus moralischen Bedenken, aber weil es ihn tödlich langweilte, stimmten ihr zu.
Mette erschrak ein wenig. Sie wußte, daß es kommen würde, wie immer. Gisela würde spielen und verlieren. Dann würde sie für Mette weitersetzen und wieder verlieren. Dann würde Mette versuchen, etwas zu retten und selbst setzen – mit ein wenig Vorsicht und Zurückhaltung. Und sie würde zweimal gewinnen und dreimal verlieren. Oder auch umgekehrt.
Jedenfalls hatte die Stunde im Klub nachher immer ein paar hundert oder ein paar tausend Mark gekostet, und Mette pflegte dann wochenlang die verlorene Summe in Bücher umzurechnen, die sie in den Schaufenstern sah, oder in schöne Holz- und Ledersachen. Oder sie betrachtete die Bettler auf der Straße, die sie damit hätte glücklich machen können, und die blassen Kinder, die mit wunschbrennenden Augen vor Spielzeug- oder Süßigkeitenläden standen.
Gewiß – sie kam nicht in Verlegenheit. Sie konnte an die Bank telegraphieren und hatte in wenigen Stunden Geld, soviel sie wollte. Sie wurde nicht ganz klug aus den Bankabrechnungen – aber soviel wußte sie doch, daß sie mehr als ihre Zinsen verbrauchte. Es gab ihr manchmal ein unbehagliches Gefühl, fast wie einen leichten Schwindel. Aber dann schalt sie sich philisterhaft und enggeistig. Sie würde ja nie Kinder haben – und sie würde nicht lange leben. Vielleicht wäre es ganz gut, einmal keinen Pfennig mehr zu besitzen, und so gleichsam auf des Messers Schneide zu balanzieren. In solchem Augenblick würde sich erweisen, ob die Kräfte des Lebens stark genug in ihr wären – vielleicht würde sie in einem ganz bescheidenen, arbeitsamen Dasein – als Kellnerin, als Verkäuferin – glücklicher werden. Vielleicht wäre äußere Not Anstoß zugleich und Entschuldigung, den geliebten Revolver an der Schläfe abzudrücken.
Es war nicht nur Gleichgültigkeit gegen Leben und Tod, die Mette veranlaßte, mit den andern in den Klub zu gehen. Gisela spielte mit mehr Unglück als Leidenschaft, und wenn sie so dringend darauf bestand, den Klub, irgendeine Bar oder eine Diele aufzusuchen, so tat sie es, weil sie vermutete, Fiametta dort zu treffen. Mette wußte das. Sie waren einander im Winter oft begegnet, und Mette freute sich jedesmal an ihrer ausdrucksvollen und hochmütigen Schönheit und ärgerte sich jedesmal, weil die andere immer gewählter angezogen, sicherer im Auftreten und vor allen Dingen in besserer Gesellschaft war als sie selbst.
Da nichts und niemand in der Nähe war, um Mettes Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, hatte sie Zeit gehabt, in einem Pfeilerspiegel sich selbst zu beobachten. Sie erschien sich sehr fremd, aber eben darum ganz annehmbar – sie nickte ihrem Bild mit den Augen zu, als wollte sie sagen: Sei nur ruhig, heut’ wird es uns gelingen, ein ebenso hochmütiges Gesicht zu machen wie diese selbstbewußte Person! – – –
Als sie den Klub verließen, waren sie alle mehr oder weniger schlechter Laune. Sie hatten alle verloren bis auf Johannes, der, die Hände voller Scheine, mit Tränen in den Augen und flehenden Worten hinter Krafft herlief, um ihm das Geld aufzudrängen.
„... das ist doch meins, Willi,“ hörte Mette, „das hab’ ich doch so gut wie verdient! Davon weiß doch kein Mensch etwas!“
Willi Krafft wies ihn ab, mit kaum beherrschter Ungeduld, beide Hände in den Jackentaschen vergraben.
Sie taten alle beide Mette leid. Und Kramer tat ihr leid, der unheimlich viel verloren hatte und ganz blaß und einsilbig war.
