Sie gratulierten zum Erfolg. Man hatte Beifall geklatscht; es war recht gut. Die Urteile der Nachbarn wurden wiedergegeben und man beruhigte ihn. Dann schleppte man ihn beim Kragen ins Restaurant und zwang ihn, zu essen und zu trinken. Dann wurde er zu Mädchen mitgenommen.
— Das wird dir gut tun, du alter Dusterer, sagte ein Kaufmann.
Bald war er herabgerissen von seiner Himmelfahrt.
— Wie kannst du noch düster sein, nachdem das Königliche Theater ein Stück von dir gespielt hat?
Das konnte er ihnen nicht sagen. Sein kühnster Wunsch war erfüllt; aber es war wahrscheinlich nicht das, was er wollte. Der Gedanke, daß es in jedem Fall eine Ehre war, tröstete ihn nicht.
Am nächsten Morgen ging er in einen Laden und kaufte die Morgenzeitung. Er schlug sie auf und las: das Stück habe eine schöne Sprache und sei (da es anonym gegeben) wohl von einem bekannten Kunstkritiker verfaßt, der die Künstlerwelt Roms gut studiert habe. Das war artig und hob seine Stimmung.
Um die Mittagszeit fuhr er nach Upsala. Der Vater hatte ihn dort bei der Witwe eines Geistlichen in Pension gegeben, damit er unter richtiger Aufsicht seine Studien vollende.
20.
„Zerrissen‟.
(1870)
Dadurch, daß Johan in eine Pension kam, hatte er sofort einen großen, täglichen, reichen Verkehr. Vielleicht allzu reich. Da waren Studenten jedes Alters, jedes Faches, aus allen Provinzen. Vom älteren Theologen, der sich auf die letzte Prüfung vorbereitete, bis zu jungen Medizinern und Juristen hinab. Auch Damen wohnten im Hause, aber Johan war jetzt, zum achten Male, verliebt, und wieder in eine Unerreichbare, die verlobt war. Der reiche Verkehr überlud das Gehirn mit Eindrücken aus allen Kreisen; die Persönlichkeit wurde schlaff, da sie sich andern anpassen mußte, zerrissen durch dieses Unterhandeln über Ansichten, das der Verkehr zur Folge hat. Außerdem wurde viel getrunken, beinahe jeden Abend.
An einem der ersten Tage kam die Kritik der Abendzeitungen über Johans Stück zum Vorschein. Die eine war sehr scharf. Sie war gerecht, und gerade darum traf sie Johan ganz furchtbar. Er fühlte sich entkleidet und durchschaut. Der Dichter habe seine unbedeutende Person hinter einem großen Namen (Thorwaldsens) versteckt, aber das Kostüm kleide ihn nicht. Und so weiter. Er war ganz bankerott. In solcher Not sucht man sich selber zu verteidigen; er stellte Vergleiche an mit andern schlechten Stücken, die derselbe gestrenge Herr gelobt hatte. Da fand er die Behandlung ungerecht. Ja, von diesem Gesichtspunkt war sie auch ungerecht; das heißt, beim Vergleich, aber für sich allein war sie gerecht. Das Stück wurde nicht besser, weil der Kritiker schlechter wurde.
Johan wurde scheu und wild. Dazu kam, daß sich die Landsmannschaft in einer Bierzeitung über ihn und sein Stück lustig gemacht hatte. Er glaubte überall Hohn und Grinsen zu lesen und suchte auf seinen Wegen Hinterstraßen auf.
Dann aber kam noch ein Schlag, der noch härter war. Ein Freund hatte im eignen Verlag eins seiner ersten Stücke, den „Freidenker‟, drucken lassen. Und während einer Abendstunde bei Rejd kommt ein Bekannter mit der verhaßten Abendzeitung hinauf. Darin stand ein höhnischer Artikel über das gedruckte Stück; es wurde verspottet und verrissen. Johan ward gezwungen, den Artikel in Gegenwart der Kameraden zu lesen. Er mußte, gegen seinen Willen, zugeben, daß der Kritiker nicht ganz unrecht habe; aber es erregte ihn furchtbar.
Warum ist es so schwer, die Wahrheit von andern zu hören, während man doch so streng gegen sich selbst sein kann? Wahrscheinlich weil die gesellschaftliche Maskerade jeden davor bange macht, demaskiert zu werden; wahrscheinlich auch, weil damit Verantwortung und Unannehmlichkeiten verknüpft sind. Man fühlt sich überlistet, geprellt. Der da in Ruhe dasitzt und entlarvt, würde sich ebenso durchgepeitscht und bloßgestellt fühlen, wenn seine Geheimnisse verraten würden. Das Zusammenleben ist ein falsches Spiel, aber wer will entdeckt werden! In einsamen Stunden, wenn die Vergangenheit unbestechlich vor einem auftaucht, bereut man nicht seine Fehler, sondern seine Dummheiten und notgedrungenen Grausamkeiten. Die Fehler mußten vorhanden sein, die Notwendigkeit rief sie hervor, sie brachten Nutzen; aber die Dummheiten schadeten nur, die hätte man nicht machen sollen.
Damit zollt der Mensch der Intelligenz eine größere Ehre als der Moral, weil die erste eine Wirklichkeit ist, die letzte ein Gedicht. Darum ist auch das moralische Streben unserer Zeit eine Bewegung der Oberklasse, mit der man die vorwärtsstürmenden Massen aufhalten will.
Johan empfand dieselben Schmerzen, die nach seiner Meinung ein Verbrecher fühlt. Er wurde angetrieben, so schnell wie möglich den Eindruck seiner Dummheit zu verwischen. Aber er fühlte auch, etwas Unrecht war ihm geschehen, da man ihn ganz und gar als Talent verurteilt hatte, während sein Erzeugnis ein Jahr alt, er selbst also ein Jahr reifer war. Aber das war nicht die Schuld des Kritikers. Es bestand ein Mißverhältnis zwischen dem Urteil und dem Corpus delicti.
Johan warf sich jetzt auf ein Trauerspiel, das unter dem Titel „Der Opferdiener‟ in künstlerischer Form das Christentum behandeln und dasselbe Problem und dieselben Konflikte lösen sollte. Unter künstlerischer Form verstand man damals, daß die Handlung in einer vergangenen Zeit spielte, damit die bloße stoffliche Wirkung vermieden würde. Von Öhlenschläger und den isländischen Sagen, die er jetzt in der Ursprache gelesen hatte, beeinflußt, schrieb er.
Sein Gewissen aber machte ihm sehr zu schaffen, denn sein Vater hatte ihm das Versprechen abgenommen, daß er nicht schreiben würde, bis er sein Examen gemacht. Es war also ein Betrug, Vaters Unterhalt zu genießen und dessen Bedingungen nicht zu erfüllen. Aber er betäubte die Bedenken, indem er sich sagte: Vater wird schon zufrieden sein, wenn sich ein großes und schnelles Ergebnis zeigt. Und damit hatte er nicht so unrecht.
Aber andere, neue Elemente kommen jetzt in sein Leben und wirken entscheidend auf seine Gemütsverfassung wie auf seine Arbeit. Es waren zwei Bekanntschaften: ein Schriftsteller und eine Persönlichkeit. Leider waren beide Ausnahmeerscheinungen, störten deshalb seine Entwicklung nur.
Der Schriftsteller war Sören Aaby Kierkegaard. Dessen „Entweder — oder‟ hatte Johan von einem Bundesbruder erhalten und las es mit Furcht und Beben. Die Kameraden hatten es auch gelesen und genial gefunden, hatten den Stil bewundert, sich aber nicht weiter davon beeinflußt gefühlt; ein Beweis, daß Bücher schwerlich wirken, wenn sie nicht Leser finden, die mit dem Autor verwandt sind. Auf Johan machte es den beabsichtigten Eindruck. Er las „Des Ästhetikers A. ersten Teil‟. War zuweilen hingerissen, fühlte aber stets ein Unbehagen, wie vorm Bett eines Kranken. Als er den ersten Teil hinter sich hatte, war er wirklich leer und verzweifelt, am meisten aber erschüttert.
Das „Tagebuch des Verführers‟ hielt er für die Phantasien eines Impotenten oder geborenen Onanisten, der nie ein Mädchen verlockt hatte. So ging es im Leben nicht zu. Und übrigens war Johan kein Genußmensch, war im Gegenteil zu Askese und Selbstquälerei gekommen; auch war eine solche egoistische Genußsucht wie die A.s unsinnig, weil das Leiden, das er, ohne es zu wollen, durch die Befriedigung seiner Lüste zufügte, ihm selbst Leiden bringen, also seinem Zweck entgegenwirken mußte.
Tiefer drang die „Predigt des Ethikers vom Leben als Pflicht, als Aufgabe‟. Daraus ersah Johan, daß er ein Ästhetiker gewesen, der das Dichten als Genuß aufgefaßt hatte. Als Beruf sollte es genommen werden. Warum? Da versagte der Beweis; und Johan, der nicht wußte, daß Kierkegaard Christ war, sondern das Gegenteil glaubte, denn er kannte seine „Erbaulichen Reden‟ nicht, nahm, ohne es zu merken, die christliche Sittenlehre mit ihrer Opferschuldigkeit und ihrem Pflichtgefühl in sich auf. Damit war der Begriff Sünde wieder da. Genießen war Sünde, seine Pflicht tun war Pflicht. Warum? Der Gesellschaft wegen, der man zu Dank verpflichtet war? Nein, weil es Pflicht war! Das war Kants kategorischer Imperativ ganz einfach.
