Der Reise-Oberstallmeister von Reitzenstein — fährt unser Gewährsmann S.90 fort — stand bei allem dem, und wo man ihn auch noch eines schmählichen Geizes und der Bestechlichkeit bezüchtigte, unter dem sichern Geleit der Volksgunst, darum, weil er überall doch eine gewisse Achtung für das Menschenleben bezeugte, und da, wo der Markgraf in seiner Wuth auf einen Dritten losstürmen wollte, ihn mit seiner eigenen Gefahr und gewaltsam zurückhielt. So, als ihm der Markgraf einmal in solcher Zornwuth die Pistolen abgefordert, um einen Schäfer niederzuschießen, der ihm und seinem scheuenden Pferde durch seine Heerde nicht schnell genug den Weg offen gelassen, verweigerte der Oberstallmeister kalt das abverlangte Gewehr mit dem kurzen Bescheid: „Es ist nicht geladen“. Als sie aber im Nachhauseritt unfern der Schloßthore waren, ließ der Reise-Oberstallmeister rechts und links seine beiden Pistolen krachend los, daß der überraschte und erschrockene Fürst kaum zu fragen vermochte: „Was ist's? Was ist's!“ Der Oberstallmeister aber versetzte: „Gnädigster Herr, ich meine nur, daß Sie heut Nacht viel süßer schlafen werden, nachdem Sie meine Pistolen jetzt erst haben krachen hören, statt eine Stunde früher.“
Den Fürsten — so schließt Lang S.92 und 93 dessen Charakteristik — würde seine großmüthige Freigebigkeit, seine Pünktlichkeit in Besuchung des öffentlichen Gottesdienstes und die mehr als anständige Unterhaltung der Kirchen und Pfarrhäuser beim Volk höchlich empfohlen haben, wenn nicht der Abscheu vor so manchen schrecklichen und blutigen Exekutionen ihm die Herzen entfremdet hätte. Unter diesen führt man besonders an: die militärischen Exekutionen in Triesdorf in den Jahren 1733 bis 1745, neun an der Zahl, einer arquebusirt, sechs gehangen, ein Ungar Stephan Nagy aus Ketschkemet, der des Markgrafen Büchsenspanner erschossen, wurde lebendig gerädert, einer verbrannt. Im Jahre 1738, den 11. August, die Katharina Gallin, ein preußisches Soldatenweib, an einem Lindenbaume, unweit des Falkenhauses, aufgehängt, weil sie einen Gefreiten der Leib-Kompagnie, Namens Johann Heublin, zur Desertion verleitet, wobei sie, der Soldat und der preußische Werbe-Offizier bei Stein ertappt worden. Der preußische Werbe-Hauptmann mußte die Exekution mit ansehen und wurde dann auf die Veste Wülzburg gebracht. Den Deserteur hat man wahrscheinlich zum Aufhängen allzu schön befunden. 1744 ließ der Markgraf an der anspachischen Kirchweih einen vom Wirth Heumann am obern Thor ob einer kleinen Mauserei ertappten Soldaten, dem Wirth zu einer argen Genugthuung, vor seinem Haus an einen aufgerichteten Galgen hängen. Im Jahre 1747, als Georg Krämer von Hausen bei Wülzburg mit der Dorothea Lindnerin aus Gunzenhausen, Dienstmagd des Marketenders in Triesdorf, desertirte, wurde dieselbe am 2. September ohne weiteres rechtliches Verfahren, auf bloßen Befehl des Markgrafen, zu Anspach aufgehängt. Einem Bürger von Gunzenhausen, der vor dem Schloßthor Wache hielt, forderte er, als er eben ausreiten wollte, zur Versuchung das Gewehr ab, und als dieser, in solchen Dingen wenig erfahren, es ihm gutwillig hinreichte, wurde er vom Fürsten als Memme, als Hundsfot behandelt, und zweien Husaren übergeben, die ihn an den Pferdeschwanz binden und durch die Altmühl hin- und wiederschwemmen mußten, worauf er bald hernach krank geworden und verstorben ist. Dem Fallmeister bei Gunzenhausen, durch elende Menschen angegeben, daß er die Hunde des Markgrafen, die er in Pflege hatte, vernachlässigte, ritt er alsbald vor das Haus, rief ihn an die Hausthür und schoß ihn dann auf seiner eigenen Hausschwelle nieder. Nach etlichen Tagen, als der Fürst einen langen Zug von Menschen aus allen Orten her begegnete, und er ohne Antwort von den anderen Höflingen blieb, was denn das für ein Auflauf sei? ritt endlich auch hier der Reise-Oberstallmeister von Reitzenstein herbei und sagte: „Es wird der Mann begraben, den Euer Durchlaucht vor drei Tagen erschossen haben.“ Der Markgraf ward heftig ergriffen und befahl, man sollte ihm die Wittwe schicken, damit sie sich eine Gnade ausbäte.“
Nicht viel besser war es in Bayreuth. Der letzte Markgraf Friedrich Christian hatte als junger Prinz einen Jägerburschen erschossen, weil dieser ihm zu widersprechen wagte. Der jugendliche Mörder nahm sich dieses Verbrechen wenigstens zu Herzen und wurde darüber tiefsinnig. Als Markgraf (1763–1769) liebte er seine Unzufriedenheit durch Stockschläge an den Tag zu legen. Hoch und Niedrig, Bürgerliche und Adlige, Kammerherren und Offiziere waren vor diesen handgreiflichen Beweisen landesväterlichen Unwillens nicht sicher. Als diese patriarchalische Liebhaberei des regierenden Herrn täglich ärger und unerträglicher wurde, beriefen „Ein hoher Adel“ und „Ein Hochlöbliches Offizier-Korps“ eine Versammlung nach Bayreuth, um zu berathen, wie sich der Adel und namentlich das Militär zu verhalten habe, der immer mehr überhand nehmenden Neigung des Markgrafen gegenüber, seine nächsten Umgebungen mit Stockschlägen zu traktiren, oder, wie ein Herr von Reitzenstein sagte, „wenn Serenissimus die Neigung beibehalten oder noch wohl weiter ausdehnen sollten, Allerhöchst dero Umgebungen mit denen Manifestationen Allerhöchst dero lebhaften fürstlichen Temperaments in Kollision kommen zu lassen.“ Ein Hoher Adel und Ein Hochlöbliches Offizier-Korps faßten denn auch den tapfern Beschluß, den Hofprediger zu ersuchen, er möge Hochfürstliche Durchlaucht zur größern Schonung des militärischen Ehrgefühls ermahnen. Zugleich ward festgestellt, die vom Landesvater empfangenen Prügel „als die persönliche Ehre nicht touchirend“ zu betrachten und die von demselben gezahlten Schmerzensgelder in eine gemeinschaftliche Kasse fließen zu lassen. (C. Gutzkow, Fritz Ellrodt II, 59.)
Markgraf Karl Alexander von Anspach-Bayreuth, der Erbe des ebengenannten Friedrich Christian, war nicht aus der Art seiner Väter und Vettern geschlagen. Er hatte aber eine bessere Erziehung als diese genossen und zeigte auch, wenn es noth that, größere persönliche Kraft und Entschiedenheit. Seine Mutter Friederike Louise, die erste Tochter Friedrich Wilhelm's I. und Schwester Friedrich des Großen, hatte darauf bestanden, daß ihr Sohn auf einer republikanischen Universität studire, damit er dort den Werth der bürgerlichen Tugend desto besser erkennen und würdigen lerne. In Folge dessen ward der Prinz Studirens halber nach Utrecht geschickt, wo er übrigens den Absichten der verständigen Frau durchaus nicht entsprach. Einige Jahre darauf trat er eine größere Reise nach Italien an; allein diese Reise erregte die Unzufriedenheit des Vaters im höchsten Grade, „denn der Prinz vermochte bei seiner Rückkehr nicht die Spuren jener körperlichen Leiden und Erschöpfungen zu verbergen, die er sich durch unvorsichtige Genüsse mancherlei Art mochte zugezogen haben.“ Ruhe und verständiger Rath stellten ihn zwar möglichst wieder her, aber desto heißer ergoß sich der Zorn des fürstlichen Vaters über das Haupt des unglücklichen Gesellschafters, des Hofrath Mayer, der beschuldigt wurde, den Prinzen, wo nicht gar verführerisch selber mißgeleitet, doch nicht seiner Pflicht gemäß, treu genug bewacht, gewarnt und zurückgehalten, oder seine höheren Obern, auch den Markgrafen selbst, über die Lage der Dinge unterrichtet zu haben. Der Markgraf ließ ihn ergreifen und nach Sayn-Altenkirchen abführen, von da er durch ein Kommando hannöverscher Dragoner, dem Ansuchen des Markgrafen gemäß, abgeholt und nach Zelle in's Zuchthaus gebracht wurde, wo er dann ohne fernere Spur verkommen. Eine andere Sage dagegen will, der Markgraf habe ihm den Garde-Offizier von Leubelfing nach Altenkirchen nachgeschickt mit dem Befehl, ihn daselbst hinrichten zu lassen. (Lang.)
