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Der Teufelsschlosser cover

Der Teufelsschlosser

Chapter 3: 1. Aufzug.
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About This Book

Ein dramatisches Gedicht in drei Aufzügen zeichnet das Leben eines jungen Schlossers, der vor ein geschlossenes Tor gelangt und von einer geheimnisvollen, roten Gestalt ein Angebot zur schnellen Anerkennung erhält. Gegen Versprechen von Reichtum und Ruhm soll er ein unerreichbar scheinendes Schloss öffnen; die Folge von Versuchung, Ehrgeiz und Entscheidungsdruck entfaltet sich über Zeiträume von zwanzig und zehn Jahren. Neben Werkstatt- und Marktleben treten familiäre Bindungen, Liebesinteressen und das öffentliche Urteil hervor, während moralische Fragen nach Preis, Schuld und Pflicht das soziale Gefüge und das persönliche Schicksal der Figuren immer wieder prüfen.

1. Aufzug.

(Das Rotenturmtor. Es ist Nacht, das Tor ist geschlossen. Mux kommt auf das Tor zugegangen.)

1. Auftritt.

Mux (allein): Ei! Schon geschlossen? Ist es denn so spät?
Wie doch im Plaudern schnell die Zeit vergeht!
Man hat sich immer etwas noch zu sagen —
Nur dieses noch und jetzt noch einen Kuß —
Und immer kommt man nicht damit zu Ende;
Es reiht sich Wort an Wort und Kuß an Kuß,
Doch auch Minute reiht sich an Minute
Und eh’ man’s merkt, sind viele Stunden um.
Mein Lenchen, sieh, du bist ein kostbar Liebchen,
’Nen blanken Kreuzer gilt dein Abschiedskuß,
Denn grad’ um den bin ich zu spät gekommen.
Das wurmt mich eigentlich; auf einen Kuß
Hätt’ ich zur Not auch wohl verzichten können,
Ich will mir’s merken für ein andermal.
(Er greift in die Tasche.)
Wo hab’ ich nur den Beutel hingestreckt?
(Er durchsucht alle Taschen.)
Hier ist er nicht, da auch nicht — wo, zum Teufel
Kann er nur sein? Hätt’ ich ihn gar verloren?
Das wäre bös. Wahrhaftig, er ist fort!
Was fang’ ich an, ich unglücksel’ger Mensch?
Die drinnen bitten, nützt soviel wie nichts,
Nur einen Sack voll Grobheit könnt’ ich ernten;
Soll ich ein Stück des Wegs zurückegeh’n,
Den Beutel suchen? Finster ist die Nacht,
Ich sehe kaum zu meinen Füßen nieder.
Hier in der Vorstadt kenn’ ich keinen Menschen
Und zu der Lene kann ich nicht zurück —
Ihr Dienstherr nähme sauber mich beim Kragen,
Pocht’ ich zu solcher Stunde an sein Haus.
Was aber fang’ ich an? Gerade heute
Hieß mich der Meister bald nach Hause kehren,
Weil morgen es so heiße Arbeit gibt —
Er wirft mich sicher schlankweg aus dem Hause.
Ich möchte flennen wie ein kleines Kind —
Verdammte Weiber ihr mit eurem Kosen,
Ihr wart von jeher alles Uebels Schuld,
Euch sollte allesamt der Teufel holen
Und jeden Gimpel wahrlich auch dazu,
Der seine Pflicht versäumt um euretwillen!
(Ein Mann im rotem Mantel nähert sich ihm.)

2. Auftritt.

Mux. Der Rothmantel.
Rothmantel: Was steht ihr da, Gesell, und scheltet so?
Mux: Ich hab’ mich außerhalb der Stadt verspätet
Und da ich zum geschloss’nen Tore kam,
Wollt’ eben ich nach einem Kreuzer suchen —
Denn ohne Sperrgeld kommt man nicht hinein —
Da ward ich mit Entsetzen nun gewahr,
Daß auf dem Wege ich mein Geld verloren.
Rothmantel: Wenn’s sonst nichts ist, da kann geholfen werden.
Mux: O guter Herr, der Himmel schickt mir euch.
(Der Rothmantel macht eine abwehrende Gebärde.)

