Es geschah nun schon zum drittenmal, daß Mette sich auf ihren Spaziergängen plötzlich an einer Ecke der stillen Vorstadtstraße fand, in der das Häuschen der Sophie Degebrodt gelegen war.
Dieses drittemal aber bog sie nicht rasch nach der entgegengesetzten Seite um, sondern sie ging entschlossen die gerade Straße hinunter, die in der vollen Herbstsonne lag, ganz weißgebadet bis auf die dünnen flirrenden Schatten, die das zarte Gefieder der jungen Ebereschen warf, die, schwer mit Beerendolden von leuchtendem Ockergelb bis zu glühendem Scharlach beladen, in zwei schnurgeraden Reihen den Fahrdamm säumten.
Mette wußte zwar die Nummer nicht mehr, aber es würde nicht schwer sein, das Haus wiederzufinden. Das dritte rechts mußte es sein – richtig, das Gartengitter trug ein ziemlich auffallendes Namenschild, und über dem Laubendach hing die kleine Fahne reglos in der stillen Luft.
Mette hatte ein wenig Herzklopfen, als sie das eingeklinkte Gittertürchen öffnete. Sie war so befangen, wie als Kind, wenn sie zu fremden Leuten gehen, an fremden Türen klingeln sollte. Wenn sie jetzt in die Laube käme, würde man ihr vielleicht sehr erstaunt entgegenstarren. Niemand würde ihren Namen wissen, niemand sich ihres Gesichtes erinnern, man würde sie fragen, mit welchem Recht sie sich erlaubte, einzudringen – oh, sie würde sich und andere in eine sehr peinliche Lage bringen!
Es wäre sicher besser, die paar Stufen zu dem Vordereingang hinaufzugehen und dem öffnenden Mädchen die Karte zu geben. Dann konnte man sie mit einer höflichen Phrase abweisen lassen, wenn man sich ihres Namens nicht mehr entsann. Sie ging zögernd ein paar Schritte wieder zurück.
Aber man hatte sie wohl gesehen, oder das Knirschen im Kies gehört – hinter dem Haus reckte sich ein blonder Kopf hervor.
„Ah! Fräulein Rudloff!“ der kleine Johannes sprang ihr förmlich entgegen. Und im ersten Augenblick hatte sie vergessen, was sie von ihm gehört, was sie über ihn gedacht hatte, und war entzückt von seiner knabenhaften Anmut, von der tänzerischen Leichtigkeit seiner Bewegungen.
„Wie nett, daß Sie kommen! Nein, bitte gleich hier herum, wir brauchen ja nicht durch’s Haus. Wir haben schon öfters von Ihnen gesprochen, und wo Sie wohl stecken möchten. Nora wird sich schrecklich freuen – Sophus hat noch zu tun, kommt aber auch gleich.“
Er führte sie an einer grünen Wand vorbei, an der schon die ersten prallen Bohnen zwischen unzähligen roten und weißen Blüten hingen.
Auf den schmalen Beeten wucherten Phlox und Astern in leuchtenden Farben. Eingefaßt waren sie mit dem goldgrünen Saum blühender, duftender Reseda.
In der großen, sechseckigen Laube war ein behaglicher Teetisch gedeckt.
Mette hatte auch ein wenig uneingestandene Angst davor gehabt, Nora wiederzusehen. Nun war sie fast dankbar überrascht durch ihre Schönheit, und durch den beherrschten Adel ihrer Bewegungen. Nora war schon so an ihr Leiden gewöhnt, daß es ihr gar nicht einfiel, etwa den Versuch zu machen, aufzustehen, um dann hilflos und kläglich zurückzusinken. Sie saß ein wenig steif und sehr königlich und streckte Mette mit einem gewinnenden Lächeln die Hand entgegen.
Neben ihr saß Ulrich Zeeden, der sich beeilte, aufzuspringen und hinter dem Tisch hervorzukommen, wobei er das Teegeschirr in Gefahr brachte, was sowohl Mette als Johannes zu einem eiligen Zugreifen veranlaßte. Dadurch entstand eine heitere Verwirrung, die über die ersten Sekunden, die von peinlicher Förmlichkeit hätten sein können, hinwegleitete und sofort ein allgemeines, lebhaftes Gespräch in Gang brachte.
Nach einigen Minuten kam auch Sophie mit großen eiligen Schritten aus dem Haus. Sie begrüßte Mette sehr herzlich, verlangte dazwischen „recht rasch“ eine Tasse Tee, wollte sie im Stehen trinken, ließ sich dann doch auf einen Stuhl nötigen und schwatzte sich für eine Viertelstunde fest, wobei sie jede zweite Minute ängstlich sagte: „Oh, Kinder, das Licht geht mir weg, ich muß ja hinein an die Arbeit!“
Als sie dann schließlich davonlief, kehrte sie am Haus noch einmal um und rief zurück:
„Aber daß ihr mir alle dableibt, bis ich wiederkomme, ich will heut’ Abend noch eine Stunde Gemütlichkeit haben, ich hab’ so viel gearbeitet heute.“
„In deinem traurigen Beruf, hast du vergessen zu sagen!“ lachte Johannes hinter ihr her.