Als er dann am Ende von „Entweder — oder‟ kam und fand, daß auch der Ethiker, der Sittliche, verzweifelt war; daß die ganze Pflichtlehre nur einen Philister geschaffen, da riß er mitten durch. Nein, dann lieber Ästhetiker! Aber man kann nicht Ästhetiker sein, wenn man fünf Sechstel seines Lebens Christ gewesen ist, und man kann nicht Ethiker sein ohne Christus. So wurde er wie ein Ball zwischen beiden hin- und hergeworfen, und das Ende war sehr richtig die Verzweiflung.
Hätte er nun die „Erbaulichen Reden‟ gelesen, würde er vielleicht dem Christentum einen Schritt näher gekommen sein; vielleicht, denn das zu entscheiden, ist jetzt (1886) schwer; aber Christus zurücknehmen, das hieß einen ausgerissenen Zahn wieder einsetzen, den man mit dem Zahnweh freudig aufs Feuer geworfen hatte. Es wäre auch möglich gewesen, daß er das ganze Buch als eine Jesuitenschrift in die Ecke geschleudert hätte, also gerettet worden wäre, wenn er gewußt hätte, daß „Entweder — oder‟ einen nur zum Kreuz hinpeitschen sollte. So aber entstand nur eine schreiende Disharmonie. Die „Wahl‟ und der „Sprung‟ sollten ausgeführt werden! Aber wie und wohin? Zwischen ästhetisch und ethisch. Es ging hin und her. In den Weltenraum hinaus zum Paradoxon oder Christus konnte er den Sprung nicht tun; das wäre die Vernichtung oder der Wahnsinn gewesen. Aber Kierkegaard predigte den Wahnwitz. War es die Verzweiflung des Überbewußten, daß er immer bewußt ist? War es die Sehnsucht des Durchschauenden nach der Bewußtlosigkeit des Rausches?
Johan hatte wohl den Kampf zwischen seinem Willen und fremdem Willen kennen gelernt. Er hatte dem Vater Kummer gemacht, als er dessen Pläne kreuzte; aber das war gegenseitig; das ganze Leben bestand aus einem Gewebe von einander kreuzenden Willen. Des einen Tod, des andern Brot; nichts Gutes dem einen, ohne etwas Böses dem Übergangenen. Genuß und Leiden, in ewigem Wechsel und Kampf. Seine Sinnlichkeit oder Genußsucht hatten andere nicht gekränkt, andern nicht Kummer verursacht. Er besuchte allgemeine Mädchen, die nichts Höheres wünschten, als sich verkaufen zu können; er hatte niemals eine Unschuld verführt; war niemals gegangen, ohne zu bezahlen. Er war moralisch aus Gewohnheit oder Instinkt, aus Furcht vor den Folgen, aus Geschmack; aus Erziehung; aber gerade daß er sich nicht unmoralisch fühlte, war ein Mangel, eine Sünde. Nach der Lektüre „Entweder — oder‟ fühlte er sich sündig. Der kategorische Imperativ schlich sich an ihn heran unter einem lateinischen Namen und ohne ein Kreuz auf dem Rücken, und er ließ sich anführen. Er sah nicht, daß es zweitausend Jahre Christentum waren, die sich verkleidet hatten.
Kierkegaard würde nicht so tief gegraben haben, wenn nicht eine Menge Umstände gerade damals mitgewirkt hätten. Kierkegaard predigte in den Briefen des Ästhetikers das Leiden als Genuß. Johan litt unter dem öffentlichen Hohn; er litt unter den Schmerzen, die seine schwere Arbeit hervorrief; er litt unter nicht erwiderter Liebe; er litt unter unbefriedigtem Geschlechtstrieb, weil es in Upsala schwer war, Mädchen zu bekommen; er litt unter dem Trinken, denn er war fast jeden zweiten Abend berauscht; er litt in seiner künstlerischen Tätigkeit unter Seelenkämpfen und Zweifeln; er litt unter Upsala und der häßlichen Landschaft; er litt unter der ungemütlichen Wohnung; er litt unter den Prüfungsbüchern; er litt unter dem bösen Gewissen, daß er nicht studierte, sondern schrieb.
Aber all dem lag auch etwas anderes zugrunde. Er war in strenger Arbeit und Pflichterfüllung erzogen. Jetzt lebte er gut, sorglos, genoß eigentlich. Das Studieren war ein Genuß; das Dichten, trotzdem es schmerzte, war ein unerhörter Genuß; das Kameradenleben war lauter Fest und Lustbarkeit. Sein Unterklassenbewußtsein erwachte und sagte ihm, es sei nicht recht, zu genießen, während andere arbeiteten; und seine Arbeit war ein Genuß, denn sie brachte ihm große Ehre ein und vielleicht auch Gold. Daher sein beständiges böses Gewissen, das ihn ohne Ursache verfolgte. Fühlte er jetzt bereits Zeichen dieses erwachenden Bewußtseins von unerhörter Schuld gegen die Unterklasse, die Sklaven, die arbeiteten, während er genoß? Erwachte jetzt bei ihm dunkel dieses Rechtsgefühl, das heute (1886) viele von der Oberklasse so ergriffen hat, daß sie nicht ganz ehrlich erworbene Kapitalien zurückgeben; Arbeit und Zeit der Befreiung der Unterklasse opfern; aus Trieb, aus Gefühl, gegen ihr eigenes Interesse arbeiten, um recht zu tun? Vielleicht!
Kierkegaard war aber nicht der Mann, die Disharmonie zu lösen. Erst den Philosophen der Entwicklungslehre blieb es vorbehalten, zwischen Sinnlichkeit und Vernunft, zwischen Genuß und Pflicht Frieden zu stiften. Die sollten das hinterlistige Entweder — oder streichen und das Sowohl — als auch verkünden, dem Fleisch das Seine und dem Geist das Seine geben.
Kierkegaards wirkliche Bedeutung wurde Johan erst viele Jahre später klar, als er in ihm ganz einfach den Pietisten, den Ultrachristen sah, der zweitausend Jahre morgenländische Ideale in einer modernen Gesellschaft verwirklichen wollte. Aber Kierkegaard hatte recht in einem Fall. Sollte es Christentum sein, dann auch ordentlich; das „Entweder — oder‟ galt jedoch hier nur für die Priester der Kirche, die sich Christen nennen.
Weiter sah Kierkegaard nicht; und von ihm, der sein Buch 1843 schrieb und zum Geistlichen erzogen war, konnte man nicht verlangen, daß er schrieb: entweder ein solches Christentum oder keins. In diesem Fall hätte man wahrscheinlich keins gewählt. Jetzt setzte er sich dafür ein: ob du nun ästhetisch oder ethisch bist, du mußt dich doch dem Wahnwitz Christus in die Arme werfen. Das Falsche war, ethisch und ästhetisch einander gegenüber zu stellen, denn sie passen recht gut zusammen. Aber Johan brachte sie niemals zusammen, bis er nach endlosem Kampfe im Alter von 37 Jahren ein Kompromiß versuchte, als er fand, daß Arbeit und Pflicht auch ein Genuß sind; und das Vergnügen selbst, gut angewandt, eine Pflicht.
Jetzt, 1870, ritt ihn das Buch wie ein Alp. Er wurde böse, als die Kameraden es als Dichtung hinstellen wollten. Es half nicht, daß sie es an Reichtum, Tiefe, Stil über Goethes „Faust‟ setzten. Johan konnte damals auch nicht verstehen, daß der Säulenheilige Kierkegaard selbst genossen hatte, als er Teil A schrieb; daß Verführer und Don Juan der Dichter selbst sind, der seinen Trieb in der Phantasie befriedigte. Nein, es sei Dichtung, glaubte man.
Alle Voraussetzungen für Kierkegaards Eintreten in Johans Leben waren gegeben; dazu kam jetzt die oben angedeutete Bekanntschaft, die gar keine Rolle gespielt hätte, wenn nicht der Boden bereitet gewesen wäre, denn auf die andern Kameraden wirkte der Mann schließlich nur lächerlich. Damit verhielt es sich indessen so. Bruder Thurs, der Sohn Israels, kam eines Tages und erzählte, er habe die Bekanntschaft eines Genies gemacht, das in die Verbindung einzutreten wünsche.
— Ah, ein Genie!
Keiner der Bundesbrüder glaubte dieser Gnadengabe teilhaftig zu sein, nicht einmal Johan; und sehr fraglich ist, ob irgendein Dichter eigentlich geglaubt oder gefühlt hat, daß er es sei. Man kann, wenn man Vergleiche anstellt, finden, daß man bessere Arbeiten gemacht hat als andere; und ein guter Kopf wird natürlich fühlen, daß er etwas besser versteht als andere; aber ein Genie, das ist etwas Besonderes. Dieser Titel wird gewöhnlich erst nach dem Tode ausgeteilt und fällt jetzt aus dem Sprachgebrauch fort, nachdem man die Geschichte der Entwicklung des Genies gegeben hat.
Die Neuigkeit erregte Aufsehen, und der Unbekannte wurde unter dem Namen Is in die Verbindung gewählt. Er sei nicht Poet, hieß es, aber er sei gelehrt und ein starker Kritiker.
