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Der Tempel: Roman

Chapter 17: Fünfzehntes Kapitel.
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About This Book

The narrative opens in a cramped household where an elder recounts a visionary prophecy of a sacred house rebuilt by diverse hands, then moves into narrow streets where a rising mob carries out a brutal pogrom against the local community. Intimate scenes of domestic care and ancestral memory alternate with public violence, legal impotence, and collective fear. Through prophetic imagery and vivid reportage the work examines loss, resilience, and the moral demands of rebuilding communal life, asking how shared acts of compassion can repurpose grief into durable solidarity.

Zwölftes Kapitel.

Lene Selder stieg rasch die Treppen hinauf, die in der großen Berliner Mietskaserne zum vierten Stock führten. Das Gebäude lag in einem ärmlichen Viertel, in die enge Gasse fiel keine Sonne, und an diesem kalten winterlichen Vormittag erschienen Gasse und Häuser besonders trostlos. Eine unordentliche, ungekämmte Frau scheuerte die Treppe: »Herr Selder, der wohnt im vierten Stock, die zweite Tür links.«

Lene klopfte. Keine Antwort. Sollte Johannes noch schlafen? Sie klopfte abermals, dann rüttelte sie an der Klinke.

Die Tür des Nebenzimmers wurde geöffnet, ein dunkler Kopf schaute heraus: »Er ist nicht daheim, kommt gegen Mittag zurück. Herrgott, Lene! Was machst denn Du hier?«

»Anatol! Wohnst Du denn auch hier? Laß mich hinein, ich bin eben mit dem Frühzug angekommen und ganz durchgefroren.«

Anatol Silberblatt trat auf den Korridor; er sah müde und verschlafen aus. »Wie kommst denn Du nach Berlin?«

Sie lachte ein wenig befangen. »Ich bin durchgegangen.«

»Ja, aber ...«

»Ich erzähle Dir alles, laß mich nur ins Zimmer, mich etwas erwärmen.«

»Komm', aber ich bin nicht allein.«

Sie folgte ihm. Das Zimmer war in einen blauen Rauchnebel gehüllt; am Schreibtisch saß ein älterer Mann mit leicht ergrautem Haar und schrieb, auf dem Sofa lümmelte ein jüngerer Mensch.

»Wir haben Besuch bekommen,« verkündete Anatol, »eine von daheim durchgegangene junge Dame. Kerner, das ist Selders Schwester, von der wir Dir schon öfter erzählt haben. Savin, mach' Platz, sie ist müde von der Reise.«

Der ältere Mann reichte Lene ohne aufzusehen die Hand, und der junge Russe schnellte eilig vom Sofa auf. »Wir kennen Sie schon ganz gut, Fräulein, Johannes hat oft von Ihnen gesprochen. Wie kalt Ihre Hände sind! Gib den Schnellsieder her, Anatol, wir müssen ihr Tee kochen.«

Etwas verwirrt sah sich Lene in der Stube um; auf dem ungemachten Bett türmten sich Zeitungen, Bücher bedeckten den einzigen Tisch, Zigarettenstummel und Asche lagen am Boden. Sie blickte verstohlen nach den Insassen des Zimmers. Anatol hatte sich ein wenig verändert, sein Gesicht war etwas härter, energischer geworden, die Augenlider und Ränder waren leicht gerötet, als ob er zu wenig schlafe. Der Mann am Schreibtisch mußte ein Deutscher sein, ein gutmütiges, verwittertes Gesicht mit unzähligen Runzeln und Falten; ein scharfer Zug um den Mund verlieh ihm einen Ausdruck tiefer Traurigkeit, der im Widerspruch mit den frohen blauen Augen stand, die sich eben vom Papier hoben und Lene freundlich zulächelten. Savin stand am Waschtisch, spülte ein Glas aus, machte sich mit der henkellosen Teekanne zu schaffen; seine Bewegungen waren leicht und geschickt, wie die einer Frau. Savin, der Name deuchte Lene bekannt. War das nicht der junge Russe, der aus dem Moskauer Gefängnis entflohen war, über den ihr Johannes geschrieben hatte?

Anatol warf etliche Zeitungen auf den Fußboden, um Platz zu machen, und setzte sich aufs Bett. »Was willst Du denn eigentlich hier machen, Lene?«

»Ich weiß noch nicht,« gestand sie etwas verlegen, »hoffe Gustav überreden zu können, daß er mich bei sich behält.«

Anatol lachte. »Gustav! Das einfachste ist, Du gehst zu ihm, richtest Dich dort häuslich ein, er hat ohnehin zwei Zimmer, der Kapitalist, redest erst nicht lange. Nach drei Wochen wird er vielleicht bemerken, daß Du da bist. Dann kannst Du ihm einreden, Du wärest schon immer dagewesen, er hätte es bloß vergessen gehabt.«

»Ist er so beschäftigt?«

»Beschäftigt! Sag' lieber verrückt. Den ganzen Tag hockt er im Laboratorium und abends sitzt er bei seinen Büchern bis spät in die Nacht hinein. Wir waren unlängst bei ihm, Johannes und ich, er war sehr freundlich, freute sich ungemein, uns zu sehen; nach fünf Minuten aber sagte er: »Geht Ihr nicht bald fort, liebe Kinder? Ich habe zu arbeiten.«

Savin reichte Lene ein Glas Tee. »Sie müssen müde sein. Fräulein, nehmen Sie doch Ihren Hut ab. Anatol, wirf ein Kissen her, sie sitzt unbequem.« Er stopfte ihr das Kissen in den Rücken, breitete eine Decke über ihre kalten Füße, zündete ihr eine Zigarette an. Und wieder dachte Lene, er ist wie eine Frau so besorgt und gütig; ich hatte mir russische Revolutionäre ganz anders vorgestellt.

Inzwischen war Anatol an den Schreibtisch getreten und besprach sich halblaut mit Kerner.

Lene kam sich einsam und verloren vor; heimliche Sehnsucht nach dem verhaßten Elternhaus überkam sie. Was wollte sie hier unter diesen fremden Leuten? Sie fühlte zu ihrem großen Ärger, daß ihr Tränen in die Augen stiegen, unterdrücktes Schluchzen preßte ihr die Kehle zusammen.

Savin schien ihre Stimmung zu erraten; er schob die Teekanne vorsichtig fort und setzte sich auf die Tischkante. »Es kommt Ihnen merkwürdig vor, nicht wahr? Ein wenig fremd und unheimlich? Sie dürfen nicht traurig sein, Fräulein, in einer Woche werden Sie sich hier schon zu Hause fühlen. Johannes wird sich freuen, Sie zu sehen. Ich glaube, er hatte immer Heimweh nach Ihnen.«

Die weiche slawische Stimme tat ihr wohl; sie fühlte ihren Mut zurückkehren.

»Wir werden auch bald Arbeit für Sie finden,« fuhr der junge Russe fort, »Sie gehören doch zu uns?«

»Freilich! Nur ... ich bin so unerfahren ... Weiß gar nicht ...«

Er lächelte. »Wir werden Sie einmal in die Arbeiterviertel führen, Fräulein. Wenn Sie erst die Kinder gesehen haben: rachitisch, verkümmert, mit blassen alten Gesichtern, verschreckten hungrigen Augen, und die Frauen, die gar keine Frauen mehr sind, sondern Lasttiere, ausgearbeitete Maschinen, dann werden Sie schon wissen, um was es sich handelt.«

Er hatte ganz leise gesprochen, um Anatol und Kerner nicht zu stören, aber ein eisiger Zorn tönte aus seiner Stimme, eine mühsam beherrschte Wut; die grauen Augen blitzten.

»Ich möchte ja so gerne helfen,« sagte sie schüchtern.

»Sie werden auch helfen. Bisher kennen Sie alles nur aus Büchern; wenn Sie aber das Elend wirklich sehen werden, und daneben den Reichtum, die eleganten Straßen, die Müßiggänger, und wissen werden, für jeden dieser Gecken, jede dieser vornehmen Damen verbluten Hunderte ihr Leben, werden jeder Glücksmöglichkeit beraubt, jedes Menschenrechtes, dann werden Sie auch nicht mehr bedauern, Ihr behagliches Heim aufgegeben zu haben.«

Lene lächelte unwillkürlich. »Gar so schön war es nicht,« meinte sie ehrlich. »Nun hängt für mich alles von meinem Bruder ab.«

»Ihr Bruder ist ein merkwürdiger Mensch,« entgegnete Savin. »Vollkommen weltfremd. Er weiß gar nicht, was um ihn herum geschieht. Trotzdem kann ich ihn gut leiden, er hat ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl. Neulich wurde in einer Fabrik ein Arbeiter höchst ungerechterweise entlassen. Ein Mann, der sechs Kinder zu versorgen hat. Ihr Bruder, der wegen einer kleinen Erfindung, die er gemacht hat, mit dem Fabrikanten in Unterhandlungen stand, erfuhr von dem Fall, und brach die Unterhandlungen ab, erklärend, er wolle mit solchen Schweinen nichts zu tun haben.«

»Gustav?« rief Lene freudig erstaunt.

»Ja, aber seine Begründung war charakteristisch: ein solcher Mensch schändet die Wissenschaft und darf daher aus ihr keinen Nutzen ziehen.«

Beide lachten. Savin schenkte ihr noch ein Glas Tee ein. »Ist Ihnen jetzt wärmer?« Sie nickte. »Auch in der Seele?« »Ja, woher wußten Sie, wie mir zumute war?«

Er wurde ernst. »Auch ich stamme aus dem verdammten Bourgeoismilieu und weiß, wie viel wir abzustreifen haben; das gesicherte, ruhige Leben hängt wie Kletten an uns, behindert jede Bewegung. Und wir können uns nicht mit einem Ruck freimachen, müssen tagtäglich von neuem dagegen ankämpfen. Bisweilen beneide ich Menschen wie Kerner.«

Sie sah fragend zu ihm auf.

