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Der Tempel: Roman

Chapter 23: Einundzwanzigstes Kapitel.
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About This Book

The narrative opens in a cramped household where an elder recounts a visionary prophecy of a sacred house rebuilt by diverse hands, then moves into narrow streets where a rising mob carries out a brutal pogrom against the local community. Intimate scenes of domestic care and ancestral memory alternate with public violence, legal impotence, and collective fear. Through prophetic imagery and vivid reportage the work examines loss, resilience, and the moral demands of rebuilding communal life, asking how shared acts of compassion can repurpose grief into durable solidarity.

»Böses bereitet sich vor,« murmelte Abraham Löw in seiner Ecke.

Die Tür wurde aufgerissen, Anatol erschien, atemlos vom eiligen Gang, sehr blaß. »Jaurès ist ermordet worden!«

»Jaurès!«

Ein Glas entfiel Lenes Händen und zerscherbte auf dem Fußboden. »Unmöglich! ... Wann? ... Wer hat es getan?« ... Fragen überstürzten sich. Dann verstummten alle. Schwere Furcht, böse Ahnungen lasteten über der kleinen Stube. Und plötzlich erhob der alte Mann in der Ecke seine Stimme, sie klang dumpf und verzweifelt. »Wehe, es stehen Fackeln im Winde und leuchten durch die Nacht. Die eine große, hellstrahlende hat der Sturm verlöscht, und die anderen zittern und brennen schwächer und schwächer. Wehe, auch sie werden verlöschen. Nacht bricht herein und treibt aus die Helle. Nacht herrscht allerorten, und durch das Dunkel schreit der Jammer zum ehernen Himmel auf!«

Achtzehntes Kapitel.

Die eine Fackel, die große, hellstrahlende, die seit Jahren in Frankreich geleuchtet hatte, war erloschen. Die anderen bebten im gewaltigen Sturmwind, zitterten, brannten schwächer, immer schwächer – erloschen. Die Nacht des Wahnsinns breitete sich über die Länder, drang in Geister und Seelen. Ätzendes Lügengift spritzte aus Worten und Schriften, lähmte die Gehirne. Herden waren die Menschen geworden, sinnlos verschreckte Herden, denen des Hirten gellender Angstschrei den Wolf verkündet. Besinnungslos trieben sie vorwärts, rissen alle mit, zertraten unter ihren Füßen, wer im irren Lauf nicht Schritt halten konnte. Keiner riß sich los aus der Herde, keiner schrie den Betörten die Wahrheit zu. Wurde wirklich keine Stimme laut oder versank sie im Gebrüll der Masse? Wo waren die Führer? Wo die Männer, deren Geist durch Jahrzehnte die Menge gelenkt hatte? Verkrochen sie sich feige vor dem Sturm, wurden auch ihre Hirne geblendet, wie das des Unwissendsten ihrer Anhänger?

Aus geballten Leidenschaften und niedrigem Neid, aus Ehrgeiz und Habsucht, aus Feigheit und Leichtgläubigkeit formten die Menschen mit eigenen Händen den Moloch, das Ungeheuer mit den tausend Fangarmen und der unersättlichen Gier, das Mordgespenst, Tod und Verderben atmend. Und sie erhoben es, beteten es an, in selbstzerfleischender Raserei und nannten es Vaterland.

Vaterland! Nie mehr wird nach diesen furchtbaren Jahren ein Denkender dies Wort aussprechen können, ohne zu schaudern. Daß zwei heilige Dinge verbunden den Dämon ergeben können, der die Menschheit vernichtet! Vater: Hüter, Pfleger, Schützer der Seinen; Land: gütiger, nährender Boden, korngoldene Felder, Fruchtbarkeit, Segen.

Eine Fackel erlosch nach der anderen, hatten sie jemals gebrannt? In allen Parlamenten stimmten die Vertreter des Volkes für die Kriegskredite, nur in Serbien fanden zwei Männer den Mut, ihre Stimmung dagegen zu erheben und in Deutschland verließ bei der Abstimmung einer den Saal. Ein einziger!

Wo waren die Führer? Blinde und Verräter sprachen zum Volke, Blinde und Verräter drängten sich, des eigenen Vorteils eingedenk um den Kaiser. Schwarze Druckerschwärze spie Geifer unter die Menge.

Der Generalstreik? »Die anderen sollen damit anfangen,« hieß es in jedem Land, »dann werden wir ihrem Beispiel folgen. Wir dürfen unser Land nicht preisgeben.«

Urplötzlich hatten sie alle ein Land, die Menschen, die noch vor Wochen die ganze Welt Heimat genannt und der Grenzpfähle gespottet hatten. Und hatten ein Volk, die früher nur die »Internationale« gekannt. Jene, die außer dem Klassenkampf jeden Kampf zurückgewiesen hatten, sprachen mit volltönenden Worten auf offenem Markte von »unserem« Krieg, forderten Geknechtete, Unterdrückte auf, mit ihren Herren die Brüder zu bekämpfen.

»Gott hat Wahnsinn in die Welt geblasen und keiner vermag sich dessen zu erwehren,« seufzte Abraham Löw, als an einem Abend nach der englischen Kriegserklärung die Freunde bei Lene zusammengekommen waren.

»Wir sind angegriffen worden, wir müssen uns verteidigen!« warf Philipp Schermann ein.

»Wir sind nicht angegriffen worden,« entgegnete Johannes hart, und Gioia rief zornig: »Diese Lügen tragt Ihr ins Volk, um es für den Krieg zu begeistern!«

»Sollen wir unseren Boden den Feinden preisgeben?« fragte Philipp empört.

»Was ist der Boden gegen die Menschen?« Frau von Reuters milde, alte Stimme bebte. »Ich kann gar nicht auf die Straße gehen und die jungen, starken Leute ansehen, die abmarschieren. Rotwangig, stramm, singend schreiten sie einher und sind doch nur Gespenster, Tote, die sich noch als Lebende fühlen. Mir ist zumut, als müßte ich die Züge zum Stehen bringen, welche Menschen, gesunde, lebensvolle Menschen in den Tod tragen.«

»Und keiner tut etwas, keiner,« sagte Anatol düster, »die einen haben den Kopf verloren, die anderen, wie wir, sitzen daheim und jammern.«

»Deutschland ist an dem Krieg nicht schuld! Die Feinde haben ihn uns aufgezwungen!«

»Die Feinde? Philipp, wer sind die Feinde? Die unseligen Proletariermassen, die aus allen Ländern an die Front getrieben werden, oder die Regierungen im eigenen Lande?«

»Er redet schon ganz ›vaterländisch-korrekt‹,« höhnte Anatol. »Die Feinde! Du hast Dich schnell zurechtgefunden, mein guter Philipp.«

»Laß jetzt die dummen Hänseleien.« Philipps frisches Gesicht färbte sich dunkelrot. »Jetzt, wo das Vaterland in Gefahr ist, ist die Zeit des Haarspaltens vorbei. Das haben auch unsere Führer eingesehen und haben für die Dauer des Krieges den Kampf gegen die Regierung eingestellt. Wir können nicht anders handeln, aber die Sozialisten in den anderen Ländern, die es viel leichter haben, als wir, sind zu Verrätern an der ›Internationale‹ geworden.«

»Die Internationale,« meinte Lene sinnend, »klingt das Wort nicht wie ein Hohn? Wir meinten einen unzerstörbaren Bau aufgeführt zu haben, und beim ersten Sturm stürzt er zusammen.«

Der alte Rabbiner blickte wie betäubt im Kreise umher: »Ein stolzer Bau, fest stand der Tempel Jehovahs zu Jerusalem und dennoch ward er zerstört, doch wenn der Herr die Seinen versammelt, wird auch der Tempel wieder aufragen auf dem heiligen Berg. Viele Tränen werden die Mauern reinwaschen und der Schuldlosen Blut wird die Steine aneinanderkitten, wie Mörtel.«

Anatol war aufgeschnellt. »Ich ertrage euer nutzloses Gejammer nicht länger. Johannes, Gioia ...« er zog die beiden in eine Ecke und sprach eifrig auf sie ein.

»Ich habe Boris Isralew zu mir ins Haus genommen,« sagte Frau von Reuter, »als Russe und Revolutionär dürften ihm allerlei Schwierigkeiten drohen, so kann ich ihn mit meinem Namen schützen.«

»Ich hoffe, Sie werden aber auch darauf achten, gnädige Frau,« warf Philipp Schermann ein, »daß er keine kriegsfeindliche Hetze treibt. In diesem Augenblick ...«

»Wenn Sie gegen kriegsfeindliche Hetzer vorgehen wollen, lieber Philipp,« unterbrach ihn die alte Dame mit gelassenem Lächeln, »so müssen Sie bei mir anfangen. Ich leugne es nicht, daß ich bei jeder Gelegenheit gegen den Krieg rede und es auch stets tun werde.«

Philipp Schermann wurde etwas verlegen. »Sie können meinen Standpunkt nicht recht verstehen, gnädige Frau. Sie als geborene Engländerin ...«

»Sie sind es, der es nicht verstehen kann, Philipp. Ich würde in meiner Heimat ebenso handeln. Aber ihr scheint alle vergessen zu haben, daß man nicht nur Deutscher oder Engländer, Österreicher oder Russe ist, sondern in allererster Linie Mensch. Und als Mensch darf man wohl international sein, denke ich.«

Gioia und Johannes schickten sich zum Gehen an, und die anderen folgten ihrem Beispiel. Anatol setzte sich neben seine Frau auf das kleine Sofa. »Lene, die alte Frau hat mich auf einen Gedanken gebracht. Zu den Truppen können wir nicht gelangen, wohl aber zu den Eisenbahnern. Die muß man bearbeiten.«

Sie nickte. »Du willst es versuchen?«

»Ja, sofort. Heute nacht geht wieder ein großer Truppentransport vom Friedrichsbahnhof ab, Kerner hat es mir erzählt, einer seiner Freunde ist dort angestellt.«

»Ich gehe mit Dir.«

»Nein, Lene, die Sache dürfte gefährlich werden. Du darfst nichts riskieren, des Kindes wegen.«

Sie schlang die Arme um ihn. »Und Du? Und Du?«

»Kleine Lene, liebster, bester Kamerad, versuche nicht, mich zurückzuhalten.«

Sie war sehr blaß geworden. »Nein, das tue ich nicht.« Dann fuhr sie leiser, mit nicht ganz fester Stimme fort: »Weißt Du, Anatol, wie glücklich ich all die Jahre mit Dir war?«

Er drückte sie fest an sich.