Eines Abends, als Zusammenkunft bei Thurs war, kam er. Bei der Tür blieb ein kleiner dünner Mensch stehen, der keinen Überrock hatte, sondern wie ein beurlaubter Arbeiter gekleidet war. Die Kleider sahen aus, als seien sie geborgt, denn Ellbogen und Kniekehlen hingen an den unrichtigen Stellen. (Das wurde sofort von Johan beobachtet, der Kleider früher zu erben pflegte.) In der Hand hielt er einen schmutzigen Hut von der Farbe einer Biersuppe, wie man ihn nur bei Leierkastenspielern sieht. Sein Gesicht sah aus wie das eines südländischen Rattenfallenhändlers. Das schwarze Haar hing auf die Schultern herab, und das Gesicht war von schwarzem Bart zugewachsen, der auf die Brust herabfiel.
— Ist es möglich, fragte man sich, ist das ein Student?
Er glich allem andern und sah aus, als sei er vierzig Jahre alt; er war aber nur dreißig.
Mit dem Hut in der Hand blieb er an der Tür stehen wie ein Bettler und wagte sich kaum vor.
Nachdem Thurs ihn ins Zimmer gezogen und ihn vorgestellt hatte, wurde die Sitzung eröffnet. Is begann zu sprechen und man lauschte.
Es war die Stimme eines Weibes, die sich zuweilen in unverschämter Art zu einem Flüstern senkte, als verlange der Redner Totenstille oder spreche zu seinem eigenen Vergnügen. Wovon er sprach, würde schwer wiederzugeben sein, denn es handelte von allem, was er gelesen hatte; und da er zehn Jahre länger als die Zwanzigjährigen gelesen hatte, fanden die ihn in seiner Gelehrsamkeit bewundernswürdig.
Darauf las ein anderer ein Gedicht vor. Is sollte sich darüber äußern. Er begann mit Kant, berührte Schopenhauer und Thackeray und schloß mit einem Vortrag über George Sand. Keiner merkte, daß er nicht auf das Gedicht einging.
Dann zog man ins Wirtshaus, um zu essen. Is sprach immer Philosophie, Ästhetik, Weltgeschichte. Zuweilen mit einem traurigen Ausdruck in den schwarzen unbegreiflichen Augen, die nie auf der Gesellschaft ruhten, sondern ein unsichtbares Publikum weit in der Ferne, in unbekannten Räumen zu suchen schienen. Die Verbindung lauschte andächtig, hingerissen.
Von diesem Mann sollte Johan jetzt sein Urteil hören. Er sowohl wie einer der poetischesten Bundesbrüder fingen an, stark an ihrem Beruf zu zweifeln. Oft, wenn sie viel getrunken hatten, fragten sie einander, ob man glaube. Darunter verstand man, ob der andere zum Dichter berufen sei. Es war ganz der gleiche Zweifel, den Johan empfunden, als er sich fragte, ob er ein Kind Gottes sei. Jetzt sollte Is Johans neues Drama lesen und sein Urteil abgeben.
Eines Morgens ging Johan zu ihm hinauf, um sein Urteil zu hören. Is sprach bis Mittag. Wovon? Von allem. Aber er hatte jetzt in Johans Seele eingegriffen. Er hatte die Fäden durch Thurs' Berichte kennen gelernt und riß jetzt an ihnen nach Belieben. Nicht aus Mitgefühl wühlte er in Johans Eingeweiden, sondern aus einem Verlangen, das an die Spinne erinnerte. Über das Stück äußerte er sich nicht direkt, sondern entwarf den Plan zu einem neuen, nach seinem Sinn. Er wirkte wie ein Magnetiseur. Johan war betört, verließ ihn aber in Verzweiflung, als habe der Freund seine Seele genommen, sie zerpflückt und die Stücke von sich geworfen, nachdem er seine Neugier befriedigt.
Aber Johan kam wieder und saß auf dem Sofa des weisen Mannes, lauschte auf seine Worte, als seien sie ein Orakel; fühlte sich vollständig in seiner Gewalt. Oft glaubte er, es sei ein Geist, der auf dem Teppich wandere, wenn sein Körper in der Tabakswolke verschwand. Er wirkte „dämonisch‟, das heißt, beim ersten Anblick unerklärlich. Er hatte kein Blut in den Adern, keine Gefühle, keinen Willen, keine Begierden. Es war ein sprechender Kopf. Sein Standpunkt war keiner und alle. Er war ein Präparat von Büchern; der Mann war typisch für einen Buchgelehrten, der nie gelebt hatte.
Oft, wenn die Bundesbrüder allein waren, sprachen sie über Is. Thurs war seiner schon müde und fragte sich, ob er ein Verbrechen begangen habe, denn er schien von einer beständigen Unruhe getrieben zu werden. Dazu kam an den Tag, daß er Poet sei, seine Poesien aber nicht zeigen wolle, weil er von der Dichtkunst zu hoch denke. Auch wunderte man sich, daß man nie ein Buch in der Wohnung des gelehrten Mannes fand. Und dann fragte man sich, warum er diese Jünglinge aufsuche, denen er so überlegen war und deren Poesie er verachten mußte.
Die Jünglinge, die selbst am Ausgang der Romantik standen, kannten den blutlosen Romantiker nicht wieder, der den festen Boden unter den Füßen verloren hatte. Sie sahen in dem langen Haar und dem schäbigen Hut die Kopie von Murgers Bohémien. Sie wußten nicht, daß diese „Zerrissenheit‟ eine Pariser Mode war; daß diese hohle Weisheit von deutscher Mystik gesponnen wurde; diese Experimentalpsychologie aus Kierkegaard stammte; daß dieses interessante Wesen, das ein nicht begangenes Verbrechen durchblicken ließ, einen tiefen geheimen Kummer andeutete, Byron entlehnt war. Das verstanden sie nicht. Darum konnte Is auch mit Johans Seele spielen und ihn in seinem Garn halten. Ja, Johan war so von ihm eingenommen und umstrickt, daß er sich in einer Rede Gamaliel nannte, der zu Pauli (Is') Füßen gesessen, um Weisheit zu empfangen.
Das schließliche Ergebnis war, daß Johan eines Abends sein neues Drama verbrannte. Es war die Arbeit eines Vierteljahrs, die in Flammen aufging. Als er die Asche sammelte, weinte er. Is hatte, ohne es zu sagen, ihm gezeigt, daß er kein Dichter sei. Alles war ein Irrtum, auch das! Dazu kam die Verzweiflung darüber, daß er den Vater betrogen habe und nun keine Arbeit nach Haus bringen könne, die sein Versäumnis gerechtfertigt hätte.
In einem Anfall von Reue und um irgendein Ergebnis aufweisen zu können, meldet er sich zu der schriftlichen Prüfung im Latein, jedoch ohne die erforderlichen Aufgaben und Aufsätze geschrieben zu haben. Der Professor erblickt seinen Namen und kennt ihn nicht. Der Pedell kommt an einem Sonntagabend, als Johan eben von einem Mittagessen angeheitert zurückgekehrt ist. Johan geht kühn zum Professor und fragt, was er wolle.
— Sie gedenken die schriftliche Prüfung in Latein zu machen?
— Ja.
— Aber ich sehe Ihren Namen nicht auf meiner Liste.
— Ich habe schon die erste schriftliche Prüfung in Latein bestanden.
— Das gehört nicht hierher. Man muß sich nach Gesetzen und Bestimmungen richten.
— Ich kenne keine Bestimmung über die drei Aufsätze.
— Ich glaube, Sie sind unverschämt!
— Das mag so aussehen!
— Hinaus, Herr, oder...
Die Tür wird geöffnet, und Johan ist hinausgeworfen. Er schwört, er werde doch kommen und schreiben; aber am nächsten Morgen verschläft er.
Also auch dieser Strohhalm ist verbrannt.
Eines Morgens kurz darauf kommt ein Kamerad und weckt ihn.
— Weißt du, daß W. tot ist? (W. war ein Tischgenosse im selben Pensionat.)
— Nein!
— Er hat sich den Hals durchschnitten.
Johan stürzt in die Höhe, kleidet sich an und eilt mit dem Kameraden nach W.s Wohnung. Sie stürzen die Treppen hinauf und kommen auf einen dunkeln Boden.
— Ist es hier?
— Nein, hier!
Johan tappt nach einer Tür; die Tür gibt nach und fällt auf ihn. In diesem Augenblick sieht er eine Blutlache auf dem Fußboden. Er macht Kehrt, läßt die Tür los, ist die Treppen hinunter, ehe die Tür zu Boden schlägt.[5]
Diese Szene erschütterte ihn unerhört. Er fing an zu grübeln. W. hatte einige Tage vorher Johan im Park der Bibliothek getroffen, in dem Johan die Einsamkeit suchte, um an seinem Stück zu arbeiten. W. kam und grüßte; fragte, ob er ihm Gesellschaft leisten dürfe, oder ob er vielleicht störe. Johan antwortete aufrichtig, er störe. W. ging traurig davon. War es der ertrinkende Einsame, der eine Seele suchte und zurückgestoßen wurde? Johan fühlte sich beinahe schuldig an diesem Morde. Aber er war nicht zum Tröster berufen.
Jetzt spukte der Tote vor Johan; er wagte nicht mehr, sein Zimmer zu besuchen, sondern schlief bei Kameraden. Eine Nacht lag er bei Rejd. Der mußte das Licht brennen lassen und wurde in der Nacht mehrere Male von Johan, der nicht schlafen konnte, geweckt.