Und Giesbert und die Luigi taten ihr leid, die sich gegenseitig Vorwürfe machten, nicht wenigstens auf verschiedenen Seiten des Tisches gesetzt zu haben. Und aus deren halblauten heftigen Worten etwas flackerte wie jahrelang schwelender Haß.
Und Gisela tat ihr leid, weil sie elend und verfallen aussah wie eine Schwerkranke – und weil sie die Fiametta nicht getroffen hatte.
Und sie selbst tat sich leid – oh, sie tat sich selbst so leid!
Sie waren alle schlechter Laune, aber niemand wollte nach Hause gehen, um allein damit fertig zu werden.
Sie erwarteten alle noch eine Entschädigung für diese vergeudete Nacht, einen tollen Rausch, eine große Lustigkeit – eine Sensation, ein Erlebnis, eine Freude, oder eine Stunde Vergessen aller Widerwärtigkeiten.
„Wo jetzt hin?“ fragte Giesbert und ließ mit etwas erzwungenem Übermut den Stock tanzen, „Stimmung, Herrschaften, Stimmung. Der Kater hat bekanntlich erst morgen in Aktion zu treten! Auf zum süßen Emil. Ich taxiere, die überwiegende Mehrzahl unserer erlauchten kleinen Gesellschaft wird sich da wie zu Hause fühlen.“
Sie bogen in eine stille, dunkle Seitenstraße. Still und dunkel lag da ein kleines bürgerliches Bierlokal dritten Ranges. Eine ältere Frau mit bloßem Kopf und Umschlagetuch schien auf einen herumschnüffelnden kleinen Hund zu warten, den sie von Zeit zu Zeit lockte und rief.
Giesbert schien sie zu kennen. Er begrüßte sie durch einen freundschaftlichen Schlag auf die Schulter und forderte sie auf, die Haustür zu öffnen.
Die Alte übernahm die Führung, unter ständigen geflüsterten „Obacht“-Rufen ging es Stufen hinauf und hinab, über einen unbeleuchteten Hof, durch schmale Türen, enge, stockdunkle Gänge zwischen dicken Friesvorhängen hindurch, bis Licht, Geräusch, Farben und Stimmen einem plötzlich wirr und überraschend entgegenschlugen.
Der große langgezogene Raum, in einem fliederfarbenen Licht gebadet, war mit raffiniertem Geschmack ausgestattet, schwarz und lila waren die vorherrschenden Farben, schwarz war der dicke Teppich mit verstreuten lila Blüten, schwarz die polierte Holztäfelung, schwarz der Marmorkamin, die schweren Samtvorhänge, mit rasend verzerrten lila Ornamenten bedeckt, schwarz Bronzen und Holzschnitzereien, die auf dem Sims der Täfelung standen und sich von der fliederfarbenen Wandbespannung abhoben.
„Hübsch,“ sagte Mette mit erstaunten Augen, „wie kommt das hierher?“
„Das haben ihm seine Freunde so eingerichtet,“ sagte Giesbert mit etwas spöttischem Lächeln. „So als eine Art kleines Privatetablissement! Warum soll es nicht hübsch sein? Es sind sehr reiche Leute darunter – und sehr bekannte Künstler – Maler, Bildhauer, Innenarchitekten – was Sie wollen! Der süße Emil liefert ihnen als Revanche den Sekt und die Gesellschaft!“
„Emil!“ rief Johannes einen schlanken, geschmeidigen, dunkellockigen Mann an, „zeig’ doch unsern Damen einmal dein Lokal!“
Der Gerufene war mit viel Liebenswürdigkeit bereit. Er öffnete eine schmale Tür, und man kam in einen trübe erleuchteten, nüchternen Raum, in dem ein Dutzend braune Tische standen, auf denen jetzt schon die leichten Rohrstühle aufgestapelt waren, und wo bunte Plakate von Bier- und Tabakfirmen an den Wänden prangten.
An einem Tisch in der Ecke, der noch gedeckt war, lümmelten sich ein paar junge Burschen mit Karten in der Hand.