»Was werden sie Dir tun, wenn sie Dich erwischen?«

»Ich weiß es nicht,« damit erhob er sich.

»Setz' Dich keiner unnötigen Gefahr aus.«

»Nein, Lene, Du wirst für unsere Sache weiterarbeiten, auch wenn ich nicht wiederkommen sollte.«

»Ja.«

Er ging. Sie schaute ihm durchs Fenster nach, verfolgte mit ihren Augen die rasch ausschreitende Gestalt, bis sie ihren Blicken entschwand.

Auf dem Bahnhof herrschte wildes Gedränge, Stimmen klangen durcheinander, eilige Schritte dröhnten in der gewölbten Halle. Keuchende Maschinen bliesen schwarzen Rauch von sich, Wachen schritten auf und ab, blickten mit starren, gelangweilten Gesichtern auf das Treiben.

Plötzlich schien die geordnete Arbeit zu stocken. Alles drängte sich nach einer Stelle, wo auf hoch übereinandergestapelten Kisten ein Mann stand. Sein blasses Gesicht ragte über die vielen ihn umdrängenden Köpfe auf. Laut, mit wilder, verbissener Heftigkeit sprach er zu der Menge:

»Was treibt ihr da? Ihr arbeitet! Wißt ihr auch, was eure Arbeit bedeutet? Mord bedeutet sie, Mord an eueren Brüdern. Ohne euere Arbeit würden die Züge nicht abfahren. Euere Arbeit schleppt die anderen in den Tod, als schlepptet ihr jeden einzelnen an der Hand ins Verderben. Legt die Arbeit nieder! Wie oft habt ihr gestreikt, wenn es sich um eine erbärmliche Lohnerhöhung handelte, heute, da es um Menschenleben geht, könnt ihr euch nicht genug tun an der Arbeit für die Herren. Wie oft fiel in eueren Versammlungen das Wort: »Wir wollen nicht länger für die Herren arbeiten!« Heute mordet ihr für sie. Arbeiter, kein Zug geht ab, wenn ihr es wollt. Gebt das Beispiel! Wenn unsere Brüder in den anderen Ländern, die ihr mit törichtem Nachbeten die ›feindlichen‹ nennt, von euerer Tat hören werden, auch sie ...«

Er wurde von rückwärts zu Boden gerissen; vier Soldaten drangen auf ihn ein. Er wehrte sich aus allen Kräften. Wilde Beschimpfungen prasselten auf ihn nieder. »Schurke!« »Verräter!« »Spion!« »Saujud! Schlagt ihn tot!«

Der diensthabende Offizier trat vor. »Fesselt ihn!«

Der Mann wurde abgeführt.

Die Arbeit nahm ihren Fortgang; Gedröhn, Gerassel, eilende Schritte, Rufe, schrille Pfiffe erfüllten den Bahnhof. In der Nacht schleppten pustende Lokomotiven überfüllte Wagenreihen nach dem Osten.

Neunzehntes Kapitel.

Gustav schob den kleinen Emanuel, der sich mit unwillkommener Zärtlichkeit immer wieder an seine Knie klammerte, sanft aber energisch fort und blickte seine Schwester an. »Du kannst froh sein, daß die Sache Deines Mannes noch so gut abgelaufen ist. Sechs Jahre Zuchthaus sind eine milde Strafe. Und wem verdankt Ihr das?«

»Lieber Gustav, ich weiß, was Du für uns getan hast.«

Er wehrte ungeduldig ab: »Ich spreche doch nicht von mir, obgleich auch meine Freunde ihr Teil dazu beigetragen haben. Das Hauptverdienst jedoch gebührt Friedrich; wenn der sich nicht eine Woche nachher an der Front auszeichnet ... So aber, als Schwager eines ›Helden‹ ist Anatol noch glimpflich davongekommen. Ich möchte nur wissen, warum er eigentlich den Unsinn gemacht hat.«

»Er mußte, Gustav, konnte nicht anders.«

»Merkwürdig; was mir an ihm gefällt, ist, daß er, dieser impulsive Mensch, sich so völlig der Massensuggestion entziehen konnte. Aber er brauchte diese Tatsache doch nicht in alle Welt zu schreien.«

»Sollen wir unsere Überzeugungen verleugnen?«

»Steig' doch nicht gleich aufs hohe Roß. Übrigens, ich bitte Dich, was sind Überzeugungen? Vor fünf Monaten haben wir alle behauptet, es sei ein Verbrechen, einen Menschen zu töten, und jetzt, wenn einer recht viel Morde auf dem Gewissen hat, bekommt er das Eiserne Kreuz.«

»Und Du bist damit einverstanden?«

»Nein, ich halte die ganze Sache für eine maßlose Vergeudung von Werten, bin auch ganz froh, daß mich meine Kurzsichtigkeit untauglich macht. Ich habe weder Lust, mich aus mir unbekannten Gründen totschießen zu lassen, noch fremde Menschen, die mir nie etwas zuleide getan haben, umzubringen. Aber deshalb stelle ich mich doch nicht auf die Straße, schreie wie ein Zahnbrecher und riskiere den Galgen. Wenn die Leute dumm genug sind, sich als Schlachtvieh behandeln zu lassen, so geschieht es ihnen ganz recht. Übrigens,« fügte er ernst werdend hinzu, »habe ich eine gewisse Achtung vor Anatol und euch übrigen Narren. Ihr seid wenigstens konsequent, nicht wie der unausstehliche blonde Kerl, den ich öfter bei euch traf, und der nicht fünf Worte reden konnte, ohne zu versichern: ich bin Sozialdemokrat. Und dann geht der Mensch hin und meldet sich freiwillig. Wie heißt er denn nur?«

»Philipp Schermann.«

»Hoffentlich fällt er bald. Ich kann patriotische Sozialisten nicht leiden, auch reine Patrioten nicht. Mir scheint, mir sind überhaupt alle Menschen widerlich geworden. Wo man hinkommt: ›Haben Sie's schon gehört? Ein neuer Sieg! Gefangene! Der Feind hat schwere Verluste erlitten!‹ Was geht mich der ganze dumme Krieg an? Ich will in Ruhe arbeiten.«

»Auch Du wirst nicht gleichgültig bleiben können. Jetzt heißt es, die eine oder die andere Partei ergreifen.«

»Spiele nicht die Seherin, das hast Du Dir von dem alten Rabbiner angewöhnt, der immer bei euch hockt. Übrigens schrieb mir die Mutter ungefähr das Gleiche. Ich habe Dir ihren Brief mitgebracht – ein Zeitdokument. Hier ist er, lies!« und Lene las:

 Lieber Gustav!

Du wirst vielleicht erfahren haben, daß unser lieber Friedrich mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden ist. Der Vater und ich sind sehr stolz darauf und danken Gott, daß er uns einen so tapferen, edlen Sohn gegeben hat, und daß wir ihn dem Vaterland schenken dürfen.

Dein letzter Brief hat den Vater peinlich berührt, er versteht nicht, wie Du Dein Herz in dieser großen Zeit so verschließen kannst. Auch ich begreife Dich nicht. Hast denn nicht auch Du im Elternhaus Liebe fürs Vaterland und für unseren herrlichen Kaiser gelernt? Ist Dir Dein Volk nicht teuer? Der Vater ist sehr betrübt darüber, daß Du untauglich bist. Er hätte so gerne der Heimat zwei Söhne gegeben.

Eben bringt er mir die erfreuliche Nachricht, daß im Osten eine große Schlacht geschlagen wurde und der Feind an die zwanzigtausend Mann Verluste hat. Gott wird uns auch fürderhin beistehen ...«

Lene warf den Brief unmutig auf den Tisch: »Ich kann nicht weiterlesen, es ekelt mich.«

Gustav lachte. »Unsere gute, sanfte Mutter, eine freudige Nachricht, daß zwanzigtausend Menschen getötet worden sind! Das würde ich schließlich noch begreifen, sie ist borniert und phantasielos, wie alle Frauen; sieht nicht ein, daß auch die Feinde Menschen sind. Aber was sie über Friedrich schreibt, ihren Liebling! Stolz über die Auszeichnung, Freude, daß sie ihn dem Vaterland schenken dürfen! Ich hätte geglaubt, eine Frau würde schreien: ›Gebt mir meinen Sohn zurück, mit welchem Recht setzt ihr sein Leben aufs Spiel. Was geht mich euer verdammtes Vaterland an? Ich will mein Kind!‹«

»Unzählige Frauen denken so,« entgegnete Lene traurig.

