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Der Tempel: Roman

Chapter 13: Elftes Kapitel.
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About This Book

The narrative opens in a cramped household where an elder recounts a visionary prophecy of a sacred house rebuilt by diverse hands, then moves into narrow streets where a rising mob carries out a brutal pogrom against the local community. Intimate scenes of domestic care and ancestral memory alternate with public violence, legal impotence, and collective fear. Through prophetic imagery and vivid reportage the work examines loss, resilience, and the moral demands of rebuilding communal life, asking how shared acts of compassion can repurpose grief into durable solidarity.

 »Liebe Geschwister!

Plötzliche Sehnsucht nach dem kleinen alten Nest hat mich gepackt, und ich werde demnächst bei Euch erscheinen. Hoffentlich komme ich Euch nicht ungelegen. Ich möchte gerne vor meiner Tournee in Amerika ein wenig ausrasten und auch die Kinder wieder einmal sehen. Diesmal komme ich nicht allein, ich bringe ein Pflegesöhnchen mit, für das ich um freundliche Aufnahme bitte. Es ist ein kleiner Russe, den ich, buchstäblich, auf der Straße aufgelesen habe; er sang zu einer Balalaika, und ich glaube, man könnte ihn in der Musik ausbilden. Da das arme Geschöpf keine Anverwandte hatte, war es mir ein leichtes, es zu adoptieren; übrigens geht mit Hilfe des Rubels in Rußland alles leicht. Ivan ist nun schon vier Monate bei mir und versteht bereits Deutsch; er ist ein äußerst kluges Kind, und es ist eine angenehme Abwechslung, einmal etwas Menschliches um sich zu haben, das einen weder betrügen noch ausnützen will.

Ich werde voraussichtlich in den ersten Tagen des Dezember bei Euch eintreffen.

Mit herzlichem Gruß an Euch und die Kinder

Euere Schwester Margarete.«

»Ein Russenkind!« rief die kleine Lene vergnügt, »wie lustig! Wie es wohl aussieht?«

Frau Selder seufzte: »Deine Schwester ist wirklich wunderlich; genügen ihr unsere Kinder nicht? Gott weiß, woher dieses Kind stammt.«

Der Gymnasialprofessor häufte sich den Teller voll Kartoffeln und begann hastig zu essen. Nach einer Weile bemerkte er: »Wenn es wenigstens ein Mädchen wäre, das könnte Margarete zu einem Dienstmädchen heranbilden; russische Dienstboten pflegen ganz besonders treu zu sein – aber ein Junge! Freilich, Margarete war immer so, maßlos in allem, genau wie mit ihrer Leidenschaft für die Musik. Maßhalten, kein Überschwang, immer schön nüchtern, das ist die Hauptsache im Leben.«

Die Kinder blinzelten einander zu; sie kannten diese Lehre des Vaters, hörten sie fast täglich. Herr Selder sprach im Kreise der Familie stets in Lehrsätzen; er fühlte, dies schulde er seinem väterlichen Pflichtgefühl, jenem Teil seiner selbst, das er »den Vater« nannte. Herrn Selders »Ich« war sorgsam in verschiedene Teile geschieden. Zuerst kam der »Untertan«, der ehrfürchtige Bewunderer Seiner Majestät des Kaisers. Dieses Gefühl lag in bedingungslose, gedankenlose Ergebenheit wie in Watte gebettet; dann kam »der Deutsche«, dies war mehr ein Fluidum, das den ganzen Menschen durchdrang, stählte, festigte mit der Überzeugung, der einzig wertvollen Nation anzugehören, dem zur Herrschaft berufenen, ethisch höchststehenden Volke, den Menschen aus Stahl und Eisen; hierher gehörte auch noch »der evangelische Christ«, der an »unseren« Gott glaubte, an einen Privatgötzen des deutschen Volkes, der auf dieses und sein Herrscherhaus mit ewig gnädigem Lächeln herabblickte, eine Art verklärter Barbarossa, dessen Unglück es gewesen war, einen weichlich-sentimentalen Sohn zu haben, einen unfähigen Kronprinzen, der mit der Masse liebäugelte. Auch der »Gymnasialprofessor« machte einen nicht unbeträchtlichen Teil der Selderschen Seele aus; jedenfalls einen der angenehmsten, ein köstliches Gegenstück zum »Untertan«, denn hier war Macht, Gewalt, Autorität, ein Stückchen Kaiser, ein Stückchen Gott. Außerdem gab es noch »den Vater« und einen letzten, kleinsten Teil »den Gatten«. Herr Selder sagte, wenn er eine Ansicht bekräftigen wollte, niemals: »Ich«, sondern stets: »Ich, als getreuer Untertan Seiner Majestät« oder: »Ich, als Gymnasialprofessor« oder: »Ich, als guter Deutscher«.

Mit all diesen Eigenschaften hielt er strenge Zucht im Hause; seine Frau, erschöpft und verbittert von den ewigen Geldsorgen, voller Bewunderung für das Wissen des Mannes, das ihrer eigenen, schlechten Bildung ungeheuer erschien, hatte sich vom ersten Tag ihrer Ehe an seinem Willen gefügt, und auch die drei ältesten Kinder wagten keinen Widerspruch. Nur die jüngste, die kleine Helene, machte ihm Sorgen. Er vermißte an ihr das »echt deutsche« Wesen. Schon die mutwilligen braunen Augen, die krausen schwarzen Locken paßten schlecht in dieses blonde, glatthaarige Heim. Außerdem hatte dieses achtjährige Kind die schlechte – in Augenblicken des Zornes sagte der Vater sogar die »verruchte« – Gewohnheit, nichts auf Treu und Glauben nehmen; bei jeder Belehrung, jedem apodiktischen Satz fand der trotzige kleine Mund ein »Aber«, und die Fragen des Kindes brachten Herrn Selder oft zur Verzweiflung. Auch jetzt störte sie die schöne Familienharmonie, die sich in einer fast feindseligen Stimmung gegen Margarete Selder und das fremde Kind äußerte. Die Mutter meinte bekümmert: »Es ist mir gar nicht recht, daß die Kinder mit diesem zugelaufenen Jungen verkehren sollen; Gott weiß, woher er stammt, welche Unarten er mitbringt, welch schlechten Einfluß er auf sie haben kann. Ein Kind von der Straße!«

Die kleine Lene rief dazwischen: »Einmal etwas Neues! Die Geschwister kenne ich so gut, die sind mir langweilig. Ich freue mich auf das Russenkind. Ich werde es sehr lieb haben!«

»Helene!« Der »Vater«, der »Gymnasialprofessor«, der »Deutsche« lagen im strengen Ton der Stimme, »ein artiges Kind liebt vor allem Eltern und Geschwister, dann liebt es seine Volksgenossen, Fremden gegenüber ist dies Gefühl nicht am Platze.«

»Warum?«

Dieses entsetzliche Kinder-Warum! Hier mußte schon die Religion herhalten. »Weil Gott will, daß wir unsere Nächsten lieben, jene, die er uns gegeben hat, die uns nahestehen.«

Eine weiße Kinderstirn runzelte sich, kluge junge Augen hefteten sich auf den Vater, ein Kinderverstand dachte angestrengt nach.

»Man darf also nur seine Familie lieben?« war das Ergebnis dieses Nachdenkens.

»Ja, hauptsächlich.«

»Und Gott tut nur was recht ist?« kam die unvermittelte Frage zurück.

Verblüfft sah der Gymnasialprofessor auf das kleine Mädchen: »Ja, selbstverständlich.«

»Aber ich habe doch heute in der Bibel gelernt: »Also hat Gott die Welt geliebt,« die Welt ist doch nicht Gottes Familie?«

»Das ist etwas anderes, überhaupt sollst Du nicht so viel sprechen, Lene,« und zu seiner Frau gewandt, fuhr Herr Selder ungeduldig fort: »Du solltest die Bibelstellen wirklich besser auswählen, Annie.«

»Aber ...«

»Schweig', Helene!«

Eine winzige rote Zunge streckte sich vor, ganz wenig und zum Glück unbemerkt, und eine rebellische Stimme murmelte halblaut: »Wenn Du etwas nicht weißt, muß ich immer schweigen.«

Nach dem Abendbrot kletterte Lene auf der Mutter Schoß. »Mutti, was ist maßlos?«

Verständnislos blickte Frau Selder ihre Jüngste an: »Was meinst Du, Lenchen?«

»Vater sagte bei Tisch, Tante Margarete ist maßlos; das muß etwas Schönes sein, denn Tante Margarete ist lieb und gut; wenn ich groß bin, werde ich auch maßlos sein.«

Frau Selder seufzte hilflos; sie wagte nicht, ihren Mann zu Hilfe zu rufen; er malte mit grimmigem Gesicht rote Striche in die Schülerhefte.

»Es ist Zeit, Schlafen zu gehen, Lenchen.«

Sie brachte die Kleine ins Bett.

Als sie bereits das Licht verlöscht hatte und an der Tür stand, durchschnitt Lenes Stimme die Dunkelheit: »Mutter, warum ...«

Frau Selder floh ins Wohnzimmer.

Siebentes Kapitel.

Tante Margarete war gekommen; sie brachte einen Hauch frischer Luft mit, ein Stückchen Welt, das den geordneten Haushalt beunruhigte, die Erwachsenen verdroß und die Kinder mit Staunen erfüllte. Ihre Ansichten, ihre ganze Art verstimmten den Bruder, der sich stets von neuem fragte, wie es denn möglich sei, daß dieses »verrückte Frauenzimmer« seine Schwester sei. Immer wieder lag ein gereiztes Wort auf seinen Lippen, eine zornige Entgegnung, doch fiel ihm stets rechtzeitig die Bitte seiner Frau ein: »Wilhelm, vertrage Dich mit Margarete, Du weißt, wie großmütig sie ist, und nun, da Friedrich nächstes Jahr dienen wird ... Ihre Konzerte tragen viel ein ...« Und seufzend schluckte der Gymnasialprofessor seinen gerechten Zorn hinunter und lächelte säuerlich.

