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Der Steppenwolf

Chapter 6: Die Unsterblichen
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About This Book

A middle-aged intellectual records profound loneliness and self-division in a fragmentary manuscript presented by an acquaintance. The work blends personal notebooks, critical commentary and surreal episodes to probe a split identity torn between cultivated society and an untamed, instinctive side. Through encounters, fantasies and a mock-psychological essay, it examines alienation, dissatisfaction with bourgeois life, sexual longing and the yearning for renewal. Tone and form shift between irony, melancholy and visionary fantasy, ultimately suggesting that partial healing requires acknowledging inner multiplicity and opening to art, play and communal experience.

Und so hatte ich traurig mein Licht gelöscht, traurig mein Schlafzimmer aufgesucht, traurig mit dem Entkleiden begonnen, da machte ein ungewohnter Duft mich stutzig, es roch leicht nach Parfüm, und umblickend sah ich in meinem Bett die schöne Maria liegen, lächelnd, etwas bange, mit großen blauen Augen.

„Maria!“ sagte ich. Und mein erster Gedanke war, daß meine Hauswirtin mir kündigen würde, wenn sie das wüßte.

„Ich bin gekommen“, sagte sie leise. „Sind Sie mir böse?“

„Nein, nein. Ich weiß, Hermine hat Ihnen den Schlüssel gegeben. Nun ja.“

„Oh, Sie sind böse darüber. Ich gehe wieder.“

„Nein, schöne Maria, bleiben Sie! Nur bin ich gerade heut abend sehr traurig, lustig sein kann ich heute nicht, das kann ich dann morgen vielleicht wieder.“

Ich hatte mich etwas zu ihr hinabgebeugt, da faßte sie meinen Kopf mit ihren beiden großen, festen Händen, zog ihn herab und küßte mich lange. Dann setzte ich mich zu ihr aufs Bett, hielt ihre Hand, bat sie, leise zu reden, da man uns nicht hören dürfe, und sah in ihr schönes volles Gesicht hinab, das fremd und wunderbar wie eine große Blume da auf meinem Kissen lag. Langsam zog sie meine Hand an ihren Mund, zog sie unter die Decke und legte sie auf ihre warme, still atmende Brust.

„Du brauchst nicht lustig zu sein,“ sagte sie, „Hermine hat mir schon gesagt, daß du Kummer hast. Das versteht ja jeder. Gefalle ich dir denn noch, du? Neulich beim Tanzen warst du sehr verliebt.“

Ich küßte sie auf Augen, Mund, Hals und Brüste. Eben noch hatte ich an Hermine gedacht, bitter und mit Vorwürfen. Nun hielt ich ihr Geschenk in Händen und war dankbar. Die Liebkosungen Marias taten der wunderbaren Musik nicht weh, die ich heut gehört hatte, sie waren ihrer würdig und ihre Erfüllung. Langsam zog ich die Decke von der schönen Frau, bis ich mit meinen Küssen zu ihren Füßen gelangt war. Als ich mich zu ihr legte, lächelte ihr Blumengesicht mich allwissend und gütig an.

In dieser Nacht, an Marias Seite, schlief ich nicht lange, aber tief und gut wie ein Kind. Und zwischen den Schlafzeiten trank ich ihre schöne heitere Jugend und erfuhr im leisen Plaudern eine Menge wissenswerter Dinge über ihr und Herminens Leben. Ich hatte über diese Art von Wesen und Leben sehr wenig gewußt, nur beim Theater hatte ich früher gelegentlich ähnliche Existenzen, Frauen wie Männer, angetroffen, halb Künstler, halb Lebewelt. Jetzt erst sah ich ein wenig in diese merkwürdigen, diese seltsam unschuldigen, seltsam verdorbenen Leben hinein. Diese Mädchen, von Hause meist arm, zu klug und zu hübsch, um ihr ganzes Leben einzig auf irgendeinen schlecht bezahlten und freudlosen Broterwerb zu stellen, lebten alle bald von Gelegenheitsarbeit, bald von ihrer Anmut und Liebenswürdigkeit. Sie saßen zuweilen ein paar Monate an einer Schreibmaschine, waren zeitweise die Geliebten wohlhabender Lebemänner, bekamen Taschengelder und Geschenke, lebten zu Zeiten in Pelz, Auto und Grand Hôtel, zu andern Zeiten in Dachkammern und waren zur Ehe zwar unter Umständen durch ein hohes Angebot zu gewinnen, im ganzen aber keineswegs auf sie erpicht. Manche von ihnen waren in der Liebe ohne Begehrlichkeit und gaben ihre Gunst nur widerwillig und unter Feilschen um den höchsten Preis. Andre, und zu ihnen gehörte Maria, waren ungewöhnlich liebesbegabt und liebesbedürftig, die meisten auch in der Liebe mit beiden Geschlechtern erfahren; sie lebten einzig der Liebe wegen und hatten stets neben den offiziellen und zahlenden Freunden noch andre Liebesbeziehungen blühen. Emsig und geschäftig, sorgenvoll und leichtsinnig, klug und doch besinnungslos lebten diese Schmetterlinge ihr ebenso kindliches wie raffiniertes Leben, unabhängig, nicht für jeden käuflich, vom Glück und guten Wetter das Ihre erwartend, ins Leben verliebt und doch viel weniger an ihm hängend als die Bürger, stets bereit, einem Märchenprinzen in sein Schloß zu folgen, stets mit halbem Bewußtsein eines schweren und traurigen Endes gewiß.

Maria lehrte mich – in jener wunderlichen ersten Nacht und in den folgenden Tagen – vieles, nicht nur holde neue Spiele und Beglückungen der Sinne, sondern auch neues Verständnis, neue Einsichten, neue Liebe. Die Welt der Tanz- und Vergnügungslokale, der Kinos, der Bars und Hotelteehallen, die für mich, den Einsiedler und Ästheten, noch immer etwas Minderwertiges, Verbotenes und Entwürdigendes hatte, war für Maria, für Hermine und ihre Kameradinnen die Welt schlechthin, war weder gut noch böse, weder begehrens- noch hassenswert, in dieser Welt blühte ihr kurzes sehnsüchtiges Leben, in ihr waren sie heimisch und erfahren. Sie liebten einen Champagner oder eine Spezialplatte im Grill Room, wie unsereiner einen Komponisten oder Dichter liebte, und sie verschwendeten an einen neuen Tanzschlager oder an das sentimentale, schmalzige Lied eines Jazzsängers dieselbe Begeisterung, Ergriffenheit und Rührung wie unsereiner an Nietzsche oder an Hamsun. Maria erzählte mir von jenem hübschen Saxophonbläser Pablo und sprach von einem amerikanischen song, den er ihnen zuweilen gesungen habe, und sie sprach davon mit einer Hingerissenheit, Bewunderung und Liebe, die mich rührte und ergriff weit mehr als die Ekstasen irgendeines Hochgebildeten über ausgesucht vornehme Kunstgenüsse. Ich war bereit mitzuschwärmen, sei der song, wie er wolle; Marias liebevolle Worte, ihr sehnsüchtig aufblühender Blick riß breite Breschen in meine Ästhetik. Wohl gab es einiges Schöne, einiges wenige auserlesen Schöne, das mir über jeden Streit und Zweifel erhaben schien, obenan Mozart, aber wo war die Grenze? Hatten wir Kenner und Kritiker nicht alle als Jünglinge Kunstwerke und Künstler glühend geliebt, die uns heute zweifelhaft und fatal erschienen? War es uns nicht mit Liszt, mit Wagner, vielen sogar mit Beethoven so gegangen? War nicht Marias blühende Kinderrührung über den song aus Amerika ein ebenso reines, schönes, über jeden Zweifel erhabenes Kunsterlebnis wie die Ergriffenheit irgendeines Studienrats über den Tristan oder die Ekstase eines Dirigenten bei der Neunten Symphonie? Und stimmte das nicht merkwürdig gut zu den Ansichten des Herrn Pablo und gab ihm recht?

Diesen Pablo, den Schönen, schien auch Maria sehr zu lieben!

„Er ist ein schöner Mensch,“ sagte ich, „auch mir gefällt er sehr. Aber sag’ mir, Maria, wie kannst du daneben auch noch mich liebhaben, einen langweiligen alten Kerl, der nicht hübsch ist und schon graue Haare bekommt und kein Saxophon blasen und keine englischen Liebeslieder singen kann?“

„Rede nicht so häßlich!“ schalt sie. „Es ist doch ganz natürlich. Auch du gefällst mir, auch du hast etwas Hübsches, Liebes und Besonderes, du darfst nicht anders sein, als du bist. Man soll über diese Sachen nicht reden und Rechenschaft verlangen. Schau’, wenn du mir den Hals oder das Ohr küßt, dann spüre ich, daß du mich gern hast, daß ich dir gefalle; du kannst so auf eine Art küssen, ein bißchen wie schüchtern, und das sagt zu mir: er hat dich gern, er ist dir dafür dankbar, daß du hübsch bist. Das habe ich sehr, sehr gern. Und dann wieder bei einem andern Mann habe ich gerade das Gegenteil gern, daß er sich nichts aus mir zu machen scheint und mich so küßt, als sei es eine Gnade von ihm.“

Wieder schliefen wir ein. Wieder erwachte ich, ohne aufgehört zu haben, sie mit den Armen zu umschlingen, meine schöne, schöne Blume.

Und wunderlich! – beständig blieb die schöne Blume dennoch das Geschenk, das mir Hermine gemacht hatte! Beständig stand jene hinter ihr, war maskenhaft von ihr umschlossen! Und zwischenein plötzlich dachte ich an Erika, an meine ferne böse Geliebte, an meine arme Freundin. Sie war kaum weniger hübsch als Maria, wenn auch nicht so blühend und erlöst, und an kleinen genialen Liebeskünsten ärmer, und sie stand eine Weile als Bild vor mir, deutlich und schmerzlich, geliebt und tief in mein Schicksal verwoben, und sank wieder dahin, in Schlaf, in Vergessenheit, in halb betrauerte Ferne.

