Mette Rudloff verschloß und verriegelte die Tür. Sie hörte die Schritte des Mädchens sich entfernen, hörte das An- und Abknipsen der elektrischen Schalter, irgendwo in ziemlicher Entfernung eine Klinke gehen, eine Angel kreischen – wieder Schritte ... das war wohl in einem andern Stockwerk – ein leises, immer wiederkehrendes ungleichmäßiges Geräusch, als ob ein offenstehendes Fenster im Winde klappte. Und Stille. Eine weit sich wölbende, leere, kühle, dunkle, reglos harrende Stille.
Mette mußte sich entschließen, endlich die Hand vom Riegel zu nehmen und nach dem Lichtschalter zu gehen, obgleich sie sich ein wenig fürchtete vor dem Schall ihrer Tritte und dem Rauschen ihrer Röcke. Sie drehte alle Flammen an, auch die kleinen Lampen neben dem Bett und auf dem Schreibtisch. Die blendende Lichtfülle tat ihr wohl. In dem überhellen Raum ging sie an den Wänden entlang, schloß die leeren Schränke auf und wieder zu, hob die Gardinen und ließ sie wieder fallen. Sie hatte nicht den Gedanken, daß sich irgendwo ein Mensch, ein Verbrecher verborgen haben könnte, aber sie versuchte, sich auf jede Weise mit der fremden Umgebung vertraut zu machen. Sie hatte Angst davor, daß irgend etwas sie überraschen und dadurch erschrecken könnte. Die nie gesehenen Möbel konnten im dunklen Zimmer so leicht eine spukhafte Gestalt annehmen, ein Luftzug konnte der Gardine die Form eines Menschen geben. Sie betrachtete auch die Bilder mit Aufmerksamkeit. Sie erinnerte sich aus fiebrigen Abenden der Kinderzeit, daß selbst wohlbekannte Bilder, wenn man sie in der Dämmerung oder beim Schein des Nachtlichts vom Bett aus sah, sich zu grauenvollen Fratzen verwandeln konnten.
Sie versuchte, sich die Linien der blühenden Landschaften, der friedlichen Bauernhäuschen, der drolligen Kinderköpfchen einzuprägen, um sie nachher wiederzufinden in den verschwommenen Flecken, die sich so gern zu hohngrinsenden Ungeheuern, zu ekelerregenden oder furchteinflößenden Fabelwesen ballten und zerrten.
Als sie das Zimmer auf diese Art untersucht hatte, drehte sie das Licht wieder aus, bis auf eine Birne, die den übermäßig großen Raum nur dämmrig erhellte. Aber nun war in dieser Dämmerung nichts Erschreckendes mehr – Mette wußte ja: dieser vorspringende Schatten war die geschweifte Kommode, und der befremdende Lichtschein kam von der Kante des Waschtischspiegels, die ihn von dem Bild der Lampe im Schrankspiegel auffing.
Sie schloß den Handkoffer auf und nahm das Notwendigste heraus: das Nachthemd, das sie übers Bett warf, ein paar Flaschen und Bürsten, die sie nach dem Waschtisch trug. Dann zog sie den Nachttischkasten auf und legte ihn mit einem weichen seidenen Tuch aus, – so sorgfältig, als glätte sie einem Geliebten das Lager oder bereite eine priesterliche Handlung vor. Mit behutsamen Bewegungen, als trüge sie etwas Lebendiges, bettete sie den Revolver und das Zigarettenetui mit dem Skorpion hinein. Sie schob den Kasten zu, mit einer angestrengten Entschlußkraft, denn wie immer, weckte der Anblick des Revolvers den fast leidenschaftlichen Wunsch in ihr, den kühlen glatten metallenen Mund an die Schläfe zu setzen. Sie fürchtete sich davor, diesem Wunsch nachzugeben, denn sie wußte nicht, ob nicht eine plötzliche Regung sie verleiten würde, die Sicherung zu lösen, den Hahn zu berühren und also mehr durch einen Zufall als aus Notwendigkeit sich selbst zu zerstören, und damit Denken, Fühlen, Erinnerung und Erwartung auszulöschen.
Sie wollte nicht sterben. Oder vielmehr, sie wäre gern gestorben, wenn sie nicht dann hätte tot sein müssen. Sie wäre gern desselben Todes gestorben, den Olga Radó starb, nur um sich mit dem letzten Gedanken sagen zu können, daß sie nun ertrug, was Olga ertragen hatte, und daß es also nicht so unerträglich sein konnte, nicht so entsetzlich, wie die unerfahrene Phantasie es sich ausmalte.
