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Der Teufelsschlosser cover

Der Teufelsschlosser

Chapter 12: 2. Aufzug.
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About This Book

Ein dramatisches Gedicht in drei Aufzügen zeichnet das Leben eines jungen Schlossers, der vor ein geschlossenes Tor gelangt und von einer geheimnisvollen, roten Gestalt ein Angebot zur schnellen Anerkennung erhält. Gegen Versprechen von Reichtum und Ruhm soll er ein unerreichbar scheinendes Schloss öffnen; die Folge von Versuchung, Ehrgeiz und Entscheidungsdruck entfaltet sich über Zeiträume von zwanzig und zehn Jahren. Neben Werkstatt- und Marktleben treten familiäre Bindungen, Liebesinteressen und das öffentliche Urteil hervor, während moralische Fragen nach Preis, Schuld und Pflicht das soziale Gefüge und das persönliche Schicksal der Figuren immer wieder prüfen.

2. Aufzug.

(Zimmer im Hause des Mux. Zwei Türen, eine rechts, eine links. Ein Fenster rechts im Hintergrunde. Ein Tisch, auf dem Kannen und Teller stehen. Um den Tisch sitzen Griesenpeck, Thenk, Gerl, der Schuster, der Schneider. Mux liegt zurückgelehnt in seinem Armstuhl und schläft, der Schneider vornübergebeugt auf der Tischplatte.)