„Ja, in meinem traurigen Beruf!“ rief sie schon von der Tür her zurück.
„Warum traurigen Beruf?“ fragte Mette verwundert.
„Sie sagt doch immer, sie käme gleich nach Leichenfrau und Sargmagazin,“ erklärte Johannes, „sie macht doch Grabdenkmäler.“
„Das ist wirklich traurig,“ sagte Mette und bemühte sich, ein leises Lächeln festzuhalten, um nicht für übertrieben sentimental zu gelten. Die Worte „Grab“ und „Tod“ trafen sie immer noch wie ein schmerzlicher Stich.
„Man gewöhnt sich daran,“ sagte Nora ernsthaft, „wie man sich an alles gewöhnt. Und das ist gut. Man verroht ein bissel – für uns Überempfindliche ist das ganz gut. Wir fühlen uns sehr wohl zwischen Urnen und trauernden Genien, genau so wie ein Sargfabrikant nicht beim Anblick eines Sarges erschrickt, oder ein Arzt beim Anblick einer Wunde. Und wenn man so viel mit dem Tode zu tun hat, wie Sophie, und durch sie auch ich, dann verliert der Tod alles Grausige, und man sieht schließlich den Humor in tragischen Situationen – fragen Sie nur Sophie, die kann Ihnen Geschichten aus ihrer ‚Praxis‘ erzählen.“ – – –
Nora nahm eine Handarbeit aus einem neben ihr stehenden Körbchen und bat Johannes, das Mädchen zu rufen, damit der Tisch abgeräumt würde.
Johannes bettelte wie ein Kind, es selbst tun zu dürfen, und stellte gewandt und behutsam das Porzellan auf dem Teebrett zusammen. Als er wiederkam, saß er eine ganze Weile schweigend und sah mit verlangenden Augen Noras fleißigen Händen zu.
Schließlich, als könnte er kindische Begierde nicht länger zügeln, streckte er die Hände aus:
„Oh, bitte, bitte, laß mich auch ein paar Stiche machen!“
Nora überließ ihm lächelnd die Arbeit und suchte geduldig aus ihrem Körbchen eine begonnene Häkelei für ihre eigne Beschäftigung.
„Oh, gnädige Frau,“ rief Mette erschrocken, „die wundervolle Stickerei! Haben Sie denn gar keine Angst?“
„Ach nein,“ beruhigte Nora, „Johannes macht ebensogut Handarbeiten, wie ich.“
„Ja, nicht wahr, Nora?“ fragte Johannes mit einem errötenden Stolz. „Ich hätte Kunststicker werden müssen, oder Miniaturmaler. Ich habe für solche Dinge auch eine unerschöpfliche Geduld. Sonst habe ich gar keine Ausdauer.“
Er neigte den Kopf über die Arbeit, daß ihm die weichen blonden Haarwellen ins Gesicht fielen. Die schlanken, fast zu wohlgepflegten Hände bewegten sich mit Anmut und Geschick und setzten sicher Stich neben Stich.
Es war ein verwunderliches Bild. In Mette regte sich unwillkürlich der Gedanke: ‚Gut, daß es nicht mein Sohn ist – ich glaube, dann würd’ ich ihm die Stickerei aus den Händen reißen und um die Ohren schlagen. Aber so – er sieht ja doch immer aus wie ein gemalter Engel oder Heiliger.‘ – – –
Johannes mußte gehen, ehe Sophie zurückkam. Er wartete auf sie, bis es zu spät für ihn wurde, dann nahm er hastig, aber herzlich Abschied, trug den andern viele Grüße für Sophie auf und lief davon.
Ulrich Zeeden sah ihm kopfschüttelnd nach.
„Ein seltsamer kleiner Bursche,“ sagte er.
„Ein seelensgutes Kerlchen,“ fügte Nora mit leisem Widerspruch im Ton hinzu, „wir haben uns hier so an ihn gewöhnt, daß wir ihn kaum entbehren könnten. Er ist wirklich wie ein treuer kleiner Page, immer bereit und gefällig und liebenswürdig – ach, und mehr als das: herzensgut und aufopfernd.“
„Es gehen ja sagenhafte Gerüchte über seine Güte,“ Ulrich Zeeden verzog ein wenig spöttisch die Mundwinkel.
„Es gehen überhaupt viele Gerüchte über ihn um, leider!“ entfuhr es Mette. Sie fühlte, wie ihr die Verlegenheit das Blut brennend in die Wangen trieb, aber sie entschloß sich, das einmal Gesagte nun tapfer zu vertreten. „Es sieht so häßlich aus, so klatschsüchtig, hinter einem Menschen herzureden, der eben gegangen ist ... aber gerade weil er Ihr Freund ist, und weil ich ihn sehr nett finde, wirklich sehr nett, darum ärgere ich mich, wenn die Leute Scheußlichkeiten von ihm erzählen, und ich absolut kein Recht habe, ihnen den Mund zu verbieten, oder sie Lügen zu strafen.“
„Würden Sie das sonst tun?“ fragte Ulrich Zeeden, „das wäre sehr tapfer und anerkennenswert freundschaftlich von Ihnen, aber in den weitaus meisten Fällen verfehlt. Denn was man auch an Scheußlichkeiten erzählt, wird immer noch bei weitem durch die Scheußlichkeiten überboten, die ganz im Geheimen begangen werden, und von denen niemand was ahnt.“
„Ist das wahr?“ wandte sich Mette wie hilfesuchend an Nora.