Diese wenigen Züge zeigen, weß Geistes Kind Karl Alexander war. Da wir seines Gleichen schon in den hessischen und braunschweigischen Fürsten kennen gelernt haben, so können wir uns hier füglich seine nähere Charakteristik ersparen. Bei diesen Menschen ist Alles Schablone, die abschreckende Einförmigkeit ihrer innern Leere und Hohlheit sowohl als ihre geistlose Uebereinstimmung in äußerer Verschwendung und Prunksucht. Vom Großvater und Urgroßvater an haben sie alle dieselbe Schule der Entfremdung vom deutschen Wesen, der bedientenhaften Erniedrigung vor dem Auslande und der despotischen Gewalt gegen die eigenen Unterthanen durchlaufen. Der bloße Gedanke an Pflichten, soweit sie dessen überhaupt fähig, scheint bei diesen Landesvätern eine Gefährdung ihrer Souverainität in sich zu schließen. Die naiv-derbe, wenn auch oft rohe Eigenart der deutschen Fürsten des sechzehnten und theilweise des siebenzehnten Jahrhunderts ist durch den Versailler und Venetianer Firniß, durch den halb zivilisirten, halb zivilisirenden französischen und italienischen Einfluß zurückgedrängt. Wo früher Luther's Hymnen erklangen, da singen jetzt italienische Kastraten ihre lateinischen Verse. Ueberall an den Höfen finden sich französische Abenteurer und mit ihnen französische Mode und französische Unsitte. Jeder Zaunkönig hat sein Monplaisir, Belvedere, Eremitage, Solitude oder Monbijou, seine großen Feste und Spiele, seine Tourniere und Karoussels, seine Maskeraden und Banketts, wofür die armen Teufel von Unterthanen mit ihrem Gelde zahlen, wenn sie welches haben, und mit ihren Knochen und ihrem Blut, wenn sie sonst nichts haben. Natürlich huldigt Serenissimus unter den noblen Passionen vor Allem dem Spiel und der Jagd. Er verliert am Spieltisch ein ganzes Dorf oder setzt ein halbes Bataillon auf eine Karte gegen das schöne Bein einer Tänzerin. Der Markgraf von Anspach gewinnt 1783 von dem ihn besuchenden Herzog von Gloucester, dem Bruder des Königs von England, 180,000 fl. im Spiel. Der verlierende Gastfreund ist so edel, sich selbst als Pfand zu geben, vermehrt aber während seines verlängerten Besuches seine Schuld durch neue Anlehen um noch 270,000 fl., die aber der königliche Bruder erst recht nicht zahlen will, so daß der Markgraf froh ist, als der Engländer nach Straßburg abzieht. Das eminenteste von allen eminenten Privilegien ist aber sämmtlichen Landesvätern die Jagd. Wo sie beeinträchtigt ward, da kennt ihre Grausamkeit keine Gränzen. Schon als Friedrich der Große auf dem Throne saß, wagte noch ein Herzog von Sachsen-Weimar zu verordnen, „daß alle Wilderer als offenbare Straßenräuber und Mörder angesehen und auf Betreten sofort aufgehengt, deren Weiber gebrandmarkt und in's Zuchthaus gesetzt werden sollten, daß ein Förster und Jäger, der einen Wilddieb todtschießt, 50 Thlr. verdient, während seine Wittwe, falls er selbst todtgeschossen wird, lebenslänglich 200 Thlr. Pension erhält (eine für jene Zeit sehr hohe Summe!), daß aber ein Jäger, der den Wilddieben durch die Finger sieht, selbst aufgehenkt wird.“ Was uns vom Weimaraner urkundlich erhalten ist, das trieben auch seine Herren Brüder, sind sie doch alle nach demselben Muster gebildet. Darum bleibt es sich im Grunde auch gleich, ob der eine Landesvater eine französische oder der andere eine englische Maitresse hat; ob der Anspacher mit einer in kararischem Marmor gehauenen Büste Voltaire's auf seinem Arbeitstische prahlt, oder ob der Kasseler einen Fürstenkatechismus in Voltaire'schen Redensarten schreibt; ob der Bayreuther seinen Trost in Süßmilch's göttlicher Ordnung sucht oder ob ein geistlicher Herr, wie der Fürstbischof von Würzburg, Goldmacherei treibt und einen Talisman am Leibe trägt, oder ob der Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar den Stein der Weisen gefunden zu haben glaubt und in einem eigenen Reskripte die Kunst des Goldmachens für ein Regal erklärt. Ebensowenig ist es charakteristisch, daß der Markgraf eine Armee von Kammerherren, Hofjunkern und Kammerjunkern hält und daß zur Bestreitung des Unterhalts dieser Tagediebe das Genuesische Lotto eingeführt wird, denn dieser ganze Unfug findet sich bei seinen sämtlichen Kollegen wieder. Noch weniger befremdend ist es aber, daß die bürgerlichen, an den anspacher Hof gezogenen Damen dort kein deutsches Wort fallen lassen dürfen, weil Alles, was deutsch ist, die Lady Craven anekelt, und noch weniger auffallend ist es, daß die deutschen Frauen jener Zeit solche Beleidigungen als eine Auszeichnung ansahen. Bezeichnend ist nicht einmal die liebevolle Fürsorge, welche der anspachische Markgraf seinem Wildstande angedeihen ließ. Als sein Land 1791 preußisch wurde, erlaubte der damalige Statthalter und spätere Staatskanzler Hardenberg den Bauern, das Wild auf ihren Feldern niederzuschießen. Seither hatten sie Sommer und Winter die Nächte mit Schreien zubringen müssen, um ihre Felder vor dem in Massen herumstreifenden Hochwilde zu schützen. Verschliefen sie eine Nacht, so war auch die Saat zertreten. Denn nur schrecken durften sie das Wild, und es war ihnen bei Zuchthausstrafe verboten, ein Gewehr oder einen Knittel, ja selbst einen Hund mit sich zu führen. Daß der Markgraf keinen Spaß verstand, wenn sein noch wertvolleres Wild, die Soldaten, sich ihm durch die Flucht entzogen, werden wir sehr bald zu sehen Gelegenheit haben.
Sobald Karl Alexander die Aussicht auf einen Vertrag gesichert erschien, traf er in aller Stille die Maßregeln, um seine beiden Bataillone in guten Stand zu setzen. Für Beschaffung neuer Uniformen und Ausrüstungsgegenstände wurde ein Darlehn aufgenommen und dessen Rückzahlung aus der später von England zu zahlenden Löhnung festgesetzt. Namentlich aber ward alle Aufmerksamkeit auf das zu errichtende Jägerkorps verwandt und zu diesem Zwecke besonders Bayreuth heimgesucht, welches bei seinen herrlichen Gebirgswaldungen auch ein tüchtiges Forst- und Jagdpersonal aufzuweisen hatte. „Bessere Jäger, meinte Gemmingen, gebe es in der ganzen Welt nicht, denn sie hätten sich alle ihrem Berufe aus Neigung gewidmet.“ Der Bayreuther Minister v. Seckendorff, ein Bruder des in London thätig gewesenen Kammerherrn, faßte das Geschäft denn doch etwas bedenklicher auf, als der die Erlösung von seinen Schulden ersehnende Markgraf, besonders aber wollte er nicht in die Aushebung sämmtlicher Jäger und Jägerburschen willigen.
„Das wegen der englischen Subsidien zu Stande gebrachte negotium — schreibt er am 31. Januar und 2. Februar 1777 an Gemmingen — wird in Kurzem im ganzen Lande eklatiren. Es wird an Vorstellungen der Landstände, ja des ganzen Bauernstandes nicht fehlen. Ich werde auch laut Serenissimi Befehl's auf Vorschlag solcher Mittel denken, die zur Beruhigung dienen können. Ich möchte den Vertrag kennen, um daraus zu beurtheilen, ob die Unterthanen durch einen erklecklichen Steuer-Nachlaß werden consolidirt werden können? Die hiesige (Bayreuther) Bürgerschaft wird am Meisten leiden, weil durch den Abgang der Truppen sich die Consumtion in der Stadt um wenigstens 60–70,000 fl. verringert, da es den Bürgern ohnehin an Nahrung fehlt.
„Mein Schwager v. Spiegel hat die Ordre erhalten, nicht nur alle hiesigen Feldjäger, sondern auch alle und jede Forstbedientensöhne, von den Oberforsterssöhnen an bis zu den Gränzschützen-Söhnen, keinen ausgenommen, nebst deren Lehrjungen nach Anspach zu schicken. Vermuthlich wird man nur die Absicht haben, eine Auswahl unter ihnen zu treffen, welche als zu Hause entbehrlich unter das in Subsidie tretende Korps gestellt werden und mitmarschiren könnten. Im Falle aber die Intention dahin ginge, alle und jede dieser Jägerpursche, Forstbedienten-Söhne und Lehrjungen in's Feld zu schicken, so befürchte ich, es werde dadurch das Jagd- und Forstwesen nebst den damit verknüpften Rechnungen gänzlich zum Nachtheil der Revenuen und derer herrschaftlicher Gerechtsame Nothleiden und darniederliegen.“
Diese in ihren verderblichen Folgen ausführlich motivirten Einwendungen hatten denn doch das Resultat, daß der Markgraf sich in seinen Ansprüchen an das Land beschränkte und nur die Hälfte der anfangs beabsichtigten Zahl Jäger (100 statt 200) aushob. „Wegen der Jägerburschen können sie sich beruhigen, antwortete Gemmingen am 5. Februar begütigend — sie stehen unter dem Kommando des Hofjägermeisters von Schilling, der nur die unumgänglich nöthigen aushebt und im Uebrigen die Bedürfnisse unsers Forstwesens kennt.“
Die Verhandlungen mit Faucitt nahmen nur die beiden Tage des 30. und 31. Januar in Anspruch; der Vertrag selbst wurde am 1. Februar 1777 von den beiden Bevollmächtigten unterzeichnet und vom Markgrafen am 13. Februar unter Ausdruck seiner höchsten Zufriedenheit für Gemmingen genehmigt. Dieser erwies sich als der gewandtere und umsichtigere Unterhändler, ja er verstand es meisterhaft, Faucitt durch eine zur Schau getragene, wenig aufrichtige Biederkeit, anscheinend große Einfachheit und Unterordnung, sowie kluges Nachgeben in Nebenpunkten zu übertölpeln. Hätte sich der englische Bevollmächtigte die Finanznoth seines fürstlichen Geschäftsfreundes mehr vergegenwärtigt, und hätte er vor Allem Suffolk's deutlichen, bei Gelegenheit der Würtembergischen Instruktion gegebenen Wink (Seite 100) mehr beachtet, wonach der Markgraf sich anbot, nicht aber England das erste Gebot machte, so würde er die Anspachischen Truppen unter viel günstigeren Bedingungen erlangt haben. Zudem war er doppelt hochmüthig, weil er immer noch in der selbstgefälligen Einbildung lebte, daß der Krieg in höchstens einem Feldzuge beendigt sein werde, während Gemmingen auf eine längere Dauer desselben rechnete. Die ein paar Wochen später in Europa eintreffenden Nachrichten von den Niederlagen bei Trenton und Princeton sollten dem letztern nur zu sehr zum Schaden Englands Recht geben. Wenn Gemmingen auch nicht durchsetzen konnte, daß die englische Löhnung einen Monat vor dem Abmarsch vorausbezahlt wurde und wenn er sich mit einer nur siebentägigen Vorausbezahlung begnügen mußte, so erreichte er doch, daß dem Markgrafen dieselben Subsidien wie Hessen-Kassel bewilligt wurden, die allerdings erst mit der Unterzeichnung des Vertrages begannen und nur noch drei Monate (statt wie bei Kassel zwei Jahre) nach der Rückkehr der Truppen fortdauerten. Faucitt nahm also zwei Regimenter Infanterie zu je 570 Mann, 101 Jäger und 44 Artilleristen, im Ganzen 1285 Mann, ausschließlich für den amerikanischen Dienst, deren Löhnung und sonstige Behandlung ganz derjenigen der englischen Truppen gleich gestellt wurde, bewilligte für jeden Soldaten dreißig Kronen Werbegeld, dessen eine Hälfte sechs Wochen und dessen andere drei Monate nach Unterzeichnung des Vertrages zu berichtigen war, und zahlte außerdem eine jährliche Subsidie von 45,000 Kronen. Im Uebrigen kam der Vertrag dem Braunschweigischen am Nächsten, ja er war noch günstiger als dieser, wenn der Krieg, wenn es der Fall war, länger als zwei Jahre dauerte.