1. Auftritt.

Mux. Griesenpeck. Thenk. Gerl. Schuster. Schneider.
Thenk: Nun wär’s wohl Zeit zum Heimgehn.
Schuster: Bleibt noch da!
Griesenpeck: Der Thenk hat’s immer eilig mit dem Aufbruch!
Sagt, ist denn eure Alte gar so scharf?
Thenk: Nicht schärfer als die eure, Griesenpeck,
Und uns’re Predigt blieb’ uns nicht geschenkt,
Wenn wir um ein paar Stunden früher kämen,
Doch muß ein Ende sein.
Griesenpeck: Na, sei es denn!
Fangt an euch langsam aufzukrabbeln, Gerl,
Bei euch geht’s nicht so rasch!
Gerl: Ich hab’ noch Durst.
Thenk: Wir aber keine Kraft, euch heimzuschleppen.
Gerl: Ich komm’ alleine heim, schweigt ihr nur still!
Der Gerl braucht ein bißchen Schwergewicht,
Wenn er soll sicher stehn. Trink’ ich noch eins,
Dann ist’s gerade recht. (Er leert den Krug.)
Schuster: Wir wollen bleiben.
Ich roll’ euch nachher heim.
Gerl: Ihr rollt mich heim!
Ihr tut, als wäre ich ein Trunkenbold,
Der seiner Sinn’ und Glieder nicht mehr mächtig.
Wenn ihr das euern Weibern so erzählt,
Und die erzählen’s wieder andern weiter,
So ist’s kein Wunder, daß dann meine Alte
Die Hände überm Kopf zusammenschlägt,
Wenn ich nach Hause komm’.
Griesenpeck: Ihr kommt nach Hause?
Ihr werdet hingelegt vor eure Tür.
Gerl: Ah, das ist stark! Ihr wollt doch nicht behaupten,
Daß ich wie einer, der zum erstenmal
Am Wein gerochen, unterm Tisch gleich liege?
Vertrag’ ich etwa nichts?
Thenk: Mehr als wir alle,
Doch trinkt ihr stets noch mehr als ihr vertragt.
Griesenpeck: Der Mux schläft auch schon längst.
Gerl: Ich bin noch frisch.
Seht her, ich tanz’ noch eins. (Er erhebt sich, taumelt
und fällt auf seinen Sitz zurück.) Verdammte Beine!
Thenk: Da habt ihr’s nun!
Gerl: Drum soll ich sitzen bleiben
Und gar nicht heimgehn.
Schuster (schaut in die Krüge und leert Muxens Krug):
’s ist kein Wein mehr da.
Schafft Wein her, Mux, ihr seid ein netter Wirt!
Mux (im Schlafe stöhnend): O, Mutter, bleib, o gehe nicht von mir!
Thenk: Er träumt von seiner Mutter, laßt ihn geh’n!
Griesenpeck: Wir schleppen Gerl und ihr weckt den Schneider!
Mux (klagend): Tage der Jugend, o kehrt mir zurück!
Griesenpeck: Der Mux träumt schwer, dem liegt etwas im Magen.
Schuster (den Schneider weckend): Steht auf, wir gehen heim!
Schneider (erwachend): Was wollt ihr denn?
Schuster: Wir wollen heim.
Schneider: Ich will noch lustig sein.
Schuster: ’s gibt nichts zu saufen mehr.
Schneider: Dann will ich singen.
(Lallend): Flöß’ in der Donau lauter Wein,
Dann möcht’ ich wohl ein Karpfen sein.
Dann möcht’ ich (schlucksend) möcht’ ich (steht auf, setzt
sich aber sogleich auf den Boden) wohl ein Karpfen
sein (auf der Erde sitzend, immer lallend.)
Ich möcht’ ein Karpfen sein, ein Karpfen möcht’ ich
(wieder einschlafend) Ein Karpfen (der Schuster rüttelt ihn),
Ich möcht’ ein Karpfen sein.
Schuster: Ihr seid ja einer, schwimmt nur endlich fort!
(Er schleift ihn hinaus.)
Gerl: Der hat’s im Kopf, ich hab’s bloß in den Beinen,
Ich bin ein ganzer Kerl! Haltet fest!
Nur meine Beine .... haltet, haltet doch!
(Sie stolpern endlich rechts hinaus.)
(Leise Musik, im Wandgetäfel erscheint lichtumflossen eine weibliche, rosenumkränzte Gestalt, die Liebe.)
Die Liebe: Ich bin die Liebe! Still in deinem Herzen
Halt’ ich den Schlaf, in den du mich gebannt,
In deine Träume nur darf ich mich schleichen,
O, wecke mich zu vollem Leben auf!
In deiner Brust entspringt der goldne Born,
Der unversiegbar immer sich ergießet,
Der immer reicher quillt, je mehr du schöpfst.
O schöpf aus diesem Quell, dem ewig reinen,
Und liebe, wo du kannst. O, laß das Gold,
Das ungemünzt in deinem Herzen ruht,
Nicht länger ruhn. Uebst du Barmherzigkeit,
Erwarte nicht des Nächsten Dank als Lohn,
Die Liebe zahlt vorweg, sie lohnt sich selbst.
(Die Erscheinung verschwindet; von draußen ertönt ein kräftiger Schlag auf den Amboß, dann die Stimme des Lehrlings.)
Lehrling (von außen): Gesellen auf! Der erste Hammerschlag
Weckt aus dem Traum, lockt aus den Federn euch;
Zur Arbeit auf! Der Hammer rief die Stunde.
Mux (erwacht und reibt sich verwundert Augen und
Stirne): Was war denn das: Welch wunderbarer Traum!
In all den langen Jahren träumt ich nie
Und heut’ auf einmal zog mein ganzes Leben
An mir vorbei — woran soll das mich mahnen?
(Er richtet sich auf.)
Wie, ich sitz’ hier? So ruht’ ich heute nicht
In meinem Bette, wie ich sonst es pflege?
Nun ist es klar, woher der Traum mir kam!
Ja, ja, wir hatten gestern schwer geladen,
Die Politik macht einem gar so warm,
Man fühlt mit Wein und glättet auch die Kehlen,
Die rauhgeschrie’nen, immer nur mit Wein,
Das tut nicht gut, des Weines Geister treiben
Ihr tolles Spiel mit uns im Schlafe dann.
(Er reißt Fensterläden und Fenster auf, das helle Sonnenlicht fällt herein.)
Von Weindunst ist die ganze Stub’ erfüllt,
Da kann kein nüchterner Gedanke kommen.
Nun rasch den Kopf ins Wasser, dann entfliehn
Die Geister ganz, die mich gefesselt hielten.
(Er verläßt die Stube durch die Tür links; durch die Tür rechts kommt der Lehrling; er lugt erst vorsichtig in die Stube; da er sie leer findet, tritt er zum Tisch und untersucht Teller und Krüge.)

2. Auftritt.

Lehrling (allein): Heut haben sie doch alles aufgefressen!
Kein Bissen Fleisch und auch kein Tröpfchen Wein,
Nichts, gar nichts da! Und auf die kargen Reste
Freu ich mich doch den ganzen lieben Tag.
(Er spricht oder singt.)
Kurze Nacht und langer Tag,
Wenig Essen, viele Plag’,
Reichlich Schläge jederzeit,
Dieses nennt man Lehrlingsfreud’.
Wenn im Hause was passiert,
Hat’s der Lehrling ausgeführt,
Leugnet auch der arme Tropf,
Nimmt man dennoch ihn beim Schopf.
Aber bin ich erst Gesell,
Hei, wie räch’ ich mich dann schnell,
Und mein Lehrling mag sich freu’n,
Den will ich mir tüchtig bläu’n.
Er kriegt ehrlich jeden Schlag,
Den ich heut noch selbst ertrag’,
Er muß büßen all mein Leid,
Das nennt man Gerechtigkeit.
(Ab nach rechts.)
(Gleich danach tritt Lisbeth ein, ebenfalls von rechts.)