Nora legte ihr die weiche Hand aufs Haar.
„Ach, Kind,“ tröstete sie, „es ist alles viel zu verwickelt und verworren, als daß man so einfach ja oder nein sagen könnte. Sie brauchen darum nicht so verzweifelte Augen zu machen. Alles gut und böse ist so ineinander verquickt, daß wir es gar nicht auseinander lösen können, um eins gegen das andere abzuwägen.
Ich will Ihnen etwas erzählen – denn ich weiß ganz genau, was Sie mit den ‚Scheußlichkeiten‘ meinen, und Sie auch, Ulrich. Sie meinen die Sache mit Drencker. Man erzählt sich – und Sie wissen, daß es wahr ist, Ulrich, und wenn ich ehrlich sein soll – ich weiß es auch, daß Drencker den Kleinen sozusagen mit Haut und Haaren gekauft hat, daß er ihm eine bezaubernde Wohnung eingerichtet hat, daß er für seinen Unterhalt sorgt – daß er ihn ‚aushält‘, wie man das ja nennt. Und daß Drencker das leider nicht nur tut, um seine Millionen auf gute Art loszuwerden, das wissen wir auch alle. Na, und daß unser gutes Hannchen diesem – milde gesagt, reichlich unangenehmen Herrn nicht anhängt, wie Alkibiades dem Sokrates, um Weisheit von seinen Lippen zu schlürfen, sondern daß er einfach den pekuniären Vorteil wahrnimmt, ist auch klar.
Und trotzdem – wenn man ein bißchen tiefer sieht, dann entdeckt man hinter all diesen Scheußlichkeiten auch etwas Versöhnendes ... der kleine Johannes hat von Kindheit an eine große und unveränderliche Liebe gehabt, eine Schwärmerei mehr, zu einem Schulkameraden, der alles das hatte, was ihm selbst fehlte: das Männliche, Selbstbewußte, etwas Brutale – diese Kinderschwärmerei ist zu einer ganz selbstlosen, ganz anbetenden Freundschaft geworden. Nun kommt hinzu, daß der andere eine starke Begabung besaß, die den Kleinen noch mehr zur Bewunderung zwang. Geld hatten sie beide nicht. Johannes hat sich selbst wohl nie für besonders wertvoll gehalten ... er hat sich verkauft – und mit voller Absicht teuer verkauft – um dem Freund das Studium zu ermöglichen, um ihn in jeder Weise zu unterstützen.“
„Und das hat Willi Krafft zugegeben? Das hat er angenommen?“ sagte Ulrich Zeeden scharf, die Worte dehnend.
Nora hob etwas die Achseln: „Ich habe den Namen nicht genannt.“ Es war eine kaum hörbare Schwingung von Bitterkeit in ihrer sanften Stimme.
„Was hat Willi Krafft zugegeben? Was hat er angenommen?“ tönte plötzlich Sophiens tiefe, klingende Stimme dicht neben ihnen.
„Wir verleumden deinen Freund, Sophus,“ lächelte Nora ihr entgegen, „du kommst im richtigen Augenblick, um ihn zu verteidigen.“
„Verteidigen Sie ihn, wenn Sie können,“ sagte Zeeden in einem strengen, richterlichen Ton, „Willi Krafft hat zugegeben, daß ein junger, unreifer, etwas haltloser Mensch, mit dem er vorgeblich befreundet war, sich den unnatürlichen Lüsten dieses Scheusals in Menschengestalt verkauft hat, und hat sich von dieser Kaufsumme auch bezahlen lassen. Das ist für mich das niedrigste, was ein Mensch überhaupt begehen kann – genau so, wie für mich der Zuhälter noch viel verächtlicher ist, als die Dirne.“
„So!“ Sophie zog sich einen Stuhl zurecht und setzte sich. „Nun hab’ ich Sie ausreden lassen, nun lassen Sie mich ausreden. Erstens können Sie statt ‚Scheusal in Menschengestalt‘ geradeso gut oder besser ‚Mensch in Scheusalsgestalt‘ sagen – das nur en passant – das hat schließlich mit ‚meinem Freunde‘ Willi Krafft nichts zu tun. Aber ich kann auch einiges zu seiner Verteidigung beibringen. Nämlich daß er Talent hat, um nicht zu sagen Genie – und daß das Talent immer und unter allen Umständen das Recht hat, sich durchzusetzen. Weil nur das Werk Wert hat, und nicht das Leben, und am allerwenigsten das moralische Leben des Einzelnen.“
„Das ist Ansichtssache,“ unterbrach Zeeden, „trotzdem – weiter!“
„Vor allen Dingen aber – selbst wenn er talentlos wäre, wenn er keine unsterblichen Werke schaffen könnte – wen schädigt er? Er ist in den Stand gesetzt, zu arbeiten, und zwar, wie ich mir einbilde, und wie er sich einbildet, für die Menschheit zu arbeiten. Er ist glücklich.