Anstoßend war der eigentliche Schankraum, dessen Fenster auf die Straße gingen. Wieder ein paar Tische und Stühle, die Theke mit den blankgeputzten Bierhähnen, ein Orchestrion an einer Wand. Hier war es fast ganz dunkel, nur eine kleine Notlampe über dem Büffet warf blitzende Lichter auf das Metall. In einer Ecke sah man schattenhaft zwei Gestalten, die miteinander zu ringen schienen, und hörte unterdrücktes Gekicher.
Sie gingen in den ersten Raum zurück, und „Emil“, wie er von allen Seiten gerufen wurde, war ihnen behilflich, einen bequemen Tisch und die nötige Anzahl Stühle zu finden.
Mette betrachtete die Leute um sich mit einem Gemisch von Neugierde, Teilnahme und Widerwillen.
Nicht weit von ihr saß ein fetter, schwarzbärtiger Mann, an seiner breiten, behaarten Hand blitzte und funkelte ein rosiger Solitär. Mit dieser dickfingrigen, ringgeschmückten Hand tätschelte er Kopf und Schulter eines jungen, blassen Burschen, der offenbar einen ausgewachsenen Sonntagsanzug anhatte und halb frech und halb verlegen aussah.
An einem anderen Tisch saß ein vornehm aussehender alter Herr, dessen feingezeichnetes Gesicht mit dem ergrauenden Spitzbart den Denker verriet. Die eine der schmalen weißen Hände lag um den Fuß des Sektkelches, die andere begleitete seine langen Reden mit einer Geste, als stünde er auf der Tribüne oder auf der Kanzel. Seine schönen blauen Augen glühten wie in einem Feuer jugendlicher Begeisterung. Ihm gegenüber saß ein breitschultriger, stiernackiger Soldat mit einem hübschen ehrlichen Bauerngesicht und grinste geschmeichelt und verständnislos.
Mehr noch als die Männer zogen die Frauen Mettes Blicke an. Es war eine ganze Stufenleiter von Erscheinungen da. Solche, die zum dunklen Jackenkleid mit Aufschlag und Brusttasche den steifen Kragen, zum kurzgeschnittenen Haar den kleinen Herrenhut trugen – andere, die sich nur durch eine leise Schattierung verrieten – einige, aus deren scharfen Zügen Geist und Charakter sprachen, andere, die ganz den Typ der Kokotte vertraten.
Eine von allen fand Mette sehr schön. Sie war groß und schlank, hatte kurze goldbraune Locken und Bau und Profil eines Griechenknaben. Sie war in einer großen, ausgelassenen Gesellschaft, lachte viel und schien schon leicht betrunken.
Eine süße, aufreizende und gedämpfte Musik ertönte hinter einem Vorhang. Zwei junge Soldaten in Uniform hielten sich an den Hüften gefaßt und wiegten den geschmeidigen Körper im Walzertakt. Sie setzten die Füße in den schweren Stiefeln zierlich und behutsam wie Tänzerinnen – kein Schritt wurde hörbar.
„Jetzt ist der Moment gekommen,“ entschied Giesbert, „wo wir uns einen andudeln müssen. Ach Emil, wie ist doch das Leben bei dir reell! Wenn ich denke, ich kriege eine Flasche Sekt, dann krieg’ ich sie auch, aber wenn ich denke, ich kriege neune, dann kriegt sie die Bank.“
„Aber nein, Herr Giesbert,“ sagte Emil lächelnd, „Sie kriegen auch neun Flaschen Sekt!“
Sie tranken Sekt, und Sekt mit Rotwein, und Sekt mit Porter, und Benediktiner, und Schwedenpunsch, und Flips und wieder Sekt.
Mette trank ein wenig vorsichtig, und es machte ihr Spaß, zu beobachten, wie sie alle, einer nach dem andern, anfingen, Unsinn zu schwatzen.
Aber obgleich sie noch ihrer Zunge und ihrer Gedanken Herr war, fühlte sie doch das Blut etwas rascher kreisen und die Musik wie einen warmen Strom durch ihre Nerven rinnen. Einen Augenblick, als sie die Augen schloß, hatte sie den Wunsch und fast visionär auch die Vorstellung, am Rhein zu sitzen, auf einer Terrasse oder in einem blühenden Garten, vom Wasser her alte sentimentale Volkslieder zu hören und in einem vertrauten Kreise eine duftende Maibowle zu trinken.