Nach Gemmingen's Berechnung stellt sich das Verhältniß für Braunschweig und Anspach für ein Jahr, die Truppenzahl auf 1200 Mann geschätzt, wie folgt:
| Braunschweig erhielt | |||||
| Einfache Subsidien für ein Jahr | 18,970 | Rthlr. | |||
| Am Ende des Krieges | |||||
| Doppelte Subsidien für zwei Jahre | 75,880 | „ | |||
| ———————— | |||||
| 94,850 | Rthlr. | = 142,275 fl. | |||
| (den Thaler nach dem Konventionsfuße zu 1 fl. 30 kr. gerechnet.) | |||||
| Dagegen erhielt Anspach | |||||
| Einfache Subsidien für ein Jahr | 45,000 | Thlr. | Banko. | ||
| Am Ende des Krieges | |||||
| Dreimonatliche Subsidien ... | 11,250 | „ | „ | ||
| ———————— | |||||
| 56,250 | Thlr. | Banko | = 135,000 fl. | ||
(den Bankothaler zu 2 fl. 24 kr. gerechnet) also 7275 fl. weniger als Braunschweig. Setzt man dagegen den Fall, daß die Subsidie zwei Jahre dauerte, so erhielt Braunschweig nur für ein Jahr 18,970 Thlr. mehr, also im Ganzen 113,820 Thlr. = 170,730 fl.; Anspach aber 101,250 Banko-Thlr. = 240,000 fl., also 72,270 fl. mehr als Braunschweig. Nun zog sich aber der Krieg, mithin auch die Subsidie noch volle sieben Jahre hin. Braunschweig erhielt somit 18,970 Rthlr. × 7 = 132,970 Rthlr. + 75,850 Rthlr. doppelte Subsidien = 208,670 Thlr. oder 313,005 fl.; Anspach aber 45,000 Thlr. Banko × 7 = 315,000 Thlr. Banko + 11,250 Bthlr. dreimonatliche Subsidie = 326,250 Banko-Thlr. oder 783,000 fl., mithin einen Mehrbetrag von annähernd einer halben Million Gulden.
Man sieht aus dieser Zusammenstellung, daß der „bon homme“ Gemmingen gar kein schlechter Rechenkünstler war. Er selbst äußerte sich am 2. Februar in einem Briefe an Seckendorff über seinen Triumph in durchaus nicht überhebender Weise; sein Brief sieht vielmehr wie eine Rechtfertigung sich selbst und dem Adressaten gegenüber aus. „Der eben abgeschlossene Vertrag, sagt er, ist viel günstiger als wir erwarten konnten, zumal wenn Sie bedenken, daß wir uns angeboten hatten und daß die königlichen Waffen bis jetzt so große Erfolge in Amerika erkämpft haben. Es ist ganz natürlich, daß diese Angelegenheit unter allen möglichen, uns wenig günstigen Gesichtspunkten von denjenigen beurtheilt und verdammt werden wird, welche eine Staatsaffaire weder in ihrer Totalität noch in ihren bestimmenden Motiven aufzufassen verstehen. Sobald indessen diese Menschen das fremde Geld in unser armes Land fließen, sobald sie uns dessen Schulden mit den bereitwillig einströmenden Mitteln zahlen sehen werden, dann werden sie, und wird die ganze Welt entzückt sein und erkennen, daß das Militär, welches die Feinde des Staates (welches Staates?) bekämpfen muß, auch den allerschlimmsten Feind besiegt hat, unsere Schulden nämlich. Selbst der niedrigste nach Amerika verschiffte, wohlbezahlte und mit dem Nothwendigsten versehene Soldat wird mit seinen Ersparnissen zurückkehren und stolz darauf sein, für sein Vaterland und für seinen eigenen Nutzen gearbeitet zu haben. (NB. zog der Markgraf für die Uniformen und Ausrüstung zwei Pence oder fünf Kreuzer an der täglichen Löhnung ab, so daß dem Soldaten nur sechs Pence oder fünfzehn Kreuzer in dem theuern Amerika blieben!) Wenn man meinen Rathschlägen folgt, so wird die Bayreuther Landschaft gewinnen, und die Bayreuther Kammer wird ebenfalls aus dem Vertrage großen Vortheil ziehen. In wenigen Jahren wird Ordnung in unseren Finanzen herrschen und der größte Theil unserer Schulden bezahlt sein. Ich hoffe, Sie werden die Reinheit meiner Motive billigen und mich nach besten Kräften unterstützen. Ich bin im Allgemeinen der abgesagte Feind eines derartigen Handels mit Menschen, allein es giebt besondere Fälle, in welchen das Uebel sich in eine verhältnißmäßige Wohlthat verwandelt, und ein solcher ist, wenn ich nicht irre, der unsrige. Selbst wenn der Krieg und die Subsidien nur ein Jahr dauern sollten, so würden der Markgraf oder vielmehr das Land 400,000 fl. gewinnen, während eine längere Dauer der Subsidien unsern Gewinn beträchtlich steigern wird.“
Faucitt dagegen schreibt am 10. Februar 1777 aus Hanau an Suffolk: „Am Tage nach meiner Ankunft wurde ich dem Markgrafen vorgestellt, bei welcher Gelegenheit die gewöhnlichen Redensarten gewechselt wurden. Der Markgraf bedankte sich dann ganz besonders dafür, daß der König so gnädig und herablassend gewesen war, auf seinen Wunsch einen Theil der anspachischen Truppen in seine Dienste zu nehmen. Ich schloß darauf sofort einen Vertrag mit dem Minister, Freiherrn von Gemmingen ab, der sich zu unserm Nachtheil die gedruckten Verträge verschafft hatte und diese natürlich seiner Unterhandlung zu Grunde legte. Es waren in der That Waffen, die wir gegen uns selbst geschmiedet hatten, und die Gemmingen sehr gut zu gebrauchen wußte. Die Hauptveränderungen von den früheren Verträgen sind diese: Die Löhnung beginnt nur sieben Tage (statt einen und zwei Monate) vor dem Abmarsch der Truppen und hört mit dem Monat ihrer Rückkehr auf. Die Subsidie, die ich vergebens herunterzudrücken suchte, ist verhältnißmäßig so groß als die an Hanau und Waldeck gezahlte, fängt aber, statt mit der Unterschrift, erst mit der Genehmigung des Vertrages an und endet drei Monate statt ein Jahr nach der Rückkehr der Truppen. Die gewöhnlichen Ausgaben für deren Marsch, Wagen und Pferde &c. fallen, statt wie in den bisherigen Verträgen auf die Krone, jetzt auf den Markgrafen, der Alles bezahlen muß, bis die Soldaten auf die Mainboote geschafft werden.
Ich war jeden Morgen auf der Parade, und fand die Truppen sehr schön, groß und gut gebaut. Sie handhaben ihre Waffen, die übrigens sehr gut sind, vortrefflich, exerzieren so regelmäßig, daß kaum eine Uhr besser gehen kann, und marschiren und schwenken sehr gut. Ihre Uniformen, blaue Röcke mit rothen Aufschlägen und gelber Weste, sind neu und rein. Wenn der Rest so gut ist, so können wir uns zu einem ausgezeichneten Handel Glück wünschen. Das andere Regiment steht noch in Bayreuth. Die Leute sollen nicht so groß, aber sonst ebenso tüchtig sein. Einige österreichische Offiziere sagten mir, sie seien sogar besser. Beide Regimenter werden am 28. Februar marschfertig sein; sie haben nur zwei bis drei Tage nach Stefft am Main, wo sie nach Dortrecht eingeschifft werden sollen. Die Wasserreise dauert etwa fünfzehn Tage.“
Das Bayreuther Regiment verließ zur festgesetzten Stunde, am 28. Februar seine Garnison und marschirte über Streitberg, Muggendorf, Bayersdorf, Fürth und Heilsbronn nach Anspach, wo es am 4. März eintraf. Vom ersten Nachtquartier Muggendorf an wurden „aus Vorsicht (um die Desertion zu verhindern) beide Orte, Muggendorf und Streitberg, mit Feldmiliz und Landjägern entourirt und die ausgestellten Posten durch Husaren-Patrouillen visitirt.“ Auf dem Wege durch Bayersdorf fand sich der Bambergische Husaren-Rittmeister v. Gravenreuth ein, und meldete, daß er Ordre habe, nach den Befehlen des Kommandeurs seine Husaren dergestalten zu detachiren, daß alle Desertion in das Bambergische desto besser verhindert werde. Serenissimus kam dem Regiment bis Kloster Heilsbronn entgegen. Am 5. März war in Anspach Rasttag und große Tafel von achtzig Couverts bei Hofe. Sämmtliche Offiziers speisten mit den gnädigen Herrschaften und hatten die Gnade, vor der Tafel der Frau Markgräfinn Durchlaucht die Hand küssen zu dürfen. Serenissimus zeigten jedem Offizier außerordentlich viel Gnade.“ Am 7. März marschirten das Anspacher und Bayreuther Regiment mit den Jägern von Anspach ab, erreichten am 8. Uffenheim und am 9. Ochsenfurt am Main. Statt in Stefft sollten sie hier in die Mainboote umgeschifft werden, als ein Aufstand unter ihnen ausbrach, der nur durch die Geistesgegenwart des in aller Eile herbeigekommenen Markgrafen unterdrückt werden konnte. „Am 9. d.M. entstand — heißt es in einem Bericht des Hamburger Korrespondenten vom 18. März 1777 — unter gewissen, auf der Reise nach England begriffenen deutschen Kriegsvölkern ein Aufstand, welcher gefährliche Folgen hätte nach sich ziehen können, wenn nicht noch in derselben Nacht der Landesherr selbst in aller Eile bei den Schiffen persönlich angekommen wäre, und durch seine hohe Gegenwart die Völker in Gehorsam zu halten vermocht hätte. Indessen war es dennoch zu solchen Thätlichkeiten gekommen, daß ein Mann getödtet und fünf verwundet worden sind, dreißig andere aber sich davon zu machen Gelegenheit gefunden haben. Die Herren Kriegskommissarien, welche ihres Lebens nicht sicher gewesen, mußten in einer benachbarten Stadt ihre Zuflucht suchen.“
Lassen wir noch einen Augenzeugen die Ereignisse dieses Tages erzählen:
„Wir marschirten durch Ochsenfurt, welches dem Bischof von Würzburg gehört — schreibt Johann Conrad Doehla, Soldat im Bayreuthischen Regimente von Voit, in seinem Tagebuche — und wurden da am Abend des 9. März das erste Mal eingeschifft und hielten da vor Anker über Nacht auf dem Main. Weil wir nun dieses Quartier noch nicht gewohnt waren und sehr wenig Platz war auf den Schiffen, indem wir sehr dichte zusammenlagen und der häufige Schiffsrauch uns sehr beschwerlich war, auch war es ziemlich kalt: Dieses alles gab daher Gelegenheit zum Raisoniren an die Hand und erstunde auch Tags darauf ein ganzer Aufstand und Rebellion nemlich. Zu Früh mit Tagesanbruch machte das Anspacher Regiment den Anfang dazu, indem da ein Schiff von ihnen nahe am Lande vor Anker lag, so legten sie ein lang Brett vom Schiff an's Land hinaus, und gingen alle aus diesem Schiff an's Land heraus, zogen hernach mehr Schiffe zu Lande; auch eines vom Bayreuther Regiment. Unsere Leute stimmten auch diesem Unternehmen bey und brachen mit Gewalt und ohne Erlaubniß der Herrn Offiziere aus den Schiffen; so daß in einer Stunde kein Soldat von den zwei Regimentern mehr in Schiffen anzutreffen war; alles war in der größten Furie aufgebracht. Und obgleich die beiden Herrn Obristen und Commandanten, sammt allen Offizieren, sowohl gute als böse Worte und alle Mittel hervorsuchten, um die Leute wieder zufrieden zu stellen, auch Brod, Fleisch und andere Victualien nebst Holz häufig aus der Stadt herbeischaffen ließen, um damit die Leute kochen sollten, und wann die Leute gegessen und getrunken hätten, wiederum zu Schiffe sich begeben, so half doch dieses alles im Geringsten nichts, sondern der viele Wein, den die Einwohner von Ochsenfurt häufig herbei brachten, machte, daß die Soldaten noch furiöser wurden und auf keinen Offizier nichts mehr gaben, ein Jeder ließ sich verlauten, nicht mehr in's Schiff sich nöthigen zu lassen. Daher gegen Mittag hin die Leute sich stark gegen den überliegenden Bergen zu wanderten und in ihrer Tollheit und Betrunkenheit den Reisaus nahmen. Es wurde daher das Jäger-Corps befehligt, sich gegen die Anhöhen auszupostieren und Schreckschüsse auf die rebellierenden Ausreisser zu thun. Allein unsere Leute gaben auch Feuer auf die Jäger. Es wurden daher einigen Leuten von den unßerigen die Beine blessirt, die Rebellion gab daher Anlaß, daß die Stadt gesperrt wurde und die Zugbrücken aufgezogen wurden, weil sich die Bürger bei dergleichen Aufruhr nichts Guts versahen, es wurde faßt auf zwei Stunden gegen einander gefeuert, und weil endlich die Jäger einige von uns blessirten, so gab es auch Anlaß zu einer großen Antipathie zwischen uns und ihnen, so auch einige Jahre noch in Amerika fort dauerte. Endlich gegen Abend hin, als der Wein den Leuten etwas aus den Köpfen gekommen war, so wurden sie doch wieder etwas zufriedener, es wurde auch von dem Herrn Obrist v. Eyb als Chef vom Anspacher Regiment die Versicherung ertheilt, daß wir wieder Uffenheim gingen; dieses veranlaßte, daß die Regimenter sich wieder in Ordnung stellten, und endlich auf vieles Zureden, von denn Herrn Offizieren in Zufriedenheit und Ruhe gebracht wurden. Es waren bei diesem Aufstande gegen 40 Mann von unsern Bayreuther Regimente echappiret. Daher wurde auch sogleich ein Expresser nach Anspach abgeschickt, um von diesen Vorgegangenen allen Ihro hochfürstlichen Durchlaucht zu rapportiren. Dieser sobald er Nachricht bekam, machte sich sogleich mit einigen Begleitern zu Pferd in der Nacht auf den Weg und kam mit höchster Bestürzung ganz schleunig. In aller Frühe kam der Markgraf bei uns an, unsere zwei Regimenter wurden sogleich aufgestellt, und der Markgraf ging Mann für Mann durch und fragte einen jeden, was seine Einwendungen wären und versprach dabei alle Gnade und Fürstengunst alle denen, die mit nach Amerika in englischen Solde gehen würden, die so aber nicht wollten mit hinein, sollten heraustreten und dagegen aber ihres Vermögens sammt ihren Vaterlande und aller fürstlichen Gnade verlustigt sein. Hierauf sind wir beide Regimenter wieder eingeschiffet.“
Der Markgraf, für den ein so gewinnreiches Geschäft auf dem Spiele stand, stellte sich mit der gespannten Büchse in der Hand und in seine Wildschur gehüllt, selbst auf das Mainschiff, um jeden Erneuerungsversuch der Flucht zu verhindern, was ihm denn mit Hülfe würzburgischer Husaren auch gelang. Ja Serenissimus, bei dessen Erblickung der rechtschaffene Soldat Freudenthränen vergoß und seinen Marsch mit Ruhe antrat (wenn wir anders jenem Berichte des Hamburger Korrespondenten glauben dürfen) beschloß der größern Sicherheit wegen, seine Truppen jetzt nicht mehr außer Augen zu lassen, und sie den Main und Rhein hinunter bis zu ihrer Einschiffung in Holland zu begleiten. So schnell war er von Anspach weggeeilt, daß er seine Uhr auf dem Tische liegen gelassen und nicht einmal Kleider mitgenommen hatte, so daß er sich vom Erbprinzen von Hanau reine Wäsche und Hemden borgen mußte.
Diese Meuterei, so unbedeutend sie an sich auch war, verursachte eine gewaltige Aufregung unter den kleinen deutschen Fürsten und im englischen Ministerium. Beide Theile fürchteten, daß dieser Geist der Unzufriedenheit und offenen Widersetzlichkeit leicht um sich greifen, also zukünftigen Aushebungen hindernd in den Weg treten könne. „Die Revolte der Anspacher — meldet der englische Gesandte Cressener am 17. März an Suffolk — konnte nur durch die freundliche Hülfe der Truppen des Fürstbischofs von Würzburg gedämpft werden. Der Markgraf erzählte mir gestern beim Essen, wie sehr er diesem zu Dank verpflichtet sei. Die Anspacher sind lauter schöne Leute; wenn sie nur nicht so abgeneigt wären, nach Amerika zu gehen!“ „Bedanken Sie sich im Namen Ihres Hofes beim Fürstbischof von Würzburg für seine uns bei der Niederwerfung des Aufstandes der Anspacher gewährte Unterstützung“, antwortete Suffolk.
„Die Meuterei in Ochsenfurt — schrieb Graf Wartensleben aus Mainz am 16. März an Cressener — brach, so viel ich hörte, aus, weil das Regiment Bayreuth sich nicht von den Jägern transportiren lassen wollte, weil die Schiffe zu eng waren und zu stark rauchten. Der Bischof von Würzburg schickte ein Korps Husaren und ein Dragoner-Regiment. Das half.“
Faucitt meldete am 17. April, daß der Aufstand so schlimm nicht gewesen sei. Die Offiziere hätten gleich drein hauen sollen, statt zu viel Nachsicht zu beweisen. Eine gute Disziplin werde die frechen Burschen schon mürbe machen, man solle beide Regimenter in Amerika zu besonders schwerem Dienst verwenden. „Der Markgraf bekannte mir — fuhr er am 24. April fort — daß er bei jener Ochsenfurter Meuterei 18 bis 20 Mann durch Desertion verloren habe, eine keineswegs große Zahl, wenn man die hier zu Lande überwiegende Parteilichkeit für die Amerikaner und die Vortheile bedenkt, welche österreichische und andere Werbe-Offiziere aus diesem Stande der öffentlichen Meinung für ihre eigenen Zwecke ziehen. Es ist mir kaum möglich, Ew. Lordschaft einen nur annähernden Begriff von der hierorts herrschenden gehässigen Abneigung gegen England und von den Bemühungen zu geben, welche von übelgesinnten Menschen angewandt werden, um die Soldaten von dem englischen Dienste abzuschrecken. Des Markgrafen kluges und beherztes Handeln und seine Begleitung der Truppen bis zum Hafen vereitelte jedoch die schändlichen Absichten dieser Schurken. Leider werden wir aber aus Franken in diesem Jahre schwerlich neue Truppenlieferungen erhalten, umsoweniger als der Markgraf entschlossen ist, in Zukunft keine Rekruten mehr aus seinem eigenen Lande, sondern nur Fremde anzuwerben.“
Die Anspacher Soldaten fügten sich übrigens fortan der auf's Strengste gegen sie gehandhabten Disziplin und machten weder auf der Reise, noch in Amerika einen weitern Aufstandsversuch, der beste Beweis dafür, daß die Ochsenfurter Meuterei nur das Ergebniß einer augenblicklichen Aufwallung, wenn nicht einer trunkenen Stimmung war. Die Deutschen jener Zeit fühlten eben in ihrer großen Mehrzahl nicht das an ihnen begangene Verbrechen. So ging denn auch dieses Ereigniß ziemlich unbemerkt vorüber. Nur eine einzige Ausnahme findet sich in den Gemmingenschen Manual-Akten. Es ist ein pseudonymer Brief, den ein angeblicher Hans Fürstenfeind an „Ihro Durchlauchten, den Herrn Markgraf zu Brandenburg-Anspach &c. zu Anspach“ schrieb. Der Inhalt entsprach nicht der geschäftsüblichen Anrede; er lautet wörtlich:
„Durchlauchtiger Barbar, Gnädiger Menschen Verkäufer!
So wie der Oxsen Treiber sorgsam ist, seine Heerde glücklich und ohne Zufall an den Markt zu bringen, so lassen Ew. Durchlaucht es sich auch angelegen seyn, die an England verkaufften Menschen wolbehalten zu überliefern, um für die Ihnen davor versprochenen Lst. 39,588 in die Wolle zu kommen. Der Zug ist schön. Sie gehen vorauf als Eigener der zu Markte gebrachten Troupes. Hinten an folgen die Jäger wie Hunde. Sobald einer ausweicht, bellen und beißen sie und geben Feuer.
Die nun mit Wiederwillen und ohne Gewehr hingeführten Menschen warten, bis ihnen die Gelegenheit wieder die Waffen in Händen spielen, um sich an den Jägern zu rächen. Anstatt gegen die Amerikaner zu fechten, werden sie sich unter sich selbst aufräuben und den Engländern mehr schädlich wie nützlich sein.