Noch glücklicher ist der alte Drencker, der sich am Ziel aller Wünsche sieht, der endlich der Gefahr entronnen ist, Betrügern, Erpressern, ja schließlich Räubern und Mördern in die Arme zu laufen, dem nicht mehr die Angst vor dem Gefängnis das Leben verbittert, der zum erstenmal den Segen seiner Millionen spürt, die ihm ein Leben lang nur Unsegen gebracht haben.
Am glücklichsten aber ist entschieden der kleine Johannes. Er führt das Leben, wozu seine eigentliche Natur ihn treibt. Er ist doch die geborene kleine Kokotte! Wenn Ihr den Jungen in irgendeinen Beruf steckt, wird er totunglücklich! Er hat keine besondere Begabung, keine übermäßige Intelligenz, noch weniger körperliche Kraft und Leistungsfähigkeit. Er kann seine Tage in irgendeinem Bureaudienst hinschleppen und wird durch seinen Hang zum Luxus dahin kommen, daß er womöglich Unterschlagungen begeht.
Jetzt hat er alles, was er sich im Grunde immer ersehnt hat. Er ist begehrt, verwöhnt, angebetet. Er sieht seine Schönheit, die er nebenbei sehr zu schätzen weiß, im richtigen Rahmen. Er bringt halbe Tage damit zu, vor seinem dreiteiligen Toilettespiegel zu sitzen, sich zu bewundern, sich mit Salben und Pudern und Haarwassern zu pflegen.
Das tut er alles Willi Krafft zuliebe? Redet Euch doch so etwas nicht ein. Er täte es ohne Willi Krafft genau so! Nein, nicht genau so! – Denn da entschieden ein besserer Kern in ihm ist, ein Hang zum Idealistischen, so täte er es mit Reue und würde sich selbst zum Ekel. Dadurch aber, daß er einen Teil seiner – für ihn, für seine Natur ziemlich mühelos – gewonnenen Einnahmen für diesen Menschen verwenden darf, den er anbetet, rückt er sich selbst in ein verklärendes Licht. Er tut, was ihm bequem ist, und ist noch obendrein Märtyrer und Heiliger!“
Zeeden bewegte die Hände, als klatsche er unhörbar Beifall.
„Eine schöne Rede, lieber Sophus! ‚Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich scheinen.‘ Irgendwo steckt ein Haken, ich weiß noch nicht recht, wo. Vielleicht auch hier wieder in dem mangelnden ‚Christentum‘! Aber ich glaube, Frau Nora fröstelt, es wird Zeit, daß wir ins Haus gehen. Die Abende werden schon recht früh kühl.“
Mette war aufgestanden:
„Ja, es wird wohl auch Zeit, daß ich nach Hause gehe. Ich wollte auf einen Sprung kommen und sitze schon Stunden und Stunden.“
„Ach, Unsinn,“ sagte Sophie, ruhig sitzenbleibend, und sah fast erstaunt zu ihr auf, „das klingt ganz nach einer façon de parler. Warum wollen Sie gehen? Haben Sie etwas Besseres vor? Oder hat man Ihnen einmal beigebracht, daß man eine erste Visite nicht über zwanzig Minuten ausdehnen darf?“
„Ja, das hat man mir beigebracht!“ lachte Mette, „das hat mir Tante Emilie, glaub’ ich, wörtlich so gesagt.“
„Und haben Sie die unselige Absicht, sich in allem nach den Vorschriften dieser Tante Emilie zu richten? Na also, dann fangen Sie auch gefälligst nicht gerade bei uns damit an! Was die Tanten sagen, ist eo ipso verkehrt! Sie bleiben jetzt hier und essen mit uns – die einzige Entschuldigung ist das bekannte ‚Bessere‘.“
„Ich wüßte tatsächlich auf der Welt nichts Besseres.“
„Armes Kleines – na, es kommt noch!“
Sophie stand auf und reckte sich kräftig:
„Ich spüre meine Knochen heute! Komm, Norina, wir machen es uns drinnen hell und gemütlich. Daß Sie dableiben, Uli, ist doch abgemacht.“
Zeeden verbeugte sich schweigend.
Sophie rückte mit einem energischen Griff den Tisch beiseite, um den Weg für Nora frei zu machen.
Mette, mit einer plötzlichen Entschlußkraft, die sie sich selbst nicht erklären konnte, drängte sich neben Nora.
„Darf ich Sie stützen, gnädige Frau?“ Sie meinte, daß man das Schlagen ihres Herzens in ihrer Stimme hören müßte.
„Oh, danke vielmals – es wird Ihnen zu schwer werden,“ sagte Nora mit einer liebenswürdigen Befangenheit.