»Ein gewesener Arbeiter; jetzt ist er Sekretär des Metallarbeiterverbandes. Der Mann kennt nur eines: die Arbeiterbewegung. Das ist sein Leben, sein Glück, seine Hoffnung.«

Anatol trat an die beiden heran: »Komm, Lene, wir wollen Johannes von der Universität abholen. Der wird erstaunt sein, wenn er Dich sieht.«

Gustav ließ sich von der Schwester unerwartetem Erscheinen keineswegs in Aufregung versetzen. Er blickte von seinen Büchern auf, nickte ihr zerstreut, freundlich zu: »Du, Lene? Das ist nett, daß Du mich besuchst. Setz' Dich, nur einen Augenblick, ich bin gleich fertig.«

Aus dem Augenblick wurde eine halbe Stunde. Endlich schloß Gustav das Buch und wandte sich der Schwester zu. »Ist die Mutter auch hier?«

»Die Mutter? Nein.«

»Haben sie Dich allein nach Berlin gehen lassen? Das wundert mich.«

»Sie wissen doch gar nicht, daß ich hier bin, glauben ich sei auf dem Lande bei Ilses Schwiegereltern.«

Gustav bewahrte seine Ruhe. »So, und was treibt Dich denn eigentlich hierher?«

»Ich konnte es daheim nicht mehr aushalten! Du weißt doch, wie es ist. Und ich habe gedacht ... Gustav, lieber guter Gustav ... Laß mich bei Dir bleiben.«

»Bei mir?«

Sie setzte sich auf die Lehne seines Stuhles, streichelte ihm das Haar, schilderte in beweglichen Worten ihr eintöniges, unerträgliches Leben im Elternhaus, schmeichelte, bettelte.

Er blickte sie bekümmert an. »Warum heiratest Du denn nicht? Du bist recht hübsch geworden, hast auch eine anständige Mitgift. Du müßtest doch einen Mann finden können.«

Lene lachte etwas weinerlich.

»Erstens hat mich noch niemand haben wollen, und dann heiraten? Ein Leben führen wie Ilse, bei der sich alles um das Kind und ihren gräßlichen Adolf dreht? Laß mich hier bleiben, ich werde Dich gar nicht stören.«

»Nicht stören! Heute abend habe ich durch Dich schon anderthalb Stunden verloren.«

»Das war bloß heute, bis wir alles besprochen haben. Gustav, ich bitte Dich.«

»Stoß nicht an den Schreibtisch, Du bringst meine Papiere in Unordnung. Mußt Du denn ausgerechnet bei mir wohnen? Du kannst doch in eine Pension gehen, ich werde Dich jeden Sonntag besuchen.«

»Das werden die Eltern nie zugeben.« Nun weinte sie wirklich, eng an den Bruder geschmiegt. Er streichelte ungelenk das krause Haar. »Paß doch auf! Du weinst mir meine Abhandlung naß. Neben mir ist noch ein Zimmer frei, dort könntest Du wohnen.«

»Wie gut Du bist!«

»Warte, nicht so ungestüm; erst müssen wir allerlei Abmachungen treffen.

Du kannst mit mir frühstücken, darfst aber dabei nicht sprechen; das zerstreut mich. Tagsüber bin ich nicht zu Hause, da soll sich Johannes um Dich kümmern oder seine Freunde. Am Abend können wir zusammen essen, aber Du mußt Dir ein Buch nehmen und den Mund halten. Meinen Schreibtisch rührst Du nicht an, darfst auch keine dummen Fragen stellen, wie: ›Was arbeitest Du jetzt?‹ oder ›Was bedeutet diese Formel?‹ Nach dem Abendessen hast Du mich in Ruhe zu lassen. Bist Du einverstanden?«

»Ja, ja; danke, lieber, guter Gustav.«

»Und jetzt geh' zu meiner Wirtin und erkläre ihr alles. Sage auch, daß Du meine Schwester bist, sonst glaubt sie Gott weiß was. Heute habe ich für Dich keine Zeit mehr, gute Nacht.«

»Ja, aber Gustav ...«

»Was denn noch?«

»Du mußt auch den Eltern schreiben. Wenn Du sie bittest, mich hier zu lassen, so werden sie es gestatten; sie halten so viel von Dir. Und sie sollen meinen Koffer nachschicken, gepackt ist er schon.«

»Auch das noch!« Er warf einen verzweifelten Blick auf die Uhr. »Noch eine verlorene halbe Stunde. Na, gut, aber jetzt geh'.«

Vor dem Schlafengehen blickte Lene zum geöffneten Fenster hinaus. Unzählige Lichter stachen in den dunklen Nachthimmel, zitterten, flackerten durch die Luft. Schwere, schwarze Häusermassen breiteten sich wuchtig aus, Wagen rasselten, Automobile rasten schrillend durch die Straßen; die große Stadt keuchte und blies schwarzen, stickigen Atem empor. Dem Mädchen ward schwer ums Herz; all diese unzähligen Häuser, und in den Häusern Menschen um Menschen. Schöne, vornehme Räume, in denen Reichtum wohnte, armselige Zimmer, in denen sich Armut klein machte, Spelunken, stinkende Schenken, in denen sich das Elend duckte. Das letzte Wort warf jäh ein Bild in ihr Gehirn; geducktes Elend, ja das ist sprungbereites Elend, wie ein Raubtier, das zusammengekauert alle Muskeln zum Sprunge strafft. Geduckt: wie lange noch? Und das gewaltige Tier schnellt muskelentspannt auf den Feind?!

Sie schauderte zusammen und schloß das Fenster.

Dreizehntes Kapitel.

Wenige Tage nach Lenes Ankunft in Berlin holte Johannes sie eines Abends ab. »Wir wollen Boris Isralew besuchen; er liegt wieder zu Bett.«

»Wer ist Boris Isralew?«

»Einer meiner besten Freunde und unserer fähigsten Köpfe. Bei ihm wirst Du auch unseren ganzen Kreis kennen lernen.«

Sie hängte sich in ihn ein. »Du hinkst noch immer?«

»Der Arzt meint, das würde nie ganz vergehen, sobald ich müde werde, schleife ich den Fuß nach. Ich bin heute den ganzen Tag herumgelaufen.«

»Es war wirklich Pech, daß Du Dir vorigen Winter beim Schlittschuhlaufen den Fuß brechen mußtest.«

»Ja, außerdem ist das Hinken ein ›besonderes Kennzeichen‹, falls man einmal von der Polizei gesucht werden sollte.«

»Johannes! Was habt Ihr vor?«

»Aha, Deine ostpreußische Bourgeoisseele erbebt bei Erwähnung der Polizei. Du bist doch noch ein rechtes Kind. Übrigens, Savin möchte Dich schon zur Arbeit heranziehen. Ist's Dir recht?«

»Natürlich, was soll ich tun?«

»Er wird selbst darüber mit Dir sprechen.«

Sie gingen durch die frostige Winternacht. Ihre Schritte hallten scharf vom Trottoir wider. Nach einer Viertelstunde erreichten sie ein großes Haus.

»Boris wohnt im fünften Stock.«

Sie betraten ein geräumiges Mansardenzimmer, das Lene auf den ersten Blick mit Menschen erfüllt deuchte. Die alte Befangenheit überkam sie von neuem. In einem Bett an der Wand lag ein abgezehrter Mann mit grauem Haar, das schlecht zu seinem noch jungen Gesicht paßte. Johannes zog Lene ans Bett. »Das ist Boris. Boris, ich habe Dir meine kleine Schwester gebracht.«

Boris Isralew drückte dem jungen Mädchen kräftig die Hand. »Wir haben Sie schon erwartet. Setzen Sie sich, Genossin.«

Lene gehorchte; halb scheu, halb neugierig sah sie sich in der Stube um. Hier war es behaglicher als in Anatols Zimmer; auf Regalen standen unzählige Bücher, einige Bilder hingen an den Wänden, meist Porträte, darunter Männer in russischer Arrestantentracht; auf einem kleinen Tisch summte ein Samowar, sogar ein rotblühender Geranienstock schmückte das Zimmer. Sie ließ ihre Augen über die Anwesenden schweifen. Auf dem einzigen Lehnstuhl saß eine weißhaarige alte Frau mit feinen, vornehmen Zügen; sie plauderte angeregt mit Kerner, der ihr etwas zu erklären schien. Savin disputierte in einer Ecke mit einem blonden jungen Menschen. Ein alter, weißbärtiger Mann wärmte sich vor dem kleinen Ofen. Anatol fehlte.

Savin kam zu Lene herüber. »Sie wollen wohl wissen, wer die Leute sind? Bei uns gibt es kein feierliches Vorstellen, man lernt sich mit der Zeit kennen.«

Boris wurde verlegen. »Verzeihen Sie, ich vergaß ganz, daß Sie niemanden kennen. Erkläre Du, Savin, mich ermüdet das Reden.« Seine Stimme war heiser, er hustete. »Haben Sie sich erkältet?« fragte Lene unüberlegt. Boris lachte ein wenig. »Das gerade nicht, ich bin der unvermeidliche schwindsüchtige russische Jude, der in jedem revolutionären Kreis vertreten sein muß.«

Lene errötete heftig. Savin kam ihr zu Hilfe: »Also Deine Persönlichkeit ist schon erklärt, Boris. Wer interessiert Sie von den anderen am meisten?«

»Die alte Dame dort drüben, sie paßt so gar nicht hierher, sieht so ruhig aus, so ...« Sie stockte.