Und so stiegen viele Bilder meines Lebens in dieser schönen, zärtlichen Nacht vor mir auf, der ich solange leer und arm und bilderlos gelebt hatte. Jetzt, vom Eros zauberhaft erschlossen, sprang die Quelle der Bilder tief und reich, und für Augenblicke stand das Herz mir still vor Entzücken und vor Trauer darüber, wie reich der Bildersaal meines Lebens, wie voll hoher ewiger Sterne und Sternbilder die Seele des armen Steppenwolfes gewesen sei. Es schaute Kindheit und Mutter zart und verklärt wie ein fernes, unendlich blau entrücktes Stück Gebirge herüber, es klang ehern und klar der Chor meiner Freundschaften, mit dem sagenhaften Hermann beginnend, dem Seelenbruder Herminens; duftend und unirdisch, wie feucht aus dem Wasser heraufblühende Seeblumen, schwammen die Bildnisse vieler Frauen heran, die ich geliebt, die ich begehrt und besungen, von denen ich nur wenige erreicht und zu eigen zu haben versucht hatte. Auch meine Frau erschien, mit der ich manche Jahre gelebt, die mich Kameradschaft, Konflikt, Resignation gelehrt hatte, zu der trotz aller Lebensungenüge ein tiefes Vertrauen in mir lebendig geblieben war bis zu dem Tage, da sie mich, irr und krank geworden, in plötzlicher Flucht und wilder Auflehnung verließ – und ich erkannte, wie sehr ich sie geliebt und wie tief ich ihr vertraut haben mußte, daß ihr Vertrauensbruch mich so schwer und fürs Leben hatte treffen können.

Diese Bilder – es waren Hunderte, mit und ohne Namen – waren alle wieder da, stiegen jung und neu aus dem Brunnen dieser Liebesnacht, und ich wußte wieder, was ich lang im Elend vergessen hatte, daß sie der Besitz und Wert meines Lebens waren und unzerstörbar fortbestanden, sterngewordene Erlebnisse, die ich vergessen und doch nicht vernichten konnte, deren Reihe die Sage meines Lebens, deren Sternglanz der unzerstörbare Wert meines Daseins war. Mein Leben war mühsam, irrläufig und unglücklich gewesen, es führte zu Verzicht und Verneinung, es war bitter vom Schicksalssalz alles Menschentums, aber es war reich, stolz und reich gewesen, auch noch im Elend ein Königsleben. Mochte das Stückchen Weges bis zum Untergang vollends noch so kläglich vertan werden, der Kern dieses Lebens war edel, es hatte Gesicht und Rasse, es ging nicht um Pfennige, es ging um die Sterne.

Es ist schon wieder eine Weile her, und vieles ist seither geschehen und anders geworden, ich kann mich nur noch an weniges Einzelne aus jener Nacht erinnern, an einzelne Worte zwischen uns, an einzelne Gebärden und Taten tiefer Liebeszärtlichkeit, an sternhelle Augenblicke des Erwachens aus schwerem Schlaf der Liebesermattung. Aber jene Nacht war es, in der zum erstenmal wieder seit der Zeit meines Niedergangs mein eigenes Leben mich mit den unerbittlich strahlenden Augen anblickte, wo ich den Zufall wieder als Schicksal, das Trümmerfeld meines Daseins wieder als göttliches Fragment erkannte. Meine Seele atmete wieder, mein Auge sah wieder, und für Augenblicke ahnte ich glühend, daß ich nur die zerstreute Bilderwelt zusammenzuraffen, daß ich nur mein Harry Hallersches Steppenwolfleben als Ganzes zum Bilde zu erheben brauche, um selber in die Welt der Bilder einzugehen und unsterblich zu sein. War denn nicht dies das Ziel, nach welchem jedes Menschenleben einen Anlauf und Versuch bedeutete?

Am Morgen mußte ich Maria, nachdem sie mein Frühstück geteilt hatte, aus dem Hause schmuggeln, und es gelang. Noch am selben Tage mietete ich für sie und mich in einem nahen Stadtteil ein Zimmerchen, das nur für unsre Zusammenkünfte bestimmt war.

Meine Tanzlehrerin Hermine erschien pflichtgetreu, und ich mußte den Boston lernen. Sie war streng und unerbittlich und erließ mir keine Stunde, denn es war beschlossen, daß ich mit ihr den nächsten Maskenball besuchen werde. Sie hatte mich um Geld für ihr Kostüm gebeten, über das sie aber jede Auskunft verweigerte. Sie zu besuchen oder auch nur zu wissen, wo sie wohne, war mir noch immer verboten.

Diese Zeit vor dem Maskenball, etwa drei Wochen, war außerordentlich schön. Maria schien mir die erste wirkliche Geliebte zu sein, die ich je gehabt hatte. Immer hatte ich von den Frauen, die ich geliebt hatte, Geist und Bildung verlangt, ohne je ganz zu merken, daß auch die geistvollste und verhältnismäßig gebildetste Frau niemals dem Logos in mir Antwort gab, sondern stets ihm entgegenstand; ich brachte meine Probleme und Gedanken zu den Frauen mit, und völlig unmöglich hätte es mir geschienen, ein Mädchen länger als eine Stunde zu lieben, das kaum ein Buch gelesen hatte, kaum wußte, was Lesen ist, und einen Tschaikowski von einem Beethoven nicht hätte unterscheiden können. Maria hatte keine Bildung, sie hatte diese Umwege und Ersatzwelten nicht nötig, ihre Probleme wuchsen alle unmittelbar aus den Sinnen. Mit den ihr gegebenen Sinnen, mit ihrer besonderen Figur, ihren Farben, ihrem Haar, ihrer Stimme, ihrer Haut, ihrem Temperament so viel Sinnen- und Liebesglück als irgend möglich zu erringen, für jede Fähigkeit, für jede Biegung ihrer Linien, jede zarteste Modellierung ihres Körpers beim Liebenden Antwort, Verständnis und lebendiges, beglückendes Gegenspiel zu finden und hervorzuzaubern, dies war ihre Kunst und Aufgabe. Schon bei jenem ersten schüchternen Tanz mit ihr hatte ich das empfunden, hatte diesen Duft einer genialen, entzückend hochkultivierten Sinnlichkeit gewittert und war von ihr bezaubert gewesen. Gewiß auch war es kein Zufall, daß Hermine, die Allwissende, mir diese Maria zugeführt hatte. Ihr Duft und ihre ganze Signatur war sommerlich, war rosenhaft.

Ich hatte nicht das Glück, Marias einziger oder bevorzugter Geliebter zu sein, ich war einer von mehreren. Oft hatte sie keine Zeit für mich, manchmal eine Stunde am Nachmittag, wenige Male eine Nacht. Sie wollte kein Geld von mir nehmen, dahinter steckte wohl Hermine. Aber Geschenke nahm sie gerne, und wenn ich ihr etwa ein neues kleines Portemonnaie aus rotlackiertem Leder schenkte, durften auch zwei, drei Goldstücke darin stecken. Übrigens mit dem roten Geldbeutelchen wurde ich von ihr sehr ausgelacht! Es war entzückend, aber es war ein Ladenhüter, verschollene Mode. In diesen Dingen, von welchen ich bisher weniger gewußt und verstanden hatte als von irgendeiner Eskimosprache, lernte ich von Maria viel. Ich lernte vor allem, daß diese kleinen Spielzeuge, Mode- und Luxussachen nicht bloß Tand und Kitsch sind und eine Erfindung geldgieriger Fabrikanten und Händler, sondern berechtigt, schön, mannigfaltig, eine kleine oder vielmehr große Welt von Dingen, welche alle den einzigen Zweck haben, der Liebe zu dienen, die Sinne zu verfeinern, die tote Umwelt zu beleben und zauberhaft mit neuen Liebesorganen zu begaben, vom Puder und Parfüm bis zum Tanzschuh, vom Fingerring bis zur Zigarettendose, von der Gürtelschnalle bis zur Handtasche. Diese Tasche war keine Tasche, der Geldbeutel kein Geldbeutel, Blumen keine Blumen, der Fächer kein Fächer, alles war plastisches Material der Liebe, der Magie, der Reizung, war Bote, Schleichhändler, Waffe, Schlachtruf.

Wen Maria eigentlich liebe, darüber dachte ich oftmals nach. Am meisten, glaube ich, liebte sie den Jüngling Pablo vom Saxophon, mit den verlorenen schwarzen Augen und den langen, bleichen, edlen und melancholischen Händen. Ich hätte diesen Pablo in der Liebe für etwas schläfrig, verwöhnt und passiv gehalten, aber Maria versicherte mir, daß er zwar nur langsam in Glut zu bringen, dann aber gespannter, härter, männlicher und fordernder sei als irgendein Boxer oder Herrenreiter. Und so erfuhr und wußte ich Geheimes über diesen und jenen, vom Jazzmusiker, vom Schauspieler, von manchen Frauen, von Mädchen und Männern unsres Milieus, wußte allerlei Geheimnisse, sah unter der Oberfläche Verbindungen und Feindschaften, wurde langsam (ich, der ich in dieser Welt ein völlig beziehungsloser Fremdkörper gewesen war) vertraut und einbezogen. Auch über Hermine erfuhr ich viel. Besonders aber kam ich nun häufig mit Herrn Pablo zusammen, den Maria sehr liebte. Zuweilen brauchte sie auch von seinen geheimen Mitteln, auch mir verschaffte sie je und je diese Genüsse, und immer stand Pablo mir mit besonderem Eifer zu Diensten. Einmal sagte er es mir ohne Umschweife: „Sie sind so viel unglücklich, das ist nicht gut, man soll nicht so sein. Tut mir leid. Nehmen Sie leichte Opiumpfeife.“ Mein Urteil über diesen frohen, klugen, kindlichen und dabei unergründlichen Menschen änderte sich beständig, wir wurden Freunde, nicht selten nahm ich etwas von seinen Mitteln an. Etwas belustigt sah er meiner Verliebtheit in Maria zu. Einmal veranstaltete er ein „Fest“ auf seinem Zimmer, der Mansarde eines Vorstadthotels. Es gab dort nur einen Stuhl, Maria und ich mußten auf dem Bett sitzen. Er gab uns zu trinken, einen aus drei Fläschchen zusammengegossenen, geheimnisvollen, wunderbaren Likör. Und dann, als ich sehr guter Laune geworden war, schlug er uns leuchtenden Auges vor, eine Liebesorgie zu dreien zu feiern. Ich lehnte brüsk ab, mir war dergleichen nicht möglich, doch schielte ich immerhin einen Augenblick zu Maria hinüber, wie sie sich dazu verhalte, und obwohl sie meiner Ablehnung sofort zustimmte, sah ich doch das Glimmen in ihren Augen und spürte ihr Bedauern über den Verzicht. Pablo war enttäuscht über meine Ablehnung, aber nicht verletzt. „Schade,“ sagte er, „Harry bedenkt zuviel moralisch. Nichts zu machen. Wäre doch so schön gewesen, so sehr schön! Aber ich weiß Ersatz.“ Wir bekamen jeder einige Züge Opium zu rauchen, und regungslos sitzend, bei offenen Augen, erlebten wir alle drei die von ihm suggerierte Szene, wobei Maria vor Entzücken zitterte. Als ich mich nachher ein wenig unwohl fühlte, legte mich Pablo aufs Bett, gab mir einige Tropfen Medizin, und als ich für einige Minuten die Augen schloß, spürte ich auf jedem Augenlid einen ganz flüchtigen, gehauchten Kuß. Ich nahm ihn hin, als sei ich der Meinung, er komme von Maria. Aber ich wußte wohl, daß er von ihm war.

