Mette saß in ihrem stillen Zimmer und lernte Vokabeln.
la sopera – die Suppenschüssel.
el relojero – der Uhrmacher.
Es lernte sich leicht, und es machte ihr Spaß.
Un sombrero es un hombre que hace sombreros.
Das Italienische war ihr viel schwerer geworden, ach, aber mit welchem Feuereifer hatte sie damals gelernt. Sie hatte so viele Gründe, die sie zum Lernen trieben. Sie durfte doch nicht sagen, daß sie die Stunden bei Olga nahm, statt bei dem italienischen Professor, den Vater ihr ausgesucht hatte. Und darum mußte sie sich möglichst rasch gründliche Kenntnisse aneignen, damit Vater nicht auf den Gedanken kam, den Unterricht zu kontrollieren oder dem Herrn Professor einen zur Strenge mahnenden Brief zu schreiben. Und dann galt es auch, vor Olga zu bestehen. Sie wurde nicht ungeduldig, aber sie war so fassungslos erstaunt, wenn man etwas nicht begriff oder nicht behalten konnte.
Und dann war der heißeste Ansporn: Die Reise nach Italien, die gemeinsame, die sie einstweilen nur auf der Landkarte oder im Baedeker machten, und die einmal Wirklichkeit werden sollte, greifbare, herrliche, unnennbar selige Wirklichkeit.
Und nun war alles vorbei und alle Hoffnungen vernichtet, gestorben, begraben.
Mette würde niemals nach Italien fahren und niemals nach Spanien, niemals, denn sie war allein und würde immer allein sein, und sie würde sich in fremden Ländern noch viel einsamer, verlassener, unglücklicher fühlen als in fremden deutschen Städten.
Es hatte wohl auch eigentlich keinen Zweck, Spanisch zu lernen ... wozu die Mühe, sich etwas anzueignen, wofür man niemals Verwendung hatte!
Sie ließ das Heft sinken und starrte vor sich hin. Die Tränen, die ihr schon in die Augen gestiegen waren, als sie an die italienischen Stunden bei Olga dachte, lösten sich und rollten über ihr unbewegtes Gesicht – eine nach der andern, ohne daß sie sich die Mühe gegeben hätte, sie aufzuhalten oder auch nur abzutrocknen.
Olga! – Aber Olga lernte nie eine Sprache, wie sie hochmütig sagte, „um sich mit Hotelportiers und Ladenmädchen verständigen zu können“. Olga studierte Sprachen, um sich in Geist und Wesenheit der Völker einzufühlen, um ihre Verschiedenheiten oder Ähnlichkeiten zu erfassen. Sie lernte Sprachen, weil sie sich an den Schönheiten eines Satzgefüges erfreuen konnte wie an einem Bildwerk oder an einer Melodie. Und sie lernte sie vor allen Dingen, wie sie alles tat, um sich zu bereichern, zu weiten, um mit dem Lernen ihr Gehirn in ständiger, immer wachsender Anspannung zu halten und um mit dem Gelernten ihr „inneres Haus auszubauen“, wie sie manchmal scherzend sagte.
Mette nahm das Heft wieder vor. Sie wollte auch ihr Haus in sich aufbauen. Sie wußte nicht recht, wie. Noch standen nicht die Grundmauern, noch war nicht einmal ein Plan vorhanden. Aber sie trug Bausteine zusammen, sie lernte, sie las, sie sah mit wachen Augen um sich, und sie dachte nach über alles, was sie gelernt hatte. Vielleicht würde einmal ein Tag kommen, da sie wußte, wie das alles zu ordnen und zu richten, da sie wußte, wo sie hinaus wollte, wozu sie strebte und lernte und wofür – ach, manchmal kam auch der ganz vermessene Gedanke: Da sie wußte, für wen sie strebte und lernte.
El que nos trae las cartas es el cartero.
Es klopfte an die Tür, und Mara Luigi steckte den rötlichen Wuschelkopf durch die Spalte. Sie hatte es sich angewöhnt, jeden Tag ein halb dutzendmal bei Mette anzuklopfen, um eine belanglose Frage zu stellen, oder eine noch belanglosere Mitteilung zu machen. Mette hatte einzig aus diesem Grunde schon manchmal die Möglichkeit eines Umzugs erwogen.