Wollt ihr so gut sein, mir das Geld zu borgen?
Ich geb’ es ehrlich morgen euch zurück;
Ich heiße Martin Mux und bin Geselle ...
Rothmantel (einfallend): Beim Meister Marbacher am Ruprechtsplatz.
Mux: Kennt ihr mich denn?
Rothmantel: Ich kenne alle Welt.
Mux: Ich sah euch niemals. Wohnt ihr in der Stadt?
Rothmantel: Ich wohne überall, wo Dunkel herrscht,
Und finde reichlich Platz in dieser Welt.
Mux (erschrocken): So seid ihr gar — kaum wag’ ich’s auszusprechen —
(Er schlägt ein Kreuz, der Rothmantel weicht zurück.)
Ihr seid der Teufel! Fort! Hinweg von mir!
Von solcher Hilfe will ich wohl nichts wissen,
Da bleib’ ich lieber vor dem Tore steh’n.
Rothmantel: So bleib’ nur stehen, lächerlicher Tropf!
Mux: Ich bin kein Tropf, ich bin ein wack’rer Bursche,
Mit meinesgleichen nehm’ ich’s gerne auf
Und meine Fäuste werden respektiert,
Doch mit dem Teufel kann die Faust nichts richten,
Drum halt’ ich mir den Teufel hübsch vom Leib.
Rothmantel: Haha, vom Leib! Halt’ dir ihn nur vom Leibe!
Und sag’ nicht immer Teufel! Welch’ ein Wort!
Wie dumm, wie häßlich und wie abgeschmackt!
Ich bin ein Fürst, der Fürst der Finsternis,
Mein Reich ist groß, gewaltig ist mein Heer,
Das für mich gegen Licht und Wahrheit kämpft,
Ein Schlachtfeld ist ihm jedes Menschenherz.
(Er zeigt auf das Tor.)
Willst du hinein?
Mux: Mit deiner Hilfe nicht,
Denn wer von dir nur das geringste nimmt,
Ist dir verfallen gleich mit Leib und Seele —
Um einen Groschen halt’ ich mich nicht feil.
Rothmantel: Muß es denn nur bei diesem Groschen bleiben?
Ich kann dir Reichtum geben, Ehre, Ruhm
Und was du sonst noch willst.
Mux: Ich glaub’ dir nicht;
Wenn du mir jetzt mit Gold die Taschen füllst,
Beim Tageslicht find’ ich nur Spreu darinnen —
Und Ruhm? Wie käm’ ein Schlosser wohl dazu?
Rothmantel: Nun, dazu wäre jetzt Gelegenheit.
Du weißt, es kam ein Mann in diese Stadt,
Der um den letzten Baum des Heidenhaines
Will einen Eisenring geschlagen haben,
Ein Schloß daran, so künstlich, daß kein andrer
Als nur der Schlosser, der es selbst gemacht,
Es öffnen kann. Seit einer Woche nun
Müh’n sich vergeblich alle Schlosser Wiens,
Ein solches Schloß zu machen; doch der Fremde
Zieht jedesmal, so oft ein Schlosser kommt,
Sein Kunstwerk freudestrahlend ihm zu reichen,
Aus seiner Tasche lächelnd einen Schlüssel,
Das Schloß vor des Erstaunten Augen öffnend.
Der Bürgermeister, der den Ruhm will wahren
Der Wiener Schlosserkunst, hat hohe Preise
Dem Sieger ausgesetzt und er verspricht
Die güld’ne Ehrenkette, wenn’s ein Meister
Zustandebringt, — verspricht das Meisterrecht
Und eine Summe Geldes dem Gesellen,
Wenn einer soll die Meister übertreffen.
Ich will dir helfen, du sollst Sieger sein.
Mux: Schön Dank dafür, das laß ich andern gern,
Auch ohne das werd’ ich noch einmal Meister.
Rothmantel: Doch nicht mit gleichem Ruhm. Hör’ zu, Gesell,
Wie das Gebäude deines Glücks ich baue:
Bis morgen abends will der Fremde warten,
Und bis dahin bringt keiner es zustand’,
Wenn ich nicht helfe; bist du dann der Einz’ge,