Und eines Abends überraschte er mich noch mehr. Er erschien in meiner Wohnung, erzählte mir, daß er zwanzig Franken brauche und daß er mich um dies Geld bitte. Er biete mir dafür an, diese Nacht statt seiner über Maria zu verfügen.

„Pablo,“ sagte ich erschrocken, „Sie wissen nicht, was Sie da sagen. Seine Geliebte an einen andern für Geld abtreten, das gilt bei uns für das Allerschimpflichste. Ich habe Ihren Vorschlag nicht gehört, Pablo.“

Mitleidig sah er mich an. „Sie wollen nicht, Herr Harry. Gut. Sie machen immer sich selber Schwierigkeiten. Dann schlafen Sie also heute Nacht nicht bei Maria, wenn Ihnen das lieber ist, und geben Sie mir das Geld so, Sie werden es zurückbekommen. Ich brauche es notwendig.“

„Wofür denn?“

„Für Agostino – wissen Sie, das ist der Kleine von der zweiten Violine. Er ist schon acht Tage krank, und niemand sieht nach ihm, Geld hat er keinen Pfennig, und jetzt ist auch meines ausgegangen.“

Aus Neugierde, und ein wenig auch zur Selbstbestrafung, ging ich mit zu Agostino, dem er Milch und Medizin in seine Dachkammer brachte, eine recht elende Dachkammer, dem er das Bett frisch aufschüttelte, das Zimmer lüftete und eine hübsche kunstgerechte Kompresse um den fiebernden Kopf machte, alles rasch und zart und sachkundig, wie eine gute Krankenschwester. Am gleichen Abend sah ich ihn, bis in die Morgenstunden, in der City-Bar musizieren.

Mit Hermine sprach ich oft lange und sachlich über Maria, über ihre Hände, Schultern, Hüften, über ihre Art zu lachen, zu küssen, zu tanzen.

„Hat sie dir das schon gezeigt?“ fragte Hermine einmal und beschrieb mir ein besonderes Spiel der Zunge beim Kuß. Ich bat sie, es mir doch selbst zu zeigen, doch wies sie mich ernsthaft ab. „Das kommt später,“ sagte sie, „noch bin ich nicht deine Geliebte.“

Ich fragte sie, woher sie denn Marias Kußkünste und manche geheime, nur dem liebenden Mann bekannte Besonderheiten ihres Leibes kenne.

„Oh,“ rief sie, „wir sind doch Freunde. Glaubst du denn, wir hätten Geheimnisse voreinander? Ich habe oft genug bei ihr geschlafen und mit ihr gespielt. Nun ja, du hast da ein schönes Mädchen erwischt, die kann mehr als andre.“

„Ich glaube doch, Hermine, daß auch ihr noch Geheimnisse voreinander habt. Oder hast du ihr auch über mich alles gesagt, was du weißt?“

„Nein, das sind andere Sachen, die sie nicht verstehen würde. Maria ist wunderbar, du hast Glück gehabt, aber zwischen dir und mir gibt es Dinge, von denen sie keine Ahnung hat. Ich habe ihr viel über dich gesagt, natürlich, viel mehr, als dir damals lieb gewesen wäre – ich mußte sie doch für dich verführen! Aber verstehen, Freund, so wie ich dich verstehe, wird Maria dich nie und keine andere. Ich habe auch von ihr noch einiges zugelernt – ich weiß über dich, soweit Maria dich kennt, Bescheid. Ich kenne dich beinah so gut, wie wenn wir oft miteinander geschlafen hätten.“

Als ich wieder mit Maria zusammenkam, war es mir wunderlich und geheimnisvoll, zu wissen, daß sie Hermine ebenso an ihrem Herzen gehabt hatte wie mich, daß sie deren Glieder, Haar und Haut genau so befühlt, geküßt, gekostet und geprüft habe, wie die meinen. Neue, indirekte, komplizierte Beziehungen und Verbindungen tauchten vor mir auf, neue Liebes- und Lebensmöglichkeiten, und ich dachte an die tausend Seelen des Steppenwolftraktates.

 

In jener kurzen Zeit, zwischen meinem Bekanntwerden mit Maria und dem großen Maskenball, war ich geradezu glücklich und hatte dabei doch niemals das Gefühl, dies sei nun eine Erlösung, eine erreichte Seligkeit, sondern spürte sehr deutlich, daß dies alles Vorspiel und Vorbereitung sei, daß alles heftig nach vorwärts dränge, daß das Eigentliche erst komme.

Vom Tanzen hatte ich so viel gelernt, daß es mir nun möglich schien, den Ball mitzumachen, von dem mit jedem Tage mehr die Rede war. Hermine hatte ein Geheimnis, sie blieb fest dabei, mir nicht zu verraten, in welcher Maskentracht sie erscheinen werde. Ich werde sie schon erkennen, meinte sie, und sollte ich es daran fehlen lassen, so werde sie mir helfen, aber vorher dürfe ich nichts wissen. So war sie auch gar nicht neugierig auf meine Maskenpläne, und ich beschloß, mich gar nicht zu kostümieren. Maria, als ich sie zum Ball einladen wollte, erklärte mir, daß sie für dies Fest schon einen Kavalier habe, besaß auch wirklich schon eine Eintrittskarte, und ich sah etwas enttäuscht, daß ich das Fest nun allein werde besuchen müssen. Es war der vornehmste Kostümball der Stadt, der alljährlich in den Globussälen von der Künstlerschaft veranstaltet wurde.

In diesen Tagen sah ich Hermine wenig, aber am Tag vor dem Ball war sie eine Weile bei mir – sie kam, um ihre Eintrittskarte abzuholen, die ich besorgt hatte – und saß friedlich bei mir in meinem Zimmer, und da kam es zu einem Gespräch, das mir merkwürdig war und tiefen Eindruck machte.

„Es geht dir jetzt eigentlich recht gut,“ sagte sie, „das Tanzen bekommt dir. Wer dich vier Wochen nicht mehr gesehen hat, würde dich kaum wiederkennen.“

„Ja,“ gab ich zu, „es ist mir seit Jahren nicht so gut gegangen. Das kommt alles von dir, Hermine.“

„Oh, nicht von deiner schönen Maria?“

„Nein. Auch die hast ja du mir geschenkt. Sie ist wunderbar.“

„Sie ist die Geliebte, die du brauchtest, Steppenwolf. Hübsch, jung, guter Laune, in der Liebe sehr klug und nicht jeden Tag zu haben. Wenn du sie nicht mit andern teilen müßtest, wenn sie bei dir nicht immer bloß ein flüchtiger Gast wäre, ginge es nicht so gut.“

Ja, auch das mußte ich zugeben.

„Also hast du jetzt eigentlich alles, was du brauchst?“

„Nein, Hermine, so ist es nicht. Ich habe etwas sehr Schönes und Entzückendes, eine große Freude, einen lieben Trost. Ich bin geradezu glücklich ...“

„Na also! Was willst du mehr?“

„Ich will mehr. Ich bin mit Glücklichsein nicht zufrieden, ich bin nicht dafür geschaffen, es ist nicht meine Bestimmung. Meine Bestimmung ist das Gegenteil.“

„Also unglücklich sein? Nun, das hast du ja reichlich gehabt, damals, als du wegen des Rasiermessers nicht mehr nach Hause gehen konntest.“

„Nein, Hermine, es ist doch anders. Damals war ich, zugegeben, sehr unglücklich. Aber es war ein dummes Unglück, ein unfruchtbares.“

„Warum denn?“

„Weil ich sonst nicht diese Angst vor dem Tode hätte haben müssen, den ich mir doch wünschte! Das Unglück, das ich brauche und ersehne, ist anders; es ist so, daß es mich mit Begier leiden und mit Wollust sterben läßt. Das ist das Unglück oder Glück, auf das ich warte.“

„Ich verstehe dich. Darin sind wir Geschwister. Aber was hast du gegen das Glück, das du jetzt, mit Maria, gefunden hast? Warum bist du nicht zufrieden?“

„Ich habe nichts gegen dieses Glück, o nein, ich liebe es, ich bin ihm dankbar. Es ist schön wie ein Sonnentag mitten in einem Regensommer. Aber ich spüre, daß es nicht dauern kann. Auch dies Glück ist unfruchtbar. Es macht zufrieden, aber Zufriedenheit ist keine Speise für mich. Es schläfert den Steppenwolf ein, es macht ihn satt. Aber es ist kein Glück, um darum zu sterben.“

„Also gestorben muß sein, Steppenwolf?“

„Ich glaube, ja! Ich bin sehr zufrieden mit meinem Glück, ich kann es noch eine ganze Weile ertragen. Aber wenn das Glück mir manchmal eine Stunde Zeit läßt, zum Wachwerden und zum Sehnsuchthaben, dann geht alle meine Sehnsucht nicht dahin, dies Glück immer zu behalten, sondern wieder zu leiden, nur schöner und weniger ärmlich als früher. Ich sehne mich nach Leiden, die mich bereit und willig machen zum Sterben.“

Hermine sah mir zärtlich in die Augen, mit dem dunklen Blick, der so plötzlich bei ihr erscheinen konnte. Herrliche, furchtbare Augen! Langsam, die Worte einzeln suchend und nebeneinander stellend, sagte sie – so leise, daß ich mich anstrengen mußte, um es zu hören:

„Ich will dir heut etwas sagen, etwas, was ich schon lange weiß, und auch du weißt es schon, aber vielleicht hast du es dir selber noch nicht gesagt. Ich sage dir jetzt, was ich über mich und dich und über unser Schicksal weiß. Du, Harry, bist ein Künstler und Denker gewesen, ein Mensch voll Freude und Glauben, immer auf der Spur des Großen und Ewigen, nie mit dem Hübschen und Kleinen zufrieden. Aber je mehr das Leben dich geweckt und zu dir selber gebracht hat, desto größer ist deine Not geworden, desto tiefer bist du in Leiden, Bangigkeit und Verzweiflung geraten, bis an den Hals, und alles, was du einst Schönes und Heiliges gekannt und geliebt und verehrt hast, all dein einstiger Glaube an die Menschen und an unsre hohe Bestimmung, hat dir nicht helfen können und ist wertlos geworden und in Scherben gegangen. Dein Glaube fand keine Luft mehr zum Atmen. Und Ersticken ist ein harter Tod. Ist es richtig, Harry? Ist das dein Schicksal?“

Ich nickte, nickte, nickte.