Als sie die Augen aufschlug und den rauch- und dunsterfüllten Raum in den krankhaften Farben sah, faßte sie Grauen und Elend.
Sie waren so lustig geworden am Tisch, alle hatten sie weiche, offene, brennende Lippen und glühende Augen, alle lachten und schmiegten sich wie liebkosend in die Stühle oder tasteten mit den Händen nach einander.
‚Rausch, Rausch,‘ dachte Mette, ‚ich muß es doch erzwingen können, ich muß doch empfinden können, was sie alle empfinden! Es war doch vorhin schon so ein warmes Wohlgefühl in mir, ein leichter, gleitender Schwindel – warum ist es nur schon wieder verraucht und alles so schal und ekelhaft?‘
Sie stürzte rasch ein paar Gläser Sekt herunter. Aber sie spürte danach nur einen dumpfen, lastenden Druck über den Augen.
Sie hielt die Hand über das Glas, als Krafft ihr einschenken wollte, um sie ‚lustig zu machen‘:
„Bitte, nicht, ich habe schon Kopfweh, und lustig werde ich doch nicht.“
„Nimm doch ein bissel Koks, damit du den Kopf freikriegst,“ riet Gisela.
„Vielleicht.“ Mette war alles recht.
Von allen Seiten wurden ihr goldene und silberne Döschen gereicht.
Sie nahm ein wenig von dem weißen Pulver auf den Handrücken und sog es in die Nase. Sie hatte die Vorstellung von stäubendem Schnee, als sie die weißen Kristalle sah. Der Raum war schwül und dunstig, und die Vorstellung tat wohl. Es war, als ob sie reine, klare Winterluft atmete. Ihre Schädeldecke tat sich auf, und der drückende Nebel, der sich um ihr Gehirn gelagert hatte, entwich. Schleier schienen vor ihren müden Augen zu zerreißen, alles rückte näher, wurde fester in den Umrissen, klarer in den Farben.
„Gott sei Dank,“ sagte sie erleichtert, „ich fange an, euch zu begreifen – es ist wirklich ein herrliches Gefühl.“
Nur ließ die Wirkung bald nach. Sie versuchte es noch einmal.
Ihr Kopf war frei, ihre Gedanken fest. Sie fühlte sich wohl und sicher.
Giesbert machte ihr Komplimente, mit ein wenig schwerer Zunge:
„Fabelhaft, kleine Rudloff, fabelhaft! Das kleine Mädchen kann was vertragen, allerhand Hochachtung! Die trinkt uns unter’n Tisch, Willi, und schnupft uns unter den Fußboden, in den Keller, noch unter den Keller – wir sind überhaupt gar nicht mehr da, so klein sind wir vor ihr – sooo klein.“
Die kleine Luigi hatte mit Kramer den Platz gewechselt, um neben Mette zu sitzen. Sie legte beide Arme auf ihre Stuhllehne und redete halblaut auf sie ein:
„Sagen Sie mir ehrlich – warum können Sie mich eigentlich nicht leiden? Ich habe Sie immer so furchtbar gern gehabt, vom ersten Augenblick an – ich darf das doch sagen, nicht, Giselchen? Aber ich hatte immer das Gefühl, daß Sie mich nicht leiden mochten! Ich bin Ihnen wohl zu weiblich, nicht wahr? Aber – glauben Sie mir, das hat mit dem Äußeren gar nichts zu tun! Oder mögen Sie gern kurzes Haar? Soll ich mir die Haare abschneiden lassen?“
„Mette ist die einzige Frau der Welt, die ich heiraten würde,“ erklärte der kleine Johannes wie ein schlaftrunkenes Kind, „Mette würde ich glatt heiraten, wenn ich ein Mann wäre!“
„Gott, was hat die Frau für Fesseln!“ Krafft umspannte bewundernd Mettes Handgelenke. „Zeigen Sie her! An den Füßen auch?“
Mette stemmte lachend die gekreuzten Füße gegen den Rand seines Stuhls. Er streichelte ihre Knöchel in den dünnen seidenen Strümpfen.