»Warum brüllen sie's dann nicht heraus? Warum tun sie nichts? Ihr seid zu nichts gut, ihr Weiber!«

»Weil wir feig sind. Laß aber einmal Elend und Verzweiflung stärker werden, als die Feigheit, dann wirst Du sehen, was wir tun können.«

Kalter, feiner Regen rieselte herab, die Laternen spiegelten sich im feuchten Asphalt, der Nebel dämpfte das Rollen der Räder und Pusten der Automobile. Gioia hastete heim, die Hände in den Muff gepreßt. Im Wohnzimmer fand sie Johannes regungslos in einem tiefen Lehnstuhl vergraben.

»Du hast Dich wieder den ganzen Nachmittag nicht gerührt, Johannes.«

»Wozu?«

»Ich habe gute Nachrichten.«

»Es gibt keine guten Nachrichten.«

Sie nahm den Hut ab und setzte sich auf die Lehne seines Stuhles. »Johannes, es hat gar keinen Sinn, hier zu sitzen und zu verzweifeln.«

»Was soll ich denn tun?«

»Arbeiten! Es sind unserer so wenige, jeder zählt. Warum bist Du heute nicht zu Frau von Reuter gekommen?«

»Um zu hören, wie in einem Salon drei oder vier Menschen verstohlen das Wort: ›Revolution‹ flüstern, während draußen vor den Fenstern die Menge: ›Sieg!‹ johlt?«

»Heute waren es nicht drei oder vier Menschen. Wir haben geglaubt, alle Führer seien verschwunden. Es gibt noch Führer.«

Er lächelte wehmütig. »Mag sein, daß der eine oder der andere sich selbst wiedergefunden hat. Aber was sollen Führer ohne Anhang? Und heute denkt das ganze Volk, wie die Regierungszeitungen wollen.«

»Weil wir diesen Zeitungen freie Hand lassen.«

Er seufzte. »Du bist ein Kind, Gioia, eine unverbesserliche Optimistin. Alles ist zusammengebrochen, eingestürzt, und Du nimmst einen winzigen Stein aus den Trümmern und rufst freudestrahlend: ›Aus diesem Stein werde ich den neuen Bau errichten!‹«

»Heute ist ein neuer Stein hinzugekommen, nein, zwei neue Steine. Setz Dich auf, Johannes, schau' nicht so verzweifelt drein, Du benimmst sonst auch mir den Mut.«

Er streichelte zärtlich das rotbraune Haar, das von der Feuchtigkeit gelöst in ihr Gesicht hing. »Du darfst nicht ungeduldig werden, Gioia, mußt doch begreifen, wie mir zumute ist. Alles, woran man jahrelang geglaubt hat, in einer kurzen Woche vernichtet. Aus dieser Zerstörung läßt sich nichts mehr aufbauen. Und die Menschen! Ich gehe durch die gewohnten Straßen, wie durch eine fremde Stadt. Eine unbekannte Sprache umflutet mich, ich treffe Freunde, freue mich sie zu sehen, und bemerke nach den ersten Worten, daß mir Fremde gegenüberstehen.«

Sie blickte ihn besorgt an. »Du darfst Dich nicht so gehen lassen.«

Er beachtete ihren Einwurf nicht, fuhr wie zu sich selbst fort: »Mir ist zumute, wie in meinen Kindertagen; alte unklare Erinnerungen suchen mich heim. Ich sehe eine große Stadt, höre wilde Schreie, Menschen kommen mit Knüppeln, fallen über andere her. Woher kommt dies Bild? Ich erinnere mich an nichts derartiges. Dann gibt es noch ein Bild, das mich bis in meinen Schlaf verfolgt: auf hohem Hügel ein zertrümmerter, eingestürzter Bau, eine Woge des Weinens und Klagens umspielt ihn, und ich weiß, daß zusammen mit diesem Bau die Hoffnung der Menschen vernichtet ward.«

»Wir richten ihn wieder auf!« rief sie eifrig. »Schon sind die Bauleute an der Arbeit, bei uns und in allen Ländern.«

Er schüttelte verzagt den Kopf. »Ich sehe keine.« Dann nach einer kleinen Pause: »Du wolltest mir doch etwas erzählen?«

»Ja, ein Brief von Savin ist gekommen.«

»Aus Rußland? Wie ist das möglich?«

»Wir wissen es selbst nicht. Heute Morgen fand Boris in seiner Tür einen schmutzigen Umschlag ohne Aufschrift stecken. Darin lag ein Zettel, Savins Schrift, bloß ein paar Worte: ›Verliert nicht den Mut, Großes bereitet sich vor, wir arbeiten trotz allem zusammen. Grüße die Genossen.‹ Siehst Du, daß wir Freunde haben, Johannes?«

»Ich begreife den ganzen Vorfall nicht, seid vorsichtig, es kann eine Falle sein. Und Deine zweite Neuigkeit?«

Sie neigte den Kopf zu ihm herab, sprach halblaut. »Weißt Du, wer heute bei uns war, um die Arbeit zu organisieren?«

»Nun?«

»Ich will keine Namen nennen, die Wände haben Ohren. Wir haben unseren Führer wieder, den Mann, dem wir am meisten vertraut haben, und der uns am bittersten enttäuscht hatte.«

Johannes schnellte auf. »Gioia! Ist das möglich? Er hat sich besonnen, ist zu uns zurückgekehrt?«

»Ja, er sammelt die Genossen in aller Stille, niemand darf davon wissen. Bist Du noch immer so niedergeschlagen?«

Er war wie verwandelt; helle Röte stieg ihm in die blassen Wangen, neue Glut belebte die müden Augen. Er rang nach Worten.

»Er, der Mann, der Deutschlands Bestes verkörperte, von dem wir alles erhofften! Wenn es einen Menschen gibt, der die Massen von ihrem Wahn zu heilen vermag, ist er es. Gioia, daß wir ihn wieder haben, daß er der Sache dennoch treu geblieben ist!«

»Wirst Du wieder daran glauben, daß alles gut werden wird? Wir hier, in den anderen Ländern die Freunde, wir sehen einander nicht, hören unsere Stimmen nicht, aber wir wissen, daß jeder den Stein herzuträgt, jeder am Tempel der Freiheit baut, bis er aufragt über Blut und Tränen der geschändeten Menschheit.«


Bleiern schleppte sich die Zeit dahin, auf dunkle Wintertage folgte ein freudloser Frühling. Weshalb scheint die Sonne, weshalb schmücken sich die Bäume mit frischem Laub? Draußen an der Front stehen die Menschen, vergehen in Elend und Not, daheim hockt an jedem Herde die Trauer um Verlorene und hüllt das ganze Haus in ihre schwarzen Schleier. Kommt noch kein Ende? Sieg oder Niederlage, bloß ein Ende des Grauens. Regen sich die Völker noch immer nicht? Stumpf ziehen sie aus, stumpf kehren die Krüppel und Verwundeten heim. Und noch immer betäuben die Regierungen die Ohren ihrer Untertanen mit dem Wort: »Vaterland« und ersticken in patriotischem Fanfarenklang das Weinen der Verzweifelten.

Die Asche dumpfgrauer Ergebung bedeckt die Länder. Niemals kann daraus die befreiende Flamme auflodern.

Und dennoch! Knistert es nicht hier und dort wie verborgene Glut, leuchtet nicht bisweilen ein roter Funke auf?

Durch siegestrunkene Massen, durch niederlagegeängstete Völker gehen Menschen, die eine andere Sprache reden, die Sprache, die vor dem Kriege so vielen verständlich war. Einer horcht auf, dann ein zweiter; scheu, ängstlich, schier wie im Traum flüstern sie die Worte nach. Totes wird wieder lebendig. Erstarrtes taut auf. In allen Sprachen werden die Worte geflüstert, harte und weiche Laute fließen zusammen. Noch ist es bloß Raunen, doch Tag für Tag fallen neue Stimmen in den Chor ein. Die Schuldigen, die an sicheren Stellen verharren, die Henker, die reuelos ihre Völker in den Tod schicken, sind taub gegen das unterirdische Gemurmel. Sie hören bloß ihr eigenes Kriegsgebrüll. Und der Chor schwillt an. Bald wird der Tag kommen, da er aufgellend Kanonengedröhn und Hurrageschrei übertönt, da aus Schützengräben und Spitälern, aus Elendswohnungen und Gefängnissen ein Wort hervorbricht und wie Blitz in den Himmel fährt: »Friede, Freiheit, Revolution!«

Zwanzigstes Kapitel.

In weichen blauen Schatten, blaßflimmernden Lichtstrahlen gleitet der erste Maitag in die Nacht hinüber. Bogenlampen kämpften noch mit der Tageshelle, glühen fahl und gespenstisch auf.

Reges Treiben herrscht auf den Straßen, Menschen hasten dahin, stoßen, drängen in eine Richtung, als wären sie magnetisch angezogen. Auf dem Potsdamer Platz staut sich das Volk; harte Arbeitergesichter, blasse abgehärmte Frauen, zufrieden-fette neugierig glotzende Bürger, Schutzleute mit herausfordernden Gebärden, alles wogt durcheinander. Bisweilen schrillt ein Pfiff durch die Luft, ein Ruf wird laut; leises gedämpftes Murmeln umspült den Platz, wie Wogen ein Felsenriff.