Gantz Europa siehet dieses als eine natürliche Folge ein. Nur Ew. Duchlauchten sind zu kurzsichtig. England wird Ihnen aber das Rätzel erklären, Ihnen und Ihren Truppen zurückschicken und anstatt 39,000 Lst. zu geben, vor der gantzen Welt lächerlich machen.
Der Vorfall zu Oxsenfurth freuet der ganzen Welt, besonders macht man den vier verabschiedeten Soldaten die grösseste Eloge. Man sagt, daß man diese zu Ew. Durchlaucht Schande ein ewiges Ehrendenkmahl aufrichten und Ihnen darinnen als Menschen Verkäuffer unter den Elendesten der Verbrecher setzen wird.
So wie man bereits in England und Frankreich von den Menschen Handel der Teutschen Fürsten Comoedien schreibt, so wird man auch bald davon Tragödie aufführen. Es wird nicht lange nicht an Stoff dazu fehlen. Die Unterthanen werden zu klug, als nicht solche Tyrannen, die ihnen wie das Vieh verkauffen, abzusetzen und fortzujagen.
Ich habe übrigens die Ehre zu seyn Ew. Durchlaucht Barbaresk ergebenster Diener Hans Fürstenfeind.“
Dieser Brief, in schöner Frakturschrift geschrieben, traf am 20. April 1777 in Anspach ein. Gemmingen war außer sich vor Aerger und Schrecken: Es lag ihm Alles an der Ermittelung des „frechen Pasquillanten“; er wollte an ihm womöglich ein abschreckendes Exempel statuiren. Der Minister schickte also sofort das Kouvert an den kaiserlichen Postmeister Welz in Nürnberg, um zunächst den Absendungsort zu ermitteln. Die Antwort dieses Beamten vom 29. April lautete dahin, daß der Brief von Straßburg gekommen sei. Eine dahin gesandte Anfrage ergab kein weiteres Resultat, als daß nach der Ansicht des dortigen Postmeisters Mouilleraux der Brief seinem Stempel nach in Bordeaux aufgegeben sein müsse. Die Schrift ist allerdings entschieden kaufmännisch; auch auf dem Pettschaft sieht man den geflügelten Stab des Merkur. Wahrscheinlich also hat ein deutscher Kaufmann in oder bei Bordeaux in obiger Weise seinem Patriotismus Luft gemacht. Gemmingen hielt es, nachdem er diese Auskunft empfangen, für besser, die Sache auf sich beruhen zu lassen, konnte er doch bei der den Amerikanern günstigen Stimmung Frankreichs von dessen Regierung keine Unterstützung seiner Rachepläne gegen „den frechen Pasquillanten erwarten!“
Achtes Kapitel.
Unmittelbar nach der Unterzeichnung des Vertrages mit Anspach war Faucitt nach Hanau geeilt, um mit dem Erbprinzen von Kassel und Grafen von Hanau wegen der ihm von diesem angebotenen Jäger abzuschließen. Seit die englischen Generale ihre unbedingte Vermehrung anempfohlen hatten, wurden auf einmal, wie wir bereits im vierten Kapitel gesehen, die deutschen Förster und Jagdgehülfen ein äußerst gesuchter Artikel. Der Erbprinz Wilhelm, obgleich er deren nur wenig an der Hand hatte und deswegen Anfangs nur 160 anbot, machte sich, um aus den günstigen Konjunkturen des Marktes Vortheil zu ziehen, doch anheischig, ihrer so viel als Suffolk verlangte zu liefern, zumal sein Vater, der Landgraf von Hessen-Kassel, schon im Vorsprung war.
„Wir hatten — schrieb Malsburg am 17. Januar 1777 an Faucitt — auf Ihren ablehnenden Brief hin den Plan, Ihnen für das Frühjahr Jäger zu liefern, schon ganz fallen lassen. Seine Ausführung ist jetzt auch schwieriger als damals, wenn nicht ganz unmöglich, nicht allein durch den Zeitverlust, sondern auch durch Rekrutirungen, die der Landgraf seitdem in unsrer ganzen Nachbarschaft vorgenommen hat und auf welche wir ganz besonders gerechnet hatten. Nur der Eifer meines Herrn für die gute Sache und seine unwandelbare ehrfurchtsvolle Anhänglichkeit an den König ist im Stande, diese unvorhergesehene Schwierigkeit zu heben. Der Prinz wird jeden Nerv anstrengen, um das Jägerkorps möglichst bald zusammen zu bringen. Voraussichtlich können wir aber vor Mai Niemanden liefern.“ — „Es ist eine Abgeschmacktheit, zu erwarten — antwortet Suffolk am 4. Februar 1777 — daß man die Jäger noch im Mai nimmt. Der König will deshalb nur soviel als bis zur Einschiffung der Anspacher fertig sein können.“
Der hanauische Minister Malsburg that nach dem Zeugnisse Faucitt's nur so ängstlich, um sich aus der Erfüllung des Vertrages in verhältnißmäßig kürzerer Zeit ein besonderes Verdienst zu machen. Faucitt rieth, dem geldbedürftigen Prinzen 2000 Pfd. auf Abschlag zu schicken, das werde helfen. Natürlich half es. Der Vertrag, durch welchen zugleich die Subsidie im Verhältniß zur Zahl der gelieferten Jäger vermehrt wurde, kam am 10. Februar 1777 für 412 Mann zu Stande. Seine Einleitung lautet: „Nachdem der König von England seine Zustimmung dazu gegeben hat, daß die in seinem Dienste befindlichen Truppen des Erbprinzen um ein Korps Jäger vermehrt werden sollen, und nachdem der Erbprinz im Einklang mit der tiefsten Dankbarkeit, der ehrfurchtsvollsten Ergebenheit an Seine Majestät und dem unbegrenztesten Eifer für die Interessen und den Dienst des Königs mit der größten Freudigkeit die Aushebung und Ausrüstung eines solchen Korps übernommen hat, so sind die beiderseitigen Minister übereingekommen &c.“
Es werden sodann in acht Paragraphen die Bedingungen festgestellt, unter welchen dieses Korps in den englischen Dienst tritt. Es darf mehr, aber nicht weniger als vier Kompagnien, jede zu 100 Mann, zählen. Die erste Kompagnie muß zu Anfang März marschfertig sein. Die Löhnung erfolgt mit dem Augenblick der Anwerbung jedes einzelnen Mannes, der ein gelernter Jäger sein muß. Das Werbegeld beläuft sich auf dreißig Kronen pro Mann, das in zwei gleichen Zahlungen, je einen und je zwei Monate nach Unterzeichnung des vorliegenden Vertrages, zu berichtigen ist, und wird auch die an den Erbprinzen zu zahlende Subsidie im Verhältniß zur Zahl der neu angeworbenen, resp. von England angenommenen Jäger erhöht. Schließlich werden die hanauer Jäger mit den kasselschen auf ganz gleichen Fuß gestellt, und ist ihre Löhnung höher als die der Infanterie.
Der erste Transport (117) Jäger und 100 Rekruten verließen Hanau am 7. März; der aus drei Kompagnieen bestehende Rest wurde zu Anfang April auf dem Main und Rhein eingeschifft.
Faucitt und der Prinz von Hanau hatten diesmal versäumt, sich zur rechten Zeit die Erlaubniß zur Durchreise der Truppen durch die Gebiete der rheinischen Fürsten zu erbitten. Diese Vernachlässigung sollte sich aber jetzt bitter rächen. Der Mainzer und Trierer Kurfürst beschlossen nämlich auf Anstiften des kaiserlichen Gesandten Grafen Metternich (Vater des spätern Fürsten), die vorbei passirenden Kontingente anzuhalten und jedes mit Truppen gefüllte Fahrzeug nach ihren Unterthanen zu durchsuchen. Am 8. März also ließ der Kurfürst von Mainz, ohne den Einspruch des hanauischen Offiziers zu beachten, aus dessen Booten acht Jäger nehmen, die er als seine Unterthanen reklamirte. Einige, hieß es, seien Deserteure aus seinem Dienste und namentlich befinde sich Einer darunter, den er vergebens von Hanau reklamirt habe; dann aber seien auch einige Leibeigene dabei gewesen, an deren Körpern ihm das Eigenthumsrecht zustehe; diesen Eingriff in Privatrechte habe man sich unter keinen Umständen gefallen lassen können, wenn man selbst wegen der Deserteure ein Auge habe zudrücken wollen. Der Prinz von Hanau habe wissen müssen, daß diese Eigenthumstitel wieder aufgelebt seien, sobald einer von diesen Leuten das mainzische Gebiet betreten habe.
Selbstredend verfehlte Malsburg nicht, Suffolk die gefährlichen Folgen dieses Verfahrens in den stärksten Farben zu malen. „Der Akt ist gegen England gerichtet — schrieb er diesem am 9. März. — Wenn Sie ihn dulden, so können die mit Soldatenlieferungen betrauten Fürsten auf die Dauer ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Man muß, um die Nachahmung des gegebenen Beispiels zu verhindern, ähnliche Eingriffe gleich von vornherein durch lebhafte Vorstellungen unterdrücken. Mein Herr, der kein Kartell mit Mainz hat, also jeden Mainzer anwerben kann, hat sie gemacht und Genugthuung für die begangene Gewaltthat verlangt. Thun Sie jetzt auch das Ihrige.“
Da sich herausstellte, daß die acht Mainzer wirklich Deserteure aus der Festung und da sie noch von keinem englischen Kommissär in den Dienst des Königs eingemustert waren, so verweigerte Suffolk mit Recht jede Einmischung in die Sache und empfahl dem Erbprinzen, die von Mainz gestohlenen Rekruten in Zukunft nicht mehr der Gewalt des Kurfürsten preiszugeben.
Dieser hatte auch den einige Tage später eintreffenden anspacher Schiffen einen Besuch zugedacht, welche am 13. März in Hanau und zwei Tage darauf vor Mainz eingetroffen waren. Als er aber hörte, daß der Markgraf selbst sich in Begleitung der Erbprinzen von Hanau und Darmstadt an Bord befand, zog er, aus Furcht vor ihnen, die zur Durchsuchung der Boote bestimmte Abtheilung von einigen Offizieren und dreißig Unteroffizieren zurück. Dagegen wurde die Schiffbrücke anfangs nicht geöffnet. Der Kurfürst hatte ein großes Essen anrichten lassen, weil er den Markgrafen mit den beiden Erbprinzen als Gäste erwartete. Ob sie sich nun nicht an's Land wagten, weil sie, wie Oberst Rainsford berichtet, von den Mainzern arg verhöhnt und beschimpft wurden, oder ob sie dem Kurfürsten ihren Unwillen ob seiner wenig brüderlichen Handlungsweise zu erkennen geben wollten —, es kam Niemand als ein anspacher Offizier, der kurz die Frage stellte, ob man die Brücke öffnen wolle oder nicht? Als man mit dem Bescheid zögerte, erklärte er, die Brücke im Weigerungsfalle sprengen zu lassen. Lächerlicher Weise antwortete man ihm darauf, daß man sie auf eigene Gefahr öffnen wolle, daß es der Kurfürst aber nicht erfahren dürfe, da er Befehl gegeben habe, die Brücke unter keiner Bedingung zu öffnen. So fuhr denn Abends in der Dunkelheit die anspacher Flotille durch.