Eine unklare Aufregung hatte auch die Kinder erfaßt. Ilse, die Fünfzehnjährige, betrachtete mit geheimem Neid die eleganten Kleider, fühlte sich abgestoßen von dem ungewohnten Luxus der Tante, schlich aber doch im Verborgenen in ihr Zimmer, betupfte sich vor dem Spiegel die Wangen mit Rosapuder, fuhr mit dem Schwarzstift über die blonden Augenbrauen, stahl ein wenig Parfüm für ihr Taschentuch. Friedrich, der sich mit seinen achtzehn Jahren äußerst erwachsen vorkam, versuchte Margarete gegenüber den Welterfahrenen zu spielen, wurde gutmütig von ihr ausgelacht und empfand von da ab eine ausgesprochene Abneigung gegen sie. Die beiden Jüngsten jedoch gingen bedingungslos zum Feind über; Gustav, der stets Eßbereite, erlag den Bonbons, die Margarete freigebig verteilte, streckte begeistert den schulmüden Körper auf dem Sofa, dem zahllose seidene Kissen die puritanische Härte geraubt hatten, und prahlte in der Schule mit der »berühmten« Verwandten. Lene war überhaupt nicht von der Tante fortzubringen; alles an Margarete deuchte sie ein zur Wirklichkeit gewordenes Märchen, selig klammerte sie sich an den einzigen Menschen, der anscheinend für jedes »Warum« eine Antwort hatte und so herrlich von der großen Welt zu erzählen wußte.

Ivan fühlte sich äußerst unbehaglich; er verstand zwar die Worte, die gegen sein Ohr schlugen, die ganze Umgebung jedoch deuchte ihn fremd und bedrückend. Der große blonde Mann mit der knurrenden Stimme flößte ihm Furcht ein, die Frau, die ihn so eifrig nach seinen »lieben Eltern« ausforschte, brachte ihn in Verlegenheit. »Was war Dein Vater?« »Ich weiß nicht. Er war hinter den schwarzen Mauern.« Verständnislos blickte Frau Selder den Knaben an. »Hinter den schwarzen Mauern?« »Ja, böse Menschen haben ihn gefangen gehalten.« Dunkle Röte stieg in Frau Selders blasses Gesicht. »Gefangen?« Und bei sich dachte sie: »Ein Verbrecher, ein Zuchthäusler! – in unserem ehrbaren Heim das Kind eines Verbrechers!« Auf das Schlimmste gefaßt, fuhr sie fort: »Und wodurch hat Deine liebe Mutter euch erhalten?« »Mütterchen, ich weiß es nicht; zuerst lebten wir in einem schönen Haus, dann ...« Margarete Selder kam ihm zu Hilfe. »Laß doch das arme Kind in Ruhe, Annie. Hab' ich Dich je nach Deinen Eltern ausgefragt?«

»Margarete!« Empörung schrillte durch Frau Selders Stimme. »Das ist doch etwas ganz anderes. Du weißt doch, daß mein seliger Vater Pastor war und mein Großvater Konsistorialrat und ...«

»Und Dein Urgroßvater wieder Pastor und so weiter bis zu Adam hinauf, ich weiß schon.« Margarete trommelte mit dem Finger ungeduldig auf den Tisch, das Licht fing sich in dem Diamantring, der diesen Finger schmückte, und dieser Anblick verlieh Frau Selder die Kraft, eine ärgerliche Antwort zu unterdrücken und sich mit einem ergebenen Seufzer zu begnügen.

Gleich am ersten Abend erregte Ivan in aller Unschuld großes Ärgernis. Herr Selder hielt täglich eine Abendandacht ab; am Morgen fand er hierzu keine Zeit, vielleicht glaubte er auch am hellichten Tag ohne den Schutz »unseres Gottes« auskommen zu können; in der Nacht jedoch, im unheimlichen Dunkel, war es gut, einen allmächtigen Bundesgenossen zu haben.

Die ganze Familie umstand den Eßtisch und Herr Selder las eintönig, salbungsvoll einen Psalm vor, dann sagte er: »Laßt uns beten.« Ivan, der bloß die letzten Worte verstanden hatte, schlug artig ein Kreuz. Strenge Blicke trafen ihn. Gustav und Lene begannen zu kichern. Nach der Andacht bemerkte Herr Selder in strengem Ton: »Ivan, Du bist hier in einem christlichen Haus, derlei Hokuspokus mußt Du Dir abgewöhnen; das sind törichte Aberglauben; verstehst Du?«

Ivan verstand nicht, ängstlich schmiegte er sich an Margarete. »Was habe ich Böses getan?«

Sie streichelte die dunklen Locken. »Du darfst kein Kreuz schlagen, Ivan, das beleidigt den Gott meines Bruders.« Und halblaut, zu Herrn Selder gewandt, meinte sie spöttisch: »Ihr habt komische Götzen, meine lieben Leute.«

»Margarete!«


Auch am folgenden Tag kränkte Ivan ohne böse Absicht die heiligsten Gefühle der Familie. Er stand im Wohnzimmer und betrachtete zwei große farbige Bilder, die über dem Sofa hingen: einen Mann mit aufgezwirbeltem Schnurrbart und eine perlenbehangene Frau. Dann fragte er Lene, zu der er das größte Zutrauen hatte: »Wer sind diese häßlichen Leute? Der Mann sieht aus, wie der Polizist auf unserer Straße.«

Einen Augenblick herrschte eisige Stille; dann lachte Margarete hell auf, und Friedrich rief wütend: »Verdammter Russenbengel!« Herr Selder aber sprach mit zornbebender Stimme: »Ivan, das darfst Du nie wieder sagen. Diese Bilder stellen unser erhabenes Herrscherpaar dar, von dem Du mit Ehrfurcht sprechen mußt.« Und milder, gleichsam die Unwissenheit dieses fremden Kindes bedauernd, fügte er erklärend hinzu: »Diese Bilder sind uns Deutschen ebenso lieb und verehrungswürdig, wie euch Russen die Bilder des Zaren und der Zarin.«

Lene zog Ivan fort ins Kinderzimmer. »Erzähl' mir von Rußland.« Ivan wußte nichts zu erzählen.

»Gefällt es Dir bei uns?« fragte das kleine Mädchen.

»Nein!«

»Mir auch nicht; wenn ich groß bin, gehe ich fort und komme nie wieder. Warum gefällt es Dir nicht?«

Ivan rang mit Gefühlen, die keinen Ausdruck fanden, schließlich meinte er: »Dein Vater sagt immer: »Du darfst nicht«. Was darf man denn bei euch tun?«

»Gar nichts, bloß still sein und folgen. Waren Deine Eltern auch so?«

»Mütterchen nicht, die war lieb und gut.« Und jählings überfiel den kleinen Knaben ein Gefühl grenzenloser Verlassenheit; Tränen stiegen ihm in die Augen, er begann bitterlich zu weinen.

Lene schlang die Arme um ihn. »Weine nicht, Ivan, ich werde zu Dir halten, und wenn wir größer sind, laufen wir fort nach Rußland, wo nicht immer alles verboten wird und die Menschen gut sind.«

»Wird Deine Schwester noch lange bei uns bleiben?«, fragte Frau Selder ihren Gatten beim Schlafengehen. Sie flocht eben das Haar zu einem festen Zopf; in einen braunen Barchentschlafrock gehüllt, die Füße in Filzpantoffeln, saß sie am Rand des Bettes. »Seit sie hier ist, ist mit Gustav und Lene nichts mehr anzufangen. Und dann kleidet sie sich so auffallend, heute noch hat mich die Frau Doktor gefragt, wer diese »gar so elegante Dame« sei, die bei uns wohnt. Außerdem – wenn sie übt –, sie singt immer diese schamlos leidenschaftlichen Liebeslieder. Was soll sich Ilse denken, wenn sie solche Worte hört? Ich bat Margarete, doch gerade diese Lieder nicht zu singen, wenn die Kinder daheim sind. Weißt Du, was sie sagte: ›Mein Gott, habt Ihr eine verdorbene Phantasie!‹«

Herr Selder putzte sich eben die Nägel mit seinem Taschenmesser und war zu sehr beschäftigt, um zu antworten. Seine Frau fuhr fort: »Hat sie denn von ihrer Abreise noch gar nicht gesprochen?«

»Nein. Dafür hat sie aber angedeutet, daß sie geneigt wäre, uns finanziell zu helfen, damit Friedrich in einem guten Regiment dienen könne. Sie scheint in den letzten Jahren viel verdient zu haben.«

»Merkwürdig, daß die Menschen so viel zahlen, um jemanden singen zu hören. Mir machen die Choräle in der Kirche weit mehr Freude als Margaretes Lieder. Freilich, wenn sie uns helfen will ... Wir müssen gut gegen sie sein, Wilhelm, schließlich ist sie doch Deine Schwester ... Und vielleicht wird sie der Aufenthalt in einem deutschen christlichen Heim günstig beeinflussen.«

Herr Selder stieg ins Bett. »Sprich Du einmal mit ihr über Friedrich, so ganz nebenbei.«

»Ja,« Frau Selders blaue Augen glänzten auf, »wenn ich bedenke, Wilhelm, unser lieber Junge in des Kaisers Rock! Er ist so stramm, so tüchtig, er könnte es beim Militär weit bringen.«

»Jetzt nicht, freilich, wenn es wieder einmal Krieg gäbe; dann ...«

Die Frau nickte.

Herr Selder verlöschte die Kerze.