3. Auftritt.

(Lisbeth allein. Sie macht etwas Ordnung im Zimmer.)
Lisbeth: War das ein wildes Lärmen diese Nacht!
Ich konnte lange nicht zur Ruhe kommen
Vor all’ dem Poltern und dem wüsten Schrei’n.
Ob’s auch so wär’, wenn meine Mutter lebte?
Ich hab’ es nie so schwer und tief gefühlt,
Daß mir die Mutter fehlt, als eben jetzt,
Da mir’s so enge wird im eig’nen Herzen,
Da ich so gern an eine Brust mich schmiegte,
Die gleiches Fühlen einstmals hat durchbebt.
(Seufzend): Wie klingt der Name »Vaterhaus« so süß,
Wie ist es and’rer Menschen Paradies,
Das sie ersehnen, wenn sie ferne weilen,
Von dem sie träumen noch mit grauem Haar —
Ein Kerker ist es mir trotz seiner Schätze.
Was ist der Vater andern Kindern doch!
Der Herr des Hauses, doch ein milder Herr,
Ein leuchtend Vorbild ist er seinen Söhnen,
Und seinen Töchtern ist er Inbegriff
Von allem, was erhaben, gut und edel;
Nach seinem Bilde malt die Jungfrau sich
Den Liebsten aus in ihren Zukunftsträumen,
Mit seiner Güte, seinem milden Ernst
Schmückt sie den Gatten aus, den sie ersehnt.
Mein Vater ist so rauh, so hart und kalt,
Ich könnte Schlimmeres mir nimmer denken
Als einen Gatten, der dem Vater gleicht.
Und ihm soll ich vertrauend mich erschließen
Und ihm eröffnen, was mein Herz bewegt?
Nein, nimmermehr, ich wollte lieber sterben.
(Sie tritt zum Fenster und blickt traurig hinaus.)
Tage der Jugend,
Andern so licht,
Mir seid ihr trübe,
Mir glänzt ihr nicht.
Frühling auf Erden,
Andern zur Lust,
Mir weckst du Trauer
Nur in der Brust.
Alles verkündet
Froh deine Macht,
Wem soll ich sagen:
Mein Herz ist erwacht?
Wonnig erbebend
Alles sich regt,
Ich muß verbergen,
Was mich bewegt.
Frühling, du holder,
Der du den Bach
Vom Eise befreiest,
O, küsse mich wach!
Mach’ meine Liebe,
Die traumhaft und zart,
Mach’ sie gewaltig,
Von kühnerer Art.
Daß sie die Schranken
Gewaltsam durchbricht,
Mächtig sich ringet
Aus Dunkel zum Licht.
(Mux tritt ein, Lisbeth wendet sich erschrocken um.)

4. Auftritt.

Lisbeth. Mux.
Lisbeth: Gut’ Morgen, Vater! Habt ihr wohl geruht?
Mux: Wie immer, Lisbeth. Räum’ den Tisch da ab!
Lisbeth: Grad’ wollt’ ich’s tun. Soll ich das Frühstück bringen?
Mux: Natürlich, Mädchen! Warum fragst du noch?
(Sie räumt rasch den Tisch ab und eilt hinaus.)

5. Auftritt.

Mux (allein): So wunderseltsam ist es mir zumute!
Ich dachte niemals der Vergangenheit,
Nun steht lebendig wieder sie vor mir
Mit ihrer Not und ihren kargen Freuden.
Hab’ ich den Traum gelebt? Träumt’ ich das Leben?
So rasch verfloß der eine wie das andre,
Von beiden bleibet keine Spur zurück.
Zehn Jahre noch und meine Frist ist um,
Die Welt geht ihren Gang — ich — bin gewesen.
Hab’ ich das Glück gefunden? Warf ich’s fort?
Wer kann mir’s sagen? Ei, ich träume weiter!
(Er schüttelt unwillig den Kopf und streicht sich mit der Hand über die Stirn. Lisbeth tritt wieder ein mit dem Frühstück.)