Auch bei Koblenz zog der Markgraf ungehindert vorbei, indem man ihn zu stark fand, als daß man ihn anzuhalten gewagt hätte. Die dortige Regentschaft verlangte nur, er solle den Hessen nicht helfen, was er natürlich seinem Konkurrenten gegenüber gern versprach. Darauf begrüßte man ihn in aller Freundschaft von Ehrenbreitstein aus mit vierundzwanzig Kanonenschüssen. Als der Markgraf Koblenz passirte, war dort nämlich gerade der hessen-kasselsche Oberst Benning mit einem von Rheinfels kommenden Rekruten-Transport angehalten, damit er auf Befehl der Regentschaft dem kaiserlichen Gesandten, Grafen Metternich, die unter seinen Leuten befindlichen kaiserlichen Unterthanen herausgebe. Am Rhein waren die Posten verdoppelt und die Kanonen auf die hessischen Boote gerichtet, den Fluß entlang aber Feuer angesteckt, um sie an der Abfahrt zu verhindern. Kurz die Sache sah ganz ernst aus. Indessen wären Hessen und Anspacher stark genug gewesen, dem Ansinnen erfolgreichen Widerstand zu leisten. Da aber der Markgraf den Obersten im Stich ließ, so wurden ohne Weiteres siebenzehn Soldaten aus den Schiffen genommen, die dem Kaiser gehören sollten. Diese Maßregel verursachte einen Aufenthalt von mehreren Tagen. Der Verzug war um so gefährlicher, als es gerade damals sehr stark fror, die Boote aber zum Theil offen waren und weder hinreichendes Stroh noch Oefen hatten, so daß die Rekruten massenhaft krank und die Gesunden stündlich unzufriedener wurden. Faucitt und Cressener befürchteten deshalb jeden Augenblick eine Meuterei. Indessen kamen die Hessen dies Mal noch ohne weitern Verlust als die obigen siebenzehn Mann davon.
Cressener schrieb einen entrüsteten Brief an den Kommandanten von Koblenz und die Regentschaft. Er fragt darin verwundert, wie der kaiserliche Gesandte es wagen dürfe, derartig den Kurfürsten von Trier zu beleidigen, der doch Herr in seinem eigenen Lande sei. Uebrigens hoffe er, dem Kommandanten liege die Ehre seines Fürsten zu nahe, als daß er die Hand zu einer solchen Gewaltthat bieten werde, die ganz gegen das Völkerrecht verstoße, und weist schließlich die Regentschaft auf die angebliche Rettung Deutschlands durch den Herzog von Marlborough und die Schlacht von Dettingen (!!) hin. Selbst Suffolk scheint diese Art englischen Geschichtsunterrichtes doch etwas zu kühn gefunden zu haben, denn er meint in einem Briefe an Cressener, dieser hätte lieber von den Marlborough'schen Feldzügen und der Dettinger Schlacht, als im Interesse des Reiches unternommen, nicht sprechen sollen; zur Sache selbst aber hoffe er, der Kurfürst werde seine eigene Würde zu sehr fühlen, als daß er Metternich gestattete, seine Rechte so schmählich zu verletzen.
Uebrigens behielt es bei den Beschwerden sein Bewenden. Es wird in unsern Quellen auch nicht berichtet, ob die Rachedrohungen des kasseler Vaters und des hanauer Sohnes wegen Beschimpfung ihrer „Flagge“ (!!) wirklich ausgeführt wurden. Es scheint vielmehr, daß sich ihr Zorn allmälich abgekühlt und ganz verlaufen hat.
Die Fahrt der Hessen und Anspacher verlief bei der freundlichen Gesinnung des Kurfürsten von Köln gegen England und in Ermangelung jeder Chikane seitens der preußischen Behörden ohne jede äußere Störung. Dagegen war die Stimmung der Truppen selbst desto erbitterter. Der Markgraf gab den Seinigen, um ihnen jede Ursache zur Klage zu nehmen, auf der ganzen Reise eine Extra-Ration von einem Pfund Brod und einem Pfund Fleisch per Tag auf den Mann und theilte, als bis Nimwegen Alles gut gegangen war, unter jedes Regiment hundert Dukaten als Geschenk aus. Unter den Soldaten der hanauischen Kompagnie Kornrumpf entstand dagegen am 25. März auf dem Rhein bei S'Gravendael in Holland eine Meuterei. Sieben Mann sprangen über Bord. Vier von ihnen wurden von ihren Verfolgern wieder eingefangen, die drei übrigen retteten sich in ein Haus. Die Bauern der Ortschaft nahmen ihre Partei und vertheidigten sie gegen die ihnen nachsetzenden Offiziere und Soldaten, so daß diese sich, um nicht todtgeschlagen zu werden, unverrichteter Sache zurückziehen mußten.
Die Anspacher wurden am 25. März vom Obersten Rainsford in den englischen Dienst gemustert. „Es sind schöne, prächtige Kerle — meldet dieser am 28. März aus S'Gravendael an Suffolk — jung und gut gebaut, kurz ein herrliches Korps. Ich fürchtete, sie würden nicht ohne Weiteres den Eid der Treue leisten, da ihr Gemurre noch kurz vorher ihre eigenen Offiziere beunruhigt hatte; allein die Anwesenheit ihres Fürsten, des Markgrafen, der sie von Ochsenfurt bis hierher begleitet hatte, verhinderte den Ausbruch selbst der geringsten Unzufriedenheit. Am zweiten Tage brachten wir sie nach Dortrecht, wohin sie der Markgraf in seiner Yacht begleitete, und gestern Abend wurden sie Alle zugleich mit den hessischen Jägern und Rekruten eingeschifft. Ich hielt es im Interesse des königlichen Dienstes für geboten, ihnen bei ihrer Ankunft an den Schiffen, um sie guten Muthes zu erhalten und jede Unannehmlichkeit zu vermeiden, frisches Fleisch und Brod zu versprechen, da sie sonst schwerlich dem König den Eid der Treue geleistet haben würden. Es ging aber Alles gut ab. Die Leute waren sehr zufrieden, als sie an Bord frisches Brod und Fleisch erhielten.“
Auch die hanauer Jäger fand Rainsford in ausgezeichneter Ordnung für den Dienst.
Nicht so günstig spricht er sich über die hessen-hanau'schen Rekruten aus, die er am 27. März in den englischen Dienst musterte. Nur die früher in preußischen Diensten gestandenen Leute seien hübsche Kerle; die übrigen habe er nur deshalb zugelassen, meldet er, weil es bereits sehr schwer geworden sei, gute Mannschaften zu bekommen; sie seien meistens zu alt oder zu jung, ja sogar mehrere Einäugige hätten sich darunter befunden. Wegen der hier bewiesenen Nachsicht schenkte, wie es scheint, der Erbprinz von Hanau dem Obersten Rainsford eine goldene Schnupftabacksdose, welche mit seinem in Brillanten gefaßten Portrait geschmückt war. Dieser hielt sie nicht für echt und ließ sie deshalb sofort von einem Juwelier abschätzen. „Das hätte ich nicht gedacht — vermerkt der ob der Schätzung freudig erstaunte Oberst in seinem Tagebuche — die Dose ist wahrhaftig Lstr. 160 werth: Lstr. 100 die Brillanten, Lstr. 20 das Gold, Lstr. 10 das Bild und Lstr. 30 die Arbeit; der Prinz ist doch anständig!“
Am 29. März segelten die Anspacher nach Portsmouth ab und kamen am 4. Juni in Staaten Island bei New York an; der Markgraf selbst traf von seiner „Berufsreise“ am 10. April wieder in Anspach ein.
Die drei letzten hanau'schen Jäger-Kompagnieen gelangten unter Oberst Creuzburg am 9. April 1777 ganz unbehelligt nach Nimwegen und wurden am 11. in den englischen Dienst eingeschworen. Rainsford schildert sie als ein schön ausgerüstetes Korps von vortrefflichen Schützen und bedauert nur, daß Suffolk keine Transportschiffe zu ihrer Beförderung gesandt habe.
Wie gefügig übrigens diese Truppen waren, wie wenig man sich zu ihnen der Desertion oder gar einer Meuterei zu versehen brauchte, beweist am Besten die Anrede, welche der Auditeur Becher in Hanau an die anspacher und hanauer Soldaten bei ihrer Vereidigung richtete. Der Leser wird bemerken, daß das patriarchalische Er und das vertrauliche Du, um jeden äußern Anstoß zu vermeiden, dem höflichern Sie Platz gemacht hat. Diese Anrede und dieser Eid lauten wörtlich:
„Ich bin überzeugt, daß Sie auch ohne dies schon das allergnädigste und gnädigste Zutrauen erfüllen werden, welches Se. Königlichen Maj. und beyde durchlauchtigste Fürsten in Ihre Redlichkeit und Tapferkeit setzen, und daß Sie bey allen Kriegs-Vorfallenheiten zeigen werden, daß Sie Deutsche sind, welche jederzeit den großen Ruhm der Treue und Tapferkeit behauptet haben. Werden Sie, wie man es von Ihnen erwartet, mit diesen redlichen Entschließungen von hier abgehen und denselben getreu bleiben und nachkommen, so erwartet auch unfehlbar in einem fremden Welttheil, Ehre, Glück und Belohnung auch Sie. Sie streiten für die gerechteste Sache eines der erhabensten und gütigsten Monarchen. Sie können sich nicht weniger der höchsten Gnade Ihrer theuersten Landes- Fürsten versichern, von deren Liebe und Zuneigung Sie schon so viele Beweise haben. Machen Sie sich dieser würdig und ehren Sie durch Unerschrockenheit und edelmüthige Kühnheit Ihren Stand und Ihr Vaterland, und Jeder von Ihnen sei dem Andern zum Muster, wie sich ein braver und rechtschaffener Soldat hervorthun müßte.