Wird alles hoch dich preisen und berühmen.
Hast du das Meisterrecht und hast das Geld,
Gehst du sofort und wirbst bei deinem Meister
Um seiner Tochter Hand.
Mux: Das geht nicht an,
Sie liebt den Altgesellen.
Rothmantel: Der ist arm;
Auf deiner Seite wird der Vater stehen.
Mux: Und ich hab’ einen Schatz, den ich nicht lass’.
Rothmantel: Du Dummkopf meinst, der Schatz ließ’ nicht von dir,
Wenn sich ein Reich’rer böt’?
Mux: Ich glaube nicht.
Rothmantel: Dann kennst du Weiber nicht. Doch höre weiter.
Bist du erst Meister und dazu der Eidam
Des Marbacher, dann läuft dir alles zu,
Ich geb’ dir Gold, soviel du haben magst,
Und niemand forscht und niemand rechnet nach,
Woher du’s hast; bist du der Künstler ja,
Der alle übertraf; man überhäuft
Mit Arbeit dich und zahlt, was du begehrst.
In wenig Jahren bist du reich und groß
Und keinen wundert’s.
Mux: Und in wenig Jahren
Kann ich auch tot sein und fall’ dir zum Opfer.
Rothmantel: Zum Opfer fällt mir keiner, der nicht will,
Ich schließe keinen Pakt bedingungslos.
Die schwachen Seelen, die ganz ohne Kampf
Sich mir ergeben wollen, acht’ ich nicht.
Wenn einer, dem du nur die Faust gezeigt,
Sich auf die Knie würf’ um Gnade flehend,
Wollt’st du den schlagen?
Mux: Nein, das wollt’ ich nicht,
Ich spuckte vor ihm aus und ließ’ ihn geh’n.
Rothmantel: So denk’ auch ich und mach’ Bedingungen.
Ein Hintertürlein lass’ ich jedem offen.
Ist einer klug und macht die Augen auf,
Entschlüpft er mir und macht den Pakt zunichte.
Mux: Und welcher Art wär’ die Bedingung wohl,
Die du mir stelltest? Daß ich’s nur gesteh’,
Es reizt mich der Gedanke, mit dem Teufel
Einmal zu raufen, ist’s auch nicht die Faust,
Die ich da brauchen kann. Man sagt mir oft,
Ich hätte einen off’nen, hellen Kopf,
Der mag in diesem Kampfe mir nun dienen.
Rothmantel: Wohl, brauch’ ihn nur! Ich geb’ dir dreißig Jahre,
Da sollst du leben, wie es dir gefällt,
In Reichtum, Glanz und Ehren; niemals soll
Dir eine Krankheit Geist und Körper schwächen,
Ich leihe Riesenkräfte deinem Arm
Und künstlerische Fertigkeit der Hand,
Kein Zeitgenosse soll dich übertreffen.
Freigebig überschütt’ ich dich mit Gold,
Die Leiter halt ich dir, auf der du mühlos
Zu hohen Ehrenstellen steigst empor.
Bist du’s zufrieden? Soll ich mehr dir geben?
Mux: Wer dreißig Jahre so die Welt genoß,
Kann ohne Murren sie dann wohl verlassen.
Ich habe dreißig Jahre hinter mir,
Bedenk’ ich’s recht, so waren sie nicht übel,
Trotzdem ich arm war und oft hart geplagt;
Wie herrlich mag sich’s erst im Reichtum leben!
Rothmantel: Nach dreißig Jahren aber bist du mein ...
Mux: Nicht unbedingt! Jetzt kommt das Hintertürchen,
Durch das ich zu entschlüpfen dir gedenk’.
Rothmantel: Ganz recht, jetzt kommt’s. Hör’ aufmerksam nun zu:
Nach dreißig Jahren also bist du mein,
Streichst du die Liebe nicht aus deinem Leben.
Mux: Ist das dein Ernst? Sonst nichts? Sonst wirklich nichts?
Nun, aus den Weibern mach’ ich mir nicht viel,
Auch meinen Schatz werd’ ich gar leicht vergessen.
Rothmantel: Versteh’ mich recht, so ist es nicht gemeint.