„Störe ich?“ fragte sie, indem sie durch die Tür schlüpfte. Sie schlüpfte wirklich, denn sie hatte die Gewohnheit, wenn sie so kam, die Tür nur zu einem spitzen Winkel zu öffnen, ihren schmalen Körper noch schmäler zu machen und mit hochgezogenen Schultern und katzenhaft geschmeidigen Bewegungen durch den Spalt zu gleiten.
„Absolut nicht,“ sagte Mette geduldig. Im Grunde störte sie ja auch nicht. Niemand fragte danach, wann Mette Rudloff die Lektion zu Ende bringen würde ... leider!
„Kommen Sie ein bissel mit hinüber auf meine Bude, ja? Die Werkenthin ist da, Giesbert, Kramer, die Breslauer. Wir trinken Tee und rauchen – ich soll Sie schön bitten, auch im Namen der andern.“
Mette stand auf und legte Hefte und Bücher gerade. Sie fuhr noch ein wenig unschlüssig mit den Fingern an dem Bleistift hin und her:
„Soll ich wirklich ...“
„Ja natürlich sollen Sie! Sie werden noch ganz dumm von dem vielen Studieren, glauben Sie mir! Früher war ich auch so – Bücher, das war mein Schönstes ... ich hab’ mir immer die Bücher im Bett versteckt, weil meine Mutter nicht wollte, daß ich so viel lesen sollte ...“
‚Schöne Bücher mögen das gewesen sein,‘ dachte Mette.
„Und jetzt? Du lieber Gott! Jetzt bin ich froh, daß ich die ganze Bücherweisheit vergessen habe! Das Leben sieht anders aus, als es in Büchern beschrieben steht ...“
„Wissen Sie, wie es aussieht?“ fragte Mette ernsthaft, „darum könnt’ ich Sie beinah beneiden. Mir erscheint es an einem Tag so und am andern Tag so. Nicht nur mein Leben, sondern ‚das Leben‘ überhaupt.“
Sie hatten unterdessen den Türgang gequert, und die Luigi öffnete ihr Zimmer und rief hinein:
„Kinder, wißt ihr, wie das Leben aussieht? Oder vielmehr, könnt ihr es erklären und beschreiben?“
Mette hatte die Fenster weit offen gehabt, und die Strahlen der tiefstehenden Sonne hatten das ganze Zimmer mit mildem, flirrenden Goldglanz erfüllt. Hier waren alle Vorhänge sorgfältig zugezogen, und das Licht der japanischen Korblampe, das durch den gebatikten Seidenschirm verschleiert wurde, warf in ein tiefes Dämmern vereinzelte violette, grüne und purpurne Reflexe.
„Wie das Leben aussieht?“ rief eine Männerstimme aus dem Dunkel. Es war Giesbert, wie Mette gleich darauf erkannte, als ihre Augen sich in der ungewohnten Beleuchtung zurechtgefunden hatten.
„Ist das eine Preisfrage für eine Malerakademie? Soll jeder ein Bild malen, wie er sich das Leben vorstellt? Dann malen neunundneunzig Prozent ein nacktes Weib! Nur die Attribute sind verschieden – dem einen ‚beut‘ es eine Schale mit goldenen Früchten, und für den andern schwingt es hohnlachend eine Geißel.“
„Kann denn keiner von euch erklären, wie er findet, daß für ihn das Leben aussieht?“
„Sphynx,“ sagte Kramer phlegmatisch, „fabelhafter Busen, weich, verlockend und Raubtierkrallen. Und dazu das obligate Rätsel natürlich. Und der Abgrund daneben!“
„Grüß Sie Gott, Fräulein Rudloff,“ sagte Gisela Werkenthins dünne zerbrochene Kinderstimme, „sind Sie auf die verrückte Idee gekommen, daß Sie wissen wollen, wie das Leben ausschaut? Gell ja? Wenn ich ein Maler wär’ und sollt’ ein Bild malen ‚das Leben‘, ja, Giesbert, du hast ganz recht, ein nacktes Weib tät’s natürlich werden, bei mir auch. Und zwar eine mit der Leyer im Arm, die in Entzückung dahin tanzt, den Blick nach oben. Aber worauf sie tanzt, was im ersten Augenblick aussieht wie ein blumiger Teppich, das sind verschlungene, verkrampfte Menschenleiber, blutiggeschundene, röchelnde, ringende, alle, die das lachende Leben zu Boden getreten hat, und die es verfluchen, aber sich doch noch ausrenken und andere niederwürgen, um noch einen Zipfel seines Gewandes zu erfassen ...“
„Einen Zipfel vom Gewand des nackten Weibes,“ spottete Giesbert, „o heilige Logik! Sie spricht so schöne Sätze, die Kleine, ganz wie ihre Freundin, die moderne Sappho, aber sie weiß am Schluß schon nicht mehr, was sie am Anfang gesagt hat.“
„Du bist ein Viech!“ sagte Gisela und nahm irgendeinen Gegenstand auf, um nach seinem Kopf zu zielen.