„Sicher nicht,“ beteuerte Mette, „ich bin sehr kräftig. Und wenn nicht eine ganz besondere Übung dazu gehört ... glauben Sie mir, es würde meinen Ehrgeiz befriedigen, wenn ich es dürfte. Ich würde mir einbilden, daß ich zu irgend etwas auf der Welt nütze wäre.“
„Das ist ein unwiderstehliches Argument,“ sagte Sophie, „Ulrich, wollen Sie dann, bitte, Martha rufen? Oder wollen Sie selbst so gut sein und sich mit dem Stuhl beladen?“
Zeeden hatte den Stuhl schon ergriffen.
„Warum haben Sie eigentlich keinen Rollstuhl?“ fragte er.
„Kommen Sie mir auch noch damit!“ rief Sophie ärgerlich über die Schulter zurück, „weil die Dame gehen soll! Sie kann es ja auch sehr gut – sie hat die gesündesten Beine von der Welt! Sie ist nur zu eitel – sonst könnte sie meilenweite Spaziergänge unternehmen.“
Mette empfand den Druck des Armes auf ihren stützenden Händen nicht als übermäßig schwer. Und das Gefühl, helfen zu können, überwog das Grauen so sehr, daß fast auch das schmerzliche Mitleid erlosch.
In dieser sanften Frau war die Verzweiflung über ihren zerstörten, gehemmten Körper sicher längst gebrochen, und ihr Leben hatte gute und schlimme Stunden, wie jedes andere auch. Vielleicht sogar einige gute mehr und einige schlimme weniger, denn ihre Krankheit hielt sie vor dem stärksten Anprall niedriger Kräfte geschützt; sie verließ kaum je das Haus, in dem sie wie eine Königin behandelt wurde, niemand drängte sich zu ihr, der nicht von freundschaftlichster Gesinnung für sie erfüllt war. – – –
Während sie heiter und behaglich beim Essen um den hellen, hübsch gedeckten Tisch saßen, erinnerte Nora daran, daß Sophie ihr einige Geschichten aus der „Praxis“ zu erzählen schuldig geblieben sei, und bat sie, wenn es angängig wäre, jetzt die kleine Gesellschaft damit zu unterhalten.
„Ach ja, mein Freund, der trauernde Witwer!“ lachte Sophie. „Das ist wirklich eine hübsche und erfreuliche Geschichte! Wissen Sie,“ sie wandte sich direkt an Mette, „ich kann es mir nämlich leider immer noch nicht abgewöhnen – mit ‚meinen Patienten‘ hätt’ ich fast gesagt – mit meinen Kunden mitzufühlen. Ich kann auch nicht arbeiten, wenn ich nicht ein bißchen persönlich daran beteiligt bin, ich rede gern mit den Leuten, und sie reden gern mit mir, manchen ist die Beschäftigung mit diesen letzten Dingen, dem Letzten, was man einem Geliebten schenken kann, wirklich eine Erleichterung in ihrem Schmerz ... ja, also, und was ich nun eigentlich erzählen wollte ... mein Freund, der Witwer!
Vor ... ich weiß nicht mehr genau, wie lange es her ist, kam ein noch junger Mann zu mir, dem die Frau gestorben war. Der Mann tat mir so leid, weil ich fühlte, wie er direkt vor Schmerz zerbrochen war. Wirklich, ich dachte so viel an ihn – wenn ich mich zu Tisch setzte, fiel er mir ein, und mir quoll direkt der Bissen im Halse, daß ich nicht schlucken konnte. Gelt, poverina, du hast was auszustehen gehabt mit mir! Er kam sehr oft, ich legte ihm Zeichnungen vor, wir saßen stundenlang zusammen und entwarfen und änderten, er zeichnete selbst so ein bißchen, ich glaube, er hätte am liebsten eine Zelle um das Grabmal gebaut, wo er hätte hausen können, Tag und Nacht die Aschenurne im Arm.
Na, das dauerte natürlich eine Weile, erst mußte der Stein besorgt werden, das Modell fertig gemacht und so weiter. Jedesmal, wenn er kam, war er ein bißchen flüchtiger und uninteressierter und war so halb und halb geneigt, hier und da eine Verbilligung zu beantragen ... heut’ war er wieder da, sehr eilig: ‚Sie werden das schon machen, nur daß es nicht zu teuer kommt!‘ Ich sah ihm nach heut’, zufällig, auf der andern Seite wartete eine junge Dame auf ihn. Er ging so forsch und aufrecht – als er das erstemal bei mir war, ging er wie ein Schwerkranker.“
„Erzähl’ auch einmal von deiner Witwe,“ sagte Nora, während sie das Mundtuch zusammenfaltete und in den Ring schob.
„Ach ja, das war auch sehr nett. Eine Witwe bestellte bei mir ein sehr schönes Grabmonument, in einem Stein zwei Urnen, die mit Ketten zusammengehalten werden sollten. Aber eh’ das Ding noch fertig war, kam sie ganz verzweifelt zu mir, ob ich es nicht noch ändern könnte: sie hatte sich wieder verlobt, und wo sollte der arme dritte nun hin, wenn sie mit Ketten an den ersten geschmiedet wäre? Ich wollte ihr vorschlagen, sie sollte die beiden Männer in den zusammengeschmiedeten Urnen ruhen lassen, und ich wollte ihr eine dritte für sie selbst krönend obenauf setzen.“
„Das ist doch aber furchtbar,“ sagte Mette zwischen Lachen und Verzweiflung.
