WeRead Powered by ReaderPub
Der Skorpion. Band 2 cover

Der Skorpion. Band 2

Chapter 18: 3
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A young woman arrives at unfamiliar lodgings after a painful separation and the death of a close companion, confronting solitude and the anxieties of anonymity while keeping a revolver and personal tokens close. She swings between suicidal impulses and a strong desire to live, feeling both wounded and hardened by grief. The narrative follows her intimate reflections as she makes herself at home in strange rooms, monitors neighbors, and tests her emotional defenses. Quiet scenes of nighttime observation and interior monologue trace a tentative return to engagement with life, complicated by secrecy, longing, and the need for self-protection.

 

Ich komme gleich,“ rief Gwendolen hinter der Tür des Badezimmers, wo man das Plätschern des Wassers, das Rieseln der Brause hörte, „setz’ dich Metting-Betting und sieh dir ein Buch an! In fünf Minuten bin ich fertig.“

„Ich habe Zeit,“ gab Mette ruhig zurück.

Gwen bemühte sich trotzdem, ihr das Warten zu verkürzen:

„Du kannst dir immer etwas ansehen – auf dem Tisch liegt ein Paket, ein dickes, weiches, das pack mal aus. Ich hab’ mir heut Strümpfe gekauft – wie findest du sie? Sind sie nicht blendend? Aber was darunter liegt, darfst du nicht aufmachen – so etwas flaches, in Seidenpapier ... ach, ich zeig’ es dir ja doch! Mach es ruhig auf ...“

„Ich bin nicht neugierig.“

„Doch, doch, du sollst es sogar aufmachen. Es ist besser, du siehst es, wenn ich nicht dabei bin – dann kann ich wenigstens nicht rot werden. Mach schnell – in zwei Minuten komm ich! Hörst du? Ich entsteige schon plätschernd den kristallenen Fluten! Sowie ich halbwegs trocken bin, erscheine ich!“

Mette schlug die Seidenpapierhülle auseinander. Fred Wietinghoffs Gesicht sah sie an, lebendig und ausdrucksvoll. Eine helle Freude durchzuckte sie, als sie die schönen Züge sah, und fast zugleich der kindische Wunsch, das Bild zu entwenden, um es immer vor sich sehen zu können und sich daran zu erfreuen, wenn sie sehr weit von hier sein würde.

Denn in diesem Augenblick war es ihr ohne jede Überlegung ganz bewußt, daß sie in kurzer Zeit die Stadt verlassen würde. Sie hatte noch nie mit einem Gedanken die Möglichkeit gestreift, den Aufenthalt zu wechseln und sah sich jetzt mit visionärer Deutlichkeit – die so selbstverständlich war, daß sie nichts Erschreckendes hatte – in einer tiefen Einsamkeit, in der dies Bild ihr eine freundliche Gesellschaft sein könnte.

Sie erschrak, als sich Gwen über ihre Schulter neigte.

„Schönes Bild, nicht?“ lachte sie, „du bist jetzt so zusammengezuckt, daß ich mir einbilden könnte, du hättest ein kleines Faible für ihn. Gestehe, Mettiling, wie ist es? Na, heraus mit der Wahrheit – du warst sehr vertieft in den Anblick – so vertieft, daß du mich gar nicht hast kommen hören.“

Mette legte das Bild aus der Hand, ohne es noch einmal mit einem Blick zu streifen.

„Weil ich mit meinen Gedanken ganz wo anders war,“ sagte sie, immer noch abwesend.

„Schade,“ neckte Gwen, „wo anders als bei Fred Wietinghoff? Aber bei mir auch nicht, fürchte ich. Sehr weit weg? Willst du mir nicht sagen, wo?“

Sie legte die weichen, nackten Arme schmeichelnd um Mettes Hals und preßte sie gegen ihre Wangen.

„Ich weiß selbst nicht, wo,“ sagte Mette nachsinnend. „In keiner Vergangenheit und keiner Gegenwart. Irgendwo, wo ich noch niemals war. Vielleicht in der Zukunft. Ich habe das Gefühl – ganz unklar und verschwommen – von einem verschneiten einsamen Haus.“

Gwen faßte sie rüttelnd an den Schultern:

„Komm wieder,“ rief sie, „du sollst jetzt hier sein und nicht in verschneiten Einsamkeiten. Wie findest du unsern Freund Freddy?“

„Unsern Freund,“ wiederholte Mette lächelnd.