Hören Sie nunmehr die Formul aufmerksam an, wonach Sie einen leiblichen Eid zu Gott dem Allmächtigen schwören sollen: „Ihr sollt geloben und schwören einen leiblichen Eid zu Gott dem Allmächtigen, daß Ihr Sr. König. Großbritannischen Majestät in allen Kriegsvorfallenheiten treulich, willig und redlich dienen, dem Commando folgen und Euch überhaupt dergestalt erweisen wollt, wie tapferen und redlichen Soldaten wohl anstehet, eignet und gebühret, jedoch vorbehaltlich und ohnabbrüchig derjenigen Eides-Pflichten, mit denen Ihr Eurem gnädigsten Fürsten und Herrn ohnehin bereits zugethan seid. Alles getreulich und ohne Gefährde.“ Hierauf wird mit Emporhebung der zwei vordersten Finger nachgesprochen.
„Daß ich dem also, wie mir jetzo vorgehalten worden und ich wohlverstanden habe, in allem steif, getreu und unverbrüchlich nachkommen wolle, solches gelobe und schwöre ich, so war mir Gott helfe durch seinen Sohn Jesum Christum, unsern Erlöser und Seeligmacher. Amen!“
Mittler Weile hatte sich die Lage der Dinge in Amerika sehr zum Nachtheil Englands gestaltet. Washington's Erfolge im Winterfeldzuge 1776–1777 machten es selbst dem hochmüthigen Londoner Kabinet klar, daß die Unterwerfung der Aufständischen noch mehr als einen Feldzug in Anspruch nehmen würde. Suffolk wurde deshalb auch weniger wählerisch und suchte Truppen zu erlangen, wo sie sich ihm nur anboten. Wir haben im sechsten Kapitel gesehen, wie er in den ihm von Sir Joseph Yorke namhaft gemachten kleinen deutschen Staaten, Baden, Darmstadt, Gotha und Hildburghausen seinen Zweck nicht erreichte. In dieser seiner niedergeschlagenen Stimmung trat von Neuem das Angebot des Fürsten v. Anhalt-Zerbst an ihn heran, welches sein Agent Faucitt im ersten Jahre des Krieges verächtlich abgelehnt hatte. „Der Fürst von Anhalt-Zerbst hat mich und Faucitt — schrieb Yorke am 7. März 1777 an Suffolk — oft mit seinen Truppenanerbietungen geplagt; ich habe ihn indessen stets höflich abgewiesen. Er will, glaube ich, zwei Bataillone, er kann aber vielleicht mehr stellen. Sie sollen in guter Ordnung sein. Es hängt von Ihren Befehlen ab, ob ich den Fürsten auf Privatwegen sondiren und mir bei ihm ein Verdienst daraus machen soll, mich ihm nützlich zu zeigen.“ „Thun Sie ja, was Sie können, antwortete er jetzt Sir Joseph Yorke am 11. März — um dem Fürsten von Anhalt-Zerbst in nicht offizieller Weise auf den Zahn zu fühlen. Wenn ich weiß, wieviel, wie und wo er liefern kann, werde ich ermessen können, ob es rathsam ist, in dem Geschäft fortzufahren.“
Auf diesen Briefwechsel hin wurden die Verhandlungen mit dem Fürsten eröffnet.
Friedrich August, der letzte Fürst dieses Ländchens (1747–1793) gebot über ein Territorium von etwa fünfzehn Quadratmeilen mit ungefähr 20,000 Einwohnern, das (1793 bei seinem Tode unter die drei Vettern von Dessau, Bernburg und Cöthen verloost) in Folge der seit dem dreißigjährigen Kriege dort erblichen Mißwirthschaft zu den ärmsten und ausgehungertsten Deutschlands gehörte. Seit 1716 wurden in Zerbst weniger Menschen geboren als starben! Das unglückliche Fürstenthum hatte in den letzten hundert Jahren alle nur denkbaren Landplagen ausgestanden, Ueberschwemmungen und Hungersnoth, Auswanderung und Krieg. Es besaß keine Industrie und keinen Handel, litt dagegen desto mehr Mangel an Nahrung. Nirgend in Deutschland gab es verhältnißmäßig mehr Hagestolze, namentlich unter den Beamten, weil die im siebenzehnten Jahrhundert festgesetzte Besoldung kaum halb zum standesgemäßen Haushalt ausreichte. Seit 1698 war kein Landtag mehr berufen worden. Die Fürsten herrschten despotisch, und Friedrich August, mit welchem wir es zu thun haben, übertraf selbst seine Vorgänger in launenhafter Willkür und frechem Souverainitätsdünkel. Er ist, was viel heißen will, die Karrikatur des Landesvaters des achtzehnten Jahrhunderts, die komische Figur unter seinen Kollegen und verdient der Held eines tragi-komischen Gedichts zu werden. Friedrich August war der Bruder der berühmten Kaiserin Katharina II. von Rußland. Ob in den winzigen Verhältnissen der Heimath Verrücktheit wurde, was bei der großen Schwester auf einem mächtigen Thron des Auslandes Genialität des Denkens und Handelns war, läßt sich schwer entscheiden; jedenfalls aber wäre bei Katharina, wenn wir uns anders einen so gewaltigen hochstrebenden Geist auf dem Zerbster Thrönchen denken können, Vieles Karrikatur gewesen, was wir jetzt als groß und imponirend an ihr bewundern. Natürlich mußte ein so angelegter Mann, wie Friedrich August, aus ganzer Seele seinen mächtigen Nachbar, Friedrich den Großen, hassen, der Leben schuf, wo noch keines vorhanden gewesen war, der mit alten Vorurtheilen und Mißbräuchen unbarmherzig umging und sich in seinem revolutionären Vorgehen am allerwenigsten durch eingebildete Größen hindern ließ. Der König behandelte den Fürsten wie einen unbedeutenden Landjunker, in dessen Rechte er allerdings sehr gewaltsam eingriff, wie er denn z.B. einen von dessen Schützlingen im Jahre 1758 ohne Weiteres im Zerbster Schlosse verhaften ließ. Nach dem Frieden von 1763 ging der Fürst nach Basel, um nur nicht in der Nähe des verhaßten Königs zu sein, und regierte bis 1780 von hier und von 1780 an von Luxemburg aus sein Ländchen durch Reskripte und Befehle in einem Stil, den in neuerer Zeit ein anderer deutscher Potentat, Fürst Heinrich LXXII. von Reuß-Schleiz-Lobenstein glücklich nachgeahmt hat. Als seine Unterthanen sich einst wegen Abstellung eines Unrechts an ihn wandten und um seinen Schutz baten, antwortete er ihnen, derartige Lapalien gingen ihn gar nichts an und wünsche er sehr, in seiner Zurückgezogenheit nicht mit ihren elenden Klagen belästigt zu werden. Da diese gleichwohl fortdauerten, verbot er durch einen auf Querfolio gedruckten Anschlag vom 1. März 1788, daß ihm ferner Niemand mehr nachlaufe noch ihn behellige, bei Vermeidung unausbleiblicher Ahndung und Absetzung der Dienerschaft. Auf der Insel Wangeroge, die als Theil der Herrschaft Jever ihm damals gehörte, errichtete er einen großen Galgen, an welchem die beim Austernsammeln ertappten Fischer gehängt werden sollten; es wurde aber keiner abgefaßt.
An Stelle Serenissimi regierte in Zerbst ein Geheimer Rath, dessen zwei oder drei Mitglieder die sämmtlichen Instanzen bildeten. Bekannt ist die von dem pädagogischen Schriftsteller Sintenis erzählte Anekdote, wonach er von dem Geheimen Hofrath Haase, durch den Geheimen Hofrath Haase nochmals an denselben Geheimen Hofrath Haase appelliren mußte. Der französischen Revolution muß zu den vielen Sünden, die sie bereits auf dem Gewissen hat, auch der Tod dieses Fürsten zugeschrieben werden. Als er von ihrem Ausbruche hörte, wurde er unruhig und erließ lange, sehr schwer verständliche Schreiben an seine Unterthanen, in welchen er sie im Namen der heiligen Dreieinigkeit ermahnte, treu und gehorsam zu bleiben, im Falle des Ungehorsams ihnen aber mit den himmlischen Strafen drohte. (Warum wohl nicht mit den irdischen?) Friedrich August starb aus Kummer über die Hinrichtung Ludwig's XVI. Auf die erste Nachricht von diesem Ereigniß hin weigerte er sich, ferner Speise und Trank zu sich zu nehmen — und einige Wochen später war der Märtyrer der Legitimität todt. Dieses fürstliche Prachtexemplar hatte es in österreichischen Diensten bis zum Feldmarschall-Lieutenant gebracht, hielt sich nach 1783 auch selbst eine „Armee“ von 2000 Mann mit nicht weniger als elf Obersten. Seine Werbeplätze waren über ganz Deutschland zerstreut, einmal gab es deren nicht weniger als sechzehn. Gleichwohl bezahlte sich das Geschäft, denn er fand fast immer Verwendung für seine Truppen.
Schon bei Eröffnung der englisch-amerikanischen Feindseligkeiten war Friedrich August mit seinem Angebote in den Markt gekommen; indessen nahm man anfangs nicht die mindeste Notiz von ihm, und ohne Yorke's Empfehlung würde er voraussichtlich wohl nie berücksichtigt worden sein. Er hatte sich zunächst unmittelbar an Georg III. gewandt, aber keine Antwort auf seinen Brief erhalten, weil der König seinen Inhalt nicht entziffern konnte. Um direkt zu seinem Ziele zu gelangen, ließ der Fürst im Mai 1776 durch den Erbprinzen von Hanau seine Vorschläge an Suffolk machen. „Wenn Sie je — schreibt der Minister Malsburg am 27. Mai 1776 an Faucitt — von der sonderbaren Denk- und Handlungsweise dieses Fürsten gehört haben, so werden Sie über die Unregelmäßigkeit dieses Schrittes nicht erstaunt sein. Da Sie aber möglicher Weise ein Regiment mehr brauchen können, so hat mein Herr mir befohlen, Ihnen den Brief des Fürsten vertraulich im Original mitzutheilen. Die Verwirrung, die in seinem Stil und in seinen Ausdrücken herrscht, hat mir nicht erlaubt, eine französische Uebersetzung davon zu machen. Zudem werden Sie wohl Jemanden haben, der ihn lesen kann und, soweit dies überhaupt möglich ist, seinen Sinn erklärt. Der Fürst will also ein Regiment von 627 Mann an England überlassen. Mein Herr möchte übrigens in der ganzen Sache nicht genannt sein. Der Brief an den König ist in einer so merkwürdigen Art geschrieben, daß es mir ein Problem scheint, ob er überhaupt dem hohen Adressaten übergeben werden kann.“
Faucitt legte in seinem Berichte an Suffolk den Original-Brief des Fürsten nicht einmal bei, um dem König die Unbequemlichkeit der Beantwortung eines in so befremdender Weise gemachten Anerbietens zu ersparen. Suffolk billigte sein Verfahren und ließ den Zerbst'schen Antrag auf sich beruhen.