Frau Breslauer griff mit einem ängstlichen Aufschrei nach ihren Händen:
„Um Gottes willen, den guten Aschbecher! An dem seinem Schädel zersplittert doch ein Stein!“
„Also nehmt euch in acht!“ rief Giesbert mit vorgestreckter Stirn, „ihr demoliert das ganze Mobiliar, wenn ihr mir’s an den Kopf schmeißt! Ich stehe wie ein Fels im Meer, und um mich liegen die Scherben der Meidingerschen Wirtschaft!“
„Also Fräulein Rudloff,“ sagte der kleine Kramer, „Sie haben diesen edlen Wettbewerb der Phantasien entzüngelt ... kann man das sagen? Ich glaube, es ist ganz neu, und es ist jedenfalls ein sehr schönes Wort ... entzüngelt! Aber ich bitte mir aus, daß ich es nicht nächstens in irgendwelchen lyrischen Schöpfungen des verehrten Kreises wiederfinde ...“
„Ja, in meinen zum Beispiel,“ warf Frau Breslauer ein.
„Oder in meinen,“ lachte Mara Luigi.
„... kurz und gut, es ist mein Wort, und ich lege Beschlag darauf. Also Sie haben die Phantasien entzüngelt, nun müssen Sie aber auch mittun in diesem Wettbewerb ... wie würden Sie denn das Leben darstellen?“
„Ach Gott,“ sagte Mette und hob ratlos die Achseln, „als eine Zwiebel vielleicht. Eine Haut nach der andern zieht man herunter, aber man kommt nicht an einen Kern!“
„Aber man vergießt Tränen bei dieser Beschäftigung!“ sagte Gisela fast bitter.
„Ja, und wer sich zu intensiv damit befaßt, dem Leben auf den Grund zu gehen,“ lachte Giesbert, „der kann leicht in schlechten Geruch kommen!“
„Ach, das Leben kann ganz nett sein,“ sagte Frau Breslauer behaglich.
„Ja,“ sagte Kramer und seine Augen wurden plötzlich ganz ernst und weiteren sich, „am Meer! Am Meer, da kann das Leben schön sein. Da gehört gar nichts dazu. Kein schönes Mädchen, und kein Alkohol, und kein Geld, und keine Opiumzigarette, und kein Erfolg, und kein garnischt. Da ist es einfach schön, zu atmen.
Es ist schön, die Sonne zu fühlen, und den Wind und den weichen, weichen Sand, und die ewige Bewegung des Wassers. Wenn man nur das Salz auf den Lippen schmeckt, und den Seegeruch atmet, diesen Duft, den man nirgends findet, und der einem sofort das Atmen Lust sein läßt, ein bißchen nach nassem Holz, und ein bißchen nach Teer, und ein bißchen nach Fischen und Algen – aber vor allen Dingen nach Salzluft und Salzwasser und Sonne, nach Reinheit und Weite, nach Frische und Gesundheit und Kraft!“
Er blähte die Nüstern, als wolle er den Meerwind einsaugen, sein unbedeutendes Knabengesicht war seltsam gespannt, ganz erfüllt und durchdrungen von dem verschönenden Ausdruck einer tiefen verzehrenden Sehnsucht.
Mette fühlte etwas wie Neid. Wie gut mußte es sein, Sehnsucht zu haben nach etwas Unveränderlichem, ewig Lebendigen, nach etwas, das immer an der gleichen Stelle war und einen immer mit der gleichen Liebe empfing.
„Überhaupt die Natur,“ sagte Frau Breslauer mit einem verzückten Augenaufschlag, „Sie glauben gar nicht, wie ich für Natur schwärme. Sie ist und bleibt doch immer unsre treueste Freundin. Ich habe immer gesagt: der Wald ist mein Dom!“
„Ach, Natur ist meistens so kalt,“ sagte die kleine Luigi kläglich und zog fröstelnd die Schultern hoch.