»Heute hat Graf Stramwitz mit mir gesprochen, Annie; ein äußerst liebenswürdiger Herr. Sein Sohn kommt nach den Weihnachtsferien in meine Klasse; er ist in Gustavs Alter. Es wäre gut, wenn die beiden Knaben sich anfreunden würden. Der Graf war sehr freundlich, ein vornehmer, ritterlicher Mann, äußerst schneidig; ja, unsere Aristokraten können sich sehen lassen.«

»Auch ich war im Pensionat mit einer Gräfin befreundet, Wilhelm; ich habe ihr immer die Rechenaufgaben gemacht; wir sagten sogar »Du« zueinander. Du weißt doch, Wilhelm, ich habe ihr Bild noch und ...«

Aber Wilhelm hatte diese Geschichte wohl bereits an die hundertmal gehört. Er drehte wortlos sein Gesicht der Wand zu und schlief ein.


Die Kinder waren schlafen gegangen, Herr und Frau Selder saßen mit Margarete im Wohnzimmer.

»Also abgemacht, mein kleiner Ivan bleibt bei Euch, Ihr werdet ihn behandeln wie euere eigenen Kinder – natürlich ersetze ich Euch alle Unkosten – und dafür lasse ich Friedrich bei einem guten Regiment dienen.«

Auf Frau Selders blassen Wangen glühten hochrote Flecke. Sie war gar nicht damit einverstanden, das »Russenkind« zu behalten, andererseits aber konnte man doch das Friedrich betreffende Angebot nicht ausschlagen.

»Ich hoffe, liebe Schwester, Du siehst ein, welch großes Opfer unsere geschwisterliche Liebe Dir bringt, indem wir das fremde Kind in unser Heim aufnehmen.«

»Opfer?« Margaretes Stimme klang nicht gerade liebenswürdig. »Schließlich tut Ihr es ja nicht umsonst.«

Herr Selder überhörte geflissentlich den taktlosen Einwand. »Du kannst überzeugt sein, daß Ivan alle Vorteile der Erziehung genießen wird, die unseren Kindern zuteil werden. Ich will mein Möglichstes tun, um einen echt deutschen Mann aus dem Kinde zu machen.«

»Mach' lieber einen Menschen aus ihm. Das dürfte Dir allerdings schwerer fallen.«

»Margarete,« Rührung bebte aus Herrn Selders Stimme, »ich sehe mit tiefer Trauer, wie sehr Dich Dein kosmopolitisches Leben verdorben hat. Du scheinst jedes Heimatsgefühl verloren zu haben. Vergiß draußen in der großen Welt nicht, daß deutsches Blut in Deinen Adern fließt.«

Margarete lachte. »Ich hab' genug mit dem deutschen Blut zu kämpfen, Wilhelm, mit der deutschen Arroganz und Kleinlichkeit, um das je vergessen zu können.« Dann wurde ihr spöttisches Gesicht weicher, sie wandte sich an die Schwägerin: »Annie, ich weiß, was für eine gute Mutter Du bist, finde auch für das fremde Waisenkind ein Fleckchen in Deinem Herzen, hab' es lieb.«

»Ich werde ihm gegenüber meine Christenpflicht erfüllen.«

Margarete schauderte leicht zusammen. »Armer Ivan, wenn ich ihn doch lieber mitnehmen könnte.« Dann zu ihrem Bruder gewandt: »Also die Angelegenheit ist erledigt. Übermorgen fahre ich nach Hamburg.«

Frau Selder hatte noch etwas auf dem Herzen. »Wäre es Dir unangenehm, Margarete, wenn wir den Knaben Johannes nennen würden? Ivan klingt so fremdartig, so – so heidnisch.«

»Meinetwegen, nenn' ihn wie Du willst, vielleicht findest Du leichter ein wenig Liebe für den Johannes als für den Ivan, Du – Du – deutsche Seele!«

Am folgenden Morgen teilte Gustav Ivan vergnügt mit, daß er von nun an »Johannes« heiße und kein »Russenkind« mehr sei, sondern ein Deutscher.

Ivan nahm die Kunde teilnahmslos auf, der Gedanke, ohne Margarete bei diesen fremden Menschen bleiben zu müssen, bedrückte ihn so sehr, daß ihm alles übrige belanglos erschien. Anders Lene, die stampfte mit dem kleinen Fuß auf, begann zu weinen: »Das ist eine Gemeinheit! Nun wollen sie ihn genau so machen wie alle anderen. Laß es Dir nicht gefallen, Ivan!«

»Johannes,« verbesserte Gustav grinsend.

»Es ist doch einerlei,« meinte Ivan traurig, »ob ich jetzt Ivan oder Johannes heiße. Ich weiß nicht,« fügte er sinnend hinzu, »bisweilen kommt es mir vor, als ob ich einmal noch anders geheißen hätte, aber ich weiß es nicht mehr.«

Achtes Kapitel.

Was wird aus dem welken Laub des Herbstes, was aus den abgeblätterten Jahren der Kindheit? Verfliegen sie spurlos im All, zerzaust und verweht, häufen sie sich an, wie Schneeflocken zur Lawine, um später als schwere Last müde Schultern zu drücken, oder gleichen sie einer Wunderblume, die, aus unzähligen Samenkörnchen bestehend, des Regens und der Sonne, der Glut und des Frostes unzähliger Jahreszeiten bedarf, um sich endlich zur höchsten Pracht zu entfalten?

Wie Nebelgebilde huschen die Kinderjahre vorüber, gleiten scheinbar wesenlos über die jungen Seelen dahin, bisweilen jedoch trifft greller Sonnenschein einen Augenblick, ein Bild, oder schwarze Schatten verdichten sich zu Gestalten, und diese bleiben im Gedächtnis haften. – –

Aus dem kleinen erschrockenen Ivan, den ein seltsames Schicksal in ein deutsches Heim verschlagen hatte, war nun ein langer, hagerer, vierzehnjähriger Johannes geworden. Wenn er es versuchte, sich an die langen sieben Jahre zu erinnern, die er in der kleinen ostpreußischen Stadt verbracht hatte, so verschwammen sie ineinander, grau und farblos, eintönig und traurig; nur wenige Begebenheiten, einige Zeitpunkte hoben sich schroff von dem fahlblassen Hintergrund ab.

Die schwere hilflose Traurigkeit, als er nach Margarete Selders Abreise allein bei den Fremden zurückblieb; das qualvolle Nörgeln und Erziehen der Erwachsenen, die böswilligen Neckereien der älteren Kinder. Ungestüm hatte es ihn fort verlangt; lieber hungern und frieren, lieber nachts in den Straßen singen, als diese entsetzlichen Tage, an denen alles nach der Uhr ging, jede Stunde festgelegt und eingeteilt war. Und niemals ein liebes Wort, eine Zärtlichkeit, morgens und abends ein Kuß von Frau Selder, das gehörte ja mit zur Tagesordnung, wie das Essen oder der sonntägliche Familienspaziergang. Sein einziger Trost war Lene gewesen; teils aus Widerspruchsgeist, teils aus ahnender, unbewußter Kindergüte schloß sich das kleine Mädchen dem Einsamen an, verteidigte ihn gegen die Geschwister, half ihm bei seinen ersten Schularbeiten, ließ die Freundinnen im Stich, um bei ihm zu bleiben.

Und dann kam die Schule, der enge Raum, die unerträgliche Nähe fremder Körper, die Disziplin, die endlosen, langweiligen Lehrstunden.

»Und es müßte doch gar nicht langweilig sein,« klagte er Lene seine Not, »es ist doch schön zu wissen, wie die Menschen früher gelebt haben, wie alles so kam, wie es heute ist. Aber das erzählt uns der Lehrer nicht. Immer nur Jahreszahlen und Kaiser und Könige und Schlachten. Warum werden immer die Kriege so hervorgehoben; ist es denn recht und gut, Menschen zu töten?«

Am meisten hatte er noch die Religionsstunden geliebt. Etwas Verwandtes klang in ihm nach, wenn das Alte Testament durchgenommen wurde; Jerusalem, Zion – seltsam vertraute Musik deuchten ihn diese Worte, Heimatsklänge. Doch gerade in der Religionsstunde war es zu einem Auftritt gekommen, der ihm daheim viel böse Worte eingetragen, ihm seltsamerweise aber auch ganz unerwartet einen Freund gewonnen hatte. Er zählte damals zehn Jahre, saß als einer der besten Schüler in der ersten Bank. Neben ihm befand sich der Sohn eines Gutsbesitzers, Ewald Bronken, ein frecher Junge und berüchtigter Raufbold. Der alte Pastor sprach über die Kreuzigung Christi, und wie die Menge den Gefolterten noch am Kreuze verspottete. Der alte Mann sprach mit der ganzen Innigkeit eines warmen kindlichen Glaubens, und Johannes fühlte ehrliche Ergriffenheit. Da schnellte neben ihm Ewald empor: »Herr Pastor, warum erschlagen wir nicht die stinkenden Juden? Mein Vater sagt auch, man müsse sie ausrotten.«

Wahnsinnige, ihm selbst unverständliche Wut übermannte Johannes, mit aller Kraft schlug er dem Kameraden auf den Mund.

Nach der Stunde behielt ihn der alte Pastor in der Klasse zurück; sorgenvoll prüften die gütigen verblaßten Augen das noch immer zornglühende Knabengesicht. »Was hast Du zu Deiner Entschuldigung vorzubringen, Johannes?«

Johannes senkte den Kopf.

»Weshalb hast Du Ewald geschlagen?«

Ohne Trotz, ohne Schuldbewußtsein, bloß verwirrt und fast erschreckt schaute der Knabe den alten Mann an: »Ich weiß nicht, Herr Pastor.«

»Tut es Dir nicht leid?« Es lag fast eine Bitte in der fragenden Stimme.

»Nein, Herr Pastor, das heißt, es tut mir leid, daß es in Ihrer Stunde geschehen ist, aber ich – ich täte es wieder, wenn einer so über die Juden spräche. Ich ertrage das nicht; ich weiß nicht warum.«

»Hast Du jüdische Freunde, die Dir lieb sind?«

»Nein, Herr Pastor.«

»Und früher, als Du ein kleines Kind warst, bist Du vielleicht bei Juden aufgewachsen?«

»Nein, Herr Pastor, als Mütterchen starb, wurde sie vom Popen beerdigt.«

Der alte Mann blickte lange forschend auf den Knaben.