Aber andererseits hatte sie eine brennende Begier nach dem Leben, von dem sie so wenig wußte. Nicht, daß sie sich große Freuden, hohe Entzückungen davon versprochen hätte. Aber sie fühlte sich dem schönen und grauenvollen Untier gegenüber so gut gewappnet, daß es schade gewesen wäre, den Kampf aufzugeben. Ihr war, als hätte Olgas Blut ihrer Seele das unverletzliche Kleid gegeben, das der hörnerne Siegfried im Blute des Drachen gewann. Sie war überzeugt, das Schönste, das Schwerste, das Wichtigste ihres Lebens überstanden zu haben. In der Tragödie oder Komödie, in der mitzuwirken sie durch ihre Geburt gezwungen war, hatte sie nur im ersten Akt eine Rolle zu spielen gehabt. Alle Kräfte und Gefühle hatte sie verausgabt – nun mischte sie sich unter die Statisten, noch glühend, aber doch schon ermüdet von den Erschütterungen, die sie durchtobt hatten, und sah halb neugierig und halb gelangweilt dem Spiel der andern zu.
Aber im Grunde überwog die Neugier, und obgleich sie wußte, oder zu wissen glaubte, daß sie niemals mehr einer starken Empfindung – sei es Glück oder Schmerz – fähig sein würde, obgleich sie ihr Gemüt gegen Eindrücke jeder Art gepanzert fühlte, drängte es sie, gleichsam um die Unversehrbarkeit dieses Panzers zu erproben, Eindrücke aufzusuchen, sich ihnen darzubieten – sich in das Gewühl des Kampfes zu stürzen, die starrenden Speerspitzen gegen die Brust zu drücken.
Das erste, dem sie sich willig hingab, und dessen Verwundungen sie früher sicher nicht standgehalten hätte, war dies: Fremde und Einsamkeit.
Aus dem Gefühl heraus, daß sie selber in ihrer jungen Freiheit sich dies erwählt hatte: Fremde und Einsamkeit, und bei dem Gedanken daran, daß nichts ihr mehr wehtun könne und wehtun dürfe seit der Trennung von Olga, seit Olgas Tod, empfand sie die kühle und fast feindliche Stille als wohltuend und erlösend.
Sie wußte es: die Einsamkeit würde sie ertragen können. Aber morgen würde sie gezwungen sein, mit zehn oder fünfzig fremden Menschen in einem Raum ihre Mahlzeiten einzunehmen. Diese Vorstellung hatte etwas atemraubendes. Neugierige Augen prickelten auf ihrer Haut wie Nadelspitzen. Aber auch das würde sich ertragen lassen.
Unten im Haus schlug eine Tür, dumpf und schwer, daß ein Zittern durch alle Wände lief. Der Fahrstuhl hob sich mit einem summenden Geräusch – es war, als ob in dem Riesenleib des Hauses ein mühsamer Atemzug aufröchelte. In der Stille der Nacht vernahm man ganz deutlich das Knacken, wenn er am ersten, am zweiten Stockwerk vorüberglitt.
Man hörte das Aufschnappen der Tür, das Ins-Schloß-Fallen, Schlüssel-Klappern, Schließen, das Drehen der Lichtschalter, Schritte, die behutsam über den dämpfenden Teppich gingen, aber doch die Dielen zum Knarren brachten, ein unterdrücktes Lachen, ein geflüstertes Gute-Nacht-Rufen.
Mette versuchte nachzuprüfen, ob die Stimmen, die sie kaum vernommen, angenehm oder unangenehm gewesen seien – sie kam zu keinem abschließenden Urteil.
Die Tür zum Nebenzimmer ging. Man hörte das leiseste Geräusch, das Anknipsen des Lichtes, das Zuziehen der Fenstervorhänge.
Nichts wußte Mette von diesem Menschen da nebenan, nichts. Nicht einmal den Namen, nicht das Alter, nicht einmal so viel, wie jedes Gesicht verrät, das auf einer dunklen Straße an einem nachlässigen Blick vorübergleitet – und doch wußte sie, daß dieses nachbarliche Wesen nicht gern früh geweckt wurde – denn es verschloß die Fenster mit ungewöhnlicher Sorgfalt. Es mußte ein rücksichtsvoller Mensch sein, denn er bemühte sich, leise zu sein, zog gleich die Stiefel aus und schlüpfte in weiche Schuhe, so daß man den Schritt nicht mehr hörte, ihn nur noch durch eine leichte Erschütterung spürte. Es war auch ein reinlicher Mensch, der sich trotz der späten Stunde mit viel Ausdauer die Zähne putzte.