„... und im Sommer ist sie zu heiß,“ neckte Giesbert, „und wenn’s trocken ist, dann staubt’s, und wenn’s regnet, ist es naß. Du bist mir schon eine Heldin!“
„Natur,“ sagte Gisela nachdenklich, „Natur ist wieder so ein Begriffswort, worunter sich jeder etwas anderes denkt. Der eine nennt grüne Bäume Natur, der andere die weisen Einrichtungen, daß sich alles Lebende untereinander auffrißt, einer versteht unter einem natürlichen Leben barfuß gehen und Gras fressen, und der andere heiraten und Kinder kriegen.
Und wenn Hannchen Bodenstedt sich in seidene Kimonos hüllt und sich die Lippen rotschminkt, so sagen die einen, es ist seine Natur, und die andern sagen, es ist unnatürlich. Ich weiß überhaupt nicht, was Natur ist!“
Mit diesem achselzuckend herausgestoßenen Endurteil wandte sie sich wieder mit voller Aufmerksamkeit ihrem Zigarettenetui und einem schlecht funktionierenden Feuerzeug zu.
„Ich will euch mal was sagen, Kinder,“ sagte Giesbert entschieden, „natürlich oder nicht. Nackte Waldschnecken, die überall Schleimspuren hinterlassen, sind auch ‚natürlich‘, und sie sind mir darum doch widerlich. Und dieser kleine heilige Johannes ist für meinen Geschmack ein ganz übler Bursche.“
„Wie du redest,“ ereiferte sich die Luigi, „du kennst ihn gar nicht ... er ist im Grunde ein so hochanständiger Kerl ...“
„Weil er keine Chantage betreibt? Das fehlte auch noch! Ich will ihn ja auch gar nicht mit irgendwelchen erpresserischen Friseurgehilfen auf eine Stufe stellen ...“
„... wenn du aber sagst, ‚übler Bursche,‘ klingt das so!“
„Also gut, ich nehme es zurück. Er ist nicht so übel, wie mir bei seinem Anblick wird. Aber er ist entschieden etwas waldschneckenmäßig. Und diese alte Tante, dieses Miststück von einem Kerl, dieser päpstliche Sänger, dieses widerwärtige Subjekt ... entschuldigt, Kinder, aber ich kriege Magen- und Gallenzustände, wenn ich an ihn denke.
Wie man sich an dieses dicke Schwein verkaufen kann, ist mir ewig unfaßbar. Ich bin, weiß Gott, nicht intolerant und habe gar nichts gegen den Gedanken, daß zwei schöne Frauen mal miteinander, na ja ... Obgleich mir die Weiber mit Kragen und Schlips und abgeschnittenen Haaren auch zum Kotzen sind ... Anwesende sind natürlich immer ausgeschlossen.“
Gisela verbeugte sich mit spöttischem Lächeln.
„Aber Giselchen, du bist doch kein Mannweib, so mit Baß und Schnurrbart und dicken Zigarren. Du bist im Grunde doch ein süßes kleines Weibchen.“ Er ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und umschlang sie mit beiden Armen: „Du bist nur durch einen Zufall auf die falsche Bahn gelenkt, glaube mir, mein Herzblatt. Versuch, es nur einmal mit einem reellen Mann, und du bist für immer geheilt und gerettet. Ich stelle mich dir gern zur Verfügung, gratis und franko. Du ahnst gar nicht, was du für Spaß haben wirst – frag’ nur Frau Breslauer ...“
Frau Breslauer kreischte laut auf:
„Uch nein, Giesbert, was soll denn Fräulein Luigi denken.“
„Aber Sie waren doch verheiratet, Frau Breslauer!“ sagte Giesbert ernst und vorwurfsvoll. „Wollen Sie leugnen, daß es Ihnen Spaß gemacht hat? Ich meine doch nicht mit mir! Mara weiß, daß ich die uneheliche Treue nie verletze!“
„Na,“ sagte Kramer, scheinbar sehr befriedigt, „deutlicher man kann nicht gut!“
Mette bemühte sich, zu all diesen Unterhaltungen ein lächelndes Gesicht zu machen. Ihr war ein wenig fiebrig zumute, und die Stube mit den lauten, lachenden, kreischenden, schwatzenden Menschen schien sich wie ein atmender Brustkasten auszudehnen und wieder zusammenzuziehen, die Wände glitten von ihr fort und rückten fast bedrohlich näher.