Noch kommen Menschen, mehr und mehr. Seltsam verändert scheinen die seit zwei Jahren in tierischer Ergebung verstumpften Gesichter. Trostlose Augen leuchten plötzlich hoffnungserfüllt, halboffene Münder scheinen nach frischem Trank zu gieren, schlaffe Muskeln straffen sich, von neuer Ahnung belebt. So mag die Menge ausgezogen sein, den Nazarener zu sehen, der Worte des ewigen Lebens hatte. Und so, mit dem hämischen Feindesblick, mit der satten Selbstherrlichkeit mögen auch damals die Pharisäer und Reichen abseits gestanden haben, törichter Neugierde voll, wie heute die Bürger.

Menschen um Menschen, schwarz wird der dicht gedrängte Platz, und noch immer kommen neue hinzu, kommen, kommen ...

Einer hat sie gerufen, einer, auf den sie vertrauen dürfen, der Freund der Geknebelten und Geknechteten, der Mann, der aus dem Schlamm der Feigheit, in dem seine einstigen Genossen versunken sind, aufstieg, der Feind der Herren und Unterdrücker.

Er spricht zu ihnen, Blitze sind die kurzen scharfen Worte, die das Dunkel der Geister erhellen, Schöpfung ist seine Rede, aus verängsteten Herdentieren formt sie Menschen, Ketten zerreißt sie, knüpft von neuem das Band, das Volk mit Volk vereint. Von Mund zu Mund gehen seine Worte, fallen, unauslöschlicher Funken, auf entflammbaren Boden. Bebende Bürgerangst peitscht die Schutzleute vor: »Laßt diesen Mann nicht sprechen, seine Worte bedeuten Verderben für uns. Weh uns, wenn das Volk die Wahrheit erkennt. Schafft uns den Mann aus dem Weg!«

Die Polizisten drängen durch die Menge; da erhebt der Mann seine Stimme, tausend Stimmen aus allen Ländern klingen in dieser einen Stimme mit, Drohung, Prophezeiung, Weltgericht verkündet die Stimme: »Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!«

Zwei Schutzleute greifen ihn, er wehrt sich, wird fortgeschafft. Schreien, Johlen und Pfeifen schlägt gegen Häusermauern. Langsam zerstreut sich die Menge. Sie trägt die Worte mit heim, wird sie hüten und wahren, bis sie, zum Feuerstrahl werdend, in das morsche Gebäude hineinschlagen, das ihnen allen als Kerker dient.

Rohe Hände haben des Mannes Mund verschlossen, und doch fliegen seine Worte über die Grenzen, entflammen die Herzen der wenigen Getreuen in den anderen Ländern mit Freude und Hoffnung, treiben anderen, denen der Mut der Überzeugung fehlt, Schamröte ins Gesicht.

»Gott sei Dank, der ist unschädlich gemacht,« seufzen erleichtert die Bürger, »nun können wir unseren heiligen Krieg ungestört genießen; er hat ja doch auch seine guten Seiten.«

Gioia hat die Nachricht von Karl Liebknechts Verhaftung gebracht, bestürzt sitzt sie mit Johannes und Lene in der Wohnung der letzteren.

»Was nun?« fragt Johannes mit der alten Verzagtheit.

Gioia hat glühende Wangen und leuchtende Augen. »Doppelte Arbeit für uns; auch im Gefängnis bleibt er unser Führer, wirkt vielleicht noch mehr denn zuvor. Weißt Du nicht, was in den Meßgebeten der Märtyrer steht: »Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.« Die schwerste Arbeit ist getan, die Masse hat die Not erkannt, die sie umgibt, jetzt können auch kleine Leutchen wie wir, den Weg zur Wahrheit weisen.«

Lene drückt der Freundin Hand. »Du bist die Tapferste von uns, Gioia, verlierst nie den Mut.«

»Wenn Ihr ihn heute abend gesehen hättet!« rief die junge Frau begeistert. »Das war nicht ein Mensch wie die anderen, der da stand und sprach, war die Verkörperung aller Menschensehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit, die Liebe aller Liebenden, und der Haß aller Hassenden. So lange ...« Sie stockt, draußen wird heftig geklingelt, Lene erhebt sich und tritt gleich darauf von Gustav gefolgt wieder ins Zimmer.

Gustav ist sehr blaß, er beantwortet kaum den Gruß der anderen, wendet sich sofort an die Schwester.

»Lene, wann kommen Deine Narren wieder zusammen?«

»Meine Narren?«

»Ja, Narren, Revolutionäre, Heilige, wie Du sie nennen magst. Ich will mich Euch anschließen, mit Euch arbeiten, kann nicht mehr abseits stehen.«

Die drei starren ihn betroffen an.

»Was ist mit Ihnen geschehen?« fragt Gioia verblüfft.

Gustav wirft sich aufs Sofa. »Geschehen? Ich habe eingesehen, daß jeder, der nicht gegen diesen gottverdammten Krieg arbeitet, ein Verbrecher ist, daß jeder, der abseits steht, ein Verbrecher ist, daß ...«

»Aber wie kommst Du mit einem Mal darauf?« Johannes betrachtet staunend den Freund; noch nie hat er ihn so erregt gesehen.

»Sie waren am Potsdamer Platz!« ruft Gioia erratend.

»Ja, zufällig kam ich vorbei. Ein Mann drückte mir ein Flugblatt in die Hand; ich las darin und fand alles, was dort geschrieben stand, richtig, trotz des ungeschliffenen Stils. Dann sah ich, wie sich Leute um einen Mann drängten; ich folgte ihnen, fragte, wer der Mann sei. Einer lachte: ›Das wissen Sie nicht? Das ist Karl Liebknecht.‹ Woher sollte ich das wissen, ich hörte den Namen zum erstenmal. Ich hörte zu, was Liebknecht sprach, es waren nur wenige Worte – aber es war die Wahrheit. Als ich dann sah, wie er abgeführt wurde, weil er die Wahrheit ausgesprochen hatte, ward mir seltsam zumute. Ich glaube sogar, ich habe mitgebrüllt, als er im Gehen nochmals rief: ›Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!‹« Gustav schöpfte Atem und trocknete sich den Schweiß von der Stirn.

»Nachher,« fuhr er fort, »spazierte ich planlos umher, merkte, in Gedanken vertieft, gar nicht, wohin ich kam, und befand mich plötzlich auf dem Friedrichsbahnhof. Da fiel mir Anatol ein; heute verstand ich ihn zum erstenmal. Ich betrat den Perron.« Er lachte ein wenig befangen. »Alles hat zusammengewirkt; es war soeben ein Verwundetentransport eingelaufen. Ihr wißt, ich bin nicht weichherzig, aber ich hätte heulen mögen bei dem Anblick, oder noch lieber ein paar Verbrecher erschlagen, die an allem schuld sind. Ist das nicht die richtige Stimmung für einen Revolutionär?«

Gioia fiel ihm um den Hals. »Lieber alter Gustav! Morgen werden wir Sie bei den ›Narren‹ einführen. Sagte ich es nicht, Johannes? Das Blut der Märtyrer ...«


Etwa eine Woche später stürzte Gustavs Wirtin aufgeregt in sein Arbeitszimmer: »Ein Herr Unterstaatssekretär und Professor Westwald fragen, ob Herr Doktor sie empfangen können?«

Gustav schnitt ein geärgertes Gesicht. »Die alten Trottel! Na gut, ich lasse bitten.«

Die beiden Herren erschienen und waren äußerst verbindlich und liebenswürdig. Gustav, der wohl ahnte, was der Zweck dieses Besuches sei, benahm sich zurückhaltend, fast unhöflich, was seine Gäste jedoch gar nicht zu bemerken schienen. Man sprach von allerlei gleichgültigen Dingen; schließlich wurde es Gustav langweilig, er unterbrach ein Kompliment des Unterstaatssekretärs mit den Worten: »Und welchem Umstande verdanke ich die Ehre dieses Besuches?«

Der Unterstaatssekretär betrachtete angelegentlich seine wohlgepflegten Nägel, räusperte sich und bemerkte: »Herr Professor Westwald hat mich bereits vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht, daß Sie, Herr Doktor, sich mit der Herstellung giftiger Gase befassen. Wenn ich den Herrn Professor richtig verstanden habe, so ist Ihnen eine Zusammensetzung gelungen, die die bereits bekannten weit übertrifft.«

Gustav grinste. »Das will ich meinen, daß meine Formel besser ist.«

»Wir haben nun erwartet,« fuhr der Unterstaatssekretär salbungsvoll fort, »daß Sie, Herr Doktor, uns Ihre Erfindung anbieten würden. Da dies bis heute noch nicht geschehen ist, suchte ich Sie auf, um ...«

»Weshalb sollte ich Ihnen das Angebot machen?«

»Wir wissen ja, aus welch echt patriotischer Familie Sie stammen, Ihr Herr Bruder hat an der Front wahre Heldentaten verrichtet und ...«

»Mein Schwager sitzt im Gefängnis.«

Der Unterstaatssekretär schien peinlich berührt. Begütigend legte er die Hand auf Gustavs Schulter: »Mein lieber Doktor, niemand ist für angeheiratete Verwandte verantwortlich; es fällt niemandem ein, Ihnen aus dem unpatriotischen Verhalten Ihres Schwagers einen Vorwurf zu machen. Aber eben in Berücksichtigung dieser Tatsache muß es Ihnen als Patriot doppelt am Herzen liegen, dem Vaterland in seiner Not zu helfen.«

»Ich bin kein Patriot.« Gustav begann ungeduldig zu werden.

Der Unterstaatssekretär wetzte unruhig auf seinem Sessel hin und her.

»Der Herr Doktor meint wohl, er sei gegen Annexionen,« warf Professor Westwald beschwichtigend ein, »dies ist ja auch die Ansicht verschiedener durchaus ehrenhafter, loyaler Leute.«

Eine peinliche Pause folgte.

