Mette durchwanderte Museen und Galerien mit angespannter Aufmerksamkeit, gleichsam mit zusammengebissenen Zähnen. Sie erlaubte es sich nicht mehr, wie früher durch die Säle zu schlendern, zu betrachten, was ihr gefiel, wie ein Kind in einem Bilderbuch blättert, ohne etwa nach dem Namen der Maler zu fragen, nach der Zeit, in der sie gelebt, oder gar nach der Schule, der sie angehört hatten.
Sie arbeitete sich systematisch durch das überreiche Material hindurch. Sie kaufte sich einen ganzen Stapel von Kunstgeschichten, Monographien, Führern durch die Museen und studierte sie so gewissenhaft wie Schulaufgaben. Manchmal übte ein Bild eine starke Anziehungskraft auf sie aus, das sie nirgends als besonders wertvoll verzeichnet fand. Aber noch gestattete sie sich keinen eigenen Geschmack. Sie schalt sich selber mit unnachsichtiger Strenge jung, dumm, unreif, ungebildet. Es konnte vorkommen, daß sie einem heimlich geliebten Bilde, das von andern verächtlich behandelt wurde, im Vorübergehen einen zärtlichen Blick zuwarf, der sagen sollte: ‚Noch kann ich mich nicht mit dir beschäftigen, noch kann dir mein Wohlwollen auch gar nichts nützen, weil ich viel zu unwissend bin – erst muß ich lernen, muß so klug werden, wie die Klügsten der andern, dann will ich dich entdecken und will dein Lob singen.‘
Zuerst mußte man die ganz unanfechtbaren Größen aufsuchen, sich mit ihnen vertraut machen, sie in sich aufnehmen. Manchmal empörte sich Mettes Gefühl gegen irgend etwas, was sie schön und großartig finden sollte. Das konnte sie in eine tiefe Mutlosigkeit stürzen. Sie überlegte umsonst, ob sie nicht irgend jemand um Rat bitten könnte – um Beistand gegen die Autorität, die für bezaubernd und reizvoll erklärte, was ihr mißfiel. Dann versuchte sie, sich vorzustellen, was Olga Radó wohl gesagt hätte – Olga, die durch keine Autorität einzuschüchtern war, die ihren eignen Geschmack und ihre eigne Meinung hatte, bei der sie unerschütterlich und manchmal sogar eigensinnig beharrte.
Mitunter fand Mette ein spöttisches Scherzwort, das Olga hätte gebrauchen können, um sich gegen eine Bevormundung aufzulehnen. Wenn sie Worte dachte, die so Olgas Prägung trugen, dann war ihr, als hörte sie auch Olgas leises Lachen neben sich und ihre tiefe, klingende Stimme. Aber öfter noch geschah es, daß sie sich vergebens fragte: würde dies oder jenes Olga gefallen haben? Was würde Olga über dies oder jenes gesagt haben? Und es konnte sie zur Verzweiflung bringen, daß sie sich keine Antwort zu geben wußte. Daß Olga tot war, war schlimm. Aber fast noch schlimmer war es, daß Mette die Zeit, da Olga lebte, nicht genügend ausgenutzt hatte. Jetzt fielen ihr auf Schritt und Tritt Dinge ein, die sie hätte erfragen müssen und nach denen sie nie gefragt hatte. Dann war ihr, als müsse es irgendeine Kraft geben, das Geschehene ungeschehen zu machen, die Gewalt des Todes zu zerbrechen, und ihre Gedanken schlugen sich wund an dem ehernen Schweigen, das unerschütterlich all ihren Fragen entgegenstarrte.