„Was ist furchtbar?“ fragte Sophie mit etwas spöttischer Ruhe, „daß der Schmerz nicht ewig dauert? Das alte: tout passe, tout casse, tout lasse? Es wäre viel furchtbarer, wenn es nicht so wäre! Als Kind habe ich jedesmal geweint, wenn ich einen Leichenwagen gesehen habe – und zwar nicht aus Angst, daß ich auch mal sterben würde, sondern aus Mitleid mit den Leuten, die ihre Angehörigen begraben mußten. Jetzt sehe ich mir das schon mit bedeutend mehr Ruhe an. Ich habe zu viel Verzweiflung gesehen, die in ein paar Monaten ausgebrannt war! Man muß sich nur intensiv beschäftigen mit Dingen, vor denen man ein Grauen hat – schließlich wird einem der Tod vertraut wie einem Lokomotivführer seine Maschine, vor der sich ein Fremder auch fürchten kann.“
„Ja,“ sagte Mette eifrig und wurde rot, weil sie daran dachte, wie rasch sie das Grauen vor Noras Hilflosigkeit überwunden hatte, „das meiste sieht sich aus der Ferne viel schlimmer an als aus der Nähe.“
„Die meisten schlimmen Dinge im Leben sind wie Nachtgespenster,“ lächelte Sophie mit ernsten, klaren Augen, „es ist etwas unfaßbar Grauenvolles, und wenn wir darauf losgehen und es packen, ist es ein Handtuch im Winde.“
„Nicht nur das,“ meinte Zeeden nachdenklich, „es gibt auch Dinge, die nicht Spuk und Einbildung sind und sich doch von weitem schlimmer ansehen als aus nächster Nähe. Einfach weil der, der mitten darinsteckt, sie gar nicht in ihren ganzen Dimensionen überblicken kann. Wer in der Ferne steht, sieht nur einen Berg des Elends. Wer diesen Berg zu erklimmen hat, sieht weder die Höhe über sich, noch die Tiefe unter sich: er beobachtet vielmehr das, was der andere nicht bemerken kann: die kleinen Steine, die ihn verwunden, und die kleinen Blumen, die am Wegrand blühen.“
„Ja,“ lachte Sophie, „und nun paßt wieder unser beliebtes Wort hierher: tale è vita. Im Ernst, man denkt viel zu wenig daran, daß das Leben aus Minuten besteht und nicht aus Jahren. Wenn wir zurücksehen, gleitet es immer mehr ineinander, wie helle und dunkle Streifen aus der Ferne zu einer Farbe verschmelzen. Es gibt keine ganz glücklichen Jahre, wie es keine ganz unglücklichen gibt.“
„Es gibt Jahre,“ sagte Nora leise und stockend, wie gegen ihren eigenen Willen, „die so voller Verzweiflung sind, daß sie kaum durch eine lichte Minute aufgehellt werden.“
„In der Erinnerung,“ sagte Sophie mit einer eigenen, sehr festen Güte, und dann, wie um schnell auf ein anderes Thema zu kommen: „Wissen Sie, daß ich auch für meine eigne Urne schon Entwürfe gemacht habe? So wie ich Zeit habe, will ich sie einmal ausführen!“
Mette schien darin eine leichte Grausamkeit gegen Noras Hilflosigkeit zu liegen.
„Und was sagt Ihre Freundin, wenn Sie sich mit solchen Gedanken beschäftigen?“ sagte sie, wie um Nora zu schützen.
„Oh, wir machen das zusammen,“ lachte Sophie, „Norina hat sich ihre Urne auch schon bei mir bestellt!“
„Finden Sie das so schlimm?“ lächelte Nora, „warum soll man nicht sich selbst sein Bett machen, eh’ man sich schlafen legt? Sie müssen einmal die Zeichnungen durchsehen, die Sophie schon für uns gemacht hat!“
„Ja, nun haben wir uns fürs erste entschieden!“ sagte Sophie. „Zwei ganz gleiche Urnen in schönen und glatten Formen, und neben Noras zwei Putten, die die Urne mit dicken Rosengirlanden bekränzen. Aber keine geflügelte Genien, sondern richtige, feststehende Kinderkörperchen. Und aus der andern Urne quillt eine Fülle von Rosen, ein kleiner Putto steht daneben, fängt sie mit den Armen auf und drückt sie an sich. Sie sehen sehr lustig aus, wie hübsche heitere Schmuckvasen in einem stillen Garten.“
„Es liegt eine sehr schöne Idee darin,“ sagte Mette nachdenklich.
„Die Idee stammt von Nora,“ wehrte Sophie ab. „Ich möchte mir in keiner Richtung etwas anmaßen.“ – – –
Als sie nach dem Essen bei einer Tasse Tee und einer Zigarette beisammensaßen, erschien plötzlich Gisela. Mette konnte sich nicht ganz klar darüber werden, was sie bei ihrem Anblick empfand. Sie freute sich, daß sie kam, und zugleich war es ihr störend, durch irgend etwas, selbst durch eine Freude, aus der behaglichen Ruhe gerissen zu werden. Und Gisela riß unweigerlich jeden Menschen aus seiner behaglichen Ruhe.
