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Der Skorpion. Band 2 cover

Der Skorpion. Band 2

Chapter 16: 1
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About This Book

A young woman arrives at unfamiliar lodgings after a painful separation and the death of a close companion, confronting solitude and the anxieties of anonymity while keeping a revolver and personal tokens close. She swings between suicidal impulses and a strong desire to live, feeling both wounded and hardened by grief. The narrative follows her intimate reflections as she makes herself at home in strange rooms, monitors neighbors, and tests her emotional defenses. Quiet scenes of nighttime observation and interior monologue trace a tentative return to engagement with life, complicated by secrecy, longing, and the need for self-protection.

 

Mette saß auf der Terrasse mit den älteren Damen, mit Frau Konsul Peters, mit Frau Senator Börgessen, mit Frau Generaldirektor Wietinghoff und mit der jungen Frau Vandahl, die ihres Zustandes wegen ein wenig schwerfällig war und lieber still im Korbsessel saß, als sich mit der „Jugend“ im Garten zu vergnügen.

Die Damen hatten fast alle eine Handarbeit zwischen den Fingern und arbeiteten mit mehr oder weniger Aufmerksamkeit. Das Gespräch floß dabei sanft und ruhig fort, ohne Hast, aber auch ohne Stockung.

Mette sah auf den weißen Netzgrund, durch den sie unermüdlich, aber ohne Eile, die Nadel hin- und herführte und freute sich im Stillen, daß sie die Unterhaltung nicht in Gang zu halten brauchte. Sie durfte die Augen auf ihre Arbeit gesenkt halten und brauchte nur aufzusehen und zu reden, wenn sie gefragt wurde. Sie wirkte dadurch bescheiden und jungmädchenhaft, und niemand ahnte, wie herrlich bequem sie das fand.

Sie hatte in den letzten Monaten mehr als ein dutzendmal auf dieser Terrasse gesessen, aber an diesem Tage empfand sie zum erstenmal die Schönheit des Gartens, die ruhigen Stimmen neben ihr, die hellen Rufe vom Tennisplatz, alles, Farben, Düfte, Klänge mit einem unendlichen Wohlbehagen, mit einer dankbar genießenden Freude.

Wochen und Wochen hatte sie in einem heimlichen Zittern gelebt, wie ein Verbrecher auf der Flucht. Hundertmal hatte sie geglaubt, Gisela vor sich zu sehen oder ihre Stimme zu hören, hundertmal, wenn sie einen Brief von Luise Peters aufriß, erwartete sie die Nachricht, daß Gisela Werkenthin ein entsetzliches Ende gefunden, hundertmal hatte ihr das Herz schon so gewaltsam geschlagen, daß sie mühsam nach Atem ringen mußte – hundertmal war Angst und Erschrecken umsonst gewesen.

Sie hatte sich oft vorgebetet, daß sie einen Skandal nicht zu fürchten brauche, weil ihr an der Meinung und Gunst der Leute nichts gelegen sei. Und doch hatte sie Momente, in denen sie sich eingestehen mußte, daß es weniger gräßlich wäre, die Nachricht von Giselas Tode zu empfangen, als sie plötzlich auftauchen zu sehen – hier zum Beispiel, auf der Terrasse des Peters’schen Hauses – und irgendeiner aufregenden Szene beizuwohnen – einer geschmacklosen Szene, zu deren Mittelpunkt sie wider ihren Willen selbst gemacht wurde. Sie konnte sich eine solche Szene mit Rede und Gegenrede bis ins kleinste ausmalen, so daß sie blaß und rot wurde, und das Blut ihr in allen Pulsen hämmerte.

Und mehr als einmal faßte sie den Vorsatz, eine erstaunt-beleidigte Haltung nicht zu verlieren, ein verständnisloses Lächeln festzuhalten – wenn sie die Sicherheit fand, jede Bekanntschaft zu leugnen, dann konnte, dann mußte man Gisela Werkenthin für eine Wahnsinnige halten und sie durch die Diener hinausschaffen lassen.

In schlaflosen Nächten lebte Mette das wieder und wieder durch.

Sie sah Giselas Gesicht, so unbeherrscht, so verzerrt von Haß und Schmerz und Rachsucht, wie in dem Augenblick, da sie Cora von Gjellerström ihr Glas nachschleuderte.