»Vornehm, wollten Sie sagen, Sie Tochter der Bourgeoisie. Sie scheinen auch noch zu glauben, daß Revolutionäre unbedingt wie Raubmörder aussehen müssen. Diese alte Dame ist die Liebe Ihres Bruders Johannes; hat er Ihnen nicht von ihr erzählt?«

»Nein.«

»Sie heißt Frau von Reuter, damit Sie über alles unterrichtet sind, und ist geborene Engländerin. Sie war an einen inzwischen verstorbenen Ministerialrat verheiratet; guter preußischer Adel, schreiben Sie's Ihrem Herrn Vater zur Beruhigung.« Er lachte boshaft und Lene warf ihm einen zornigen Blick zu. »Ich schreibe meinem Vater überhaupt nicht.«

»Ungeratene Tochter!«

»Ja, aber wie kommt diese Frau ...?«

»Zu uns verruchten Bösewichtern? Sie scheint sich in der feudalen Umgebung recht unbehaglich gefühlt zu haben; ihre einzige Freude war ihr Sohn. Ein lieber, netter Junge, er ist vor einem Jahr gestorben. In ihrer Trauer hat sich die alte Dame verzweifelt an seine Freunde geklammert, und diese Freunde waren eben wir. Außerdem sagt ihr, sie ist eine Engländerin vom guten, alten liberalen Schlag, das preußische System so gar nicht zu. In vielen Dingen kommt sie freilich nicht mit, aber in den Hauptsachen verstehen wir einander sehr gut. Dort drüben geht's übrigens eben hitzig zu; hören wir, was es gibt.«

Der junge blonde Mensch rief eben heftig: »Sabotage ist Verbrechen, mit Gewalt ist nichts auszurichten, nur die Evolution vermag uns weiterzubringen.«

»Dummer Esel!« brummte Savin halblaut.

»Sabotage scheint mir unrichtig,« meinte die alte Dame, »weil sie eine Verschwendung guten Materials bedeutet, doch kann sie im gegebenen Moment ebenso angebracht sein wie jede Gewalt.«

»Gnädige Frau,« der junge blonde Mann dämpfte die Stimme und lächelte liebenswürdig, »der historische Materialismus ...«

»Bitte, lassen Sie mich mit Ihrer Theorie in Ruhe, Philipp, Sie wissen, ich verstehe nichts davon, begreife nur, was meine alten Augen in siebenundsechzig langen Jahren gesehen haben. Und was ich sah – es war weiß Gott nichts Schönes –, hat mich gelehrt, die Gerechtigkeit müsse mit allen Mitteln erzwungen werden. Geht es nicht anders, sogar mit Gewalt.«

»Gewalt ist das Übel,« tönte vom Ofen her eine tiefe singende Stimme, »Gewalt ist böse. Lasset den Geist der Liebe eindringen in alle Herzen, dann wird das Reich des Herrn kommen über Nacht.«

»Unser Prophet,« flüsterte Savin Lene zu, »ein russischer Rabbiner. Bei einem Pogrom wurden vor seinen Augen seine Frau und seine beiden Kinder erschlagen. Seitdem ist er ein wenig wirr im Kopfe.«

»Wer ist der Blonde?« fragte Lene.

»Ein guter Kerl, aber ein großer Dummkopf. Der typische deutsche Revisionist. Ein Mensch, der imstande ist, alles herzugeben, und nicht weiter denken kann als bis zum morgigen Tag. Überhaupt, die deutschen Genossen ...!«

»Sei nicht ungerecht, Savin,« Boris Isralew wandte sich dem Kameraden zu, »sie haben gute Arbeit geleistet.«

»Aber der Schwung fehlt ihnen, das heilige Feuer, die Vision. Sie kleben an der Erde. Sozialismus ist nicht nur Lohnfrage, philosophische Theorie. Sozialismus ist in erster Linie Religion! Die Deutschen sind zufrieden, wenn sie die Wunden der Menschheit mit Pflastern verkleben können, hier ein Gesetzlein, dort ein Gesetzlein. Aber das strömende Blut stößt die Pflaster ab, und der Organismus verblutet. Es ist ein Unglück für die Welt, daß ausgerechnet die Deutschen in der ›Internationale‹ die führende Rolle spielen.«

»Patriot!« lachte der Kranke. »Sollen die Russen sie übernehmen?«

»Nicht unbedingt, vielleicht die Italiener!«

Boris schüttelte den Kopf. »Flammengeister, ohne die nötige Tiefe. Ich glaube an die Deutschen. Wenn es einmal ernst wird, so werden sie die Probe bestehen.«

Savin zuckte die Achseln. »Einige Auserwählte, hinter denen dann die ganze Meute herkläffen wird. Die ›Partei‹ nicht.« –

Das Gespräch ward allgemeiner, Lene lauschte schweigend. Unverständliche Worte schlugen gegen ihr Ohr, fremde Begriffe stürmten auf sie ein. Unwillkürlich dachte sie an ihr Elternhaus zurück. Um diese Stunde saß der Vater über seinen Heften, und die Mutter nähte und stopfte. Ihr Heim erschien ihr als ein kleines Eiland im tobenden, aufgepeitschten Ozean, dessen Bewohner taub sind gegen das Gebrüll der Wogen, das Heulen des Sturmes. Wie viele solche Eilande gab es in Deutschland, wie viele Menschen, die sich auf ihnen gedankenlos sicher wähnten! –

Als eine kleine Pause im Gespräch eintrat, wandte sie sich an Savin: »Johannes sagte, Sie hätten für mich Arbeit?«

Er nickte. »Erst muß ich Sie tüchtig in die Schule nehmen. Sie sind ja leider grenzenlos unwissend. Später schicken wir Sie dann zu den Frauen, Propaganda treiben.«

»Mich?« Lene war ehrlich erschrocken.

»Ja, Sie sehen trotz der dunklen Haare und Augen so unverkennbar arisch aus. Ihnen kann man nicht alle Lehren mit einem ›Saujud‹ widerlegen.«

Sie schwieg etwas verlegen, er lachte. »Ja, das kommt häufig vor, auch Johannes ist es schon passiert.«

Die Tür wurde aufgerissen, Anatol trat hastig ein. »Kinder, es geht los, auf dem Balkan!«

»Das dürfte uns wenig berühren,« meinte Philipp gelassen.

»Ist ein Verbrechen kein Verbrechen, weil es auf einem anderen Erdteil geschieht?« warf Frau von Reuter vorwurfsvoll ein. Einen Augenblick herrschte Stille. Dann schrie der alte Jude schmerzlich auf: »Mord und Elend! Verbrechen und Sünde! Die Flammen verzehren das Haus, und ein böser Wind treibt sie näher und näher. Wer bewahrt uns vor der Feuersbrunst, wenn des Nachbarn Haus in Flammen steht?«


»Wie sehr Du Dich verändert hast, Johannes,« bemerkte Lene, da sie den Heimweg angetreten hatten, »daheim warst Du so still und verschlossen, erwecktest immer den Eindruck eines Fremden, der sich in ungewohnter Umgebung unbehaglich fühlt.«

»Das tat ich auch,« gab er zu, »die Luft daheim engte mir die Brust ein. Und dann, so ruhelos war mir zumute, als dürfe ich bloß einen Augenblick rasten, müßte dann fort, immer weiter und weiter. Wohin? Ich wußte es selbst nicht.«

»Und jetzt?«

»Jetzt ist mir, als hätte ich heimgefunden. In Boris' kleiner Stube fühle ich mich zu Hause. Die Menschen sind mir vertraut, ich empfinde ein Zugehörigkeitsgefühl zu ihnen, sie reden meine Sprache. Sogar den alten Rabbiner Löw verstehe ich.«

»Es ist doch schrecklich, daß auf dem Balkan Krieg ist.«

Er nickte.

»Was hat der alte Mann mit den Flammen gemeint?«

»Er faselt immer von einem Weltkrieg, der die Ruchlosigkeit der Menschen strafen wird. Aber das ist bei uns ausgeschlossen. Das Proletariat in allen westlichen Ländern würde aufstehen wie ein Mann, am Tage der Kriegserklärung hätten wir den Weltstreik.«

»Glaubst Du?«

»Ich bin davon überzeugt!«

Sie waren vor Lenes Wohnung angelangt.

»Kommst Du noch mit hinauf?«

»Nein, es ist zu spät, gute Nacht.«

Lene trat in des Bruders Zimmer. »Gustav, auf dem Balkan ist der Krieg ausgebrochen!«

Er blickte nicht einmal auf. »So, das ist doch kein Grund, um mich zu stören. Was geht mich der Balkankrieg an?«

Lene konnte lange nicht einschlafen. Als sie dann doch endlich in unruhigen Schlummer verfiel, quälte sie ein böser Traum. Sie sah den alten Abraham Löw auf einem hohen Berge stehen und wehklagend auf die Ebene deuten. Ein gewaltiges Feuermeer wälzte sich zischend, lodernd vorwärts, seine Wogen überfluteten Dörfer und Städte, züngelnde Flammen griffen nach den Himmeln. Sie erwachte mit klopfendem Herzen; unbestimmte Angst preßte ihr die Brust zusammen. Halb noch im Schlaf murmelte sie wie eine tröstliche Zauberformel vor sich hin: »Bei uns ist das ausgeschlossen. Der Weltstreik ...«

Vierzehntes Kapitel.

Der Zug pustete durch die graue Vorfrühlingslandschaft. Märzsturm griff mit wuchtigen Händen nach den Rauchwolken und zerriß sie in dünne Streifen, die er über den blaßblauen Himmel jagte. Der große Fluß, endlich von seinen Eisketten befreit, war in unbändigem Freiheitsdrang über die Ufer getreten, überschwemmte die Ebene, die, farblos in die Fluten übergehend, einem einzigen ungeheueren Meer glich. Mürrische Kiefern streckten sich verschlafen, warfen die winterlichen Nadeln ab, schlanke Birken, noch unbelaubt und dennoch frühlingsduftig und frisch in ihren weißen Gewändern, reckten sich der liebkosenden blassen Sonne entgegen. Am Horizont durchschnitt in scharfer Zickzacklinie ein Schwarm Wildenten die Luft.