Eines Tages wurde Johan von Rejd mit seiner Blausäureflasche überrascht. Der billigte scheinbar den Plan zum Selbstmord, bat aber, vorher einen Abschiedsbecher mit ihm zu trinken. Sie gingen ins Wirtshaus, bestellten acht Grogs, die auf einem Tablett hineingetragen wurden. Jeder trank vier in vier Zügen; der Erfolg war der erwünschte: Johan ward eine „Leiche‟.
Er wurde nach Haus getragen; da aber die Haustür geschlossen war, trug man ihn über ein Grundstück und warf ihn über seinen Zaun. Dort blieb er in einem Schneehaufen liegen, bis er wieder auflebte und in sein Zimmer kroch.
Die letzte Nacht, die er in Upsala war, einige Tage später, schlief er auf einem Sofa bei Thurs, während die Kameraden über ihn wachten und die Zimmer hell erleuchtet waren. Sie wachten gutmütig bis zum Morgen; dann begleiteten sie ihn zum Bahnhof und setzten ihn in den Zug.
Als der Zug aus dem Weichbild von Upsala herausfuhr, atmete Johan wieder. Es war ihm, als habe er etwas Garstiges, Unheimliches verlassen, etwa eine nordische Winternacht mit dreißig Grad Kälte. Er schwor, sich niemals wieder in dieser Stadt niederzulassen, in der die Seelen, von Leben und Gesellschaft verbannt, infolge Überproduktion der Gedanken faulten, von nicht abfließendem Grundwasser zerfressen wurden, wie Leere mahlende Mühlsteine Feuer fingen.
21.
Der Schützling eines Königs.
(1871)
Als Johan wieder zu den Eltern nach Hause kam, fühlte er sich geborgen, als sei er nach einer stürmischen und nächtlichen Bootsfahrt an Land gestiegen. Und wieder schlief er eine ruhige Nacht in seinem alten Zeltbett auf der Kammer der Brüder.
Hier sah er jetzt stille geduldige Menschen, die zu bestimmten Zeiten kamen und gingen, arbeiteten und schliefen; genau ebenso wie früher, ohne von Träumen oder ehrgeizigen Plänen beunruhigt zu werden. Die Schwestern waren zu großen Mädchen herangewachsen und führten den Haushalt. Alle arbeiteten, nur er nicht. Wenn er damit sein ausschweifendes, regelloses Leben verglich, das keine Ruhe, keinen Frieden kannte, hielt er sie für glücklicher und besser. Es war ihnen ernst mit ihrer Lebensführung; sie verrichteten ihre Arbeit, erfüllten ihre Pflichten, ohne zu lärmen oder zu prahlen.
Er suchte jetzt alte Bekanntschaften unter Kaufleuten, Kontoristen, Schiffskapitänen auf und fand sie alle neu und erfrischend. Sie führten seine Gedanken in die Wirklichkeit zurück; er fühlte wieder festen Boden unter den Füßen. Damit begann er falsche Idealität zu verachten; wie er zugleich einsah, daß es unwürdig vom Studenten sei, den Philister zu verachten.
Dem Vater beichtete er jetzt, einfach und offen, jedoch ohne Reue, sein elendes Leben in Upsala und bat ihn, zu Hause bleiben zu dürfen, um von dort aus das Examen zu machen; sonst sei er verloren. Das wurde ihm erlaubt, und nun bereitete er seinen Feldzugsplan für den Frühling vor. Zuerst wollte er bei einem guten Lehrer in Stockholm die lateinische Arbeit schreiben; im Frühling wollte er dann nach Upsala fahren, um sich durchzuschlagen. Ferner wollte er seine Abhandlung in Ästhetik schreiben und sich für die Prüfung in diesem Fach vorbereiten. Mit diesen Vorsätzen begann er ein ruhiges Arbeitsleben, als Neujahr kam.
Noch aber hatte er die Niederlage mit dem „Freidenker‟ nicht verwunden. Auch reizten ihn die Fragen der Freunde, ob sie nicht bald etwas Neues von ihm sehen würden. So entschloß er sich, in vierzehn Tagen sein verbranntes Stück noch einmal zu schreiben, und zwar als Einakter.
Das geschah. Und dann studierte er.
Als der April kam, schrieb er eine Probearbeit für seinen Lehrer, und der schwor darauf, daß er durchkommen werde. Dann fuhr er nach Upsala. Dem Vater gefiel diese Kraftprobe nicht übel, als er hörte, Johan sei ganz sicher, aber er fragte, ob es nicht praktischer sei, sich dem Professor zu fügen.
— Nein, jetzt sei es eine Prinzipienfrage und eine Ehrensache.
Er ging in die Sprechstunde des Professors und wartete, bis er an die Reihe kam. Als der Alte ihn erblickte, wurde er rot und fragte:
— Sind Sie wieder hier?
— Ja!
— Was wollen Sie?
— Mich zur lateinischen Arbeit anmelden.
— Ohne eine Probearbeit geschrieben zu haben?
— Ich habe die in Stockholm geschrieben, und ich wollte nur fragen, ob die Satzungen mir erlauben, die schriftliche Prüfung zu machen.
— Die Satzungen? Fragen Sie den Dekan danach; ich weiß nur, was ich verlange.
Johan ging und suchte sofort den Dekan auf. Das war ein junger, lebhafter, sympathischer Mensch. Johan trug seine Sache vor und schilderte den Verlauf.
— Die Satzungen sagen nichts darüber, aber der alte P. läßt Sie ohne Satzungen durchfallen.
— Das werden wir doch sehen! Erlauben Sie, Herr Dekan, daß ich die schriftliche Prüfung machen darf?
— Das kann Ihnen nicht verweigert werden. Sie wollen also Ihren Willen durchsetzen?
— Ja, das will ich!
— Sind Sie denn so sicher?
— Ja!
— Dann Glück auf! sagte er und klopfte Johan auf die Schulter.
Er ging zur schriftlichen Prüfung, schrieb seine Arbeit. Nach einer Woche erhielt er ein Telegramm: Bestanden. Man schrieb diesen Ausgang dem Edelmut des Professors zu und mißbilligte Johans unbefugtes Vorgehen; Johan aber schob den Erfolg auf seinen Fleiß und seine Kenntnisse, wenn er auch nicht leugnen konnte, daß der Professor ein ehrlicher Mann gewesen, da er ihn nicht durchfallen ließ, obwohl er die Macht dazu besaß.
Im Mai sollte die Prüfung in Ästhetik sein. Gegen allen Brauch sandte Johan seine Abhandlung durch die Post nach Upsala und bat brieflich, die Prüfungsstunde festzusetzen.
Die Abhandlung hieß „Hakon, der Jarl‟, behandelte Öhlenschlägers Drama und drehte sich um Idealismus und Realismus. Ihr Zweck war: erstens dem Professor eine Vorstellung zu geben, wie belesen der Verfasser in der Ästhetik im allgemeinen sei und welche Kenntnisse er besonders in der dänischen Literatur habe; zweitens dem Verfasser selbst Klarheit über seinen Standpunkt zu verschaffen.
Nach Kierkegaard hatte Johan sich selbst und seinen überwundenen Standpunkt in der Person des Bruders A. angegriffen. Bruder A. beginnt mit seinen Zweifeln, ob es ein allgemein gültiges Urteil gebe, kann aber diesen Knoten nicht lösen. Schlägt mit seinen Studien auf dem Nationalmuseum um sich und kommt dann sofort auf „Hakon, den Jarl‟.
Bruder B. nimmt den Bruder A. vor, karikiert sich selbst, dabei auch einige Züge von Is entlehnend; trägt seine Ansichten über die dänische Literatur vor; um eine selbständige Ansicht zu zeigen, muß er dabei Professor Dietrichson angreifen. Dann pflügt er mit Georg Brandes' Kalbe in Shakespeares Stoppelfeld und stürzt sich schließlich auf Kierkegaard.
— Was will denn Kierkegaard? fragte er. Ich glaube, er weiß es selbst nicht! Aber was er nicht will, ist: Unglaube, Irreligiosität, Leichtsinn... Leider wußte Johan nicht, daß Kierkegaard das Paradoxon wollte.
Zu der bestimmten Zeit trat Johan vor den Lehrer, der sonst für liberal und human galt. Er merkte sofort, eine Sympathie war nicht vorhanden. Mit einer fast verächtlichen Miene gibt ihm der Professor die Schrift zurück. Er erklärt, sie passe am besten „für die Leserinnen der Neuen Illustrierten Zeitung‟; auch sei die dänische Literatur nicht von solchem Interesse, daß sie ein Spezialstudium werden könne.
Johan war verletzt und erklärte, die dänische Literatur habe größeres Interesse für Schweden als zum Beispiel Malesherbes und Boileau, über die andere geschrieben hatten.
Die Prüfung beginnt und nimmt den Charakter eines heftigen Streites an. Sie wird am Nachmittage fortgesetzt und endet mit einer Zensur, die unter der erwünschten ist und der Erklärung, Universitätstudien könnten nur an der Universität gemacht werden.
Johan wendet ein, ästhetische Studien seien am besten in Stockholm zu machen, wo man Nationalmuseum, Bibliothek, Theater, Hochschule der Musik, Künstler habe.
Nein, das sei Unsinn; hier in Upsala müsse es sein.
Johan ließ etwas über Kolleg und Seminar fallen, und man trennte sich nicht als Freunde.