„Du darfst sie streicheln,“ erlaubte Johannes großmütig, „weil es Mette ist, darfst du!“
In Metten schwoll eine große und fast gerührte Freude. Sie fühlte sich schön, begehrenswert und begehrt.
„Sie hat die schönsten Beine der Welt,“ sagte Gisela und schob Mette lachend die Röcke bis an die Knie zurück. Mette ließ es ruhig geschehen. Zum erstenmal sah sie selbst in einem Rausch von Stolz das vollendete Ebenmaß ihrer schlanken Beine.
Das Mädchen am andern Tisch, das aussah wie ein Griechenknabe, versuchte immer Mettes Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Jedesmal, wenn Mettes Blick hinübertraf, führte die andere das Glas zum Munde. Erst hatte sie es wie zufällig getan, jetzt lächelte sie und hob es ihr entgegen. Mette lächelte wieder und trank ihr zu.
Jetzt wollte das Mädchen aufstehen; die Leute am Tisch suchten sie mit Gelächter zurückzuhalten. Aber sie ließ sich nicht beirren.
Sie kam mit dem Glas in der Hand auf Mette zu. Die Bemühung, recht gerade und sicher zu gehen, gab ihren Bewegungen eine besondere Anmut.
„Ich möchte mit Ihnen anstoßen,“ sagte sie mit einem trotzigen kleinen Lachen.
Mette hob ihr Glas. Sie stießen an und tranken.
Die Fremde blieb stehen: „Und – ich möchte Ihnen auch einen Kuß geben – das heißt, wenn Fräulein Werkenthin es erlaubt.“
Alle am Tisch lachten schallend auf und riefen alles Mögliche durcheinander.
„Ich erlaube,“ sagte Gisela spöttisch.
„Sie hat gar nichts zu erlauben,“ widersprach Mette trotzig.
Die Fremde beugte sich schnell über sie, und Mette fühlte auf ihren Lippen den offenen, heißen, weinfeuchten Mund – sekundenlang. Sie schloß die Augen, und dadurch, daß ihr der Kopf in den Nacken gepreßt wurde, dadurch, daß Krafft ihre Füße immer noch auf seinem Stuhl festhielt, wurde ihr so schwindlig, daß sie sich mit beiden Händen an ihrem Sitz festklammerte. Sie hatte das Gefühl, daß der Stuhl sich neigte, daß der Raum schwankte, daß sie auf einer Schaukel wäre, die losgerissen durch die Luft flöge, oder auf einem Schiff, dessen auseinandergeborstene Planken von einem strudelnden Abgrund verschlungen würden.
Sie richtete sich auf und stieß die Fremde fast heftig vor die Brust, um Luft zu bekommen.
In demselben Augenblick sah sie, daß Gisela aufsprang, totenblaß, mit verzerrtem Mund und den Kopf vorgestreckt, wie ein sprungbereiter Panther, mit brennenden Augen nach dem Eingang starrte.
Mette folgte unwillkürlich dem Blick, und sie sah noch den dunklen Vorhang hinter den eben Eingetretenen zusammenfallen.
Neben der etwas gebeugten Gestalt Ulrich Zeedens stand Corona von Gjellerström, am Arm eines großen, schlanken, eleganten Mannes.
Ihre Augen waren so groß und klar, ohne Erstaunen, voll prüfender Neugier und von einem warmen, samtenen Glanz. Metten schien es, als wären diese Augen nicht eines Armes Länge von ihr entfernt, so deutlich sah sie das Spiel der Lider, die Lichtflecke in der braunen Iris, den Schatten der Wimpern.
Diese Augen hoben sich mit sanftem Aufstrahlen dem Mann an ihrer Seite zu, als hätten sie übergenug von dem Bilde, das sie eben aufgefangen, ihre Lippen bewegten sich, der Mann nickte zustimmend, sie wandten sich alle drei, und der Vorhang fiel wieder hinter ihnen zusammen.
Gisela riß ihr Glas vom Tisch und schleuderte es mit einem harten Auflachen nach der Tür. Giesbert und Krafft packten sie sofort an den Handgelenken. Sie wehrte sich, wollte sich freimachen, ließ schließlich den Kopf auf die Brust hängen und brach in ein lautes haltloses, hysterisches Weinen aus.