6. Auftritt.

Lisbeth. Mux.
Lisbeth: Da ist das Frühstück, laßt es wohl euch schmecken!
Mux: Stell’ es nur her, dann kannst du wieder geh’n.
Was stehst du noch? Ich brauch dich nimmermehr.
Lisbeth (zaghaft): Mein Vater!
Mux: Nun, was gibt’s?
Lisbeth: Wißt ihr es auch,
Daß es nun Frühling ist?
Mux: Sollt’ ich’s nicht wissen?
Man kann vor Schmutz und Nässe nicht vor’s Haus,
Was soll man tun, das Uebel kommt alljährlich.
Lisbeth: Ihr nennt’s ein Uebel, Vater? Ich tu’s nicht.
Mux: Nenn’ du’s Vergnügen, wenn’s dir lieber ist,
Ich lieb’ es nicht, im Schmutz umherzuwaten.
Lisbeth: Müßt ihr denn immer nur zu Boden schau’n?
Seht doch zum Himmel, seht sein helles Blau,
Seht zu den Bäumen, wie die Knospen schwellen,
Wollt ihr nicht einmal auch ins Freie kommen?
Mux: Ach so, will’s da hinaus? Laß nachmittags
Den Wagen dir bespannen, fahr’ ins Freie.
Lisbeth: Fahrt ihr nicht mit? Ich hätte gar so gern
Die Fahrt mit euch gemacht.
Mux: Was fällt dir ein?
Ich hab’ nicht Zeit noch Lust zu solcher Fahrt.
Fahr’ du allein dem Frühling nur entgegen,
Nimm, wenn du willst, die alte Ursel mit,
Sie ist zwar taub, allein das schadet nicht.
Lisbeth: Mein Vater, wißt, ich möcht’ euch etwas sagen,
Doch in der Stube nicht, mir wird’s so schwer,
Ich sagt’ es leichter unter freiem Himmel.
Mux: Was das für lächerliche Faxen sind!
Heraus mit dem, was du zu sagen hast,
Gleich auf der Stelle! Schleich’ dich nicht darum
Wie eine Katze um den heißen Brei —
Was ist es? Vorwärts!
Lisbeth (weinend, im Hinauseilen): Nichts, mein Vater, nichts,
Als daß es Frühling ist, wollt’ ich euch sagen.

7. Auftritt.

Mux (für sich): Verrücktes Ding! Schad’, daß sie mir entlief,
Ich würfe gern den Krug ihr an den Kopf.
Ist dieses Mädchen weinerlich und dumm,
Grad wie die Mutter, mög’ sie selig ruhn! —
Ich hätte ihr die Tochter auch geschenkt.
Ein wahres Glück, daß es kein Knab’ geworden,
Solch’ einen Laffen brächt’ ich wahrlich um.
(Lehrling tritt eilig ein.)

8. Auftritt.

Mux. Lehrling.
Lehrling: Ach, Meister, helft! Soeben ward der Hund
Von einem schweren Wagen überfahren,
Er heult so jämmerlich, seht ihn doch an!
Ihr habt so manchen Balsam, manche Salbe,
O gebt davon und lindert seinen Schmerz!
(Geselle kommt nach.)

9. Auftritt.

Mux. Lehrling. Geselle.
Geselle: Ich denke, Meister, noch barmherz’ger wär’s,
Wenn man ihn tötete mit einem Schlage,
Denn auf die Beine kommt er nimmermehr.
Mux (zornig): Wer hat euch denn erlaubt, hereinzukommen?
(Lehrling schlüpft rasch hinaus.)
Euch ist der Hund willkomm’ner Anlaß nur,
Um von der Arbeit euch hinwegzustehlen.
Macht, daß ihr fortkommt! Laßt den Hund in Ruh’,
Ich will ihn weder töten, noch ihn heilen,
Er mag verenden, wie es ihm gefällt.
Geselle: Habt doch Erbarmen mit dem treuen Tier!
Mux (hebt einen Stuhl auf, bereit, ihn nach dem
Gesellen zu schleudern):
Fort, fauler Schuft! Sonst kann dir’s schlecht ergehen.
(Geselle ab.)

10. Auftritt.

Mux (allein): Verdammtes Volk mit seinem dummen Mitleid,
Das sich um jeden Wurm am Boden schert!
Es wundert mich, daß sie das Eisen schmieden,
Daß sie nicht fürchten auch, es tut ihm weh.
(Er kehrt zu seinem Frühstück zurück; es klopft schüchtern, eine alte Bettlerin tritt ein.)