Das Verhältnis zum Vater war die ganze Zeit über gut gewesen, und der Alte hatte sich bis zu einem gewissen Grad für Erziehung empfänglich gezeigt. Aber sein unverständiger Stolz in einer so untergeordneten Eigenschaft, wie es die Vaterschaft ist, brach zuweilen aus und verletzte. Johan, der beständig zu Hause wohnte, brachte einige Abendstunden mit dem Vater zu und sprach mit ihm über alle Fragen des Lebens. Schließlich auch über Religion. Eines Tages sprach er eine halbe Stunde über Parker; zuletzt bat ihn der Alte um das Buch. Er behielt es einige Tage, sagte aber nichts, und Johan fand das Buch auf seiner Kammer wieder. Der Vater war zu stolz, um einzuräumen, daß der Freidenker ihn angesprochen habe; aber durch einen Bruder erfuhr Johan, der Vater sei besonders über die berühmte Predigt „Vom Alter‟ entzückt gewesen.
In der Frage der Opposition gegen den Professor verhielt sich der Vater schwankend. Er fand auch, Recht solle Recht bleiben, aber die Geringschätzung, mit der Johan von dem alten Professor sprach, gefiel ihm nicht. Johan sah indessen, daß er das Spiel gewonnen hatte und daß der Alte sich für seine Erfolge lebhaft interessierte.
Aber eines Tages im Frühling war Johan aufs Land gefahren, nachdem er dem Hausfräulein davon einfache Mitteilung gemacht hatte. Als er am andern Tage heimkehrte, wurde er mit Schelte empfangen.
— Du verreisest, ohne es mir zu sagen?
— Ich habe es dem Hausfräulein gesagt.
— Ich verlange, daß du mich um Erlaubnis bittest, solange du mein Brot issest.
— Um Erlaubnis bittest? Was ist das für ein Geschwätz?
Johan stand auf und ging; lieh sich hundert Kronen von einem Kaufmann, der ihm wohlwollte und fuhr mit drei Bundesbrüdern nach einer Insel im Stockholmer Inselmeer, wo sie sich bei einem Fischer für dreißig Kronen den Monat in Pension gaben.
Niemand suchte ihn zurückzuhalten. Wahrscheinlich brach die Krisis aus, weil Johan innerhalb der Leitung des Hauses fühlbaren Einfluß auf Vater und Geschwister auszuüben begann. Es war nämlich eine Herrin da, die ihre Macht nicht aus den Händen lassen wollte.
Den Sommer verbrachte Johan damit, daß er tüchtig fürs Examen arbeitete, denn jetzt hatte er keine Hilfe mehr von Hause zu erwarten. Es war ein gesundes und strenges Leben mit unschuldigen Vergnügungen. Er war bekleidet mit Schlafrock, Unterhosen, Wasserstiefeln. Die Kameraden hatten noch weniger an. Man badete, segelte, focht; spielte in freien Stunden wie Kinder. Johan gab sich ganz der zunehmenden Verwilderung hin. Starke Getränke kamen fast nie auf den Tisch; Johan fürchtete sie, denn sie machten ihn wahnsinnig.
Auf die Enthaltsamkeit und die Arbeit aber folgte das Verlangen, andere zu bekehren und eine große Selbstgefälligkeit. Die letzte ist immer die Folge, ob nun der Opferwillige fühlt, daß er in dieser Hinsicht besser ist als die andern, oder ob das Opfer gebracht worden, um sich besser zu fühlen. Er predigte einem Bruder, der trank, Nüchternheit; moralisierte die andern, die nicht arbeiteten, sondern nach dem Badeort fuhren, um zu tanzen oder stark zu essen. Er hatte Kierkegaard im Leibe, wollte ethisch sein und wetterte gegen die Ästhetik.
Er studierte nun Philologie und nahm Dante, Shakespeare und Goethe durch. Den letzten haßte er, weil der Ästhet war. Hinter allem lag wie ein dunkler Hintergrund der Bruch mit dem Vater. Nach der Bekanntschaft des letzten Winters sah er ihn indessen in einer verklärten Gestalt; hatte ihm für die Vergangenheit recht gegeben und alle kleinen Mißhelligkeiten der Kindheit vergessen. Am meisten vermißte er jedoch die Geschwister, besonders die Schwestern, die ihm persönliche Bekanntschaften geworden waren.
Die Arbeit mit Wortwurzeln und Wörterbuch war ihm eine Qual; jetzt aber peinigte und schulte er seine Phantasie gern durch strenge Arbeit. Das war die Pflicht, der Beruf.
Gegen Ende des Sommers war er wild und scheu. Die Kleider, die jetzt vorgesucht wurden, waren unbequem; der Kragen, den er monatelang nicht benutzt hatte, peinigte ihn wie ein Halseisen; die Stiefeletten waren zu eng. Ihm kam alles wie ein Zwang vor, gleich Konvention und Unnatur.
Einmal hatte man ihn zu einer Gesellschaft nach dem Badeort Dalarö verführt, aber er war sofort wieder umgekehrt. Er war schüchtern und konnte Eitelkeit und Gelächter nicht vertragen. Nicht etwa, weil er Unterklasse war, denn er hatte aufgehört das zu sein und sich als solche zu fühlen. Die Askese hatte seinen Willen und seine Tatkraft gestärkt.
Als die Universität in Upsala wieder begann, nahm er seine Reisetasche und fuhr hin, ohne mehr als eine Krone zu besitzen; ohne zu wissen, ob er ein Zimmer oder etwas zu essen bekommen werde.
Er konnte bei Rejd wohnen; dort legte er sich aufs Arbeiten.
Am ersten Abend suchte er ausgehungert Is auf. Der hatte den ganzen Sommer allein in Upsala gesessen und sah noch trauriger aus als gewöhnlich. Seine Erscheinung war jetzt die eines Schattens. Die Einsamkeit hatte seine Seele noch kränker gemacht. Er ging mit Johan aus und lud ihn zum Abendessen ein.
Is sprach wie gewöhnlich und zerriß sein Opfer; doch das wehrte sich, schlug zurück, indem es den Ästhetiker angriff. Is betrachtete den Ausgehungerten, wie er aß, und berauschte sich selbst an der Branntweinflasche. Er wurde mütterlich, zärtlich und erbot sich, Johan Geld zu leihen. Der dankte gerührt und nahm zehn Kronen an, denn jetzt borgte er ohne Furcht, weil er eine Zukunft zu haben glaubte.
Schließlich wurde Is berauscht und phantasierte. Dann schlug er plötzlich um, nannte Johan einen Egoisten und warf ihm vor, daß er die zehn Kronen genommen habe.
Der Selbstsucht verdächtigt werden, war das schlimmste, was Johan kannte, denn Christus hatte ihm eingeredet, das Ich müsse gekreuzigt werden. Sein Selbst war gewachsen, da er von Druck befreit worden und mit der Öffentlichkeit in Berührung gekommen war. Menschen, die hervorgetreten sind, bekommen ein größeres Ich durch die Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird; oder ziehen sich die Aufmerksamkeit gerade deswegen zu, weil sie ein größeres Ich haben als die andern. Er fühlte, daß er auf einem rechten Weg für seine Zukunft arbeite; er drang vorwärts mit Arbeit und Willenskraft und vieler Freunde Hilfe; aber nicht durch Marktschreierei oder auf Schleichwegen.
Aber diese Beschuldigung schlug ihm ins Gesicht, denn sie mußte ja alle treffen, die ein Ego haben. Er wollte das Geld zurückgeben; da aber setzte sich Is aufs hohe Pferd, spielte den Gentleman und fuhr fort zu romantisieren. Johan hatte den Eindruck, dieser Idealist da sei ein Lump, der sich dämonisch mache, um die Reue über zehn Kronen zu verbergen.
Eine Zeitlang bildete Is eine einzige Gesellschaft, bis die Kameraden in der Universitätstadt anlangten. Er war immer undurchdringlich, seltsam, aber fesselnd. Schließlich, eines Abends, zeigte er eine neue Seite. Mitten in einem Gespräch, während Johan den Inhalt seines neuen Einakters erzählte, begannen seine Augen zu glühen; er schien Johan nur zu sehen, nicht zu hören. Dann wurde er elegisch, sprach schlecht von den Frauen und trat schließlich an Johan heran, um ihn zu küssen. Im Nu hatte Johan das Rätsel gelöst, durchschaute das Geheimnis des Scharlatans. Da packte er ihn bei der Brust und warf ihn in eine Ecke zwischen Ofen und Kommode; wie ein Sack lag der kleine zusammengefaltete Körper da. Darum also hatte der alte Student die Verbindung der Jünglinge aufgesucht! Darum also!
Jetzt kamen die Studenten an und alle hatten Geld. Johan wanderte mit seiner Reisetasche und seinen Büchern von einem zum andern; er fühlte, wie der Willkommene unwillkommen wurde, wenn er zu lange auf fremdem Sofa lag. So borgte er sich Geld für ein Zimmer. Es war ein elendes Loch mit einem Zeltbett, ohne Laken und Bezug. Kein Leuchter, nichts. Aber er legte sich ins Bett, ohne die Unterkleider auszuziehen, und arbeitete, während ein Licht in einer Flasche brannte. Dann und wann verschafften die Freunde ihm etwas zu essen.