Sie fühlte sich manchmal so klein, wie ein Kind, das nicht über die gepolsterten Wände seines Laufstalls hinwegsehen kann. Der Wind hatte ihr mancherlei ins Gesicht getrieben – Blüten und Staub. Es mußte wohl außerhalb des Mäuerchens blühende Gärten geben und staubige Straßen – aber Mette wußte nicht, woher der Wind blies. Sie versuchte, sich über sich selbst hinaus zu dehnen – es half nichts. Aber sie wußte, was einzig helfen konnte: und wie mit Ungeduld verschlang sie alles, was sich ihren Sinnen und ihrer Seele darbot: Bücher, Bilder, Gespräche, Gesichter: sie wollte wachsen, wachsen, um über die Mauer zu sehen, um alles zu übersehen, was außerhalb lag, Welt und Leben, die Welt und das Leben, wo Olga Radó hergekommen war, und die man verstehen mußte, um sie zu verstehen. – – –
In dem großen Eßzimmer der Pension hatte Mette ihren Tisch in der dunkelsten Ecke. Die freundliche Wirtin hatte geglaubt, sich entschuldigen zu müssen, daß die Plätze in der Nähe der Fenster alle schon von älteren Gästen besetzt wären. Metten war es gerade recht so. Sie saß mit dem Rücken gegen die Wand und hatte den kleinen Tisch wie einen Schutzwall vor sich. Sie war meistens beim ersten Gongruf schon fertig und setzte sich auf ihren Platz, um die andern an sich vorüber zu lassen und sich nicht zwischen den vollbesetzten Tischen hindurchwinden zu müssen. Wenn sie sich einmal verspätete, war ihr der kurze Gang durch das Zimmer ein nicht endenwollender Marterpfad. Sie fühlte sich von all den unverhohlen neugierigen und selbst von den gleichgültigen Blicken gepeinigt und gehemmt. Obgleich sie sich jedesmal vor dem Spiegel prüfte, ehe sie ihr Zimmer verließ, hatte sie doch immer das Gefühl, daß ihr Haar sich löste, wenn ein Blick an ihrem Kopf haften blieb, oder daß sie ein Loch im Strumpf hatte, wenn jemand auf ihre Füße sah. Sie mußte dann immer gegen den Wunsch ankämpfen, ängstlich nach ihrem Haarknoten zu greifen, oder auch ihrerseits ihre Füße zu betrachten. Sie preßte die Ellbogen an den Körper, bemühte sich, ein undurchdringliches und ausdrucksloses Gesicht zu machen und vorsichtig zu gehen – weil die Vorstellung sie plagte, sie würde einen Stuhl umreißen oder an einem Tisch anstoßen – aber dabei doch so rasch, daß man ihr diese Vorsicht nicht anmerkte. Wenn sie dann glücklich in ihrer Ecke saß, fühlte sie sich wie im Hafen.
Meistens nahm sie sich eine Zeitung mit, um sich während der Wartezeit dahinter zu verschanzen. Sie hatte nicht Angst davor, daß jemand sie anreden könnte – das Sprechen fiel ihr weniger schwer, als das Gehen – aber Angst, daß sie so aussehen könnte, als wartete sie auf eine Anrede – so beschäftigungslos, so einsam, so hungrig nach einem zugeworfenen Wort.
Dabei war sie es in Wahrheit gar nicht. Je weniger sie sprach, desto weniger vermißte sie das Gespräch. Wenn es auch keine Qual verursachte, so brauchte es doch immer eine gewisse Entschlußkraft, eh sie den Mund aufbekam, um dem Mädchen irgend etwas zu sagen. Und wenn sie abends auf ihr Zimmer ging und nach dem letzten „danke, Berta, ich brauche nichts mehr“, die Tür verriegelte, dann kam das Gefühl des Schweigenkönnens, des Schweigendürfens wie eine Erlösung über sie. Ihr war manchmal, als ob ihre Zunge schon lahm geworden sei, wie irgendein anderer Muskel, der nie bewegt wird. Und sie hatte kein Bedauern mehr für die Trappisten, weil sie deutlich empfand, daß es nur weniger Wochen bedurfte, um sich so an das Schweigen zu gewöhnen, daß sich vor jedes Wort unüberwindliche Hemmungen stellten.
Aber sie wußte, daß keine schützenden Klostermauern sie umgaben, und daß sie es sich nicht gestatten durfte, ein Trappistenleben zu führen. Sie wollte sich in den Strom aller Menschlichkeiten hineinstürzen, um Schwimmen zu lernen. Dabei klopfte ihr das Herz, wenn sie nur erst die Zehenspitzen benetzte.
Trotzdem stand sie den Menschen nicht verächtlich, nicht einmal gleichgültig gegenüber. Sie hatte für all und jeden eine wache Aufmerksamkeit und war rasch bereit zu Sympathie und Antipathie.
Es waren besonders zwei Gruppen in der Pension, die ihre Beobachtung auf sich zogen und ihre Teilnahme erregten. Die eine scharte sich um Luise Peters – „Lawising“, wie sie von allen Seiten gerufen wurde – eine norddeutsche Malerin, eine große, breite, derbknochige Person, deren frisches, rotbackiges Gesicht mit blanken Augen und weißen Zähnen, deren glattsträhniges und ungleichmäßig blondes Haar immer so aussah, als ob sie eben einem eiskalten Bade entstiegen sei. Lawising hatte eine tiefe und etwas rauhe Stimme, ein lautes und ins Auge fallendes Gebaren – aber man spürte, daß ihr nichts ferner lag, als ein eitles Aufsehen-erregen-wollen. Ihre große und kräftige Persönlichkeit konnte sich nur mit unsäglicher Mühe auf zarte und vorsichtige Bewegungen oder einen leisen und gedämpften Ton beschränken. Trotz ihres etwas lärmenden Wesens hatte sie nichts Unfeines, sie blinkte von innerer und äußerer Sauberkeit – ja, sie roch förmlich nach guter Familie.