»Ich weiß nicht, was Dich zu dieser Handlung hinriß, mein Sohn. Gott allein weiß, was sich in Dir geregt hat, darum will ich Dich auch nicht strafen; um so mehr, als auch Dein Kamerad im Unrecht war. Eines aber merke Dir, mein Kind, durch Schläge überzeugt man niemanden.«

Dieser Ansicht war Herr Selder freilich nicht; als er die Geschichte erfuhr, versuchte er auf höchst eindringliche Art, Johannes durch Schläge zu überzeugen, und auch Frau Selder verschonte den Sünder nicht mit bösen Worten.

»Warum hast Du's getan?« fragte Lene, als Johannes sich vorsichtig mit schmerzverzogenem Gesicht im Kinderzimmer neben sie aufs Sofa setzte.

»Ich weiß nicht, Lenchen, frage mich selbst, was mir einfiel, aber ich hätte ihn erschlagen mögen, als er das sagte.«

»Er wird's Dir heimzahlen wollen, aber wenn er Dich verprügelt, kratz' ich ihm die Augen aus!«

Seltsamerweise war der alte Pastor nach diesem Ereignis gütiger denn zuvor gegen Johannes, der, dem Lehrer zuliebe, mit doppeltem Eifer lernte. Bloß dies Jahr waren ihm plötzlich, er wußte selbst nicht weshalb, die Religionsstunden zuwider geworden. Die Schüler seiner Klasse wurden zum Abendmahl vorbereitet; die meisten blieben völlig unberührt, etliche ließen sich von religiöser Schwärmerei erfassen, Johannes hatte das Gefühl, als stünde er abseits, als trenne ihn plötzlich von den Kameraden und dem gütigen alten Lehrer eine unüberbrückbare Kluft. Mit wahrem Grauen dachte er an den Tag, da ihm vom Altar herab der Kelch gereicht werden würde. Die Worte: »Nehmet hin und trinket, dies ist mein Blut,« erfüllten ihn schier mit Ekel. Eines Tages suchte er den Pastor auf und erklärte ihm, er könne nicht zum Abendmahl gehen. Und wie an jenem Tag, da er in der Klasse den Kameraden geschlagen hatte, fragte ihn der alte Mann: »Weshalb?«

Und Johannes erwiderte wie an jenem Tage: »Ich weiß nicht, Herr Pastor.«

»Liebst Du den Heiland nicht, Johannes?«

»Doch, Herr Pastor. Aber ... aber anders als Sie es tun.«

Der alte Mann dachte nach; er wußte, welche schwere Folgen es für Johannes haben würde, wenn er sich weigerte, zum Abendmahl zu gehen. Er kannte den Gymnasialprofessor und dessen korrekte Frömmigkeit nur allzu gut. Und weshalb wollte gerade dieser, sein bester Schüler, sich der heiligen Handlung entziehen? Hatte er vielleicht atheistische Schriften gelesen, seinen Glauben verloren?

»Sage mir aufrichtig, was Dich quält, mein Kind.«

Der Knabe wurde rot, Tränen traten ihm in die Augen; er wollte den Lehrer nicht kränken; schließlich stammelte er: »Die Worte: dies ist mein Blut; ich kann nicht, es ekelt mich.«

Der alte Pastor blickte ihn traurig an. »Denke doch lieber an die anderen Worte: Das tut zu meinem Gedächtnis! Selbst wenn Du den Heiland nicht für Gottes Sohn hältst, willst Du nicht etwas zum Gedächtnis eines guten und edlen Menschen tun und so Teil haben an ihm?« Und da diese Worte noch nicht wirkten, bediente sich der alte Mann mit kindlicher List eines anderen Mittels: »Mir zuliebe, mein Kind.«

Johannes fügte sich. Als er jedoch nach dem Abendmahl daheim bei Tisch saß, konnte er keinen Bissen hinunterwürgen, brach zu seiner großen Beschämung in heiße Tränen aus und verließ eilends das Zimmer.

Frau Selder wischte sich bewegt die Augen: »Die Gnade des Herrn hat ihn gerührt.«

»Ja,« meinte der Gymnasialprofessor würdevoll, »ein echt deutsches, wahrhaft christliches Heim wirkt veredelnd. Wenn ich bedenke, daß der arme Junge ebensogut ein Russe und ein Götzenverehrer hätte werden können ...«

Neuntes Kapitel.

»Komm mit, Johannes, ich will Dir etwas zeigen.« Lene zog ihn am Arm in die Bodenkammer. Hier unter altem Gerümpel, Koffern und Kisten hatten sich die beiden eine Art Wohnzimmer eingerichtet; eine große Kiste diente als Tisch, Lene hatte unbemerkt aus einigen Kissen Federn entwendet und aus alten Kleidern zwei Polster gemacht, auf denen sich's herrlich sitzen ließ; eine kleine Kiste barg einige Lieblingsbücher, Äpfel und Birnen. Diesen Raum nannten die beiden »unser Heim« und hier fühlten sie sich wirklich behaglich.

Lenes Augen glänzten, ihre Wangen waren dunkelrot. »Jetzt weiß ich, warum man lebt!« rief sie eifrig. »Was man mit seinem Leben anfangen muß.«

»Was hast Du denn entdeckt?«

Sie wühlte in der Kiste und brachte ein Buch zum Vorschein. »Da, das mußt Du lesen, das ist heiliger als die Bibel.«

Johannes warf einen Blick auf das Buch. »›Das unterirdische Rußland‹ von Stepniak, das kenne ich.« Er lächelte ein wenig; trotzdem er zwei Jahre jünger war, als das Mädchen, verlieh ihm seine ruhige Art eine gewisse Überlegenheit über das impulsive, quecksilberige junge Ding.

»Du kennst es und hast mir nie davon erzählt!« rief Lene empört. »Du bist ein schlechter Freund!«

»Woher hast Du das Buch?«

Sie lachte vergnügt. »Vom Zahnarzt.«

»Vom Zahnarzt?«

»Ja, vorige Woche mußte ich dort so lange warten, und einer, der vor mir daran kam, ließ das Buch im Wartezimmer liegen. Da fing ich darin zu lesen an. Und als er dann herauskam, fragte ich ihn ganz einfach, ob ich das Buch mitnehmen und zu Ende lesen dürfte? Er kennt Dich aus der Schule, sagte, Du mögest es ihm zurückbringen.«

Johannes nickte. »Und Du hast so ohne weiteres einen fremden Menschen angesprochen?«

»Ich mußte das Buch lesen; er war auch sehr freundlich und ich kenne ihn doch vom Sehen, aus dem Papiergeschäft seines Vaters. Er hat mir noch andere Bücher versprochen.«

Johannes lachte. »Wenn Dein Vater wüßte, daß Du Dir vom Sohn des alten Mendel Silberblatt Bücher ausleihst!«

»Mein Vater ist ein ...«, mit einem letzten Rest kindlicher Pietät verschluckte Lene den »Esel«, der ihr auf den Lippen lag. Das Verhältnis zwischen dem Gymnasialprofessor und seiner Jüngsten hatte sich in den letzten Jahren immer mehr zugespitzt, und Lenes Kritik machte vor keiner Autorität Halt. Dann wandte sie sich wieder dem Buch zu. »Johannes, daß es solche Menschen gibt, so mutig, so selbstlos, kannst Du Dir das vorstellen? Und das arme russische Volk. Du, man muß nach Rußland gehen und ihm helfen.«

»Weshalb nach Rußland gehen? Glaubst Du, unser Volk braucht keine Hilfe, glaubst Du, die Arbeiter des Grafen Stramwitz sind weniger geknechtet als die russischen Bauern?«

Sie sah ihn mit großen Augen an. »Das ist mir nie eingefallen. Johannes, weshalb sprachst Du mit mir nie über derlei Dinge?«

»Du bist doch ein Mädchen,« meinte er halb entschuldigend.

»Haben die russischen Frauen sich nicht auch für das Volk geopfert? Das ist eine faule Ausrede, sag' die Wahrheit.«

Johannes zögerte, schließlich bemerkte er: »Siehst Du, Lenchen, ich denke schon lange über diese Dinge nach, und – und sie sind für mich wie etwas Heiliges. Ich hatte Angst, Du würdest sie nicht verstehen, würdest am Ende darüber lachen, und das hätte mir weh getan.«

»Bin ich denn Ilse, die nur ans Heiraten denkt, oder Gustav mit seinem ewigen Mikroskop? Ich bin doch ein Mensch und auch kein Kind mehr.«

Er blickte sie sinnend an; sie war klein und zart geblieben, mit raschen, nervösen Bewegungen. Die Worte, die sie als kleines Mädchen der Mutter gegenüber ausgesprochen hatte: »Wenn ich groß bin, werde ich maßlos sein,« schienen sich zu verwirklichen. Die ehrbare Nüchternheit, die in strengen Grenzen gehaltene, für feierliche Gelegenheiten aufgesparte Begeisterung des Elternhauses waren ihr fremd; sie gab sich mit ursprünglicher Kraft jedem Eindruck ganz hin, haßte oder liebte, bewunderte oder verachtete aus allen Kräften ihrer jungen Seele. Einer kurzen Periode religiöser Begeisterung war für sie eine große Leere gefolgt, sie tastete, suchte nach etwas, das dem Leben Sinn verleihen konnte, ohne recht zu wissen, wonach es sie eigentlich verlangte.