Lene beugte sich weit aus dem Kupeefenster; seltsam wehmütige Freude erfüllte sie ganz. Wie schön war doch die Heimat, von einer trostlosen, bitteren Schönheit, die sich einem mehr ins Herz stahl, als gesegnetere, süden-begnadete Gegenden. Auch ein wenig bang war ihr zumute; nach anderthalb Jahren fuhr sie zum erstenmal heim. Die Mutter war mit Ilse, die im Winter krank gewesen, in den Süden gereist, und Lene sollte sie daheim ersetzen. Sie verließ ungern Berlin, doch fühlte sie, auch ihr würde eine kurze Rast wohltun; Johannes und seine Freunde hatte ihre Arbeitskraft redlich ausgenützt; jede Stunde des Tages hatte eine Beschäftigung mit sich gebracht. Savin war über ihre Abreise empört gewesen; hatte prophezeit, sie werde sich vom trägen Bourgeoisleben einfangen lassen, womöglich heiraten, zumindest verändert, unbrauchbar wiederkommen.

Lene lächelte, als ihr dies einfiel. Das letzte Jahr hatte sich mit seinen Erlebnissen und Bildern in ihre Seele eingebrannt. Träumerisch versuchte sie die stärksten Eindrücke zurückzurufen; Bilder, Stimmungen kehrten wieder, so lebendig, daß sie völlig vergaß, wo sie sich befand.

Der erste Mai in Berlin; strahlender Sonnenschein, ein tiefblauer Himmel. »Kaiserwetter«, sagte ein behäbiger Bürger zu seiner Frau, vergessend, daß dieser Tag einem anderen Herrscher geweiht war, dem enterbten, einzig berechtigten Herrscher der Welt, dem Volke, das sich alljährlich einmal seiner Herrscherwürde bewußt wird. Die Linden entlang kam der Zug, endlos, unübersehbar, Kopf an Kopf. Organisation folgte auf Organisation, die Hände, deren Arbeit die Welt schafft und erhält, ruhten; nicht wie sie am Sonntag ruhen, gedankenlos, trägmüde; nein, mit einer gewissen Würde und Kraft, mit dem Bewußtsein ihrer Macht ruhten sie an diesem, ihrem eigenen Feiertag. Lene entsann sich einer Gruppe, die sie besonders ergriffen hatte – die der »Scheuerfrauen«. »Frauen«, das Wort klang wie Hohn auf diese Geschöpfe angewandt. Unförmige, gebeugte, vom Rheumatismus verkrümmte Wesen, erschöpfte bleiche Gesichter, aufgequollene Leiber schleppten sich mit schweren Schritten dahin, rotblaue, gesprungene Hände hingen matt herab. Und dennoch, auch in diesen müden Augen lag ein Feiertagsglanz, leuchtete Machtbewußtsein; heute waren sie nicht einzelne, überarbeitete, unterernährte Arbeitstiere, heute hatten sie ihren Platz gefunden, waren ein Teil der gewaltigen Masse geworden, deren Forderungen und Hoffnungen zum lenzlichen Himmel aufgeschrien. Organisation um Organisation, Menschen um Menschen, alle von einem Gefühl beseelt, von einem Gedanken getragen. Und an der Spitze des Zuges wehend im Wind das Symbol des Martyriums, das Symbol der Hoffnung, der großen Vereinigung – die rote Fahne.

Das Symbol des Martyriums! Ein Winterabend kam Lene in den Sinn, den sie mit Johannes und Anatol bei Boris Isralew verbracht hatte. Sie waren in der Dämmerung rauchend um den kleinen Ofen gesessen und Boris, der sich wohler fühlte als gewöhnlich, hatte von der russischen Arbeiterbewegung, von ihren Führern und Helden gesprochen.

»Erzähle Lene von Deinem Leben im Gefängnis, das macht dieser unerfahrenen Seele einen ungeheuren Eindruck,« sagte Johannes.

»Ich war ja nur vier Jahre in der Schlüsselburg,« meinte Boris ausweichend.

»Nur vier Jahre!« rief Lene.

»Wissen Sie denn nicht, daß viele unserer Kameraden zwanzig und vierundzwanzig Jahre gefangen waren?« Und nun erzählte er. Vor ihren Augen ragte die trostlose Festung auf der öden Nevainsel auf, von schwerem Nebel eingehüllt, ein Ort des Grauens, des Wahnsinns und des Todes. Aber auch ein geheiligter Ort. Hinter diesen undurchdringlichen Mauern, in Einzelzellen, führten die Besten des russischen Landes ein gefoltertes Leben. Etliche zerbrach die Schwere des Schicksals, die ewige Einsamkeit verwirrte ihren Geist, andere starben freiwillig, um ihren Gefährten zu helfen, auf schauerliche Art. Die meisten jedoch bewahrten sich Kraft und Mut, auch wenn ihre Körper zugrunde gingen. »Die frommen Katholiken des Mittelalters,« meinte Boris, »glaubten, die Heiligkeit der Klöster entsühne die sündige Welt, und die Gebete der Mönche und Nonnen verdichteten sich zu einem Schleier, der schützend zwischen Gottes Zorn und den Menschen schwebte. Was im Mittelalter die Klöster gewesen sind, das waren für Rußland die Gefängnisse. Diese Orte der Qual und des stummen Heldentums entsühnten das Land und bewahrten die Idee vor dem Tode. An der unendlichen Liebe, an der heißen Freiheitsglut unserer Märtyrer entzündeten sich Hunderte von jungen Kämpfern. Jeder Gefangene war eine heimliche Fackel, die die Nacht erhellte und den Weg zur Zukunft wies.«

»Deshalb wird auch Rußland, das Land der höchsten Leiden, das Reich der Zukunft sein, aus dem Licht in alle Länder der Erde dringen wird,« bemerkte Johannes leise.

»Ex oriente lux,« sagte Anatol. »Einmal ist dort das Licht schon aufgeflammt, doch gelang es den Feinden, es zu verlöschen. Lodert es abermals empor, dann wird es so gewaltig sein, daß es alle Länder überschwemmen und die Nacht endgültig vertreiben wird.«

Der Gymnasialprofessor war selbst auf den Bahnhof gekommen, um seine Tochter abzuholen. Er deuchte Lene gealtert, verdrossener denn sonst, obschon er anscheinend über das Wiedersehen erfreut war. Im ersten Augenblick waren beide befangen, standen einander fremd gegenüber. Eine junge Frau stieg aus dem anstoßenden Kupee, Herr Selder grüßte ehrerbietig, half ihr die Tasche aus dem Abteil nehmen und war über die Ablenkung sichtlich froh.

Gemächlich schritten Vater und Tochter durch die Straßen, Herr Selder fragte nach Gustav, erzählte von Ilse und der Mutter. Lene antwortete schier mechanisch. Staunend betrachtete sie die Gebäude, wie klein und eng doch alles war. Ihr schien, als sei die ganze Stadt zusammengeschrumpft.

»Wer war die schöne Frau, die Du auf dem Bahnhof gegrüßt hast?« fragte sie, als eine kleine Verlegenheitspause entstand.

»Die junge Gräfin Stramwitz. Graf Heinz hat vor einem Jahr geheiratet. Leider hat er sich eine Italienerin ausgesucht, seine Eltern waren darüber verzweifelt. Diese Rassenmischung heutzutage ist eine böse Sache. Es kommt ein fremdes Element in ein rein deutsches Haus. Sie hat auch einen ganz verrückten Namen, Gioia, oder so etwas ähnliches.«

»Das bedeutet ›Freude‹, wie hübsch!«

»Es gibt doch bei uns schöne Mädchen genug,« fuhr der Gymnasialprofessor fort, ohne ihren Einwand zu beachten. »Wohlerzogene deutsche Mädchen, geeignetere Mütter für den künftigen Majoratsherrn, als diese Fremde. Ich würde meinen Kindern niemals gestatten, einen Nichtdeutschen zu heiraten.«

»Armer Vater,« dachte Lene, »Deine Kinder werden Dich nicht fragen.«

Sie waren daheim angelangt. Als Lene die Zimmer durchschritt, vermeinte sie nie fortgewesen zu sein. Alles war unverändert. Das rote Plüschalbum lag noch immer auf dem großen Tisch in der Wohnstube, der Mutter Nähkorb stand daneben. Auch die Menschen waren die gleichen, hier in der kleinen Stadt war die Zeit stehen geblieben. An den Kaffeetischen wurden noch immer die alten Themen erörtert: Dienstbotennot, Verlobungen, Hochzeiten, Geburten und Todesfälle. Man las die »Gartenlaube« oder die »Woche«, blieb von jedem politischen Ereignis unberührt, freute sich höchstens, wenn ein neuer Kaiserenkel geboren wurde.

Eine Woche nach ihrer Ankunft begegnete Lene dem alten Pastor. Er ging mit ausgestreckten Armen auf sie zu. »Der ist auch kleiner geworden,« dachte das Mädchen, die verhutzelte alte Gestalt betrachtend.

Der alte Mann fragte nach Johannes, konnte nicht genug von seinem Lieblingsschüler hören. »Die jetzigen Schüler machen mir gar keine Freude; ich glaube, sie lachen mich heimlich aus,« meinte er wehmütig, »ich verstehe auch die heutige Jugend nicht mehr.«

Wieder einer, sagte sich Lene ungeduldig, den der Fortschritt stört. Doch schämte sie sich dieses Gedankens, da der alte Mann fortfuhr: »Sie hat gar keine menschlichen Ideale mehr. Zu meiner Zeit haben wir mit siebzehn und achtzehn Jahren für die Freiheit und die Menschenrechte geschwärmt, wenn wir auch später brave Spießbürger geworden sind. Heute glaubt die Jugend an Militarismus und Handel. Dazu ist sie so egoistisch geworden, so verständnislos. Und diesen nüchternen Köpfen soll ich Liebe predigen. Freilich, sie kommen auch nie in meine Predigt. Aber daran mag ich schuld sein; ich bin wohl zu langweilig.«

Die gütigen alten Augen sahen so ehrlich betrübt drein, daß Lene sich schwor, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen.

»Wie ist denn die Jugend in der großen Stadt, mein Kind?« fragte er. »Sie kennen bestimmt viele von Johannes Freunden.«

Sie waren unterdessen unbemerkt beim Pfarrhaus angelangt. Der alte Mann zog Lene in den kleinen Garten. Sie setzten sich auf eine Bank in die Sonne, ein uralter Schäferhund humpelte hinkend herbei und rieb den Kopf gegen die Knie seines Herrn.