Mette versuchte an diesem Abend zum erstenmal, sich Rechenschaft darüber zu geben, woher die Unruhe stammte, die Gisela Werkenthin, allen fühlbar, um sich verbreitete. Sie war nicht laut, nicht einmal sonderlich gesprächig, sie konnte reglos auf einem Fleck sitzen und vor sich hinstarren, und trotzdem schien es, als ob die Luft um sie zittere.
Mette fühlte dies Vibrieren in allen Nerven und fühlte das friedevolle Gefühl immer mehr aufgesogen werden von einer brennenden, prickelnden Unrast.
Es kam ihr vor, als ob Noras Gesicht die sanfte lächelnde Ergebung nur wie eine Maske trüge, hinter der grauenvollste Verzweiflung gärte.
Es kam ihr vor, als ob Sophie vergebens mit der Kraft und Ruhe der Karyatiden sich gegen eine untragbare Last stemmte.
Es kam ihr vor, als ob Ulrich Zeeden hinter seinem gemessenen Wesen unaufhörlichen, qualvollen Kampf verbarg.
Es schien ihr, als ob Gisela so zerfressen von Schmerz und Leid sei wie ein Haus, in dem die Flammen wüten, und von dem nur noch die geschwärzten Mauern stehen, um jeden Augenblick zu völliger Vernichtung zusammenzustürzen.
Und es war ihr, als ob sie, Mette, von all diesen Unglücklichen die Unglücklichste sei, da Olga tot war und sie allein gelassen hatte in der Welt, in einer Welt, die erfüllt war von fremden, bedrohlichen, schmerzbringenden und angsterregenden Dingen.
Sie hatte es plötzlich eilig, nach Hause zu kommen, schon weil sie zu bemerken glaubte, daß ihre Wirte nur aus Liebenswürdigkeit und mit Anstrengung gegen Müdigkeit ankämpften.
Zeeden und Gisela gingen mit, und sie wanderten eine Zeitlang schweigend durch die stillen Straßen.
Zeeden unterbrach eine lange Stille, indem er sich an Metten, und nur an Metten mit der Frage wandte:
„Ich darf Sie nach Haus bringen, gnädiges Fräulein?“
„Danke vielmals,“ sagte Mette, „nur, wenn es Ihre Gegend ist – ich fürchte mich nicht vorm Alleingehen.“
Gisela beugte sich ein wenig vor, um an Mette vorüber zu sprechen.
„Machen Sie sich keine Unbequemlichkeiten, Herr Zeeden. Und es wäre doch sehr unbequem für Sie, wenn Sie jetzt in die Stadt hinein müßten und nachher wieder nach Ihrer Wohnung zurück. Ich bringe Fräulein Rudloff nach Hause – wir haben ohnehin denselben Weg.“
Mette schwankte einen Moment, ob sie nicht irgendwie gegen die Verfügung protestieren sollte. Es war ihr unangenehm, daß Zeeden nun vielleicht annehmen konnte, sie hätte seine Begleitung abgelehnt, um mit Gisela allein zu sein. Aber ihn jetzt zum Mitgehen aufzufordern, war wieder für Gisela eine Beleidigung. Sie schwieg und berief sich mit einem stillen Trotz darauf, daß ihr ja die Meinung der Leute gleichgültig sein könnte und sollte.
Zeeden verabschiedete sich an der nächsten Ecke, noch ein wenig steifer und förmlicher als sonst.
„Mögen Sie ihn?“ fragte Gisela Metten, als er kaum außer Hörweite war.
„Ich kenne ihn ja kaum.“ Mette hob zögernd die Achseln.
„Er mag Sie sicher.“
„Warum denn?“ Mette lachte ein wenig durch die Zähne.
„Warum? Er mag alle Frauen, die ich mag. Darum kann er mich auch nicht leiden,“ fuhr sie rasch, fast hastig fort, „das heißt, er liebt alle die Frauen unglücklich ... und kommt niemals los von einer furchtbaren Geliebten.“
„Wie kann man von einem furchtbaren Menschen nicht loskommen,“ sagte Mette grübelnd, „wenn man überhaupt die Möglichkeit in sich spürt, andere zu lieben?!“
„Weiß ich?“ Gisela hob gleichmütig die eine Schulter, „man erzählt ja, daß sie ihn jeden Abend blutig peitscht und daß er ohne das nicht leben kann! Aber vielleicht hat er auch irgendeine andere Verrücktheit, in der nur sie ihn versteht. Was bindet denn Menschen überhaupt aneinander? Daß der eine den versteckten Wahnsinn des andern erkannt hat und ihn füttert und hervorlockt und ihn liebkost und ihn großzieht – bis er sich gegen seinen früheren Herrn hetzen läßt wie ein tückischer Hund.“
„Und das ist der Kernpunkt aller menschlichen Beziehungen?“ sagte Mette traurig und empört. „Mit was für Augen sehen Sie nur die Welt an?“
„Mit ungetrübten!“ lachte Gisela bitter.