Schließlich nahm der Unterstaatssekretär wieder das Wort. »Es ist Ihre Pflicht, Herr Doktor, uns die Formel auszuhändigen; das müssen Sie doch selbst einsehen?«

»Wenn ich es aber nicht einsehe?«

»So werden wir, so leid uns dies auch tut, zu strengeren Maßnahmen schreiten müssen.«

Jetzt verlor Gustav die Geduld. Er schnellte auf und schrie seinen Gast an:

»Strengere Maßnahmen! Wer gibt euch ein Recht auf mein Gehirn und dessen Erzeugnisse? Ich habe mich mit der Sache befaßt, weil sie mich interessierte, aber nicht, um an unzähligen Unschuldigen zum Mörder zu werden. Zupfen Sie mich nicht am Rock, Herr Professor Westwald, ich weiß genau, was ich tue, und ich erkläre Ihnen hiermit, Exzellenz, Sie werden die Formel nicht bekommen

Auch der Unterstaatssekretär hatte sich erhoben, blaß vor Zorn starrte er auf Gustav. »Sie werden die Regierung zu Schritten zwingen, Herr Doktor, die Ihnen äußerst unangenehm sein dürften.«

»Ich pfeife auf eure verdammte Regierung!« Außer sich vor Wut, riß Gustav die Schreibtischlade auf, zog einen beschriebenen Zettel heraus und zerriß ihn, bevor ihn die beiden daran hindern konnten, in kleine Stücke. »So, Exzellenz, jetzt lassen Sie eine Haussuchung vornehmen, das war die Formel!« Er lachte grimmig auf: »Aber da drin in meinem Kopf steht sie noch immer geschrieben, und ich werde sie vielleicht einmal anderweitig verwenden können.«

Der Unterstaatssekretär wandte sich an den Professor. »Haben Sie die letzten Worte des Herrn Doktor genau gehört; könnten Sie sie im Notfall unter Eid bestätigen?«

Professor Westwald nickte: »Jawohl, Exzellenz.«

Ohne ein weiteres Wort schickten sich die beiden Herren zum Gehen an. Gustav begleitete sie mit ausgesuchter Höflichkeit bis zur Tür. »Es war mir eine große Ehre, Exzellenz.«

Allein geblieben lachte er auf: »Was ist denn eigentlich in mich gefahren? Gott weiß, was ich mir da eingebrockt habe! Und weshalb war ich so wütend? Aus revolutionärer Gesinnung oder – über die Vergewaltigung der Wissenschaft?«

Einundzwanzigstes Kapitel.

Die Kriegsgewinnler und Kapitalisten hatten den Schlaf verloren, und auch das Essen wollte ihnen nicht mehr recht schmecken, geheime, uneingestandene Angst versalzte ihnen die Speisen, gab teueren Weinen den herben Geschmack des geringsten Krätzers, verlieh den weichsten Betten unbehagliche Härte. Die Kriegsgewinnler und Kapitalisten fühlten sich nicht wohl. Welch ein Unglück! Draußen sterben unsere tapferen Feldgrauen für uns, für unser Behagen, für unseren Reichtum, und wir in der Heimat werden von Ängsten geschüttelt, können das Leben, das uns andere so teuer erkaufen, nicht recht genießen, welch ein Unglück! Da gilt es Abhilfe schaffen! Aus dem Angstschweiß verstunkener Bürgerseelen, aus der prickelnden Unruhe des Junkers wurde der weiße Terror geboren. Unser einstiger lieber Vetter, der Zar, hat uns gezeigt, wie die Sache gehandhabt werden muß. Schade, daß nicht auch wir ein Sibirien haben, doch gibt es Gott sei Dank Gefängnisse genug im Deutschen Reich, auch die Schutzhaft ist keine üble Einrichtung.

Am Abend des 28. Juni schmeckte den Herren das Essen viel besser: Karl Liebknecht war in erster Instanz zu zwei Jahren, sechs Monaten und drei Tagen Zuchthaus verurteilt worden. »Ein Hetzer weniger,« meinten sie in den Klubs, »mit den paar Übrigen wird man auch noch fertig werden. Die anderen Sozialdemokraten halten sich wacker, sind unsere besten Bundesgenossen. Solange die zu uns stehen, halten wir das Volk in der Hand.« Und sie stießen an, auf das Wohl des vernünftigen Kriegsgerichtes – etwas strenger hätte das Urteil sein können –, auf unsere Feldherrn und unsere braven Freunde, die Sozialdemokraten.

Dennoch waren sie nicht ganz beruhigt; es gab noch andere Elemente, die hetzten und schürten; auch die muß man unschädlich machen. Im Juli wurde Rosa Luxemburg zum zweitenmal ins Gefängnis geworfen, im August ereilte Franz Mehring das gleiche Schicksal. »Der alte Mann war besonders gefährlich,« bemerkten die Herren untereinander, »seine siebzig Jahre machten Eindruck auf die sentimentale Masse. Es ist zu hoffen, daß er bei so hohem Alter das Gefängnisleben nicht lange ertragen wird.« Und nun genossen sie wieder eine ungestörte Nachtruhe.

Auch Unbekannte, die sich in nichts hervorgetan hatten wurden dem guten Schlaf und dem Appetit der Herren geopfert; unter ihnen befand sich Gustav Selder. Seine unvorsichtigen Worte: »er werde vielleicht seine Formel anderweitig verwenden können«, wurde gegen ihn ausgenützt; er wurde in Schutzhaft genommen. Er fand sich mit dem gewohnten Gleichmut darein, warf den ihn abführenden Polizisten etliche griechische und lateinische Zitate an den Kopf, die diese für ganz besondere Injurien hielten und bedankte sich feierlich für die ihm gebotene Ruhe und Abgeschlossenheit, die seinem Studium von großem Nutzen sein würde. –

Endlos schlichen die Tage dahin. Der Fluch des Deuteronoms schien über der Welt zu lasten: »Des Morgens wirst du sagen: Ach, daß es Abend wäre! Des Abends wirst du sagen: Ach, daß es Morgen wäre! Unsägliches Warten spannte alle Nerven, warten, warten, von Stunde zu Stunde, Tag zu Tag. Warten auf die Erlösung, die nicht zu kommen scheint und doch kommen muß. Hunger und Not fraßen an den Menschen mit scharfen, nagenden Zähnen, stumpfer, hoffnungsloser Grimm vergiftete die Seelen, lähmte die Kräfte. Mißtrauen durchtränkte das Volk, Mißtrauen gegen die Herren, aber auch Mißtrauen gegen die anderen, die mutig und unentwegt an seiner Aufklärung arbeiteten. »Ihr redet nur, warum tut Ihr nichts? Ihr seid genau wie die anderen,« sagte eine alte Frau, deren zweiter Sohn gefallen war, zu Gioia, und diese wußte keine Antwort. Sie selbst trieb die Freunde zur Tat, geriet in Verzweiflung, wenn deren Vorsicht ihr klar machte: noch ist es zu früh, wir sind zu schwach. Boris Isralew tröstete sie: »Die Befreiung muß kommen, Gioia, doch wird sie nicht von einem Land ausgehen, das in vielen satten Jahren hart geworden und zu Stein erstarrt ist. Sie wird von jenem Lande kommen, wo Schmerz und Elend seit Jahrhunderten das Feuer in Brand erhalten, die Flamme geschürt haben. Nur ein gekreuzigtes Volk vermag der Messias der Völker zu sein.«

Die alte Frau von Reuter schien von den Freunden die am härtesten Betroffene zu sein; jetzt, da das ungeheuerliche Verbrechen der Blockade Kinder und Frauen mordete, erinnerte sie sich mit Entsetzen, daß sie dem Lande angehörte, das diese Schuld auf sich genommen hatte. »Ich schäme mich, den Menschen in die Augen zu sehen,« sagte sie zu Lene, und Tränen flossen über ihr feines, altes Gesicht. »Wir alle tragen Schuld am Kriege, mich aber drückt noch die Schuld und Schande meines Landes.« Sie gönnte sich keine Ruhe, die müden alten Füße stiegen unzählige Treppen hinauf, um Nahrung und Kleidung in elende Dachkammern zu tragen. Es war bald bei den Freunden ein beliebter Scherz geworden, sie bei jedem Besuch zu fragen: »Was haben Sie heute verkauft?« Dann errötete die alte Frau wie ein junges Mädchen: »Nichts, gar nichts.« Und Lene fragte: »Wo ist denn Dein Diamantring?« »Am Finger irgendeiner fetten Schiebersgattin,« brummte Boris Isralew von der Chaiselongue her. »Eine alte Frau braucht keine Ringe,« bemerkte Frau von Reuter lächelnd, »aber kleine Kinder brauchen Milch.« Der schön eingerichtete Salon wurde kahl und dürftig. Ein wertvolles Möbelstück nach dem anderen wanderte zum Antiquar. Als die Teuerung immer größer wurde, überraschte die alte Dame die Freunde mit der Nachricht, daß sie ihre Wohnung aufgegeben habe und mit Boris Isralew zwei kleine Stuben in einem ärmlichen Viertel beziehen werde. »Fast alle meine kleinen Kinder leben dort,« bemerkte sie entschuldigend, »ich brauche dann nicht mehr so weit zu laufen.«

»Sie richtet sich zugrunde,« meinte Lene besorgt zu Boris.