Und sie hörte sich selbst mit sehr klarer und ruhiger Stimme sagen: ‚Es tut mir so entsetzlich leid, gnädige Frau, daß ich die unschuldige Veranlassung zu einem solchen Auftritt in Ihrem Hause bin. Aber ich kann Ihnen nur versichern, daß ich diese ... Dame nie in meinem Leben gesehen habe.‘

Es würde sich ganz gut machen, vor dem Wort „Dame“ eine kleine Pause zu machen, viel besser, als etwa „Person“ zu sagen.

Vielleicht wäre es noch klüger, ganz sanft auf Gisela zuzugehen und in einem Krankenschwesternton zu fragen: „Wollen Sie mir nicht sagen, woher Sie mich kennen? Woher wissen Sie meinen Namen? Ich kenne Sie, natürlich, aber ich kann mich im Augenblick nicht besinnen – wollen Sie mir nicht helfen? Sind wir vielleicht zusammen in die Schule gegangen?“

Oder würde es nicht am Ende den günstigsten Eindruck hervorrufen, wenn sie die Erschrockene spielte, wenn sie zitternd hinter einen Stuhl flüchtete, oder sich schutzsuchend an eine der Damen klammerte: „Helfen Sie mir nur! Was will sie denn von mir? Verstehen Sie, was sie von mir will? Kennen Sie sie denn? Wissen Sie, wer das ist?“

Ja, vielleicht wäre das das natürlichste für ein wohlerzogenes und etwas schüchternes junges Mädchen, wenn es von einer Geisteskranken angefallen oder belästigt würde ...

Sie würde lügen, lügen bis aufs äußerste – obgleich ihr weder an der Meinung von Frau Konsul Peters, noch an der Meinung von Frau Senator Börgessen so sehr viel gelegen war. Aber sie wollte Ruhe haben, sie wollte ganz eingehüllt sein in einen undurchdringlichen Mantel von Wohlanständigkeit und hergebrachter Sitte, sie wollte nicht wieder am Pranger stehen und sich das Hemd von den Schultern reißen lassen, kein verächtlicher Blick sollte sie mehr treffen dürfen – ihre Haut war empfindlich geworden, so übermäßig empfindlich – und ein Blick, in dem nicht Wohlwollen und Freundlichkeit lag, tat ihr schon weh.

Oh, wie gut sie Olga Radó jetzt begriff, die sie verleugnet hatte, so erbarmungslos verleugnet und preisgegeben. Die war schon müde gehetzt gewesen, und ihre Haut war verbrannt gewesen von den vielen verächtlichen Blicken – sie konnte keinen Blick mehr ertragen und wollte es nicht. Sie fürchtete sich vor Blicken – fürchtete sich bis zur kleinlichen Feigheit.

Aber vor dem geladenen Revolver fürchtete sie sich nicht ...

Jetzt war Mette ebenso weit.

Bereit, lieber zu sterben, als Verachtung zu erdulden.

Und bereit, zu lügen, mit ruhiger Stirn, mit klarer Stimme, mit kaltem Blut zu lügen, nicht um Vorteil, nicht einmal um Achtung – nur aus Scham, aus tiefster, abgründigster Scham – nur um sich den deckenden Mantel nicht von der nackten Seele zerren zu lassen.

Nur daß Mette Rudloff Gisela Werkenthin nie geliebt hatte ...

Aber manchmal war ihr, als wäre sie jetzt fähig, auch ihre größte und heiligste Liebe zu verleugnen.

Das war, wenn sie vor den Möbius-Mädeln zitterte.

Konnte es nicht sein, daß sie plötzlich Fannis und Emmis rotblonde Köpfe hier irgendwo auftauchen sah? Konnte sie nicht ganz unvorbereitet einer von den beiden gegenüberstehen?

Ja, dann konnte sie sich nicht damit helfen, daß sie sie für wahnsinnig erklärte. An dem gesunden Menschenverstand der Möbius-Mädel würde niemand zweifeln. Und hier schon ganz gewiß niemand ...

Aber was konnten die ihr schon nachweisen! Und immer konnte Mette jedem Angriff durch einen Gegenangriff begegnen. Im Hause Möbius hatte Mette Olga Radó kennen gelernt – ihre „Cousine“ hatten die Mädel sie mit Stolz genannt. Sie brauchte ja nur bei ihnen sich nach ihrer „Verwandten“ zu erkundigen und erstaunt zu fragen, ob es denn wahr wäre, daß Olga Radó tot wäre? Ob sie wirklich sich erschossen hätte?