Dann aber kam die Kälte. Sobald es dunkel wurde, ging er fort und lieh sich eine Feuerung Holz, das er in seiner Reisetasche nach Haus trug. Dann lernte er von einem Physiker, wie man Kohlenfeuer macht, wenn das Holz schwarz gebrannt ist. Auch führte ein Schornstein durch das Zimmer, der jeden Donnerstag, wenn gewaschen wurde, warm war. An dem stand er dann, die Hände auf dem Rücken, und lernte aus dem Buch, das er auf der herangeschobenen Kommode aufgestellt hatte.
Johans Einakter „Der Friedlose‟ wurde gespielt und mit Kälte aufgenommen. Der Stoff war religiös. Es drehte sich um Heidentum und Christentum; das Christentum wurde verteidigt als eine neue Zeitrichtung, nicht als Kirchenlehre. Christus selbst wurde beiseite geschoben, und Gott, der Einzige, der Wahre, auf seine Kosten erhöht.
Auch ein Familienkonflikt war vorhanden. Nach der damaligen Sitte wurden die Frauen zum Nachteil des Mannes herausgestrichen.
In einigen Sätzen deutete der Dichter auch an, wie er über des Dichters Stellung im Leben dachte.
Johan glaubte jetzt nämlich, das Leben des Dichters sei ein Schattenleben; er habe kein Ich, sondern lebe nur in einem andern Ich. Aber ist es so sicher, daß der Dichter kein Ich hat, weil er nicht nur ein einziges hat? Vielleicht ist er reicher als andere, da er mehrere besitzt. Und warum ist es besser, ein Ich zu haben, da das einzige Ich jedenfalls nicht mehr unser Eigentum ist als mehrere Ichs; ein Ich ist ja ein von Eltern, Erziehern, Verkehr, Büchern zusammengesetztes Resümee? Vielleicht weil die Gesellschaft, als eine Maschinerie, verlangt, daß diese Einheiten, die Ichs, wie Räder, Muttern, Maschinenteile für einen beschränkten automatischen Zweck arbeiten sollen. Aber dann ist ja der Dichter mehr denn der Maschinenteil, wenn er selbst eine ganze Maschine ist?
In dem Einakter hatte Johan sich in fünf Personen verkörpert. Im Jarl, der gegen die Zeit kämpft; im Dichter, der überschaut und durchschaut; in der Mutter, die sich empört und rächt, deren Rachgier aber durch ihr Mitgefühl aufgehoben wird; in dem Mädchen, das mit dem Vater ihres Glaubens wegen bricht; in dem Geliebten, der eine unglückliche Liebe trägt. Johan verstand die Motive aller handelnden Personen; er sprach für die Sache aller.
Aber ein Theaterstück, das für Durchschnittsmenschen geschrieben wird, die über alles fertige Ansichten haben, muß Partei ergreifen für mindestens einige seiner Gestalten, um das immer leidenschaftliche und parteiische Durchschnittspublikum zu gewinnen. Das hatte Johan nicht tun können, weil er an ein absolutes Recht oder Unrecht nicht glaubte, aus dem einfachen Grunde, weil diese Begriffe alle relativ sind. Man kann recht für die Zukunft und unrecht für die Zeitgenossen haben; man hat dieses Jahr unrecht, bekommt aber nächstes Jahr recht; der Vater kann glauben, der Sohn habe recht, während die Mutter findet, er habe unrecht; die Tochter hat recht, zu lieben, wen sie liebt, der Vater aber glaubt, sie habe unrecht, einen Heiden zu lieben.
Das ist der Zweifel. Warum hassen und verachten die Menschen den Zweifler? Weil der Zweifel Entwicklung ist, und die Gesellschaft die Entwicklung haßt, da sie ihre Ruhe stört. Aber Zweifel ist gerade wahre Menschlichkeit und wird mit Humanität im Urteil enden. Nur der Dumme ist sicher; nur der Unwissende glaubt die Wahrheit gefunden zu haben. Aber Ruhe ist Glück, darum suchen die Pietisten das Glück in der Ruhe des Stumpfsinns. Der Zweifel zehrt an der Tatkraft, sagt man. Aber ist es denn besser, zu handeln, ohne sich zu besinnen und die Folgen der Handlung zu überlegen? Das Tier und der Wilde handeln blind, gehorchen der Begierde und dem Trieb; darin gleichen sie den Männern der Handlung!
Als er von der Aufführung nach Upsala zurückkehrte, wurde er wiederum von schmähenden Kritiken verfolgt. Teils waren sie wahr; zum Beispiel, daß die Form den „Kronprätendenten‟ entlehnt sei; aber auch das war nur zum Teil wahr, denn Johan hatte den eiskalten Ton und die herbe Sprache direkt aus den isländischen Sagen genommen, während er den Lebensinhalt aus seiner eigenen Vorratskammer geholt hatte. Der Hohn verfolgte ihn; er wurde für einen Mann gehalten, der Dichter werden wolle; das war das Schlimmste, dessen man verdächtigt werden konnte.
Während er Not leidet und arbeitet, kommt, eine Woche nach der Niederlage, ein Brief vom Rendanten des Königlichen Theaters mit dem Ersuchen, Johan solle sofort nach Stockholm kommen: der König wünsche ihn zu sehen.
Krankhaft mißtrauisch, glaubt Johan der Gegenstand eines Ulks zu sein; er geht sofort mit dem Brief zu seinem klugen Freund, dem Naturforscher. Dieser telegraphiert noch am Abend an einen bekannten Schauspieler des Königlichen Theaters und bittet ihn, den Rendanten zu fragen, ob er wirklich an Johan geschrieben habe.
In der Nacht schlief Johan unruhig, zwischen Hoffnung und Furcht hin- und hergeworfen. Am nächsten Morgen kam die Antwort: es sei richtig, Johan solle sofort kommen. Er reiste.
Warum zögerte er nicht, die königliche Gnade anzunehmen, während ihm doch der Empörer im Leibe saß? Weil er, ganz einfach, keiner demokratischen Partei angehörte; weder Mutter noch Vater je versprochen hatte, nicht die königliche Gunst anzunehmen; weil er an die Aristokratie glaubte, daran, daß die Besten zum Herrschen berechtigt sind. Und er glaubte nicht, daß die Besten dort unten zu finden sind; das hatte er ja auch in seiner kleinen Tragödie „Das sinkende Hellas‟ gezeigt, in der er die Demagogen verhöhnte. Tyrannen haßte er, aber dieser König war kein Tyrann. Zum Zaudern war also kein Anlaß, weder außer ihm noch in ihm.
Er fuhr also nach Stockholm und wurde vorgelassen. Der König war jetzt sehr krank, sah so abgezehrt und verfallen aus, daß er einen schmerzlichen Eindruck machte. Er war mild, wie er da mit seiner langen Tabakspfeife stand und den jungen bartlosen Dichter anlächelte, der stolpernden Schrittes zwischen den Reihen der Adjutanten und Kammerherren eintrat. Der König dankte Johan für das Vergnügen, das das Stück ihm bereitet habe. Er habe sich selbst in seiner Jugend mit einem Wikingergedicht beim Wettstreit der Schwedischen Akademie beteiligt und liebe das Altnordische. Er wolle dem jungen Studenten zu seinem Doktor verhelfen. Es schloß damit, daß er Johan an die Hofverwaltung wies, der er zu einer ersten Auszahlung Auftrag gegeben habe. Später solle es mehr werden. Dabei sprach er die Vermutung aus, Johan habe noch einige Jahre bis zum Doktorexamen.
Damit war seine nächste Zukunft gesichert. Johan fühlte sich von dieser Güte eines Königs, der an so viel und so viele zu denken hatte, dankbar gerührt.
Er kehrte nach Upsala zurück und sah zwei Monate lang, wie der Sonnenschein ihn in einen Stern verwandelt hatte. Der Hofmarschall, der ihm das Geld anwies, hatte ihn gefragt, ob er später ins Ministerium oder die Bibliothek eintreten wolle. So weit waren seine Gedanken nicht gestiegen und stiegen auch jetzt noch nicht.
Der hauptsächlichste Zweck des menschlichen Strebens scheint zu sein und muß wohl sein: das Leben bis zum Tode auf die am wenigsten unangenehme Art zu fristen. Dieser Zweck schließt die Fürsorge für das Wohl der andern nicht aus; im Gegenteil, denn zum angenehmen Leben gehört das Bewußtsein, fremdes Recht nicht unnötig verletzt zu haben. Darum können rechtmäßig erworbene Reichtümer einem allein ein angenehmes Leben gewähren; darum kann keine Laufbahn, die über Leichen geht oder andere zur Seite schiebt, ein angenehmes Leben bereiten; darum ist der Utilitarismus, die Weltanschauung, die das Glück für die meisten will, nicht unmoralisch.
Trotz aller Askese konnte Johan nicht umhin, sich glücklich zu fühlen. Sein Glück bestand in der halben Gewißheit, daß er sein Leben leben könne, ohne die größeren Schmerzen zu erdulden, die Unsicherheit der Existenzmittel verursachen. Sein Dasein war von der Not bedroht gewesen; jetzt war er geschützt. Das Leben war ihm wiedergeschenkt, und es ist lieblich, leben zu dürfen, wenn man noch im Wachstum steht. Seine von Hunger und Oberanstrengung zusammengefallene Brust hob sich, sein Rücken wurde gerade, das Leben kam ihm nicht mehr so traurig vor. Er war mit seinem Los zufrieden, weil das Leben heller zu werden schien; er wäre undankbar gewesen, wenn er sich zu den Mißvergnügten gestellt hätte.