Die andern Leute, so sehr sie auch mit sich beschäftigt waren, wurden aufmerksam.
Mette fing an, am ganzen Körper zu zittern.
„Fort,“ sagte sie halblaut, „nur fort, nur fort, nur fort.“
Sie hatte das Gefühl, als ob sie im nächsten Augenblick in das schreiende Weinen einstimmen müßte, oder sich auf den Boden werfen, oder den Tisch umstoßen und mit den Füßen in die Gläser und Flaschen treten.
Sie war froh, als sie endlich auf der Straße standen, in einer kühlen, blauen Morgendämmerung, noch froher, als sie ein Auto fanden, das sie alle aufnahm.
Die Luft gab ihr die Besinnung wieder. Ihr war übel und sterbenselend.
Sie beschwor die anderen auf den Treppen, auf den Gängen, keinen unnötigen Lärm zu machen. Je mehr sie bat, desto übermütiger wurden sie. Kramer hatte jeden Halt verloren; er wollte durchaus bei Frau Meidinger anklopfen und sie ersuchen, ihm ein schönes Mädchen zur Verfügung zu stellen.
„Es ist ihre Pflicht,“ lallte er, „sie ist die Mutter von diesem sogenannten Etablissement hier. Sie kann es mir ruhig auf die Rechnung setzen, sie setzt einem ja so alles auf die Rechnung.“
Als Mette ihre Tür aufschloß, wollte Giesbert sich mit hineindrängen. Sie stieß ihn zurück, aber er packte sie, und in der offenen Tür entspann sich ein Ringen, bei dem Giesbert Mette an sich riß und ihr Gesicht und Hals mit wütenden Küssen bedeckte.
Plötzlich tat sich die Nebentür geräuschvoll auf, und Luise Peters stand auf dem Gang, in einem seltsamen großkarrierten Morgenrock und einer Nachtfrisur, zwei langen, glattgeflochtenen Zöpfen, und verlangte energisch Ruhe.
Die kleine Luigi fand ihren unerwarteten Anblick so komisch, daß sie sich bog und schüttelte und mit ausgestrecktem Finger auf sie zeigte.
Mette benutzte Giesberts überraschtes Herumfahren, um in ihr Zimmer zu schlüpfen, die Tür zuzuschlagen und abzuriegeln.
Sie taumelte gegen den Schrank, an dem sie sich festhielt, an allen Gliedern zitternd. Eine brennende Scham fraß an ihr, zernagte sie innerlich, höhlte sie aus.
Sie krümmte sich und konnte doch den unablässigen, bohrenden Schmerzen nicht entgehen. Sie wünschte sich fort und wußte doch, daß sie nicht den Mut und die Kraft hatte, einen Handkoffer zu packen. Sie mußte fort sein, wenigstens aus dem Haus, eh’ der Morgen kam. Es war undenkbar, daß sie je wieder das gemeinsame Speisezimmer betrat. Undenkbar, daß sie abwartete, bis Frau Meidinger ihr kündigte, weil sie solche Elemente nicht in ihrem Haus dulden wollte.
Sie verspürte Grauen und Ekel vor sich selber. Dazu kam das körperliche Übelbefinden, Schwindel, Müdigkeit, Herzschlagen, die gallige Bitterkeit, mit der das Kokain ihr im Rachen brannte ...
Sie fühlte, daß ein Entschluß gefaßt werden mußte, und sie wußte nicht, welcher.
Ihre Gedanken suchten in fiebernder Angst nach einem Halt, an den sie sich klammern konnten. Sie suchten nach einem Menschen, dem sie beichten konnte, und der die Macht hatte, loszusprechen. Sie suchten nach einem Menschen, der sie vor sich selbst in Schutz nahm, vor dem sie knien könnte, in dessen Schoß sie das Gesicht verbergen könnte, und der gütige, starke Hände auf ihren Kopf legte.
‚Mutter,‘ schrie es in ihr, ‚Mutter!‘
Ihre Gedanken drängten zu Sophie – sie wehrte ihnen. In dem friedevollen kleinen Haus, das ihr immer so tröstlich Zuflucht geboten hatte, war sie zum Störenfried geworden. Nicht durch eigene Schuld, dachte sie bitter.