»Nein, laßt sie nur; sie könnte das Elend nicht ertragen, wenn sie sich nicht selbst gäbe. Sie ist noch aus der alten Schule, die an private Wohltätigkeit glaubt, die liebe Alte. Übrigens kein schlechtes Produkt der alten Schule.«

Warten, warten, warten! An den Fronten verbluten sie zu Millionen; Krüppel kehren heim, Blinde, Kranke; Kinder verhungern, ein einziger Jammersaal eines ungeheueren Spitals ist das ganze Land. Kommt denn keine Erlösung? Verzweiflung schreit zum ehernen Himmel auf, Verzweiflung winselt in Spelunken und elenden Kammern. Der Himmel ist taub und taub sind auch die Menschen, die dem Unheil Halt gebieten könnten. Bleierne Tage schleppen sich in den Herbst, schleppen sich in den Winter. Endlos ist dieser Winter, es wird nie Frühling werden. Früher, vor dem Krieg, da gab es einen Frühling, das Eis schmolz, selig erneutes Leben sproß auf. Das war einmal; es klingt wie im Kindermärchen oder verbirgt dieser Satz noch einen anderen Sinn?

Warten, warten, warten!

Der Märzwind, der ungestüm mit junger Kraft dem Winter an den Leib rückt, bringt die Kunde. Worte peitscht er durch die stickige schwarze Wolkenluft, daß sich die Nebel teilen und blauender Himmel sichtbar wird. Zauberworte. »Rußland! Revolution! Der Zar ist gestürzt! Die Sozialisten am Ruder! Friede!« und immer wieder: »Rußland! Rußland!« Der Völkerheiland erstand aus seinem Grab, das Heil kommt!

Fremde sprechen einander auf der Straße an: »Haben Sie's gelesen? Ist es wahr?« Osterahnen geht durch die Welt, die Zeitungen, die Kunde aus dem Osten bringen, werden gelesen wie das Evangelium. Gebeugte Leiber straffen sich, in verängstete Seelen strömt neuer Mut. »Die haben's gekonnt, warum nicht auch wir?« Lippen, die das Wort »Feind« versehrt hat, leuchten rot und geheilt, sie sagen: »Unsere Brüder.«

Die Herren reiben sich die Hände: »Revolution in Rußland! Das ist recht! Jetzt wird man fertig werden mit der Bande!«

Boris Isralew schüttelt den Kopf, als er die Namen der Führer liest. »Jubelt nicht zu früh; das ist bloß die erste Stufe. Bourgeoisrevolution. Aber sie macht den Weg frei für die andere, die wahre. Es ist noch nicht der Tag, bloß der erste helle Schein im Osten. Aber der Tag wird kommen!« – –

Der Tag kam und brachte für Deutschland schwärzeste Nacht; eine Nacht, aus der sich in Flammenzeichen zwei Worte abheben, ein ewiges Brandmal der Schande: Brest-Litowsk!

Die Herren, die Kapitalisten haben gesiegt: deutsche Soldaten dringen vor in einem entwaffneten Land, und Deutschlands Ehre liegt im Kot, wird von Deutschen auf Rußlands Straßen zertreten. Aber diese Schande peitscht viele auf, die, stumpf vor Elend und Not, sich in alles gefügt haben.

»Sie haben unsere Leiber verkauft,« ruft Kerner, bebend vor Wut, in einer geheimen Versammlung, »und wir haben es geduldet. Waren von jeher gewohnt, daß unsere Leiber und Leben den Kapitalisten gehören. Jetzt aber wollen sie unsere Seelen verkaufen, und das dulden wir nicht! Die sind noch unser, die kann uns kein Kaiser und kein Feldherr rauben. Unsere Brüder im Osten sollen sich nicht vergeblich an uns gewandt haben.« Doch noch sind die Herren zu mächtig, das Volk ist zu schwach; seine Stimme wird übertönt. Eines jedoch ist gewonnen, der deutsche Arbeiter hat die geblendeten Augen geöffnet; er erkennt allmählich den wahren Feind, den ihm schurkische Führer als Freund dargestellt haben; er erkennt auch die Brüder. Der Osten streckt die Hand aus, und unzählige Hände greifen nach ihr, über Drahtverhaue, aus Schützengräben und Gefängniszellen, aus dem Kerker der Not. Noch herrscht die Nacht, doch rötet sich schon der Osten. Zum zweitenmal hat ein Gewaltiger das Wort gesprochen: »Es werde Licht!« Die Nebel zerteilen sich, die Sonne, noch hinter Wolken verborgen, wärmt bereits die erstarrte Erde, und über blindes Chaos, Haß und Bestialität erhebt sich siegreich der Geist!

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Boris Isralew lag im Sterben. Seit Monaten bereits fragte sich Johannes staunend, was dem siechen Körper noch die Kraft zum Leben gab; war es der unbeugsame Wille des einstigen Katorgasträflings, der nicht fortgehen wollte, ehe er das Ende des Entsetzens gesehen hatte, oder die glühende Sehnsucht nach der ersten befreienden Tat im Deutschen Reich?

Er wurde immer ungeduldiger, herrschte die Freunde an, wenn sie von ihrer Arbeit berichteten, von Flugblättern, geheimen Versammlungen.

»Ihr bleibt im ersten Kapitel des Evangelium stecken!« pflegte er gereizt auszurufen. »Bei euch ist es immer noch: im Anfang war das Wort. Laßt doch endlich die Tat folgen. Euere vielen Worte, gesprochene wie gedruckte, erdrosseln die Tat. Aber natürlich, in diesem verdammten Land der Ordnung wartet ihr, bis euch die Revolution behördlich gestattet wird!« Als er allmählich schwächer wurde, verschwand jedoch seine Ungeduld. »Es muß ja kommen und wird auch ohne mich gehen. Wir haben euch den Weg gezeigt.«

Er sprach von Rußland, grenzenloses Heimweh hatte sich seiner bemächtigt. Wenn die langen Schatten des Sommerabends in die Stube fielen, redete er verwirrten Geistes vor sich hin: »Siehst Du, wie die Ebene leuchtet? Endlos, unbegrenzt. Und dort hinten der Birkenwald, wie er duftet. Heilige russische Erde, Mutter der Märtyrer und des Heiles, sehe ich Dich doch noch einmal?« Er sprach zu alten Kameraden: »Morgen, Ivan, wenn der Minister ausfährt ... Ist Dein Revolver in Ordnung? ... O diese Fesseln, wie eisig sie im Winter sind! ... Wer ist in der Nachbarzelle? Klopfe noch einmal, Kamerad, ich habe Dich nicht verstanden.«

Dann kamen Tage, an denen er stumm, bewußtlos dalag. – –

An einem Augustmorgen, als es zu dämmern begann, öffnete er die Augen. Frau von Reuter, die an seinem Bett eingenickt war, erwachte, als seine Hand ihre Schultern berührte. Er blickte sie an, ohne sie zu erkennen, lächelte, sprach ein paar russische Worte, hob die Arme und rief: »Wir siegen!« Dann streckte sich der abgezehrte Körper, bäumte sich noch einmal auf und fiel zurück; die gebrochenen Augen blickten starr nach dem Fenster, in die aufgehende Sonne.


Als Lene etwa eine Woche später Johannes und Gioia aufsuchte, blieb sie wie erstarrt an der Türschwelle stehen; der Mann dort beim Fenster, unmöglich, es konnte ja nicht sein, und dennoch ... »Savin!«

Ein wohlbekanntes Gesicht lachte ihr entgegen. »Ein kleiner Irrtum, liebe Lene, Herr Rotberger, Kaufmann aus Linz.«

»Wie ist es denn möglich?«

»Alles ist möglich und mehr als alles wird möglich werden. Wie geht's, Strohwitwe? Was macht Anatol? Und Gustav sitzt auch? Ich habe auch gesessen, verdammt lange sogar, bis zur zweiten Revolution.«

Am Abend kamen sie alle bei Frau von Reuter zusammen. »Es sind unser recht wenig geworden,« meinte Savin, sich im Kreise umblickend. »Den armen Boris hätte ich gerne noch gesehen. Und wo steckt der Prophet?«

»Der geht überhaupt nicht mehr aus,« erwiderte Johannes. »Hockt den ganzen Tag daheim und betet. Er glaubt, der Messias werde demnächst kommen.«

»Er hat so Unrecht nicht, der alte Mann. Wir in Rußland haben mit dem Aufbau des Gottesreiches begonnen,« bemerkte Savin ernst.

»Erzähle!«

Er erzählte, berichtete, wie der geballte Wille eines gepeinigten Volkes Gestalt angenommen, und aus dieser Gestalt sich das Räterußland entwickelt hatte.

»Blutig, sagt Ihr, sei die Revolution verlaufen? Ja, sollen wir etwa unseren Feinden mit der reinen Vernunft auf den Leib rücken? Sie wehren sich, das ist von ihrem Standpunkt aus begreiflich, und wir sind verpflichtet, das Errungene zu schützen. Nicht etwa, daß es vernichtet werden könnte. Erschlagt uns alle, setzt die Autokratie wieder ein, aus der russischen Erde werden sich Menschen bilden, die unsere Idee fortführen. Rußland ist durchtränkt von der Idee, sie sickert in die Geister ein; unsere Feinde von gestern sind heute unsere Anhänger. Propaganda? Freilich treiben wir Propaganda; aber ich meine, wir hätten es gar nicht nötig. Wir haben die Jahrtausende alte Sehnsucht der Völker verwirklicht; unser bloßes Bestehen ist Propaganda genug.«

»Wären wir erst so weit,« seufzte Kerner.