Lene erzählte von Johannes und den Freunden; sie wurde eifrig. Seit einer Woche durfte sie zum erstenmal reden, ohne vorerst jedes Wort reiflich zu überlegen. Der alte Pastor hörte interessiert zu, nickte beistimmend mit dem weißen Kopf. »Ihr nennt es Sozialismus,« meinte er schließlich, »wir haben es Christentum genannt. Es kommt wohl auf dasselbe heraus. Gott ist die Liebe und die Liebe ist Gott. Wohl uns, wenn wir diesen schlichten Satz erfassen können. Aber«, die alte Stimme wurde jählings hart und schneidend, »was haben wir aus dem Christentum gemacht? Einen Mantel, um unsere Verbrechen zu decken, eine Fahne, unter der wir gegen die heiligsten Gebote sündigen. Die Händler haben den Tempel geschändet und an das Kreuz, von dem sie den Heiland gerissen haben, schlagen sie die Armen. Wann wird der Herr kommen und die Verruchten austreiben?«

Der alte Mann hatte sich erhoben. Plötzlich war jede greisenhafte Schwäche von ihm abgefallen, die kleine Gestalt schien zu wachsen und eine seltene Würde anzunehmen.

Das Mädchen blickte ihn teilnehmend an und dachte: »Merkwürdig, wie er doch jetzt dem alten Abraham Löw, dem Rabbiner, gleicht.«

Fünfzehntes Kapitel.

Im kleinen Pfarrhausgarten stand der hübsch gedeckte Kaffeetisch mit der altmodischen dickbäuchigen silbernen Zuckerdose und den kleinen, zierlichen Meißener Täßchen, die noch von des Pastors Mutter stammten. Der alte Mann trippelte mit kleinen Schritten geschäftig hin und her, schnitt von seinen geliebten Rosenstöcken die schönsten Blüten und legte sie, nachdem er sorgsam die Dornen entfernt hatte, auf das blendend weiße Tischtuch. Lene Selder saß in einem tiefen Korbsessel und sah lächelnd seinem Treiben zu.

»Jetzt ruhen Sie sich aber aus, Herr Pastor,« sagte sie schließlich. »Alles ist wunderschön und Sie dürfen sich nicht müde machen, bevor der Besuch kommt.«

Der alte Mann legte ihr eine schöne Rose auf den Schoß. »Zum Dank, daß Sie gekommen sind, um mir zu helfen. Die arme, fremde, kleine Frau wird sich freuen, jemanden zu finden, mit dem sie französisch sprechen kann. Mit ihrem Deutsch hapert's immer noch ein wenig.«

Er setzte sich neben Lene. »Seien Sie recht freundlich zu der jungen Frau, ich glaube, das arme Kind fühlt sich hier sehr verlassen und fremd. Ich kümmere mich ja nicht um das Geschwätz der Leute, aber man hört doch so allerlei.«

»Wie ist Heinz Stramwitz auf die Idee verfallen, eine Italienerin zu heiraten?«

»Er hat sie in Florenz kennen gelernt. Die Großmutter der jungen Frau war eine weitläufige Verwandte der Stramwitz.«

Die alte Haushälterin kam eilfertig gelaufen, ihr freundliches rotes Gesicht glühte vor Aufregung: »Die Herrschaften kommen!« rief sie atemlos ....

Der alte Pastor ging seinen Gästen entgegen, während er sie begrüßte, betrachtete Lene die beiden mit Interesse. Heinz Stramwitz hatte sich wenig verändert, das war noch dasselbe herrische, arrogante Gesicht, der gleiche kalte Blick. Seiner hohen, gutgewachsenen Gestalt fehlte jede Biegsamkeit. Wie er mit dem alten Mann spricht! dachte Lene empört. Diese liebenswürdig herablassende Art, wie zu einem Untergebenen. Dann fiel ihr Blick auf die junge Frau. Gioia, Freude, wie der Name zu ihr paßte! Alles an dieser schlanken Gestalt schien Lebensfreude zu atmen, die warmschimmernden rotbraunen Haare, die großen, leuchtenden braunen Augen, der frische rote Mund. »Armes Kind,« meinte Lene bei sich, »was tust Du in unserer nüchternen, farblosen Gegend?«

Gioia Stramwitz schien ein wenig befangen. Artig, wie ein schüchternes Kind, beantwortete sie des alten Pastors Fragen. Sie sprach fehlerlos deutsch, doch redete sie langsam, etwas stockend, als ob sie die Worte suchen müsse. Heinz Stramwitz begrüßte Lene höflich, erkundigte sich nach Friedrich und Gustav.

Die Stimmung am Kaffeetisch war eine frostige, unbehagliche, das Gespräch stockte stets von neuem und der alte Pastor warf Lene hilfesuchende Blicke zu. Diese wandte sich an die junge Frau. »Vielleicht sprechen Sie lieber französisch, Gräfin?« Sofort leuchteten die braunen Augen auf. »Sie sprechen französisch? Wie schön! Da können wir richtig miteinander plaudern.«

»Du sollst Dich doch endlich daran gewöhnen, deutsch zu sprechen, Gioia!« warf ihr Mann etwas ungeduldig ein.

Sie blickte fast ängstlich zu ihm auf. Der alte Pastor legte sich ins Mittel: »Kommen Sie, Graf, Sie wollten ja meine Bienenstöcke sehen; wir lassen die beiden Damen hier.«

Heinz Stramwitz folgte dem alten Mann in die Richtung des Hofes, und Gioia wandte sich lebhaft in französischer Sprache an Lene. »Woher können Sie französisch? Und weshalb habe ich Sie noch nie gesehen?«

Lene lächelte über den Eifer der jungen Frau. »Französisch kann ich noch aus meiner Schulzeit; es ist auch danach. Was Ihre zweite Frage anbetrifft, ich bin seit anderthalb Jahren zum erstenmal wieder daheim.«

»Wo leben Sie?«

»In Berlin.«

»Waren Sie je in Italien?«

»Nein.«

»Schade, ich möchte so gerne mit jemanden zusammenkommen, der Italien kennt und liebt.« Heißes Heimweh klang aus der weichen Stimme und Lene fragte teilnahmsvoll: »Sehnen Sie sich sehr in Ihre Heimat zurück?«

»Mein Gott, wie sehr! Hier ist es ja auch sehr schön,« warf sie halb erschrocken ein, besorgt, die Heimatsliebe des Mädchens verletzt zu haben. »Aber alles ist so farblos, so kalt. Und dieser endlose Winter! Ich bin ganz verzweifelt geworden, als ich die Sonne so lang nicht sah. Auch diese große, graue Ebene ist so traurig. Bei uns gibt es freundliche Landschaften, so blau, mit weich verschwimmenden Hügeln; hier ist alles scharf und kantig, genau wie die Menschen!« Abermals blickte sie verlegen zu Lene auf: »Verzeihen Sie, ich wollte nichts Böses über Ihre Landsleute sagen.«

Lene lachte. »Sie dürfen es ruhig tun, auch ich finde die Leute hier entsetzlich. Haben Sie viele Bekannte?«

Gioia nickte betrübt. »Sehr viele, Heinz hat ja so unzählige Verwandte. Wir haben viel Besuch und ich weiß nie, was ich mit den Leuten reden soll; Kinder habe ich keine, ich weiß vom Berliner Hofleben nichts und anderes interessiert sie nicht. Mir tun die Leute leid, ihr Leben ist so arm, und es gibt doch so viel Schönes auf der Welt!«

»Schönes?« Lene hatte das letzte Jahr ihres Lebens so viel Elend und Not, Häßlichkeit und Ungerechtigkeit gesehen, daß ihr diese Behauptung recht gewagt klang.

»Ja, natürlich, Bilder, schöne Bauten, Gärten, ein Sonnenuntergang, der San Miniato in Gold taucht, wie ein Märchenschloß. Und Musik und Farben und frohe Menschen.«

Lene runzelte die Stirn. »Und an die vielen Menschen, die nichts Schönes im Leben haben können, an die Armen denken Sie gar nicht, Gräfin?«

Gioia wurde still. »Halten Sie mich für einen schlechten Menschen?« fragte sie mit kindlichem Ernst. »Das macht das Leben hier ja noch viel trauriger. Wie die Menschen leben! Ganze Familien in eine Stube gepfercht, und arbeiten von sechs Uhr früh bis spät abends. Und wie die Gutsbesitzer ihre Leute behandeln, wie die Sklaven, Heinz ...« Sie brach ab, wurde dunkelrot und fuhr dann hastig fort: »Ich möchte mich so gerne mit den Leuten auf dem Gut anfreunden, ihnen helfen, aber sie sind entsetzlich mißtrauisch gegen mich, voller Ehrfurcht, sie sprechen zu mir, als ob ich ein höheres Wesen wäre. Und dann kann ich schlecht Deutsch, da fällt es mir doppelt schwer, den Leuten begreiflich zu machen, daß ich sie lieb habe und nicht dulden will, daß ihnen Unrecht geschieht.«

Mit nachsichtiger Überlegenheit hatte Lene zugehört; ein gutes, liebes Kind, dachte sie. Der Ton jedoch, mit dem Gioia die letzten Worte sprach, ließ sie aufhorchen. Sie wollte etwas erwidern, aber in diesem Augenblick kehrten die beiden Männer zurück.

»Eine Musterbienenwirtschaft hat der Herr Pastor,« bemerkte Heinz Stramwitz gnädig. »Wenn das Gesindel hier nicht so faul wäre, könnte es sich auf diese Art eine hübsche Summe machen.«

Lene ärgerte der hochmütige Ton, sie wollte etwas entgegnen, der alte Pastor jedoch schien dies zu erraten. Er legte ihr begütigend die Hand auf den Arm. »So, Lenchen, jetzt kommt der Tugend Lohn,« er kramte in seinen weiten Taschen und zog eine Schachtel Zigaretten hervor. »Die kleinen Mädchen von heute rauchen ja alle.«

»Bitte, geben Sie mir auch eine,« bat Gioia. Ihr Mann machte ein ärgerliches Gesicht. »Das ist bei uns nicht Sitte, liebes Kind,« bemerkte er schroff.