„Du hattest ein Bild vom Leben in dir, einen Glauben, eine Forderung, du warst zu Taten, Leiden und Opfern bereit – und dann merktest du allmählich, daß die Welt gar keine Taten und Opfer und dergleichen von dir verlangt, daß das Leben keine heroische Dichtung ist, mit Heldenrollen und dergleichen, sondern eine bürgerliche gute Stube, wo man mit Essen und Trinken, Kaffee und Strickstrumpf, Tarockspiel und Radiomusik vollkommen zufrieden ist. Und wer das andere will und in sich hat, das Heldenhafte und Schöne, die Verehrung der großen Dichter oder die Verehrung der Heiligen, der ist ein Narr und ein Ritter Don Quichotte. Gut. Und mir ist es ebenso gegangen, mein Freund! Ich war ein Mädchen von guten Gaben und dafür bestimmt, nach einem hohen Vorbild zu leben, hohe Forderungen an mich zu stellen, würdige Aufgaben zu erfüllen. Ich konnte ein großes Los auf mich nehmen, die Frau eines Königs sein, die Geliebte eines Revolutionärs, die Schwester eines Genies, die Mutter eines Märtyrers. Und das Leben hat mir nur eben erlaubt, eine Kurtisane von leidlich gutem Geschmack zu werden – schon das ist mir schwer genug gemacht worden! So ist es mir gegangen. Ich war eine Weile trostlos, und ich habe lange Zeit die Schuld an mir selber gesucht. Das Leben, dachte ich, muß doch schließlich immer recht haben, und wenn das Leben meine schönen Träume verhöhnte, so dachte ich, es werden eben meine Träume dumm gewesen sein und unrecht gehabt haben. Aber das half gar nichts. Und weil ich gute Augen und Ohren hatte und auch etwas neugierig war, sah ich mir das sogenannte Leben recht genau an, meine Bekannten und Nachbarn, fünfzig und mehr Menschen und Schicksale, und da sah ich, Harry: meine Träume hatten recht gehabt, tausendmal recht, ebenso wie deine. Das Leben aber, die Wirklichkeit, hatte unrecht. Daß eine Frau von meiner Art keine andere Wahl fand, als an einer Schreibmaschine im Dienst eines Geldverdieners ärmlich und sinnlos zu altern, oder einen solchen Geldverdiener um seines Geldes willen zu heiraten, oder aber eine Art von Dirne zu werden, das war ebensowenig richtig, als daß ein Mensch wie du einsam, scheu und verzweifelt nach dem Rasiermesser greifen muß. Bei mir war das Elend vielleicht mehr materiell und moralisch, bei dir mehr geistig – der Weg war der gleiche. Glaubst du, ich könne deine Angst vor dem Foxtrott, deinen Widerwillen gegen die Bars und Tanzdielen, dein Sichsträuben gegen Jazzmusik und all den Kram nicht verstehen? Allzu gut versteh’ ich sie, und ebenso deinen Abscheu vor der Politik, deine Trauer über das Geschwätz und verantwortungslose Getue der Parteien, der Presse, deine Verzweiflung über den Krieg, über den gewesenen und über die kommenden, über die Art, wie man heute denkt, liest, baut, Musik macht, Feste feiert, Bildung betreibt! Recht hast du, Steppenwolf, tausendmal recht, und doch mußt du untergehen. Du bist für diese einfache, bequeme, mit so wenigem zufriedene Welt von heute viel zu anspruchsvoll und hungrig, sie speit dich aus, du hast für sie eine Dimension zuviel. Wer heute leben und seines Lebens froh werden will, der darf kein Mensch sein wie du und ich. Wer statt Gedudel Musik, statt Vergnügen Freude, statt Geld Seele, statt Betrieb echte Arbeit, statt Spielerei echte Leidenschaft verlangt, für den ist diese hübsche Welt hier keine Heimat ...“

Sie blickte zu Boden und sann.

„Hermine,“ rief ich zärtlich, „Schwester, wie gute Augen du hast! Und doch hast du mich den Foxtrott gelehrt! Aber wie meinst du das: daß Menschen wie wir, Menschen mit einer Dimension zuviel, hier nicht leben können? An was liegt das? Ist das nur in unsrer heutigen Zeit so? Oder war das immer?“

„Ich weiß nicht. Ich will zur Ehre der Welt annehmen, es sei bloß unsere Zeit, es sei bloß eine Krankheit, ein momentanes Unglück. Die Führer arbeiten stramm und erfolgreich auf den nächsten Krieg los, wir anderen tanzen unterdessen Foxtrott, verdienen Geld und essen Pralinés – in einer solchen Zeit muß ja die Welt recht bescheiden aussehen. Hoffen wir, daß andere Zeiten besser waren und wieder besser sein werden, reicher, weiter, tiefer. Aber uns ist damit nicht geholfen. Und vielleicht ist es immer so gewesen ...“

„Immer so wie heute? Immer nur eine Welt für Politiker, Schieber, Kellner und Lebemänner, und keine Luft für Menschen?“

„Nun ja, ich weiß es nicht, niemand weiß das. Es ist auch einerlei. Aber ich denke jetzt an deinen Liebling, mein Freund, von dem du mir zuweilen erzählt und auch Briefe vorgelesen hast, an Mozart. Wie war es denn mit dem? Wer hat zu seinen Zeiten die Welt regiert, den Rahm abgeschöpft, den Ton angegeben und etwas gegolten: Mozart oder die Geschäftemacher, Mozart oder die flachen Dutzendmenschen? Und wie ist er gestorben und begraben worden? Und so, meine ich, ist es vielleicht immer gewesen und wird immer sein, und das, was sie in den Schulen ‚Weltgeschichte‘ heißen und was man da auswendig lernen muß für die Bildung, mit allen den Helden, Genies, großen Taten und Gefühlen – das ist bloß ein Schwindel, von den Schullehrern erfunden, für Bildungszwecke und damit die Kinder während der vorgeschriebenen Jahre doch mit etwas beschäftigt sind. Immer ist es so gewesen und wird immer so sein, daß die Zeit und die Welt, das Geld und die Macht den Kleinen und Flachen gehört, und den andern, den eigentlichen Menschen, gehört nichts. Nichts als der Tod.“

„Sonst gar nichts?“

„Doch, die Ewigkeit.“

„Du meinst den Namen, den Ruhm bei der Nachwelt?“

„Nein, Wölfchen, nicht den Ruhm – hat denn der einen Wert? Und glaubst du denn, daß alle wirklich echten und vollen Menschen berühmt geworden und der Nachwelt bekannt seien?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Also, der Ruhm ist es nicht. Der Ruhm existiert nur so für die Bildung, er ist eine Angelegenheit der Schullehrer. Der Ruhm ist es nicht, o nein! Aber das, was ich Ewigkeit nenne. Die Frommen nennen es Reich Gottes. Ich denke mir: wir Menschen alle, wir Anspruchsvolleren, wir mit der Sehnsucht, mit der Dimension zuviel, könnten gar nicht leben, wenn es nicht außer der Luft dieser Welt auch noch eine andre Luft zu atmen gäbe, wenn nicht außer der Zeit auch noch die Ewigkeit bestünde, und die ist das Reich des Echten. Dazu gehört die Musik von Mozart und die Gedichte deiner großen Dichter, es gehören die Heiligen dazu, die Wunder getan, die den Märtyrertod erlitten und den Menschen ein großes Beispiel gegeben haben. Aber es gehört zur Ewigkeit ebenso das Bild jeder echten Tat, die Kraft jedes echten Gefühls, auch wenn niemand davon weiß und es sieht und aufschreibt und für die Nachwelt aufbewahrt. Es gibt in der Ewigkeit keine Nachwelt, nur Mitwelt.“

„Du hast recht“, sagte ich.

„Die Frommen“, fuhr sie nachdenklich fort, „haben doch am meisten davon gewußt. Sie haben darum die Heiligen aufgestellt und das, was sie ‚die Gemeinschaft der Heiligen‘ heißen. Die Heiligen, das sind die echten Menschen, die jüngeren Brüder des Heilands. Zu ihnen unterwegs sind wir unser Leben lang, mit jeder guten Tat, mit jedem tapferen Gedanken, mit jeder Liebe. Die Gemeinschaft der Heiligen, die wurde in früheren Zeiten von den Malern dargestellt in einem goldenen Himmel, strahlend, schön und friedevoll – sie ist nichts andres als das, was ich vorher die ‚Ewigkeit‘ genannt habe. Es ist das Reich jenseits der Zeit und des Scheins. Dorthin gehören wir, dort ist unsre Heimat, dorthin strebt unser Herz, Steppenwolf, und darum sehnen wir uns nach dem Tod. Dort findest du deinen Goethe wieder und deinen Novalis und den Mozart, und ich meine Heiligen, den Christoffer, den Philipp von Neri und alle. Es gibt viele Heilige, die zuerst arge Sünder waren, auch die Sünde kann ein Weg zur Heiligkeit sein, die Sünde und das Laster. Du wirst lachen, aber ich denke mir oft, daß vielleicht auch mein Freund Pablo ein versteckter Heiliger sein könnte. Ach Harry, wir müssen durch so viel Dreck und Unsinn tappen, um nach Hause zu kommen! Und wir haben niemand, der uns führt, unser einziger Führer ist das Heimweh.“

Ihre letzten Worte hatte sie wieder ganz leise gesprochen, und jetzt war es friedlich still in dem Zimmer, die Sonne war am Untergehen und machte die Goldschriften auf den vielen Bücherrücken meiner Bibliothek schimmern. Ich nahm Herminens Kopf in meine Hände, küßte sie auf die Stirn und lehnte ihn Wange an Wange zu mir, geschwisterlich, so blieben wir einen Augenblick. Am liebsten wäre ich so geblieben und heute nicht mehr ausgegangen. Aber für diese Nacht, die letzte vor dem großen Ball, hatte Maria sich mir versprochen.