Uebrigens war der Fürst so leicht nicht abgeschreckt. Er suchte Ende November 1776 durch den Herzog von Braunschweig seine Absicht zu erreichen. „Der Fürst von Anhalt-Zerbst — schreibt Feronce am 17. November 1776 an Suffolk — hat den Herzog inständigst ersucht, durch Ihre Vermittlung dem König 800 Mann Infanterie für Amerika anzubieten. Das Regiment ist gut einexerzirt und ausgerüstet; es kann sich, sobald es gewünscht wird, mit zwei Geschützen in Marsch setzen und, falls der König noch mehr fremde Truppen anwerben sollte, mit unseren Rekruten einschiffen. Die einzige Gunst, um die ich bitte, besteht darin, daß der Herzog in den Stand gesetzt wird, dem Fürsten eine Antwort zukommen zu lassen.“ Suffolk lehnte am 26. November das Gesuch aber auch wieder ab, weil der König bei der günstigen Wendung, welche die Dinge in Amerika genommen hätten, keine fremde Truppen dort mehr nöthig zu haben glaube.
Friedrich August war jedoch nicht der Mann, den ein zweimaliger abschläglicher Bescheid entmuthigt hätte. Er empfahl sich also dem englischen Gesandten im Haag, Sir Joseph Yorke noch einmal zur gefälligen Berücksichtigung. Yorke hatte offenbar Mitleid mit dem Zerbster und wollte seine Standhaftigkeit belohnen. Er verfehlte also nicht, ihm die durch Suffolk's letztes Schreiben in Aussicht gestellte günstige Wendung der Dinge mitzutheilen. Als Antwort auf diese freudigen Eröffnungen empfing er eine wahre Sündflut von fürstlichen Briefen, Plänen und Vorschlägen, die sich sogar bis auf die Vermehrung der englischen Marine erstreckten. Bei dem dunkeln und verworrnen Stil dieses fürstlichen Don Quixote ist es leider nur ausnahmsweise möglich, seine Gedanken ganz zu errathen, ein Prozeß, der durch ein barbarisches Französisch bedeutend erschwert wird, da es die abgerissenen Sentenzen noch verrückter erscheinen läßt. Doch der Leser möge selbst nach den im Anhang mitgetheilten Proben urtheilen.
Der Fürst schien also endlich am Ziele seiner Wünsche zu sein, und seine kühnsten Hoffnungen und Gedanken schwelgten jetzt schon in einem Kreuzzug für die von den amerikanischen Rebellen bedrohte Legitimität. „Vier Brüder in Dessau — schreibt er an Yorke in dem im Anhange vollständig mitgetheilten Briefe vom 29. April 1777 — besaßen gemeinschaftlich mehr als sechshundert Hetzhunde, die bei den Dessauer Bürgern einquartirt waren. Schöne Garnison! und beim ersten Peitschenknall oder Hörnerschall eilten diese Hunde zusammen wie die Soldaten beim Klang der Trompete. Teufel! wenn man die Amerikaner wie diese Hunde laufen machen könnte! Das wäre herrlich! Aber dazu braucht man Truppen.“
Inzwischen hatte Faucitt am 29. April 1777 auch von Suffolk Auftrag erhalten, sich von der Beschaffenheit der Zerbster Bataillone zu unterrichten, um beurtheilen zu können, ob sie des Königs weitere Aufmerksamkeit verdienten. Er sollte nicht weniger als 500 und nicht mehr als 800 Mann nehmen und seinen Verhandlungen mit Zerbst den anspacher Vertrag zu Grunde legen. Kaum war aber Aussicht für die Vermiethung der Landmacht vorhanden, so faßte der Fürst auch schon den Plan, die Vortheile seiner an der Nordsee gelegenen Grafschaft Jever zu verwerthen. „Wenn England — schrieb er am 23. Juni 1777 an Yorke — an der deutschen Küste gegen die Rebellenkaper zwei Fregatten von je zwölf und zwanzig Kanonen und zwei kleinere Fahrzeuge von je acht und zehn leichten Geschützen wünscht, so kann ich ihm dieselben überlassen. Meine Schiffe sind Schnellsegler und aus folgenden Gründen für Sie unentbehrlich: 1) stellen sie die Verbindung zwischen mir und meinen Truppen her; 2) vermitteln sie die von Deutschland abzusendenden Verstärkungen; 3) erlangen sie dadurch so viel Schiffe und Matrosen mehr, was bei der Frechheit der Rebellen, die „leur canaille de pirates“ überall hinschicken und sogar im Stande sind, die deutschen Küsten heimzusuchen, gar nicht gering anzuschlagen ist.“
Komischer Weise nahm Yorke diesen letzten Vorschlag im Ernste auf und meint am 15. Juli 1777 in seiner Bevorwortung desselben bei Suffolk, daß er deshalb Beachtung verdiene, weil England durch ihn eine große Zahl von Seeleuten erlangen könne, die sonst vielleicht gegen dasselbe vom Feinde verwandt werde. Als wenn der Fürst außer vielleicht ein paar Fischerbooten ein einziges seetüchtiges Fahrzeug gehabt hätte! Der Mann lebte in Basel und wollte von hier aus eine Flotille ausrüsten!
Suffolk hatte nur unter der Voraussetzung mit dem Fürsten angeknüpft, daß sein Regiment bis zum April marschfertig in Jever sein und bis zur Eröffnung des Herbstfeldzuges in Amerika eintreffen könne. Als aber der Geheime Rath Haase, welcher zerbstischer Seits mit Faucitt den eventuellen Vertrag in Braunschweig abzuschließen bestimmt war, dort zur verabredeten Zeit nicht erschien, und als Faucitt außerdem noch Anfang Juni 1777 nach Hause meldete, daß das Zerbster Regiment, statt wie versprochen schon in Jever, noch in Zerbst sei, nahm Suffolk unmuthig seinen Befehl für Annahme der zerbstischen Truppen zurück. Die Jahreszeit, erklärte er, sei zu weit vorgerückt, als daß sie noch im Laufe des Sommers in den englischen Dienst genommen werden könnten. Der Fürst hatte in der Person der Herren von Oppeln und von Wietersheim zwei „Gesandte“ nach London geschickt, um durch sie den Vertrag zwischen den Kronen Zerbst und Großbritannien abschließen zu lassen. Suffolk bedeutete sie kurzer Hand, London sei nicht der Platz für ein derartiges Geschäft und empfahl ihnen sofortige Abreise.
„Trotz Ihrer Versprechungen — schreibt der Fürst am 25. Juni 1777 wehklagend an Yorke — hat man in London meine Truppen abgelehnt; man will bis zum nächsten Jahre warten. Das ist unmöglich, ich werde mich dann nicht wieder ähnlicher Behandlung aussetzen. Andere Mächte werden diese schönen Truppen (ohne Eitelkeit!) mit offenen Armen aufnehmen. Ich hoffe, Sie werden aber noch Alles arrangiren.“
Yorke suchte denn auch die Sache bei Suffolk wieder in den Gang zu bringen. „Ich sende Ihnen — schrieb er ihm am 15. Juli 1777 — durch den hannöver'schen Kourier verschiedene Briefe, welche ich von meinem merkwürdigen Korrespondenten, dem Fürsten von Zerbst erhalten habe. In seinem letzten ist er über den eingetretenen Zeitverlust aufgebracht. Ich lege meine eigene Korrespondenz nicht bei, da sie nur ermüdend für Sie sein würde; ich habe mich übrigens genau an meine Befehle gehalten. Ich habe dem Fürsten heute geschrieben und mich bemüht, ihn guten Muths zu erhalten und zu besänftigen. Bei allen seinen Verrücktheiten ist er doch ein guter Kerl, der besser handelt als er schreibt. Ich wünsche, seine Truppen möchten in diesen schwierigen Zeiten doch noch genommen werden.“
Die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz ließen es denn auch Suffolk noch im Laufe des Sommers wünschenswerth erscheinen, die englische Armee in Amerika, sei es auch nur durch ein oder zwei zerbstische Bataillone zu verstärken, ja er mußte froh sein, daß sich ihm wenigstens eine Aussicht auf ein sofort bereites Hülfs-Korps bot. So beauftragte er denn im Herbste 1777 Faucitt, für zwei Regimenter mit dem Zerbster Ministerium abzuschließen. Dieses unterwarf sich ohne jeden Widerspruch den vom englischen Kommissar gestellten Bedingungen und begnügte sich sogar mit der bloßen Punktation eines Vertrages, die gegen Ende Oktober 1777 zu Stande kam, die es aber England freistellte, seine endgültige Genehmigung so lange zu verschieben, bis die zerbstischen Truppen von Faucitt im Einschiffungshafen in den englischen Dienst gemustert sein würden. Jedes der beiden zu liefernden Regimenter sollte aus 614 Mann, einschließlich der Offiziere, bestehen; jedes derselben aber nur zwei Stabsoffiziere, Oberst und Major, haben und im Frühjahr marschfertig sein.
England übernahm also nicht die mindeste Gefahr oder Verantwortlichkeit; diese fiel vielmehr ausschließlich der Zerbster Regierung anheim, die, wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, in der Folge hart genug daran zu tragen hatte.
Während die übrigen, mit England arbeitenden Fürsten wenigstens Offiziere und Kadres für ihre Regimenter hatten, stand das Regiment des Fürsten von Anhalt-Zerbst, als er mit Lord Suffolk in Unterhandlungen trat, vorläufig nur auf dem Papiere. Nicht einmal für die Offizierstellen konnte er unter den paar armen adeligen Teufeln seines Ländchens „gehörig qualifizirte Subjekte“ finden, und aus der Nachbarschaft boten sich erst recht keine an, weil es allgemein bekannt war, daß Serenissimus kein Geld hatte. Er wußte aber, daß für gutes englisches Geld Werber und Offiziere in Hülle und Fülle zu haben waren und leitete deshalb als vorsichtiger Geschäftsmann die erforderlichen Maßregeln erst ein, als sie auf englische Rechnung gingen. Kaum war also die Punktation mit Faucitt geschlossen, so betrieb auch die Zerbster Regierung das Werbegeschäft mit großem Eifer. Es tritt uns hier überaus naiv in seiner unverhülltesten Gestalt entgegen, als das, was es seiner innersten Natur nach ist, als die gemeinste fürstliche Spekulation auf das Fleisch ihrer Unterthanen und der Unglücklichen, die sich durch gute Worte oder Gewalt einfangen ließen.