»Ich meine, es ist keine so große Sünde, ein wenig Rauch in die Luft zu blasen,« begütigte der Pastor.

Gioia warf ihm einen dankbaren Blick zu und sagte in ihrer hübschen, stockenden Art: »Ich wollte Sie etwas fragen, Herr Pastor. Der kleine Sohn unseres Müllers ist krank, er soll in der Sonne liegen. Wo kann ich hier einen guten, weichen Liegestuhl bekommen? Ich habe schon vergeblich in allen Geschäften gesucht.«

»Meine Frau posiert auf die Menschenfreundin,« meinte Heinz Stramwitz spöttisch, »das wird ihr schon vergehen, wenn sie erst sieht, wie undankbar das Gesindel ist. Man darf die Leute nicht verwöhnen, sonst werden sie frech. Aber meine Frau will das nicht einsehen. Sie macht bei jedem kranken Knechtskind Geschichten, als ob es sich um unsereins handeln würde. Dabei schadet es doch wirklich nichts, wenn so ein schmutziger Fratz daraufgeht, die Leute kriegen ja ohnehin jedes Jahr ein anderes, wie die Kaninchen.«

Lene war nicht mehr zu halten. »Würden Sie von Ihren eigenen Kindern auch so sprechen, Graf Stramwitz?« fragte sie mit zornbebender Stimme.

Er sah sie verblüfft an: »Das ist doch ganz etwas anderes, Fräulein Selder.«

Lene blickte verstohlen nach Gioia. Die junge Frau war ganz blaß geworden, sie biß sich in die Unterlippe und warf ihrem Mann einen haßerfüllten Blick zu. Das liebe, gute Kind dürfte gar nicht so zahm sein, dachte Lene schadenfroh, die wird dem braven Heinz noch recht unbequem werden.

Der alte Pastor streichelte beschwichtigend die schmale, weiße Hand der jungen Frau: »Ich werde Ihnen den Liegestuhl verschaffen, Gräfin.«

Gioia hielt die gütige alte Hand fest. »Sagen Sie nicht ›Gräfin‹, lieber Herr Pastor, und auch Sie, Fräulein Selder, nennen Sie mich Gioia. Sie beide sind die ersten wirklichen Menschen, die ich hierzulande getroffen habe!«

Peinliches Schweigen folgte diesem Ausbruch. Dann begann der alte Mann hastig von gleichgültigen Dingen zu sprechen. Als der Wagen vorfuhr, bat Gioia Lene, sie recht bald zu besuchen. »Schon morgen, kommen Sie zum Mittagessen und bleiben Sie den ganzen Nachmittag.«

Als die beiden fortgefahren waren, setzte sich der alte Pastor mit einem Seufzer der Erleichterung neben Lene.

»Die Frau gefällt mir,« meinte sie.

Er nickte; sein freundliches, runzliches Gesicht wurde traurig: »Armes Kind! Armes Kind!« –

»Du scheinst verrückt geworden zu sein, Gioia,« herrschte Heinz Stramwitz seine Frau an, als der Wagen die Chaussee entlang rollte, »Du vergißt, daß diese Leute nicht zu unserem Kreis gehören. Der alte Pastor ist ein braver Mann, und auch Herr Selder ist höchst ehrenhaft, aber immerhin, es sind doch Bürgerliche. Mit denen ist man hierzulande nicht so intim!«

»Sie gefallen mir jedenfalls viel besser, als Deine Verwandten und Freunde,« entgegnete Gioia trotzig.

»Ich sage ja nicht, daß Du mit ihnen nicht liebenswürdig sein sollst, aber Du kannst doch nicht das Gefühl haben, daß sie zu uns gehören,« meinte er etwas milder, »ihr im Ausland nehmt die Sache leider viel zu leicht. Bei uns hingegen versteht man den nötigen Abstand zu wahren.«

Sie hatte seine letzten Worte nicht beachtet. »Zu uns gehören,« wiederholte sie nachdenklich, »ich gehöre ja auch nicht zu euch, Heinz.«

»Als meine Frau gehörst Du in unseren Kreis. Außerdem brauchst Du nicht gar so bescheiden sein. Auch Deine Familie ist von gutem, alten Adel. Die Forragianis wurden bereits im fünfzehnten Jahrhundert geadelt. Und dann noch eines: Diese Lene Selder soll in Berlin in einem unmöglichen Milieu verkehren, Sozialisten, Juden, Anarchisten und wie diese Leute heißen mögen. Ich möchte nicht, daß Du Dich von ihren Ideen beeinflussen läßt. Ich weiß, es gilt auch bei einigen unserer Kreise für modern, liberale Ansichten zu haben, ich jedoch dulde das in meinem Hause nicht. Es hat noch kein Mitglied der Familie Stramwitz gegeben, das sich Liberalismus zuschulden kommen ließ, und es soll auch keines geben.«

Gioia schwieg. Daheim angelangt eilte sie in ihren kleinen Salon. Über dem Flügel hing ein großes Bild von Florenz. Mit heimwehschweren Augen betrachtete sie die schlanken Türme, die in den sonnigen Himmel strebten, die sanften Hügel, welche die Stadt einrahmten. Dann warf sie durchs Fenster einen schier feindseligen Blick auf die große Ebene. Ja, sie haßte dieses Land, haßte seine Gräue und Eintönigkeit, und auch die Menschen haßte sie, diese harten, kantigen Menschen mit ihren beschränkten Ideen, ihrem törichten Hochmut. »Ich gehöre nicht zu euch,« schluchzte sie auf, das Gesicht in die Hände vergrabend, »werde nie zu euch gehören, und will es auch nicht.«

Sie sank aufs Sofa und weinte bitterlich. Über ihr lächelte im sonnigen Glanz Florenz, die Stadt der Blumen und der Helle, in das dunkelnde Zimmer.

Sechzehntes Kapitel.

Tannenduft durchzog das Haus, im Wohnzimmer schmückte Frau Selder den Weihnachtsbaum, während Friedrich in einen Lehnstuhl hingelümmelt von seiner Garnison erzählte. Gustav, Johannes und Lene waren am vorhergehenden Abend eingetroffen; Herr Selder hatte diesmal auf einem »trauten Weihnachtsfest« bestanden, das alle im Elternhaus vereinigte. Bis auf Friedrich, der sich äußerst gut mit dem Vater verstand, waren sie widerstrebend gekommen. Lene, die einen besonderen Grund hatte, den Eltern etwas Liebes zu erweisen, hatte die beiden jungen Männer mit vieler Mühe überredet, mit ihr zu fahren.

Nun saßen sie alle drei in Lenes Zimmer. Gustav gähnte laut. »Eine teuflische Einrichtung, diese Familienfeste. Was haben eigentlich die Eltern davon, wenn wir uns nun hier langweilen? Daß Du herkamst, Lene, begreife ich noch, Du willst Deine letzte christliche Weihnacht feiern.«

Lene lachte, dann wurde sie ernst. »Wenn ich daran denke, wie sehr ich die Eltern kränken werde, ist mir gar nicht heiter zumute.«

»Warum tust Du es dann; hast Du eine solche Leidenschaft für Anatol?«

Sie gab ihm keine Antwort, starrte in die Schneeflocken hinaus, die ein heftiger Wind gegen das Fenster peitschte. Leidenschaft schien bei ihrer Liebesgeschichte wirklich keine Rolle gespielt zu haben. Sie hatten sich derart aneinander gewöhnt, daß sie sich das Leben nicht mehr anders vorstellen konnten. Die ganze Sache war höchst einfach und prosaisch gekommen. Vor drei Wochen saß sie bis spät in die Nacht bei Anatol, der ihr einen Artikel in die Schreibmaschine diktierte; als sie sich erhob, um heimzugehen, meinte er: »Es ist wirklich langweilig, daß Du immer fortgehen mußt; bisweilen fällt mir in der Nacht etwas ein, das am Morgen noch erledigt werden müßte, dann bist Du natürlich nicht da.«

»Daran ist leider nichts zu ändern.«

Er schaute sie nachdenklich an. »Bist Du eigentlich schon einundzwanzig?«

»Ja, seit Ostern. Weshalb?«

»Du bist also Dein eigener Herr?«

»Gott sei Dank!«

»Dann sehe ich wirklich keinen Grund, weshalb wir nicht heiraten sollten.«

Sie starrte ihn an. »Heiraten?«

»Warum bist Du so erstaunt? Wir vertragen uns gut, ich kann mir keine bessere Sekretärin vorstellen, außerdem bist Du recht nett.«

»Aber ...«

»Entschließe Dich, Lene,« drängte er, »es ist wirklich schon spät.«

»Du könntest mir wenigstens sagen, daß Du mich lieb hast und mir einen Kuß geben,« meinte sie vorwurfsvoll.

»Verzeih, das hab' ich ganz vergessen, das versteht sich ja auch von selbst.« Er küßte sie auf die frischen roten Lippen, seine Augen irrten von ihrem Gesicht zu dem Manuskript: »Du hast Dich schon wieder vertippt, dort, in der zweiten Zeile.«

Nein, er war kein leidenschaftlicher Bräutigam, aber wenn Lene an ihn dachte, wurde ihr dennoch froh ums Herz. Er war ihr bester Freund und der Mensch, dessen unbeugsamen Willen und zähe Arbeitskraft sie am meisten bewunderte. Da beide wußten, Lenes Eltern würden in diese Heirat niemals einwilligen, hatten sie beschlossen, sich im Januar trauen zu lassen und es erst als vollzogene Tatsache der Familie Selder mitzuteilen.