Auf dem Wege zu ihr aber dachte ich nicht an Maria, sondern nur an das, was Hermine gesagt hatte. Dies alles waren, so schien mir, vielleicht nicht ihre eigenen Gedanken, sondern die meinigen, die die Hellsichtige gelesen und eingeatmet hatte und die sie mir wiedergab, so daß sie nun Gestalt hatten und neu vor mir standen. Daß sie den Gedanken der Ewigkeit ausgesprochen hatte, besonders dafür war ich ihr in jener Stunde tief dankbar. Ich brauchte ihn, ich konnte ohne ihn nicht leben und auch nicht sterben. Das heilige Jenseits, das Zeitlose, die Welt des ewigen Wertes, der göttlichen Substanz war mir heute von meiner Freundin und Tanzlehrerin wiedergeschenkt worden. Ich mußte an meinen Goethetraum denken, an das Bild des alten Weisen, der so unmenschlich gelacht und seinen unsterblichen Spaß mit mir getrieben hatte. Nun erst verstand ich Goethes Lachen, das Lachen der Unsterblichen. Es war ohne Gegenstand, dies Lachen, es war nur Licht, nur Helligkeit, es war das, was übrigbleibt, wenn ein echter Mensch durch die Leiden, Laster, Irrtümer, Leidenschaften und Mißverständnisse der Menschen hindurchgegangen und ins Ewige, in den Weltraum durchgestoßen ist. Und die „Ewigkeit“ war nichts andres als die Erlösung der Zeit, war gewissermaßen ihre Rückkehr zur Unschuld, ihre Rückverwandlung in den Raum.

Ich suchte Maria an dem Ort, wo wir an unsern Abenden zu speisen pflegten, doch war sie noch nicht gekommen. In dem stillen Vorstadtkneipchen saß ich wartend am gedeckten Tisch, mit meinen Gedanken noch bei unsrem Gespräch. Alle diese Gedanken, die da zwischen Hermine und mir aufgetaucht waren, erschienen mir so tief vertraut, so altbekannt, so aus meiner eigensten Mythologie und Bilderwelt geschöpft! Die Unsterblichen, wie sie im zeitlosen Raume leben, entrückt, Bild geworden und die kristallne Ewigkeit wie Äther um sie gegossen, und die kühle, sternhaft strahlende Heiterkeit dieser außerirdischen Welt – woher denn war dies alles mir so vertraut? Ich sann, und es fielen mir Stücke aus Mozarts „Cassations“, aus Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ ein, und überall in dieser Musik schien mir diese kühle sternige Helligkeit zu leuchten, diese Ätherklarheit zu schwingen. Ja, das war es, diese Musik war so etwas wie zu Raum gefrorene Zeit, und über ihr schwang unendlich eine übermenschliche Heiterkeit, ein ewiges göttliches Lachen. Oh, und dazu paßte ja auch der alte Goethe meines Traumes so gut! Und plötzlich hörte ich dies unergründliche Lachen um mich her, hörte die Unsterblichen lachen. Bezaubert saß ich, bezaubert suchte ich aus der Westentasche meinen Bleistift hervor, suchte nach Papier, fand die Weinkarte vor mir liegen, drehte sie um und schrieb auf ihre Rückseite, schrieb Verse, die ich erst andern Tags in meiner Tasche wiederfand. Sie lauteten:

Die Unsterblichen

Immer wieder aus der Erde Tälern

Dampft zu uns empor des Lebens Drang,

Wilde Not, berauschter Überschwang,

Blutiger Rauch von tausend Henkersmählern,

Krampf der Lust, Begierde ohne Ende,

Mörderhände, Wuchererhände, Beterhände,

Angst- und lustgepeitschter Menschenschwarm

Dunstet schwül und faulig, roh und warm,

Atmet Seligkeit und wilde Brünste,

Frißt sich selbst und speit sich wieder aus,

Brütet Kriege aus und holde Künste,

Schmückt mit Wahn das brennende Freudenhaus,

Schlingt und zehrt und hurt sich durch die grellen

Jahrmarktsfreuden ihrer Kinderwelt,

Hebt für jeden neu sich aus den Wellen,

Wie sie jedem einst zu Kot zerfällt.

Wir dagegen haben uns gefunden

In des Äthers sterndurchglänztem Eis,

Kennen keine Tage, keine Stunden,

Sind nicht Mann noch Weib, nicht jung noch Greis.

Eure Sünden sind und eure Ängste,

Euer Mord und eure geilen Wonnen

Schauspiel uns gleichwie die kreisenden Sonnen,

Jeder einzige Tag ist uns der längste.

Still zu eurem zuckenden Leben nickend,

Still in die sich drehenden Sterne blickend

Atmen wir des Weltraums Winter ein,

Sind befreundet mit dem Himmelsdrachen,

Kühl und wandellos ist unser ewiges Sein,

Kühl und sternhell unser ewiges Lachen.

Dann kam Maria, und nach einer heitern Mahlzeit ging ich mit ihr in unser Zimmerchen. Sie war an diesem Abend schöner, wärmer und inniger als je und gab mir Zärtlichkeiten und Spiele zu kosten, die ich als das Letzte an Hingabe empfand.

„Maria,“ sagte ich, „du bist heut verschwenderisch wie eine Göttin. Mach’ uns beide nicht ganz tot, morgen ist doch der Maskenball. Was wirst du morgen für einen Kavalier haben? Ich fürchte, mein liebes Blümchen, es sei ein Märchenprinz und du werdest von ihm entführt und nie mehr zu mir zurückfinden. Du liebst mich heute beinahe so, wie gute Liebende es beim Abschied tun, beim letztenmal.“

Sie schmiegte die Lippen ganz in mein Ohr und flüsterte:

„Sprich nicht, Harry! Jedesmal kann das letztemal sein. Wenn Hermine dich nimmt, kommst du nicht mehr zu mir. Vielleicht nimmt sie dich morgen.“

Nie habe ich das charakteristische Gefühl jener Tage, jene wunderlich bittersüße Doppelstimmung heftiger empfunden als in jener Nacht vor dem Ball. Es war Glück, was ich empfand: die Schönheit und Hingabe Marias, das Genießen, Betasten, Einatmen von hundert feinen holden Sinnlichkeiten, die ich erst so spät, als alternder Mensch, hatte kennenlernen, das Plätschern in einer sanften, wiegenden Welle von Genuß. Und doch war das nur die Schale: innen war alles voll Bedeutung, Spannung, Schicksal, und während ich liebevoll und zärtlich mit den süßen, rührenden Kleinigkeiten der Liebe beschäftigt war, scheinbar in lauter lauem Glücke schwamm, spürte ich im Herzen, wie mein Schicksal Hals über Kopf nach vorwärts strebte, jagend und schlagend wie ein scheues Roß, dem Abgrund entgegen, dem Sturz entgegen, voll Angst, voll Sehnsucht, voll Hingabe an den Tod. So wie ich noch vor kurzem mich mit Scheu und Furcht gegen den angenehmen Leichtsinn der nur sinnlichen Liebe gewehrt, wie ich vor Marias lachender, sich zu verschenken bereiter Schönheit Angst gespürt hatte, so spürte ich jetzt Angst vor dem Tode – aber eine Angst, welche schon wußte, daß sie bald zu Hingabe und Erlösung werden würde.

Während wir schweigend in die geschäftigen Spiele unsrer Liebe vertieft waren und einander inniger angehörten als jemals, nahm meine Seele Abschied von Maria, Abschied von alle dem, was sie mir bedeutet hatte. Durch sie hatte ich gelernt, noch einmal vor dem Ende mich kindlich dem Spiel der Oberfläche anzuvertrauen, flüchtigste Freuden zu suchen, Kind und Tier zu sein in der Unschuld des Geschlechts – ein Zustand, den ich in meinem früheren Leben nur als seltene Ausnahme gekannt hatte, denn Sinnenleben und Geschlecht hatten für mich fast immer den bittern Beigeschmack von Schuld gehabt, den süßen, aber bangen Geschmack der verbotenen Frucht, vor der ein geistiger Mensch auf der Hut sein muß. Jetzt hatten Hermine und Maria mir diesen Garten in seiner Unschuld gezeigt, dankbar war ich sein Gast gewesen – aber es wurde bald Zeit für mich, weiterzugehen, es war zu hübsch und warm in diesem Garten. Weiter um die Krone des Lebens zu werben, weiter die endlose Schuld des Lebens zu büßen war mir bestimmt. Ein leichtes Leben, eine leichte Liebe, ein leichter Tod – das war nichts für mich.

Aus Andeutungen der Mädchen schloß ich, daß für den Ball morgen, oder im Anschluß an ihn, ganz besondere Genüsse und Ausschweifungen geplant waren. Vielleicht war dies der Schluß, vielleicht hatte Maria recht mit ihrer Ahnung, und wir lagen heut zum letztenmal beisammen, vielleicht begann morgen der neue Schicksalsgang? Ich war voll brennender Sehnsucht, voll erstickender Angst, und ich klammerte mich wild an Maria, lief noch einmal flackernd und gierig durch alle Pfade und Dickichte ihres Gartens, verbiß mich noch einmal in die süße Frucht des Paradiesbaumes.

 

Den versäumten Schlaf dieser Nacht holte ich am Tage nach. Ich fuhr am Morgen ins Bad, fuhr nach Hause, todmüde, machte mein Schlafzimmer dunkel, fand beim Entkleiden mein Gedicht in der Tasche, vergaß es wieder, legte mich sogleich nieder, vergaß Maria, Hermine und den Maskenball und schlief den ganzen Tag hindurch. Als ich am Abend aufstand, fiel mir erst während des Rasierens wieder ein, daß in einer Stunde schon der Maskenball beginne und ich ein Frackhemd heraussuchen müsse. In guter Laune machte ich mich fertig und ging aus, um zunächst einmal zu essen.

Es war der erste Maskenball, den ich mitmachen sollte. In frühern Zeiten hatte ich zwar solche Feste je und je besucht, sie zuweilen auch hübsch gefunden, aber ich hatte nicht getanzt und war nur Zuschauer gewesen, und die Begeisterung, mit der ich andre davon hatte erzählen, sich darauf hatte freuen hören, war mir immer komisch erschienen. Heute nun war auch für mich der Ball ein Ereignis, auf das ich mich mit Spannung und nicht ohne Ängstlichkeit freute. Da ich keine Dame hinzuführen hatte, beschloß ich, erst spät hinzugehen, dies hatte mir auch Hermine empfohlen.