„Natürlich ‚unsern‘. Er ist dein Freund so gut wie meiner. Er schätzt dich sehr – oh, sehr!“

„Das sagt er nur, um dich eifersüchtig zu machen,“ sagte Mette tröstend.

„Mich eifersüchtig!“ Gwen lachte hell auf, „nein, so kleinlich bin ich nicht. Und außerdem stehst du mir viel zu nah – ich werde immer ganz stolz – wirklich, mein Herz wird ordentlich heiß und groß, wenn ich höre, wie andere Leute von dir schwärmen. Und Fred Wietinghoff schwärmt sehr oft von dir ...“

‚Er sollte mir das Bild schenken,‘ dachte Mette, ‚wenn er mich wirklich schätzt, oder von mir schwärmt – wenn nicht alles bloß unsinniges Gerede ist – dann sollte er mir dies Bild schenken. Weiter will ich nichts von ihm ...‘

„Magst du ihn eigentlich?“ Gwen fragte es leichthin. Aber Metten schien es, als würde sie von einem Blick gestreift, der etwas Beobachtendes – ja fast Lauerndes hatte.

Sie zuckte die Achseln.

„Er sieht gut aus und hat ein sehr angenehmes Wesen,“ sagte sie gleichmütig.

„Mehr nicht?“

Mette hatte keine Lust, zu antworten.

„Noch mehr? Ich weiß ja nicht viel mehr von ihm.“

„Er ist diskret und verläßlich,“ sagte Gwen nach kurzem Zögern. Dann stieß sie ein leises Lachen durch die Zähne: „Und er hat einen sehr guten Geschmack!“

„Vielleicht,“ sagte Mette etwas abwehrend.

Es lag ihr nicht daran, irgendwelche Vertraulichkeiten zu erfahren. Sie hatte manchmal ein Gefühl von Angst gegenüber diesem blondlockigen Kind – sie scheute sich oft, eine Frage zu stellen, weil sie die Antwort nicht hören wollte – eine Antwort, die eine dünne Decke von Abgründen riß.

Gwen strich ihr plötzlich mir einer kindlichen Bewegung über die Wangen.

„Sei nicht böse,“ bat sie leise.

Mette legte die Lippen leicht gegen die kleine weiche duftende Hand.

„Warum sollte ich dir denn böse sein, du Kindskopf?“ fragte sie lächelnd.

Aber sie wußte ganz genau, daß sie böse gewesen war.

„Erzähl mir was!“ bettelte Gwen. „Ja, setz’ dich ’n büschen zu mir und erzähl mir was. Ich leg mich hin – ich bin etwas müde vom Baden, und du setzt dich neben mich und wir klöhnen ein bißchen.“

Mit der einen Hand zog sie Metten schmeichelnd nach dem Diwan, mit der andern hielt sie den Kimono aus schwerem pfirsichblütfarbenen Chinakrepp zusammen, unter dem sich alle Linien des schlanken weichen Körpers zeichneten.

Sie schob sich die Kissenberge zurecht und kauerte sich voll Wohlbehagen hinein.

Mette saß still und aufrecht neben ihr auf einem Stuhl. Sie kam sich selbst immer ein wenig steif vor neben dieser schmiegsamen Anmut, und ein wenig frostig neben dem warmen Hauch dieses sonnigen Wesens.

„Weißt du, Mette,“ sagte Gwen nach einer Weile fast traurig, „daß ich dir eigentlich nicht um einen Schritt näher gekommen bin seit dem ersten Tage, den du hier bist? Du erlaubst mir, dich zu duzen. Du duzt mich auch manchmal – meistens vergißt du es, wahrscheinlich, weil es dir so gegen die Natur geht. Nein, nein, du brauchst gar nicht erst einen höflichen Versuch zum Widerspruch zu machen! Du bist mir sehr fremd – nie, nie, nie erzählst du irgend etwas von dir aus eigenem Antrieb. Manchmal beantwortest du mir eine von zehn Fragen. Ach, ich trau’ mich schon gar nicht mehr, irgend etwas zu fragen, weil ich denke, ich verscheuche dich dadurch, daß du überhaupt nicht wiederkommst.“