Lange dauerte das aber nicht. Als er die alten Kameraden um sich her in ihrer früheren Lage, die sich durch sein Glück nicht verändert hatte, weiter arbeiten sah, fand er, daß eine Disharmonie eingetreten war. Sie waren gewohnt, ihm wie einem Notleidenden zu helfen; jetzt war das nicht mehr nötig. Sie hatten ihn gern, weil sie ihn beschützen durften; waren gewohnt, ihn unter sich zu sehen. Als er nun in die Höhe kam, neben sie, über sie, fanden sie ihn natürlich verändert. Die veränderten Verhältnisse hatten ihn verändern müssen. Der Notleidende ist nicht so kühn in seinen Ansichten und nicht so gerade im Rücken wie der Geborgene. Er war verändert für sie, aber war er darum schlechter? Selbstgefühl ist ja sonst eine geschätzte Ware. Genug, er verletzte nur mit seinem Glück; noch mehr dadurch, daß er nun seinerseits die andern glücklich machen wollte.
Das Geschenk brachte ihm Verpflichtungen, und Johan beeilte sich, Kolleg und Seminar zu belegen. Er machte am Ende des Semesters das Tentamen in Philologie, Astronomie, Staatswissenschaft; erhielt aber in allen Fächern eine geringere Zensur, als er gedacht hatte. Er hatte einerseits zu viel studiert, andererseits zu wenig.
Im Tentamen wurde er gewöhnlich von Aphasie ergriffen. Die Physiologie schreibt diese Krankheitsform Schäden zu, die der linken Stirnwindung zugefügt sind. Wirklich hatte Johan zwei Narben über dem linken Auge: die eine von einem Beilhieb, die andere von einem Stein, an dem er sich schwer geschlagen hatte, als er den Hügel der Sternwarte hinunterstürmte. Dieser Aphasie wollte er auch eine unüberwindliche Schwierigkeit, Reden zu halten und fremde Sprachen zu sprechen, zuschreiben. Er saß da, ohne antworten zu können, obwohl er mehr wußte, als gefragt wurde. Dann kam der Trotz und die Selbstquälerei, der Mißmut und die Neigung, die Flinte ins Korn zu werfen. Die Lehrbücher kritisierte er; fühlte sich unehrlich, wenn er das lernte, was er verachtete. Die Rolle, die man ihm gegeben, begann, ihm unbequem zu werden; er sehnte sich fort, wohin es auch sei, wenn er nur fort komme.
Nicht daß er das Geschenk als eine Wohltätigkeit empfunden hätte. Es war ein Stipendium, eine Belohnung für ein Verdienst, wie Künstler es zu allen Zeiten für ihre Ausbildung erhalten hatten; und der königliche Geber war nicht der Monarch, sondern der persönliche Freund und Bewunderer. Darum übte dieses Geschenk auch keinen Einfluß auf seine aufrührerischen Gedanken aus; höchstens, daß er für einen Augenblick verleitet wurde, die Welt gut zu finden, weil es ihm selber gut ging. Seine Opposition hatte sich jetzt auch schon vertieft; er schob nicht mehr die Schuld für die Verkehrtheit der Gesellschaft auf die Monarchie allein; er glaubte nicht, wie die Heiden, die Jahresernte würde besser werden, wenn man den König auf dem Altar der Götter schlachte.
Seine Mutter würde vor Freude über seine Auszeichnung geweint haben, hätte sie gelebt, so aristokratisch war sie.
Demokraten sind wir alle, bis zum Kronprinzen hinauf, indem wir das, was oben liegt, zu uns herunter wünschen; sind wir aber in die Höhe gekommen, wollen wir nicht wieder heruntergerissen werden. Die Frage ist nur die, ob das, was oben liegt, in geistigem Sinne höher ist und ob es wirklich dort liegen muß. Daran begann Johan jetzt zu zweifeln.
22.
Auflösung.
(1872)
Bei Beginn des Frühlings zog Johan mit einem ältern Kameraden zusammen, um die Studien fortzusetzen. Als er die alten Bücher, die er schon so lange studiert hatte, wieder vornehmen sollte, waren sie ihm sofort zuwider. Das Gehirn war voller Eindrücke, hatte dichterisches Material angehäuft und wollte nicht mehr aufnehmen; Phantasie und Gedanke arbeiteten bereits und konnten dem Gedächtnis nicht mehr allein die Herrschaft überlassen. Zweifel und Apathie stellten sich ein; manchmal blieb er den ganzen Tag auf dem Sofa liegen. Oft kam ihm ein Verlangen, alles hinzuwerfen, um in Leben und Tätigkeit hinauszukommen. Aber das königliche Stipendium hielt ihn in Fesseln; legte ihm Pflichten auf; hatte er doch, indem er es annahm, die Hand darauf gegeben, er werde den Doktor machen, der jetzt halb fertig war.
So begann er Philosophie. Als er aber die Geschichte der Philosophie gelesen hatte, fand er alle Systeme in gleichem Maße gültig oder ungültig, und sein Gedanke leistete Widerstand gegen alle fremden Gedanken.
In der Verbindung herrschte Spaltung und Schlaffheit. Man hatte alle seine Jugendgedichte vorgelesen und produzierte nichts Neues; die Sitzungen wurden nur mit Punsch abgehalten. Is hatte sich auch hier bloßgestellt; bei einer Szene mit einem andern Bundesbruder war er auch hier hinausgeworfen worden, hatte sein Messer gezogen und Schläge gekriegt. Er hatte sich unter einer lächerlichen Maske gerettet und war jetzt nur noch ein Gegenstand des Spottes, nachdem man entdeckt, daß seine Weisheit in Referaten aus den Zeitschriften der Studentenschaft bestand, welche die andern nicht zu benutzen wußten.
Bei Beginn des Semesters wurde außerdem vom Professor der Ästhetik ein ästhetischer Verein gegründet, durch den die „Runa‟ überflüssig wurde.
Bei einer Sitzung dieses Vereins kam Johans Empörung gegen die Autoritäten zum Ausbruch. Er hatte nämlich am Abend getrunken und war halbberauscht. Während des Gesprächs mit dem Professor kam man auf brennende Fragen. Johan wurde aus seinen Verschanzungen so weit herausgelockt, daß er erklärte, Dante habe wenig Bedeutung für die Menschheit und werde überschätzt. Johan hatte eine ganze Reihe guter Gründe, konnte sie aber nicht anbringen, als der Professor ihm zusetzte, während der ganze Verein sich um die Streiter scharte und sie in die Ofenecke drängte.
Johan wollte zuerst sagen, die Komposition der „Göttlichen Komödie‟ sei nicht originell, sondern eine sehr gewöhnliche Form, die kurz vorher in der Vision des Albericus angewandt worden. Er wollte behaupten, Dante habe in dieser Dichtung nicht die ganze Bildung und alle Gedanken seiner Zeit geben können, da er so ungebildet gewesen, daß er nicht Griechisch konnte. Dante sei kein Philosoph, da er den Gedanken in die Bande der Offenbarung geschlagen; deshalb sei er auch kein Vorläufer der Renaissance oder der Reformation. Er sei kein Patriot, denn er huldige einem deutschen Kaisertum von Gottes Gnaden; höchstens florentinischer Lokalpatriot. Auch Demokrat sei er nicht, denn er träume immer von einem vereinigten Papst- und Kaisertum. Er habe nicht das Papsttum angegriffen, sondern einige Päpste, die unsittlich gelebt, wie er selbst in seiner Jugend. Er sei ein Mönch, ein wahrhaft beschränktes Kind seiner Zeit, eile ihr nicht einen Schritt voraus, da er ungetaufte Kinder in die Hölle sende. Er sei ein enger Royalist, der Brutus neben Satan in den Brennpunkt der Hölle setze. Ihm fehle jede Selbstkritik, da er unter die schlimmsten Verbrechen Undankbarkeit gegen Freunde und Verrat gegen das Vaterland aufnehme, während er selbst seinen Freund und Lehrer Brunetto Latini in die Hölle befördert und den deutschen Kaiser Heinrich VII. gegen seine Vaterstadt Florenz unterstützt habe. Er habe einen schlechten Geschmack, da er zu den sechs größten Dichtern der Welt Homer, Horaz, Lucian, Ovid, Virgil und — sich selbst rechne. Wie könnten moderne Menschen, die so streng gegen allen Skandal sind, Dante preisen, der durch seine Dichtung so viele lebende Personen und Familien entehrt und seine geliebte Vaterstadt Florenz beschimpft habe, als er unter den Dieben fünf Florentiner von edler Geburt findet.
Wie gewöhnlich, wurde der Streit geführt, indem die Standpunkte, sowohl des Angreifers wie des Angegriffenen, wechselten. Johan wollte dem Professor zeigen, daß von dessen Standpunkt aus die „Komödie‟ ein Pamphlet sei; dann aber sattelte der Professor um und ging zum Standpunkt des Feindes über und meinte, er werde sie doch nicht als Pamphlet mißbilligen. Johan antwortete, diese Bezeichnung gebe er ihr, aber nicht die einer außerordentlichen Dichtung von ewigem Wert, wie der Professor sie in seinem Kolleg genannt habe. Dann schlug der Professor wieder um und wollte die Dichtung von ihrer Zeit aus beurteilt sehen.