Johannes und Gustav erfuhren die Verlobung bereits am nächsten Tag. Gustav nahm die Ankündigung mit seiner gewohnten Ruhe auf. »Um so besser, dann werde ich wieder ungestört arbeiten können.« – –

Johannes Stimme unterbrach Lenes Gedanken. »Nun ist Savin schon in Rußland.«

»Ja, schade, daß er fortfuhr. Er hätte ebensogut in Berlin bleiben können.«

»Er wollte die deutsche Nüchternheit loswerden, wieder einmal revolutionäre Luft atmen.«

»Hoffentlich bleibt er nicht zu lang fort.«

Gustav dehnte sich: »Ich gehe schlafen, das ist ja nicht zum Aushalten vor Langweile.«

Die ganze Familie war um den Christbaum versammelt, auch Ilse mit ihrem Mann und den zwei Kindern hatte sich eingefunden. Lene war still und ein wenig gedrückt, Gustav verbarg nur mit Mühe seine Langeweile. Herr Selder sah sich mit stolzer Rührung im Kreis der Seinen um. »So hat uns das heilige Fest wieder alle vereint. Wie schön ist doch der Gedanke, daß an diesem Abend in unserem Vaterland allüberall der Christbaum brennt und aller Herzen des Herrn gedenken.«

»Es gibt auch etliche hunderttausend Einwohner, die keine Christen sind,« bemerkte Gustav mit unnötiger Genauigkeit.

Der Gymnasialprofessor warf ihm einen strafenden Blick zu. »Ich spreche nur von unseren Volksgenossen, die anderen zählen nicht.«

Friedrich hatte sich Lene genähert. »Die Mutter erzählte mir, Du seiest mit der jungen Gräfin Stramwitz sehr befreundet. Du könntest mich mitnehmen, wenn Du das nächstemal dort Besuch machst. Ich kenne ja ihren Mann.«

»Gioia lernt nicht gerne fremde Leute kennen.«

»Gioia, Du nennst sie Gioia? So intim seid ihr? Du bist doch klüger, als ich dachte, verstehst gute Verbindungen anzuknüpfen. Vielleicht laden sie Dich einmal nach Berlin ein. Sie führen ein großes Haus, sogar der Kronprinz verkehrt bei ihnen.«

Ilse klagte halblaut ihrer Mutter. »Adolf hat so viel Ärger mit seinen Untergebenen. Die Leute werden täglich frecher. Das macht ihn furchtbar nervös. Und gerade jetzt, wo ich das Kind erwarte ...«

Johannes hatte sich in eine Ecke zurückgezogen und betrachtete die Szene. »Trauliche Weihnachten!« Wie fremd waren sich doch alle diese Menschen, wie wenig verstanden sie einander. Er gedachte der vielen Weihnachtsabende, die er in diesem Haus verbracht hatte. Stets war es das gleiche gewesen, erzwungene Feststimmung. Die alte Kindertraurigkeit befiel ihn. So hatte er als kleiner Knabe in einer Ecke gehockt, fremd unter Fremden. Draußen im Leben, wo es Arbeit gab, kannte er dieses Gefühl nicht mehr, dort hatte er seinen Platz gefunden, hatte die Menschen gefunden, zu denen er gehörte.

Die Männer der Familie hatten sich zusammengesetzt, Ilse und Frau Selder spielten mit den Kindern. Lene hatte unbemerkt das Zimmer verlassen. Einzelne Worte drangen zu Johannes herüber. Er hörte Friedrichs schnarrende Stimme: »Disziplin ... Ordnung halten ... Die verdammte rote Bande ...« Und Adolfs heiseres Organ: »Mit Maschinengewehren dreinfahren ...« »Unser Kaiser wird schon mit ihnen fertig werden,« das war der Gymnasialprofessor ... »Ja, Mama, die kleine Annie kann schon ganz richtig singen, ich habe sie den Weihnachtspsalm gelehrt ... Willst Du ihn nicht Großmama vorsingen, mein Herzchen?« Friedrich wurde warm: »Dieser verdammte faule Friede! Deutschland geht daran zugrunde. Und die anderen Nationen werden immer übermütiger. Wir brauchen einen frisch fröhlichen Krieg, dann ...« Die kleine Annie hatte sich aufgestellt, sie hielt die Händchen gefaltet und sang mit ihrer schrillen dünnen Kinderstimme: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!«

Siebzehntes Kapitel.

Wenn sich der Bergbach dem Abhang naht, über den er als tosender Wasserfall in die grausige Tiefe stürzt, so eilen die kleinen Wellen, treiben eine die andere mit wilder Hast vorwärts, springen über Stein und Geröll, als könnten sie es nicht erwarten, in die fremde unheimliche Tiefe zu stürzen, als riefe sie das Verderben mit lockender Stimme, trügerisches Glück vorspiegelnd, mit sanften Worten Tod und Unheil verschleiernd. Und die kleinen Wellen hasten und jagen, ahnen nicht die Gefahr, ermuntern einander zu immer rascherem Lauf und stürzen hinab, ehe sie sich's gewahr geworden. – –

Derart flogen die Jahre, angezogen von einem unbekannten entsetzlichen Grauen, das in Nacht verborgen auf sie lauerte. Bisweilen zuckte freilich ein Blitz durch die Wolken und wies auf den steil abfallenden Hang, dann warnten einige, die weiser waren, als die andern: wir treiben dem Verderben zu! Die meisten jedoch lachten ihrer und verspotteten sie als Träumer, die am hellen Mittag Gespenster sehen.

Boris Isralew gehörte zu diesen verlachten Propheten. »Seht ihr denn nicht, daß wir uns täglich mehr der Katastrophe nähern?« pflegte er den Freunden zu sagen, »glaubt ihr das Rüsten der Völker, das Hetzen der Presse bedeute nichts, sei belangloses Spiel? Arbeitet, arbeitet, klärt die Massen auf, reißt die Giftblume, die sich Patriotismus nennt, mit der Wurzel aus. Merkt ihr denn nicht, ihr Narren, wie sie in allen Beeten aufwuchert und mit ihrem schwülen Duft die Gehirne der Menschen verwirrt und betäubt?«

Auch Savin schrieb ähnliches aus Rußland: »Es bereitet sich ein Verbrechen vor, das ungeheuerlichste der Weltgeschichte. Unsere Regierung fühlt das Nahen der Revolution, sie wird mit allen Mitteln das Volk ablenken. Wir tun, was wir können, arbeitet auch ihr. Jede Stunde ist von unermeßlichem Wert.«

Die Freunde lachten: »Ihr seid verrückt, ihr Russen. Noch nie stand der Gedanke des Internationalismus auf so festen Füßen. Glaubt Ihr denn wirklich, ein Arbeiter würde gegen den anderen Arbeiter ziehen? Wenn es nottut, ist im Verlauf weniger Stunden in allen Ländern der Generalstreik proklamiert, dann können die Herrscher sich gegenseitig bekriegen, wenn sie es wollen, kein Arbeiter tut mit!«

Am überzeugtesten verfocht Philipp Schermann diese Ansichten, wenn sie im kleinen Kreise zur Sprache gebracht wurden. »Ihr kennt den deutschen Arbeiter nicht, scheint gar nicht zu wissen, welche Kulturhöhe er erreicht hat. Er läßt sich nicht mit faulen Schlagworten fangen, wie dies beim Romanen oder im Osten der Fall sein könnte. Außerdem unterschätzt ihr unsere Führer; kein einziger würde für Kriegskredite stimmen.«

Kerner schüttelte den grauen Kopf. »Der Führer bin ich nicht so sicher. Seit einiger Zeit weht ein ›deutscher‹ Wind durch ihre Reden, auf die Arbeiter jedoch kann man sich verlassen. Der Gegensatz zwischen den Klassen hat sich in den letzten Jahren ungeheuer verschärft; niemals wird das Proletariat für die Herren in den Krieg ziehen. Es wird nur noch einen einzigen Kampf ausfechten – seinen eigenen.« – –

So kamen der Sommer mit Glut und Duft, der Winter mit glitzernder Kälte; mit rasender Schnelligkeit drehte sich das Rad der Zeit, Minute peitschte Minute dem Verderben entgegen.

Der kleine Freundeskreis hatte sich wenig verändert. Lene und Anatol waren verheiratet, und ein kleiner schwarzäugiger Knabe lärmte durch ihre bescheidene Wohnung. Johannes hatte sein Studium beendet und eine Praxis begründet, die ihm allerdings wenig eintrug, da er meist arme Leute zu Patienten hatte. Gustav hatte sich in der Gelehrtenwelt einen guten Namen errungen. Er war noch immer der alte Bücherwurm und vergrub sich nach wie vor in seinen einsamen Zimmern. Friedrich hatte nach der Schwester Heirat völlig mit ihr gebrochen, seine Empörung war grenzenlos und sein ganzes Bestreben darauf gerichtet, vor den Regimentskameraden zu verbergen, daß er eine Schwester habe, die Frau Silberblatt hieß. Er war es auch, der den Zorn der Eltern gegen die ungeratene Tochter stets von neuem bestärkte und darauf bestand, daß ihr die Rückkehr ins Elternhaus verboten werde. Der Gymnasialprofessor freilich brauchte hierzu nicht erst aufgestachelt zu werden, und Frau Selder fügte sich auch hierin seinen Wünschen, wie sie sich ja ihr ganzes Leben gefügt hatte, doch stand in jedem ihrer Briefe an Gustav schüchtern, als Postskriptum, die Frage: »Wie geht es Lene?«

Seit einem halben Jahr war der kleine Kreis um ein Mitglied größer geworden. An einem Dezemberabend hatte es an Lenes Wohnungstür geklingelt, und als sie öffnen ging, stand Gioia Stramwitz auf der Schwelle. »Darf ich bei Euch bleiben?«

»Ja, selbstverständlich, aber ...«

Gioia hielt Lenes Hand fest: »Frag' nicht viel, ich bin totmüde, nimm mich auf. Wir lassen uns scheiden.«

»Na endlich!« rief Lene etwas taktlos und zog die Freundin in das behagliche Wohnzimmer. Allmählich erfuhr sie die ganze Geschichte. »Ich ertrug es nicht länger,« erzählte die junge Frau, die schmal und blaß geworden war. »Konnte nicht mehr mit ansehen, wie Heinz mit seinen Leuten umging. Kannst Du Dir vorstellen, daß er sie schlug – mit dem Stock? Und wenn ich eine Einrede wagte, hieß es: ›Das ist mein Haus, hier geschieht, was ich will!‹ Und dann immer die versteckten und offenen Vorwürfe der Familie, daß ich noch keinen Sohn habe. ›Das schöne Gut, wer soll es denn einmal übernehmen?‹«

»Armes Kind!«

»Ich habe die Zähne zusammengebissen, redete mir ein, es sei meine Pflicht, bei Heinz zu bleiben. Dann aber geschah etwas, über das ich nicht mehr hinwegkommen konnte. Unser Vorarbeiter hatte eine nette, junge Frau, ein liebes, zartes Geschöpf. Die beiden Leute waren so glücklich miteinander, und als die kleine Frau ein Kind erwartete, ging sie immer mit einem ganz verklärten Gesicht umher. An einem Abend, es war ein furchtbares Wetter, Regen und Sturm, kam der Vorarbeiter zu meinem Mann und bat ihn, um den Arzt zu schicken, bei seiner Frau hätten die Wehen begonnen.