„Was weiß ich denn von dir?“ fragte Mette, ohne sie anzusehen, „du bist mir genau so fremd. Du hast ein sehr kindliches und offenes Wesen – ich hab’ vielleicht ein verschlosseneres und kälteres – aber im Grunde stecken vielleicht hinter deiner harmlosen kleinen Larve hundertmal größere und schwerere Geheimnisse, als hinter meiner Schweigsamkeit.“

„Das ist etwas anderes,“ unterbrach Gwendolen lebhaft. „Ich kann dir ja gar nichts erzählen, weil du dich dagegen wehrst! Ich habe manchmal das Bedürfnis, dir irgend etwas anzuvertrauen, was mich bedrückt, oder auch nur sehr beschäftigt. Aber dann lenkst du ab – oder du machst ein Gesicht, daß einem das Wort in der Kehle einfriert. So, als wolltest du um Gotteswillen nichts von mir wissen, um mich nicht verachten zu müssen. Oder als wüßtest du schon zu viel und hättest Angst, irgendwelche Herzlichkeit aufkommen zu lassen. Und dann fühl’ ich doch wieder ganz genau, du bist nicht kalt und verständnislos – du bist nicht prüde – und du hast auch kein Recht, es zu sein ... oh Mette, sei nicht böse, daß ich das gesagt habe! Aber du kannst mir nicht vorreden, daß du dein Leben damit verbracht hast, still und freundlich zwischen alten Damen zu sitzen und Filet zu sticken.“

Mette lachte auf: „Das hab’ ich dir ja auch noch nie vorreden wollen.“

„Aber du tust doch so,“ sagte Gwen verzweifelt, „du bist wie ein Stein, der keine Funken gibt, wenn man noch so auf ihn losschlägt. Oh, Mette, und ich werde doch das Gefühl nicht los, als könnte ich ein ganzes Feuerwerk aus dir herausschlagen – ein so herrliches Feuerwerk! Bin ich nicht stählern genug, oder woran liegt es nur? Es peinigt mich so wahnsinnig ...“

Eine Erregung schüttelte sie, die ihr die Tränen in die Augen trieb. Sie streckte sich wie in einem Krampf und zerrte mit den Zähnen an den seidenen Kissen.

Plötzlich richtete sie sich auf, schlang die Arme um Mettes Hals und wühlte das Gesicht zwischen Lachen und Weinen an ihre Schulter.

„Sag’ mir’s doch, Metting,“ schmeichelte sie. „Sag’ mir’s doch einmal, was ich schon längst weiß! Du hast schon einmal in deinem Leben eine Frau geliebt. Du weißt, wie es sein kann – wie himmlisch es sein kann! Warum magst du mich nicht, Mette? Bin ich dir nicht gut genug? Nicht schön genug? Oder glaubst du, ich hätte keine Erfahrung? Oder denkst du, ich würde dich verraten? Warum sagst du nicht ein Wort? Verachtest du mich so, daß du mich nicht mehr einer Antwort würdigst?“

Mette biß die Zähne zusammen und richtete sich ein wenig straffer auf.

„Ich weiß nicht, Kind,“ sagte sie mit einem mühsamen Lächeln und blicklosen Augen, „ich weiß gar nicht, was du zusammenredest. Wie kommst du nur darauf, in mir irgend etwas zu vermuten ...“