»Du,« ihre Finger strichen schier liebkosend über das Buch, das auf ihren Knien lag, »der Anatol Silberblatt, glaubt der auch daran?«

»Freilich, von ihm weiß ich ja alles, was ich weiß. Wir haben oft darüber gesprochen, er hat mir Bücher geliehen ...«

»Wie kommt er auf solche Gedanken?«

»Das habe ich ihn auch gefragt; er meint, dies komme daher, weil er Jude sei, und da die Juden immer geknechtet und unterdrückt worden seien, verstanden sie die Armen und Gequälten besser.«

Lene schwieg, zog einen Apfel aus der Kiste und biß hinein. Plötzlich schien ihr ein Gedanke zu kommen, noch mit vollem Mund sagte sie:

»Johannes, wir müssen einen Bund schließen.«

»Einen Bund?«

Sie warf den Rest des Apfels zum Bodenfenster hinaus. »Ja, Du und ich und Anatol; wir müssen schwören, für das Volk zu leben, es zu befreien. Heimlich müssen wir zusammenkommen und aufs Evangelium schwören.«

»Das geht nicht, Du dummes Ding, er glaubt doch nicht ans Evangelium.«

Sie sah verblüfft drein. »Das ist wahr. Was macht man dann? Gibt es denn nichts, was den Juden und Christen gleich heilig ist?«

Johannes dachte nach; Lenes Frage eröffnete ihm einen neuen Horizont; es mußte doch etwas geben, in dem sich die Menschen aller Völker, aller Rassen und Glauben finden konnten, etwas, das für sie das Kruzifix des Rechtgläubigen, das Evangelium des Protestanten war. Lenes Worte durchschnitten seine Gedanken.

»Wenn man das Gute will, so ist es doch einerlei, was man ist, ob Jude oder Christ, Deutscher oder Russe; es muß etwas geben, das über allem steht, das die Menschen vereinigt.«

Johannes verharrte noch immer stumm. Seine Schweigsamkeit brachte Lene oft zur Verzweiflung; sie war nicht fürs Nachdenken, bei ihr mußte immer alles blitzartig, wie eine Erleuchtung kommen.

»Johannes,« drängte sie, »es muß doch etwas geben.«

Er hatte inzwischen in seinem Gehirn eine Lösung gefunden. »Ja, Anatol hat mir selbst davon erzählt, es ist mir nur nicht gleich eingefallen, Du schwätzt so viel und das verwirrt mich. Erinnerst Du Dich, Lenchen, wie Dein Vater neulich bei Tisch über die ›Internationale‹ schimpfte, die Leute Verräter, vaterlandslose Gesellen nannte?«

Lene zuckte die Achseln. »Der Vater schimpft immer, aber was hat das mit unserer Sache zu tun? Weshalb sprichst Du jetzt davon?«

»Weil die ›Internationale‹ das ist, in dem sich alle Menschen finden können, der heilige Bund, in dem es keine Nationen und Konfessionen gibt. Anatol kann Dir die Sache besser erklären, als ich.«

»Gut. Sag' ihm, um was es sich handelt. Am Sonntag machen die Eltern einen Ausflug, ich werde nicht mitgenommen, weil ich neulich gegen den dummen Affen, der Ilse heiraten soll, grob war, und Du sagst, Du müßtest lernen. Dann bringst Du den Anatol her, in ›unser Heim‹, und wir schließen den Bund und schwören auf die ›Internationale‹!«


Gustav Selder hob die kurzsichtigen, wasserblauen Augen von seinem Buch, als Johannes das gemeinsame Zimmer betrat und grinste mitleidig: »Was hast Du denn eigentlich angestellt, Johannes?«

»Ich?«

»Ja, der Vater kocht vor Wut, Du wirst etwas Schönes erleben.«

»Ja, aber ... Ich habe doch gar nichts getan.«

»Was habt ihr denn diese Woche für einen Aufsatz gehabt? Der Vater hat Deinen sogar der Mutter vorgelesen; das tut er nur, wenn er ganz besonders wütend ist. Das wird heute ein angenehmes Mittagessen werden.«

Bis nach der Suppe herrschte bei Tisch eisige Stille. Dann ging es los.

»Ich wundere mich, daß Du mir noch in die Augen zu sehen wagst, Johannes,« begann der Gymnasialprofessor.

Der Angeredete schwieg. Lene horchte auf.

»Ich habe Deinen Aufsatz korrigiert und frage Dich nun, wie kannst Du es wagen, Verbrecher und Mörder als Helden hinzustellen?«

»Das habe ich nicht getan.«

»Ich gebe euch einen Aufsatz über ›Helden‹, bespreche das Thema mit euch, nenne euch als Anhaltspunkte einige Namen, wie Friedrich der Große, Blücher, Moltke, Wilhelm I., und was machst Du? Du schreibst über Freiheitshelden, erwähnst nicht etwa Arndt und Theodor Körner, was noch angegangen wäre, nein, es beliebt Dir nicht einmal, deutsche Namen zu nennen. Deine Weisheit muß nach Rußland gehen. Und was für Leute preist Du als Helden? Revolutionäre, Aufrührer, gemeine Schurken, die es gewagt haben, sich wider ihren Herrn und Monarchen zu erheben! Und nicht genug, daß Du solche Beispiele aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nimmst, nein, Du treibst es noch ärger – Du wagst es, die niederträchtigen Schufte, die jetzt in Rußland Revolution machen, die das Leben des Zaren, eines Freundes und Verwandten unseres allergnädigsten Kaisers, bedrohen, Helden zu nennen, Freunde der Menschheit.«

»Aber ...«

»Schweig! Du bist in einem christlichen loyalen Haus aufgewachsen, von gutem Beispiel umgeben. Ich selbst habe versucht, Dich zu einem treuen, redlichen Bürger zu erziehen. Dein Bruder trägt des Kaisers Rock und wird demnächst Oberleutnant werden, und Du, Du schreibst wie ein, wie ein ... Sozialist. Schäme Dich!«

»Aber ...«

»In diesem Haus kannst Du dergleichen nicht gehört haben, unsere Freunde, mit denen Du zusammentrafst, sind keine Mörder und Räuber, die ›Deutsche Tageszeitung‹, die ich Dir zu lesen gestattete, aus reiner Güte, denn einen Jungen Deines Alters geht es nichts an, was in der Welt geschieht, hat sicherlich niemals derartige Ansichten geäußert. Ich frage mich, wie ist es möglich, daß ein Kind unseres Hauses so verrucht sein kann? Wie ist es möglich?!«

»Ich ...«

»Schweig. Seit Monaten erregst Du meine Unzufriedenheit; immer sehe ich Dich mit diesem Judenbengel zusammenstecken. Was hat ein deutscher Jüngling mit einem Juden gemein? Die Juden sind Schädlinge am Körper unseres Volkes. Glaubst Du, daß Friedrich mit Juden verkehren würde, oder Gustav?«

Gustav schmunzelte vergnügt und brummte: »Warum denn nicht, wenn ich von ihnen etwas lernen kann.« Doch beachtete sein Vater diesen Einwurf nicht, mit sich überschlagender, kreischender Stimme fuhr er fort: »Dein Aufsatz hat mir bewiesen, daß unsere ganze liebende Sorge, all unsere Opfer vergeblich waren. Du bist kein Deutscher! Was Dich empören sollte, erfüllt Dich mit Bewunderung, was Du verdammen solltest, preist Du. Du bist ein verkommenes Subjekt, ein hergelaufener Bursche, gehörst nicht zu uns!«

Frau Selder warf ihrem Manne einen bewundernden Blick zu; wie gut er sprach, fast wie ein Pastor. Auch des Gymnasialprofessors Zorn entwich. Er fühlte sich groß und gewaltig, als gerechter Richter, und dies tat ihm wohl. Da ereignete sich ein Zwischenfall, der seinen Zorn von neuem entflammte. Eine helle Mädchenstimme schrie über den Tisch: »Nein, er gehört wirklich nicht zu euch, aber ich auch nicht, Gott sei Dank!«

Frau Selder sah ihre Tochter entsetzt an, Ilse machte sich ganz klein auf ihrem Stuhl, Gustav grinste schadenfroh.

»Helene!« Jedes weitere Wort blieb dem Gymnasialprofessor in der Kehle stecken.

»Um nichts in der Welt möchte ich zu euch gehören!« fuhr die zornige junge Stimme fort, »ihr seid gemein und niederträchtig. Dumme Kaiser und Könige verehrt ihr, ja, sie sind dumm und schlecht, und wahre Helden schmäht ihr. Ihr mästet euch vom Blute der Armen, saugt sie aus, lebt in Luxus und Üppigkeit ...«

Dem Gymnasialprofessor fiel jählings inmitten des entsetzten Zornes sein Gehalt ein. Mit dem Brustton tiefster Überzeugung schrie er: »Schweig, Helene, das ist nicht wahr!« Aber seine Tochter fuhr unbeirrt fort: »Ausbeuter seid ihr, Knechter des Proletariats, Liebediener der Fürsten. Unsere geknechteten Brüder im Osten suchen sich zu befreien, und ihr wollt es verhindern, weil euch um euer unrecht erworbenes Gut bang ist!«

Johannes konnte ein Lächeln nicht unterdrücken; Lene war eine gelehrige Schülerin. Der »Bund« gab natürlich eine Zeitung heraus, in drei Exemplaren, fein säuberlich mit der Hand geschrieben, und Lene zitierte fast wörtlich den von Anatol Silberblatt verfaßten Leitartikel. Der Gymnasialprofessor saß wie zu Stein erstarrt; seine Tochter, und woher hatte sie diese Ausdrücke: Proletariat, Ausbeuter, geknechtete Brüder im Osten? Er rang nach Atem, und erst als Lene, vom Leitartikel ablassend und wieder zu ihrem eigenen Sprachschatz zurückkehrend, rief: »Ihr seid schreckliche Menschen. Ich schäme mich, solche Eltern zu haben!« fand er Worte und befahl ihr, sofort das Zimmer zu verlassen. Sie ging, einen letzten Trumpf ausspielend, zog Johannes mit sich fort, reckte auf der Türschwelle die kleine Gestalt hoch empor: »Komm', Johannes, wir gehören nicht zu den Kapitalisten!«

Die anderen blieben verstört zurück. Frau Selder weinte, Ilse wagte nicht, die Augen zu heben, Gustav murmelte etwas wie »wichtige Schularbeit« und verließ hastig das Zimmer. Der Gymnasialprofessor ging mit großen Schritten auf und ab. Schließlich blieb er vor seiner Frau stehen: »Ein böser Geist ist in unser Haus gedrungen, Annie. Wir müssen die Kinder strenger halten. Ich begreife nicht, was Helene eingefallen ist.«

Frau Selder nickte noch immer schluchzend, dann fiel ihr Blick auf die Füße ihres Mannes: »Wilhelm, Du mußt Dir ein Paar neue Stiefel kaufen, ein drittesmal kann man sie nicht mehr sohlen.«

Der Gymnasialprofessor sah auf die abgewetzten Stiefel nieder. »Luxus und Üppigkeit, Ausbeuter, Kapitalisten!« schrie er jählings auf und schlug mit der geballten Faust wütend auf den Tisch.