Den „Stahlhelm“, meine einstige Zuflucht, wo die enttäuschten Männer ihre Abende versaßen, ihren Wein sogen und Junggesellen spielten, hatte ich in letzter Zeit selten mehr besucht, er paßte nicht mehr zum Stil meines jetzigen Lebens. Aber heut abend zog es mich ganz von selbst wieder dorthin; in jener bangfrohen Stimmung von Schicksal und Abschied, die mich zur Zeit beherrschte, gewannen alle Stationen und Gedenkorte meines Lebens noch einmal jenen schmerzlich schönen Glanz des Vergangenen, und so auch die kleine rauchige Kneipe, wo ich vor kurzem noch zu den Stammgästen gehört, wo vor kurzem noch das primitive Betäubungsmittel einer Flasche Landwein mir genügt hatte, um wieder für eine Nacht in mein einsames Bett gehen, um wieder für einen Tag das Leben ertragen zu können. Andre Mittel, heftigere Reize hatte ich seither gekostet, süßere Gifte geschlürft. Lächelnd betrat ich die alte Bude, vom Gruß der Wirtin und vom Nicken der schweigsamen Stammgäste empfangen. Ein gebratenes Hähnlein wurde mir empfohlen und gebracht, ins bäurische dicke Glas floß hell der junge Elsässer Wein, freundlich sahen die sauberen weißen Holztische, das alte gelbe Getäfel mich an. Und während ich aß und trank, steigerte sich in mir dies Gefühl des Abwelkens und Abschiedfeierns, dies süße und schmerzlich-innige Gefühl einer nie ganz gelösten, nun aber zur Lösung reifwerdenden Verwachsenheit mit all den Schauplätzen und Dingen meines früheren Lebens. Der „moderne“ Mensch nennt dies Sentimentalität; er liebt die Dinge nicht mehr, nicht einmal sein Heiligstes, sein Automobil, das er baldmöglichst gegen eine bessere Marke hofft tauschen zu können. Dieser moderne Mensch ist schneidig, tüchtig, gesund, kühl und straff, ein vortrefflicher Typ, er wird sich im nächsten Krieg fabelhaft bewähren. Mir lag nichts daran, ich war kein moderner Mensch noch auch ein altmodischer, ich war aus der Zeit herausgefallen und trieb dahin, dem Tode nah, zum Tod gewillt. Ich hatte nichts gegen Sentimentalitäten, ich war froh und dankbar, in meinem verbrannten Herzen nur noch irgend etwas wie Gefühle zu spüren. So gab ich mich den Erinnerungen der alten Kneipe, meiner Anhänglichkeit an die alten klobigen Stühle, gab mich dem Duft von Rauch und Wein, dem Schimmer von Gewohnheit, von Wärme, von Heimatähnlichkeit hin, den das alles für mich hatte. Abschiednehmen ist schön, es stimmt sanft. Lieb war mir mein harter Sitz, mein bäurisches Glas, lieb der kühle fruchtige Geschmack des Elsässers, lieb meine Vertrautheit mit allem und jedem in diesem Raum, lieb die Gesichter der träumerisch hockenden Trinker, der Enttäuschten, deren Bruder ich lang gewesen war. Bürgerliche Sentimentalitäten waren es, die ich hier empfand, leicht gewürzt mit einem Duft von altmodischer Wirtshausromantik aus der Knabenzeit her, wo Wirtshaus, Wein und Zigarre noch verbotene, fremde, herrliche Dinge waren. Aber kein Steppenwolf erhob sich, um die Zähne zu fletschen und mir meine Sentimentalitäten zu Fetzen zu reißen. Friedlich saß ich, angeglüht von der Vergangenheit, von der schwachen Strahlung eines inzwischen untergegangenen Gestirns.

Es kam ein Straßenhändler mit gebratenen Kastanien, und ich kaufte ihm eine Handvoll ab. Es kam eine alte Frau mit Blumen, ich kaufte ein paar Nelken von ihr und schenkte sie der Wirtin. Erst als ich zahlen wollte und vergebens nach der gewohnten Rocktasche griff, merkte ich wieder, daß ich im Frack war. Maskenball! Hermine!

Aber es war noch reichlich früh, ich konnte mich nicht entschließen, schon jetzt in die Globussäle zu gehen. Auch spürte ich, wie es mir bei allen diesen Vergnügungen in letzter Zeit ergangen war, mancherlei Widerstände und Hemmungen, eine Abneigung gegen das Eintreten in große, überfüllte, geräuschvolle Räume, eine schülerhafte Schüchternheit vor der fremden Atmosphäre, vor der Welt der Lebemänner, vor dem Tanzen.

Im Schlendern kam ich an einem Kino vorüber, sah Lichtbündel und farbige Riesenplakate aufglänzen, ging ein paar Schritte weiter, kehrte wieder um und ging hinein. Da konnte ich bis gegen elf Uhr hübsch ruhig im Dunkeln sitzen. Vom Boy mit der Blendlaterne geführt, stolperte ich durch die Vorhänge in den finstern Saal, fand einen Platz und war plötzlich mitten im Alten Testament. Der Film war einer von jenen, welche angeblich nicht des Geldverdienens wegen, sondern um edler und heiliger Ziele willen mit großem Aufwand und Raffinement hergestellt worden sind und zu welchem am Nachmittag sogar Schüler von ihren Religionslehrern geführt wurden. Es wurde da die Geschichte des Moses und der Israeliten in Ägypten gespielt, mit einem gewaltigen Aufgebot an Menschen, Pferden, Kamelen, Palästen, Pharaonenglanz und Judenmühsal im heißen Wüstensand. Ich sah den Moses, der ein wenig nach dem Vorbilde von Walt Whitman frisiert war, einen prachtvollen Theatermoses, am langen Stab mit Wotansschritten feurig und düster durch die Wüste wandern, den Juden voraus. Ich sah ihn am Roten Meer zu Gott beten, und sah das Rote Meer auseinandergehen und eine Straße freigeben, einen Hohlweg zwischen gestauten Wasserbergen (auf welche Weise dies von den Kinoleuten bewerkstelligt worden war, darüber konnten sich die vom Pfarrer in diesen Religionsfilm geführten Konfirmanden lange streiten), ich sah den Propheten und das furchtsame Volk hindurchschreiten, sah hinter ihnen die Streitwagen des Pharao auftauchen, sah die Ägypter am Meeresufer stutzen und scheuen, sich dann mutig hineinwagen, und sah über dem prächtigen, goldgeharnischten Pharao und all seinen Wagen und Mannen die Wasserberge zusammenschlagen, nicht ohne mich eines wundervollen Duetts für zwei Bässe von Händel zu erinnern, worin dies Ereignis herrlich besungen wird. Ich sah weiterhin den Moses auf den Sinai steigen, einen düstren Helden in düstrer Felsenwildnis, und sah zu, wie ihm dort Jehova vermittelst Sturm, Gewitter und Lichtsignalen die zehn Gebote mitteilte, während unterdessen sein nichtswürdiges Volk am Fuß des Berges das goldene Kalb aufrichtete und sich ziemlich heftigen Belustigungen hingab. Es war mir so wunderlich und unglaublich, dies alles mit anzusehen, und die heiligen Geschichten, ihre Helden und Wunder, die über unsre Kindheit einst die erste dämmernde Ahnung einer andern Welt, eines Übermenschlichen ergehen ließen, hier vor dankbarem Publikum, welches still seine mitgebrachten Brötchen aß, gegen Eintrittsgeld vorgespielt zu sehen, ein hübsches kleines Einzelbild aus dem riesigen Ramsch und Kulturausverkauf dieser Zeit. Mein Gott, um diese Schweinerei zu verhüten, hätten damals, außer den Ägyptern, auch die Juden und alle andern Menschen lieber gleich untergehen sollen, eines gewaltsamen und anständigen Todes, statt dieses grausigen Schein- und Halbundhalbtodes, den wir heute starben. Na ja!

Meine heimlichen Hemmungen, meine uneingestandene Scheu vor dem Maskenball war durch das Kino und dessen Anregungen nicht kleiner geworden, sondern unangenehm angewachsen, und ich mußte mir, im Gedanken an Hermine, einen Ruck geben, um nun endlich zu den Globussälen zu fahren und dort einzutreten. Es war spät geworden und der Ball längst in vollem Gang, nüchtern und schüchtern geriet ich sogleich, noch eh ich abgelegt hatte, in ein heftiges Maskengewühl, wurde vertraulich angepufft, von Mädchen zum Besuch der Champagnerstuben aufgefordert, von Clowns auf die Schulter gehauen und mit du angeredet. Ich ging auf nichts ein, drückte mich in den überfüllten Räumen mühselig zur Garderobe durch, und als ich meine Garderobenummer bekam, steckte ich sie mit großer Sorgfalt in die Tasche, im Gedanken, sie vielleicht schon bald wieder zu brauchen, wenn ich genug von dem Trubel hätte.

In allen Räumen des großen Gebäudes war Festbetrieb, in allen Sälen wurde getanzt, auch im Kellergeschoß, alle Korridore und Treppen waren von Masken, Tanz, Musik, Gelächter und Gejage überflutet. Beklommen schlich ich durch das Gewühl, von der Negerkapelle zur Bauernmusik, vom großen strahlenden Hauptsaal in die Gänge, Stiegen, in die Bars, zu den Büfetts, in die Sektstuben. Die Wände waren zumeist mit wilden lustigen Malereien der jüngsten Künstler behangen. Alles war da, Künstler, Journalisten, Gelehrte, Geschäftsleute, dazu natürlich die ganze Lebewelt der Stadt. In einem der Orchester saß Mister Pablo und blies begeistert in sein geschweiftes Rohr; als er mich erkannte, sang er mir laut seinen Gruß entgegen. Von der Menge geschoben, gelangte ich in diesen und jenen Raum, Treppen hinauf, Treppen hinunter; ein Gang im Kellergeschoß war von den Künstlern als Hölle ausgestattet, und eine Musikbande von Teufeln paukte darin wie rasend. Allmählich begann ich nach Hermine, nach Maria auszuspähen, begab mich auf die Suche, bemühte mich mehrmals, in den Hauptsaal zu dringen, lief aber jedesmal fehl oder hatte den Strom der Menge gegen mich. Um Mitternacht hatte ich noch niemand gefunden; obwohl ich noch nicht getanzt hatte, war mir schon heiß und schwindlig, ich warf mich in den nächsten Stuhl, zwischen lauter Fremden, ließ mir Wein geben und fand, das Mitmachen solcher lärmiger Feste sei nichts für einen alten Mann wie mich. Resigniert trank ich mein Glas Wein, starrte auf die nackten Arme und Rücken der Weiber, sah die vielen grotesken Maskenfiguren vorbeiwehen, ließ mich puffen und schickte die paar Mädchen schweigend weiter, die auf meinem Schoß sitzen oder mit mir tanzen wollten. „Alter Brummbär“, rief eine und hatte recht. Ich beschloß, mir etwas Mut und Laune anzutrinken, aber auch der Wein schmeckte mir nicht, ich brachte kaum das zweite Glas hinunter. Und allmählich spürte ich, wie der Steppenwolf hinter mir stand und die Zunge herausstreckte. Es war nichts los mit mir, ich war hier am falschen Ort. Ich war ja in bester Absicht gekommen, aber ich konnte hier nicht froh werden, und die laute brausende Freude, das Gelächter und die ganze Tollerei ringsum erschien mir dumm und erzwungen.