Der Mittelpunkt des andern Kreises duftete eher nach französischer Parfümerie. Daß das schmale, feingliedrige Wesen künstlich gebleichtes Haar und künstlich getuschte Wimpern hatte, das entging auch Mettes ungeübten Augen nicht. Aber sie stellte doch fest – so vorurteilslos, als ob sie vor einem Bilde stände – daß die schwarz umränderten Augen zu den kupferglänzenden Locken einen sehr reizvollen Gegensatz bildeten, daß das Lachen, das die Kleine gefallsüchtig durch den Saal schwirren ließ, wirklich einen süßen und silbrigen Ton hatte, und daß die reichlich kurzen Röckchen allerliebst geformte schlanke Beine sehen ließen.
Bis auf zwei gutmütige alte Damen, die allen ein mütterliches Wohlwollen zuteil werden ließen, und zwei bösartige, die für alles, was Jugend hieß, nur ein giftiges Hohnlächeln übrig hatten, gehörten die Gäste der Pension einer der beiden Cliquen an, die sich nicht gerade befehdeten, aber sich doch gern mehr oder weniger offensichtlich übereinander lustig machten. Und auch – zur Freude der Wirtin – einen gewissen harmlosen Wettbewerb trieben: wenn die eine Partei bis Mitternacht zusammensaß und eine Flasche Wein nach der andern trank, so braute sicher am übernächsten Tag die andere Partei eine Bowle und zechte bis zum Morgengrauen.
Mette fühlte sich manchmal an ihre Schulzeit erinnert. Da waren erwachsene Menschen, die ganz wie die kleinen Mädchen in der Klasse, wenn sie sich von einem Tisch an den andern etwas sagen wollten, sich einer Art Zeichensprache bedienten. Oder ein paar Worte auf den Rand einer Zeitung schrieben und sie dem bedienenden Mädchen mitgaben – ganz wie man in der Schule Zettelchen auf die Wanderschaft geschickt hatte. Da waren Vertraute, die immer miteinander zu tuscheln hatten, ehe sie sich an ihre Plätze begaben, und die, wenn das Mädchen mit der Suppe kam, sich mit einem vielverheißenden „nachher“ trennten. Oder andere, die sich nur einen Blick zuzuwerfen brauchten, um einen Lachanfall zu bekommen, den sie mühsam zu unterdrücken oder wenigstens zu verbergen suchten.
Manchmal spürte Mette auch dasselbe Neidgefühl wie damals, als sie fremd und vereinsamt der Lustigkeit der Klasse gegenüberstand. Und dann dachte sie mit einem leisen inneren Lächeln, daß sie seit jener Zeit doch schon um vieles älter geworden war – nicht nur um das eine Jahrzehnt, das dazwischen lag. Sie war schon so alt und klug geworden, sich zu sagen, daß all diese Heiterkeit und Wichtigtuerei und Geheimniskrämerei nur so verlockend erschien für den, der unbeteiligt draußen stand – und daß sie überhaupt jeden Reiz verlor, wenn nicht jemand da war, der das Spiel als Zuschauer mit ansah und in dessen Gemüt man ein wenig Neugier und Neid und Sehnsucht erwecken wollte.
Mette merkte wohl, daß – von beiden Parteien – manches in halb unbewußter Berechnung geschah, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Aber sie war nicht genug von ihrem Wert überzeugt, um sich dadurch geschmeichelt zu fühlen.
‚Die spielenden Kinder brauchen einen Zuschauer,‘ dachte sie mit nachsichtigem Lächeln.
Sie fühlte auch mitunter, daß es nicht schwer sein würde, an einen der Kreise Anschluß zu finden. Sie hätte nur einmal in eines der allgemeinen Gespräche, an denen auch die liebenswürdige Wirtin sich beteiligte, ein paar Worte hineinwerfen müssen, sie hätte nur einmal einen Gruß weniger zurückhaltend zu erwidern brauchen, und in kürzester Zeit hätte sie nicht mehr abseits gestanden, hätte sie mitgeplätschert in dem muntern Bächlein dieser mehr oder weniger seichten Beziehungen. Manchmal nahm sie einen innerlichen Anlauf zu dem Sprung, weil sie dem, was sie „das Leben“ nannte, näher kommen wollte und mit leiser Angst verspürte, wie sie ihm immer fremder wurde. Sie nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit an einem Gespräch teilzunehmen, und das Herz schlug ihr, wenn die Gelegenheit da war – aber sie ließ sie ungenützt vorübergehen. Wenn sie den fertig gebildeten Satz schon auf der Zunge hatte, faßte sie die Angst, – nicht die Angst, den Satz nicht herauszubringen, oder für aufdringlich zu gelten – sondern die Angst, durch ein Wort Beziehungen anzuknüpfen, die nachher zu lösen schwer – ja fast unmöglich war.