Zehntes Kapitel.

Ilse Selder saß am Fenster und nähte an ihrer Ausstattung; bisweilen hob sie die linke Hand und betrachtete strahlenden Gesichtes den glatten goldenen Reif, der den Ringfinger schmückte. Lene kauerte in einer Sofaecke und blickte mit spöttischen Augen auf die Schwester.

»Also in vierzehn Tagen sind wir Dich endgültig los,« bemerkte sie schließlich liebenswürdig, »sag' einmal, Ilse, warum trägst Du eigentlich Trauer um Tante Margarete?«

Ihre Schwester schaute sie erstaunt an. »Es fehlen doch noch zehn Tage zum Trauerhalbjahr.«

»Ach so, richtig. Eigentlich mußt Du doch sehr froh sein, daß sie gestorben ist; ohne die Erbschaft hätte Dein Adolf Dich nie und nimmer geheiratet.«

»Aber Lene!«

»Aber Lene, glaubst Du ich weiß nicht, daß Du uns alle ruhig sterben ließest, bloß um zu einem Mann zu kommen? Was hast Du denn eigentlich vom Heiraten?«

»Das verstehst Du nicht, dazu bist Du zu jung. Wir lieben einander und werden ein trautes Heim haben.«

»Und dann?«

»Was meinst Du?«

»Na ja, trautes Heim, das ist ja sehr schön. Aber was wirst Du mit Deinem Leben anfangen, was wirst Du leisten?«

»Meine Pflichten als Gattin ...«

Lene pfiff durch die Zähne. »Jedes Jahr ein Kind, nicht wahr?«

»Lene, davon spricht man doch nicht.«

»So, das tut man bloß.« Sie betrachtete forschend die Schwester. »Jetzt bist Du noch ganz hübsch, in vier, fünf Jahren wirst Du eine dicke Kuh sein, wie Deine Freundin Käthe, oder ausgemergelt und verdrossen, wie unsere arme Mutter. Und Dein Mann wird Dir aus der »Deutschen Tageszeitung« vorlesen und am Sedantag und Kaisers Geburtstag betrunken nach Hause kommen.«

»Ich verbiete Dir, so über Adolf zu sprechen.«

»Dein Adolf! Warum hat er Dir denn erst einen Antrag gemacht, als Tante Margaretes Testament veröffentlicht wurde? Ja, die große Liebe ...«

»Du bist gemein.«

»Nein, bloß weniger dumm als Du. Sag' mir, Ilse, hast Du denn nie über das Leben nachgedacht?«

»Ich verstehe Dich nicht.«

»Über die große Welt, und was wir ihr schuldig sind?«

»Du kannst nicht behaupten, Lene, daß ich je pflichtvergessen war.«

»Nein, nein. Du warst eine gute Tochter, wirst eine liebende Gattin und Mutter werden, immer nur sehen, was vor Deiner Nase liegt, und allgemein geachtet sterben. Herrgott, wenn ich so leben müßte, lieber würde ich mich gleich aufhängen.«

Die ältere Schwester schüttelte mißbilligend den Kopf. »Was Du für Gedanken hast! Daran ist Johannes mit seinen verrückten Ideen schuld. Wenn Du jetzt zu Hause die einzige Tochter bist, wird sich das geben.«

Lene schnellte auf. »Sprich nicht davon, mir graut vor dem Gedanken, daheim sitzen, Handarbeiten machen, in Kaffeekränzchen gehen! Und den erstbesten Mann heiraten, nur um von hier fortzukommen. Wenn Tante Margarete lebte, ich ginge zu ihr.«

Frau Selder trat ins Zimmer. »Kinder, was ist denn schon wieder los? Weshalb schreist Du so, Lene? Ich habe eine gute Nachricht erhalten, Friedrich kommt übermorgen.«

»Das auch noch,« murmelte Lene halblaut und schob sich vorsichtig in die Nähe der Tür.

»Wohin gehst Du, Lene? Es regnet.«

»Ich habe Besorgungen zu machen.«

»Dann bring uns Knöpfe mit und weiße Nähseide. Und bürste vorerst Dein Haar, Du siehst gar zu unordentlich aus.«

Ein kalter Herbstnachmittag hüllte die Stadt in trostlose Gräue. Von den entlaubten Bäumen perlten große Tropfen ab, die Häuser verschwammen im Nebel.

Lene hastete durch die Straßen, mit feindseligen Blicken betrachtete sie die wohlbekannten Häuser, die Vorübergehenden. Immer das gleiche Einerlei; farblos, öde, tot. Wird auch sie gleich der Schwester ihr Leben in dieser entsetzlichen Kleinstadt verbringen müssen?

Vor dem Papierladen des Herrn Silberblatt pfiff sie die ersten Takte der Marseillaise. Im ersten Stock öffnete sich ein Fenster, ein dunkler Kopf schaute heraus.

»Komm spazieren, Anatol!« rief sie hinauf.

»Bei dem Wetter!«

»Komm nur!«

Wenige Augenblicke später trat Anatols große, hagere Gestalt aus der Ladentür.

»Bist Du ganz verrückt, Lene? Bei diesem Regen spazieren gehen!«

»Sei gut, Anatol, ich muß mich auslüften. Wir wollen an den Fluß gehen.«

Breit und träge wälzten sich die grauen Fluten des mächtigen Flusses, die endlose Ebene versank in den Wolken, ungeheure Traurigkeit lastete schwer auf der ganzen Landschaft.

Lene schwieg; dies war bei ihr eine solche Seltenheit, daß Anatol schier besorgt fragte: »Was ist denn wieder los, Kleine?«

Sie wandte ihm tränenfeuchte Augen zu. »Ich halte es nicht mehr aus! Jetzt, da Ilse fortgeht, ich habe sie ja nie leiden können, das alberne Ding, aber sie war nützlich, weil sich die Mutter hauptsächlich mit ihr beschäftigt hat. Aber jetzt muß ich dann die Haustochter spielen. Und Du gehst auch nach Berlin, und Johannes kommt nächstes Jahr aus dem Hause. Ich wollte, ich wäre tot!«

Er klopfte ihr beschwichtigend auf die Schulter. »Wie alt bist Du denn eigentlich?«

»Siebzehn vorbei.«

»Ja, dann mußt Du eben noch vier Jahre warten, bis Du frei bist.«

»Das halte ich nicht aus. Wann fährst Du fort?«

»Nächste Woche.«

»Und Du willst wirklich Journalist werden?«

»Ja, aber erzähle es nicht meinem Vater, der glaubt, ich würde beim Jus bleiben.«

»Anatol!«

»Was?«

»Weißt Du, daß ich sehr praktisch bin und sogar kochen kann?«

Er schaute sie verständnislos an. »Kann schon sein, weshalb erzählst Du mir das?«

»Weil ...« Sie stockte, das schmale Gesicht rötete sich. »Anatol, lieber Anatol, willst Du mich nicht heiraten?«

»Bist Du ganz verrückt geworden?«

Sie überwand ihre augenblickliche Verlegenheit. »Weißt Du, so wie die russischen Studentinnen es taten, früher, um von daheim fortzukommen. Ich würde Dich gar nicht stören. Bitte, Anatol, heirate mich.«

Er lachte. »Nein, Du kleine Närrin.«

»Weshalb?«

»Ich heirate keine Christin,« entgegnete er unliebenswürdig, »und dann wäre es für mich lächerlich, mit neunzehn Jahren heiratet man doch noch nicht. Um Gotteswillen, weine nicht, ich wollte Dich ja nicht kränken.«

Lene hatte sich an einen Baumstamm gelehnt und schluchzte bitterlich. »Das nennt man Freundschaft, eine so geringfügige Sache schlägst Du mir ab? Und wir haben doch geschworen, zusammenzuhalten, immer!«

Er war ernst geworden; das war kein trotziges Kind mehr, das hier so verzweifelt weinte, war eine gequälte junge Seele, die nach Freiheit schrie. Plötzliches Mitleid erfaßte ihn; er zog sie an sich. »Weine nicht, kleine Lene, verlier' nicht den Mut. Wenn es für Dich Arbeit gibt, komme ich Dich holen.«

»Bestimmt?«

»Ganz bestimmt!«


Man saß beim Hochzeitsdiner, Frau Selder wischte sich unentwegt die Augen, der Gymnasialprofessor plauderte liebenswürdig mit der Mutter des Bräutigams, das Brautpaar flüsterte miteinander und Friedrich, der Oberleutnant, machte seiner neuen Schwägerin den Hof.