Olga – nur bei Olga war Rettung. Sie wollte den Revolver an die Stirn drücken und wollte denken, es wären Olgas kühle feste Hände.
Und Olgas Hände würden alles Peinigende auswischen – auslöschen – Scham und Reue und Ekel und Gram und hoffnungslose Verzweiflung. In der nächsten Sekunde schon konnte das alles ausgelöscht sein.
Und wenn sie morgen tot war, war alles erklärt. Die kleine Luigi würde es nicht verstehen. Sie würde immer dabei bleiben: sie war doch so lustig gestern.
Aber Cora von Gjellerström würde es erfahren. Und sie würde sich der heutigen Nacht erinnern – sie hatte Mette wohl gesehen, oh, Mette fühlte noch ihren Blick – und sie würde ein wenig fröstelnd die Schultern zusammenziehen bei dem Gedanken, daß sie eine Sterbende gesehen hatte.
Und Luise Peters würde sagen: das arme Kind, sie hat sich Mut angetrunken.
Sophie würde sehr erschrecken – vielleicht auch sich grämen. Aber was ging das Metten an! Sophie hatte sich ja auch nicht darum gekümmert, was aus Mette wurde. Und sie hatte ja Nora ...
Es mußte schnell geschehen, eh’ jemand im Haus wach wurde. In zwanzig Sekunden konnte es vorüber sein – alles vorüber ...
In dem Augenblick, als sie den Revolver aus dem Kasten hob, klopfte es an die Tür.
Mette stand reglos und hielt den Atem an. Vielleicht sollte sie es jetzt tun, gerade, schnell, gehetzt von dem ungeduldigen Klopfen.
Dann war es vorbei – dann sollte der, der da klopfte, ihretwegen die Tür eintreten.
Ob es einen lauten Knall gab? Sie selber würde wohl nichts mehr davon hören ... hoffentlich nicht – obgleich das Ohr von allen Sinnen am längsten in Funktion bleiben sollte ... ach, vielleicht ging es gar nicht so schnell – vielleicht hörte sie noch das Tür-Aufbrechen und Gekreisch und Gejammer.
„Bitte, machen Sie auf!“ rief draußen eine ebenso flehende als fordernde Stimme, „bitte, Fräulein Rudloff, machen Sie einen Augenblick auf.“
Das war nicht Giesbert, oder Mara Luigi, oder eins von den Mädchen. Das war Luise Peters.
Vielleicht war sie krank und brauchte einen Menschen. Sie würde wohl schwerlich in der Nacht an der Tür rütteln, um Mette eine Moralpredigt zu halten.
Mette warf den Revolver achtlos in den offenen Kasten zurück und öffnete die Tür.
Luise Peters drängte sich ins Zimmer. Breit und robust stand sie da, ein wenig lächerlich in ihrem großkarrierten Morgenrock, trotz ihrem angstblassen Gesicht.
Ihr rascher, wacher Blick traf den offenen Nachttischkasten und den Kolben des Revolvers, der kaum sichtbar daraus hervorragte.
Aber sie verriet sich mit keiner Miene.
„Ich wollte Sie um Entschuldigung bitten, mein kleines Fräulein,“ sagte sie mit gutmütigem Lächeln, „ich habe mich vorhin beschwert, weil ich dachte, Sie kämen sehr lustig nach Hause. Aber ich merkte dann gleich, daß Ihnen nicht gut war. Sie müssen sich gleich hinlegen – aber Sie können ja kaum auf den Füßen stehen – darf ich Ihnen nicht behilflich sein? Sie können es mir gern erlauben, ich versteh’ etwas von Krankenpflege ...“
Während sie sprach, nahm sie Mette den Hut von dem wirren Haar. Sie knöpfte ihr das Kleid auf. Sie hielt sie dabei wie eine Puppe immer in einem ihrer starken Arme und drehte sie hin und her. Sie zog ihr die drückenden Haarnadeln aus dem gelockerten Knoten.