Es ist die Liebe ja, von der du sprichst,
Ein Teil nur jener allgewalt’gen Liebe,
Die unsichtbar die ganze Welt regiert,
Die alle Menschen aneinander bindet,
Die als Gebet aus ihren Herzen steigt,
Im Lächeln heiter thront auf ihren Lippen,
In jeder Trän’ aus ihren Augen quillt.
Nicht einer Liebe sollst du nur entsagen,
Du schwörst ihr ab in all’ und jeder Form;
Du mußt dein Herz nicht streng vor ihr verschließen,
Laß sie nur ein und dort bekämpfe sie.
Dich reizt der Kampf, so sollst du tapfer kämpfen
Und sorg’ dafür, daß stets du Sieger bleibst.
Du magst nach deinem Willen immer handeln,
Nur was dich Liebe heißt, darfst du nicht tun.
Almosen darfst du geben, wo es gilt,
Als reicher Bürger dich hervorzutun.
Doch fühlt dein Herz ein menschliches Erbarmen,
Und dringt des Mitleids Träne dir ins Aug’,
Kämpf’ alles nieder dann und werde hart.
Kannst du mit einem Blick, mit einem Worte
Ein Wesen glücklich machen — sei’s dein Weib,
Sei es dein eigen Kind — so tu es nicht.
Und wer dich anruft in der Liebe Namen,
Den höre nicht; wenn um Barmherzigkeit
Dich jemand anfleht, weis’ ihn hart zurück,
Und kannst du nicht umhin, der Zeugen wegen,
Ihm doch zu geben, sag’ ein böses Wort,
Daß ihm die Gab’ in Hand und Herzen brenne.
Und siehst du leiden irgendwo ein Tier,
Geh’ dran vorbei, gönn’ ihm den Fußtritt nicht,
Der von seiner Qual erlösen könnte.
Mit kurzen Worten: Tu’ kein Liebeswerk,
Du hast beim ersten schon dein Spiel verloren.
Mux: Die Sache mag zuweilen schwierig werden,
Doch mein’ ich, daß ich ihr gewachsen bin —
Ein allzu weiches Herz ist nicht mein Fehler —
Es sei! Ich geh’ auf die Bedingung ein.
Gib das Papier, ich will die Tinte liefern.
(Er zieht sein Messer und streift den Ärmel auf.)
Rothmantel: Laß es nur sein, es gilt der Pakt auch so.
Um diese Stunde heut’ in dreißig Jahren
Kommst du zu jenem Baum im Heidenhain,
Um den du morgen einen Ring wirst legen;
Dort gibst du Rechenschaft von deinem Tun,
Vernimmst das Schicksal, das du dir bereitet.
Mux: Noch eins! Es zwingt mich häufig mein Beruf,
In Kirchen und Kapellen auch zu schaffen;
Ich halte doch den Bund mit dir geheim
Und möchte nicht, daß man ihn jemals ahnte —
Es fiele auf, mied’ ich die heil’gen Stätten.
Rothmantel: Du brauchst sie nicht zu meiden; ist der Ort
Dir ja nur Arbeitsplatz.
Mux (zögernd): Und wenn mich dann
Einmal die Lust zu beten überkäme,
Darf ich es nicht?
Rothmantel: Warum? Bet’ du nur zu,
Wenn du’s vermagst, zu beten ohne Liebe.
Mux: Pah, man kann alles, was man will. Leb’ wohl!
Rothmantel: Auf Wiedersehn! Da hast du nun den Groschen,
Ihn, deines Glückes oder Unglücks Quell.
Mux: Der Mensch ist selber seines Glückes Schmied,
Ich will es sein, ich fühl’ die Kraft in mir.
(Er geht zum Tor und klopft; der Rothmantel blickt ihm höhnisch lächelnd nach.)
Rothmantel: Nur zu, du armer Tropf! Trau’ deiner Kraft
Und trau’ dem Glück, das du dir schmieden willst!
Gelingt es dir, die Liebe zu besiegen,
Dann wehe dir! Du wirst umsonst wohl beten
Zu einem Gott, den du verleugnet hast.