»Eine gute Partie,« meinte eine alte Tante von Frau Selder zum Gymnasialdirektor, »Gerichtsassessor und ein so schneidiger junger Mann.«

»Ja, er muß ein forscher Student gewesen sein, sehen Sie nur die vielen Schmisse.«

»Haben Sie je ein Fliegenauge unter dem Mikroskop betrachtet, gnädiges Fräulein?« fragte Gustav seine Nachbarin. »Ein wahres Kunstwerk.« Das junge Mädchen sah ihn schier erschrocken an. »Nein, Herr Selder.«

»Nun werden bald Sie an die Reihe kommen, Fräulein Helene,« bemerkte der Brautführer, ein eleganter junger Offizier, »Sie müssen aber in die Armee heiraten, schon Ihrem Bruder zuliebe.«

»Ich hasse Offiziere,« entgegnete sie gedankenlos, dann etwas erschrocken über ihre Unliebenswürdigkeit, »ich meine, überhaupt das Militär.«

»Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?«

Johannes saß am untersten Ende der Tafel, neben dem jüngsten Bruder des Bräutigams, einem Studenten. Er fühlte sich vereinsamt und traurig. Wie fremd waren ihm doch alle diese Menschen, trotz der vielen unter ihnen verbrachten Jahre. Nur Lenes trotziges, kleines Gesicht mutete ihn vertraut an. »Was werden Sie studieren?« fragte sein Nachbar. »Medizin? Sehen Sie nur zu, daß Sie in eine gute Verbindung kommen, ich werde Ihnen gerne behilflich sein.«

»Danke, ich will in keine Verbindung eintreten.«

»Das müssen Sie doch; das ist doch die Hauptsache im Studentenleben! Wann beenden Sie die Schule?«

»Nächstes Jahr.«

»Wir werden uns ja wohl in Berlin sehen!«

Der Gymnasialprofessor erhob sich und schlug an sein Glas. In einer wohleinstudierten Rede trank er auf das Wohl seiner Gäste und verlieh der Freude Ausdruck, sein teueres Kind den Händen eines so wackeren Mannes anvertrauen zu dürfen. Während des allgemeinen Anstoßens glitt Lene unbemerkt zu Johannes hinüber. »Wir wollen uns drücken,« flüsterte sie, »der alte General wird bestimmt ein Hoch auf den Kaiser ausbringen, und da tue ich nicht mit.«

»Du bist kindisch, Lene.«

Sie sah ihn vorwurfsvoll an. »Man darf keine Kompromisse schließen. Komm, niemand wird bemerken, daß wir fehlen.«

Er folgte ihr; sie eilte ihm voraus, die Bodentreppe hinauf, das lange Kleid mit beiden Händen hochhaltend.

»Mein Gott, war das gräßlich!« rief sie, sich auf eines der alten Polster werfend.

»Was denn?«

»Die ganze Komödie und diese Leute; widerlich. Aber was machst Du für ein Gesicht, Johannes, Du schaust ja ganz traurig drein.«

»Lene, glaubst Du, daß Dein Vater recht hat, und ich ein undankbarer Charakter bin?«

»Weshalb?«

»Ich bin nun doch seit vielen Jahren bei euch, und als wir unten saßen, fühlte ich ganz deutlich, daß ihr mir alle fremd seid, ja, sogar Du, Lenchen, ich gehöre nicht zu euch, es ist dasselbe, wie in der Schule; stets war ich allen fremd, gehöre nirgends hin. Ich habe Heimweh und weiß nicht, wonach.«

»Vielleicht nach Rußland; aber daran kannst Du Dich ja gar nicht mehr erinnern.«

»Nein; bisweilen ist mir, als hätte ich Heimweh nach einem anderen Land, das ich noch vor Rußland gekannt habe, nach Menschen, die eine Sprache reden, die ich nie gehört habe. Weißt Du, Lene, wie mir oft zu Mute ist? Wie dem Ahasver, der wandern mußte, immer wandern, und niemals heimfand.«

Sie war nachdenklich geworden.

»Erinnerst Du Dich, was uns Anatol neulich schrieb; von der neuen Welt, die wir aufbauen müßten, der glücklichen gerechten Welt?«

»Ja, ich weiß nicht weshalb, aber wenn ich an diese Worte denke, sehe ich immer einen Hügel, auf dem eine Stadt liegt. Und von dieser Stadt strömt Licht nach der ganzen Welt hin.«

Lene lachte auf. »Ich weiß, was für ein Bild Du meinst; warte, ich werde es Dir gleich zeigen.« Sie kramte in der Bücherkiste und brachte ein altes illustriertes Liederbuch zum Vorschein. Die staubigen, vergilbten Blätter umwendend, fand sie das Bild. Von einer Anhöhe strebte ein gewaltiger Tempel auf, dessen Helle die tiefer liegende Landschaft erleuchtete. Die beiden Köpfe beugten sich über das Bild, und Lene las halblaut die erste Strophe des Kirchenliedes:

»Jerusalem, du hochgebaute Stadt ...«

Elftes Kapitel.

Strahlender Sonnenschein verklärte das banale ostpreußische Städtchen zu wundersamer Schönheit. Rosen und Nelken loderten in den kleinen Gärten, Malven wiegten gemächlich die dicken Köpfe im Winde, feierlich hieratische Lilien lächelten klösterlich und sandten fromme Düfte zum Himmel empor. An den Hecken blühte Jasmin in wilder Verschwendung, Blüte an Blüte, so dicht, daß kaum ein grünes Blatt zu sehen war.

Außerhalb der Stadt dehnten sich wogend unendliche Ährenfelder, ein einziges, unbegrenztes gelbes Meer, aus dem hier und dort rotblutend kleine Mohninseln aufragten oder kornblumenblau ein Stückchen Himmel sich spiegelte. Festlicher Duft entströmte der gebärenden Erde, alles drängte, trieb zur Vollendung, zum höchsten Gedeihen; das Land feierte Sonntag, Sonnentag.

Sogar in die grauen Häuser drang der Sonnenzauber, enge Stuben erschienen plötzlich weit in dem hereinstürzenden, alles überflutenden Licht, Feiertag lag auf wintermüden Gesichtern, in dunkelgewöhnte Augen spielten Sonnenstrahlen.

Gustav Selder packte; Lene und Johannes halfen ihm. Gustavs kurzsichtige Augen tasteten ängstlich suchend das Zimmer ab.

»Wo ist mein blaues Heft, Lene, in dem ich meine Notizen habe? Das muß mit.«

Die Schwester lachte. »Vor Deiner Nase, Du blinder Maulwurf. Eile Dich doch, wir wollen ins Freie.«

»Gleich, gleich, und das Buch mit den Tabellen, ich kann es nicht finden.«

»Mein Gott, Du mit Deinen Büchern!«

Sorgfältig packte Gustav, hüllte Buch um Buch in Zeitungspapier, bettete sie schier zärtlich in den großen Koffer. Endlich war alles fertig. »So,« meinte er vergnügt, »jetzt bekommt Ihr jeder eine Zigarette zur Belohnung, aber geh fort vom Fenster, Lene, daß Dich niemand rauchen sieht.«

Sie setzte sich auf den geschlossenen Koffer. »Bist Du froh, Gustav?«

»Worüber?«

»Daß Du fortkommst.«

»Ja. Hier ist es freilich angenehm ruhig zum Arbeiten, aber wenn ich an die Instrumente und Laboratorien denke, die es in Berlin gibt!« Die kurzsichtigen Augen leuchteten auf.

»Wirst Du dort auch den ganzen Tag über Deinen Büchern hocken?«

»Natürlich; was sollte ich denn sonst tun? Wenn mich nur der eklige Kerl, Ilses Schwager, mit seiner dummen Verbindung in Ruhe läßt! Wozu hat ihm denn der Vater geschrieben, daß ich nach Berlin komme?«

Lene lachte spöttisch. »Du naives Kind! Du sollst doch ›gute‹ Bekanntschaften machen, in die ›Gesellschaft‹ kommen. In Adalberts Verbindung sind fast lauter Aristokraten.«

Gustav blickte sie hilflos an. »Was soll ich denn mit den Leuten anfangen? Die wissen ja gar nichts, spielen, trinken, raufen und ...« Er stockte, suchte nach einem für Mädchenohren passenden Ausdruck. »Und vergnügen sich mit Weibern. Ja, wenn ich Empfehlungen an Professoren hätte!«

»Suche doch Anatol Silberblatt auf,« bemerkte Johannes, »er ist in einen interessanten Kreis geraten.«

»Ich mag Euren lieben Anatol nicht. Nein, nicht weil er Jude ist, Lene, Du brauchst mich nicht so wütend anzuschauen. Ich achte die Juden, sie haben wissenschaftlich viel geleistet; aber diese Burschen mit ihrem Weltbeglückungsfieber sind mir zuwider, sie schreien herum, meinen mit ihrem Reden wunder was zu erreichen, und schließlich bleibt doch alles beim alten. Was geht mich die Politik an? Es gibt nur eine Wahrheit auf der Welt: die Wissenschaft.«

»Aber wenn Du wählen sollst, Gustav, da mußt Du doch irgendeine Überzeugung haben!«

»Überzeugung? Erstens werde ich höchstwahrscheinlich nie wählen, das Ganze ist mir völlig gleichgültig; und wenn ich es dennoch täte, so würde ich den wählen, von dem für die Wissenschaft am meisten zu erhoffen ist.«

»Wie, sogar einen Sozialisten?«

»Weshalb denn nicht? Diese ganzen Parteisachen kommen mir höchst kindisch vor. Ja, Lene, ich weiß, daß ich Dich in Deinen heiligsten Gefühlen kränke; übrigens ist ein Sozialdemokrat für unser ehrbares, konservatives Haus gerade genug.«

Sie wurde dunkelrot.