Nur weinen dürfte sie dabei nicht ...

Und wenn Mette nur daran dachte, daß sie nicht weinen dürfte, dann stürzten ihr die Tränen stromweis über’s Gesicht.

Aber jetzt fing sie allmählich an, ruhiger zu werden. Sie dachte nicht mehr oft an die Möglichkeit irgendwelcher Begegnungen. Mitunter erschienen ihr auch die letzten Jahre ein wenig unwirklich, verschwommen und fast bedeutungslos.

Die Erinnerung an Olga blieb. Aber am stärksten war jetzt die Erinnerung an die erste Zeit ihrer Freundschaft, an die reine Anbetung, die Mette da empfunden hatte, an Olgas geistige Überlegenheit, ihre vollendeten Manieren, die bestrickende Vornehmheit ihrer Erscheinung und ihres Auftretens. Mette dachte seltener an ihre herzverbrennenden Zärtlichkeiten, seltener an die Qual des Abschieds, der nicht einmal ein Abschied zu nennen war – seltener an ihren Tod.

Es war ihr manchmal ein schmerzliches und rührendes Vergnügen, sich auszumalen, daß Olga noch lebte und plötzlich in diesen Kreis einträte. Sie würde unter diesen eleganten, sicheren, gewandten Frauen die eleganteste, sicherste, gewandteste sein – und wenn sie wollte, würde sie es fertig bringen, in einer halben Stunde diese ganze kühle, zurückhaltende und selbstbewußte Gesellschaft zu heller Begeisterung hinzureißen.

Aber je klarer das Bild der lebenden Olga vor ihr aufstand, um so mehr verblaßte die Erinnerung an die letzten Monate. Mitunter schien ihr das ganze wie der Wirbel einer Karnevalsnacht, und sie war der Überzeugung, daß niemand ein Recht hatte, aus dieser Zeit eine Vertraulichkeit herzuleiten – ebensowenig etwa, wie man eine Dame bei nüchternem Tageslicht daran erinnern darf, daß man sie auf dem Faschingsball unter der Larve küßte.

Mette hatte die Larve und den Maskenflitter abgelegt, sie war wieder Melitta Rudloff, und es wäre taktlos gewesen, auf irgendwelche flüchtigen, halbvergessenen Beziehungen anzuspielen.

So sehr war sie Melitta Rudloff, daß sie manchmal Umschau hielt, ob sie nicht jemand ihres Namens wüßte, dem sie sich anschließen, oder den sie zu sich rufen könnte.

So müde war sie der jungen Freiheit.

Oder vielleicht der Gebundenheit.

Denn wenn sie irgendeine ältere Verwandte bei sich gehabt hätte, so hätte sie sich eine Wohnung nehmen und viel mehr nach ihrem Geschmack leben können.

Aber so war es ihr natürlich verboten, allein zu wohnen, ebenso wie sie nicht in einem Hotel absteigen durfte, und ihr von Pensionen, Kaffeehäusern, Restaurants und Theatern, ja selbst Straßen nur eine ganz beschränkte Auswahl erlaubt war.

Manchmal war es ihr lächerlich vorgekommen, wenn man ihr ganz erschrocken sagte: „O Gott nein, da dürfen Sie nicht hin – man sieht, daß Sie hier fremd sind!“

Aber sie hatte sich immer gefügt.

Sie wußte zu gut, daß sie selber Maß und Urteil verloren hatte. Sie hatte eine Zeitlang in trotzigem Selbstgefühl gedacht, daß sie alt und gefestigt genug sei, um sich ohne Schaden jeden Umgang, jedes Buch, jede Art des Lebens erlauben zu können. Sie hatte dann erfahren, daß sie nicht schwimmen konnte in dem trüben strudelnden Wasser, in das sie kopfüber hineingesprungen. Dicht am Ertrinken hatte ihr Stolz sie verlassen, und sie hatte sich willenlos und dankbar von einer festen Hand herausziehen lassen.

Nun hatte sie keine Sicherheit mehr. Sie hatte geglaubt, sich ohne Gefahr ins Meer stürzen zu können – und war jetzt froh, wenn eine kundige Hand ihr das Badewasser bereitete.