So kam es, daß ich um ein Uhr enttäuscht und böse mich wieder zur Garderobe zurückpirschte, um den Mantel anzuziehen und zu gehen. Es war eine Niederlage, ein Rückfall in den Steppenwolf, und Hermine würde es mir kaum verzeihen. Aber ich konnte nicht anders. Ich hatte auf dem mühsamen Weg durchs Gedränge bis zur Garderobe nochmals sorgfältig um mich geschaut, ob ich keine der Freundinnen sähe. Vergebens. Nun stand ich am Schalter, der höfliche Mann hinter der Schranke hielt schon die Hand nach meiner Nummer ausgestreckt, ich griff in die Westentasche – die Nummer war nicht mehr da! Teufel, das hatte noch gefehlt. Mehrmals während meiner traurigen Wanderungen durch die Säle, während meines Sitzens beim faden Wein hatte ich in die Tasche gegriffen, mit dem Entschluß zum Wiederfortgehen kämpfend, und hatte stets die runde flache Marke an ihrem Ort gefühlt. Und jetzt war sie fort. Alles war gegen mich.

„Nummer verloren?“ fragte ein kleiner rot und gelber Teufel neben mir mit schriller Stimme. „Da, Kamerad, kannst die meine haben“, und streckte sie mir auch schon dar. Während ich sie mechanisch annahm und in den Fingern drehte, war der flinke kleine Kerl schon wieder verschwunden.

Als ich aber die kleine runde Kartonmünze ans Auge hob, um nach der Nummer zu sehen, stand gar keine Nummer darauf, sondern ein Gekritzel in kleiner Schrift. Ich bat den Garderobenmann zu warten, ging unter den nächsten Leuchter und las. Da stand in kleinen taumelnden Buchstaben, schwer zu lesen, etwas gekritzelt:

Heut nacht von vier Uhr an magisches Theater
– nur für Verrückte –
Eintritt kostet den Verstand.
Nicht für jedermann. Hermine ist in der Hölle

Wie eine Marionette, deren Draht dem Spieler einen Augenblick entglitten war, nach kurzem, steifem Tod und Stumpfsinn wieder auflebt, wieder ins Spiel gehört, tanzt und agiert, so lief ich, am magischen Draht gerissen, in das Getümmel, dem ich soeben müde, lustlos und alt entflohen war, elastisch, jung und eifrig wieder zurück. Nie hat ein Sünder es eiliger gehabt, in die Hölle zu kommen. Eben noch hatten mich die Lackschuhe gedrückt, hatte mich die dicke parfümierte Luft angewidert, die Hitze mich erschlafft; jetzt lief ich hurtig auf federnden Füßen im Onesteptakt durch alle Säle, der Hölle entgegen, fühlte die Luft voll Zauber, wurde gewiegt und getragen von der Wärme, von all der brausenden Musik, vom Taumel der Farben, vom Duft der Frauenschultern, vom Rausch der Hunderte, vom Lachen, vom Tanztakt, vom Glanz all der entzündeten Augen. Eine spanische Tänzerin flog mir in die Arme: „Tanz’ mit mir!“ – „Geht nicht,“ sagte ich, „ich muß in die Hölle. Aber einen Kuß von dir nehm’ ich gerne mit.“ Der rote Mund unter der Maske kam mir entgegen, und erst im Kuß erkannte ich Maria. Fest schloß ich sie in die Arme, wie eine reife Sommerrose blühte ihr voller Mund. Und nun tanzten wir auch schon, die Lippen noch aufeinander, und tanzten an Pablo vorbei, der hing verliebt über seiner zärtlich heulenden Tonröhre, strahlend und halb abwesend umfing uns sein schöner Tierblick. Aber eh wir zwanzig Tanzschritte getan hatten, brach die Musik ab, ungern ließ ich Maria aus meinen Händen.

„Gern hätte ich noch einmal mit dir getanzt,“ sagte ich, berauscht von ihrer Wärme, „komm ein paar Schritte mit, Maria, ich bin verliebt in deinen schönen Arm, laß ihn mir noch einen Augenblick! Aber sieh, Hermine hat mich gerufen. Sie ist in der Hölle.“

„Ich dachte es mir. Leb’ wohl, Harry, ich behalte dich lieb.“ Sie nahm Abschied. Abschied war es, Herbst war es, Schicksal war es, wonach die Sommerrose so reif und voll geduftet hatte.

Weiter lief ich, durch die langen Korridore voll zärtlichen Gedränges, die Treppen hinab, in die Hölle. Dort brannten an pechschwarzen Wänden grelle böse Lampen, und die Teufelskapelle spielte fiebernd. Auf einem hohen Barstuhl saß ein hübscher Jüngling ohne Maske, im Frack, der musterte mich kurz mit einem spöttischen Blick. Ich ward vom Tanzstrudel an die Wand gedrückt, gegen zwanzig Paare tanzten in dem sehr engen Raum. Gierig und ängstlich beobachtete ich alle Frauen, die meisten waren noch maskiert, einige lachten mich an, aber keine war Hermine. Spöttisch blickte der schöne Jüngling vom hohen Barstuhl herüber. In der nächsten Tanzpause, dachte ich, würde sie kommen und mich anrufen. Der Tanz ging zu Ende, aber niemand kam.

Ich ging zur Bar hinüber, die in eine Ecke des kleinen niedern Raumes geklemmt war. Neben dem Stuhl des Jünglings stellte ich mich an und ließ mir Whisky geben. Während ich trank, sah ich das Profil des jungen Mannes, es sah so bekannt und reizend aus, wie ein Bild aus sehr ferner Zeit, kostbar durch den stillen Staubschleier der Vergangenheit. Oh, da durchzuckte es mich: es war ja Hermann, mein Jugendfreund!

„Hermann!“ sagte ich zögernd.

Er lächelte. „Harry? Hast du mich gefunden?“

Es war Hermine, nur wenig umfrisiert und leicht geschminkt, apart und bleich blickte ihr kluges Gesicht aus dem modischen Stehkragen, wunderlich klein kamen ihre Hände aus den weiten schwarzen Frackärmeln und weißen Manschetten hervor, wunderlich zierlich, in schwarz-weißen seidenen Herrensocken, ihre Füße aus den langen schwarzen Hosen.

„Ist dies das Kostüm, Hermine, in dem du mich in dich verliebt machen willst?“

„Bisher“, nickte sie, „habe ich erst einige Damen verliebt gemacht. Aber jetzt kommst du an die Reihe. Laß uns erst ein Glas Champagner trinken.“

Dies taten wir, auf unsern hohen Barstühlen hockend, während nebenan der Tanz weiterging und die heiße heftige Streichmusik schwoll. Und ohne daß Hermine sich darum irgendwelche Mühe zu geben schien, wurde ich sehr bald in sie verliebt. Da sie Herrenkleider trug, konnte ich nicht mit ihr tanzen, konnte mir keine Zärtlichkeit, keinen Angriff erlauben, und während sie fern und neutral erschien in ihrer Männermaske, umgab sie mich in Blicken, in Worten, in Gebärden mit allen Reizen ihrer Weiblichkeit. Ohne sie nur berührt zu haben, unterlag ich ihrem Zauber, und dieser Zauber selbst blieb in ihrer Rolle, war ein hermaphrodisischer. Denn sie unterhielt sich mit mir über Hermann und über die Kindheit, über meine und ihre, über jene Jahre vor der Geschlechtsreife, in denen das jugendliche Liebesvermögen nicht nur beide Geschlechter, sondern alles und jedes umfaßt, Sinnliches und Geistiges, und alles mit dem Liebeszauber und der märchenhaften Verwandlungsfähigkeit begabt, die nur Auserwählten und Dichtern auch noch in späteren Lebensaltern zu Zeiten wiederkehrt. Sie spielte durchaus den Jüngling, rauchte Zigaretten und plauderte leicht und geistvoll, oft ein wenig spottlustig, aber alles war von Eros durchschienen, alles verwandelte sich auf dem Wege zu meinen Sinnen in holde Verführung.

Wie gut und genau hatte ich Hermine zu kennen gemeint, und wie vollkommen neu offenbarte sie sich mir in dieser Nacht! Wie sanft und unmerklich zog sie das ersehnte Netz um mich, wie spielend und nixenhaft gab sie mir das süße Gift zu trinken!

Wir saßen und plauderten und tranken Champagner. Wir schlenderten beobachtend durch die Säle, abenteuernde Entdecker, suchten uns Paare aus, deren Liebesspiel wir belauschten. Sie zeigte mir Frauen, mit denen zu tanzen sie mich aufforderte, und gab mir Ratschläge über die Verführungskünste, welche bei dieser und bei jener anzuwenden seien. Wir traten als Nebenbuhler auf, strichen beide eine Weile derselben Frau nach, tanzten abwechselnd beide mit ihr, suchten beide sie zu gewinnen. Und doch war dies alles nur Maskenspiel, war nur ein Spiel zwischen uns beiden, flocht uns beide enger zusammen, entzündete uns beide füreinander. Alles war Märchen, alles war um eine Dimension reicher, um eine Bedeutung tiefer, war Spiel und Symbol. Wir sahen eine sehr schöne junge Frau, die etwas leidend und unzufrieden aussah, Hermann tanzte mit ihr, brachte sie zum Blühen, verschwand mit ihr in eine Sektlaube und erzählte mir nachher, sie habe diese Frau nicht als Mann erobert, sondern als Frau, mit dem Zauber von Lesbos. Mir aber ward allmählich dies ganze tönende Haus voll tanzbrausender Säle, dieses berauschte Volk von Masken zu einem tollen Traumparadies, Blüte um Blüte warb mit ihrem Duft, Frucht um Frucht umspielte ich suchend mit probenden Fingern, Schlangen blickten mich aus grünem Laubschatten verführend an, Lotosblüte geisterte über schwarzem Sumpf, Zaubervögel lockten im Gezweige, und alles führte mich doch zu einem ersehnten Ziel, alles lud mich neu mit Sehnsucht nach der Einzigen. Einmal tanzte ich mit einem unbekannten Mädchen, glühend, werbend, riß sie mit in Taumel und Rausch, und während wir im Unwirklichen schwebten, sagte sie, plötzlich auflachend: „Man kennt dich nicht wieder. Heut abend warst du so dumm und fad.“ Und ich erkannte die, die vor Stunden „alter Brummbär“ zu mir gesagt hatte. Nun glaubte sie mich zu haben, aber im nächsten Tanz war es schon eine andere, an der ich glühte. Ich tanzte zwei Stunden oder länger immerzu, jeden Tanz, auch Tänze, die ich nie gelernt hatte. Immer wieder tauchte in meiner Nähe Hermann auf, der lächelnde Jüngling, nickte mir zu, verschwand im Gewühl.