Verwandlung:

(Der Ausgang des Heidenhaines; um den letzten Baum desselben ist ein Eisenring gelegt. Ganz im Vordergrunde eine Gruppe, die sich unterhält. Der Knabe Wendel etwas im Hintergrund, nach links spähend, woher der Zug kommt.)

3. Auftritt.

Erster, zweiter, dritter Bürger. Ein Weib. Wendel. Die Menge.
Erster Bürger: So ist der Ruhm doch uns’rer Stadt geblieben,
Ein Wiener Kind errang den schweren Sieg;
Das freut mich baß, uns alle muß es freuen.
Zweiter Bürger: Ob’s alle freut, das möcht’ ich wohl bezweifeln.
Daß ein Geselle sich den Preis errang,
Das wurmt die Schlossermeister allesamt,
Den Marbacher besonders; tut er auch,
Als ob’s ihn freute, daß aus seiner Werkstatt
Das Meisterwerk hervorging. Schaut ihn an,
Welch’ ein Gesicht er macht, lobt er den Mux;
Es ist zum Lachen, wahrlich recht zum Lachen.
Erster Bürger: Mir gilt es gleich, ob Meister, ob Geselle
Den Preis errungen, schön ist’s immerhin,
Daß uns’rer Stadt er blieb. Das will ich feiern.
Dritter Bürger (halb für sich): Ihm ist’s das liebste, wenn er trinken kann,
Er trinkt auf jedes Menschen Wohl, er feiert
Die Namenstage aller Vettern, Basen,
Er ist zu sehn bei jeder Lustbarkeit,
Bei der’s herauskommt schließlich auf das Trinken.
Das Weib: Er lebt nicht schlecht, ’s ist wahr, doch schafft er auch,
Wenn’s Zeit dazu, und läßt auch and’re leben;
Ein guter Kerl, geizig ist er nicht;
Seht, gar den Lehrling hat er mitgenommen
Und läßt ihn feiern an dem heut’gen Tag.
Wendel (ihnen zurufend): Sie kommen schon! Voran der Bürgermeister,
Und hinter ihm der Marbacher und Mux —
Zu Muxens Linken der ist wohl der Fremde.
Dritter Bürger (zum ersten): Wozu nahmt ihr den Buben mit hieher?
Erster Bürger: Er soll es seh’n, wie man das Handwerk ehrt,
Wie man die feiert, die was Tücht’ges leisten.
(Den Knaben rufend.) He, Wendel, komm!
Wendel (herzulaufend): Ja, Meister, bin schon da!
(Der Zug kommt heran und die Teilnehmer gruppieren sich, während die Gruppe im Vordergrund weiterspricht.)

Erster Bürger: Sag, wirst du auch einmal in deinem Handwerk
Was Künstliches erzeugen wie dies Schloß?
Wendel (verschmitzt): Ich mach’ euch einen Stiefel, so gewunden,
Daß keines Menschen Fuß, wie er auch sei,
Hinein kann schlüpfen.
Zweiter Bürger: Was, du kecker Bengel?
Wendel: Und wenn er’s doch kann, soll er nie im Leben
Ihn wieder auszieh’n können. (Gelächter.)
Erster Bürger (lachend): O du Wicht,
Für diese Antwort dehnt’ ich dir die Ohren
Zu andrer Zeit; heut sei es dir geschenkt.
Ich sag’ dir’s nur, schrei du recht wacker: Hoch!
Läßt man das Handwerk und den Meister leben!
Wendel: Ich will’s besorgen, habet keine Furcht!
Das Weib: Die Agnes trägt den goldenen Pokal —
Wie hübsch sie ist, wie fein herausgeputzt!
Dritter Bürger: Dort steht der Franz, sie hat ihm zugewinkt.
Das Weib: Ob die zwei Leutchen doch zusammenkommen?
Der Alte ist ein geiziger Patron
Und Franz hat nichts als seine fleiß’gen Hände.
Zweiter Bürger: Wenn Martin Mux nicht seine Lene hätt’,
Der Marbacher gäb’ Agnes ihm jetzt gerne,
Denn sicher läuft dem Mux jetzt alles zu,
Aus Neugier schon — man muß die Wiener kennen,
Der ist in kurzer Zeit ein reicher Mann.
Dritter Bürger: Wer weiß, was noch geschieht, Geld ändert viel.
Der Martin läßt vielleicht die Lene laufen,
Wenn Aussicht er auf eine Reich’re hat.