„Und Sophie Degebrodt?“ wandte Mette ein, „und Frau von Hersfeld?“
„Sophies Wahnsinn heißt Nora. Und sie ist der glücklichste Mensch, den ich kenne, weil sie sich ganz auf diesen Wahnsinn konzentrieren kann. Und Nora? Was in der vorgeht, weiß kein Mensch. Ich weiß auch nicht, ob sie glücklich ist.“
„Ich weiß nicht, ob sie glücklich sein kann,“ sagte Mette bedrückt, „es muß furchtbar sein, wenn man gezwungen ist, immer zu nehmen, ohne zu geben.“
„Sie weiß, daß sie viel gibt,“ widersprach Gisela, „Sophien alles! Sophie ist doch erst ein Mensch geworden, an dem Tag, an dem Nora zu ihr kam. Sie war faul und verbummelt und verschlampt und lebte von Zigaretten und Alkohol und Kokain. Wir haben uns alle um sie bemüht, wir haben versucht, sie aufzurütteln – es hat alles nichts genützt.“
„Und Nora,“ fragte Mette, mit stockendem Atem, „war sie damals schon krank?“
„Als sie kam? Ja, natürlich – sie hatte, glaub’ ich, einen Selbstmordversuch gemacht. Sie war mit einem Syphilitiker verheiratet und hatte ein blödsinniges Kind, oder so ähnlich.“
‚Welt,‘ dachte Mette, ‚wo soll ich mich hinflüchten vor dir! Ich möchte tot sein – ich möchte in einer von Sophiens schönen, steinernen, rosenbekränzten Urnen schlafen! Wie soll ich fertig werden, ganz allein fertig werden, mit all dem Furchtbaren, was menschliches Schicksal heißt!‘
Sie gingen eine ganze Weile schweigend, jeder versponnen in seine eigenen Gedanken.
„Wissen Sie, Mette Rudloff, daß ich auch einen Wahnsinn habe?“ fragte Giselas Stimme plötzlich, und sie war weicher und klingender als sonst.
Mette erschrak. Sie fürchtete sich davor, Beichten entgegenzunehmen. Sie dachte: ‚O Gott, jetzt kommt das mit dem Morphium. Was soll ich nur darauf sagen? Ich kann ihr doch auch nicht helfen!‘
Gisela erwartete keine Antwort. „Ich habe den Wahnsinn,“ fuhr sie fort, in einem leisen, schwebenden Ton, ohne Mette anzusehen, ohne auch nur den Kopf nach ihr zu wenden, „ich habe den Wahnsinn, schöne, reine königliche Frauen zu lieben – immer nur solche, die weit über mir stehen, immer nur solche, die zu schade für mich sind ... nach meinem eigenen Urteil zu schade für mich ... Frauen wie Sie, Mette Rudloff!“
Sie waren vor dem Haus angelangt und blieben stehen. Mette zerquälte sich immer noch um eine Antwort. Sie fand keine. Sie streckte Gisela die Hand hin, ein wenig scheu, und sagte herzlich:
„Ich danke Ihnen.“
Gisela hob mit einem schmerzlich-spöttischen Lächeln den einen Mundwinkel:
„Wofür?“
„Daß Sie mich nach Haus gebracht haben ... und für alles ... auch für das, was Sie eben gesagt haben.“
Mettes Herz schlug zum Zerspringen, aber eigentlich nur in einer Art von Verlegenheit. Sie hätte die Worte gern zurückgenommen. Es wäre vielleicht taktvoller gewesen, wenn sie so getan hätte, als hätte sie nichts gehört oder nichts verstanden.
Gisela wandte den Kopf ein wenig nach der Seite, mit einer unbeherrschten und fast ungeduldigen Bewegung. Der Schein einer Straßenlaterne fiel auf ihr Gesicht, das elend und traurig und fast verfallen aussah.
‚Vielleicht würde es ihr Freude machen, wenn ich sie küßte,‘ dachte Mette, ‚es ist traurig genug, aber ich tue niemandem weh damit.‘
Sie beugte sich ein wenig, mit einem kleinen, verlegenen Lächeln, und legte ihren Mund auf Giselas Lippen.
Sie fühlte diese Lippen unter ihrem Mund aufzucken und aufblühen, scharfe Zähne drängten sich knirschend gegen die ihren, preßten sich in ihre Lippen.
Eine schmale Hand klammerte sich um ihr Genick, wühlte sich in ihr Haar, gab sie nicht wieder frei.
Als Mette sich aufrichtete, war ihr ein wenig taumelig.
‚Ich liebe sie nicht,‘ dachte sie traurig, ‚vielleicht liebt sie mich, und ich liebe sie nicht.‘
„Gute Nacht,“ sagte sie und legte einen Augenblick die Hand zärtlich und behutsam gegen Giselas Wange. Ihr war, als spräche sie zu einem Kinde:
„Schlafen Sie recht, recht wohl!“