‚Dies alles geht mich gar nichts an,‘ dachte sie. ‚Ich will doch tapfer sein und will das Leben kennenlernen, und dabei – wenn ich nur reden höre von irgendwelchen Dingen, von denen ich doch weiß, daß sie existieren – verwirrt es mich und macht mich schwindlig, nur weil ich in einem Kreis aufgewachsen bin, in dem es nicht üblich war, erotische Beziehungen als Salon-Unterhaltungen zu behandeln. Ich bin dumm und feige und eine prüde Gans.‘
Gisela stand von ihrem Stuhl auf:
„Du hast ganz recht, Kramerle, das ist kein Ton für uns!“
Sie setzte sich auf Mettes Sessellehne und strich ihr mit einer behutsam, kaum fühlbaren Bewegung das Haar aus der Stirn.
„Armes Hascherl,“ sagte sie bedauernd, „was müssen Sie sich alles mit anhören! Sie müssen auch rein denken, Sie sind in ein Tollhaus geraten! Achten Sie gar nicht auf das, was der Lackl daherredet! Es ist alles nur halb so schlimm, wie es klingt!“
Mette lächelte zu ihr auf:
„Ach, wenn es nur nicht schlimmer ist, dann geht’s ja noch! Dinge, die verheimlicht werden, sind meist viel schlimmer, als solche, über die öffentlich gescherzt wird.“
„Sie haben recht,“ sagte Gisela mit dunkelbrennenden Augen, „das schlimmste weiß niemand, und es wird niemals ausgesprochen.“
Sie versuchte ein Lächeln, das Metten fast rührend erschien, und strich ihr wieder mit weichen Fingern über das Haar. „Aber Sie sollten von allem Schlimmen verschont bleiben, von allem Schlimmen und allem Schmutzigen. Sie passen in ein Schloß. Oder noch besser in einen Schloßpark. Wissen Sie, als ich Sie das erstemal sah, da wußt’ ich gleich den passenden Rahmen für Sie. Ich kenne einen Schloßgarten, in dem Sie sich ausnehmend gut machen würden. Da sind Terrassenstufen, die zu einem kleinen See hinunterführen, direkt ins Wasser hinein. Und auf diesem Teich sind sehr viele Schwäne, schwarze und weiße. Und ich sehe Sie immer auf diesen Stufen stehen, in einem weißen Gewand, mit einem Körbchen in der Hand und die Schwäne füttern, die sich an die Stufen drängen.“
„Ein schönes Bild,“ sagte Mette lächelnd, „aber es hat eigentlich ein bißchen etwas Melancholisches und Verlassenes. Wenn es im Kino wäre, zum Beispiel, dann würde die Frau in dem weißen Gewand sicher im letzten Akt die Stufen hinuntersteigen, in einer Mondscheinnacht, einen Arm voll Blütenzweigen an die Brust gedrückt, und in dem stillen Schloßteich verschwinden.“
„Das werden Sie nie tun,“ sagte Gisela ernst.
„Warum nicht,“ fragte Mette überrascht und fast ein wenig beleidigt, als spüre sie eine leise Nichtachtung in diesem Zweifel. Sie war versucht, zu erzählen, daß ein geladener Revolver in ihrem Nachttischkasten lag, und daß sie hundertmal schon gegen die Versuchung angekämpft hatte, ihn an die Schläfe zu drücken.
„Nicht weil Sie feige sind,“ sagte Gisela rasch, als ob sie ihre Gedanken ahnte. „Vielleicht eher im Gegenteil, weil Sie viel Mut haben. Sie haben so feste Hände und machen manchmal so eine merkwürdige Geste, so ...“ sie machte die Bewegung, „Sie krallen so langsam die Finger zusammen, daß man alle Sehnen sieht – es sieht aus, als freuten Sie sich direkt darauf, das Leben bei den Hörnern zu packen, wenn es auf Sie loskommt.“
„Ich weiß das gar nicht,“ sagte Mette, „wie Sie beobachten?!“
Sie sagte mit Absicht nicht „mich beobachten“, wie es sich ihr erst auf die Lippen drängen wollte.