11. Auftritt.

Mux. Bettlerin.
Bettlerin: Gelobt sei Jesus Christ!
Mux: Was wollt ihr da?
Bettlerin: Herr, eine milde Gabe, seid so gut.
Mux: Packst du dich gleich hinaus, du alte Hexe!
In aller Morgenfrühe kommst du her,
Mit deinem Blick mein Frühstück zu vergiften.
Bettlerin: Herr, ich bin blind, mein Blick vergiftet nichts.
Mux: So, du bist blind und fandest doch herein?
Bettlerin: Mein Enkel, der mich führt, steht vor der Türe.
Mux: Der Junge könnte auch was bess’res tun,
Als sich zum Tagdieb so heranzubilden.
Bettlerin: Er ist ein Kind noch, kaum fünf Jahre alt
Und hat auf dieser Welt nur mich allein.
Mux: Es wär’ ein Glück für ihn, hätt’ er dich nicht.
Bettlerin: Die blinde Bettlerin, zur Last den andern,
Trägt für den Enkel dennoch einen Schatz
In ihrer Brust, den er sonst nirgends findet:
Ein Herz voll Liebe.
Mux: Fütt’re ihn damit!
Was bettelst du, wenn du so reich dich fühlst?
Bettlerin: Habt ihr nur Spott für mich und harte Worte,
So laß mich fort.
Mux: Ich halte dich nicht auf!
Bettlerin: Seht zu, daß euch der Himmel nicht bestrafe! (Ab.)

12. Auftritt.

Mux (für sich): Das bettelt, hungert und spricht von den Schätzen,
Die es im Herzen trägt. Viel Glück dazu!
(Es pocht wieder.)
Soll ich mein Frühstück nicht in Ruh’ verzehren?
Herein, wer’s immer sei! (Lene tritt ein; sie ist sehr
ärmlich gekleidet, sehr gealtert und abgehärmt.)

13. Auftritt.

Mux. Lene.
Lene: Gott grüß euch, Meister!
Mux: Schön Dank! Was wollt ihr, Frau?
Lene: Kennt ihr mich nimmer?
Mux: Warhaftig, Lene! Was sucht ihr bei mir?
Lene: Ich hätt’ es nie im Leben mir gedacht,
Daß ich zu euch noch einmal kommen würde,
Doch treibt mich bitt’re Not zu diesem Schritt.
Mux: So geht’s euch schlecht? Ich hörte nichts von euch
Seit vielen Jahren.
Lene: Ich will euch erzählen,
Wie mir’s ergangen seit ... seit jenem Tag,
Da ich zum letztenmal mit euch gesprochen.
An eurem Hochzeitstage kam der Franz,
Der eure Frau geliebt, zu mir hinaus;
Er sagte mir, wir zwei Verlassenen
Gehörten nun für alle Zeit zusammen,
Ich möge Hochzeit machen nun mit ihm.
Ich sagte nein, weil ich mir zugeschworen,
Daß ich ... doch still davon ... ich sagte nein.
Da ward die Mutter krank; mein bißchen Lohn
Genügte nicht, die Mutter zu erhalten —
Und wieder kam der Franz — da gab ich nach.
Am selben Tag, da euch das Töchterchen
Geboren ward, da standen Franz und ich
Vorm Traualtar; damit begann ein Leben
An Arbeit reich und an Entbehrungen,
Doch waren wir trotz alledem zufrieden.
Die Mutter starb, ich hab’ sie treu gepflegt
Und ihr vergolten alle ihre Liebe;
Vor einem Jahr verlor ich meinen Gatten,
Ich hab’ an ihm auch meine Pflicht getan.
Der Himmel hatte mir ein Kind geschenkt,
Ein Töchterlein, den Sonnenschein des Hauses,
Nun liegt es krank — es hat des Vaters Leiden
Von ihm geerbt, es geht dem Vater nach;
Ich weiß es wohl, daß keine Rettung ist,
Doch seine letzten Tage zu verschönen,
Ist all’ mein Streben, ist mein einz’ger Wunsch.
Ich kenne niemand, der imstande wäre,
Mir eine größ’re Summe Gelds zu borgen,
Da dacht’ ist nun an euch; ihr seid so reich
Und werdet sicher nicht zurück mich weisen.
(Weinend.) Ist es dann tot, mein heißgeliebtes Kind,
Dann will ich schaffen, daß die Hände bluten,
Ich bring’ die Summe wohl euch bald zurück.
(Mux ist erregt auf- und niedergegangen und setzt nun ein paarmal zum Sprechen an, ehe er wirklich spricht.)
Mux: Wenn ihr sie braucht, dann sucht ihr eure Freunde —
Wie, wenn ich euch das Geld nicht geben will?
Lene: O gebt es mir! Wär’ anders ich geartet,
Ich mahnte euch an eine alte Schuld,
Doch tu’ ich’s nicht, ich flehe um Erbarmen.
(Gerl tritt ein und begrüßt Mux lärmend.)