»Bei Euch ist das anders. Ihr müßt vom Schlamm der Bourgeoisie erst in den Schmutz des Kleinbürgertums geraten, des brutalen, herrschsüchtigen Kleinbürgertums. Euch fehlt der Schwung, um diese Stufe zu überspringen. Ihr müßt Euch emporarbeiten, Schritt für Schritt, werdet zurückfallen und von neuem beginnen müssen. Das weiß man bei uns; wir rechnen noch nicht auf euch, in drei, vier Jahren vielleicht.«

»Wir sind nicht müßig gewesen,« warf Gioia ein.

»Ich weiß es, auch ihr habt gute Führer, nur sitzen die meisten jetzt augenblicklich im Gefängnis. Und dann noch eins, das russische Volk vermag seine wahren Führer zu erkennen, das deutsche nicht. Gebt ihm Lenin oder Trotzki, es wird ihn nicht verstehen, wird Mißtrauen empfinden, sich gegen ihn aufhetzen lassen.«

»Haben Sie uns keine Botschaft gebracht, Savin?« warf Lene ein.

»Rotberger, bitte. Ja; aber die muß ich zuerst anderen berichten, dann sollt ihr es erfahren.«

Sie saßen beisammen, bis der Morgen graute, fragten, erzählten. Es war, als sei mit dem Russen ein frischer Lufthauch gekommen, der die dumpfe Schwüle zerstörte. Sie lauschten ihm, wie man dem Wanderer lauscht, der heimgekehrt, von einem sagenhaften Lande berichtet, einem Lande, in dem alle Träume und Sehnsüchte Wahrheit geworden sind.


Die Welt hielt den Atem an und wartete mit klopfenden Pulsen. Die Zentralmächte hatten ein Friedensangebot gemacht. Es gab keine laute Freude, allzu teuer war dieser Friede erkauft; dumpfer Groll erhob drohende Fäuste.

Die Patrioten zitterten, sie waren bereit, alles zu opfern, selbst den »geliebten Kaiser«, um das Volk zu beschwichtigen. Das Volk! Was war aus der stumpfen Masse geworden, dem wehrlosen Schlachtvieh, über das die Herren bedingungslos verfügen konnten? Plötzlich löste sich diese Masse auf, und man erkannte schaudernd, daß sie aus Menschen bestand, lauter verbitterten, haßerfüllten Menschen. Und wie viele es waren! Früher hatte man jubelnd gesagt: »Ja, wir haben es, das Menschenmaterial« und hatte sich über die Zahl derer gefreut, die man in den Tod schicken konnte. Heute verfluchten die Herren die ungeheuere Anzahl, ja, mit einem kleinen Volk, mit dem könnte man fertig werden, ein paar verläßliche Regimenter würden genügen. »Verläßliche Regimenter?« Wer ist heute noch verläßlich? Matrosen meutern, Soldaten; seltsam, es war den Herren nie eingefallen, daß auch diese zum Volk gehören, Volk sind. Nun mußten sie's erkennen. – –

Die Ereignisse folgten Schlag auf Schlag. Der Volksstaat Bayern wurde proklamiert; noch stritt man über des Kaisers Rücktritt, da wurde auch schon in Berlin die Republik ausgerufen.

»Revolution?« sagte Savin zu Gioia, die außer sich vor Freude war. »Das ist keine Revolution. Ist vielleicht der Auftakt. Wer hat die Republik verkündet? Ein Sozialpatriot. Wer wird herrschen? Die Sozialpatrioten. Der kleine Bourgeois kommt ans Ruder, Kerenski und Dan. Das Volk ist eben so schlecht daran, wie zuvor, schlechter, weil man ihm noch leichter vortäuschen kann, es habe mitzureden. Glaubt ihr denn Revolution sei eine Spielerei? Solange sie nicht ein Elementarereignis ist, ein Ausbruch der Masse, kann sie nichts erreichen.«

»Du hast Unrecht, Savin,« meinte Johannes.

»Wir werden ja sehen. Weil ein Wetterleuchten die Nacht erhellt hat, wähnt ihr, der Morgen sei gekommen. Glaubt mir, die Nacht, die dieses unglückselige Land bedeckt, muß noch weit dunkler werden, ehe es tagt.«

Von der Straße drangen Jubel und Freudenrufe ins Zimmer. Gioia öffnete das Fenster und lehnte sich weit hinaus.

»Der falsche Messias,« murmelte Savin verdrossen, »der Heiland der Bürger! Schließen Sie das Fenster, Gioia, ich kann es nicht ertragen, die Leute denen zujubeln zu hören, die sie knechten werden.«

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

»Mein Gott, weshalb haben sie uns nicht im Gefängnis gelassen?« sagte Anatol Silberblatt düster und starrte in den grauen Winterabend hinaus. »Dort waren wir glücklich, ahnten schon lange, daß sich etwas vorbereite, füllten die grauen Tage mit Hoffnung aus. Und dann, diese wundervolle Nacht vom neunten November! Mein Zellennachbar hatte die Nachricht erfahren. Woher? So etwas sickert durch die Mauern hindurch. Er klopfte an die Wand: »Sieg! Revolution!« Ich ließ ihn die Worte drei, viermal wiederholen, mußte sie immer wieder hören. Als ich sie weitergab, hörte ich meinen anderen Nachbarn schluchzen wie ein Kind. Wir waren alle schier verrückt vor Glück. Endlich! Und dann kommt man heraus, und findet – das.«

Er wandte Lene sein zerquältes Gesicht zu.

»Liebster,« entgegnete sie zögernd, nach Trost tastend, »es ist doch wenigstens der Anfang.«

»Nein, es ist das Ende. Wie habt Ihr es zugeben können? Einen Tag lag die ganze Macht in den Händen des Proletariats, und es läßt sie sich entwinden. Nicht entreißen, wenn es der Übermacht erlegen wäre, aber nein, es läßt sich die Macht aus den Händen nehmen, glaubt dabei noch, es habe sie an seine Freunde weitergegeben ...«

»Wir sind 1905 auch geschlagen worden,« warf Savin ein.

»Das war etwas anderes; damals seid ihr euren Feinden gewichen, habt gewußt, in etlichen Jahren beginnt der Kampf aufs neue. Aber heute glaubt der größte Teil des Volkes, alles sei in schönster Ordnung.«

»Wir haben doch Freunde in der Regierung,« Lene klammerte sich verzweifelt an jedem Strohhalm.

»Die werden schön langsam verdrängt, heute der, morgen ein anderer.«

»Wir werden nicht dulden, daß einer geht,« rief Johannes und Gustav fügte hinzu: »Du siehst zu schwarz, Anatol, wir können jeden Augenblick Verstärkungen aus Spandau und Frankfurt an der Oder erhalten. Es wird übrigens gar nicht nötig sein, zu derartigen Mitteln zu greifen. Laß am Sonntag den Demonstrationszug zustande kommen, da wird unserer herrlichen Regierung schon das Herz in die Hosen fallen.«

Aber Anatol wollte sich nicht beschwichtigen lassen.

»Ihr vergeßt immer, wer heute die Macht an sich gerissen hat. Unbedeutende, verbürgerte Leute, die sich zum erstenmal groß und wichtig vorkommen. Die werden an der Macht festhalten, zäh wie ein Hund an seinem Knochen, werden mit der Bourgeoisie paktieren, mit dem Militär, alles tun, um nur an der Spitze zu bleiben. Die ...«

»Sie werden sich nicht eines solchen Verrates schuldig machen,« unterbrach ihn Gioia heftig.

Anatol lachte bitter. »Sie haben sich in vier langen Jahren an den Verrat gewöhnt; was könnt ihr anderes von ihnen erwarten? Das wissen auch unsere Führer, wissen genau, daß es den Kampf aufs Messer gilt.«

»Komm, Anatol, wir wollen in die Versammlung gehen, Liebknecht wird sprechen,« erinnerte Johannes.

»Ich kann nicht auf die Straße gehen, kann nicht die rote Fahne wehen sehen, beschmutzt und entehrt von den Händen, die sie gehißt haben. Zweimal hat Deutschland die Idee gemordet, in Brest-Litowsk und in der deutschen Revolution!«

Er verbarg das Gesicht in den Händen, tiefe Stille herrschte in der kleinen Stube, verzagte, trostlose Stille. Schließlich brach Frau von Reuter das Schweigen. Ihre alte, zitternde Hand fuhr liebkosend über Anatols gebeugten Kopf. »Ich verstehe nicht recht, worum es sich handelt, weiß nur unklar, daß wieder einmal Menschen das Heilige zu sich herabgezerrt und geschändet haben. Das brandmarkt die Menschen, mein Kind, aber nicht das Heilige. Das bleibt, das ist ewig und unbesieglich. Und auch hier tragen es noch viele im Herzen. Glaube mir, es ist so stark, daß es, selbst wenn es auch nur ein Einziger in seiner Seele bewahrte, von dieser einen Seele aus die Welt entflammen könnte.«

Anatol hob den Kopf, er schien die Worte der alten Frau nicht gehört zu haben, mit verzerrten Zügen blickte er zum Fenster hinaus. »Wie der Schnee fällt, alles zudeckt; die ganze Straße sieht aus wie ein Grab.«

Sie verstanden seine Stimmung, die sich allmählich allen mitgeteilt hatte. Nur die alte Frau lächelte und sagte leise, aber bestimmt: »O ihr Jungen, wißt ihr denn noch nicht, daß das Grab nicht den Tod bedeutet, sondern die Auferstehung?« – –

Durch die Siegesallee wälzte sich der endlose Zug, eine schwarze Drohung im fahlweißen Wintertag. Mit blödem Staunen blickten die weißen Marmorpuppen von ihren Sockeln herab: was soll das bedeuten? Das hat es zu unserer Zeit nie gegeben! Da haben sich die gemeinen Leute schön bescheiden geduckt und unseren Befehlen gefügt. Was sind das für Menschen, die hier an uns vorüberziehen? Sie sehen arm aus, gleichen in Kleidung und Äußerem unseren Untertanen, aber nie sahen wir in den Zügen unseres braven Volkes einen derartigen Ausdruck. Gehorsam, Ergebenheit, salbten sein Angesicht, und es wagte kaum, die Augen zu uns zu erheben. Diese jedoch haben harte, entschlossene Gesichter, ehrfurchtslose, kühn blitzende Augen. Bei Gott, das sind keine Untertanen mehr! Die Fürstenpuppen der Siegesallee fröstelten, zogen sich den Schneemantel fester um die Schultern und hätten gerne die Köpfe geschüttelt, wenn ihnen dies der starre Marmornacken gestattet hätte.