›Bei diesem Wetter meine Pferde anspannen und zwei Stunden laufen lassen?‹ schrie Heinz den Mann an. ›Sie sind wohl verrückt geworden?‹ Der Mann blieb ganz ruhig, ich sah, wie ihn die Angst um seine Frau quälte. ›Sie ist eine schwache Frau,‹ sagte er, ›ich bitte den gnädigen Herrn recht herzlich. Frau Gräfin, Sie sind immer gut zu uns gewesen, helfen Sie uns jetzt.‹

Nun baten wir beide, der Mann mit Tränen in den Augen, ich zitternd vor unterdrückter Empörung. Heinz geriet in Zorn: ›Euere Weiber werfen ja wie die Hündinnen!‹ schrie er. ›Heute abend kommt mir kein Pferd aus dem Stall.‹ Und er klingelte und befahl dem Kutscher zu sagen, er solle darauf achten, daß kein Pferd angespannt werde. Lene, des Mannes Gesicht! Diese hilflose Wut, diese Verzweiflung! Ich ging mit ihm zu seiner Frau. Es war eine schreckliche Nacht. Gegen Morgen gebar die Frau ein kleines totes Kind, und eine Stunde darauf starb sie selbst. Der Mann war ganz still, er sagte kein Wort. Nur einmal, als er an mir vorbeikam – ich weinte in einer Zimmerecke –, streichelte er meinen Arm und sagte: ›Weinen Sie nicht, Sie haben alles getan, was Sie konnten, und für die Frau ist es besser, tot zu sein. Der Herr hätte uns ohnehin entlassen, und wo hätten wir so schnell Arbeit gefunden? Die Gutsherren nehmen nicht gern eine Familie mit einem kleinen Kind, weil die Frau dann nicht zur Arbeit gehen kann.‹

Am Vormittag kam Heinz mich holen. Die Stube war voller Menschen, Frauen waren gekommen, um die Tote zu sehen. Ich war wie von Sinnen. Als Heinz eintrat, zeigte ich auf das Bett und schrie ihm ›Mörder!‹ zu. Und als er mich anherrschte, verlor ich den letzten Rest von Selbstbeherrschung. ›Du willst einen Sohn von mir, Du Verbrecher!‹ schrie ich, ›Du wirst mich nicht mehr anrühren. Ich werde Dich beim Gericht anklagen, Du Mörder! Du Mörder!‹

Die Leute drängten sich um uns. ›Komm' nach Haus, Gioia,‹ sagte er erschrocken.

›Ich werde nie mehr Dein Haus betreten.‹ Ich wandte mich an die Leute: ›Gebt nicht zu, daß er mich anrührt.‹

›An die Arbeit, Gesindel, oder ihr seid alle entlassen!‹ brüllte Heinz. Und die Leute schlichen scheu hinaus, bis auf ein paar alte Frauen.

Ich bin auch nicht mehr ins Schloß zurückgegangen. Die Mutter des Müllers hat mich bei sich aufgenommen. Jetzt ist die Scheidung eingeleitet. Meine Eltern sind über mich empört und wollen nicht, daß ich zu ihnen zurückkehre. Da habe ich an Dich gedacht, Lene. Ihr wollt doch die Verbrecher, die Mörder vernichten, nehmt mich auf. Ich muß die tote Frau rächen und die anderen unzähligen Opfer.«

Als Lene den Freunden von Gioia erzählte, nickte Boris Isralew befriedigt. »Aus diesem Holz werden die Fanatiker geschnitzt. Sie soll nur bei uns bleiben. Ich werde darauf achten, daß sie keine unnötigen Dummheiten macht.«

Gioia fügte sich leicht in den Kreis ein. Sie war zu jeder Arbeit bereit, und Anatol, der es verstand, alle Fähigkeiten der Menschen auszunützen, entdeckte gar bald, daß die junge Frau eine vorzügliche Rednerin war. Der lodernde Haß ihrer Worte riß die stumpfsten Zuhörer mit, in kurzen Sätzen reihte sie Bild an Bild, Ungerechtigkeit an Ungerechtigkeit, bis im Saal ein ungeheuerliches Gemälde von Knechtung, Unrecht und Menschenleid aller Augen erfüllte und sich unauslöschlich in die Gehirne einbrannte.

»Die verkörperte Revolution,« meinte ein junger Maler, der sich den Freunden angeschlossen hatte, »so müßte man sie malen. Mit dem rotleuchtenden Haar, das wie Flammen aufloht. Alles ist an ihr Leben, Bewegung, treibender Haß.« –

Sie hatten sie alle lieb gewonnen, freuten sich ihrer Lebenskraft, ihrer Glut. Einem jedoch deuchte sie eine Offenbarung – Johannes. Ihre freudige Lebenslust schien ihm eine erwärmende Flamme. Jede Verzagtheit, jede Mutlosigkeit verging in ihrer Nähe. Die grauen Kinderjahre, das Gefühl der Einsamkeit, die ihn bisweilen noch bedrückten, verschwanden aus seinem Gedächtnis, eine farbenfrohe, leuchtende Welt tat sich ihm auf, ihm war, als habe er endlich die sonnige, beseligende, lang gesuchte Heimat gefunden.

»Sie ist gerade das Richtige für unseren Träumer,« meinte Lene erfreut zu ihrem Mann, »sie wird ihn aufrütteln.«

»Er schaut sie an, wie ein Kind den Weihnachtsbaum,« lachte Anatol, »mit ganz verklärten Augen.«

Johannes aber, der stille und verschlossene, wagte kein Wort, bis sie einmal abends nach einer Versammlung heimgingen. Vor Lenes Wohnung machten sie Halt. Plötzlich erfaßte ihn übermächtig die Sehnsucht nach dieser Frau und ihm war, als müsse er sterben, wenn sie jetzt von ihm ginge. Er hielt ihre Hand fest. »Gioia, geh nicht zu den anderen, komm' mit mir, Du gehörst mir.«

Sie schwieg einen Augenblick. – Da brach alle Sehnsucht des Heimatlosen, alles Verlangen des Einsamen in stammelnden Worten aus ihm hervor. Ungelenke, fast kindische Sätze der Leidenschaft, der Liebe. Und abermals wiederholte er, wie um es sich selbst zu versichern: »Du gehörst mir!«

»Das weißt Du erst jetzt?« fragte sie leise. Nicht nur die Worte, der ganze Ton der warmen Stimme gaben ihm Antwort.

Er schlang in der Dunkelheit die Arme um sie, und so strebten sie nach seiner kleinen Stube. Von draußen dufteten die Linden herein. Ein leiser Wind bewegte den Vorhang am offenen Fenster.


In Sarajewo war der österreichische Thronfolger ermordet worden. »Was geht das uns an? Ein Habsburger weniger,« meinte Philipp Schermann gelassen. Aber Anatol war anderer Ansicht. »Ein günstiger Vorwand für die Kriegspartei.«

»Bei uns ist sie viel zu schwach, um Unheil zu stiften,« behauptete der andere überzeugt, »sie schreit, rasselt mit dem Säbel und wagt doch nichts zu tun, weil sie ganz genau weiß, sie hat im Fall einer Kriegserklärung das ganze Volk gegen sich.«

»Aber in den anderen Ländern,« meinte Lene sorgenvoll.

»England ist aus Vernunftsgründen gegen den Krieg,« entgegnete Frau von Reuter, die, den kleinen Emanuel auf den Knien, am Fenster saß, »es weiß genau, welch ungeheuerer materieller Schaden ihm daraus erwachsen würde.«

»Und in Frankreich sind die Sozialisten zu mächtig, außerdem haben sie dort einen Mann, der die Massen in der Hand hält. Jaurès wird mit allen Kräften den Krieg verhindern.«

Der alte Abraham Löw saß zusammengekauert in einer Ecke. Seit dem Mord von Sarajewo hatte ihn tiefe Traurigkeit befallen. Er schwieg unentwegt, schien die an ihn gerichteten Worte nicht zu hören, starrte mit entsetzten Augen in die Ferne, als ob er dort etwas Furchtbares erblicke.

Ein herrlicher Sommertag strahlte mit sonnenbegnadeter Glut über Berlin. Lene deckte den Tisch und seufzte ein wenig über Anatols Unpünktlichkeit. Boris Isralew, den die Sonne aus dem Zimmer gelockt hatte, stand am Fenster, auch Abraham Löw hatte sich wie gewöhnlich zum Mittagessen eingefunden. »Mir scheint, es werden Extrablätter verkauft,« sagte Boris, »die Leute rotten sich zusammen. Ich werde eines holen gehen.«

»Nein, Boris, Sie sollen nicht die vielen Treppen steigen, Anatol muß ja gleich kommen, dann werden wir alles erfahren.«