Sie geriet manchmal in eine leise Verlegenheit, wenn ein erstaunter Blick sie traf, weil es sich herausstellte, daß sie ein Buch gelesen, ein Theaterstück gesehen hatte, was sonst jungen Mädchen „ihrer Kreise“ streng verboten war.

Sie mußte manchmal einen burschikosen Ausdruck hinunterschlucken, der ihr in den letzten Monaten so geläufig geworden war, daß sie nichts Unpassendes mehr dabei finden konnte.

Manchmal dachte sie fast mit Dankbarkeit an Tante Emilie. Wenigstens hatte sie gelernt, wie man Messer und Gabel zu halten hatte – es wäre schlimm gewesen, wenn sie auch auf solche Dinge noch hätte achten, auch da noch irgendeinen Verstoß hätte fürchten müssen. Aber was die äußere Form betraf, war die „gute Erziehung“ ihr in Fleisch und Blut übergegangen.

Es konnte vorkommen – wenn es ihr zweifelhaft war, ob ein Mädchen aus guter Familie allein in die Oper gehen, oder sich von einem Bekannten, den sie am Vormittag in der Stadt traf, in eine Konditorei zu einem Stück Torte einladen lassen durfte – es konnte vorkommen, daß sie sich in solchen schwierigen Fällen blitzschnell überlegte: was würde Tante Emilie dazu sagen? Und da Tante Emilie so ziemlich alles für unschicklich, verwerflich und sittenlos erklärte, so konnte Mette sicher sein, auch in den Augen der strengsten Richterin einen wohlgefälligen Wandel zu führen.

Sie hatte wahrhaftig schon erwogen, ob es nicht das vernünftigste wäre, Tante Emilie kommen zu lassen. Dann hätte sie das unfehlbare Orakel in Schicklichkeitsfragen gleich zur Hand – sie könnte eine Wohnung mieten, die Möbel kommen lassen, ein Heim haben, Besuch empfangen, kleine Gesellschaften geben – ach, und zu Streitigkeiten irgendwelcher Art lag ja kein Anlaß vor.

Selbst Tante Emilie konnte gegen diesen Verkehr nichts einzuwenden haben.

Mette war zahm geworden – es war etwas anderes, ob man die Welt, die blühende, lachende Welt, immer nur durch das Gitter des Käfigs sah und sich Kopf und Flügel an den Stäben zerstieß, um nur einmal aufzufliegen ... oder ob man abends müde geflogen, ein bißchen zerkratzt und zerrupft, freiwillig in das behagliche Bauer zurückschlüpfte, um geborgen zu sein.

Schließlich, die Tür blieb ja immer offen. Mette war mündig.

Und plötzlich fiel ihr dann wieder ein, daß sie es um kurze Monate zu spät geworden war. Daß Olga Radó noch leben könnte, mit ihr leben, frei von allen Sorgen und Schulden und Ängsten, in einem schönen behaglichen Heim, wie sie es sich gewünscht hatte, daß sie leben könnte und glücklich sein, daß ihr Lachen noch auf der Welt wäre, und ihre glockentönige Stimme, und ihr schönes, stolzes Gesicht und ihre zärtlichen kraftvollen Hände – daß das alles nicht vernichtet zu sein brauchte, zerstört, weggeweht, ausgelöscht – wenn Tante Emilie nicht gewesen wäre.

Und dann schlug der Haß wieder wie rote Flammen in ihr hoch ...

Die Stimmen vom Tennisplatz kamen näher. Die weißen Kleider schimmerten durch das schwarzrote Laub der Blutbuchen und das goldfarbene des Ahorns. Jetzt bogen die ersten um die Ecke und schritten um das Rosenrondell herum auf die Terrasse zu: Gwendolen und Fred Wietinghoff.

Frau Konsul Peters lächelte ihrer schönen Tochter entgegen. Dies Lächeln zeigt noch mehr von den langen vorstehenden, etwas auseinandergerückten Zähnen, die, mit Plomben aller Art versehen, mit weißen Porzellanflecken geziert, mit haarfeinen Goldleisten umgeben, dieselbe Farbe hatten, wie die großen mattgrauschimmernden Perlen in den schöngeformten Ohren, und den Eindruck von unendlich zerbrechlichen und kostbaren Wesen machten, die um jeden Preis und mit zartester Sorgfalt erhalten werden mußten. Mit andern Zähnen wäre das regelmäßige, etwas welke und hochmütige Gesicht – das unverändert, der wechselnden Mode zum Trotz, von hochstehendem, sorgsam gewellten und sorgsam unter ein Netz gebrachtem dunkelblonden Haar umgeben war, – fast schön zu nennen gewesen.