Sie hatten mit ihren blinden Augen – stets sind Herrscheraugen blind gewesen, auch wenn sie nicht aus weißem Marmor gemeißelt sind – zum erstenmal richtig gesehen. Das waren keine Untertanen mehr, die an ihnen vorüberzogen, waren Menschen, die, ihrer Würde bewußt, keinen Herrn mehr anerkannten, weil sie endlich, endlich begriffen hatten, daß sie selber die Herren waren, die Macht – sie, das Volk, das Proletariat. Zu Tode verbitterte Menschen waren es, weil sie erkannt hatten, man habe sie zum zweitenmal betrogen und diesmal war nicht der Feind der Betrüger gewesen, sondern der angebliche Freund, die Männer, denen sie jahrzehntelang geglaubt hatten, die ihre Führer gewesen waren.

Diese Erkenntnis brütete schwüle Hitze aus, von Mensch zu Menschen flog das böse Wissen, entfachte sich bei jedem neuen Anprall. Flammen des Hasses züngelten auf, und jeder neue Gedanke brachte dem Feuer neue Nahrung. Sturmwind waren die Worte der Führer, fuhren in die Flammen, trieben sie hoch, vergrößerten ihre Kraft. Lodernder Haß, heiliger Zorn schritt an jenem Sonntag durch die Straßen Berlins. Anatol, der sich dem Zug angeschlossen hatte, lachte auf, aus befreiter Brust. »Besiegt? Wie konnte ich dies nur glauben? Durch jeden Druck werden wir stärker. Wir sind das Feuer, das den Lügenwald verzehrt, sind das Meer, das die Düne überflutet. Für eine vom Felsen zurückgeworfene Welle gischen hunderte auf. Wir sind unsterblich, weil wir die Menschheit sind. Mögen sie uns töten, vernichten, neue Flammen werden aus Asche und Schutt brechen und ihre Festen zerstören. Wir sind unbesieglich!«


Kampf tobt in den Straßen Berlins. Schüsse hallen wider, Blut befleckt die Straßen, Schreie gellen auf, Militär jagt einher; Bürgerkrieg!

Verhaltener Grimm fletscht die Zähne. Die Besiegten vom neunten November, die Offiziere, die »treuen« Truppen, toben sich aus; sie sind mit einem Male gut Freund mit der bisher verhaßten Regierung. Entfesselte Roheit feiert Triumphe. In ihren Höhlen liegt lauernd die Reaktion und freut sich des Gemetzels.

Eine kleine Schar – die erhofften Verstärkungen sind ausgeblieben – kämpft einen Verzweiflungskampf, einen Kampf, der nur mit ihrer Niederlage enden kann. Nicht immer werden sie die Schwächeren sein, das Reich der Freiheit muß mit Blut erkauft werden. Und sie, die zerlumpt und elend auf den Straßen sterben, zu Tode getroffen, von Pferden überritten, sie lassen ihren Kindern ein köstliches Erbe – die Idee. Und wenn unsere Führer fallen, wir sind nicht führerlos, mit der roten Fahne in der Hand zieht die Idee vor uns her, wie die Feuersäule des Herrn den Juden den Weg wies ins gelobte Land. – –

Gustav ist verwundet, es gelingt Anatol und Johannes, die in seiner Nähe kämpfen, ihn in Johannes' Wohnung zu bringen. Als sie wieder fortwollen, klammert sich Gioia einen Augenblick an Johannes. »Wann kommst Du wieder?«

»Ich weiß nicht. War Lene nicht hier?«

»Sie brachte das Kind her, lief wieder fort. Und ich muß jetzt daheim sitzen.«

»Einige müssen am Leben bleiben, Gioia.«

Sie erschrickt vor dem Ernst seiner Stimme.

»Du glaubst, daß es hoffnungslos ist, daß wir nicht siegen können, vergeblich sterben?«

»Nicht vergeblich, Liebste. Dies ist kein Entscheidungskampf, ist bloß der Anfang eines langen, langen Ringens.« Er küßt sie innig. »Leb' wohl!« – –

Die frühe Winternacht bricht herein, alles verschwimmt zu grauer Masse. Der Kampf in den Straßen flaut ab; hier und dort dröhnt noch ein Schuß, in der Ferne rattern Maschinengewehre. Bisweilen schleudern Scheinwerfer grelles Licht auf den Asphalt.

Johannes steht auf seinem Posten. Er ist todmüde, kalter Wind läßt ihm die Glieder erstarren, tiefe Traurigkeit lastet bleiern auf seinem Gehirn. Pferdegetrampel klingt dumpf vom Pflaster auf. Johannes hebt das Gewehr. Schon haben ihn die Feinde bemerkt. »Wieder so ein verfluchter Spartakist!«

Ein Blitz zerreißt die Winternacht. Ein scharfer Knall. – Die Soldaten reiten weiter. Johannes liegt auf der Erde, fühlt, wie eine warme, klebrige Flüssigkeit an ihm herabrieselt.

Am unteren Ende der Straße kommt es noch zu einem Zusammenstoß. Scheinwerfer erhellen das Dunkel, Johannes sieht mit sich trübenden Augen, wie kleine schwarze Punkte aufeinander losstürzen. Verzweiflung überkommt ihn. Ist das das Ende? Die Ungerechtigkeit siegt und die Freiheit flieht? Wird das gelobte Land niemals erreicht werden? Vor seinen Toren stehen Heere mit Maschinengewehren.

Aus der Ferne tönt Hufschlag. Seltsam, es klingt wie etwas anderes, klingt, als würden bei einem Bau Steine geklopft, Steine. Seine Gedanken verwirren sich. Es ist ihm plötzlich warm und wohl zumute. Die bleierne Trauer, die seine Brust zusammengepreßt, hebt sich. Zartes, gedämpftes Klingen tönt in seinen Ohren, Schellen, ja Schlittenschellen. Vor seinen geschlossenen Augen steigt ein Bild auf. Eine breite, unendlich lange Straße ist es, hell erleuchtet. In einem Schlitten sitzt er als kleiner Junge, in Pelze gehüllt neben einer schönen Frau ... Ein schlanker Arm preßt ihn fest an einen duftenden Körper ... Der Schlitten rast dahin ... Das Bild verschwimmt. Nun glaubt er, eine behagliche Wohnstube zu sehen ... Gioia sitzt am Schreibtisch ... das elektrische Licht fällt prall auf ihr rotbraunes Haar ... es schimmert wie Bronze ... Und immer wieder, durch alle Bilder, durch alle wirren Träume dieser seltsame Ton, als würden Steine geklopft ...

Er öffnet die Augen; woher kommt dies Geräusch? Und da sieht er von Licht überflutet einen hohen Hügel vor sich ... Aus unendlicher Ferne hört er eine längstvergessene alte Stimme: »Und siehe, sie fügten Stein an Stein, und meißelten und hämmerten, und andere trugen Gold herbei und Edelsteine und machten sich damit zu schaffen. Da begriff Simon, daß der heilige Tempel wieder aufgebaut werde, und sein Herz jauchzte und sprang vor Freude ...«

Der Tempel; ja, Steine werden geklopft beim Tempelbau ...

Am Ende der Straße kämpfen noch immer schwarze, verschwimmende Pünktchen miteinander. Johannes sieht sie vorspringen, zurückweichen, winzige, schwarze Pünktchen. Bisweilen blitzt etwas auf, ein scharfer Strahl zuckt von einem Pünktchen zum anderen. Eine kalte Wirklichkeitswelle spült erstarrend über Johannes' Gehirn. Das sind Menschen, kämpfende Menschen. Dann hüllt ein warmer, rosiger Nebel ihn völlig ein. Es duftet plötzlich nach Flieder. Angestrengt starrt er auf die kämpfenden, schwarzen Pünktchen. Und lächelt. Wie hat er nur glauben können, daß dies kämpfende Leute sind, Menschen, die sich gegenseitig ein Leid antun? Das ist nur ein böser Traum gewesen. Nun sehen seine Augen wieder klar, immer lauter wird das Klopfen, und er erblickt einen endlosen Zug, der mit Bausteinen in den Händen den Hügel hinansteigt ... Und immer neue kommen hinzu, von allen Enden der Welt und bringen Stein um Stein ...

Es wird ihm schwarz vor den Augen, er schließt sie, ringt keuchend nach Luft ... Dann öffnet er sie noch einmal, und vor seinem beseligten Blick steht der Tempel, schimmernd und gleißend in überirdischem Licht, und ragt in vollendeter Herrlichkeit in den Nachthimmel auf ...

Ende.