4. Auftritt.

(Die Gruppe hat sich beim Baum mit dem Eisenring aufgestellt, Mux tritt vor, legt das Schloß an, versperrt es und überreicht dem Fremden den Schlüssel.)
Der Fremde: Vor euch, Herr Bürgermeister, und euch Herren,
Bezeug’ ich hier, daß dieser junge Mann
Der einz’ge war, der mich zufriedenstellte;
Das Meisterstück, das man in keiner Stadt
Zustande brachte, hier ward es erzeugt,
Ihr habt euch deß zu rühmen, werte Bürger,
Und ihr tut recht, belohnt ihr diesen Mann.
Erster Bürger: Hoch soll der Fremde leben!
Wendel: Dreimal hoch! (Die Menge wiederholt.)
Bürgermeister: Dank für die Anerkennung, werter Herr,
Uns soll es freu’n, verbreitet ihr den Ruhm
Der Wienerstadt in fremden Landen weiter.
(Zu Mux): Ihr, Martin Mux, dem dieses Werk gelungen,
Das euch, der Zunft und eurer Vaterstadt
Zu Anseh’n, Ehr’ und Ruhme hat verholfen,
Empfangt von mir nun den verheiß’nen Lohn
Und die Versicherung, daß alle Bürger
Mit euch sich heute eures Sieges freu’n.
Wünsch’ ich euch Glück, sprech’ ich aus aller Herzen —
Reicht mir die Hand! Es gelte euch der Druck
Als Händedruck der ganzen Bürgerschaft.
Die Menge: Der Bürgermeister hoch, er lebe hoch!
(Der Bürgermeister drückt Mux die Hand und reicht ihm einen gefüllten Geldbeutel, den Mux einsteckt.)
Marbacher: Das Schloß, das nun zu ewigem Gedenken
An diesem Baume hängt, hat uns gezeigt,
Daß ihr ein Meister seid in eurer Kunst;
Und so ernennt die Zunft euch nun zum Meister,
Ich führe euch mit Stolz in unsern Kreis.
Mög’ jeder Tag euch neuen Ruhm gewinnen,
Mögt ihr den Ruhm der Wiener Schlosserkunst
Auf’s neue stets befest’gen und erhalten.
Ich grüß’ euch, Meister Mux!
Die Menge: Hoch, Meister Mux!
(Wendel wirft seine Mütze in die Luft und brüllt am lautesten.)
Agnes: Das Handwerk grüßet, Meister, euch durch mich
Und läßt durch mich den Ehrentrunk euch bieten.
Mux: Vielliebe Jungfrau, soll der Trank mir munden,
Netzt eure Lippen erst in diesem Wein.
(Sie nippt an dem Becher, er nimmt ihn aus ihrer Hand.)
Mux: Ich bring es euch, bring’s meiner Vaterstadt,
Bring’s euch, ihr Herrn, und bringe es dem Handwerk!
Erster Bürger: Das Handwerk lebe hoch!
Wendel: Hoch, hoch das Handwerk!
(Er schlägt Purzelbäume und schreit laut.)
Mux: Erlaubt, Herr Bürgermeister, und ihr Herren,
Daß zum Gedenken an den heut’gen Tag
In diesen Baum ich einen Nagel schlage,
Der meinen Namen trägt.
Bürgermeister: Tut nach Gefallen.
(Mux zieht einen kleinen Hammer und einen Nagel aus der Tasche und schlägt den Nagel in den Baum.)
Mux: Mög’ jeder, der sein Meisterstück gemacht,
Sich hier verewigen auf diese Weise.
Dritter Bürger (zu den andern): Das wird dem Baum an Mark und Leben gehn.
Erster Bürger: Ein schöner Handwerksbrauch, man muß ihn loben.
Bürgermeister: Liebwerter Meister, nun gehabt euch wohl,
Vergnügt euch recht an diesem Freudentage.
(Er reicht ihm die Hand, der Fremde desgleichen und gehen fort. Andere drängen sich herzu und beglückwünschen Mux.)