Sie lächelte stolz und wohlgefällig. Und sie war dazu berechtigt.

Mette war von neuem entzückt, wie Gwendolen die schmalen Füße mit den federnden Gelenken schön und sicher setzte, wie die schlanken, festen Formen sich unter dem weißen Kleid zeichneten, wie das lockige Haar in der Sonne gleißte und flirrte.

Mettes Herz war voll lichter Freude bei diesem Anblick – aber es schlug nicht um einen Schlag schneller.

Ihr Herz war ebenso froh, wenn sie Fred Wietinghoff sah, der neben Gwendolen ging, viel größer als sie, breit in den Schultern, schmal in den Hüften, alle Konturen der Muskeln zeigend unter dem seidenen Hemd. Wenn er so kam, sah er aus wie ein Zwanzigjähriger. Aber wenn das Licht ihm ins Gesicht fiel, sah man auf der klaren, goldbraunen Haut scharf eingeritzte Fältchen um Mund und Augen, und in dem glatten metallblonden Haar ein paar weiße Fäden an den Schläfen.

Aber sie freute sich auch, wenn sie Vandahl sah, der schon von weitem die aufleuchtenden Augen seiner jungen Frau suchte und ihr grüßend zuwinkte.

Und sie freute sich, wenn sie dann hinter den andern Heinrich von Rantzau und den jungen Lucius auftauchen sah, so eifrig in ein Gespräch vertieft, das der Jüngere mit weitausholenden Gesten begleitete, als gingen sie irgendwo über einsames Feld, und nicht auf eine Gesellschaft von Leuten zu, die sie erwartete und beobachtete.

„Kinder, ich verdurste!“ Das war Gwendolens erstes Wort, während sie die letzten Stufen der Terrasse im Sprung nahm.

Sie lief auf den Teewagen zu, der hinter Mette stand, und goß Himbeersaft und eisgekühltes Wasser in ein geschliffenes Glas.

Fred Wietinghoff nahm ihr mit großer Ruhe das Glas aus der Hand, als sie es zum Munde führen wollte und trank es aus.

„Was heißt das?“ fragte sie verdutzt und empört.

„Ich opfere mich mal wieder für Sie,“ sagte er mit unerschütterlichem Gleichmut, „ich habe Sie eben vor einer Lungenentzündung bewahrt. Bitte, wenn Sie Durst haben, trinken Sie Tee. Darf ich Ihnen eine Tasse zurechtmachen?“

„Ich will Wasser trinken!“ Gwendolen stampfte ungeduldig mit dem Fuß, „geben Sie mir die Karaffe, ich verdurste!“

„Sie verdursten noch lange nicht,“ gab Wietinghoff zurück, „Sie haben ein ganz – klein – wenig Durst. Da Sie aber noch nie in Ihrem Leben Durst gelitten haben, so haben Sie gar keine Vergleichsmöglichkeiten. Trinken Sie eine Tasse lauwarmen Tee, das wird Ihnen sehr gut tun.“

„Ich mag aber keinen lauwarmen Tee,“ sagte Gwendolen zwischen Lachen und Ärger. „Ich trinke im Winter heißen Tee und im Sommer kaltes Wasser. Ich will Wasser trinken, und wenn ich eine Lungenentzündung kriege, geht es Sie auch nichts an.“

„Ach Gott,“ machte Wietinghoff bedauernd, „die kleine Siebzehnjährige! So jung sind Sie gar nicht mehr, daß Sie sich damit ‚nüdlich‘ machen könnten. Sie denken sich das wohl sehr romantisch, wenn Sie, erhitzt vom Spiel, in jugendlicher Unbesonnenheit ein Glas eiskaltes Wasser herunterstürzen und dann in der Blüte Ihrer Jahre durch eine Lungenentzündung dahingerafft werden.“ Er saß auf der Lehne eines Korbsessels und schaukelte den einen Fuß im absatzlosen weißen Schuh in der Luft: „Lungenentzündung ist eine gräßliche Schleim- und Spuckangelegenheit – nicht ein bißchen poetisch. Es gibt überhaupt keine poetische Krankheit,“ er reckte sich ein wenig in den Schultern, „nur Gesundheit ist poetisch – aber von einem Säbelhieb bis zum Nervenfieber ist alles prosaisch und ekelhaft und meist mit schlechten Gerüchen verbunden.“