Mette mußte lächeln. Vielleicht wäre es das Sicherste, die Bekanntschaft aller Menschen auf diese Weise zu machen. Was half es einem, den Namen eines Fremden zu erfahren, oder seinen Beruf, oder den Stand seines Vaters! Was half es einem, mit einem Menschen zu plaudern, Stunden und Stunden, um schließlich nichts von ihm zu wissen, als wo er den letzten Sommer verbracht hatte, oder wie er die Besetzung der neuesten Operette fand! Und was half es einem, wenn man Wand an Wand mit einem Menschen wohnte und jeden Atemzug hörte ... und doch nichts von ihm wußte?
Ach, was half es selbst, mit einem Menschen eines Blutes zu sein, und alle Tage des Lebens, vom ersten an, mit ihm zu verbringen. Oder was half es, einen Menschen zu lieben, ihn zu lieben mit jeder Faser des Leibes und der Seele – wenn im letzten Grunde doch einer nichts vom andern wußte!
Es war so unendlich schwer, sich zurechtzufinden in diesem Wirrwarr von Charakteren, Gefühlen, Schicksalen und Lügen, die so millionenfach verschlungen, einen selbst mit umschlangen – ach, so schwer, daß man hätte weinen können, wenn man daran dachte, wie hilflos man war!
Mette trat ans Fenster und lehnte sich hinaus. Sie suchte am Himmel den Antares, ihren Stern. Aber die Brandmauern der Häuser verdeckten ihn. Sie beugte sich ein wenig weiter und sah in den Schacht des Hofes hinunter. Ein seltsamer Schwindel faßte sie an. Wenn sie in die Tiefe da hinunterglitte, würde es kein Mensch bemerken. Und wenn man morgen früh ihre Leiche dort unten fände, würde man nicht wissen, was man anfangen, wen man rufen, wen man benachrichtigen sollte.
Mette Rudloff war ja jetzt frei. So frei, daß ihr ein leiser Schauer über den Rücken rieselte. Nirgends der Druck einer Kette, aber auch nirgends ein haltendes Band, nirgends eine engende Mauer, aber auch nirgends ein schützendes Dach.
Die Menschen, denen Liebe oder Pflicht sie verbunden hatte, waren tot. Vater war tot, Olga war tot. Von den andern hatte sie selbst sich mit scharfem Schnitt gelöst.
Und nun glitt sie frei durch den unendlichen Raum, wie ein losgetrenntes Blatt, wie eine schwebende Schneeflocke. Ihre Hände klammerten sich um das Fensterbord, als fürchtete sie, ein Lufthauch könne sie losreißen, forttreiben, zerschellen.
Eine Furcht überkam sie, als wäre sie ein verirrtes Kind, dem im Dunkel alle Wege gleich fremd und bedrohlich erscheinen.
Ihre verzweifelten Blicke suchten nach einem Halt und fanden ihn in dem steten milden und geheimnisvollen Glanz der Sterne über ihr.
‚Liebe Sterne,‘ dachte Mette, ‚wie gut, daß ihr da seid! Immer noch dieselben, wie vor Zehntausenden von Jahren, und sogar noch dieselben von den Abenden, als ich mit Olga am Wannsee lag. Es gibt keinen Zufall, es kann keinen Zufall geben. Warum prallen die Sterne da oben nicht aneinander und stieben wie ein Funkenmeer durch die Nacht? Ewige, unzerstörbare Gesetze halten ihr Milliardengewicht schwebend im Raum und führen sie mit so überlegener Ruhe ihre Bahn, als sei es das leichteste von der Welt, Sterne zu regieren. Und irgendwo stehe ich auch unter diesen Gesetzen und kann mich nicht dagegen wehren – und will es ja auch gar nicht. Ich bange mich vor der Entscheidung, ob ich rechts oder links gehen soll, und dabei sind ja doch alle Wege versperrt bis auf den einzigen, den ich gehen soll und muß, weil er der meine ist, der unabänderlich vorgeschriebene, der ans Ziel führt. An welches Ziel? Ich weiß es nicht. Aber da ich lebe, so wird man ja wohl noch irgend etwas mit mir vorhaben, und das beste ist, in Geduld zu warten.‘
Ein Gesangbuchvers aus ihrer Kinderzeit drängte sich ihr in die Gedanken – aber sie konnte ihn nicht mehr richtig zusammenbringen:
... der Sonne, Mond und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn.
Der wird auch Wege finden,
Da dein Herz gehen kann.
Die Worte summten ihr immerzu im Kopf herum, während sie sich auskleidete. Aber erst als sie im Bett lag, fiel es ihr plötzlich ein:
„die dein Fuß gehen kann“
hieß es wohl. Wie war sie nur auf „Herz“ gekommen? Ach, vielleicht, weil es ihr wichtiger erschien – so unendlich viel wichtiger ...