Ein Erlebnis, das mir in fünfzig Jahren unbekannt geblieben war, obwohl jeder Backfisch und Student es kennt, wurde mir in dieser Ballnacht zuteil: das Erlebnis des Festes, der Rausch der Festgemeinschaft, das Geheimnis vom Untergang der Person in der Menge, von der Unio mystica der Freude. Oft hatte ich davon sprechen hören, jeder Dienstmagd war es bekannt, und oft hatte ich das Leuchten im Auge der Erzählenden gesehen und hatte immer halb überlegen, halb neidisch dazu gelächelt. Jenes Strahlen in den trunkenen Augen eines Entrückten, eines von sich selbst Erlösten, jenes Lächeln und halb irre Versunkensein dessen, der im Rausch der Gemeinschaft aufgeht, hatte ich hundertmal im Leben an edlen und an gemeinen Beispielen gesehen, an besoffenen Rekruten und Matrosen ebenso wie an großen Künstlern, etwa im Enthusiasmus festlicher Aufführungen, und nicht minder an jungen Soldaten, die in den Krieg zogen, und noch in jüngster Zeit hatte ich dies Strahlen und Lächeln des glücklich Entrückten bewundert, geliebt, bespöttelt und beneidet an meinem Freunde Pablo, wenn er selig im Rausch des Musizierens im Orchester über seinem Saxophon hing oder dem Dirigenten, dem Trommler, dem Mann mit dem Banjo zuschaute, entzückt, ekstatisch. Solch ein Lächeln, solch ein kindhaftes Strahlen, hatte ich zuweilen gedacht, sei nur ganz jungen Menschen möglich oder solchen Völkern, die sich keine starke Individuation und Differenzierung der einzelnen gestatteten. Aber heute, in dieser gesegneten Nacht, strahlte ich selbst, der Steppenwolf Harry, dies Lächeln, schwamm ich selbst in diesem tiefen, kindhaften, märchenhaften Glück, atmete ich selbst diesen süßen Traum und Rausch aus Gemeinschaft, Musik, Rhythmus, Wein und Geschlechtslust, dessen Lobpreis im Ballbericht irgendeines Studenten ich einst so oft mit Spott und armer Überlegenheit mit angehört hatte. Ich war nicht mehr ich, meine Persönlichkeit war aufgelöst im Festrausch wie Salz im Wasser. Ich tanzte mit dieser oder jener Frau, aber nicht nur sie war es, die ich im Arm hatte, deren Haar mich streifte, deren Duft ich einsog, sondern alle, alle die andern Frauen mit, die im selben Saal, im selben Tanz, in derselben Musik wie ich schwammen und deren strahlende Gesichter wie große phantastische Blumen mir vorüberschwebten, alle gehörten mir, allen gehörte ich, alle hatten wir aneinander teil. Und auch die Männer gehörten dazu, auch in ihnen war ich, auch sie waren mir nicht fremd, ihr Lächeln das meine, ihr Werben das meine, meines das ihre.

Ein neuer Tanz, ein Foxtrott, eroberte sich in jenem Winter die Welt, mit dem Titel „Yearning“. Dieser Yearning wurde einmal ums andre gespielt und immer neu begehrt, alle waren wir von ihm durchtränkt und berauscht, alle summten wir seine Melodie mit. Ich tanzte ununterbrochen, mit jeder Frau, die mir eben in den Weg lief, mit ganz jungen Mädchen, mit blühenden jungen Frauen, mit sommerlich vollreifen, mit wehmütig verblühenden: von allen entzückt, lachend, glücklich, strahlend. Und als Pablo mich so strahlen sah, mich, den er immer als einen sehr beklagenswerten armen Teufel angesehen hatte, da blitzten seine Augen mich glückselig an, er stand begeistert von seinem Orchesterstuhl auf, stieß heftig in sein Horn, stieg auf den Stuhl, stand oben und blies mit vollen Backen und wiegte sich und sein Instrument dazu wild und selig im Takt des Yearning, und ich und meine Tänzerin warfen ihm Kußhände zu und sangen laut mit. Ach, dachte ich zwischenein, mag mit mir geschehen, was da wolle, einmal bin doch auch ich glücklich gewesen, strahlend, meiner selbst entbunden, ein Bruder Pablos, ein Kind.

Das Zeitgefühl war mir verlorengegangen, ich weiß nicht, wieviel Stunden oder Augenblicke dies Rauschglück dauerte. Auch bemerkte ich es nicht, daß das Fest, je glühender es wurde, sich auf desto engeren Raum zusammenzog. Die meisten waren schon fortgegangen, in den Korridoren war es still geworden, und viele der Lichter waren erloschen, das Treppenhaus lag ausgestorben, in den oberen Sälen war eine Musikkapelle um die andere verstummt und weggegangen; nur im Hauptsaal und in der Hölle unten tobte noch, beständig an Glut sich steigernd, der bunte Festrausch. Da ich mit Hermine, dem Jüngling, nicht tanzen durfte, hatten wir uns immer nur in Tanzpausen flüchtig wieder getroffen und begrüßt, und zuletzt war sie mir ganz und gar entschwunden, nicht dem Auge nur, sogar den Gedanken. Es gab keine Gedanken mehr. Aufgelöst schwamm ich im trunkenen Tanzgewühl, von Düften, Tönen, Seufzern, Worten berührt, von fremden Augen begrüßt, befeuert, von fremden Gesichtern, Lippen, Wangen, Armen, Brüsten, Knien umgeben, von der Musik wie eine Welle im Takt hin und wider geworfen.

Nun sah ich plötzlich, einen Augenblick halb erwachend, unter den letzten, noch gebliebenen Gästen, die jetzt einen der kleinen Säle überfüllten, den letzten, in dem noch Musik erklang – nun sah ich plötzlich eine schwarze Pierrette mit weißgemaltem Gesicht, ein schönes frisches Mädchen, als einzige mit einer Gesichtsmaske bedeckt, eine entzückende Figur, die ich in dieser ganzen Nacht noch nie gesehen hatte. Während allen andern die späte Stunde anzusehen war, den roten erhitzten Gesichtern, den zerdrückten Kostümen, den verwelkten Kragen und Krausen, stand die schwarze Pierrette frisch und neu mit dem weißen Gesicht hinter der Maske, in faltenlosem Kostüm, mit unberührter Krause, blanken Spitzenmanschetten und frischer Frisur. Es zog mich zu ihr, ich umfaßte sie, zog sie in den Tanz, duftend kitzelte ihre Krause mein Kinn, streifte ihr Haar meine Wange, zarter und inniger als jede andre Tänzerin dieser Nacht kam ihr straffer junger Leib meinen Bewegungen entgegen, wich ihnen aus, zwang und lockte sie spielend zu immer neuen Berührungen. Und plötzlich, während ich mich im Tanzen niederbeugte und ihren Mund mit meinem suchte, lächelte dieser Mund überlegen und altvertraut, ich erkannte das feste Kinn, erkannte glücklich die Schultern, die Ellbogen, die Hände. Es war Hermine, nicht mehr Hermann, umgekleidet, frisch, leicht parfümiert und gepudert. Glühend trafen unsre Lippen zusammen, einen Augenblick schmiegte ihr ganzer Leib, bis hinab zu den Knien, sich verlangend und hingegeben an mich an, dann entzog sie mir ihren Mund und tanzte zurückhaltend und fliehend. Als die Musik abbrach, blieben wir umschlungen stehen, alle die entzündeten Paare rings um uns klatschten, stampften, schrien, peitschten die erschöpfte Kapelle zur Wiederholung des Yearning auf. Und nun fühlten wir alle plötzlich den Morgen, sahen das fahle Licht hinter den Vorhängen, spürten das nahe Ende der Lust, ahnten die kommende Müdigkeit und stürzten uns blind, auflachend und verzweifelt nochmals in den Tanz, in die Musik, in die Lichtflut, schritten tobend im Takt, Paar an Paar gepreßt, fühlten noch einmal selig die große Woge über uns zusammenschlagen. In diesem Tanz ließ Hermine ihre Überlegenheit, ihren Spott, ihre Kühle fahren – sie wußte, daß sie nichts mehr zu tun brauche, um mich verliebt zu machen. Ich gehörte ihr. Und sie gab sich hin, im Tanz, im Blick, im Kuß, im Lächeln. Alle Frauen dieser fiebernden Nacht, alle, mit denen ich getanzt, alle, die ich entzündet, alle, die mich entzündet hatten, alle, um die ich geworben, alle, an die ich mich verlangend geschmiegt, alle, denen ich mit Liebessehnsucht nachgeblickt hatte, waren zusammengeschmolzen und eine einzige geworden, die in meinen Armen blühte.

Lange dauerte dieser Hochzeitstanz. Zweimal, dreimal erlahmte die Musik, ließen die Bläser ihre Instrumente sinken, stand der Klavierspieler vom Flügel auf, schüttelte der Primgeiger versagend den Kopf, und jedesmal wurden sie vom flehenden Taumel der letzten Tänzer nochmals entflammt, spielten nochmals, spielten schneller, spielten wilder. Dann – wir standen noch verschlungen und schwer atmend vom letzten gierigen Tanz – schlug mit einem Knall der Klavierdeckel zu, fielen unsre Arme müde herab wie die der Bläser und Geiger, und der Flötist packte blinzelnd seine Flöte ins Futteral, Türen gingen auf, kalte Luft strömte herein, Diener erschienen mit Mänteln, und der Barkellner drehte das Licht ab. Gespenstisch und schauerlich floh alles auseinander, fröstelnd drängten sich die Tänzer, die eben noch hellauf geglüht, in ihre Mäntel und schlugen die Kragen hoch. Hermine stand bleich, aber lächelnd. Langsam hob sie die Arme und strich sich das Haar zurück, ihre Achselhöhle glänzte im Lichte auf, ein dünner unendlich zarter Schatten lief von da zur verdeckten Brust, und die kleine schwebende Schattenlinie schien mir all ihren Reiz, alle Spiele und Möglichkeiten ihres schönen Leibes zusammenzufassen, wie ein Lächeln.