14. Auftritt.

Mux. Lene. Gerl.
Gerl: Schon wieder munter auch? Uns alten Zechern
Tut solche Ladung Wein noch gar nichts an.
(Lene bemerkend.)
Ach so, ihr habt Besuch! Ei, seh’ ich recht?
Das ist die Lene gar! Hat euch das Sehnen
Nach eurem Jugendfreunde jäh gepackt?
Mux: Nicht nach dem Freunde, nur nach seinem Beutel.
(Sie weicht erschrocken über diese Worte einen Schritt zurück.)
Nun, ist’s nicht so? Tut etwa noch beleidigt!
Lene (zu Gerl gewendet, der sich ohne Umstände zu Muxens Frühstück gesetzt hat und gemächlich ißt und trinkt):
Mein Töchterlein ist krank, ich bin in Not
Und kann der Kranken nicht die Nahrung bieten,
Die sie wohl brauchte.
Gerl (behaglich schmausend): Ja, ein gutes Essen
Ist allezeit die beste Medizin.
Lene: Auf hartem Lager ruh’n die zarten Glieder
Und wenn des Fiebers eis’ge Hand sie packt,
Dann hab’ ich nichts, sie wärmend einzuhüllen.
Gerl: Nun, liebe Frau, es war recht klug von euch,
Den Meister Mux deswegen aufzusuchen,
Das ist ein braver, ein barmherz’ger Mann.
Wo man für gute Zwecke nur mag sammeln,
Gibt er die größte Summe sicherlich.
(Mux hat indessen in einem Schranke umhergekramt und wendet sich nun zu Lene.)
Mux: Hört mir nun zu, ich will euch etwas sagen:
Ihr seid gekommen, Geld von mir zu borgen;
Ich schenk’ euch eine Summe, groß genug,
Um eures Kindes Leben lang zu fristen,
Doch tretet niemals wieder in mein Haus,
Denn ich hab’ eure Absicht klar durchschaut.
Der Tochter Krankheit, eure Bettelei
War nur ein Vorwand, in dies Haus zu kommen.
Da ihr nun endlich freigeworden seid
Und da ihr wißt, daß ich verwitwet bin,
So dachtet ihr, wir könnten uns vereinen —
Die Rechnung habt ihr ohne mich gemacht,
Ich geh’ als Gimpel nicht auf euern Leim.
Lene (empört): Martin, du Böser, dran erkenn’ ich dich!
So schlecht von einem andern Menschen denken,
Das kannst nur du, denn auch nur du allein
Bist so berechnend, so erfüllt von Selbstsucht.
Du kennst nur dich, wer außer dir noch lebt,
Ist dir nur wert, soweit er dein Behagen,
Soweit er deinen Ehrgeiz fördern kann.
Behalt’ dein Geld, ich werde lieber betteln
Als nehmen, was von deiner Hand mir kommt. (Ab.)

15. Auftritt.

Mux. Gerl.
Gerl: Dem Frauenzimmer geht es wirklich schlecht,
Soviel mir scheint.
Mux: ’s ist alles nur Komödie,
Ging es ihr schlecht, hätt’ sie das Geld genommen,
Mich täuscht kein Weib, ich hab’ es schnell durchschaut.
Gerl: Wir alte Füchse lassen uns nicht fangen,
Was, Meister Mux? Ja, Klugheit nur allein
Kann in der Welt den Menschen vorwärts bringen.
Nun hab’ ich euer Frühstück euch verzehrt,
Doch wißt, mir wird es gleich so flau im Magen,
Wenn man von Not und Elend mir erzählt,
Ob’s auch erlogen ist.
Mux (hinausrufend): Lisbeth, bring’ Wein!
Gerl (Mux umschlingend, singt):
Zu jubelnder Freude nur sind wir geboren,
Wir lassen die Tränen den Armen und Toren,
Es liegen ja offen die Schätze der Welt,
So nehme sich jeder, was ihm nur gefällt.