„Stopp!“ sagte Gwendolen fast böse und legte ihr die Hand auf den Mund, „ich vermute gar nichts – ich weiß. Du kannst schweigen, solange du willst. Ich werde dir die Worte nicht von der Zunge reißen – aber belügen laß ich mich nicht. Und laß mich auch nicht als Irrsinnige hinstellen. Ich weiß doch, daß ich Recht habe. Nicht etwa, daß du jetzt denkst, ich hätte irgendwelche Klatschgeschichten gehört. Ich hab’ ein Gefühl dafür, und darauf kann ich mich verlassen. Liebe kleine Mette, und wenn du wochenlang vorm Spiegel säßest und dir ein Gesicht einübtest, wie eine steinerne Maske – du trägst doch den Stempel ... deine Hände tragen ihn, und deine Augenlider und deine Mundwinkel – hier – die Winkel deines lieben, stolzen, sehnsüchtigen Mundes – versprich mir, Mette, versprich mir eines: ich glaub’ dir, daß du wie eine Heilige lebst und leben möchtest – aber ich weiß ja doch, daß du’s nicht kannst – nicht lange mehr kannst – wenn es einmal stärker ist als du, dann ruf’ mich. Ich möchte dich küssen, bis dein sehnsüchtiger Mund ganz satt ist, ich möchte dich aufblühen sehen in Zärtlichkeit, du Rose von Jericho. Und wenn ich’s nicht zuwege bringe, dann möcht’ ich wenigstens dabei sein. Oh, Mette, du machst ein Gesicht, als wenn ich häßliche Dinge sagte. Die Ekstase eines schönen Menschenkörpers ist schön, das rauschende Blut und der jagende Atem eines geliebten Wesens ist die schönste Musik der Welt. Und alles andere, Kunst und Sport, und mehr noch Alkohol und Morphium – das sind alles elende Ersatzversuche für das einzige, eigentliche – für die Liebe.“

„Was man alles ‚Liebe‘ nennt,“ sagte Mette und spürte einen bittern Geschmack im Mund.

„Den Rausch des Blutes nenne ich Liebe und die Entzückungen der Sinne. Und das ist etwas, was ich allen Menschen geben möchte,“ Gwen richtete sich auf, die weiche Seide glitt von der wunderschön gemodelten Schulter, ihre Augen flammten in einem blauen Feuer, „nicht allen – aber den schönen, tiefen, heißen, empfindenden – den durstenden und hungernden – und ich möchte es geben, weil ich es geben kann, weil ich reich bin, weil es mir von Gott gegeben ist – und Gott gibt keinem Menschen etwas, damit er es behalten soll – so verschwenderisch darf er nicht sein, weil er zu viele zu beschenken hat. Wir sind nur als seine Verwaltungsbeamten eingesetzt – wir sollen ihm eine Mühe ersparen, darum gibt er uns viel, damit wir den Würdigsten abgeben.“

Mette schüttelte den Kopf:

„Du siehst aus, wie der Engel im Weihnachtsmärchen und trägst diese schönen Theorien auch ganz im Weihnachtsmärchenton vor. Manchmal hab’ ich das Gefühl, du weißt gar nicht, was du sprichst. Du bist wie ein Stück Gartenland, in das eine fremde Hand allen möglichen Samen gestreut hat, und das sich selbst wundert über all das bunte Zeug, was es ans Licht bringt. Und ich fürchte, ich kenne auch den Gärtner, der so ein krauses Blumenbeet aus dir macht!“

„Mette,“ schmeichelte Gwen, „sag’ mir das eine, bitte, bitte, sag’ es mir: Liebst du Fred Wietinghoff?“

„Unsinn,“ sagte Mette hart, „wie kommst du darauf?“

„Lieben vielleicht nicht,“ gab Gwen zögernd zu, „vielleicht nennst du ‚lieben‘ noch etwas anderes ... aber findest du nicht auch, daß er fabelhaft aufregend ist?“

Mette verzog das Gesicht, ohne zu antworten, stand auf und trat an das Fenster.

Sie hörte die weiche Seide hinter sich rauschen und knistern.

Gwen schob ihren geschmeidigen Körper zwischen Mette und die Glasscheibe, hinter der der winterliche Garten lag.

Ihr engelhaftes Gesicht war rot überhaucht, ihre großen Augen unter den langen Wimpern glänzten von Tränen. Das blonde Haar, flüchtig aufgesteckt, kraus und feucht vom Bade, zitterte in Ringeln und Löckchen um das Kindergesicht.

Sie schob die Lippen vor, als kämpfe sie gegen ein heftiges Weinen, und klammerte sich mit den kleinen weichen Händen an Mettes Blusenfalten fest.

„Ich bin dir wohl sehr widerlich?“ fragte sie schüchtern. „Ja? Bin ich sehr widerlich?“

Mette küßte lachend die runde feste pfirsichflaumige Wange:

„Du bist sehr süß!“ sagte sie herzlich. – – –