»Was willst Du damit sagen?«

»Daß ich doch nicht so blind bin, wie Ihr alle glaubt, und sehr gut weiß, warum meine liebe Schwester am ersten Mai mit Kopfschmerzen schon um sieben Uhr zu Bett ging und um Gottes willen nicht gestört werden durfte. Glaubst Du, Du dummer Fratz, Du könntest in dieser Kleinstadt in die sozialdemokratischen Versammlungen gehen, ohne erkannt zu werden?«

Sie blickte ihn halb erschrocken, halb trotzig an. »Wirst Du es dem Vater sagen?«

»Weshalb sollte ich? Jeder kann tun, was er will, und, unter uns gesagt, ist mir der Vater mit seinem »Deutschland über alles« noch zuwiderer als Du mit Deinem »Volk«. Ich bin international, nein, nicht in Deinem Sinn, Vereinigung aller wissenschaftlich Arbeitenden zur Förderung der Wissenschaft. Übrigens bist Du ein interessanter Fall, Lene, lauter Pastoren und Schullehrer als Ahnen, und das letzte Produkt eine wilde Revolutionärin! Ein merkwürdiger Rückschlag, der vielleicht bis zu einem Ahnen aus der Steinzeit geht. Man müßte ...«

»Gustav, Du bist jetzt neunzehn Jahre alt, gibt es denn nichts auf der Welt, was Dich zu erwärmen vermag?«

Ein verblüffter Blick traf sie. »Wie dumm Du bist, meine Arbeit natürlich. Außerdem,« ein gutes Lächeln huschte über das unschöne Gesicht, »manchmal auch meine kleine Schwester. Jetzt, wo ich fortgehe, merke ich erst, daß ich die zwei Narren der Familie, Dich und Johannes recht lieb habe.«

Sie schnellte auf und umschlang ihn stürmisch: »Du bist also doch ein Mensch, Gustav!«

»Vorsicht, Lene, meine Brille!«


Johannes hatte die Kerze verlöscht, fahler Mondschein erfüllte das Zimmer mit kaltem Licht; unheimliche Schatten huschten über die Wände. Durch das geöffnete Fenster trug der sanfte Nachtwind den Duft frischgeschnittenen Heues herein. Johannes starrte auf die verödete Straße, die gleich einer dunklen Schlucht in die schwarze Unendlichkeit zu münden schien. Hier und dort war noch ein Zimmer erleuchtet; ängstliche, zaghafte Lichter kämpften gegen die Nacht.

Heute nachmittag war Gustav fortgefahren. Die ganze Familie hatte ihn zum Bahnhof begleitet; der Gymnasialprofessor, stolz auf den Sohn, der sein Abiturium mit Auszeichnung bestanden hatte, redete laut und eindringlich, als ob die letzten guten Lehren auch den Gepäckträgern galten; Frau Selder gab sich einer wehmütig-freudigen Rührung hin, und Lene versetzte alle in Erstaunen, indem sie in Tränen ausbrach, als sich der Zug in Bewegung setzte.

»Das gute Kind,« flüsterte Frau Selder ihrem Manne zu, »es hat doch Familiensinn.« Und Lene drückte Johannes' Arm schmerzhaft zusammen: »Der kann fort und ich muß hier bleiben. Mein Gott, wenn man doch keine Familie hätte!«

Johannes lächelte vor sich hin, ihm war die kleine Szene eingefallen, die sich gestern abend zwischen Vater und Sohn abgespielt hatte. Er und Gustav lagen bereits zu Bett, da trat der Gymnasialprofessor ein und ließ sich neben dem Tisch nieder. Er schien gerührt und etwas verlegen. »Du gehst jetzt in die große Welt, Gustav, vergiß auch dort nicht die Lehren Deines Elternhauses. Du wirst allerhand Menschen kennen lernen, vergiß nie, daß Du ein evangelischer Christ und ein Deutscher bist.«

Gustav murmelte etwas Unverständliches zwischen den Kissen hervor.

Der Gymnasialprofessor erhob sich und schritt im Zimmer auf und ab. Er räusperte sich etliche Male, blieb beim Waschtisch stehen, stellte das Glas von der einen auf die andere Seite und fuhr schließlich fort: »Eine der Eigenheiten, die uns Deutsche besonders günstig von den anderen Nationen unterscheidet, ist unser schönes reines Familienleben.« Er stockte, sah sich hilfesuchend im Zimmer um. Gustav grinste boshaft. »Du wirst, wie ich Dir bereits sagte, allerlei Menschen treffen ... Menschen ... ich meine ... nicht nur Männer. Die Gefahren der Großstadt ... Nicht alle Frauen gleichen Deiner lieben Mutter und Deinen Schwestern. Es gibt auch ...« Er stockte abermals.

»Huren!« ergänzte Gustav gelassen. »Ich weiß schon, was Du sagen willst, Vater. Mache Dir keine Sorgen um mich. Ich kann Weiber ohnehin nicht leiden, sie vergeuden einem die kostbare Zeit, und lernen kann man von ihnen auch nichts. Außerdem ist es ein wissenschaftlich viel umstrittener Punkt, ob es gesünder sei, Enthaltsamkeit zu wahren, oder nicht, Forel zum Beispiel widerspricht dem Professor ...«

Der Gymnasialprofessor war bis zur Tür geflohen, nun riß er sie auf. »Gute Nacht, Gustav,« unterbrach er den Sohn, »gute Nacht, Johannes!« – –

Johannes war wieder ernst geworden; er gedachte des Kameraden, der nun durch die Nacht fuhr. Morgen würde er in Berlin eintreffen. Gustav begann nun sein eigenes Leben. Die ganze Welt lag vor ihm und viele, lange Jahre, in denen er sich mit dieser Welt auseinandersetzen konnte. Wie gelassen war er diesem Gedanken gegenüber! Für ihn bedeutete die Welt seine geliebte Wissenschaft, er blickte nicht nach links, nicht nach rechts, ging eine gerade, ebene Straße zwischen zwei hohen Mauern dahin, hielt sich fern vom Leben, blieb den Menschen gegenüber fremd. Doch ihn störte dieses Fremdsein, das Johannes so quälte, nicht im geringsten. Er sah die Menschen gar nicht, ahnte nichts von ihren Schmerzen, ihrem Glück.

In einem Jahr würde dann auch er selbst hinausziehen in die Welt; er atmete tief auf. War es nicht wie ein Sprung in ein ungeheures schwarzes Meer mit drohenden Wogen? Würde seine Kraft nicht versagen? Und wohin würden ihn die Wogen treiben, wohin strebte er? Er war anders geartet als Gustav, sein Studium konnte ihm nicht alles bedeuten. Was wollte er eigentlich? Er dachte an Lene: »Ich will den Menschen helfen, für die bessere Welt kämpfen,« hatte sie unlängst gesagt. Sie glaubte an einen Sieg. Ihrer trotzig frohen Natur behagte der Kampf. »Den Menschen helfen«, ja, das wollte auch er, doch mußte er hierzu ihnen nicht erst näher kommen?

Ein Helfen von oben herab widerstrebte ihm. Man mußte inmitten der Masse stehen, mit ihr, nicht nur für sie kämpfen. Anatol Silberblatt kam ihm in den Sinn, der schrieb begeisterte Briefe aus Berlin: »Ich nehme Teil an der Arbeiterbewegung, wir treiben Propaganda, halten Versammlungen ab, klären die Massen auf. Es sind viele Russen an der Universität, die verstehen sich auf revolutionäre Arbeit. Es ist gut, daß Du ein Jahr in der Schule erspart hast, komm' bald zu uns.« Der glaubte auch an seine Arbeit, an die Erreichung des Zieles, an die angewendeten Mittel. Propaganda? Seit Jahrzehnten wurde Propaganda getrieben, wurden Versammlungen abgehalten, die Massen aufgeklärt. Und dennoch waren die Armen heute elender, die Entrechteten geknechteter denn je. In den Händen der Wenigen lag das Schicksal der Vielen; der Reichtum des Landes floß nicht, ein gesegneter Strom, durch alle Schichten, sondern lastete als erdrückende Bürde auf darbenden, abgearbeiteten Leibern. Der in Jahrhunderten errungene Fortschritt war kaum zu bemerken. Ging dies derart weiter, so wurden Generationen um Generationen geopfert, ehe das Reich der Gerechtigkeit kam. Was aber konnte an Stelle der Propaganda durch das Wort gesetzt werden? Verschwommen durchzuckte ein Satz sein Gehirn: »Die Propaganda durch die Tat!« Nein, auch die Tat des einzelnen brachte keine Rettung, was hatten Kaliajews, Sasonows heldenmütige Handlungen Rußland genützt? Sie hatten erreicht, daß eine verängstete, um Leben und Güter bangende Bourgeoisie sich noch enger zusammenschloß, eine kompaktere Masse bildete, die noch schwerer zu bekämpfen war. Wie, wodurch konnte der Sieg errungen werden?

Johannes warf einen Blick durchs Fenster. Wie kalt und grausam der Mond am Himmel stand! Glich er nicht einem unbarmherzigen Herrscher, der gelassen und fühllos, sich seiner Macht bewußt, auf die ringenden, leidenden, gefolterten Untertanen herabsah? Eine kleine Wolke wurde vom Wind gegen den Mond getrieben, für einen Augenblick verschwand er, dann zeigte er triumphierend, mit bösem Grinsen, von neuem seine boshafte, totstarre Fratze. Ein seltsames Gefühl überkam Johannes: würde es den Wolken gelingen, dieses bosheitsatmende Gebilde zu vernichten? Gespannt starrte er zum Himmel hinauf. Wolke um Wolke warf sich gegen das furchtbare Gesicht, zerstob vor den fahlen Strahlen, die gleich Lanzen in das flaumige Wolkenweiß stachen. Im Westen jedoch ballten sich schwarz und gewitterdrohend immer mehr Wolken zusammen. Von allen Ecken und Enden des Himmels kamen sie nun geflogen, Wind erhob sich, eine gewaltige, schwarze Masse wälzte sich gegen den Mond vor. Ein Blitz zerriß den Himmel. Und nun hatte die schwarze Masse den Mond erreicht, sie überflutete ihn, riß ihn in ihr dunkles, brodelndes Meer. Er verschwand. Ein heftiger Donnerschlag dröhnte durch die Nacht, heulend warf sich der Sturm gegen die Häuser. Das Gewitter hatte gesiegt!