Aber Gisela sprach es deutlicher aus:
„Manchmal – wenn mich etwas interessiert. Manchmal seh’ und hör’ ich auch vom hellen Tage nix. Aber Sie hab’ ich beobachtet. Ich weiß auch, daß Sie keine zusammengewachsenen Augenbrauen haben, und das ist schon ein Zeichen, daß Sie eines natürlichen Todes sterben.“
Sie nahm Mettens Gesicht in beide Hände und drehte es ein wenig dem Licht zu:
„Nein, sehen Sie, es ist gut ein Fingerbreit frei über der Nasenwurzel,“ sie legte die Spitzen ihrer schmalen Finger zwischen Mettes Brauen und strich dann behutsam die Bogen entlang.
Mette schloß die Augen und lächelte. Die weichen Hände glitten wie Vogelfittiche über ihre Schläfe, ihre Wangen.
Wie lange war es her, daß eine Hand sie gestreichelt hatte? Monate und Monate ... endlose kalte, einsame, verzweifelte Monate.
Etwas wie ein Schluchzen quoll in ihrer Kehle auf: das heiße Mitleid mit sich selbst.
‚Streichle mich,‘ dachte sie, ‚du weißt ja nicht, wie arm ich bin. Wie grenzenlos arm und erfroren, daß es mich erwärmt, wenn du aus Spielerei deine Hände über mein Haar gleiten läßt.‘
Mette schlug einen Moment die Augen auf. Niemand beobachtete sie. Ein lautes und lebhaftes Gespräch war im Gange. Ach, diese glücklichen Menschen litten nicht so unter Langerweile, daß sie immer auf der Lauer liegen mußten, um irgendwo etwas Interessantes zu erspähen. Sie erlebten ihre Romane selbst und brauchten sie nicht bei andern zu wittern – sie waren so voll von ihren mannigfaltigen Schicksalen und Leidenschaften, daß sie kaum noch Raum in sich fanden, um die fremden zu erwägen.
Giesbert hatte die kleine Luigi auf seine Knie gezogen, und sie wühlte mit der Hand in seinen Haaren, während er sich mit Kramer über den Plan zu einem Kolossalgemälde unterhielt, und sie mit Frau Breslauer über seine Schulter hinweg ein neues Tanzkleid besprach.
Über Mettes Stirn glitten die weichen leichten Hände.
„Sie haben ein seltsames Gesicht,“ sagte die gedämpfte Stimme neben ihr, „es ist so offen und klar und dabei ganz undurchsichtig. Es ist fast unveränderlich und doch ausdrucksvoll. Merkwürdig.“
„Ich finde, mein Gesicht hat nur eine hervorstehende Eigenschaft,“ sagte Mette halblachend, „es ist langweilig.“
„Vielleicht ist jedem Menschen, der sich sehr gut kennt, das eigene Gesicht langweilig,“ sagte Gisela Werkenthin nach einer kleinen, nachdenklichen Pause.
‚Gott sei Dank, daß sie es mir erspart, mich gegen irgendeine Phrase wie ‚oh, durchaus nicht‘ zu wehren,‘ dachte Mette.
„Aber das ist sicher sehr unrecht,“ fuhr Gisela fort, „warum sieht die kleine Mara so reizend aus? Weil sie wirkliches Interesse für sich hat und sich tagelang im Spiegel anschaut und an sich herumputzt und schminkt und frisiert, als wenn’s eine verhätschelte Lieblingspuppe wär’. Aber da nützt kein ‚Vornehmen‘, das steckt im Blut, und wir beide werden’s wohl nie erlernen. Schad’t auch nix. Mit mir wär’ eh nix anzufangen, auch mit der größten Müh’ nicht, und Sie sind ohnedem schön genug!“
Es klopfte an die Tür, und auf ein fast allgemeines „Herein“-Rufen trat Eccarius ein.
Sein ernstes, blasses häßliches Gesicht war Metten in diesem Augenblick unangenehm. Sie wußte nicht, warum.
Erst einige Sekunden später kam es ihr zum Bewußtsein. Sie spürte die weichen Hände nicht mehr auf ihrem Haar – Gisela war von der Sessellehne heruntergeglitten und stand jetzt neben Frau Breslauer.
Mette wünschte Eccarius zu allen Teufeln, sie war einsilbig und fast unliebenswürdig, weil sie erwartete, daß er dann bald wieder gehen würde. Aber er wich den ganzen Abend nicht mehr von ihrer Seite.