— Eben, antwortete Johan, aber Sie haben sie von unserer Zeit und allen künftigen Zeiten aus beurteilt; also haben Sie unrecht gehabt. Aber auch von der eigenen Zeit aus gesehen, wird sie nicht epochemachend, da sie nicht ihrer Zeit vorauseilt, sondern mitten in ihr steht und sogar hinter ihr zurückbleibt. Sie ist ein Sprachdenkmal für Italien, nichts mehr, und dürfte an einer schwedischen Universität nicht gelesen werden, weil die Sprache veraltet ist und — das letzte Wort! — weil sie zu wenig Bedeutung hat, um in die Entwicklungsreihe der Bildung zu gehören.
Ergebnis: Johan wurde für unverschämt und halbverrückt gehalten.
Nach dieser Explosion war er erschöpft und unfähig zur Arbeit. Das ganze Leben in dieser Kleinstadt, in der er sich nicht heimisch fühlte, war ihm zuwider. Die Kameraden ermahnten ihn, sich Ruhe zu gönnen, denn er habe zu viel gearbeitet; das hatte er allerdings.
Wieder entstanden Pläne, drängten sich vor, zeitigten aber keine Folgen. Seine Seele befand sich in Auflösung, schwebte wie ein Rauch, war äußerst empfindlich. Die graue, schmutzige Stadt quälte ihn, die Landschaft peinigte ihn. Er lag auf einem Sofa und sah sich die Illustrationen einer deutschen Zeitschrift an. Der Anblick von Landschaften aus andern Ländern wirkte wie Musik auf ihn; er empfand ein Bedürfnis, grüne Bäume und blaue Seen zu sehen. Er wollte aufs Land hinaus; aber es war erst Februar und die Luft war grau wie Sackleinwand, Straßen und Wege kotig.
Wenn er ganz niedergeschlagen war, ging er zu seinem Freunde, dem Naturforscher. Es erfrischte ihn, dessen Herbarien und Mikroskope, Aquarien und physiologische Präparate zu sehen.
Am meisten erfrischte ihn der stille friedliche Atheist selbst, der die Welt ihren Gang gehen ließ, denn er wußte, daß er mit seinen geringen Kräften mehr für die Zukunft arbeite als der Dichter mit seinen konvulsivischen Anstrengungen. Doch war der Kamerad nicht ganz frei von Künstlertum, denn er malte in Öl. Das interessierte Johan außerordentlich. Eine grünende Landschaft mitten in den Nebeln dieses furchtbaren Winters hinmalen und sie an die Wand hängen zu können: das wäre etwas!
— Ist malen schwer? fragte er.
— Nein, behüte, es ist leichter als zeichnen. Versuch es nur!
Johan hatte schon ohne Bangen ein Lied für Gitarrebegleitung komponiert: er hielt also das Malen für nicht so unmöglich. Er lieh sich Staffelei, Farben, Pinsel. Dann ging er nach Hause und schloß sich ein. Aus einer illustrierten Zeitung nahm er eine Zeichnung, die eine Schloßruine vorstellte; die kopierte er. Als er die blaue Farbe wie ein klarer Himmel wirken sah, wurde er sentimental. Als er dann grüne Büsche und eine Wiese hervorzauberte, wurde er unaussprechlich glücklich, als habe er Haschisch gegessen.
Der erste Versuch war gelungen. Dann aber wollte er ein Gemälde kopieren. Das ging nicht. Alles wurde grün und braun; er konnte seine Farben nicht auf den Ton des Originals stimmen. Da verzweifelte er.
Eines Tages, als er sich eingeschlossen hatte, hörte er, wie ein Besuch mit dem Kameraden im äußern Zimmer sprach. Sie flüsterten, als sprächen sie von einem Kranken.
— Jetzt malt er auch noch! sagte der Kamerad in einem sehr niedergeschlagenen Ton.
Was sollte das bedeuten? Hielten sie ihn für gestört? Ja, jetzt verstand er es. So war es. Er dachte über sich selbst nach und kam zu der Schlußfolgerung wie alle Grübler, er sei gestört. Was war da zu machen? Wenn man ihn einsperrte, würde er verrückt werden; davon war er überzeugt. Besser ist, dem zuvorkommen, dachte er. Er erinnerte sich, daß man in seiner Gegenwart einst von einer Privatirrenanstalt auf dem Lande gesprochen hatte, und er schrieb an den Vorsteher.
Nach einiger Zeit erhielt er eine freundliche Antwort, in der er ermahnt wurde, ruhig zu sein. Der Briefschreiber habe sich bei Kameraden nach Johan erkundigt und kenne jetzt seinen Seelenzustand. Das sei eine Krisis, die alle empfindlichen Naturen durchmachten usw.
Also diese Gefahr war überstanden. Aber er wollte ins Leben hinaus, wohin es auch sei.
Eines Tages sieht er, daß eine herumreisende Theatergesellschaft nach der Stadt gekommen ist. Er schreibt einen Brief an den Direktor und ersucht um ein Debüt. Erhält keine Antwort und macht keinen Besuch.
So wurde er hin- und hergeworfen, bis schließlich das Schicksal kam und ihn befreite. Drei Monate waren vergangen und die Hofverwaltung ließ nichts von sich hören. Die Kameraden rieten ihm, an den Hofmarschall zu schreiben und höflich zu fragen, wie es sich mit dem Geld verhalte. Das tat er und bekam diese Antwort: „Es ist nie von einer regelmäßigen Unterstützung die Rede gewesen, sondern Seine Majestät haben die Gratifikation nur für einmal erteilt. Jedoch mit Rücksicht auf Ihre bedrängte Lage geruhen Majestät, noch einmal 200 Kronen zu bewilligen, die gleichzeitig abgehen.‟
Zuerst freute sich Johan, denn jetzt war er frei; dann aber beunruhigte ihn diese Wendung der Sache, da in den Zeitungen gestanden hatte, er sei Stipendiat; auch war das Stipendium ja tatsächlich vom König für „die Jahre‟ versprochen worden, die er noch zum Doktorexamen brauchte. Auch hatte ja der Hofmarschall mit der Zukunft gewinkt, die man doch nicht mit 200 Kronen machen konnte. Man dachte hin und her über die Ursache. Die einen hielten es für wahrscheinlich, der König habe die Sache vergessen; andere, seine wirtschaftliche Lage erlaube es ihm nicht; man wußte nämlich, daß sein guter Wille nicht immer im Verhältnis zu seinem Können stand.
Niemand sprach seine Mißbilligung aus; und Johan war froh in seiner Seele, hätte nicht eine gewise Blamage darin gelegen, daß das Stipendium eingezogen wurde: man konnte ihn ja verdächtigen, er habe nur damit geprahlt. Die an eine „Ungnade‟ glaubten, schrieben diese dem Umstand zu, daß Johan es versäumt hatte, dem König seine Aufwartung zu machen, als er Weihnachten und Neujahr in Stockholm war. Andere schoben die Schuld darauf, daß er seine gedruckte Tragödie „Das sinkende Hellas‟ nicht förmlich überreicht, sondern ganz einfach ins Schloß geschickt hatte; aber seine Geradheit hatte ihm verboten, selbst hinzugehen.
Zehn Jahre später hörte er eine ganz neue Deutung der „Ungnade‟. Er sollte nämlich ein Schmähgedicht auf den König verfaßt haben! Aber diese Geschichte war eine „reine‟ Dichtung, wahrscheinlich die einzige, die der übel bekannte Gewährsmann der Nachwelt geschenkt hat.
Die Tatsache blieb bestehen, und jetzt war der Entschluß bald gefaßt. Er wollte nach Stockholm fahren, um Schriftsteller zu werden, wenn möglich Dichter, falls sich seine Begabung als stark genug erwies.
Der Zimmergenosse nahm es auf sich, ihm den Rückzug zu decken; der schützte vor, Johan müsse einige Zeit in Stockholm weilen, damit der Wirt nicht unruhig wurde und Johan die Miete, die erst am Schluß des Semesters zu bezahlen war, währenddessen zusammenbringen konnte.
Ein Abschiedsfest wurde gehalten. Johan dankte seinen vielen Freunden, indem er die Verpflichtungen, die jeder gegen seinen Verkehr hat, anerkannte, da sich eine Persönlichkeit nicht aus sich selbst entwickelt, sondern aus jeder andern Seele, mit der sie in Berührung kommt, einen Tropfen saugt; wie die Biene aus Millionen Blüten ihren Honig sammelt, den sie doch selbst umschmilzt und als ihren ausgibt.
So fuhr er ins Leben hinaus, fort aus Träumen und vergangenen Zeiten, um in seiner eigenen Zeit und in der Wirklichkeit zu leben. Aber schlecht war er vorbereitet; die Universität war nicht die Schule fürs Leben. Er hatte auch das Gefühl, die Stunde der Entscheidung sei da. In einer schlecht ausgeführten Rede nannte er das Fest einen Abschiedsschmaus, den man dem Bräutigam vor der Hochzeit gibt; denn jetzt solle er Mann werden und die Knabenjahre hinter sich lassen; sich in die Gesellschaft einordnen, ein nützlicher Bürger werden, sein eigenes Brot essen.
So glaubte er damals, aber er sollte bald finden, daß die Erziehung ihn untauglich für die Gesellschaft gemacht hatte. Und als er sich nicht darein fand, ein Ausgestoßener zu sein, erwachten seine Zweifel, ob nicht die Gesellschaft, zu der doch Schule und Universität gehören, auch eine Schuld an seiner Erziehung habe; ob nicht die Gesellschaft Gebrechen habe, die geheilt werden müssen.