Mette spürte plötzlich die warme Nähe eines Menschen, sie spürte die guten, starken, sorgenden Hände – es war, als ob eiternde Wunden in ihr aufbrächen und warmes Blut alle Schmerzen wegschwemmte – sie fing an zu weinen, ein unstillbares, sanftes, erlösendes, qual-fortspülendes Weinen.
„Ich bin noch zu klein,“ sagte sie unter strömenden Tränen, „Sie werden denken, ich bin betrunken – aber es ist mein voller Ernst: um so entsetzlich allein durch die Welt zu laufen, bin ich noch viel zu klein!“ – – –
Drei Tage lang hielt Luise Peters Metten in einer sanften Gefangenschaft. Sie ließ sie keine Minute allein, bestellte ihr das Essen aufs Zimmer und wies jeden Besucher mit der Begründung ab, daß Mette krank sei.
Metten war es ganz recht so. Sie selbst hätte die Kraft zu dieser Lüge nicht gefunden, und doch fühlte sie die Notwendigkeit, sich von all den Menschen, mit denen sie das letzte Jahr gelebt hatte, auf Nimmerwiedersehen zu lösen.
Am ersten Tag versuchte Luise Peters Metten zu überzeugen – was nicht schwer war – daß sie einen ganz unpassenden Verkehr unterhielte und am besten täte, der Stadt und all ihren sogenannten Freunden den Rücken zu kehren.
Am dritten – vormittags – erzählte sie Mette viel von ihrer Heimatstadt – von der weitberühmten Sauberkeit, nach der sie sich immer zurücksehne, von den Menschen, die für steif und förmlich galten, weil sie das Herz nicht auf der Zunge trügen – die aber ehrlich wären und trotzig und treu – und von ihrer kleinen schönen Stiefschwester Gwendolen, die in Mettes Alter wäre, aber noch ein Kind – das vom ganzen Hause sorglich behütete Nestküken. Das wäre eher ein passender Umgang für die arme kleine feine Mette, als diese greulichen Weiber hier ...
Am Nachmittag half sie Mette die Koffer packen. Mette wollte fort – nach der reinlichen Stadt, wo die flinken weißen Schiffchen das blaue Wasser kreuzten.
Mette war sehr gerührt von all der Güte, und fast noch mehr von dem Vertrauen.
Sie lächelte – ein schweres und wissendes Lächeln – als Luise Peters sie zum Abschied in die Arme nahm und mit tränennassen Augen auf beide Wangen küßte.
‚Im Grunde bin ich doch zehn Jahre älter als sie,‘ dachte sie traurig, ‚denn ich weiß, wovon sie Gott sei Dank keine Ahnung hat: daß sie verliebt in mich ist! Weil sie ein wenig von der Veranlagung der greulichen Weiber hat – sie würde es sich selbst nie eingestehen. Vielleicht würde sie sich erschießen, wenn sie es sich zugeben müßte. Gott gebe, daß es ihr niemals zum Bewußtsein kommt.‘
Der einzige, dem Mette noch einmal die Hand geben wollte, war Eccarius. In seinem Gesicht stand viel Anteilnahme. Vielleicht hatte Luise Peters ihm mehr erzählt, als sie sich Metten gegenüber den Anschein gab, zu wissen.
„Sie sind mir noch ein Wort schuldig,“ sagte Mette mit einem mühsamen Lächeln, „ich habe öfter in schlaflosen Nächten darüber gegrübelt und wollte Sie fragen – dann hab’ ich’s immer wieder vergessen. Wissen Sie noch – als wir einmal zu Frau von Hersfeld hinaus pilgerten ...“ eine plötzliche Scheu hielt sie ab, Sophiens Namen auszusprechen, „da sagte ich, es soll mein Wahlspruch sein: das Leben lieben und den Tod nicht fürchten. Sie wollten aber den Satz nur umgekehrt gelten lassen ...“
„Ja,“ Eccarius nickte ernsthaft. „Den Tod lieben und das Leben nicht fürchten! Oder in andern Worten – und das ist der Spruch, der über meinem Leben steht – ein guter Spruch, um ihn auf eine weite Reise mitzugeben: Niemand darf sterben, ehe er den Tod nicht lieb gewann!“