„Oh, Fred, Sie sind widerlich,“ sie drehte ihm den Rücken, „Sie sind absolut nicht salonfähig – ich werde es Ihrer Mutter erzählen.“

„Och, die denkt, Sie verleumden mich!“ er lächelte behaglich und etwas boshaft, „die weiß auch, daß Sie mich nicht leiden können.“ – – –

 

Vandahl hatte sich einen Hocker dicht neben den Stuhl seiner jungen Frau gerückt. Mette sah, wie seine großen, gutgeformten Hände verstohlen die Falten ihres Kleides streichelten.

Aus ihren sanften braunen Augen floß fortwährend ein leuchtender Strom von Zärtlichkeit über ihn hin.

Mette hatte ein wenig Angst um sie. Sie sah so glücklich aus, und sie liebte ihren Mann anscheinend so abgöttisch und wurde ebenso abgöttisch wieder geliebt. Wenn sie nur ihre schwere Stunde erst gut überstanden hätte! Der Wunsch brannte in Mettes Herzen wie ein stilles Gebet.

Rantzau und Lucius standen gegen die steinerne Brüstung gelehnt. Mette hörte nur abgerissene Bruchstücke ihres Gesprächs, wenn die andern schwiegen:

„Warum nicht? Die Elektronen, die als sogenannte Kathodenstrahlen abgeschleudert werden, haben eine Geschwindigkeit von zirka einer Viertel Million Kilometersekunden.“

Das war Rantzaus tiefe, ruhige, klangvolle Stimme.

Gwendolen setzte sich auf Mettes Stuhllehne und legte den Arm um ihre Schulter.

„Schützen Sie mich, Mette,“ sagte sie, „alle Menschen ärgern mich und sind scheußlich zu mir. Sie sind der einzige Mensch hier, den ich wirklich lieb habe!“

„Oh, Gwen,“ Mette sah lächelnd zu ihr auf. „Es ist gut, daß Sie heute Abend über keine Brücke mehr gehen.“

Gwendolen machte ein ernstes Gesicht:

„Ich werde einmal jemand umbringen,“ sagte sie, als erzähle sie Märchen, „und werde die Leiche im Keller verscharren und alles wertvolle stehlen und im Wald vergraben. Dann werde ich irgendwohin gehen – aufs Gericht, oder auf die Polizei oder zum Senat und werde alles erzählen. Und dann werden die Leute lachen, oder sie werden mich bedauern und werden sagen: ‚Das arme Kind! Sie hat Fieber, sie phantasiert – das ist Konsul Peters seine Kleine. Krischan, nehmen Sie ein Auto, bringen Sie die lütt’ Deern tu Hus, die Mudder schall se in’t Bett packen, se kriegt die Masern.‘ Und dann bringt mich der Gerichtsdiener oder der Wachtmeister nach Hause, damit mir ja unterwegs kein Malheur passiert ... oh, Mette, haben Sie von den Mürbekuchen gegessen? Die macht Deuli immer so großartig! Dafür lohnt es sich direkt, zu leben. Aber ich habe noch nie genug davon gekriegt. Ich hab’ mir ausbedungen: wenn ich einmal heirate, will ich als Hochzeitsgeschenk von ihr eine Badewanne voll Mürbekuchen haben. Und an meinem Hochzeitstag esse ich von morgens bis abends Mürbekuchen. Essen Sie doch, Mette – ich glaube wirklich, Sie leben von Luft und Liebe.“

„Von Luft vielleicht,“ sagte Wietinghoff sachlich, „soweit ich Ihren Konsum an dem andern eben genannten Volksnahrungsmittel beurteilen kann, würde ich bei Ihrem Jahresquantum nicht eine Woche bestehen.“

Mette gab sich Mühe, seine Worte nicht zu verstehen.

„Ich möchte von Luft leben,“ sie sog die Luft ein, die über den Garten herüberwehte. Trotz des Rosenduftes war sie stark und herbe, und schmeckte ein wenig nach Meer. „Von viel frischer, reiner Luft!“