Das Weib (zu Mux): Nehmt meinen Glückwunsch auch an, Meister Mux!
Nun geh’ ich gleich, der Lene zu erzählen,
Wie man euch ehrte; ach, die wird sich freu’n.
Mux: Ei, Frau, ihr müßt nicht viel zu schaffen haben,
Wenn ihr die Zeit euch nehmt zu diesem Gang.
Das Weib: Seh’t einer doch den undankbaren Menschen,
Ich will gefällig sein und er ist grob.
(Sie wendet sich von ihm ab.)
(Marbacher will sich von Mux verabschieden.)
Mux: Ihr wollt schon gehen, Meister? Das ist schlimm,
Weil eure Tochter uns dann auch verläßt
Und ohne sie verliert das ganze Fest
Den Reiz für mich.
Marbacher (überrascht u. erfreut): Ei, ei, mein junger Meister,
Ich wußt’ es nicht, daß Agnes euch so wert;
Natürlich bleiben wir, wenn ihr’s begehret.
Mux (zu Agnes): Und darf ich abends euch zum Tanze führen?
Marbacher (rasch): Es wird ihr Ehre nur und Freude sein.
Dritter Bürger (zu dem Weibe): Nun fängt’s schon an, wie ich vorhergesagt,
Ganz offen macht er Agnes heut’ den Hof.
Das Weib: Der schlechte Mensch! Drum war’s ihm auch nicht recht,
Daß ich von Lene sprach, dem armen Mädel.
Ein Geselle: Na, Mux, ihr zahlt doch was?
Mux: Ei, kommt nur mit,
Heut’ lass’ ich’s springen.
Mehrere Gesellen: Hoch der Meister Mux!
Franz (nähert sich Agnes): Was hat der Mux mit dir? Ist er denn toll?
Agnes: Ich weiß es nicht und kann mir’s nicht erklären,
So freundlich war er niemals noch mit mir;
War’s früher Scheu, weil ich die Meisterstochter
Und er nur einfacher Geselle war?
Franz: Nein, weil du selber heut’ so freundlich tatest,
Herausgefordert hat ihn dein Benehmen.
Agnes: Du tust mir unrecht, Franz, du weißt es wohl.
Franz: Hast du für abends ihm den Tanz gewährt?
Agnes: Der Vater gab an meiner Statt die Antwort.
Franz: Ich ahne Schlimmes, Agnes, halt’ zu mir,
Und laß vom Vater dicht nicht überreden.
Agnes: Ach, Gott verhüt’ es, Franz, daß es so kommt,
Wie du zu fürchten scheinst; streng ist der Vater
Und unbeugsam; vergebens wagt’ ich’s wohl,
Ihm Trotz zu bieten, wollte er mich zwingen.
Marbacher (hat sich nach Agnes umgesehen und faßt sie nun am Arme):
Bist du denn ganz verrückt? Was fällt dir ein,
Dich bloßzustellen da vor allen Leuten?
Die ganze Stadt spricht morgen schon davon,
Daß du geheime Zwiesprach hältst mit Franz,
Der nur Geselle ist bei deinem Vater.
Hältst du nicht mehr auf dich?
Mux: Kommt jetzt, wir geh’n.
An diesem schönsten Tage meines Lebens
Will alles ich um mich seh’n, was mir lieb.
(Er neigt sich zu Agnes und erfaßt ihre Hand; sie bleibt zögernd stehen, ihn ängstlich anblickend.)

Marbacher: Nun, Agnes, wird’s? Willst du hier stehen bleiben?
(Sie geht mit Mux, Franz einen traurigen Blick zuwerfend, Franz droht mit der geballten Faust Mux nach. Alle entfernen sich langsam.)
Erster Bürger: Hoch Meister Mux!
Wendel: Der Meister Mux soll leben!
Das Weib (zum dritten Bürger): Der Teufel hol’ ihn gleich, den schlechten Kerl!
Mir bricht das Herz, wenn ich an Lene denk’.